Das Great Game im 21. Jahrhundert

Vom Ringen um Vorherrschaft in Zentralasien

Jörg-Dietrich Nackmayr

 

„Amerikas geopolitischer Hauptgewinn ist Eurasien. Ein halbes Jahrtausend lang haben europäische und asiatische Mächte und Völker in dem Ringen um die regionale Vorherrschaft und dem Streben nach Weltmacht die Weltgeschichte bestimmt. Nun gibt dort eine nichteurasische Macht den Ton an - und der Fortbestand der globalen Vormachtstellung Amerikas hängt unmittelbar davon ab, wie lange und wie effektiv es sich in Europa behaupten kann.“ 1)

Zbigniew Brzezinski - Das eurasische Schachbrett

 

Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt.2) In den offiziellen Begründungen des Bundeswehreinsatzes heißt es dazu richtig, Afghanistan sei bis 2001 die Hochburg des Terrorismus gewesen. Al Qaida und Taliban arbeiteten Hand in Hand und exportierten Terror in die westliche Welt - auch zu uns nach Europa. Diese Gefahr ist nicht gebannt, jedoch seit der Beseitigung des Taliban-Regimes deutlich geringer geworden. Unser Interesse ist, dass sich die Afghanen künftig selbst vor den Taliban schützen können. Damit sinkt die Bedrohung für uns. Weiterhin besteht eine große Gefahr in der Ausweitung des Konflikts in die unsichere Nachbarschaft des Landes - zum Beispiel Pakistan. Daraus könnte eine unmittelbare Bedrohung für unsere Sicherheit entstehen und damit eine destabilisierende Wirkung für die Welt einhergehen. Der extreme Islamismus der Taliban darf sich nicht zum regionalen Flächenbrand ausweiten.

Der Journalist Roger de Weck hat das einprägsam so zusammengefasst: „Das ist der Hintergrund des Krieges in Afghanistan: Siegen dort die Taliban, siegen sie später auch in Pakistan. Siegen sie in Pakistan, haben sie die Atombombe. Haben sie die Atombombe, wird sich jeder vorwerfen, einschließlich China und Russland, dagegen zu wenig vorgesorgt zu haben.“ 3)

So richtig diese Betrachtung auch ist, sie ist lediglich Teil eines viel größeren Panoramas, das in Zentralasien wie ein Wetterleuchten aufscheint. Hier geht es nicht nur um den Kampf gegen eine fundamentale religiöse Ideologie, sondern um nichts weniger als den bedeutendsten globalen Konflikt des 21. Jahrhunderts. Er geht zurück auf das Ringen der großen Mächte Russland und Großbritannien um die Vorherrschaft in Zentralasien und Indien im 19. und 20. Jahrhundert. Er setzt sich jetzt mit neuen Mächten und Konstellationen fort und wird zu Recht als „Great Game“ bezeichnet. Diesen Konflikt zu verstehen, seine Kräfte und Spieler kennenzulernen, ist Ziel dieses Textes.

War das historische Great Game v.a. eine Auseinandersetzung der europäischen Mächte Russland und Großbritannien, so spielt Europa mit Ausnahme Russlands heute keine entscheidende Rolle mehr. Im Vergleich zu den Kräften, Ideen und Staaten, die das 18., 19. und 20. Jahrhundert geprägt haben, erlebt das 21. Jahrhundert eine Neuausrichtung. Zu Unrecht sind viele Europäer immer noch davon überzeugt, dass sich die Welt auch im 21. Jahrhundert um die „Alte Welt“ dreht, mit Russland und den USA als Flügelmächten. Das ist ein gewaltiger Irrtum.

Europa ist bei den hier beschriebenen Konflikten allenfalls eine Randmacht, wird wenig zur Lösung beitragen und findet sich in einer Assistentenrolle an der Seite der Großen Spieler wieder. Umso wichtiger bleibt die Bündelung der bis heute stark fragmentierten europäischen Kräfte, insbesondere im Bereich Sicherheit und Verteidigung, um wenigstens diesen Einfluss zu erhalten. Das dazu im Jahr 2009 vom Europäischen Parlament und seinem Präsidenten vorgeschlagene Konzept zur schrittweisen Entwicklung einer Europäischen Armee (SAFE - Synchronized Armed Forces Europe)4) ist die Minimalvoraussetzung europäischer Teilhabe an diesen Entwicklungen.

Denn Europa erlebt nunmehr seine dritte kopernikanische Wende. Sie begann mit der Entdeckung der Sonne als zentralem Gestirn im Sonnensystem und der Platzzuweisung für unsere Erde am Rand und nicht mehr im Zentrum. Dann kam mit Darwins Evolutionslehre die Erkenntnis auf, dass der Mensch sich mit dem Affen dieselben Vorfahren teilt, um nun im 21. Jahrhundert auch noch unsere über Jahrhunderte für natürlich gehaltene eurozentrische Sicht auf die Welt zu beerdigen. Beim Blick auf die flächengetreue Darstellung der Erde (Petersprojektion, siehe Grafik unten) schrumpft Europa zur eurasischen Halbinsel und verliert seinen zentralen Platz.

 

Aber auch faktisch geht Europas Einfluss im 21. Jahrhundert dramatisch zurück, wenn man Bevölkerungsgröße, Bevölkerungsalter, Geburtenraten, Anzahl qualifiziert Beschäftigter, BIP, Währungsreserven, militärische Kapazitäten usw. heranzieht.

 

Das Great Game

Die Herzlandtheorie - Konzept zum Verständnis der Konflikte in Eurasien

Der britische Geograph und geopolitische Theoretiker Halford Mackinder (1861-1947) hatte 1904 in der Schrift „The Geographical Pivot of History“ („Der geographische Drehpunkt der Geschichte“) die „Heartland-Theory“ als Teil der britischen imperialen Strategie beschrieben.5) Deren entscheidende These lautet, dass die Beherrschung des Kernlandes Eurasiens der Schlüssel zur Weltherrschaft sei. Aufgrund seiner Insellage könne Großbritannien als führende Seemacht diese weiträumigen Gebiete nicht beherrschen und müsse mit dem Aufkommen eines gefährlichen, ebenfalls nach Expansion strebenden Konkurrenten auf dem Kontinent rechnen, v.a. mit Russland. Nach Mackinder lässt sich die Konkurrenz von Land- und Seemacht als entscheidender Faktor der Weltgeschichte nachweisen.

Einer expandierenden Landmacht ist es häufig gelungen, eine Seemacht zu bezwingen, indem sie deren Stützpunkte von der Landseite her eroberte. Großbritanniens effektive Kontrolle über die Weltmeere verschaffte ihm bis in das 20. Jahrhundert hinein universale Hegemonie. Danach verlor es durch Dampfmaschine und Motor und das in deren Gefolge aufkommende Straßen- und Eisenbahnverkehrsnetz seine Welthandelsdominanz. Die Macht Großbritanniens wurde gegenüber den kontinentalen Staaten gemindert.

Entwickelt das „Herzland“ des Kontinents - Westsibirien und das europäische Russland - entsprechende Verkehrswege und in ihrem Gefolge einen hohen industriellen und wirtschaftlichen Durchdringungsgrad, so wird es eine entsprechend größere Macht ausüben können. Ein mächtiger Kontinentalstaat, dem alle Errungenschaften moderner Technik zur Verfügung stünden, könnte durch eine Herrschaft über dieses „Herzland“ die Herrschaft über die gesamte „Weltinsel“ erlangen. Unter „Weltinsel“ verstand Mackinder Eurasien plus Afrika. Die Rohstoff- und Bevölkerungsressourcen dieses Gesamtgebietes würden die Beherrschung der kontinentalen „Randländer“ und sukzessive auch des amerikanischen und australischen Kontinents sowie Japans ermöglichen. Großbritannien reagierte damals auf Vermutungen, Russland und Frankreich könnten gemeinsam Indien angreifen, um Großbritannien den Subkontinent zu entreißen und das Herzland unter ihre Kontrolle bringen.

Die Bezeichnung dieses Mächteringens als Great Game geht wahrscheinlich auf den am 17. Juni 1842 in Buchara (heute Provinzhauptstadt in Usbekistan) hingerichteten britischen Geheimdienstoffizier Hauptmann Arthur Conolly zurück.6) Verbreitung fand der Ausdruck seit 1901 durch den Autor des Dschungelbuches Rudyard Kipling in seinem Roman „Kim“ („Now I shall go far and far into the north, playing the Great Game ).7)

Das historische Great Game dauerte von Napoleons Feldzügen bis zur Unabhängigkeit Indiens 1947, endete aber faktisch schon 1905. Das Great Game zwischen London und St. Petersburg wird nach der Erstürmung der Festung Port Arthur im Jahr 1904 - dem Stützpunkt der russischen Pazifikflotte in der Mandschurei im heutigen China - und mit der Niederlage Russlands in der Seeschlacht von Tsushima 1905 durch Japan abgebrochen. Die russischen Expansionsbestrebungen Richtung Indien wurden mangels Kraft aufgegeben. Die militärische Niederlage in Asien leitete nicht nur die Russische Revolution von 1905 ein und die bald darauf folgende Machtübernahme durch die Bolschewiki, sondern auch eine Umlenkung der Expansionsbestrebungen nach Westen, die sich zuerst auf dem Balkan und nach dem militärischen Sieg im Zweiten Weltkrieg über Deutschland bis zur Elbe fortsetzte.

Kaum mehr als eine Fußnote, aber ein interessantes Detail, ist die deutsche Geheimoperation nach Mittelasien (1915-1917), um einen Volksaufstand gegen Großbritannien in Gang zu setzen. Leutnant Werner Otto von Henting8) und Oberleutnant Oskar Niedermayer scheiterten damit und blieben in Afghanistan stecken, legten aber durch ihren Einsatz beim Aufbau der afghanischen Armee und der Reorganisation der einzigen Gewehrfabrik des Landes einen Grundstein für die bis heute anhaltende Sympathie gegenüber Deutschland in Afghanistan.9)

Von Interesse bis heute ist auch eine andere Nuance. 1907 einigten sich Russland und Großbritannien auf eine Grenzziehung zwischen ihren Einflusszonen. Um das Risiko für fortdauernde Konflikte zu bannen, wurde der wie ein lang gestreckter Finger aussehende Wakhan-Korridor (300 km lang, zwischen 17 km und 60 km breit) Afghanistan zugeschlagen. Er ist bis heute Teil des afghanischen Territoriums. China ist dabei, eine Straße über den 4.293 Meter hohen Wakhjir-Pass über den Hindukusch Richtung Westen zu bauen, so dass der Volksbefreiungsarmee der Weg nach Kabul faktisch freisteht.10)

Am Ende des 20. Jahrhunderts treten die alten Konfliktlinien wieder hervor, letztendlich seit der sowjetischen Intervention in Afghanistan im Jahr 1979 sowie dem erneuten Aufstieg Indiens und Chinas zu Weltmächten.

Wenn Mackinders These zutreffen sollte, dass die Welt nur von einem Staat beherrscht werden kann, der zugleich Land- als auch Seemacht ist, erscheinen sowohl Chinas aktuelle Seerüstung sowie sein Engagement in Zentralasien und Afrika als auch das US-Engagement in Zentralasien vor dem Hintergrund der bestehenden maritimen Überlegenheit in extrem interessantem Licht.

Und prägen die von Mackinder entdeckten Kräfte auch das 21. Jahrhundert, sind die Auseinandersetzungen in Zentralasien von globaler Bedeutung. Hier stoßen mit Ausnahme Brasiliens alle Weltmächte physisch oder zumindest deren Interessensphären zusammen. Ließen sich genügend Fakten für diese These zusammentragen, würden wir genau jenen archimedischen Punkt globaler Geopolitik vor uns haben, von dem schon die alten Griechen glaubten, dass jener, der dort einen Hebel ansetzt, die Kraft entfalten könne, die Erde aus ihrer Achse zu heben.

 

Der Krieg gegen Taliban und Al Qaida

Angefacht durch 9/11 wurde den Taliban und der bei ihnen das Gastrecht genießenden Terrororganisation Al Qaida in Afghanistan der Krieg erklärt. Die Rolle Saudi-Arabiens bei der Unterstützung des wahhabitischen Islams auf der einen Seite mit bedeutender finanzieller Unterstützung auch für Al Qaida und auf der anderen Seite als Verbündeter der USA und Gegenspieler Irans zeigt exemplarisch, wie sehr die Freund-Feindlage ineinander verflochten ist. Interessant ist auch, dass die Taliban u.a. aus den von der CIA gegen die Rote Armee unterstützten Mudschaheddin hervorgingen. Immer wieder wird behauptet, dass der Aufstieg der Bauernarmee der Mudschaheddin und ihre Wandlung zur Taliban nicht nur der Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI zu verdanken ist, sondern auch dem Rückzug Amerikas nach der militärischen Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan.

Peter Scholl-Latour zitiert in seinem Buch „Die Angst des weißen Mannes“ ein ausführliches Gespräch mit einem US-amerikanischen Aufklärer, das ein interessantes Licht auf die sich wandelnde Einschätzung gegenüber den Taliban in der US-Regierung wirft: „Die Bush-Administration war bereit, die schlimmsten Auswüchse des islamischen Fundamentalismus am Hindukusch in Kauf zu nehmen, wenn ihr als Gegenleistung ausreichend Sicherheit geboten würde, um den Transport der immensen Öl- und Gasreserven Zentralasiens an Russland und Iran vorbei durch afghanisches Territorium über Herat und Shindand bis zu den pakistanischen Häfen am Indischen Ozean zu gewährleisten. Das Abkommen zwischen Mullah Omar, dem Emir der Koranschüler, und dem US-Konzern Unocal war in Kandahar reif zur Unterschrift, und niemand fragte damals danach, ob die Frauen Afghanistans weiterhin die Burka tragen würden und ob die einheimische Bevölkerung einer exzessiven Auslegung der Scharia ausgeliefert sein würde. Diverse antiamerikanische Anschläge der mit den Taliban verbündeten Organisation Al Qaida, die in der Tragödie von 9/11 gipfelten, hatten dieser skrupellosen Planung ein radikales Ende bereitet.“ 11)

Eine interessante Frage ergibt sich aus den Fakten wie von selbst. Geht es den USA wirklich nur um den Krieg gegen den Terror dort oder ist dieser auch ein idealer Vorwand, militärische Präsenz in Zentralasien zu rechtfertigen? Eine andere interessante Frage lautet, welches Interesse der pakistanische Geheimdienst ISI an der Unterstützung der Taliban hat, denn der Aufstieg der Taliban führt mittlerweile zu einer Destabilisierung Pakistans. Ist diese mit der Furcht vor einem indischen Angriff zu erklären und der Nutzung der Paschtunengebiete quasi als strategisches Hinterland, oder gibt es neben den strategischen noch andere Gründe? Auf jeden Fall lässt der Auf- und Ausbau von Militärstützpunkten in der Region auf ein längerfristiges Engagement zumindest der USA schließen. Bereits heute sind die USA oder ihre Verbündeten im Raum zwischen Kaspischem Meer und Pakistan militärisch stärker präsent als jemals zuvor in der Geschichte:12)

Afghanistan ist praktisch von den USA und ihren Verbündeten besetzt. In Pakistan unterhalten die USA Militärstützpunkte.13)

In Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe betreibt Frankreich einen Luftumschlagplatz, die USA und Russland sind ebenfalls mit eigenen Kräften präsent.

In Usbekistan unterhält die Bundeswehr einen Luftumschlagsplatz in Termez, wenige Kilometer von der afghanischen Grenze entfernt.

In Kirgisistan nutzen die USA den Luftwaffenstützpunkt Manas, der sich nach Unstimmigkeiten mit der kirgisischen Regierung nur noch Transitzentrum nennen darf und Teil des Northern Distribution Network zur Versorgung der Truppen über Nordrouten zu Lande sowie per Luftbrücke ist.

Russland, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan räumen der NATO Überflugrechte ein. Russland hat nach dem NATO-Gipfel im November 2010 in Lissabon einer vertieften und erweiterten Zusammenarbeit bei der Versorgung der NATO-Truppen über sein Staatsgebiet zugestimmt sowie materielle und personelle Unterstützung angekündigt.

Turkmenistan hat sich offiziell als neutral erklärt.

 

Kein Sieg in Sicht. Wie weiter nach acht Jahren Krieg in Afghanistan?

Der ehemalige US-Botschafter u.a. in Indien sowie Stellvertreter von Condoleezza Rice als Nationaler Sicherheitsberater, Robert Blackwill, hat bereits mehrfach frühzeitig politische Weichenstellungen angekündigt, die dann Realität wurden, wie z.B. die strategische Neuausrichtung zunächst gegenüber Indien (angekündigt im „Wall Street Journal“ im März 2005 „A New Deal for New Delhi“) und im Dezember 2007 in einem Artikel „Forgive Russia, Confront Iran“ auch gegenüber Russland. Insofern sollte man seine kürzlich geäußerten Vorhersagen für die amerikanische Afghanistan-Politik genau analysieren. Seine am 18. Oktober 2010 am International Institute of Strategic Studies in London vorgestellten Thesen haben es in sich.14)

Blackwill geht davon aus, dass die westliche Truppenstärke auf Dauer wegen innenpolitischer Gründe in den NATO-Mitgliedsländern nicht gehalten werden kann. Gleichwohl würde ein Rückzug der USA als Niederlage der NATO und der USA unabsehbare Folgen haben und ist somit ausgeschlossen.

Er schlägt deshalb vor, dass die USA den Taliban die Paschtunengebiete im Süden und Osten Afghanistans überlassen und sich künftig auf den Norden, das Landeszentrum und den Westen konzentrieren sollen. Wenn Tadschikistan, Usbekistan und Russland dafür gewonnen werden können, den Kampf gegen den Terror zu verstärken, würden die von den USA geführten Koalitionstruppen zusätzlich entlastet werden. Dann könnten sich diese auf Luftüberlegenheit, den Einsatz von Drohnen und Spezialkräften konzentrieren.

Hart und realistisch beurteilt Blackwill die Lage der Regierung Karzai, der er keine Zukunft einräumt.

Im Zentrum seiner Überlegung steht also eine belastbare Übereinkunft mit den Taliban, die ihren Herrschaftsanspruch auf die traditionellen Paschtunengebiete in Teilen Afghanistans und Pakistans beschränken müssen. Außerdem müssen diese die Zusammenarbeit mit Al Qaida aufgeben, von der Unterstützung des internationalen Terrorismus absehen und sich mit „ihrem“ Herrschaftsraum zufrieden geben. Sonst werden die USA diese militärisch immer wieder „zurückschneiden“. Man kann dies als Wiederentstehen eines Limes im 21. Jahrhundert bezeichnen.

Ein weiterer Vorteil dieser Strategie ist die Entschärfung der bisher nicht aufzubrechenden Zusammenarbeit der Taliban mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI, da dieser seine strategischen Ziele im paschtunischen Hinterland gewahrt sehen würde. Sollte dies gelingen, könnten die USA ihre militärische Präsenz zur Kontrolle Zentralasiens verstärken und trotzdem ihre Truppenstärke auf 50.000 reduzieren.

Bereits heute lassen sich trotz anderslautender politischer Signale der politischen Führer des Westens über den geplanten Abzug aus Afghanistan, der nunmehr irgendwann zwischen 2011 und 2014 erfolgen soll, in eine ganz andere Richtung weisende Entwicklungen beobachten, die auf die Implementierung von Blackwills Überlegungen hindeuten:

Mit beachtlichem finanziellen Aufwand wird der Aufbau einer Operationszentrale für US-Spezialkräfte in Mazar-i-Sharif vorangetrieben. Der von der Bundeswehr dort betriebene Flugplatz hat mittlerweile eine neue Start- und Landebahn erhalten, die auch die Abfertigung der größten Transportmaschinen C-5A Galaxy, Boeing 747 Frachter und Antonow 124 ermöglicht.15) Der Ausbau der Flugplätze in Bagram und Shindad (Afghanistan) wird vorangetrieben.

Der Aus- und Aufbau von Dutzenden FOBs (Forward Operating Bases) auf afghanischem Territorium, aber interessanterweise v.a. um das Paschtunengebiet herum, wird vorangetrieben. Nachweislich werden bereits heute die Spezialkräfte im Raum Kunduz aufgestockt.

Außerdem hört man immer wieder von Geheimverhandlungen mit Hamid Karzais Bruder Ahmed, die Region Kandahar aufzugeben. Dies macht Sinn, denn Kandahar ist nach Blackwills Überlegungen für die USA von untergeordneter strategischer Bedeutung.

Und man liest bereits in den Medien von Geheimverhandlungen der USA in Berlin mit nicht-paschtunischen Führern sowie über den Beginn von Verhandlungen mit Talibanführern. Sollten diese Gespräche Erfolg haben, wäre eine Neuaufteilung der Einflusszonen möglich und eine Neuordnung Afghanistans nicht auszuschließen.

Der Blackwill-Plan würde es den USA erlauben, sich auf vier Punkte zu konzentrieren, die zentral für die Sicherheit der USA sind: the rise of China's power, the Iranian nuclear program, nuclear terrorism and the future of Iraq.“ 16)

 

Chinas Aufstieg

China, selbst fünftgrößter Ölproduzent der Welt (vor Mexiko und hinter Iran), bezieht heute 20% seines Ölverbrauchs durch die Straßen von Hormus und Malakka. Die maritime Überlegenheit der USA beunruhigt China, da sie ein enormes Erpressungspotenzial ermöglicht, z.B. durch die Schließung oder Störung der maritimen Zugänge. Die Abhängigkeit von den maritimen Versorgungsverbindungen ist für Peking offenbar ein gewichtiger Grund dafür, seine Energieimporte über Landwege zu diversifizieren und dort neue zu bauen, die nicht von den USA kontrolliert werden. Die Seidenstraße des Mittelalters wird zur Energie- und Warentransitroute des 21. Jahrhunderts.

Insofern spielen Verträge mit Kasachstan eine doppelt wichtige Rolle, da sich Kasachstans Ölfelder in chinesischer Grenznähe befinden und Kasachstan als Transitland für Ressourcen über den kaspischen Raum ideal liegt.

Umgekehrt sind allein die neu entstehenden chinesischen Transit- und Energieversorgungsrouten ein handfester Grund für die USA, in Zentralasien eben auch militärisch präsent zu sein.

Aber selbst alle verfügbaren Ölreserven Zentralasiens zusammen decken lediglich 50% des heutigen chinesischen Ölverbrauchs. Die Versorgung aus anderen Quellen und die sich daraus ergebende Notwendigkeit der Seerüstung zum Schutz der Energietransporte über See, aber auch der Exportverbindungen auf die Weltmärkte ergeben sich daraus von selbst. Ein Beispiel dafür ist der Bau einer Ölleitung von den Feldern Abu Dhabis nach Fudscheira am Indischen Ozean, um die Meerenge von Hormus zu umgehen. Diese Verbindung soll 2011 den Betrieb aufnehmen.17) Dass China die maritime Herausforderung annimmt, wird ebenfalls durch die Dimension der bereits aufgeklärten chinesischen Seerüstung und sein maritimes Engagement auch außerhalb der eigenen Seegrenzen18) z.B. bei der Beteiligung an der Anti-Piraten-Mission vor Somalias Küste bestätigt.

Unter dem Blickwinkel der Energiesicherheit gewinnt auch das Tibetproblem eine ganz andere Dimension. Im Himalaja lagern gigantische Wasserreserven, die die wesentlichen großen Flüsse Chinas, Indiens und der Nachbarländer speisen und zur Trinkwasser- und Energieversorgung Chinas unverzichtbar sind. Wer hier den Zugang kontrolliert, verfügt über ein enormes Potenzial. Mittlerweile hat die begonnene Nutzbarmachung dieser Wasserressourcen Indien alarmiert. Der begonnene Bau eines Staudamms am „höchsten Fluss der Welt“, Yarlung Tsangpo, der nach Indien und Bangladesch fließt und dort Brahmaputra heißt, ist erst der Beginn weiterer Vorhaben. Der Chefingenieur des zuständigen Energiekonzerns Huaneng teilte der Nachrichtenagentur Xinhua mit, dass der 325 km südöstlich von Lhasa geplante Staudamm 510 Megawatt Leistung erbringen wird, 880 Mio. EUR kosten und 2014 ans Netz gehen soll. In Indien wird allerdings befürchtet, dass China mit den Staudammprojekten nicht nur Strom herstellen will, sondern die Wasservorkommen künftig auch in den trockenen Osten des Landes umleiten könnte. Allein im Fluss Yarlung Tsangpo soll ein weiteres Staudammprojekt realisiert werden, das selbst das derzeit mächtigste Wasserkraftwerk der Welt (den zentralchinesischen Dreischluchtenstaudamm) in seiner Kapazität übertreffen soll.19)

Wie aus den Wikileaks-Akten hervorgeht,20) soll es im chinesischen Politbüro Meinungsfreiheit und Diskussionsprozesse geben, mit einer Ausnahme: der Tibetfrage. Hier sei ein Nachgeben unmöglich und eine Abweichung von der Linie der Partei- und Staatsführung ausgeschlossen. Denn ein Verlust Tibets würde das Reich der Mitte von den Wasserressourcen trennen, die es für seinen Aufstieg unbedingt benötigt.

Die erst kürzlich begonnene russisch-chinesische Zusammenarbeit beim Pipelinebau und die gemeinsame Ausbeutung russischer Energieressourcen in Sibirien markieren ebenfalls einen Wendepunkt. Sie sind auf der einen Seite doppelt vorteilhaft für beide Seiten und reduzieren die russische Abhängigkeit von seinen Hauptabnehmern im Westen und Chinas Abhängigkeit von afrikanischen oder arabischen Lieferanten. Und sie markieren durch die Abwicklung dieses Handels in chinesischer und russischer Währung den Beginn des Ausstiegs aus dem weltweiten Energiehandel auf Basis des USD.

Auf der anderen Seite verstärken Chinas Investitionen in Infrastruktur, Energie und Rohstoffversorger (wie z.B. Nutzungsrechte in eine der größten Kupferminen der Welt in Afghanistan, Eisenbahn und Autobahnbau etc.) und seine zunehmende Präsenz in Zentralasien Russlands Argwohn im angestammten politischen Hinterhof.

In diesen Zusammenhang gehört auch Europas bis heute erfolgloser Versuch, eine vom russischen Zugriff unabhängige Gasversorgung aus dem kaspischen und zentralasiatischen Raum aufzubauen. Da die turkmenischen Gasreserven bereits an China und Russland verkauft sind, kann man skeptisch sein, dass Europa hier noch zum Zug kommen wird. Durch die US-Embargopolitik gegenüber dem Iran fällt auch dieser potenzielle Lieferant für Europa aus.

Gleichzeitig schiebt China seine Einflusszone, aber auch seine Staatsgrenze, durch Landzukäufe, Landpachtung und die Entsendung von Arbeitskräften beharrlich nach Westen. Nur wenige Beobachter im Westen wissen, dass China auch offiziell Anspruch auf Teile Zentralasiens erhebt, wie man z.B. einer Broschüre des chinesischen Propagandaministeriums aus dem Jahr 1995 entnehmen kann: „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begannen die Kolonialmächte des Westens aktiv mit ihren Angriffs- und Expansionsfeldzügen. Von Indien aus wiegelten die Briten immer wieder die Nachfahren uigurischer Fürsten auf, die am Hofe des Khans von Kokand lebten, um in Süd-Xinjiang Unruhe zu stiften. Nach 1840 steigerten die westlichen Mächte ihre militärische Bedrohung, um die Qing- oder Mandschu-Dynastie zum Abschluss ungleicher Verträge zu zwingen. China wurde Schritt für Schritt auf den Status einer halbkolonialen Gesellschaft heruntergedrückt. Nachdem das zaristische Russland die kasachische Steppe und die kleinen Emirate Zentralasiens besetzt hatte, nahm St. Petersburg auch weite Gebiete entlang der chinesischen Westgrenze in Besitz. Ein Territorium von 400.000 Quadratkilometern (Deutschland 357.000 qm2), östlich und südlich des Balkaschsees gelegen, das früher zu China gehörte, wurde durch das zaristische Russland besetzt.“ 21) Das Gebiet entspricht aktuell dem Kernland Kasachstans mitsamt seiner früheren Hauptstadt und heutigen Industrie-, Kultur- und Wirtschaftsmetropole Almaty.

Wie häufig dieser Raum allein im letzten Jahrhundert den Besitzer gewechselt hat, belegt auch eine andere Begebenheit. Unter Stalin okkupierten die Sowjets im Jahr 1933 auch die chinesische Provinz Xinjiang. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges standen hier 400.000 Rotarmisten, die Xinjiang im Herbst 1942 überraschend verließen, wohl deshalb, weil Stalin jeden Mann gegen die vorrückende Wehrmacht brauchte.22)

 

Kirgisistan - Schlüsselland für Russlands Zentralasienstrategie

Während der Sowjetzeit wurden Grenzverläufe nach strategischem Kalkül festgelegt. Sie waren bis zur Unabhängigkeit der fünf zentralasiatischen Staaten zwar reine Verwaltungsgrenzen, doch Stalin wollte damit die Herausbildung einheitlicher Nationalitäten verhindern. Die nunmehr staatlichen Grenzen trennen historisch gewachsene Siedlungsgebiete und Verkehrsadern und sind bis heute Anlass für Spannungen. Die Verminung der Grenze zwischen Usbekistan zu Tadschikistan und Kirgisistan stellt hier einen Höhepunkt dar. Unübersichtliche Visaregelungen verhindern den Grenzverkehr mehr als ihn zu fördern. Obwohl die Grenzen ziemlich undurchlässig scheinen, nimmt der Drogenschmuggel rasant zu und hat epidemische Ausmaße angenommen. Selbst Russland warnt vor den Folgen. Der Iran erleidet jährlich dreistellige Verluste im Grenzgebiet zu Afghanistan beim Versuch, den Drogenschmuggel einzuschränken. Über 50% der Iraner sind jünger als 20 Jahre und der Drogenkonsum ist groß.

Eigentlich müsste nun die Stunde der EU schlagen, denn diese verfügt über einzigartige Erfahrungen bei der Lockerung, Harmonisierung und schließlich dem Abbau von Grenzregimen. Sie stellt dieses Wissen den zentralasiatischen Staaten auch mit dem Ziel eines besseren Schutzes Europas vor Drogenschmuggel usw. zur Verfügung. Das Projekt heißt Border Management Programme in Central Asia (BOMCA).

Bis heute ist das Interesse an diesem Know-how unterdurchschnittlich ausgeprägt. Zusammenarbeit im Grenzregime gibt es kaum, wichtige Grenzabschnitte sind bis heute noch gar nicht anerkannt. Die EU erlebt, dass ihre auf den Raum Zentralasien ausgerichtete Strategie an den v.a. an bilateralen Beziehungen interessierten Staaten vorbeiläuft.23)

Das mit 5,5 Millionen Einwohnern direkt an China grenzende Kirgisistan spielt eine Schlüsselrolle bei Fragen des Wassermanagements in Zentralasien, aber auch für russische Bestrebungen, seine Position im angestammten Hinterhof zu festigen.

Im Januar 2009 verabschiedete sich die kirgisische Regierung von der Multivektorenpolitik (Offenheit und Mehrdimensionalität gegenüber allen Nachbarn) hin zu einer strategischen Ausrichtung auf Russland. Inhalt dieser Abkommen war u.a. der Schuldenerlass und die Finanzierung des Baus des Wasserkraftwerkes Kambarata 1. Mit dem Zugriff auf dieses Wasserkraftwerk kann schließlich die gesamte Kette weiterer Kraftwerke entlang des Flusses Naryn und somit die Stromversorgung Kirgisistans, aber auch die Wasserzuteilung für Südkasachstan, das Ferganatal, für Usbekistan bis in den Aralsee gesteuert werden.24) Der Naryn-Fluss ist die wasserpolitische Halsschlagader Zentralasiens.

Vor diesem Hintergrund sind die politischen Unruhen vom Sommer des Jahres 2010 keinesfalls ein Randproblem. Sie sind Teil des Great Game und müssen als Symptom und Stellvertreter-Konflikt angesehen werden. Sowohl die USA als auch Russland verfügen über Militärbasen in Kirgisistan. Die US-Basis Manas ist für die Versorgung der ISAF-Truppen existenziell. Die USA fördern demokratische Kräfte im innenpolitischen Machtkampf, während Russland, China und die angrenzenden zentralasiatischen Nachbarn kein Interesse am Gelingen der parlamentarischen Reformen seit dem Sturz des autoritär regierenden Präsidenten Kurmanbek Bakijew im Frühjahr 2010 haben. Ein auf Dauer angelegtes Engagement der OSZE (im Gespräch waren sogar EU-Polizisten an der chinesischen Grenze!) als Friedensmacht in Zentralasien behagt weder China noch Russland. Man befürchtet eine Wiederholung der Vorgänge im Kosovo, wo die zum Genozid erklärten Unruhen eine massive militärische Intervention der NATO nach sich zogen.

China teilt eine 1.100 km lange Grenze mit Kirgisistan, die entlang seiner von muslimischen Uiguren besiedelten Westprovinz verläuft. Hier kam es zuletzt im Sommer 2009 zu politisch und ethnisch begründeten Auseinandersetzungen. Die US-Militärbasis Manas unweit der Hauptstadt bietet den USA aufgrund des regen Grenzverkehrs zwischen Kirgisistan und China genügend Möglichkeiten für verdeckte Operationen und vielfältige Einflussmöglichkeiten. Es gilt als ein offenes Geheimnis, dass die so genannte Tulpenrevolution gegen den früheren kirgisischen Präsidenten Akajew im Jahr 2005 von US-amerikanischen Diensten initiiert wurde.

Russland verfügt aber faktisch wegen seiner Militärbasen und der Kontrolle wichtiger Energie- und Ressourceninfrastruktur über die größeren Druckmittel gegenüber mindestens drei zentralasiatischen Ländern. Die Abkommen zwischen Kirgisistan und Russland vom Januar 2009 scheinen das tragende Element in den russischen Plänen für eine neue Machtarchitektur in Zentralasien zu sein. Russland konzentriert sich nunmehr auf die Verteilung von Öl, Gas und Wasser, nachdem die direkte Kontrolle über Abbau und Förderung nicht mehr zu erreichen war. In diesen Kontext gehören auch ein Abkommen mit Turkmenistan über den Bau einer Gaspipeline, der versuchte Erwerb einer Aktienmehrheit am Wasserkraftwerk Rogun in Tadschikistan, die Übertragung der Kontrolle über zentrale Gasleitungen durch Kirgisistan auf Gasprom, das schon erwähnte Abkommen mit Kirgisistan über den Bau von Kambarata 1, die Einigung mit Aserbaidschan über den Verkauf der gesamten Gasförderung aus dem Gasfeld Deniz 2 sowie der Versuch, auch die usbekischen Gasvorräte aufzukaufen.25)

Und noch etwas ist interessant. In der Hauptstadt Bischkek - die zur Sowjetzeit Frunse hieß - thront immer noch jener sowjetische Feldherr Michail Frunse auf einem Pferd mitten im Stadtzentrum, als sei hier die Zeit stehen geblieben. Unter seinem Befehl hatte die Rote Armee Zentralasien besetzt und bis nach China ausgegriffen. Nach ihm ist seit 1925 die Militärakademie in Moskau benannt, auf der auch heute noch das Gros des Offiziernachwuchses aus Zentralasien ausgebildet wird.

Diese Entwicklung beunruhigt nicht nur den Westen, sondern auch China. Die strategischen russischen Investitionen v.a. in das Wassermanagement scheinen von China als bedrohlicher angesehen zu werden als die US-Militärpräsenz in Zentralasien. Vor diesem Hintergrund gehen die zentralasiatischen Staaten von einer verstärkten ökonomischen Investitionsinitiative Chinas zu besseren als den russischen Konditionen aus, um auf diese Weise die Abhängigkeit von Russland zu verringern. Diese Investitionen fließen strategisch v.a. in den Aufbau einer Verkehrsinfrastruktur. Sogar von einer Ost-West-Autobahn über Kirgisistan ist die Rede (Berlin - Peking).

 

Die Rolle der Verkehrsinfrastruktur im Great Game

Niemand kann heute die Entwicklung der Verkehrsströme vorhersagen. Die rasante wirtschaftliche Entwicklung in Asien macht es sehr wahrscheinlich, dass diese mit einem bisher nicht gekannten Ausbau der Verkehrsinfrastruktur einhergeht. Welchen Einfluss der Klimawandel mit einer prognostizierten Eisfreiheit der Nordostpassage auf die Handelsrouten haben wird, ist genauso unklar wie die Zeiträume, in denen der Wandel stattfindet.

Wie wichtig Zentralasien, aber auch Russland für die deutsche militärische Logistik schon heute ist, kann man an einer Fußnote erkennen. Die Versorgung des mit ca. 5.000 Soldaten kleinen Bundeswehrkontingents im Norden Afghanistans könnte mit der C-160 nicht bewerkstelligt werden, wenn dieser das Nachtanken in Russland nicht erlaubt würde sowie die Nutzung der russischen Eisenbahn und Überflugrechte der zentralasiatischen Anrainer den Nachschub ermöglichen würden.

Aber die Verkehrsprojekte der Zukunft haben in diesem Raum ganz andere Dimensionen. Deshalb war die Ankündigung Chinas, Griechenland zur Drehscheibe für den europäischen Warenaustausch auszubauen, mehr als eine Randnotiz. Im Juni 2010 übernahm die chinesische Reederei Cosco den Pier 2 im Hafen Piräus mit einem Pachtvertrag über 3,3 Mrd. EUR auf 35 Jahre. 564 Mio. EUR sollen in den Ausbau der Hafenanlage investiert und ein neuer Pier 3 gebaut werden, um das Frachtvolumen des Hafens fast zu verdreifachen. Heute werden auf dem Containerhafen neben dem Fährhafen, der für die Touristen das Tor zu den griechischen Inseln ist, pro Jahr 1,8 Millionen Container ver- und entladen - das entspricht etwa 5.000 Stück pro Tag. Geplant ist, die Transitrouten über Rotterdam und Hamburg, die nur über die von der U.S. Navy kontrollierten Weltmeere zu erreichen sind, künftig direkt über Zentralasien anzusteuern.26)

Damit gewinnt Zentralasien als Transitraum weiteres Gewicht, denn nach der Eröffnung des Eurasischen Kanals könnten Waren und Güter von den Häfen am Kaspischen Meer bis nach Piräus auf dem Schiff transportiert werden. So wird eine kasachisch-russische Arbeitsgruppe in Kürze Pläne zum Bau eines Eurasischen Kanals vorlegen, der das Kaspische Meer mit dem Schwarzen Meer verbinden soll. Die 700 km lange Wasserstraße soll 4,5 Mrd. EUR kosten und eine Transportkapazität von 75 Mio. Tonnen jährlich haben. Zum Vergleich: Der Hamburger Hafen hatte 2009 eine Gesamtumschlagskapazität von rund 110 Mio. Tonnen. Die Eurasische Entwicklungsbank, aber auch chinesische Staatsfonds haben bereits Interesse an der Finanzierung bekundet.

Obwohl diese Idee bis ins Zarenreich zurückreicht, könnten nunmehr alle Widerstände überwunden werden, weil mit Russland und Kasachstan zwei wesentliche Spieler in Zentralasien mit dieser Seeanbindung ihre eigene geopolitische Lage verbessern wollen und auch China Interesse an diesem Projekt bekundet hat.

Der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew äußerte sich schon vor vier Jahren in diese Richtung: „We need different routes: naturally, these commodities - oil and gas - will follow the routes that will prove to be economically sound for us. The construction of a new ‚Eurasia’ shipway from the Caspian to the Black sea can become a landmark project. ... This canal would be a powerful outlet for the entire Central Asia seaward across Russia.“ 27)

Die Kanalbetreiber können bei hoher Auslastung mit ca. 3 Mrd. EUR Jahreseinnahmen rechnen. Ungeklärt ist neben den ökologischen Auswirkungen, woher das Wasser für den Kanal kommen soll. Eine Antwort darauf können wir 2011 erwarten.

Auch die EU erkannte früh die strategische Bedeutung einer neuen Seidenstraße. 1993 rief sie deshalb das Projekt TRACECA - Transport Corridor Europe-Caucasus-Asia ins Leben. Diese Routen erregten allerdings Russlands Argwohn, weil die EU versucht, beim Ausbau der Transitverbindungen Russland zu umgehen.

Mit dem Aufbau der chinesischen Binneninfrastruktur, einer chinesischen Interessen dienenden Infrastruktur in Zentralasien geht darüber hinaus der Ausbau von Häfen und Marinestützpunkten einher, die Chinas Zugang in den Indischen und Pazifischen Ozean erleichtern sowie eine wirtschaftliche und militärische Umklammerung Indiens ermöglichen.

Ein anderes Infrastrukturprojekt Chinas ist der von Peking angekündigte Bau eines ausgedehnten eurasischen Hochgeschwindigkeitseisenbahnnetzes. Chinas Eisenbahnministerium hat Pläne für eines der ehrgeizigsten Infrastrukturprojekte der Welt bekannt gegeben. Die geplante Eisenbahn soll bis 2025 Xinjiang über Kirgisistan mit Deutschland und weiter mit London verbinden. Ob die Züge dann allerdings über Stuttgart 21 fahren, kann nach den jüngsten Befindlichkeiten in Schwaben bezweifelt werden.

Zu den chinesischen Plänen zählt auch der Bau einer Anbindung der Strecke China-Kirgisistan-Usbekistan an den eurasischen Hochgeschwindigkeitskorridor. Außerdem baut China zwölf neue Autobahnen, die Kirgisistan und die Nachbarländer durch moderne Straßen mit Xinjiang verbinden sollen. Eine wirtschaftliche Gegenbewegung Chinas zur Verstärkung seiner Präsenz nicht nur in Kirgisistan ist deutlich erkennbar.

Ein weiterer Grund für Pekings Wunsch nach Stabilität im Nachbarland hängt mit dem in jüngster Zeit gesteigerten wirtschaftlichen Engagement Chinas in Afghanistan zusammen.

Während die Spannungen zwischen dem Präsidenten Afghanistans, Hamid Karzai, und der Obama-Regierung wachsen, verbessert sich das Verhältnis zwischen Karzai und Peking. Am 24. März 2010 unterzeichneten Karzai und Chinas Präsident Hu Jintao in Peking neue Vereinbarungen über Handel sowie Investitionen und einigten sich gleichzeitig auf eine Stärkung der trilateralen Zusammenarbeit mit Pakistan, das traditionell gute Beziehungen zu China unterhält.

Die Vereinbarungen vom 24. März beziehen sich dem Vernehmen nach auf Chinas Investitionen in afghanische Projekte zur Entwicklung von Wasserkraft, Bergbau, Eisenbahnen sowie im Bereich Bau und Energie.

China ist schon heute der größte Investor in der Wirtschaft Afghanistans. Die chinesische Metallurgy Group Corporation erhielt 2007 den Zuschlag für die Investition von 3,5 Mrd. USD in die afghanische Kupfermine Aynak - eine der größten der Welt. Zum Abtransport des Kupfers baut China eine eigene Eisenbahnverbindung in die Provinz Xinjiang.

Ebenfalls Erfolg versprechend für chinesische Unternehmen ist die geplante Ausbeutung der auf 1,6 Mrd. Barrel geschätzten afghanischen Öl- und 440 Mrd. Kubikmeter (BCM) Erdgasvorkommen sowie der großen Vorkommen von Eisen- und Nichteisenmetallen, Eisenerz und Gold.

Für China gehören sowohl Afghanistan als auch Pakistan zu den wichtigen Transport- und Handelsverbindungen nach Iran. Wohl auch deshalb verhindert Peking eine abgestimmte Haltung des Weltsicherheitsrates zur iranischen Atomrüstung. Peking hat den Bau des Hafens von Gwadar in Pakistan fertig gestellt, über den nun 60% der chinesischen Ölimporte aus dem Nahen und Mittleren Osten abgewickelt werden. China plant jetzt eine Transportverbindung vom Hafen Gwadar über Afghanistan nach Xinjiang, um eine effizientere Ressourcenversorgung seiner boomenden Wirtschaft zu gewährleisten. Auch in diesem breiteren Zusammenhang ist die Stabilität in Afghanistan und Kirgisistan für China von größter Bedeutung.

 

Kasachstan - Nutznießer der Entwicklungen

Das neuntgrößte Land der Erde grenzt im Westen an das Kaspische Meer, das fast dieselben Ausmaße hat wie die Ostsee. Da geographisch 5,4% der Landmasse zu Europa gehören, spielt Kasachstan in der Fußball-EM mit und ist u.a. Mitglied der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, deren Vorsitz es im Jahr 2010 innehatte. Seit elf Jahren zum ersten Mal fand am 1. und 2. Dezember ein OSZE-Gipfel in Astana statt, zu dem über 50 Regierungschefs und Staatsoberhäupter angereist waren. Damit wurde Kasachstan Anfang Dezember die internationale Aufmerksamkeit zuteil, die es so sehr herbeisehnt, obwohl der Gipfel im Kern ergebnislos endete.

Kasachstans neue Hauptstadt entsteht auf Befehl des Präsidenten Nasarbajew seit 13 Jahren 1.200 km nördlich der alten und unterstreicht den Anspruch dieses uralten Nomadenvolkes auf Teilhabe am Aufschwung Asiens. Umgeben von einer riesigen Steppe ist Astana die Hauptstadt mit dem zweitkältesten Winterklima (Temperaturen bis minus 40 Grad Celsius).

Offizieller Grund für dieses gigantische Projekt ist die Erdbebengefahr in der alten Hauptstadt Almaty. Wahrscheinlicher sind andere Gründe:

Nasarbajews Horde kommt aus dem Nordosten, der Region der heutigen Hauptstadt. Diese Mittlere Horde „Orta Djus“ geriet im Norden und Osten unter slawischen Einwanderungsdruck. Obwohl bereits in der Sowjetzeit Mitglied des Politbüros und 1. Sekretär Kasachstans konnte Nasarbajew keinen echten Einfluss im Süden erlangen. Hier herrscht die „Ulu Djus“, die Ältere oder Große Horde. Bestimmender Einfluss auf wesentliche Geschäftsfelder blieb ihm verwehrt. Im rohstoffreichen Westen am Kaspischen Meer kampiert seit Urzeiten die Kleine Horde „Kischi Djus“ und spielt damit in der innerkasachischen Machtarithmetik seit dem Anbruch einer auf dem Export von Rohstoffen basierenden Goldgräberstimmung eine zunehmend wichtige Rolle.

Russland hat am Beginn der 1990er-Jahre ganz unverhohlen darüber nachgedacht, sich den rohstoffreichen Norden des Landes wieder einzuverleiben. Wohl auch deshalb führt von der Hauptstadt bereits eine sechsspurige Autobahn zur russischen Grenze und existiert eine auffallende Häufung kasachischer Garnisonen im nördlichen Teil Kasachstans.

Der Norden des Landes war noch vor 20 Jahren mehrheitlich slawisch geprägt (80%). Mit der neuen Hauptstadt wird dieser Einfluss auf 25% zurückgedrängt. Mit der Verlagerung der Hauptstadt in den Norden des Landes antizipiert Nasarbajew auch mögliche chinesische Gebietsansprüche im Süden im Raum der alten Hauptstadt Almaty.

„Männertraum“: Wer kann heute noch eine Stadt nach seinen Wünschen planen und bauen? Der Präsident nimmt Einfluss bis ins Detail. Astana ist „seine“ Stadt. Und rein „zufällig“ fallen der Geburtstag des Präsidenten und das Stadtjubiläum auf dasselbe Datum.

Und er hat ein Motto bei der Entwicklung seines Landes: „Demokratie ist Ordnung.“ Wahlen und politischer Meinungsstreit sind dabei allerdings von untergeordneter Bedeutung, wie eine kürzlich gestartete Unterschriftenkampagne anschaulich belegt, die die Amtszeit des Präsidenten ohne Wiederwahl gleich bis 2020 verlängern soll, denn eine Wahl wäre bloße „Geldverschwendung“.28)

Kasachstan weiß um seine fragile geopolitische Lage und versucht deshalb seine Unabhängigkeit durch eine Politik relativer Offenheit (Multivektorenpolitik) gegenüber allen am Great Game beteiligten Mächten zu bewahren. Aber welche Perspektive hat ein so riesiges, in großen Teilen unbewohntes, mit Bodenschätzen gesegnetes Land, das mit nur 16 Millionen Einwohnern eine 4.000 km lange Grenze mit China mit bald 100-mal so viel Menschen in der Nachbarschaft teilen muss?

 

Welchen Platz kann Europa einnehmen?

Auch wir Europäer müssen uns fragen, wie unsere Beziehungen zu China künftig gestaltet werden sollen. Während dieser Artikel entsteht, berichtet „spiegelonline“, dass deutsche Unternehmen erste Engpässe beim Erwerb von strategisch wichtigen „Seltenen Erden“ melden, die für den Bau von Akkus, Motoren, Mobiltelefonen und Turbinen unverzichtbar sind. Grund ist eine künstliche Verknappung durch China, das quasi über ein Liefermonopol verfügt.

Fragen müssen wir Europäer uns auch, ob wir heute überhaupt noch bereit und in der Lage sind, uns auf dieses Kräftemessen einzulassen. Mitte des 19. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt des britischen Kolonialismus, sang man in den Tanzhallen Englands noch folgendes Lied: „We don’t want to fight, but Jingo if we do, we’ve got the men, we’ve got the ships, we’ve got the money too…“.29)

Europa spielt heute faktisch keine Rolle im Great Game. Das gilt auch für das ehemalige Weltreich Großbritannien. Uneinig wie so häufig, gehen die Botschaften der EU-Mitgliedsländer ihren Partikularinteressen nach. Eine Bündelung unserer Kräfte und eine Zieldefinition europäischen Handelns sieht man nicht. Die maßgeblich von der ehemaligen deutschen rot-grünen Bundesregierung formulierte und in der EU durchgesetzte Zentralasienstrategie bietet zwar eine Handlungsanleitung, geht aber von einer falschen Prämisse aus: nämlich, alle fünf „-stan“-Staaten als politisch-kulturelle und wirtschaftliche Einheit behandeln zu wollen. Das geht an der Realität vorbei. Die fünf „-stan“-Länder sind ausgesprochen eigenständig und pflegen zum Teil noch aus der Sowjetzeit übernommene spannungsgeladene Beziehungen untereinander (verminte Grenzen, Schließung von Grenzübergängen, unklare Territorialansprüche, mangelnde Zusammenarbeit bei Zukunftsthemen wie Wassermanagement, Grenzkontrollen, Infrastrukturprojekten etc.) und sind selbst v.a. an bilateralen Beziehungen zu einzelnen EU-Mitgliedsländern interessiert.30)

Die ehemaligen Kasachstandeutschen bilden bis heute eine lebendige Brücke und verankern ein Stück Deutschland in Zentralasien. Politisch bedeutsam für die Wahrnehmung von deutschen Interessen ist das aber nicht, da Kasachstandeutsche weder in der Regierung noch in Wissenschaft oder Wirtschaft eine entscheidende Rolle spielen.

 

Schlussfolgerung

Analysiert man das neue Great Game und treffen die Kernthesen von Mackinder zu, dann ist es im deutschen und europäischen Interesse, dass weder China noch Russland in der Lage sind, das Herzland zu beherrschen. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, welche Auswirkungen dies auf unser Leben haben würde.

Insofern ist das Engagement der NATO in Afghanistan auch ein Engagement gegen die Beherrschung Zentralasiens durch einen der östlichen Mitspieler. Das ist ein neuer Blick auf diesen Konflikt. Er stellt letztendlich eine viel realistischere Sicht auf die Lage dort dar als die bloß verkürzte Betrachtung vom Krieg gegen das Terrornetzwerk Al Qaida, so wichtig dieser Kampf auch künftig bleibt.

Chinas Aufstieg und seine geschilderte langfristig angelegte Politik bis hin zur Neuausrichtung seiner europäischen Logistikstrategie über Athen, die gigantischen Infrastrukturvorhaben und sein dem Energie- und Rohstoffhunger geschuldeter Ausgriff nach Zentralasien und Afrika, verbunden mit einer ambitionierten Seerüstung, belegen eindrucksvoll, womit wir im Westen zu rechnen haben. Mittlerweile vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine neue Superlative aus China gemeldet wird, sei es der schnellste Computer, der schnellste Zug, die längste Straßenbrücke der Welt, ein neues System zur Wiederaufbereitung von Uranbrennstäben, neue Kampfflugzeuge in Stealth-Bauweise, die Weiterentwicklung der Flugzeugträgerkiller-Rakete Dongfeng 21 D oder ganz aktuell Chinas Ambitionen zum Ausbau des Renmimbi als Weltleitwährung mittels Dim-Sum-Anleihen.31)

Vielleicht wird die Dimension dieser Expansion auch Russland und die USA alsbald dazu bewegen, aus einer kleinlichen Konfrontationspolitik im Kampf um Pipelines, Militärstützpunkte sowie Energie- und Rohstoffvorkommen zu einer gemeinsamen, strategischen Antwort gegenüber dem chinesischen Zugriff auf das Herzland zu finden. Auch das wäre im Interesse Europas, wenn es daran zumindest als Juniorpartner beteiligt bleibt.

So wie Großbritanniens Kräfte schon am Beginn des Great Game zu gering waren, um sich dauerhaft einem kontinentalen Gegenspieler entgegenzustellen, so wären heute selbst die gebündelten Kräfte aller Mitgliedstaaten der EU nicht in der Lage, als alleiniger Spieler erfolgreich am Great Game neben Russland und China teilzunehmen. Damit Europa auch künftig ein gewisses internationales Gewicht behält, bleibt die längst überfällige Synchronisierung und Harmonisierung der Kräfte in Europa unerlässlich. Doch selbst dann kann es nur gemeinsam mit seinen atlantischen und asiatischen Verbündeten und langfristig auch nicht gegen russische Interessen verhindern, dass es einer Macht gelingt, das Herzland zu kontrollieren. Denn so banal es klingt, genau darum geht es.

Chinas Aufstieg zu einer kontinentalen Weltmacht scheint im 21. Jahrhundert unaufhaltsam zu sein. Ob China auch maritim mit den heute noch global überlegenen USA gleichziehen kann, bleibt abzuwarten. Die hier dargestellten Fakten über Investitionen in eine zentralasiatische Infrastruktur, Seerüstung und zum Aufbau von Handels- und Marinestützpunkten legen nahe, dass China die Regeln des Great Game verstanden hat.32)

Ich will mich nicht an Spekulationen darüber beteiligen, ob sich der bisherige Aufstieg Chinas ungebremst und ohne Brüche fortsetzen wird. Darüber lässt sich auf jeden Fall sehr kontrovers diskutieren. Gleichwohl müssen wir im 21. Jahrhundert aus europäischer Sicht noch viel stärker lernen, die Welt auch mit den Augen unserer Nachbarn zu sehen und daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Das eurozentrische Zeitalter ist auf jeden Fall unwiederbringlich beendet. Und mit China haben wir ein Imperium vor uns, das über die älteste Kultur der Welt und ein entsprechendes Selbstbewusstsein als ewiges Reich der Mitte verfügt. Aus chinesischer Sicht tritt China im 21. Jahrhundert erneut in den ihm zustehenden Platz auf der Welt als größte bestimmende Macht ein, einen Platz, den China in der Zeit der europäischen Antike bis zur Renaissance tatsächlich innehatte.

Im Unterschied zu unserer westlichen Kultur, die von den kurzfristig messbaren Rhythmen von Quartalszahlen, Jahresabschlüssen oder Vierjahreswahlperioden geprägt ist, wird die Zeit in den Kulturen Asiens immer auch zum Verbündeten derer, die langfristig vorgehen.

Während die europäische Kultur seit ihren Anfängen auch im strategischen Denken eine Kultur der Entweder-Oder-Entscheidung gewesen ist, die im politisch-militärischen Realismus der Athener über die Melier ihren ersten überlieferten Ausdruck fand,33) hat sich ungefähr zur gleichen Zeit in der auf Konfuzius zurückreichenden Staatstradition ein Wissen als Symbiose von Weisheit und Schlauheit herausgebildet, das uns als Lehre der Strategeme entgegentritt. Strategeme sind dabei nicht mit dem in Europa geläufigen strategischen Denken zu verwechseln. Eher noch mit dem Handeln und Denken des listenreichen Odysseus, dessen erstaunliche Abenteuer selbst Beispiel für Kriegslisten, Tricks und Kunstgriffe sind und doch auch auf ein noch tieferes Verständnis von den letzten Dingen hinweisen. Doch davon ist heute in der rationalen und von der Uhr regierten Welt des Westens wenig übrig geblieben. Anders in China, wo bis heute mittels der internalisierten uralten Strategeme Erfahrungen gedeutet und das Wissen bewertet wird, um daraus Handlungen abzuleiten. Diese ganz eigene Kunst der Lebensklugheit ist Teil der asiatischen Kultur und wird in der Mahnung des chinesischen Weisen Hong Zicheng so zusammengefasst: „Ein die Menschen schädigendes Herz darf man nicht haben! Aber ein sich vor den Menschen in Acht nehmendes Herz ist unverzichtbar.“ 34)

In den uralten, bis auf die Zeit des Konfuzius (551-479 v. Chr.) zurückreichenden Strategemen beschreibt Meister Sun Tzu in der weltweit ältesten bekannten Abhandlung über die Kriegskunst die drei Arten, einen Sieg zu erringen:

- Der militärische Sieg über den Feind steht an dritter Stelle.

- Der Sieg mit diplomatischen Mitteln steht an zweiter Stelle.

- Der Sieg durch Strategeme steht am höchsten.

Sun Tzu wird in China, aber auch an der Frunse-Akademie in Moskau während der Offizierausbildung als Grundlagenwerk bis heute gelehrt. Wir sollten davon ausgehen, dass seine Strategeme das Denken unserer Nachbarn in Russland und in Asien bis heute prägen.

 

ANMERKUNGEN:



1) Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht, Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Fischer 1999, S.52.

3) S. a. Taschenheft Auslandseinsätze der Bundeswehr, CSU Arbeitskreis Außen- und Sicherheitspolitik, Sommer 2009.

4) Hans-Gert Pöttering: Synchronized Armed Forces Europe (SAFE), Neue Entwicklungen und Ansätze für ein Europa der Verteidigung, mit einem Vorwort von General a.D. Harald Kujat, ÖMZ 3/2009, S.275ff.

5) H.J. Mackinder: The geographical pivot of history, http://findarticles.com/p/articles/mi_go2454/is_4_170/ai_n29147299/.

6) Peter Hopkirk: The Great Game, The Struggle for Empire in Central Asia, Kodansha International 1992.

7) Rudyard Kipling: Kim, Penguin Popular Classics 1994, S.299.

8) Werner Otto von Henting: Von Kabul nach Shanghai, Libelle, Konstanz 2003, Mein Leben eine Dienstreise, Vandenhoeck& Ruprecht, Göttingen 1962, Meine Diplomatenfahrt ins verschlossene Land, Ullstein-Kriegsbücher 1918.

9) Wolfgang Michal: Des Kaisers Heiliger Krieg, GEO, 11/2008, S.136ff.

11) Peter Scholl-Latour: Die Angst des weißen Mannes, Propyläen, 2009, S.399.

13) The Times, February 19, 2009, Google Earth reveals secret history of US base in Pakistan http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/asia/article5762371.ece.

14) M.K. Bhadrakumar, An Afghane bone for Obama to chew on, 20.10.2010, http://www.atimes.com.

16) M.K. Bhadrakumar, a.a.O.

17) S. u.a. F.A.Z, 15.10.2010, S.10, Schutzschild gegen Iran.

18) Quentin Weiler and Joris Larik: Going Naval in Troubled Waters: The European Union, China and the Fight against Piracy off the Coast of Somalia, Draft Chapter for „The EU and China: Partners or Competitors in Africa?“ College of Europe, Chair of European Union-China Relations.

19) Indien beunruhigt über chinesisches Staudammprojekt, F.A.Z., 19.11.2010, S.6.

20) Wie Chinas innerster Machtzirkel tickt, 4.12.2010, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,728627,00.html.

21) Peter Scholl-Latour: Die Angst des weißen Mannes, Propyläen, 2009, S.424f.

22) Mark Dickens: The Soviets in Xinjiang, http://www.oxuscom.com/sovinxj.htm.

23) Siehe dazu u.a. Maik Matthes: Die Umsetzungs- und Erfolgschancen der Zentralasienstrategie der Europäischen Union unter besonderer Berücksichtigung der Kooperationsbereitschaft der Zentralasiatischen Staaten, Magisterarbeit im Hauptfach Politikwissenschaft, 2009, Technische Universität Dresden.

24) Wulf Lapins: Wasserverteilung als neue Stellschraube auf dem geoökonomischen- und geopolitischen Schachbrett Zentralasiens?, Focus Zentralasien Juni 2009, Friedrich Ebert Stiftung.

25) Ebenda.

27) Kasakh-Russian working group revives „Eurasia“ canal project, Oct 15, 2010, http://www.dredgingtoday.com/2010/10/15/kazakh-russian-working-group-revives-eurasia-canal-project/.

29) Macdermott’s War Song (1878) written and composed by G. W. Hunt.

The „Dogs of War“ are loose and the rugged Russian Bear, All bent on blood and robbery has crawled out of his lair... It seems a thrashing now and then, will never help to tame... That brute, and so he’s out upon the „same old game“...The Lion did his best... to find him some excuse... To crawl back to his den again. All efforts were no use... He hunger’d for his victim. He’s pleased when blood is shed... But let us hope his crimes may all recoil on his own head...

Chorus:

We don’t want to fight but by jingo if we do... We’ve got the ships, we’ve got the men, and got the money too! We’ve fought the Bear before... and while we’re Britons true, The Russians shall not have Constantinople...

The misdeeds of the Turks have been „spouted“ through all lands, But how about the Russians, can they show spotless hands? They slaughtered well at Khiva, in Siberia icy cold. How many subjects done to death we’ll ne’er perhaps be told. They butchered the Circassians, man, woman yes and child. With cruelties their Generals their murderous hours beguiled, And poor unhappy Poland their cruel yoke must bear, While prayers for „Freedom and Revenge“ go up into the air.

(Chorus)

May he who gan the quarrel soon have to bite the dust. The Turk should be thrice armed for „he hath his quarrel just.“ Tis said that countless thousands should die through cruel war, But let us hope most fervently ere long it shall be o’er. Let them be warned: Old England is brave Old England still. We’ve proved our might, we’ve claimed our right, and ever, ever will. Should we have to draw the sword our way to victory we’ll forge, With the Battle cry of Britons, „Old England and St George!“

(chorus)

30) Siehe dazu u.a.: EU-Strategie fuer Zentralasien. Drei Jahre danach., Friedrich Ebert Stiftung, Almaty 2010, 243 Seiten.

31) Robert Cookson, Geoff Dyer: Auf Wechselkurs, 3. Januar 2011, Financial Times Deutschland, S.23.

32) Thrassy N. Marketos, China’s Energy Geopolitics, Routledge, London-New York 2009.

33) Thukydides: Der Peloponnesische Krieg, Der Überfall auf Melos, Reclam 1985, S.67ff.

34) Harro von Senger: Strategeme, Scherz, 1992, S.440.