Der Weg nach Solferino. Die politischen Ursachen von 1859

Martin Prieschl

 

 

„Dieser Krieg ist mit mehr Vorbedacht angezettelt worden als irgendein größerer Konflikt in der neuen Geschichte!“ 1) (Charles W. Hallberg).

 

Obwohl sich der „Österreichisch-Sardische Krieg“ von 1859 in diesem Jahr zum 150. Mal jährt, ist er im historischen Bewusstsein Österreichs kaum mehr verankert als einer der vielen Konflikte des 19. Jahrhunderts mit seinen komplizierten diplomatischen Hintergründen.2)

 

Der „Sardische Krieg 1859“ - Henri Dunant und Joseph Roth

Dennoch war der Waffengang, der nur von kurzer Dauer war, entscheidend für das weitere Schicksal der Habsburgermonarchie. Die Begleitumstände, die auslösenden Momente führten das Land in einen andauernden Gegensatz mit dem russischen Zarenreich und dem nach nationaler Einheit strebenden Italien. Gerade der Gegensatz zu Russland konnte nie bereinigt werden - und belastete damit das zwischenstaatliche Verhältnis beider Monarchien bis zuletzt.

Die entscheidende Hauptschlacht des Sardischen Kriegs bei Solferino am 24. Juni 1859, einem kleinen Dorf in der italienischen Provinz Mantua, ist jedoch untrennbar mit einem Ereignis von Weltbedeutung verbunden:

Ein Schweizer Geschäftsmann mit dem Namen Henri Dunant wurde unfreiwillig Zeuge der Leiden der tausenden, unversorgten Verwundeten der Schlacht in dem Ort südlich des Gardasees.

[…]Von wie viel Todeskämpfen und Leid vermöchten die drei Tage vom 25. bis 27. Juni erzählen! Durch die Hitze, den Staub und den Mangel an Wasser und an Pflege sind die Wunden bösartig und recht schmerzhaft geworden. Ekelhafte Dünste verpesten die Luft, trotz aller Anstrengungen, die man macht, um die als Lazarette dienenden Räumlichkeiten in gutem Stande zu halten. […] Sollte es nicht möglich sein, in allen europäischen Ländern Hilfsgesellschaften zu gründen zu dem Zweck, die Verwundeten in Kriegszeiten ohne Unterschied der Volksangehörigkeit durch Freiwillige pflegen zu lassen […]?“ 3)

In seinem Buch „Erinnerungen an Solferino“ regte der Schweizer die Bildung einer freiwilligen Hilfsorganisation für die Versorgung von Verwundeten an. 1863 wurde unter seiner Führung das „Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für Verwundetenpflege“ aus der Taufe gehoben, das spätere „Internationale Komitee vom Roten Kreuz“.4)

In die Weltliteratur ging die Schlacht von Solferino durch Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“ von 1932 ein. Roth lässt darin einen jungen Offizier mit dem Namen Trotta Kaiser Franz Joseph das Leben retten. Er erzählt die Geschichte von drei Generationen der Familie „Trotta von Sipolje“ bis zum Tode des alten Kaiser Franz Josephs, dem der Bezirkshauptmann Trotta ins Grab folgt - der Enkel des „Retters des Kaiser“ war zu Kriegsbeginn 1914 gefallen -, da „die Trottas den Kaiser nicht überleben könnten“.5)

Zwischen dem 17. April 1932 und dem 9. Juli des Jahres erschien der „Radetzkymarsch“ in der „Frankfurter Zeitung“ in Fortsetzung. Gerade in einer Zeit der politischen Kämpfe und der hohen Arbeitslosigkeit im Deutschen Reich, gepaart mit einer entsetzlichen Armut, die in die Übernahme der Macht durch Hitler und die Nationalsozialisten gipfelte, erfolgt der wehmütige Nachruf Joseph Roths auf die von ihm verehrte Habsburgermonarchie, die er als sein einziges „Vaterland“ bezeichnete.6) In dem Vorwort zur ersten Folge am 17. April in der „Frankfurter Zeitung“ kommt dies deutlich zum Ausdruck:

„Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland, die österreichisch-ungarische Monarchie, zertrümmert. Ich habe es geliebt, dieses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und Weltbürger zugleich zu sein, ein Österreicher und ein Deutscher unter allen österreichischen Völkern […] 7)

Dass Joseph Roth gerade die Schlacht von Solferino gewählt hat, geschah mit Bedacht und ist kein Zufall. Mit der Niederlage im Sardischen Krieg begann das langsame Sterben der Habsburgermonarchie.8) Historisch betrachtet „läuteten auf den Schlachtfeldern der Lombardei nicht nur die Todesglocken für den Neoabsolutismus“.9)

 

Die Fehlentscheidungen: Eine kurze Analyse des Kriegs und des neoabsolutistischen Staates

Die Niederlage im Krieg gegen Sardinien-Piemont und das französische Kaiserreich ist auch ein Lehrstück, wie durch systematische Provokation ein Land in den Krieg getrieben wurde, den es eigentlich aufgrund der wirtschaftlichen, innenpolitischen und auch militärischen Verhältnisse niemals hätte führen dürfen. Auch verkannten die bestimmenden Machteliten Wiens den italienischen Nationalismus vollkommen. Zu Hilfe kamen den Piemontesen und Franzosen auch die persönlichen Eigenschaften des österreichischen Monarchen sowie seine politische Inkompetenz. Franz Joseph akzeptierte neben seiner Person nie einen starken Ministerpräsidenten, wie das Beispiel Felix Schwarzenberg zeigt, der sich als „Realpolitiker“ gegenüber persönlichen Ehrgefühlen, die den Kaiser leiteten, als immun zeigte. Der österreichische Monarch und seine Minister blieben weiterhin antiquierten Denkmustern verhaftet, die längst keine Gültigkeit mehr besaßen. Was könnte dies besser zeigen als die diplomatische Isolierung Österreichs vor 1859? Dazu zählt natürlich auch der Glaube an die eigene Sendung (Gottesgnadentum), die damit verbunden ist. Die Erkenntnis von US-Präsident Abraham Lincoln, dass man die Politik den Politikern überlassen solle, kam dem Kaiser zu spät.10)

Daneben mussten Franz Joseph und seine Administration erkennen, dass Österreichs einst so hoch gelobte Armee der modernen Kriegführung längst nicht mehr gewachsen war. Der „Geist Radetzkys“, obwohl so oft beschworen, war längst nicht mehr vorhanden, wenngleich dies das Generalstabswerk behauptet:

[…]Der militärische Geist wurde auf jede Weise gepflegt und durch die glorreichen Erinnerungen des Heeres an seine Leistungen zu allen Zeiten und namentlich in den siegreichen Feldzügen der Jahre 1848 und 1849 außerordentlich gehoben.[…] 11)

Verheerend wirkte sich auch die Unfähigkeit der österreichischen militärischen Führung aus, wenngleich die meisten Kommandanten aus der Schule Radetzkys kamen. Der Oberbefehlshaber Franz Graf Gyulai hatte seinen Posten durch Mauschelei und Protektion durch den kaiserlichen Generaladjutanten Graf Grünne bekommen und nicht aufgrund seines militärischen Könnens. Der Monarch versuchte sich selbst als Feldherr - und scheiterte dabei gründlich. Anders als bei Friedrich dem Großen und Napoleon verband sich bei dem als 18-Jährigen an die Regierung gekommenen Franz Joseph staatsmännisches Können nicht mit militärischer Brillanz.

Der Krieg bietet auch ein Musterbeispiel für die Risiken, die ein Staatswesen eingeht, wenn die militärische Führung nicht aufgrund der militärischen Fähigkeiten der Personen ausgewählt wird. Diese Lehre wird bis heute allzuoft missachtet.

 

Die kurze Epoche des Neoabsolutismus

1849 siegte wie fast in ganz Europa die Reaktion über die nationalen und demokratischen Bewegungen. In Österreich selbst festigte sich die Monarchie erneut unter dem Nachfolger Kaiser Ferdinands, Franz Joseph I., und seinem mächtigen Ministerpräsidenten Felix Fürst von Schwarzenberg. Die Feldherren Windischgrätz, Jellacic und Radetzky schlugen die Revolution sowie die Aufstände in Ungarn und in den italienischen Provinzen des Habsburgerreiches gewaltsam nieder. In Ungarn gelang dies jedoch nur mit der Hilfe des russischen Zarenreiches - diese keinesfalls uneigennützige Hilfe kam Österreich in seinen Auswirkungen noch teuer zu stehen.

Der Reichstag mit seinem großartigen Verfassungsentwurf wurde am 7. März 1849 aufgelöst, nur mehr scheinkonstitutionelle Einrichtungen blieben bestehen. Im Unterschied zur Periode vor 1848 („Vormärz“) jedoch begann die neue kaiserliche Administration mit energischen Reformschritten - v.a. im Bereich der Staats- und Gemeindeverwaltung.12) Ein neues Exekutivorgan, das erst vor kurzem in die Polizei eingegliedert wurde, sollte für die Sicherheit am Land sorgen, die „Gendarmerie“.

Die Minister Krauß und Bruck begannen erfolgreich die österreichische Wirtschaft durch Reformen zu erneuern. Dazu zählte die Beseitigung von Zwischenzolllinien innerhalb des Staates, die Einführung einer allgemeinen Grund- und Einkommenssteuer und die staatliche Hilfe bei der Grundablöse wegen der Bauernbefreiung des Jahres 1848. Jedoch machte eine verfehlte Anleihepolitik Österreichs die wirtschaftlichen Reformschritte weitgehend zunichte. Viel weiterwirkend erwiesen sich die Erneuerungen im Bildungsbereich (Universitäten, Schulen, Institut für Österreichische Geschichtsforschung). Das neoabsolutistische Regime suchte auch einen intensiven Kontakt zur katholischen Kirche, der im Konkordat von 1855 gipfelte. Durch diesen völkerrechtlichen Vertrag gelangten ohne staatliche Aufsicht bisher klassisch-staatliche Aufgabenbereiche in die Hand der Kirche, was heftigen Unmut in Teilen der Machtelite auslöste.

Neben der katholischen Kirche bildeten die Beamtenschaft und das kaiserliche Heer die wichtigsten Klammern der Herrschaft. Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Reiches blieben weiterhin von jedweder Mitgestaltung am politischen Geschehen ausgeschlossen. Jeglichen Widerstand gegen das System bekämpften die staatlichen Gerichte und mit ihr die Polizeikräfte des Staates (Wiedereinführung der Zensur).

Kaiser Franz Joseph schien mit dieser Entwicklung sehr zufrieden zu sein. In einem Brief vom Sommer 1851 an seine Mutter Erzherzogin Sophie, die gleichzeitig seine größte Vertraute war, schrieb er: […] Daß heute ein großer Schritt weiter geschehen ist. Wir haben das Konstitutionelle über Bord geworfen und Österreich hat nur mehr einen Herrn. […].“ 13) Das bedeutete, der Kaiser „wollte den Völkern der Monarchie die materiellen Vorzüge eines modernen bürgerlichen Staatswesens durch eine Revolution von oben bescheren“.14) Grundsätzliche Erfolge der Revolution von 1848 wie die Grundentlastung oder Gleichberechtigung vor dem Gesetz blieben zwar bestehen, doch jegliche politische Mitbestimmung der Untertanen blieb weiterhin ausgeschlossen.

Dass das System vermutlich innerhalb einer gewissen Zeit von selbst zusammenbrechen musste, schien selbst Zeitgenossen ein Faktum zu sein. Es sei nur die Frage, wann, „nicht aber, ob es dazu kommt“!15) Mit dem Ende des Neoabsolutismus durch den Sardischen Krieg flackerte auch der Zerfall des Reiches 1918 wie ein Wetterleuchten am Horizont auf.

 

Die diplomatische Isolation Österreichs

Wenngleich Österreichs Staatsgebiet nach 1848 erhalten blieb, hatte die Revolution innerhalb der europäischen Staatenwelt beträchtliche Veränderungen herbeigeführt. Dies betraf v.a. die diplomatischen Beziehungen zwischen den einzelnen Reichen. Die in den Verträgen von 1815 auf dem Wiener Kongress zusammengestellte Ordnung für den Kontinent ließ sich nicht wieder aufrichten. Auch spielte Österreich keineswegs mehr die Rolle einer Kontinentalmacht wie in den Zeiten des Fürsten Metternich. Dennoch schien dies von den Ministerien in Wien und vom Staatsoberhaupt selbst nicht genügend registriert worden zu sein.

Neue Spieler kamen am diplomatischen Parkett hinzu, für die anders als die früheren europäischen Mächte die Einhaltung einer europäischen Friedensordnung nicht mehr die gleiche Priorität hatte. V.a. Napoleon III., zuerst Präsident und dann Kaiser von Frankreich, der nach der Revolution in Frankreich die Macht erklommen hatte, erwies sich als ernst zu nehmender Gegner. Dazu kam das zaristische Russland, das keineswegs uneigennützig auf Bitten des jungen Franz Joseph mitgeholfen hatte, die Revolution in Ungarn niederzuschlagen. Auch Großbritannien, das immer wieder mit Österreich im Bündnis gestanden hatte, hielt sich immer mehr abseits, da es die Habsburgermonarchie als Juniorpartner Russlands sah. Es hatte die Existenz Österreichs immer für die Stabilität Mitteleuropas wichtig gehalten, doch stellten sich dafür auf britischer Seite immer mehr Zweifel ein. Auch das ebenfalls konservative Preußen hatte Österreichs Politik schwer verprellt. Im Jahrzehnt des Neoabsolutismus taumelte somit das immer instabiler werdende neoabsolutistische Habsburgerreich von einer diplomatischen Krise zur nächsten.

Als gefährlich erwiesen sich auch die nationalen Bewegungen innerhalb des Reiches, die die Bajonette der Armee niederhielten. Gerade die Revolution hatte trotz ihrer Niederschlagung bei vielen Völkern der Monarchie den Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung noch verstärkt. Das betraf v.a. die Provinzen im italienischen Teil des Reiches wie auch einige slawische Völker und - wenn auch in einem weit geringeren Maße - die Deutschen der Monarchie, von den Ungarn ganz zu schweigen.

Österreich schwankte nach dem Tode des fähigen Ministerpräsidenten Felix Fürst Schwarzenberg zwischen den Fronten und zog sich durch die ungeschickte Schaukelpolitik Distanz und Feindschaft heran, ohne aber dadurch einen außenpolitischen Verbündeten zu gewinnen. Weiterhin kostete die Monarchie die gewaltsame Aufrechterhaltung des Systems in Ungarn und Italien gewaltige Summen, die der Staat nur mehr mühsam aufbringen konnte.

 

 „Wir werden die Welt durch unsere Undankbarkeit in Erstaunen versetzen“

Dieser angeblich von Fürst Felix Schwarzenberg geäußerte Satz16) betraf das Verhältnis zwischen dem russischen Zarenreich und der österreichischen Monarchie. Russische Truppen hatten die kaiserliche Armee bei der Niederschlagung der Revolution unterstützt. Doch dies geschah keineswegs selbstlos: Mit den ungarischen Revolutionären kämpften zahlreiche polnische Freiwillige. Hätte die Revolution in Ungarn gesiegt, ein Ausgreifen nach Russisch-Polen wäre unausweichlich gewesen.

Es lag damit im ureigensten Interesse Russlands, hier tätig zu werden. Für diesen „Freundschaftsdienst“ verlangte der östliche Nachbar mehr als nur den Dank des österreichischen Kaiserstaates, nämlich eine Unterwerfung unter die russischen außenpolitischen Interessen. Dies zog wegen der aggressiven Orientpolitik des Zaren eine Entfremdung von Großbritannien nach sich, die Fürst Schwarzenberg vermeiden wollte.

Dazu hatte Russland auch durch sein Veto zu einer mitteleuropäischen Zollunion auf den Dresdener Konferenzen 1850/51 deutlich zu verstehen gegeben, dass es ein von russischem Einfluss unabhängiges Habsburgerreich als Kern eines zentraleuropäischen Wirtschaftsblockes nicht dulden wollte. Ein Bündnis mit dem östlichen Nachbarn lehnte daher Fürst Schwarzenberg nachdrücklich ab. In eine fast ausweglose Zwickmühle geriet diese österreichische Außenpolitik aber erst mit dem Krimkrieg.

 

„Austria is the most important element in the Balance of European power”? (Lord Palmerston)

Auf der anderen Seite stand jedoch mit Großbritannien ein nicht minder mächtiger und ebenfalls aggressiver Staat. Anders als bei Russland standen beim Inselreich wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Der englische Premier Palmerston17) strebte die Öffnung der europäischen Märkte zugunsten englischer Waren an, und dabei ging die Inselmacht nicht zimperlich vor. Während sich in Deutschland der Zollverein von 1851 gegen diese Vorgangsweise wehren konnte, blieb Österreich bei einer gemäßigten Schutzzollpolitik. Die Märkte im Nahen Osten wie auch auf dem Balkan mussten auf britischen Druck hin geöffnet werden. Der Wirtschaftsblock in Mitteleuropa wäre auch für Großbritannien von Nachteil gewesen. Für Österreich bestand somit die Gefahr, am Gängelband Großbritanniens zu hängen und damit die Rolle als stabilisierender Faktor in Mitteleuropa zu verlieren.

Eine Hinwendung zu Frankreich schien für Österreich gänzlich ausgeschlossen. Einerseits hatte sich Napoleon gegen die mitteleuropäische Zollunion gestellt. V.a. aber trat das französische Staatsoberhaupt vehement für die italienische Unabhängigkeitsbewegung ein und schürte aus innenpolitischen Gründen den deutsch-französischen Gegensatz - für Österreich als Präsidialmacht des Deutschen Bundes ein unmöglicher Bündnispartner.

Zu guter Letzt blieb auch das Verhältnis zwischen Österreich und Preußen ein gespanntes. Der Grund dafür lag in der Reaktion auf die konservative deutsche Einigungspolitik Preußens, die eng mit dem Berater des preußischen Königs, Joseph Maria von Radowitz, zusammenhing. Am 26. März 1849 hatten sich Hannover, Preußen und Sachsen zum „Dreikönigsbündnis“ zusammengeschlossen, und in Erfurt konstituierte sich ein Parlament für Norddeutschland. Wenn auch die deutschen Mittelstaaten noch abseits blieben, sah Österreich darin eine Schmälerung seines Einflusses in Deutschland und drohte mit Krieg. Die Rückkehr Preußens zur Verfassung des Deutschen Bundes mit der so genannten „Olmützer Punktation“ blieb unausweichlich. Diese als Schmach empfundene Erpressung von Seiten Österreichs hinterließ tiefe Ressentiments auf der preußischen Seite. Dem nicht genug verweigerte Österreich Preußen 1856 Hilfe beim Konflikt um Nauenburg, obwohl aus Berlin die Hilfe in einem italienischen Krieg dafür zugesagt worden war.18) Sieht man von der Schweiz und den deutschen Mittelstaaten ab, schien das österreichische Kaiserreich rundum von Ländern umgeben gewesen zu sein, die dem Habsburgerreich reserviert bis feindlich gegenüberstanden.

Eine weitere Verstimmung zwischen Österreich und Russland bzw. den Westmächten Großbritannien und Frankreich brachte der Krimkrieg.

 

Der Krimkrieg

Das Verhältnis zwischen Österreich und Russland verschärfte sich durch die aggressive Vorgangsweise des Zaren in seiner Orientpolitik. Hier prallten die englischen und russischen Gegensätze massiv aufeinander, und Österreich versuchte mit Schwarzenbergs Nachfolger Buol-Schauenstein eine fragile Wankelpolitik, die bei den russischen Eliten Wut und Empörung hervorrief. Andererseits reichte diese auch nicht dazu aus, die Westmächte England und Frankreich auf die Seite Österreichs zu ziehen.

Im Sommer des Jahres 1853 besetzten russische Truppen die Donaufürstentümer Walachei und Moldau, und der Zar begann einen Krieg gegen den „kranken Mann am Bosporus“, das Osmanische Reich. Einerseits durch die strukturelle Schwäche des ehemaligen Großreiches herausgefordert, schützte der Zar andererseits religiös motivierte Gründe vor. Durch ein Ultimatum, das das islamische Land ablehnte, versuchte die russische Seite die Anerkennung als Schutzmacht über die orthodoxen Christen im Osmanischen Reich zu erzwingen.

Dieser Expansionspolitik traten die Schutzmächte des Mittelmeerreiches, Großbritannien und Frankreich, entgegen und brachen nach der Niederlage des Zarenreiches auf der Krim (Belagerung von Sewastopol) das kontinentale Übergewicht Russlands. Auch ein sardinisches Korps kämpfte auf der Halbinsel im Schwarzen Meer gegen Russland mit.

Die Verantwortlichen in Wien blieben unschlüssig. Einerseits agierte eine russenfreundliche Partei rund um den Fürsten Windischgrätz und Baron Kühbeck. Sie stand dem Angebot aus St. Petersburg, der Aufteilung des Balkans zwischen den Habsburgern und den Romanows, positiv gegenüber. Diese Partei hatte die kaiserliche Regierung zu einem Eingreifen zugunsten Montenegros gegen den osmanischen Gouverneur in Bosnien angeleitet.

Doch der österreichische Außenminister Graf Buol-Schauenstein wehrte sich vehement gegen diese Expansionspolitik, und dies aus gutem Grund: Hätte Franz Joseph auf das Angebot von Zar Nikolaus I. positiv reagiert, so hätte er selbst an der Zerstörung der Ordnung des Wiener Kongresses von 1815 mitgewirkt. Mit welchen Argumenten wäre man dann Napoleon III. begegnet, der offensiv auf eine Neuordnung Italiens hinarbeitete? Graf Buol verfiel auf eine sonderbare Idee, indem er, ohne eine eigene Expansion am Balkan einzuleiten, versuchte, Russlands Expansion zurückzudrängen. Dieses diplomatische Kunststück wollte der Minister in die Wege leiten, ohne sich einer der beiden Kriegsparteien allzusehr anzunähern. Schon der Versuch, gestützt durch ein mit dem Deutschen Bund und Preußen geschlossenes Defensivbündnis, scheiterte und riss Österreich hinein in das Geschehen. Daraufhin näherte sich der österreichische Außenminister den Westmächten und rückte das Land in den Blickpunkt des Zarenreiches. Dazu hatte Österreichs Armee die Donaufürstentümer besetzt und band an deren Grenze eine russische Streitmacht, die der Zar dringend für die Kämpfe auf der Krim benötigt hätte.

Für die österreichisch-russischen Beziehungen wirkte sich dies verheerend aus - mit Folgen, die zum damaligen Zeitpunkt noch nicht einmal abschätzbar waren und damit eine Zwietracht säten, deren Saat im Ersten Weltkrieg endgültig aufging. Die Empörung in St. Petersburg war grenzenlos. Das Wort vom Verrat machte die Runde. Die erzwungene Abtretung Bessarabiens an das Königreich Rumänien steigerte den Hass der russischen Machtelite gegen Österreich nur noch. Jedoch übersah man im Zarenreich geflissentlich, dass die Habsburgermonarchie durch das Verhalten seines östlichen Nachbarn faktisch dazu gezwungen worden war, wollte es nicht ins Hintertreffen geraten.

Nach der russischen Niederlage versuchten die Großmächte auf den Pariser Friedensverhandlungen das Ergebnis des Krieges in einen völkerrechtlichen Vertrag zu gießen. Dabei führte Frankreich das große Wort und nahm maßgeblichen Einfluss auf die für Russland harten Friedensbedingungen. Österreich blieb für den Zaren Nikolaus II. der „Verräter“, und er behauptete, sein Vater sei aus Gram über die österreichische Treulosigkeit verstorben.19)

Die eigentliche Sieger dieses Konfliktes saßen in London, v.a. aber in Paris - die Verlierer in Konstantinopel und in Wien, das sich an eigentlichen militärischen Handlungen gar nicht beteiligt hatte. Die „Heilige Allianz“, einst nach dem Wiener Kongress beschlossen, war endgültig Geschichte.

 

„Was kann man für Italien tun“?

1848 war es in Italien zu Aufständen gegen die restaurative Politik der Bourbonen und Habsburger gekommen. Dies gefährdete den Kaiserstaat Österreich wegen seiner ethnischen Vielfalt in seinem Bestand. Trotz der Hilfe, die das angrenzende Sardinien-Piemont den Aufständischen leistete, zerschlug die österreichische Armee die Aufstandsbewegungen und fügte der piemontesischen Armee eine Reihe von empfindlichen Niederlagen zu. Mailand und der österreichische Kriegshafen Venedig wurden zurückerobert. Doch gegenüber einer zumeist feindlich gesinnten Bevölkerung musste die Ordnung mit Gewalt aufrechterhalten werden.20)

Nach der herben Niederlage gegen Österreich gab Sardinien-Piemont seinen Weg zur nationalen Einheit nicht auf. Dieser ist eng mit dem Namen des Ministerpräsidenten Camillo Graf Cavour verbunden, der ab 1852 als piemontesischer Außenminister sein Werk entfaltete.21) Der Machtrealist Cavour, der auch als Ackerbau- und Finanzminister agierte, setzte ein großes Reformprogramm um. Er bildete den treibenden Motor der italienischen Einheitsbewegung. Doch dachte Cavour nicht daran, allein gegen den übermächtigen Gegner im Norden zu kämpfen, und suchte nach Verbündeten unter den Gegnern Österreichs. Als idealer Kandidat erwies sich hier das französische Kaiserreich, das auch eine gemeinsame Grenze mit dem italienischen Kleinstaat besaß. Sardinien-Piemont knüpfte engere Kontakte mit Napoleon III. Sardinien entsandte auch ein Hilfskorps von 15.000 Mann zur Unterstützung auf die Krim.

Auf der für Österreich so verheerenden Pariser Friedenskonferenz von 1856 konnte Sardinien sich zwischen den europäischen Großmächten neu platzieren. Bei der Übergabe einer Denkschrift über Reformwünsche mittelitalienischer Staaten auf der Konferenz durch Graf Cavour stellte Napoleon III. die berühmte Frage: „Was kann man für Italien tun?“. Der Kaiser versuchte auch gleich auf der Konferenz die italienische Frage miteinzubeziehen. Cavour griff Österreich bei dieser Gelegenheit frontal an und bat den Kongress um Abhilfe gegen die „kulturfeindlichen und rückschrittlichen Regierungen, die die Schuld an den revolutionären Regungen in Italien trugen“. Wenngleich ein Beschluss nicht zustande kam, hatte Sardinien sein Recht auf die Vorherrschaft in Italien unzweifelhaft angemeldet. Napoleon konnte sich mit einer eigenen Konferenz zu den italienischen Problemen nicht durchsetzen, sodass er einen anderen Weg beschritt.

Diese Vorzeichen alarmierten natürlich die österreichische Regierung, die auch sofort handelte. Zahlreiche Erleichterungen für die italienischen Provinzen wurden erlassen, der Kaiser selbst besuchte die Lombardei und Venetien, und beschlagnahmte Güter gingen zurück. Graf Cavour geriet durch diese Politik unter starken Druck. Einerseits versuchten konservative Kräfte, seine expansiven Pläne zu durchkreuzen, andererseits brachte die verstärkte Aufrüstung das Land in finanzielle Schwierigkeiten.

 

Der Vertrag von Plombiéres

Die Rettung für Cavour und seine Pläne kam durch den Kaiser der Franzosen. Trotz des Attentats des Italieners Orsini schien Napoleon III. weiterhin bereit zu sein, Cavour zu unterstützen. Doch die Pläne Cavours einerseits und des Neffen Napoleons I. andererseits unterschieden sich in wesentlichen Punkten - keinesfalls sollte nun Frankreich statt Österreich als Hegemonialmacht Kontrolle über Italien ausüben. Da jedoch Frankreich die einzige Bündnismacht für Sardinien-Piemont blieb, blieb dem sardischen Außenminister nichts anderes übrig?

Im Juli 1858 trafen sich der französische Monarch und Graf Cavour heimlich im Badeort Plombiéres im heutigen Belgien. Grundgedanke des dort geschlossenen Paktes bildete die Aufteilung Italiens zwischen beiden Mächten. Mittelitalien sollte an Napoleon Jerome, einen Neffen Napoleons I., gehen sowie Neapel-Sizilien an die Familie Murat - Nachkommen des Schwagers Napoleons. Frankreich sollte Nizza und Savoyen für die Unterstützung erhalten. Sardinien-Piemont sollte auf Kosten Österreichs mit der Lombardei und Venetien entschädigt, der Papst auf den Vatikan beschränkt werden. Der „Vertrag von Plombiéres“ mit Italien als Staatenbund schien also den Interessen Cavours diametral entgegenzustehen.

Zwischen Sardinien-Piemont und Frankreich wurde ein militärisches Bündnis geschlossen, jedoch mit der Einschränkung, dass Österreich der Aggressor sein müsse. Diese Bedingung hatte ihren Grund darin, dass bei einem Angriff einer Macht, die nicht dem Deutschen Bund angehörte, die Staatenvereinigung zur Hilfeleistung für Österreich verpflichtet war. Dass diese Bedrohung real war, zeigt die Korrespondenz zwischen den österreichischen Stellen und den wichtigsten Mitgliedern des Deutschen Bundes. In deutschnationalen Kreisen sprach man offen davon, die Rheingrenze am Po zu verteidigen. Dennoch: Ohne die fixe Zusage des militärisch mächtigsten Mitglieds des Deutschen Bundes, Preußens, blieben die anderen deutschen Staaten vorsichtig. Die preußische Regierung gedachte sich keineswegs vor den österreichischen Karren spannen zu lassen und blieb in den diplomatischen Depeschen nach Wien zurückhaltend kühl.22)

 

Die Provokation ...

Österreich musste so lange provoziert werden, bis es den Fehler beging und als Erster die Waffen erhob. Sardinien verstärkte seine Rüstungen und begann innerhalb der österreichischen Provinzen Italiens offen mit der Unterstützung der politischen Opposition. Der sardische König Viktor Emanuel II. erklärte in seiner Rede im Parlament in Turin, dass „er bei aller Friedensliebe für den Schmerzensschrei, der zu ihm aus allen Teilen dringe, nicht unempfindlich sein könne“. Diese Aussage rief enormes Medienecho hervor. Immer mehr Italiener aus der Lombardei strömten illegal über die Grenze und schlossen sich entweder der piemontesischen Armee an oder rückten bei den Freiwilligenverbänden ein. Öffentlich klagte Graf Cavour über die Drohungen aus Wien, die das kleine Königreich durch die Militärausgaben an den Rand des finanziellen Ruins trieben. Österreichs Antwort war die Entsendung großer Teile der Armee in die Lombardei.

Selbst der französische Kaiser schaltete sich in die Provokation ein. Beim Neujahrsempfang in den Tuilerien erklärte er dem österreichischen Gesandten Baron von Hübner: „Ich bedaure, dass unsere Beziehungen nicht so gut sind, wie ich es wünschte. Ich bitte Sie aber, nach Wien zu berichten, dass meine persönlichen Gefühle für den Kaiser immer die gleichen sind.“ In der kaiserlichen Reichs-, Haupt- und Residenzstadt empfand man dies als unerhörte Provokation. Weiterhin drangen Nachrichten von Truppenkonzentrationen in den französischen Alpen nach Wien wie auch die Verlegung ganzer Korps aus Nordafrika nach Südfrankreich. Dennoch blieb der Krieg in Frankreich unpopulär - v.a. Teile der Wirtschaft befürchteten Gewinneinbußen, und die klerikale Partei verwehrte sich gegen eine Schmälerung der päpstlichen Macht im Kirchenstaat. Frankreichs Monarch schwankte und ging auf den englischen Vorstoß ein, die Probleme Italiens auf einer internationalen Konferenz zu lösen.

Graf Cavour wehrte sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen eine solche Versammlung. Er schreckte dabei nicht vor öffentlicher Polemik oder Drohungen zurück, um Frankreich zum Krieg zu bewegen. Auf einem Kongress rangierte der italienische Kleinstaat nicht auf gleicher Höhe wie die Großmächte Europas. Auch die österreichische Diplomatie zeigte sich grundsätzlich zu einer solchen Konferenz bereit - aber nur, wenn Piemont nicht den gleichen Status wie die europäischen Großmächte auf dem Kongress erhalten sollte.23) Cavour intensivierte seine Druckmittel - er werde zurücktreten, ließ er verlauten, und würde den Geheimvertrag mit Frankreich der Öffentlichkeit präsentieren!

In dieser aufgepeitschten Situation kam ihm jemand zu Hilfe, von dem er es am wenigsten erwartet hätte: Österreich und sein junger Herrscher Kaiser Franz Joseph.

 

… und der Kriegsausbruch

Die Schwächen des jungen Kaisers zeigten sich hier deutlich. Einerseits war es seine Naivität, die ihn die Falle Cavours tappen ließ. Wenn auch der Vertrag von Plombiéres nicht bekannt war, musste die Grundtendenz, dass Frankreich bei einer österreichischen Kriegserklärung eingreifen würde, bekannt gewesen sein. Manche Autoren werfen dem Monarchen vor, er habe den Krieg mit einem Duell unter Ehrenmännern verwechselt. Die Ehre der Dynastie stehe auf dem Prüfstand, und wie ein gekränkter Offizier wolle er Genugtuung von der „Kanaille“ Napoleon III.24)

Bei einer Berücksichtigung des Staatshaushaltes hätte Franz Joseph unter allen Umständen auf den Waffengang verzichten müssen, so schlecht stand es um den österreichischen Staatshaushalt. Die österreichische Armee, selbst vom Sparkurs des österreichischen Finanzministers betroffen, stand von der Ausrüstung her nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Selbst die Lobeshymnen, die das Generalstabswerk über den Sardischen Krieg sang, blieben mehr als fraglich. Die Generalität unter der Führung Graf Ferencz József Gyulays erwies sich als überfordert und unfähig. Der strapazierte Geist des im Vorjahr verstorbenen Feldmarschalls Radetzky schien die Truppen nicht zu beseelen. Festen Rückhalt gab jedoch das Festungsviereck Verona-Mantua-Piacenza-Peschiera.

Franz Joseph fürchtete auch, dass eine Konferenz für Österreich nachteilig ausgehen könnte und einen Gebietsverlust nach sich ziehen könnte. Daneben hoffte er auch auf die Hilfe Preußens und des Deutschen Bundes. Hierin täuschte er sich wie sein Außenminister Buol-Schauenstein gewaltig. Prinzregent Wilhelm ließ dem Habsburger ausrichten, dass er mit einer preußischen Unterstützung rechnen könne, bekäme Preußen in „rein deutschen Angelegenheiten eine freiere Hand“ - für Franz Joseph unannehmbar.25) In Berlin hatte der Chef des preußischen Generalstabes Helmuth von Moltke jedoch für den Ernstfall bereits eine Denkschrift entworfen, die einen Präventivkrieg gegen Frankreich unter preußischer Führung beantragte. Trotz massivem Kriegsgeschrei in Mittel- und Süddeutschland forderte Preußen erst nach der Schlacht von Solferino die Mobilmachung des Deutschen Bundes und die Unterstellung unter den preußischen Oberbefehl. Doch mit dem Ende des Krieges blieb diese Forderung (noch) unerfüllt.26)

Am 19. April 1859 beschloss der junge Kaiser den Waffengang gegen Sardinien. Er vertraute dabei der Meinung seines Außenministers, dass Preußen und der Deutsche Bund eingreifen würden. Die piemontesische Taktik sei nicht mehr als ein Bluff, den es zu enttarnen gelte. Vier Tage später übergab der österreichische Gesandte in Turin ein Ultimatum, das Sardinien aufforderte, die Rüstungen einzustellen und die Freiwilligenverbände zu entlassen. Sardinien-Piemont weigerte sich und Österreich erklärte den Krieg. Damit war die Falle zugeschnappt!27)

 

Der kurze Waffengang

Eine genaue Beschreibung der Schlachtenläufe des Sardischen Kriegs bietet immer noch das Österreichische Generalstabswerk, obwohl es außer den Akten des Kriegsarchivs kaum Literatur verwenden konnte. Hier kann der Verlauf nur zusammengefasst werden.

Schon von Beginn an schien alles schief zu laufen, obwohl die Franzosen noch nicht mit der ganzen Stärke am Kriegsschauplatz erschienen waren. Erst vier Tage, nachdem Graf Cavour das Ultimatum abgelehnt hatte, begann Graf Gyulai mit dem Einmarsch seiner Armee über den Ticino nach Piemont. Zahlenmäßig war er den Piemontesen weit überlegen, doch Gyulais Strategie blieb weiterhin verwirrend. Er versäumte es, die feindliche Armee anzugreifen, bevor die Franzosen in ganzer Stärke erschienen waren. Am 2. Juni zog er seine Verbände über den Ticino zurück, um auf österreichischem Boden auf den Angriff zu warten.

Französische und piemontesische Verbände rückten daraufhin an die Grenze vor. Am 4. Juni entwickelte sich aus einem Scharmützel über Brücken des Flusses Ticino beim Städtchen Magenta die gewaltigste Schlacht seit den Tagen Napoleons. Nach heftigen Kämpfen mit über 10.000 Toten und Verwundeten zog sich Gyulai zurück und überließ die Eisenbahnlinie nach Mailand dem Gegner. Graf Gyulai glaubte auch seinen Soldaten keinen weiteren Waffengang mehr zumuten zu können und rückte einen Tag später in das Festungsviereck ab. Damit überließ er Mailand den Franzosen und Piemontesen, deren Monarchen am 8. Juni im Triumph in die Stadt einrückten.

Kaiser Franz Joseph reagierte mit Entsetzen und übernahm nach der Absetzung Gyulais trotz Warnungen selbst den Oberbefehl. Mit ihm kam der einstige Generalstabschef Radetzkys, Baron Heinrich Heß, an die Front. Er empfahl dem Kaiser vom Fluss Mincio zum Chiese vorzurücken. Am 24. Juni stießen bei den Dörfern Cavriana und Solferino beim Eindringen in die Ebene in Richtung Castiglione - Napoleon hatte sein Hauptquartier in Monteciaro - Österreicher sowie Franzosen zusammen. Binnen kurzem standen beide Armeen im Gefecht. Teile der Österreicher (drei Korps) versuchten, von Süden her den Feind zu umgehen, um nach Castiglione vorzustoßen, während vier weitere den Angriff der Franzosen bei Solferino abwehren sollten, um dann selbst in die Offensive zu gehen. Das weitgehend unabhängige 8. Korps ging gegen die Piemontesen am linken Flügel bei San Martino vor. Weder am rechten Flügel noch in der Mitte kam es vorerst zu einer Entscheidung, während das 8. Korps unter Benedek erfolgreich blieb. Am frühen Nachmittag mussten die erschöpften Österreicher zurückweichen, und um 15.00 Uhr wehte über Solferino die französische Fahne. Die Chance, durch das 8. Korps von Benedek ein Einkreisungsmanöver gegen die erschöpften Franzosen zu beginnen, machte der Kaiser durch den Rückzugsbefehl in das Festungsviereck zunichte. Erst wollte Franz Joseph den Krieg noch weiterführen, doch nahm er das Waffenstillstandsangebot Napoleons (8. Juli 1859) an.

 

Verhandlungen mit dem „Erzschuft“ (Villafranca 11.Juli 1859)

[…] Allein eine andere Zusammenkunft [als mit dem Prinzen von Preußen, Wilhelm] könnte mir, wie ich fürchte, bevorstehen, nämlich mit dem Erzschuft Napoleon […] schrieb der Kaiser an seine Gemahlin Elisabeth nach Wien.28) Am 11. Juli blieb ihm nichts anderes mehr übrig, als sich mit dem Kaiser der Franzosen im Städtchen Villafranca südlich von Verona zu treffen. Beide Herrscher vereinbarten in einem persönlichen Gespräch die Bedingungen. Napoleon hatte einerseits sein Kriegsziel erreicht. Dennoch fürchtete er wegen der Teilmobilmachungen in Preußen ein Eingreifen des Deutschen Bundes. Dazu war es noch zu Differenzen zwischen dem französischen Kaiser und Cavour gekommen, der keineswegs daran dachte, italienisches Gebiet unter französischen Einfluss gelangen zu lassen. Schon während der Kämpfe waren die Freischärler Guiseppe Garibaldis in Mittelitalien, Neapel und im Kirchenstaat eingerückt. Napoleon III. musste erkennen, dass er die Lawine des italienischen Nationalismus, die er mit losgetreten hatte, nicht mehr kontrollieren konnte.

Franz Joseph seinerseits stand vor dem Dilemma der Staatsfinanzen, die ihm eine Weiterführung des Kriegs unmöglich machten. Darum nahm er den günstigen Frieden an (Friede von Zürich). An Piemont musste nur die Lombardei ohne das Festungsviereck abgetreten werden. Die habsburgischen Nebenlinien durften vorerst in ihre Kleinstaaten Parma, Modena und Toskana zurückkehren, bis Volksabstimmungen einen Anschluss an Sardinien-Piemont festlegten. Mit Venetien sollte Österreich Teil eines italienischen Staatenbundes werden. Hä??? Der Einheit Italiens konnten beide Herrscher damit aber nicht Einhalt gebieten. Frankreichs Lohn blieb unverändert Nizza und Savoyen.29)

 

Die Niederlage zwang zur Veränderung

Franz Joseph hatte begriffen, dass das ausgesaugte Land sich keinen Krieg mehr leisten konnte und durfte. Sein autokratisches Regime hatte versagt und er selbst eine außenpolitische Niederlage erlitten, die auch durch ein politisches Köpferollen (Buol-Schauenstein, Graf Grünne) nicht gerettet werden konnte. Dies musste auch innenpolitische Veränderungen, beginnend mit dem „Laxenburger Manifest“, zur Folge haben, wenn es auch zu einer konsequenten Demokratisierung noch ein weiter Weg war. Das seit dem Jahr 1851 in Österreich herrschende System des Neoabsolutismus konnte nach der Niederlage im Feld nicht überleben. Reformen mussten die logische Folge daraus sein. Der Kaiser beschritt - widerwillig und langsam - den Weg in Richtung einer parlamentarischen Monarchie. „Alle Welt erwartete die längst fällige innenpolitische Wende. Franz Joseph hingegen führte das Kunststück vor, so ziemlich alles auf den Kopf zu stellen, im Wesen aber doch nichts zu verändern“. Selbst seine Wertmaßstäbe und Ehrenstandpunkte, die in einem „Nationalkrieg mit durchaus revolutionären Zügen“ längst veraltet und unbrauchbar erschienen, legte der Monarch trotz der Erfahrungen von Solferino und Königgrätz nicht ab - bis hin zu den weltpolitischen Folgen des Sommers 1914.30)

Gleichzeitig hatte das Reichsoberhaupt erkannt, dass sich der preußisch-österreichische Gegensatz über die Vorherrschaft im Deutschen Bund zuspitzen würde. Bewiesen hatten ihm dies die preußischen Forderungen für einen Kriegseintritt. 1866 entschied Preußen den Kampf für sich.

Die Bildung des italienischen Nationalstaates konnte nur mehr eine Frage der Zeit sein: Wann würde es zum Kampf um die restlichen italienischen Gebiete der Monarchie kommen? 1866 fiel Venetien an das neue europäische Königreich Italien, 1918 der Rest. Italien hätte der Kaiser nur halten können, wenn er auf seine Rolle in Deutschland verzichtet hätte. Dazu konnte sich der Habsburger nicht durchringen. Blieb nur noch der Konfliktherd Ungarn, den der Ausgleich von 1867 - nach der Niederlage im Deutschen Krieg - zuungunsten der nichtmagyarischen Bevölkerung entschied.

Sein Onkel, der 1848 abgetretene Kaiser Ferdinand, soll die Niederlage mit den Worten „Das hätt´ ich auch zusammengebracht“ 31) kommentiert haben.

 


ANMERKUNGEN:

1) Charles W. Hallberg: „Franz Joseph and Napoleon III. - a study of Austro-French relations“, New York 1955, S.154.

2) In der deutschen Literatur findet man auch die Bezeichnung „Österreichisch-Piemontesischer Krieg“.

3) Rudolf Müller: „Entstehungsgeschichte des Roten Kreuzes und der Genfer Konvention“, Stuttgart 1897, S.20; Henri Dunant, „Un souvenir de Solferino“, Genf 1862, S.20f.

4) Müller: „Entstehungsgeschichte des Roten Kreuzes“, S.21f; Henri Dunant, „Un souvenir de Solferino“, Genf 1862.

5) Joseph Roth: „Radetzkymarsch“, Erstausgabe Berlin 1932.

6) Wilhelm von Sternburg: „Joseph Roth - eine Biographie“, Köln 2009, S.393ff.

7) Klaus Westermann (Hrsg.): Joseph Roth: „Das journalistische Werk“, Köln 1989-1991, S.874; „Frankfurter Zeitung“ vom 17. April 1932.

8) Sternberg: Joseph Roth, S.394; Anscheinend hat Roth keinen Hinweis hinterlassen, warum er gerade den Sardischen Krieg als Beginn des Niedergangs sah.

9) Helmut Rumpler: „Eine Chance für Mitteleuropa - Bürgerliche Emanzipation und Staatsverfall in der Habsburgermonarchie - Österreichische Geschichte 1804-1914“, Wien 1997, S.364.

10) James M. McPherson: „The battle cry of freedom - The Civil War Era“, New York 1988, S.834.

11) „Der Krieg in Italien - Nach den Akten und anderen authentischen Quellen bearbeitet durch das k.k. Generalstabsbureau für Kriegsgeschichte - Band 1“, Wien 1872, S.26; Im Vorwort klingt dies noch ganz anders: „[…]Die Armee wird in ihm [dem Buch] unbeschönigt finden, was ihre Operationen scheitern machte; […]“. Die Armee notabene selbstredend, nicht SM der Kaiser!

12) Wilhelm Brauneder: „Österreichische Verfassungsgeschichte“, Wien 2005, S.134f.

13) Zitat aus einem Brief Kaiser Franz Josephs vom 26.8.1851, aus: Franz Schnürer: „Briefe Kaiser Franz Josephs I. an seine Mutter 1838-1872“, München 1930, S.166.

14) Rumpler: Mitteleuropa, S.323.

15) Zitat bei Rumpler, Chance für Mitteleuropa, S.364; Aus dem Brief Adolf Maria Pinkas an Anton Springer um 1854.

16) Zitat bei Rumpler, Chance für Mitteleuropa, S.366.

17) Zitat in: Waltraut Heindl: „Carl Ferdinand Graf Buol-Schauenstein - Grundzüge seiner Politik am Vorabend des Krimkriegs“, Wien 1968, S.54.

18) Heinrich Friedjung, „Der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland 1859-1866“, Stuttgart 1898, S.565ff.

19) Hanns Lorenz Mikoletzky: „Das entscheidende 19. Jahrhundert. Geschichte, Kultur und Wirtschaft“, Wien 1972, S.374.

20) Adolfo Omodeo: „Die Erneuerung Italiens und die Geschichte Europas 1700-1920“, Zürich 1951, S.553ff.

21) Bei Omodeo gibt es eine gute Kurzbiographie von Camillo Graf Cavour; Omodeo, Erneuerung Italiens, S.542-553.

22) Omodeo: Erneuerung Italiens, S.558ff, Rumpler: Chance für Mitteleuropa, S.369ff.

23) Die diplomatischen Tauzüge in ihrer ganzen Komplexität sind nachzulesen in: Krieg in Italien 1959, S.2-25; Jedoch basieren die Angaben nur auf den Beständen des Kriegsarchivs und des Haus-, Hof- und Staatsarchivs.

24) Alan Palmer: „Franz Joseph I. - Kaiser von Österreich und König vom Ungarn“, München - Leipzig 1994, S.454ff; Auch Rumpler spricht vom „Krieg spielenden Kaiser“: Rumpler, Chance für Mitteleuropa, S.371.

25) Michael Busch: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten - Militärgeschichte des Deutschen Bundes 1815-1860“. In: Karl Volker Neugebauer: „Grundkurs deutsche Militärgeschichte - Die Zeit bis 1914 - Vom Kriegshaufen zum Massenheer“, München 2006, S.298.

26) Johann Christoph (von) Allmayer-Beck: „Die Gedankenwelt Moltkes und Erzherzog Albrechts von Österreich“. In: Roland G. Foerster (Hrsg.): „Generalfeldmarschall von Moltke - Bedeutung und Wirkung - Beiträge zur Militärgeschichte Band 33“, München 1991, S.125.

27) Charles W. Hallberg: „Franz Joseph and Napoleon III. - a study of Austro-French relations“, New York 1955, S.154.

28) Palmer: Franz Joseph, S.146.

29) Omodeo: Erneuerung Italiens, S.558ff.

30) Rumpler: Chance für Mitteleuropa, S.372.

31) Palmer: Franz Joseph, S.148.