Der bosnische Dschihad

Jürgen Elsässer

 

„Wenn Europa seine Haltung nicht ändert, werden wir Maßnahmen ergreifen und terroristische Aktionen auf europäischem Territorium entfesseln. Viele europäische Hauptstädte werden in Flammen stehen.“ (Sefer Halilović, Oberbefehlshaber der bosnisch-muslimischen Armee, Ende Januar 1993.)1)
Am 8. Mai 2004 wurde die kopflose Leiche des US-Amerikaners Nicholas Berg in Bagdad gefunden. Wenige Tage später zirkulierte ein Video im Internet, das seine Enthauptung zeigte. Weltweit war blankes Entsetzen die Folge. Die „Bild“-Zeitung veröffentlichte ein Foto des abgetrennten Kopfes im Großformat. US-Präsident George W. Bush wandte sich in einer Fernsehansprache an die Nation: „Die Aktionen der Terroristen, die diesen Mann hinrichteten, erinnern uns an die Natur dieser wenigen Leute, die den Fortschritt der Freiheit im Irak stoppen wollen.“ 2)
Der Schock saß deswegen so tief, weil die westliche Öffentlichkeit bis dahin von Enthauptungen als barbarischem Kampfmittel in politischen Konflikten keine Notiz genommen hatte. Kein einziger Kommentator wies darauf hin, dass die Mordvariante, der Nicholas Berg zum Opfer gefallen war, nicht in Erstaufführung, sondern als Wiederholung inszeniert wurde. Islamistische Gotteskrieger v.a. aus Afghanistan und Saudi-Arabien hatten sie u.a. schon im bosnischen Bürgerkrieg (1992-1995) angewendet. Doch niemals haben diese Meldungen den Weg in die westlichen Medien gefunden. Niemals hat ein US-Präsident die Taten gegeißelt und Vergeltung angekündigt.
Um diese aus heutiger Sicht unverständliche Zurückhaltung zu verstehen, muss man sich in die Situation zu Beginn der 90er-Jahre zurückversetzen. Damals war von Al Qaida und Osama bin Laden noch keine Rede. Die westlichen Medien hatten die Rolle der Schurken zu jener Zeit beinahe ausschließlich mit den Serben besetzt. Als sich Kroatien und Slowenien 1991 aus der jugoslawischen Föderation herauslösten und dann im Frühjahr 1992 der Bürgerkrieg auch in Bosnien begann, kam es tatsächlich zu schlimmen Verbrechen von serbischer Seite.
Doch nur zu häufig wurde übersehen, dass auch die anderen Bürgerkriegsparteien Gräueltaten verübten und dass der bosnisch-muslimische Präsident Alija Izetbegović bedenkenlos Tausende arabische Terroristen, so genannte Mudschaheddin oder Gotteskrieger, ins Land holte. „Ein Pakt mit dem Teufel“, wie Richard Holbrooke, Balkan-Beauftragter von US-Präsident Bill Clinton, später sagte.3)
Izetbegovićs Rolle bei der Förderung der Mudschaheddin gehört bis heute zu den großen Tabus der westlichen Berichterstattung über die jugoslawischen Nachfolgekriege. In unseren Medien wurde Izetbegović durchweg als prowestlicher und weltoffener Moslem dargestellt, das Gegenteil eines Fanatikers. Er war „immer einer multiethnischen Gesellschaft verpflichtet“, rühmte ihn das US-Magazin „Newsweek“,4) und er „warb immer für ein friedliches Zusammenleben von Muselmanen, Serben und Kroaten in Bosnien“, ergänzte die „Berliner Tageszeitung“.5) Auch Warren Zimmermann, der damalige US-Botschafter in Belgrad, sah das so: „Izetbegović war ein überzeugter Moslem, kein Extremist, er trat immer für den Erhalt eines multiethnischen Bosnien ein.“ 6) „Izetbegović ... ermutigte den Pazifismus durch Friedensdemonstrationen“, rühmte Pulitzer-Preisträger Roy Gutman.7)

Waffenschmuggelzentrale Wien

Um sich auf das Auseinanderbrechen Jugoslawiens vorzubereiten, hatte die Führung der bosnischen Muslime um Izetbegović schon Ende der 80er-Jahre eine Schmuggelzentrale in Wien eingerichtet, eine vermeintlich humanitäre Organisation namens Third World Relief Agency (TWRA). An deren Spitze saß der Sudanese Fatih Hassanein, ein Gewährsmann bin Ladens.8)
Gleichzeitig war dieser Hassanein auch ein Vertrauter Izetbegovićs, sein „Gepäckträger“, wie der mit den TWRA-Geschäften befasste Vertreter der „Ersten Österreichischen Bank“ aussagte. 1993 bestätigte Izetbegović persönlich in einem Brief an die Bank, dass Hassanein sein volles Vertrauen genieße.9)
Bei einer Razzia im TWRA-Hauptquartier in Wien im September 1995 fanden deutsche und österreichische Ermittler Unterlagen über die Schwarzmarktoperationen. Insgesamt soll die Stiftung 2,5 Mrd. USD für die Ausrüstung der Gotteskrieger in Bosnien gesammelt haben.10)
Auch Osama bin Laden soll zwei Mal für die TWRA gespendet haben.11) In der „Ersten Österreichischen Bank“ erinnert man sich eines saudiarabischen Diplomaten, der zwei Koffer brachte und aus ihnen fünf Mio. USD Bargeld leerte.12) Bei einem dieser Besuche hat bin Laden einen bosnischen Pass bekommen, so das Magazin „Dani“ aus Sarajevo.13)
Über die TWRA-Zentrale in Wien wurde nicht nur der Waffenschmuggel organisiert, sondern auch die Schleusung von Dschihad-Kriegern und ihre Eingliederung in die offizielle Armee Bosnien-Herzegowinas, die sich unter muslimischer Führung den bosnischen Serben entgegenstellte. Bei diesen Mudschaheddin handelte es sich v.a. um arabische Veteranen aus dem afghanischen Krieg der 80er-Jahre, die nach dem Rückzug der Sowjets vom Hindukusch sozusagen arbeitslos geworden waren. Sie wurden von bin Laden rekrutiert und erhielten über Hassaneins Büro in Wien neue Personalpapiere, die sie als Mitglieder von Hilfsorganisationen auswiesen. Über die Stärke der arabischen Freischärler gibt es unterschiedliche Angaben. Serbische Quellen nennen 15.000 bis 40.000,14) die britische Fachzeitschrift „Jane‘s Intelligence“ geht von 7.000 aus,15) die Warschauer Tageszeitung „Rzespospolita“ spricht mit Bezug auf Erkenntnisse des polnischen SFOR-Kontingents von 5.000,16) die mit den Muslimen verbündeten Kroaten geben 4.000 Mudschaheddin an.17) Eine UNO-Schätzung vom Sommer 1995 nennt bis zu 1.500 Kämpfer.18) So umstritten ihre Stärke ist, so unstrittig ihre Grausamkeit: „Sie folterten und mordeten auf eine Weise, die alle Maßstäbe außer Kraft setzte“, empörte sich Richard A. Clarke, Antiterrorchef der letzten vier US-Präsidenten.19)

Die Verbrechen des 3. Korps

Welche Teile der Armee Bosnien-Herzegowinas während des Bürgerkrieges von Mudschaheddin geführt oder durchsetzt waren, ist weit gehend geklärt. Verschiedene Quellen gehen einvernehmlich davon aus, dass es v.a. das 3. und das 7. Korps waren. Im Rahmen des 3. Korps waren einheimische Gotteskrieger v.a. in der 7. Brigade zusammengefasst,20) die ausländischen Kämpfer im Bataillon El Mudžahid.
Die 7. Brigade wurde im November 1992 eingerichtet und bestand aus drei Bataillonen mit Hauptquartier in Travnik, Zenica und Kakanj. Sie war de jure dem 3. Korps unterstellt, aber de facto war ihr Aktionsradius viel weit gehender: Sie sollte „die ganze Armee nach ihrem Bilde formen“.21) El Mudžahid wurde im August 1993 offiziell dem 3. Korps unterstellt. Die Angaben über die Gesamtstärke des Bataillons differieren zwischen 2.00022) und 6.000 Mann.23) Im folgenden Jahr wurde El Mudžahid als beste Einheit des Korps ausgezeichnet.24) Für die religiöse Zucht des Bataillons war der Afghanistanveteran Abu al Maali als Feldemir zuständig. Auf Propagandavideos sieht man ihn als Kommandeur der Einheit - an der Seite von Izetbegović.25)
Die Mudschaheddin dominierten jedoch nicht nur in diesen beiden Einheiten, sondern zumindest zeitweise das gesamte 3. Armeekorps. Dementsprechend hat das UNO-Tribunal in Den Haag Anklagen gegen die wichtigsten Befehlshaber dieses Korps erhoben: gegen Enver Hadžihasanović, der das Korps von November 1992 bis November 1993 kommandierte, sowie seinen Nachfolger auf diesem Posten, Mehmed Alagić. Alagić übernahm dann im Februar 1994 das Kommando des neu gebildeten 7. Korps.
Im gleichen Prozess muss sich Amir Kubura verantworten, der von Dezember 1992 bis Juli 1993 die (oben erwähnte) 7. Brigade des 3. Korps kommandierte und später zur 1. Brigade des 1. Korps und zur 443. Brigade des 4. Korps überwechselte. Alle drei Männer sind bosnische Staatsbürger.
Laut Haager Anklage - die Urteile waren bei Redaktionsschluß noch nicht gesprochen - hat „das Kommando des 3. Korps die Mudschaheddin nach ihrer Ankunft ab Mitte 1992 zur Verstärkung von Einheiten des 3. Korps eingesetzt, insbesondere bei der Führung dieser Angriffe und bei schwierigeren Kampfoperationen“.26) Als Truppenteile, die mit tatkräftiger Mudschaheddin-Unterstützung Kriegsverbrechen begingen, nannten die Haager Ankläger neben der 7. Brigade noch folgende Verbände des 3. Korps: die 303. Bergbrigade, die 306. Bergbrigade, die 314. Bergbrigade, die 17. Krajina Bergbrigade und die Militärpolizei der Einsatzgruppe Zapad.27)
Neben den genannten Truppenteilen „waren ungefähr 25 weitere muslimische Fraktionen und Einheiten in Bosnien aktiv ... Diese Gruppen wurden von der Armee Bosnien-Herzegowinas ausgerüstet, aber operierten dezentral als Spezialeinheiten oder Überfallkommandos (shock troops).“28)
Besonders blutrünstig waren die Verbrechen der 7. Brigade. „Die Soldaten dieser Einheit mussten die islamischen Glaubensregeln strikt einhalten. Rekruten mussten einen Eid ablegen, nach dem sie die Regeln eines echten Moslemsoldaten befolgen würden, wie sie in dem Handbuch mit dem Titel ‚Instruktionen für einen muslimischen Kämpfer’ niedergelegt waren.“29) Nach Erkenntnissen der Haager Ermittler wurden 20.000 Exemplare des Handbuchs bereits 1993 in der 7. Brigade verteilt, 1994 gab es dann eine Neuauflage. In diesem Dschihad-„Knigge“ heißt es etwa unter dem Stichwort „Kriegsgefangene“: „Das Töten von Frauen, Kindern und Priestern, die in keiner Weise am Krieg teilnehmen und dem Feind nicht direkt oder indirekt Hilfe leisten, ist verboten ... Der Islam verbietet ebenso Folter und Misshandlung von Kriegsgefangenen und die Verstümmelung verwundeter und toter Feinde ... Dies sind die allgemeinen Richtlinien, die für unsere Soldaten verbindlich sind. Wenn der befehlshabende Offizier jedoch die Einschätzung vertritt, dass die Lage und das allgemeine Interesse eine unterschiedliche Vorgehensweise erforderlich macht, müssen die Soldaten ihren befehlshabenden Offizieren gehorchen. Wenn ihr Offizier oder ein vorgesetzter Kommandeur beispielsweise der Ansicht ist, dass im Interesse der Verteidigungsanstrengungen, des Schutzes des eigenen Volkes oder höherer Ziele bestimmte Gebäude, die Ernte oder Wälder in Brand gesetzt werden müssen, dann ist das erlaubt ... Ebenso steht dem jeweiligen Kommandeur die Entscheidung zu, ob es nützlich und im allgemeinen Interesse ist, Gefangene freizulassen, auszutauschen oder zu liquidieren.“ 30)
Damit war die Genfer Konvention für die Dschihad-Einheiten der bosnisch-muslimischen Armee suspendiert, und grausame Verbrechen an Zivilisten und Kriegsgefangenen waren die Folge. Berichte darüber finden sich nicht nur in der serbischen und kroatischen Presse, sondern auch in muslimischen Medien Bosniens, die dem Treiben der Fundamentalisten kritisch gegenüberstanden. So berichtete etwa das Magazin „Slobodna Bosna“ grausige Einzelheiten über die entscheidende muslimische Offensive, die im September 1995 zur Sprengung des serbischen Artilleriegürtels um Sarajevo führte. Bei dieser Operation Uragan 95 wurden von der Einheit El Mudžahedid unter Führung von Abu al Maali u.a. das Dorf Vožuca eingenommen und danach viele Gefangene in ein Lager im Dorf Gostovići gebracht.31)
„Slobodna Bosna“ schreibt: „Die Über­lebenden haben Zeugnis abgelegt über das, was sich im Lager der Mudschaheddin abgespielt hat. Ihre Zeugnisse werden durch Fotografien bestätigt, die die Leute aus dem Hinrichtungskommando aufgenommen haben, als sie neben ihren Opfern posierten. Auf den Fotos, alle mit Datum versehen, kann man Gefangene sehen, die gefesselt am Boden liegen und noch leben. Auf einem dieser Fotos schärft ein dunkelhäutiger Mudschahid das Hackbeil, mit dem der Gefangene später getötet werden wird. Die Leute aus dem Hinrichtungskommando fotografierten die Hinrichtungen nicht nur, sie filmten sie auch und stellten damit Propagandamaterial für ausländische Geldgeber her. Eine Kopie des Bandes mit der rituellen Schlächterei wurde später als Geschenk an Präsident Alija Izetbegović geschickt. Gefangene wurden in einem Schafstall gehalten und zum Zeitvertreib getötet. Man gab ihnen tagelang kein Essen und kein Wasser, sodass sie vor Erschöpfung halluzinierten. Man gab den Gefangenen Messer und befahl ihnen, sich gegenseitig umzubringen. ‚Wenn Du ihn nicht tötest, töte ich Dich‘, sagten die Mudschaheddin den halb wahnsinnigen Männern, die dann aufeinander einstachen. Wenn sie verwundet zu Boden gingen, wurden sie von den Mudschaheddin mit Beil oder Kettensäge enthauptet, und die Überlebenden wurden gezwungen, die abgeschnittenen Köpfe zu küssen, die man später an Baumstümpfe nagelte ... Es ist nicht schwierig, Kopien dieser Videos zu bekommen. Man konnte die Bänder im Videoladen im Kulturhaus in Zavidovići kaufen.“  32)
Die deutsche Frau eines Mudschaheddin war Augenzeugin einer mehrfachen Exekution im Herbst 1995 im Dorf Guca Gora in der Nähe von Tuzla. „Neben dem knienden Mann erkannte ich Scheich Abu Abdul Ahmed al Masri, den Führer der Mudschaheddin ... Auf eine schnelle Bewegung hin sackte der kniende Mann zusammen, etwas flog durch die Luft. Es war sein Kopf.“ 33) Besonders furchtbar für die Frau war, dass ihr eigener Ehemann die Köpfung filmte und das entsprechende Video als Werbung für den „Heiligen Krieg“ vertrieb. Einen anderen Propagandafilm hat sich die „Spiegel“-Redaktion besorgt: „Zu sehen sind mehrere Mudschaheddin, die drei Serben den Kopf abschlagen und damit Fußball spielen.“34)

Die Rolle Izetbegovićs

Izetbegović taucht nicht zufällig in den zitierten Augenzeugenberichten auf. Er war Ehrenkommandant der 7. Brigade, deren Befehlshaber sich heute vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten müssen.35) „Der einzige Oberkommandeur ist Dr. Alija Izetbegović. Er ist auch Präsident des Staates“, bezeugt auch Sheik Abu Abdel-Aziz, ein Feldkommandeur der bosnischen Dschihadisten.36)
Der Bericht einer UNO-Expertenkommission über „Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien“ vom Frühjahr 1994 behauptete: „Die Mudschaheddins operierten unabhängig von der Armee Bosnien-Herzegowinas.“ Dem widersprechen die im letzten Kapitel gemachten Angaben über die Eingliederung der Mudschaheddin in das 3. Korps und 7. Korps der Armee. Erwiesen ist außerdem, dass die ausländischen Kämpfer zusammen mit dem 5. regulären Armeekorps im westbosnischen Bihac kämpften37) und auch im 2. Armeekorps eine wichtige Rolle spielten.
So berichtet „Slobodna Bosna“ über die Kommandeurstagung des 2. Korps zur Vorbereitung der Offensive Uragan 95 : „Einer der Teilnehmer des Treffens hielt in seinem Tagebuch genau fest, dass Präsident Alija Izetbegović die Operation anordnete und großes Interesse an ihrem Ergebnis zeigte.“ 38) Serbische Quellen behaupten überdies, zehn Mudschaheddin seien nach dem Erfolg von Uragan 95 von Izetbegović persönlich u.a. mit der Goldenen Lilie, einem hohen Armee-Orden, dekoriert worden.39)
Vor dem UNO-Tribunal in Den Haag sagten außerdem viele Zeugen aus, dass sie den bosnisch-muslimischen Präsidenten bei einem Truppenbesuch im berüchtigten Internierungslager Čelebići gesehen hätten. Durch dieses Lager, ungefähr 60 km südwestlich von Sarajevo, waren in der zweiten Jahreshälfte 1992 ungefähr 1.000 serbische Gefangene gegangen, 200 Frauen sollen vergewaltigt und eine unbekannte Zahl von Männern getötet worden sein.40)
Dazu passt, dass Osama bin Laden mindestens zwei Mal von Izetbegović empfangen wurde. „Spiegel“-Balkan-Korrespondentin Renate Flottau traf den Terroristenchef 1993 in Sarajevo; er stellte sich artig vor und sprach vom bosnischen Befreiungskampf, an dem seine Leute an der Seite der Muslime mitmachen wollten. Er besaß einen Pass des neuen Staates Bosnien-Herzegowina, ausgestellt von der Botschaft in Wien, und rühmte sich, internationale Kämpfer ins Krisengebiet zu schmuggeln, berichtete das Hamburger Nachrichtenmagazin mit acht Jahren Verspätung.41) Frau Flottau konnte sich auf Nachfrage nicht mehr erinnern, ob das Zusammentreffen wirklich 1993 oder erst 1994 stattgefunden habe. Den Fakt selbst aber bestätigte sie unzweideutig: „Ich weiß es genau, denn der Herr hat mir seine Visitenkarte gegeben, auf der sein Name in Arabisch und Englisch gedruckt war. Er sah auch so aus, wie ich ihn später im Fernsehen wieder gesehen habe: Mit langem Bart, hohem Turban und einem langen weißen Gewand. Mir ist gleich seine Großspurigkeit aufgefallen: Er stellte sich ohne jede Ironie als ‚Führer der islamischen Welt‘ vor. Wenn er das Signal gebe, meinte er, würden sich Millionen Moslems erheben, und dann gäbe es keine Serben und keine USA mehr. Ich wunderte mich sehr, was ein solcher Mann an diesem exklusiven Ort - in einem der Vorzimmer des Präsidenten - machte und fragte deshalb einen von dessen Beratern, warum man einen solchen Verrückten eingelassen habe. Der antwortete mir, der Besucher sei penetrant und nicht abzuwimmeln, obwohl ‚der Alte‘ - eine Umschreibung für Izetbegović - eigentlich nichts mit ihm zu tun haben wolle. Jedenfalls habe er viel Geld. Am nächsten Tag traf ich bin Laden am selben Ort wieder.“ 42)

Gefährliches Erbe

Die muslimische Zeitschrift „Dani“ aus Sarajevo klagte schon vor dem 11. September 2001: „Es passiert kaum noch, dass in irgendeiner Weltecke jemand, der mit größeren Mengen Nitroglyzerin an der Herstellung von Bomben werkelt, keinen bosnischen Pass besitzt.“ 43) Das Potenzial ist enorm: Ein Sprecher des bosnischen Außenministeriums erklärte nach den Terroranschlägen in New York und Washington, dass noch 400 Personen aus „Risikoländern der islamischen Zivilisation ... die bosnische Staatsbürgerschaft besäßen“.44) Im Oktober 2001 wurden sechs Algerier in Sarajevo verhaftet und im Januar 2002 auf die US-Basis im kubanischen Guantanamo verschleppt. Im Sommer 2004 legte einer der Geheimdienste der bosnischen Regierung eine Liste mit insgesamt 741 Personen vor, die „mit terroristischen Aktivitäten in Verbindung stehen könnten“.45)
Hauptverantwortlich für diese Situation ist die willige Ausgabe von bosnischen Staatsbürgerschaften an die Mudschaheddin in den 90er-Jahren. Dabei spielte wieder die bosnische Botschaft in Wien eine zentrale Rolle. Dort „verschwanden“ vor 1995 insgesamt 2.700 Pässe und eine Liste mit Namen von 360 Personen, die sogar Diplomatenpässe erhalten hatten.46) Von der österreichischen Hauptstadt aus wurden auch die bosnischen Vertretungen im übrigen Europa mit Blankopässen versorgt.47)
Als bosnische Staatsbürger getarnt konnten die Gotteskrieger die Bestimmungen des Friedensabkommens von Dayton (November 1995) unterlaufen, wonach ausländische Kombattanten das Land zu verlassen hatten. Daraus ergibt sich ein Sicherheitsproblem für Westeuropa. Anfang September 2005 berichtete der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) über Informationen, wonach die Attentäter von Madrid (11. März 2004) und London (7. Juli 2005) „Kontakte nach Bosnien“ hatten. Die von Saudi-Arabien finanzierte König-Fahd-Moschee in Sarajevo sei „ein Sammelbecken“ gewaltbereiter Extremisten. Der bosnische Zweig der „Al Haramain-Stiftung“, der die US-Regierung die Finanzierung von Terrorgruppen vorgeworfen habe, sei zwar geschlossen worden, arbeite aber unter dem Namen „Vazir“ als Vereinigung für Sport, Kultur und Erziehung weiter. Viele solcher Stiftungen dienten heute wieder als „Tarnung für die Indoktrination und Ausbildung von Terroristen“. Deren militärisches Training gehe auch nach der Schließung entsprechender Camps unter der Tarnung von „Jugendlager oder Sportkurs“ weiter. Fazit des BND: Der Balkan, „v.a. Bosnien und das Kosovo“, sei „heute eine kaum beobachtete gefährliche Brutstätte für islamische Terroristen“.48)
Die Warnung des BND wird durch einige spektakuläre Festnahmen seit Sommer 2005 bekräftigt: Am 23. Juni wurde in Belgrad Abdelmajid Bouchar, einer der Hauptverdächtigen des Madrid-Anschlages vom 11. März 2004, verhaftet.49) Er befand sich auf dem Weg nach Bosnien oder ins Kosovo. Im August gingen der kroatischen Polizei fünf Bosnier ins Netz, die nach Angaben italienischer Fahnder einen Anschlag auf das Papstbegräbnis in Rom geplant hatten.50)
Am 19. Oktober wurden bei zwei Festgenommenen in Sarajevo 30 kg Sprengstoff sichergestellt, mit denen angeblich die britische Botschaft angegriffen werden sollte.51) Aus den Kommunikationsunterlagen der Verdächtigen ergaben sich Anhaltspunkte, die bald darauf in London zu zwei, in Kopenhagen zu insgesamt sieben und in Bosnien zu weiteren drei Festnahmen führten. Ein Anschlag in Dänemark stand „unmittelbar bevor“, sagte ein Polizeisprecher in Kopenhagen.52) Die Mitglieder dieser „Sarajevo-Zelle“ waren keine Araber, sondern einheimische Muslime. Dies deutet darauf hin, dass die Mudschaheddin aus den Bürgerkriegsjahren es mittlerweile geschafft haben, auch im ursprünglich nicht-fundamentalistischen Bosnien und unter balkanischen Immigranten in den EU-Staaten Anhänger zu finden. So könnte bereits das entstanden sein, was die Fahnder „weiße“ Al Qaida nennen - eine neue Generation von Terroristen, die auf Grund ihres „europäischen“ Aussehens mit dem typischen Fahndungsprofil nicht mehr gefasst werden können.


ANMERKUNGEN:
1) Yossef Bodansky, Offensive in the Balkans, London 1995, S.76.
2) Fernsehansprache 12. Mai 2004.
3) William C. Rempel, Terrorist Use Bosnia as Base and Sanctuary, in: Los Angeles Times, 7.10.2001.
4) Russel Watson/Rod Nordland, Sarajevo On the Spot, in: Newsweek, 18.12.1995.
5) Roland Hofwiler, Serbisches Sandzak gegen Belgrad, in Tageszeitung (Berlin - im folgenden Taz), 26.10.1991.
6) Warren Zimmermann, The Last Ambassador: a Memoir of the Collapse of Yugoslavia, in: Foreign Affairs March-April 1995.
7) Roy Gutman, Augenzeuge des Völkermords. Reportagen aus Bosnien, Göttingen 1994.
8) Adnan Buturović, Ko je bio Alija Izetbegović, Sarajevo, S.21.
9) Nijaz Dzafic, Sta sve veze SDA I agenciju za pranje opljackanog novca, in: Dani (Sarajevo), 1.10.1999
10) Esad Hećimović, Ko je prevario Fatiha Hasaneina, in: Dani (Sarajevo), 29.11.2002.
11) Vgl. Johannes und Germania von Dohnanyi, Schmutzige Geschäfte und Heiliger Krieg. Al Qaida in Europa, Zürich, München 2002, S.49; Documentation Center of Republic of Srpska, Bureau for Relation with ICTY of Republic of Srpska, Banja Luka 2002, S.46 sowie Darko Ribnikar, Von extremen islamischen Terroristen über Wiener „Humanitäre Mitarbeiter“ bis zu Alija Izetbegović, in: Politika (New York), übersetzt in: Serbien in der Welt (Belgrad), Oktober 1996.
12) Darko Ribnikar, a.a.O.
13) Senad Pećanin, I Osama bin Laden ima bosanski pasoš! In: Dani (Sarajevo), 24.9.1999.
14) Tanjug, 19.7.1996.
15) Jerusalem Post, 14.9.1998.
16) Nach Tanjug, 21.12.1997.
17) Vjesnik (Zagreb), 3.11.1997.
18) Bericht von UNPROFOR-Kommandeur M.B. Janvier an Kofi Annan vom 8. September 1995, vgl. Cees Wiebes, Intelligence and the War in Bosnia 1992 - 1995, Münster - Hamburg - London 2003, S.208.
19) Richard A. Clarke, Against All Enemies, Der Insiderbericht über Amerikas Krieg gegen den Terror, Hamburg 2004, S.186.
20) Allerdings waren auch ausländische Gotteskrieger darunter, die eingebürgert worden waren, etwa der sich selbst als „Al Qaida-Offizier“ bezeichnende Bahreiner Ali Ahmed Ali Hamad.
21) Esad Hećimovic, Ostala je samo skraćenica, in: Dani (Sarajevo), 14.1.2000.
22) Senad Pećanin, Islamski borci za BiH, in: Dani (Sarajevo), 14.1.2000.
23) Željko Rogošić, Velika Istraga u BiH - FBI sumnja da je jedan od terorista imao bosansku putovnicu, in: Nacional (Zagreb), 27.9.2001
24) Ebenda.
25) Vgl. Robert Bajruši, Videokaseta iz BiH: Priprema mudzahedina za dzihad, in: Nacional (Zagreb), 20.9.2001.
26) Transkript des Prozesses unter www.un.org/icty, S.381.
27) Ebenda, S.379/380.
28) Cees Wiebes, a.a.O., S.208.
29) International Criminal Tribunal for the Former Yugoslavia, Indictment Against Enver Hadžihasanović, Mehmed Alagić, Amir Kubura (www.un.org/icty/indictment/english/had-ii010713e.htm).
30) International Criminal Tribunal for the Former Yugoslavia, a.a.O.
31) Željko Rogošić, a.a.O.
32) Suzana Andjelić, „Uragan 95“ i mudžahedini, inj: Slobodna Bosna (Sarajevo), 13.9.2001.
33) Doris Glück, Mundtot. Ich war die Frau eines Gotteskriegers, Berlin 2004, S.109
34) Dominik Cziesche u.a., „Ihr müsst lernen, mit uns zu leben“, in: Spiegel 13/2004.
35) Esad Hećimovic, Ostala je samo skraćenica, in: Dani (Sarajevo), 14.1.2000; vgl. auch Wolf Oschlies, Bosnien: Europäischer Stützpunkt des Osama bin Laden, in: SWP-Aktuell 19, Oktober 2001.
36) Interview mit Aziz in Al-Sirat Al-Mustaqeem (Der gerade Weg), No. 33, Safar 1415, August 1994. (http://msanews.mynet.net/MSANEWS/199605/19960509.0.html).
37) Continuing Clashes in Northwestern Enclave Reported from Both Sides, BBC, Summary of World Broadcasts, 14.12.1993.
38) Ebenda.
39) Miroslav Toholj, „Sveti Ratnici“ i Rat u Bosni i Hercegovini, Beograd 2001, S.108.
40) Zoran Petrović Piroćanac, Bradinski Čep, in: NIN (Belgrad), 2.8.1997.
41) Erich Follath/Gunther Latsch, Der Prinz und die Terror-GmbH, Spiegel Nr. 38/2001.
42) Gespräch des Autors mit Renate Flottau am 4. November 2004.
43) Vgl. Wolf Oschlies, Bosnien, die USA und die „Algier-Gruppe“ von Sarajevo, SWP Aktuell 5, März 2002, www.swp-berlin.org.
44) Ebenda.
45) M. Cubro, Bosnian Intelligence Agencies draft list of 741 Terrorist Suspects, in: Nezavisne Novine (Banja Luka), 7.7.2004, übersetzt von BBC Monitoring.
46) Oslobođenje (Sarajevo), 5.6.2001.
47) Mustafa Borović, Kako lopovluk ..., in: Ljiljan (Sarajevo), 22.3.1995.
48) Udo Ulfkotte, Sicherheitskreise: Hinweise auf eine dritte Londoner Terrorzelle, ddp-exklusiv, 12.9.2005.
49) Madrid bombing suspect arrested in Belgrade, in: http://en.wikinews.org/wiki/Madrid_bombing_suspect_arrested_in_Belgrade.
50) Rade Maroevic/Daniel Williams, Terrorist Cells Find Foothold in Balkans, in: Washington Post, 1.12.2005.
51) Ebenda.
52) Ebenda.