Der deutsche Dschihad - eine Bestandsaufnahme

Michail Logvinov


Internationalisierung des deutschen Dschihad

Am 26. Januar 2012 hat das US-Außenministerium drei aus Deutschland stammende Islamisten auf die Liste der internationalen Terroristen gesetzt. Es handelt sich um die Brüder Yassin und Monir Chouka aus Bonn und den Deutsch-Türken Mevlüt Kar aus Ludwigshafen.1) Der amerikanische Präsident Barack Obama soll zudem laut Medienberichten die Gebrüder Chouka zum Abschuss durch CIA-Drohnen freigegeben haben.2)
Die Brüder Chouka gelten dabei als Kämpfer, Rekrutierer, Logistiker und Propagandisten für die in Pakistan und Afghanistan agierende „Islamische Bewegung Usbekistans“ (IBU). Mevlüt Kar wird vorgeworfen, als Logistiker und Rekrutierer für die „Islamische Dschihad-Union“ (IJU) zu fungieren. Ein libanesisches Gericht hat ihn bereits in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft für den Versuch verurteilt, eine Al Qaida-Zelle im Libanon zu gründen.
In jüngster Zeit mehren sich zudem erneute Aufrufe an gewaltbereite Islamisten, Anschläge in Deutschland zu verüben. Der Verfassungsschutz warnt vor Einflussnahme aus dem Ausland. Der Österreicher Mohamed Mahmoud soll in Ägypten einen Brückenkopf geschaffen haben. Infolge der Pro-NRW-Provokationen sowie der Proteste in der islamischen Welt gegen den Mohammed-Schmähfilm ließen auch deutschstämmige Akteure keine Gelegenheit aus, zu Morden an Rechtsextremisten, Politikern und vermeintlichen Befürwortern der „Erniedrigung des Propheten“ aufzurufen, um diese zu „bestrafen“.
Die Entscheidung des Department of State und des Präsidenten Obama sowie aktuelle Entwicklungen in der Szene stellen einen Grund dar, den deutschen Dschihad erneut unter die Lupe zu nehmen. Unter Anwendung der Gefahrenfaktoren wie „Akteure“ und „Ideologie“3) werden im Folgenden die Entwicklungen des deutschen Dschihad in den vergangenen drei Jahren nachgezeichnet.

„Böses Vaterland“ als Ziel

Ob Deutschland zum „Gebiet des Krieges“ gehöre, darüber gibt es unter Islamisten keine Übereinstimmung. Es gab bereits „Fatwas“ (Rechtsgutachten), die dies ausdrücklich verneint haben. Doch wegen der Präsenz in Afghanistan - die Bundesrepublik ist drittgrößter Truppensteller nach den USA und Großbritannien, und trägt die Verantwortung für die Aufstandsbekämpfung im Norden des Landes - gilt das „Böse[s] Vaterland“ (so der Titel eines Propagandastreifens) als „legitimes“ Angriffsziel.
V.a. die Entwicklungen in Afghanistan lassen Anschläge gegen Deutschland aus strategischer Sicht als notwendig erscheinen. Denn der Norden Afghanistans ist ein Brückenkopf nach Zentralasien - militärisch und logistisch. Deshalb waren die afghanischen Akteure verschiedener Couleur - Islamisten und Drogenbarone - bestrebt, ihre Netzwerke im Norden zu reaktivieren. Nach einer Eskalationsphase 2008/2009 gilt dieses Ziel als größtenteils erreicht. Angesichts zahlreicher Verhaftungen und Eliminierungsaktionen 2010 und 2011 ist rasch deutlich geworden, dass der afghanische Norden sich zu einem Rückzugs- und Mobilisierungsgebiet für die in Afghanistan und Pakistan agierenden militanten Akteure entwickelte.
Daher ist auch die Bundeswehr ein „Störfaktor“ in Afghanistan. Islamistische Akteure wie Al Qaida, die IBU oder die IJU intensivierten daher die Propaganda gegen Deutschland - auch aus dem Munde der deutschstämmigen Dschihadisten - und erhöhten die Anschlagszahlen auf die deutschen Truppen. Denn „der offenkundige Wankelmut der deutschen Politik [erweckte] den Eindruck, dass terroristische Anschläge auf deutsche Ziele in Afghanistan einen Truppenabzug erzwingen könnten. So ermuntert Deutschland Al Qaida, Attentate auf deutsche Ziele in Auftrag zu geben oder selbst zu planen“.4)
Die Propaganda der Tat ging mit der Propaganda der Worte einher, und mehrere deutschstämmige Islamisten traten in einem Dutzend Propagandastreifen der Al Qaida & Co. mit unverblümten Drohungen gegen die Bundesrepublik auf - sie suchten die Bundestagswahlen zu manipulieren, die Öffentlichkeit wie die deutsche Regierung zu erpressen und die Antikriegsstimmung zu schüren, um einen Bundeswehrabzug aus Afghanistan zu erzwingen. Auch dschihadistische Akteure aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet haben Deutschland für sich „entdeckt“.
Besondere Aufmerksamkeit soll der Tatsache zuteil werden, dass die deutschen Dschihadisten sich spätestens 2009 allen relevanten Akteuren der Region - der Al Qaida, der IBU, der IJU - angeschlossen haben. 2010 hieß es sogar, einige wenige Kämpfer mit Deutschlandbezug hätten sich unter dem Kommando von Mullah Omar als „Deutsche Taliban Mudschaheddin“ formiert: „Die Taliban erlaubten es, eine Untergruppe zu bilden. Wir waren zu Beginn sechs Brüder, gründeten die ‚Deutsche Taliban Mujahideen’ Jama’a und wählten Abu Ishaaq al-Muhajir zum Amir. Somit entstand die erste deutsche Jihad-Gruppe der Welt“, 5) schrieb der inzwischen getötete Eric Breininger in seinen Memoiren „Mein Weg nach Jannah“. Obwohl die DTM-Jama’a aufgerieben ist, gilt das nicht zwangsläufig für die Mutterorganisation der „Sauerland-Bomber“. Die IJU hat sich wieder einmal gegen Zentralasien orientiert und wirbt um kasachische und andere zentralasiatische Dschihadisten.
Sowohl das inzwischen deutlich nachgelassene Propagandaaufkommen als auch bestätigte Tötungen deutschstämmiger Gotteskrieger 2009 und im Vorfeld eines vermeintlichen Komplotts gegen Europa und Deutschland 2010 lassen den Schluss zu, die deutschen Gruppen in Pakistan seien dezimiert. „Deutsche Taliban“ gelten inzwischen als aktionsunfähig.6) Auch der Anführer der Splittergruppe, Fatih Temelli alias „Abdul Fettah al-Mujahir“, wurde Ende Juni 2012 verhaftet, nachdem er sich aus dem Iran in die Türkei abgesetzt hatte.
Anfang 2012 ging der BND von ca. 20 Personen aus Deutschland in Afghanistan und Pakistan aus. Die Bonner Islamisten Chouka betreiben unbeirrt ihre Propagandaarbeit weiter und berichten hin und wieder über bis dahin unbekannte „Märtyrer“ mit Deutschlandbezug. In einer Audiobotschaft mit dem Titel „Auf zum Erfolg“ hat Monir Chouka im Namen der IBU gar die Verantwortung für den Kabuler Anschlag Ende Oktober 2011 übernommen, bei dem 13 NATO-Soldaten ums Leben kamen. „Abu Adam” erklärt in der Tonbandbotschaft, dass ein Mitglied der IBU den Selbstmordanschlag in Kabul beging. Ursprünglich hatten die afghanischen Taliban die Verantwortung für das Attentat übernommen. Der Dschihadist behauptete zudem aus einem anderen Anlass, die IBU sei in das Selbstmordattentat auf die Militärbasis in Baghram am 19. Mai 2010, der in Kooperation mit anderen Gruppen durchgeführt wurde, involviert gewesen. Der Bonner Bekkay Harrach soll eine aus Türken, Arabern, Tadschiken, Afghanen und Paschtunen bestehende Gruppe angeführt haben. Harrach sei bei dem Angriff gestorben.
Deutsche Dschihadisten sind allerdings nicht nur in Afghanistan oder Pakistan eine Gefahr. Europäische und deutsche Gotteskrieger sind für die afghanischen wie pakistanischen „Mudschaheddin“ vordergründig als Propagandawaffen, Geldbeschaffer und Verbindungspersonen in Europa von Bedeutung. Deutsche und türkische Islamisten, die sich bei den turksprachigen IBU und IJU oder in Al Qaida-Camps ihr terroristisches Handwerk aneignen, kehren daher oft in die Bundesrepublik zurück. So war der am 31. Mai 2011 in Österreich verhaftete Berliner Islamist Yusuf Ocak alias „Ayyub al-Almani“, der sich in mehreren Propagandastreifen der DTM durch konkrete Drohungen gegen Deutschland hervorgetan hat, mit einem Auftrag in Europa unterwegs.

Deutschland als Operationsgebiet

Der Verfassungsschutz zählte etwa 1.000 Personen zum islamistisch-terroristischen Spektrum in Deutschland. Über 250 Personen „mit Bezügen nach Deutschland liegen Erkenntnisse vor“, dass sie nach Afghanistan und Pakistan zwecks terroristischer Ausbildung gereist sind. „Hiervon sind mehr als die Hälfte hierher zurückgekehrt“ und „ein beachtlicher Teil“ halte sich derzeit in der Bundesrepublik auf, berichtete der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm.7) BKA-Präsident Jörg Ziercke spricht demgegenüber von mehr als 400 Islamisten, die sich in Deutschland aufhalten, 131 Personen gelten dabei als „Gefährder“. Bei 70 Personen verfügen die Ermittler über Hinweise auf eine paramilitärische Ausbildung, und ca. 40 von ihnen bringen Kampferfahrungen aus Afghanistan und/oder Pakistan mit.8) Der Berliner Verfassungsschutz schätzt das Potenzial gewaltorientierter Islamisten gar auf 2.950 Personen bundesweit.9)
Dergestalt fungiert Deutschland nach wie vor als Rückzugs- und Operationsgebiet sowie Rekrutierungsbasis des transnationalen Terrorismus. Nach wie vor wird in der Bundesrepublik islamisiert, radikalisiert und Geld für den Dschihad gesammelt. Der 2010 aus Pakistan nach Deutschland überstellte Rami Makanesi konnte sich von Kampfhandlungen in Afghanistan freistellen lassen. Er wollte und sollte zurück in die Bundesrepublik, um als Kontaktmann zu fungieren und Geld für den Dschihad zu sammeln.10) Auch der in Afghanistan aufgegriffene Ahmad Sidiqi wurde laut Generalbundesanwalt von einem hochrangigen Al Qaida-Mitglied dafür vorgesehen, in Deutschland an einem europäischen Netzwerk der Organisation mitzuwirken. „Das Netzwerk sollte die finanzielle Unterstützung der Vereinigung sicherstellen, zugleich in Europa aber auch für andere, noch nicht näher konkretisierte Aufträge der Al Qaida-Führung bereitstehen. Nach einer Einweisung in das dafür vorgesehene konspirative Kommunikationssystem reiste der Angeschuldigte nach Afghanistan, um von dort aus nach Deutschland zurückzukehren.“ 11)
Zugenommen hat überdies die militante Propaganda und dschihadistische Missionierung. Zwar „züchten“ die Da’wa-Salafisten nicht zwangsläufig Terroristen „an“. Dennoch fördert die Kombination aus orthodoxem Islamverständnis und politischem Weltbild Radikalisierungsprozesse. Zudem legitimieren und propagieren einige salafistische Vereine wie „Die wahre Religion“ (Ibrahim Abou Nagie, Abu Dujana, Abu Abdullah) oder der im Herbst 2011 im nordrhein-westfälischen Solingen gegründete und inzwischen verbotene „Millatu Ibrahim e.V.“ den Dschihadismus als „Kampf gegen die Erniedrigung der Umma“. In Predigten hatten führende Köpfe des Vereins, wie der in Österreich vorbestrafte und aus Deutschland nach Ägypten ausgewanderte Gründer der „Globalen Islamischen Medienfront“, Mohamed Mahmoud alias „Abu Usama al-Gharib“, zum Dschihad12) und zur Errichtung eines islamischen Gottesstaates in Deutschland aufgerufen, betonen Sicherheitsbehörden.13) Auch ein ehemaliger DWR-Aushängeschild, Ex-Rapper Deso Dogg (bürgerlicher Name Denis Mamadou Cuspert) alias Abu Talha (früher Abu Maleeq), geht bis an die Grenze der Legalität, indem er in seinen Anaschid (islamische Hymnen) zum Dschihad aufruft und die Gewalt verherrlicht.
Islamisiert und radikalisiert, „wandern“ die Salafisten mit Deutschlandbezug „aus“, um in den Dschihad zu ziehen und den angeblich in Mitleidenschaft gezogenen „Din“ zu verteidigen sowie die „Ungläubigen“ zu bekämpfen.

Deutschland als „Dschihadistenexporteur“

Radikalisierte Islamisten setzen Deutschland als „Gebiet des Unglaubens“ („Darul-Kufr“) in Szene. Daher werden propagandistische Aufrufe verbreitet, der Macht der „Ungläubigen“ zu entkommen, um den Islam „komplett“ praktizieren zu können, was anscheinend auch den militanten Dschihad umfasst. Orte wie Afghanistan, Pakistan, Somalia oder der Jemen, an denen „die Muslime mit dem Gottesdienst des Jihades die Shari’a anstreben oder ausgesprochen haben“, seien dabei besonders empfehlenswert. Bereits während der Vorbereitung auf die Auswanderung greife die Pflicht, den Beitrag zum Dschihad zu leisten sowie sich körperlich fit zu halten.
In einer Philippika mit dem Titel „Einigkeit und Recht und Freiheit“ aus der Feder von Luisa Sediqi alias Ummu Safiyya heißt es u.a., die in Deutschland lebenden Gläubigen seien der „ungläubigen Legislative, Exekutive und Judikative unterlegen“. Man zahle Steuern an die Feinde des Islam, wobei „eine Prozentzahl an die Juden [geht]“. „Deine Nachbarn sind Kuffar. Deine Kinder werden wohl oder übel vom Unglauben befleckt“, argumentierte die deutsche Konvertitin im Oktober 2011 weiter. Abschließend wendet sich die Frau des 22-jährigen „Märtyrers“ Khoja Javad Sediqi an die „Glaubensverweigerer“ mit deutlichen Worten: „Ich habe mich längst losgesagt von euren Gesetzen, eurem demokratischen System und auch von meinem deutschen Pass. Ich folge meinem Propheten Muhammad (saw) und zähle die Taliban und weltweit alle Muslime zu meinen Geschwistern.“
„Rasant“ war laut BKA der Anstieg der Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche islamistische Terrorverdächtige. Im April 2010 belief sich die Zahl der „Ermittlungsverfahren mit islamistischem Hintergrund“ auf 350 Fälle - „so viele wie noch nie“, berichtete der BKA-Präsident.
Dabei hängen auch die Reisebewegungen der deutschen Dschihadisten in Ausbildungslager im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet mit dem höheren Fallaufkommen zusammen. Seit Anfang 2009 beobachten die Sicherheitsbehörden, „dass sich Reisen aus Deutschland in Ausbildungslager häufen“.14) Ermittler gingen davon aus, dass sich allein 2009 zwischen 30 und 40 junge Menschen nach Afghanistan oder Pakistan abgesetzt hätten. Es können jedoch mehr gewesen sein, denn die deutschen Sicherheitsbehörden können nachweislich nicht alle Reisebewegungen registrieren (vgl. die „Hamburger“ bzw. „Berliner Reisegruppe“). 2009 wollten laut Verfassungsschutz 138 Personen aus Deutschland ein Ausbildungslager in Pakistan besuchen. 2010 gingen die Behörden von 40 Islamisten mit Deutschlandbezug in Afghanistan/Pakistan aus. Während der militärischen Operation der pakistanischen Armee gegen ausländische Kämpfer wie militante Antiregierungskräfte in Südwasiristan wollten einige der Islamisten mit Deutschlandbezug das unsichere Land verlassen.15) Doch viele von ihnen blieben und kämpfen in Afghanistan und Pakistan weiter, darunter deutsche Al Qaida- und IBU-Mitglieder sowie die DTM.
Dank Eric Breiningers Memoiren konnten die Ermittler die Wege der deutschen Dschihadisten zur IJU sowie die Entstehungsgeschichte der DTM-Splittergruppe unter die Lupe nehmen, und sie wissen nun, dass diese „Jama’a eine Heimat für alle deutschsprachigen Muslime werden [sollte], die von überall auf der Welt hierher kommen können, um ihre Pflicht Allah gegenüber zu erfüllen, um auf Allahs Weg zu kämpfen, damit Sein Wort das höchste wird.“ Der Bonner Islamist Yassin Chouka alias Abu Ibraheem al-Almani schilderte in einem Propagandatext16) ebenfalls seinen Weg nach Afghanistan/Pakistan. Dabei folgten er und sein Bruder Abu Adam vermeintlich einer religiösen Pflicht, denn „jeder Muslim [ist] verpflichtet auszuwandern, sich einer der Ahlu-Sunnah-Jama’at anzuschließen, einen islamischen Treueeid auf einen ihrer Amire zu leisten und sich am Jihad fisabililläh zu beteiligen. Dies ist der gerade und sichere Weg, den jeder Muslim einschlagen muss.“
Das Papier umfasst neben offensichtlichen Fehlbehauptungen erkenntnisreiche Schilderungen, die auch die deutschen Terrorismusexperten zu überraschen vermochten. So berichtet der Dschihadist beispielsweise über „kostbare Stunden“, die er und sein Bruder mit dem inzwischen getöteten „Mustermuslim“ Anwar al-Awlaki im Jemen verbracht haben wollen. Anschließend habe die IBU den sicheren, „sehr gut organisierten“ und einen Monat dauernden Transfer nach Pakistan organisiert. Als mögliche Ziele peilten die deutschen Dschihadisten ursprünglich Somalia, Palästina, Tschetschenien und Indonesien an.
Zahlreiche Reisebewegungen und Festnahmen der Dschihadisten sowie Eliminierungsaktionen in Pakistan legen Zeugnis davon ab, dass die propagandistischen Dschihad-Samen auf fruchtbaren Boden in Deutschland fallen. 2010 und 2011 gelang es deutschen Ermittlern, einige Personen mit Deutschlandbezug aufzugreifen. Nach inoffiziellen Angaben versuchten 2009 ca. zehn Personen monatlich nach Pakistan zu reisen, 2010 und 2011 belief sich die Zahl auf ca. fünf Möchtegern-Gotteskrieger im Monat. Neben Afghanistan und Pakistan gilt eine Koranschule in Dammaj im Jemen als „Pilgerstätte“ radikalisierter Islamisten mit Deutschlandbezug. Zwischen fünf und zehn Deutsche sollen sich im Norden des Landes aufhalten, wobei ein Netzwerk im Inland für Koranstudien wirbt und die finanzielle Unterstützung leistet. Es zeichnet sich zudem ein weiterer neuer Trend ab, der die deutschen Sicherheitsbehörden beunruhigt: Nach BND-Erkenntnissen zieht es deutsche Islamisten derzeit verstärkt nach Afrika, und „Somalia wird zu einem neuen Hot Spot“.17) 2011 gab es sechs registrierte Ausreiseversuche deutscher Islamisten nach Pakistan, während sich zwölf Personen nach Somalia absetzen wollten. Vier von ihnen gelang die Einreise ins von Unruhen und Terroranschlägen gebeutelte Land.18) Im Juni 2012 ist in Tansania von der Polizei ein international gesuchter Terrorist, Emrah Erdogan, festgenommen worden. Er wird verdächtigt, am 28. Mai an einem Bombenanschlag auf ein Einkaufszentrum in Kenias Hauptstadt Nairobi beteiligt gewesen zu sein. Der im Sommer 2010 nach Pakistan ausgewanderte Wuppertaler mit dem Kampfnamen „Salahaddin“ sorgte im Herbst 2010 für Alarmstimmung und Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland, indem er in mehreren Telefonaten mit dem BKA vor Terroranschlägen warnte.19) Anfang 2011 setzte er sich nach Kenia ab und schloss sich den mit Al Qaida verbündeten Al-Shabaab-Milizen an.
Es gelingt den Ermittlern nicht immer, die Radikalisierungsprozesse rechtzeitig zu identifizieren, denn sie verlaufen immer schneller. Daher können nicht in allen Fällen Ausreiseverbote verhängt und/oder durchgesetzt werden. So gelang es beispielsweise dem angeklagten und unter strengen Auflagen auf freien Fuß gesetzten Fatih K. sowie dem kampferprobten Thomas U., 2010 zusammen mit ihren Mitstreitern das Bundesgebiet unbemerkt zu verlassen.20) Auch der Scharfmacher Abu Malik setzte sich nach Ägypten ab. So können sich immer mehr deutsche Dschihadisten den im Ausland angesiedelten Gruppen anschließen, um sich das terroristische Handwerk anzueignen oder gegebenenfalls aktiv an Kämpfen zu beteiligen. Das strategische Kalkül - ein so genannter „Sechs-Stufen-Plan“ der Al Qaida - setzt dabei voraus, dass ein Teil dieser Personen nach einer paramilitärischen Ausbildung in ihre Heimat zurückkehrt, um als Attentäter oder Kontaktmänner zu fungieren bzw. Geld für den Dschihad zu sammeln.

Al Qaida-Pläne vorerst gescheitert - „einsame Wölfe“ und „führerloser Dschihad“ weiterhin eine Gefahr

Neuen Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden zufolge waren vier Hamburger Islamisten in die Planung terroristischer Kommandoaktionen involviert, die im Herbst 2010 zu Terrorwarnungen in Europa und Deutschland führten.21) Die verhafteten Dschihadisten Sidiqi und Makanesi berichteten von einem längerfristigen Anschlagsplan auf europäische und deutsche Ziele des Scheichs Mohamad Yunis al-Mauretani.22) Sidiqi und Makanesi sollten in Deutschland eingesetzt werden. Zwei weitere Männer, der erfahrene und eine Weile tot geglaubte Netzwerker Naamen Meziche sowie der inzwischen tote Shahab Dashti, sollten zunächst in den Iran reisen und später in ihrem europäischen Zielland tragfähige Strukturen aufbauen. Wegen eines „spektakulären“ Propagandaauftrittes sollte Dashti vorher sein Äußeres verändern lassen. Von den vier vorgesehenen Zellenmitgliedern wurden inzwischen drei verhaftet und einer (Dashti) getötet.
Die personellen Ressourcen des deutschen Dschihad sind inzwischen mehr als begrenzt, wobei Anschlagsplanungen aus bzw. in Kooperation mit Akteuren aus Pakistan an ihre logistischen und organisatorischen Grenzen stoßen. Daher ist zu erwarten, dass Dschihadisten auf die radikalisierende Propagandaarbeit setzen werden, um die deutsche Salafistenszene in ihrem Sinne zu beeinflussen. Die Gefährdung durch (selbst)radikalisierte Einzeltäter bzw. Kleingruppen bleibt daher bestehen. Der Dschihad-Propagandist Mohamed Mahmoud baut in Ägypten eine deutschsprachige Abteilung der Globalen Islamischen Medienfront auf, die dieses Ziel konsequent verfolgt.
Überdies sind gezielte Provokationen mit dem Ziel, die deutsche Politik und Bevölkerung zu Überreaktionen zu verleiten, nicht auszuschließen. Denn Al Qaida setzt darauf, dass eine wachsende Angst in der Bevölkerung und zunehmende Repressionen der Sicherheitsbehörden zur Ausgrenzung von Muslimen und anschließenden Radikalisierung führen würden.


ANMERKUNGEN:

1) U.S. Departement of State: Terrorist Designations of Yassin Chouka, Monir Chouka and Mevlut Kar, 26.1.2012, http://www.state.gov/r/pa/prs/ps/2012/01/182550.htm, (30.1.2012).
2) Vgl. Barack Obama jagt Bonner Islamisten mit Todes-Drohne, unter: http://www.bild.de/regional/koeln/terrorismus/obama-jagt-koelner-islamist-24483888.bild.html (5. Juni 2012).
3) Vgl. Johannes Urban: Die Bekämpfung des Internationalen Islamistischen Terrorismus, Wiesbaden 2006, S.46-90.
4) Guido Steinberg: Im Visier von Al Qaida. Deutschland braucht eine Anti-Terror-Strategie. Ein Standpunkt, Berlin 2009, S.74.
5) Eric Breiniger (Abdul Ghaffar El Almani): Mein Weg nach Jannah, 17.5.2010, http://islambruederschaft.kalimattauhidmedia.net/Ebooks&Magazine/Mein.Weg.Nach.Jannah.German.2010.pdf, (30.5.2012). Der Text erschien ursprünglich im Forum „Ansar AlJihad Network“, [Rechtschreibung im Original].
6) Senatsverwaltung für Inneres uns Sport (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2011, Berlin, S.26.
7) Vgl. Frank Jansen: „Deutschland bleibt Ziel des islamistischen Terrorismus“, Interview mit Heinz Fromm, 17.2.2011, http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland-bleibt-ziel-des-islamistischen-terrorismus/3856906.html, (4.6.2012).
8) Vgl.: „BKA schätzt Zahl der Islamisten in Deutschland auf über 400“, 5.9.2010, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,715770,00.html, (4.6.2012).
9) Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2009, Berlin 2010, S.3.
10) Siehe: Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof (Hrsg.): „Anklage gegen ein mutmaßliches Mitglied von Al Qaida“, 14.3.2011, http://www.generalbundesanwalt.de/de/showpress.php?themenid=13&newsid=393, (4.6.2012).
11) Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof (Hrsg.): „Anklage wegen mutmaßlicher Mitgliedschaft in den ausländischen terroristischen Vereinigungen Islamische Bewegung Usbekistan (IBU) und Al Qaida“, 10.11.2011, http://www.generalbundesanwalt.de/de/showpress.php?newsid=416, (4.6.2012).
12) So hieß es in einer 75-minütigen Predigt mit dem Titel „Die Pflicht der Unterstützung der Muslime in Syrien“ bezüglich der Lage im Land: „Jetzt ist Dschihad Pflicht! Wer zum Dschihad gehen kann dort in Syrien, der ist verpflichtet dazu! […] Wenn du kein Geld hast, so hol es dir! Wenn du keinen Weg kennst, dann informiere dich! Rücke zu deinen Geschwistern aus und kämpfe für diese Unterdrückten! Lasst uns für sie kämpfen! [...] Es ist eine Pflicht für jeden Einzelnen, genauso wie das Gebet, sogar noch verpflichtender!“
13) Vgl. Florien Flade: Deutsche Salafisten rufen zum Dschihad in Syrien auf, unter: http://www.welt.de/politik/deutschland/article106496448/Deutsche-Salafisten-rufen-zum-Dschihad-in-Syrien-auf.html (11.6.2012).
14) O.V.: „Immer mehr Ermittlungen gegen Islamisten“, 26.4.2010, http://www.focus.de/politik/deutschland/sicherheitsbehoerden-immer-mehr-ermittlungen-gegen-islamisten_aid_502137.html, (30.5.2012).
15) Vgl. o.V.: „Deutsche Dschihadisten resignieren“, 26.6.2010, http://www.focus.de/politik/ausland/pakistan-deutsche-islamisten-resignieren_aid_523815.html, (30.5.2012).
16) Der fünfseitige Text „Unser Weg zur IBU“ erschien im Februar 2011 in diversen Dschihadforen.
17) „Neuer BND-Chef Schindler: ,Der Dienst muss risikofreudiger werden‘“, 14.4.2012, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,827524,00.html, (30.5.2012).
18) Siehe Florian Flade: „Neue Märtyrerschule für deutsche Dschihad-Touristen“, 21.3.2012, http://investigativ.welt.de/2012/03/21/neue-martyrerschule-fur-deutsche-dschihad-touristen/, (30.5.2012).
19) Michail Logvinov: „Töten nach dem Pyramidensystem. Die Bedrohung durch den salafistischen Dschihadismus“, 15.3.2012, http://www.kriminalpolizei.de/articles,toeten_nach_dem_pyramidensystem,1,351.htm, (30.5.2012).
20) Siehe Guido Steinberg: „Die riskante Schwäche deutscher Sicherheitsbehörden“, 21.11.2010, http://www.welt.de/politik/deutschland/article11090229/Die-riskante-Schwaeche-deutscher-Sicherheitsbehoerden.html, (30.5.2012); Günther Lachmann/Florian Flade: „Gefährliche Mischung“, 19.11.2010, http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article11048900/Gefaehrliche-Mischung.html, (30.5.2012).
21) Siehe: „Vier Hamburger Islamisten an Qaida-Terrorplan beteiligt“, 26.2.2012, http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,817577,00.html, (30.5.2012); die Version ruft Fragen hervor, siehe: Thomas Joscelyn: „Leaders of German al Qaeda cell living in Iran“, 18.1.2012, http://www.longwarjournal.org/archives/2012/01/members_of_german_al.php, (30.5.2012).
22) Siehe Michail Logvinov: „Töten nach dem Pyramidensystem. Die Bedrohung durch den salafistischen Dschihadismus“, 15.3.2012, http://www.kriminalpolizei.de/articles,toeten_nach_dem_pyramidensystem,1,351.htm, (30.5.2012).