Die deutsche Bundeswehr und der Krieg in Afghanistan

Ein Blick auf die Bewährung der Inneren Führung

Marcel Bohnert

Dieser Beitrag widmet sich der Afghanistan-Mission der deutschen Bundeswehr und deren Auswirkungen auf das Selbstverständnis und die Führungskultur in den Streitkräften. Dazu werden zunächst die allgemeinen Herausforderungen dargestellt, mit denen es sich in „Neuen Kriegen“ auseinanderzusetzen gilt. Anschließend wird ein kurzer Einblick in die Erfahrungen der deutschen Streitkräfte im Rahmen der „International Security Assistance Force (ISAF)“ vorgenommen und danach gefragt, in welchem Rahmen sich die Innere Führung und das ihr innewohnende Leitbild des Staatsbürgers in Uniform bewähren konnten und wo sie an ihre Grenzen gestoßen sind. Die angestellten Überlegungen sind wesentlich von Beobachtungen und Erlebnissen während der eigenen Einsatzzeit in der nordafghanischen Provinz Kunduz geprägt. Aus diesen persönlichen Umständen resultieren ein starkes subjektives Erkenntnisinteresse und die spezielle Perspektive des Beitrages.


Herausforderungen „Neuer Kriege“

Die weitverbreiteten Hoffnungen, dass die Änderung der weltpolitischen Verhältnisse nach dem Ende der Blockkonfrontation zwischen Ost und West den Beginn eines friedlichen Zeitalters markieren würde, haben sich als große Illusion erwiesen. An der Schwelle vom 20. zum 21. Jahrhundert haben sich lediglich die Erscheinungsformen der Krisen verändert. Viele Konflikte der heutigen Zeit haben mit der Vorstellung von konventionellen Kriegen nur noch wenig gemeinsam. Für das, was sie charakterisiert, hat sich die Bezeichnung „Neue Kriege“ entwickelt.1)

Schwache und korrupte Regierungen haben unter dem Einfluss der Globalisierung vielfach ihre schützende Kraft gegenüber ihren Bürgerinnen und Bürgern verloren und sind nicht in der Lage, den Eskalationsdynamiken innerer Konflikte Einhalt zu gebieten. Vielmehr hat ein diffuses Gemisch parastaatlicher und privater Gewaltakteure den Krieg als einträgliches Betätigungsfeld für sich entdeckt. Kriegerische Gewalt, organisierte Kriminalität und Erwerbsleben fließen oft ineinander über und werden durch politische, ethnische und religiöse Spannungen verschärft. Diese Prozesse gehen mit einer fortschreitenden Entprofessionalisierung und Entdisziplinierung der Kämpfer einher, was regellose Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, brutale Massaker sowie sexualisierte und archaische Gewaltpraktiken begünstigt.2) Sie tendieren zudem auch in räumlicher Hinsicht zur Entgrenzung, was ihre Eindämmung oder gar Beendigung noch zusätzlich erschwert.

Nach militärischen Interventionen dominieren westliche Streitkräfte oft mit einer hohen Anzahl gut ausgebildeter Soldatinnen und Soldaten den „Battle Space“. In fernen Ländern stehen ihre hochtechnisierten Armeen asymmetrisch operierenden Feindkräften gegenüber, die Guerillataktiken anwenden, das humanitäre Völkerrecht missachten und sich kaum von der Zivilbevölkerung unterscheiden lassen. Alliierte Soldatinnen und Soldaten sind in diesen Szenarien mit diffusen und schwer operationalisierbaren Risiken konfrontiert und sehen sich über die klassischen soldatischen Aufgaben hinaus mit polizeilichen, humanitären und diplomatischen Tätigkeiten betraut. Zur Kenntnis von Kampfmitteln, Großgerät und Taktik mischt sich deshalb das Erfordernis zum schnellen Wechsel zwischen Operationen mit völlig unterschiedlichen Anforderungsprofilen. Darüber hinaus wird ihr Handeln durch die Omnipräsenz sozialer Medien beeinflusst, die Meinungsbildungs-, aber auch Manipulationsprozesse fördern. Aufständische bedienen sich oft einer professionellen Propagandaarbeit, um Nachwuchs und Legitimität zu generieren sowie Handlungsdruck im politischen Raum zu erzeugen. Durch internationalen Terrorismus, Flüchtlingsströme und die Bedrohung von Handelswegen haben Neue Kriege globale Auswirkungen und bestimmen die Richtung der weltweiten Sicherheits- und Verteidigungspolitik mit. Die beschriebene Situation stellt die internationale Staatengemeinschaft vor gewaltige Herausforderungen. Der seit 2001 andauernde Krieg in Afghanistan weist viele Merkmale der hier beschriebenen Konfliktform auf.3)


Licht und Schatten eines Kampfeinsatzes

Inzwischen waren Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr fast 150.000 Mal in Afghanistan eingesetzt. Was 2002 mit umjubelten Patrouillen in Kabul begonnen hatte, ging spätestens seit 2008 in den Provinzen Kunduz und Baghlan in heftige Gefechte und einen blutigen Guerillakampf über. Die zunehmenden direkten Angriffe auf deutsche Kräfte führten zunächst zu einem vermehrten Verschanzen in den Feldlagern und mündeten durch das sogenannte Kunduz-Bombardement im September 2009 in einer tiefen Zäsur.4) Durch dieses Ereignis wurde der Wandel in der deutschen Bedrohungslage in Afghanistan überdeutlich, und er zeigte sich zudem im Verlaufe des Jahres 2010, als die bis dahin oft kritisierten Bodentruppen in der Provinz Kunduz ihre Taktik änderten und sich nicht mehr vor den Aufständischen in die Defensive drängen ließen. Es waren v.a. verstärkte Fallschirmjägereinheiten, die den Wandel zu einer offensiveren Vorgehensweise vorantrieben und dafür einen für die Verhältnisse der deutschen Nachkriegsgesellschaft ungewohnt hohen Blutzoll zu zahlen hatten.5) Ihnen gelang es, die Aufständischen aus dem südlichen Teil des Unruhedistriktes Chahar Darreh zu vertreiben6) und damit die Voraussetzung für die weitgehende Befriedung des nördlichen Distriktabschnittes durch verstärkte Panzergrenadiereinheiten im Folgejahr zu schaffen.7) Mit dem Übergang der ISAF in ihre Nachfolgemission „Resolute Support (RS)“ zum Jahresbeginn 2015 endete die verlustreichste Mission der Bundeswehr nach über 13 Jahren. Soldatinnen und Soldaten waren in Afghanistan das erste Mal in der Geschichte der Bundeswehr Teil eines Kampfeinsatzes unter umfassender Beteiligung von Bodentruppen. Wie nachhaltig ihr Einsatz und damit ihre Opfer waren, ist unterdessen höchstumstritten.8) Die einst latent stabile Lage in der Nordregion scheint inzwischen wieder zu einer Zone der Instabilität und Gewalt depraviert zu sein.9)


Staatsbürger in Uniform - Bewährung und Grenzen des Konzeptes

Das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform ist für alle Angehörigen der deutschen Streitkräfte bindend und Teil des offiziellen Selbstverständnisses und der Führungskultur der Bundeswehr. Als zentrales Element der Inneren Führung erwächst aus ihm die Bindung von Soldatinnen und Soldaten an die Werte und Normen des deutschen Grundgesetzes. Mit der Ableistung des soldatischen Eides werden zudem die Verpflichtungen zum treuen Dienen und zur tapferen Verteidigung von Recht und Freiheit des deutschen Volkes eingegangen. Sie schließen sowohl den Einsatz des eigenen Lebens und der eigenen Gesundheit, als auch das Töten im Kampf ein.10)

Die Innere Führung war seit ihrer offiziellen Etablierung in den 1950er-Jahren wiederkehrender Kritik ausgesetzt. Sie sollte den absoluten Vorrang des Zivilen in militärischen Fragen manifestieren und den Status des Militärs als Berater der Politik sichern. Jede Sonderrolle oder Abkapselung der Streitkräfte wollte man dadurch verhindern. Daran entzündete sich seinerzeit der Widerstand konservativer Kreise, die eine derartig tiefgehende Einmischung in innermilitärische Belange als Provokation empfanden. Noch Jahrzehnte nach ihrer offiziellen Einführung wurde die Innere Führung als „Inneres Gewürge“, „Weiche Welle“, „Feigenblatt“, „Maske“, „Humanitätsduselei“ oder „PR-Kampagne“ diffamiert. Die Truppe, die den Auftrag hatte, kampfbereite und kriegstaugliche Kräfte auszubilden, sah sich andererseits überzogenen Angriffen selbsternannter Wächter über die Konzeption ausgesetzt, die sich zunehmend verselbstständigte und allmählich ein Eigenleben entfaltete. Regelmäßig gab es ideologisch aufgeladene Auseinandersetzungen, v.a. um militärische Härte und Effizienz.11)

Resultierend aus den intensiven Jahren der Bundeswehr in Afghanistan ist das Konzept wieder zunehmend hinterfragt worden. Insbesondere wird die Wirksamkeit ihrer Grundsätze in Gefechtssituationen angezweifelt.12) Diese Entwicklung mag angesichts der Größe der deutschen Streitkräfte und der Singularität der Extremerfahrungen vergleichsweise unbedeutend erscheinen, sie erfährt möglicherweise aber auch eine systematische Marginalisierung durch die Politik und die höhere Militärführung. Auch vor dem Hintergrund aktueller sicherheits- und verteidigungspolitischer Entwicklungen muss sich die Innere Führung derzeit abermals einer Belastungsprobe unterziehen.13)

Im Folgenden soll ihre Bewährung im ISAF-Einsatz anhand unterschiedlicher Kriterien überprüft werden. Dabei wird auf die wesentlichen Argumente fokussiert, die in den jüngsten Debatten immer wieder für oder gegen die Innere Führung ins Feld geführt wurden. Es werden dabei zunächst die positiven Aspekte des Konzeptes hervorgehoben und der Blick anschließend auf kritikwürdige Faktoren gelenkt.


Allgemeine Bewährung

Zunächst gilt es herauszustellen, dass sich die Bundeswehr im Afghanistan-Einsatz insgesamt bewähren konnte. Sie hat sich zu großen Teilen als zuverlässiger Bündnispartner erwiesen und sich durch Anpassungen von Ausrüstung, Ausbildung und Strukturen im Zuge der Mission zu einer modernen Einsatzarmee entwickelt. Deutsche Soldatinnen und Soldaten haben unter hohen persönlichen Risiken an verschiedenen Einsatzorten, in überdehnten Verantwortungsräumen und unter widrigen klimatischen Bedingungen militärische und nicht-militärtypische Aufgaben übernommen. Sie haben lokale Sicherheitskräfte ausgebildet, den Aufbau des Landes unterstützt und sich im Kampf gegen Aufständische bewiesen. Für die zahlreichen Ambiguitäten und Dilemmata der Mission konnten sie praktikable Lösungen finden. Wo die anfänglich allzu ambitionierten Einsatzziele verfehlt wurden, lag das wohl kaum an den engagierten Männern und Frauen im Felde. Das kann auch als Beleg für die Bewährung der Inneren Führung und des Staatsbürgers in Uniform verstanden werden. Viele zweckmäßige Entscheidungen, die in Afghanistan auf operativer und militärtaktischer Ebene getroffen wurden, sind sicher zu einem nicht unwesentlichen Teil einer Prägung durch Streitkräfte zuzuschreiben, die sich gesellschaftlichen Normen verschrieben haben und fest in die Werte unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung eingebettet sind.


Vernetzte Sicherheit

Die Charakteristika Neuer Kriege haben zu der Erkenntnis geführt, dass rein militärische Strategien kaum dazu geeignet sind, nachhaltige Erfolge in Krisen- und Konfliktregionen zu erzielen. Deshalb wird zunehmend versucht, durch die Vernetzung unterschiedlicher politischer Ressorts und nichtstaatlicher Organisationen eine ganzheitliche Konfliktlösung herbeizuführen. Durch diesen „comprehensive approach“ ist nur noch in bestimmten Phasen von Einsätzen eine generelle militärische Autonomie auf dem Gefechtsfeld gegeben. Soldatinnen und Soldaten waren auch in Afghanistan nur einige unter weiteren Akteuren und haben gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt (AA) oder dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) an der Stabilisierung des Landes gearbeitet. In der Praxis haben sich dadurch auch die Anforderungen an das Militär geändert: Soldatinnen und Soldaten traten nicht nur als Kämpfer, sondern ebenso als Aufbau- und Entwicklungshelfer, Ausbilder, Polizisten oder Diplomaten auf. Es ist anzunehmen, dass ihnen das zivil ausgerichtete Selbstverständnis eine Erfüllung dieser vielschichtigen Aufgaben erleichtert hat. Zeitweise setzte sich das Truppenkontingent der ISAF zudem aus mehr als 130.000 Soldatinnen und Soldaten aus 50 Nationen zusammen. Die multinationale Zusammenarbeit in Stäben sowie an der Basis konnte nur durch eine Berücksichtigung verschiedener kultureller Denk- und Sichtweisen sowie ein Verständnis für die Multidimensionalität der Mission erreicht werden.

Einschränkend muss dennoch angemerkt werden, dass der Ansatz vernetzter Sicherheit nach wie vor von „Kompetenzstreitigkeiten, Eifersüchteleien und ideologische[n] Grabenkämpfe[n]“14) geprägt ist und er trotz seiner Alternativlosigkeit auf allen Seiten auch zu Ernüchterung geführt hat. Hier könnte möglicherweise eine klarere Aufgabenverteilung, in der das Militär gemäß seinem ureigenen Kernauftrag ein stabiles und sicheres Umfeld schafft und damit ein Zeitfenster für andere Akteure öffnet, zur Lösung praktischer Disharmonien beitragen. Ressortübergreifende Ausbildungsprogramme und die verstärkte Nutzung von Austauschdienstposten fördern das wechselseitige Verständnis unterschiedlicher organisationaler Logiken und Eigenheiten. An dieser Stelle mehr zu investieren, wird sich in zukünftigen Kriseneinsätzen sicher um ein Vielfaches bezahlt machen.


Verhinderung von Kriegsgräueln

Es gibt etliche historische und aktuelle Beispiele für die Verrohung im Kampfgraben und die schleichende Normalisierung des Tötens in kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Innere Führung leistet als zivilisierende und domestizierende Hemmschwelle ganz sicher einen entscheidenden Beitrag dazu, dass es vergleichsweise wenige Kriegsgräueltaten deutscher Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan gab und dass auch in Extremsituationen zivile Wertmaßstäbe in angemessenem Umfang erhalten blieben. Die Schöpfer der Inneren Führung waren überzeugt davon, dass Kriege die Tendenz zur Radikalisierung in sich tragen und in ihrem Verlaufe hemmungsloser werden. Die Gefahr, den Denkstil und perfide Kampfmethoden von Gegnern zu übernehmen, hielten sie für allgegenwärtig. Daraus leiteten sie die Notwendigkeit einer Führungsphilosophie ab, die Soldaten der freiheitlichen Welt robust genug machte, diesen sozialen Mechanismen des Krieges nicht zu erliegen. Um einer Fanatisierung und blindem Gehorsam Grenzen setzen zu können, waren ihrer Ansicht nach eine durch ethische Bildung gefestigte sittliche Urteilskraft, moralische Standhaftigkeit und eine Schärfung des Gewissens erforderlich.15)

Zu den wenigen ernsthaften Verfehlungen deutscher Soldaten zählt die 2006 ausgelöste „Totenschädelaffäre“, bei der Fotos bekannt wurden, auf denen sich Soldaten in Afghanistan in despektierlicher Weise mit sterblichen Überresten fotografieren ließen.16) Der durch die Innere Führung justierte ethische und moralische Wertekompass von Bundeswehrangehörigen hat derartige Ereignisse in größerem Umfang jedoch offenbar verhindern können. Als mündige Staatsbürger reflektierten und prüften sie ihre Aufträge offensichtlich tatsächlich gemäß den Grundsätzen unseres Leitbildes nicht nur unter militärischen, sondern auch unter rechtlichen und moralischen Gesichtspunkten.


Führen mit Auftrag

In einer etwas technisch klingenden Definition lässt sich Führung als steuerndes Einwirken auf Menschen zur Erreichung von Zielen beschreiben. Die Auftragstaktik ist eng mit der Inneren Führung verwoben und Kern der Führungsphilosophie in den deutschen Streitkräften. Sie beschreibt die Mitverantwortung für die Erreichung gemeinsamer Ziele durch die Gewährung von größtmöglicher Handlungsfreiheit in vorgegebenen Grenzen. Unter ihrem Siegel sind Soldatinnen und Soldaten aller Organisationsbereiche und Dienstgrade in Afghanistan zu Höchstform aufgelaufen und haben ein enormes Potenzial entfalten können. In stark überdehnten Verantwortungsbereichen haben deutsche Kampfverbände wie die Quick Reaction Force oder die Task Forces Kunduz und Mazar-e-Sharif sukzessive die Initiative gegen die Aufständischen zurückerlangt und militärische Erfolge erzielen können. Führer der taktischen Ebene haben sich in dynamischen und hochkomplexen Einsatzszenarien bewährt und in Operationen verbundener Kräfte Verantwortung getragen, die noch wenige Jahre zuvor eine weitaus höhere Dienststellung erfordert hätten.17) So haben deutsche Portepeeunteroffiziere in Afghanistan beispielsweise Patrouillen und Operationen auf Teileinheitsebene geführt, bei der sie direkt für 25 Gefechtsfahrzeuge und über einhundert Soldatinnen und Soldaten verantwortlich waren. Weitere Belege für die Bewährung der Auftragstaktik sind knapp 5.500 in Afghanistan verliehene „Gefechtsmedaillen“ und in außerordentlicher Weise die Träger der 29 verliehenen „Ehrenkreuze der Bundeswehr für Tapferkeit“.

Die sich durch die Robotisierung und neue technische Entwicklungen sowie die „casualty shyness“ westlicher Gesellschaften abzeichnende Tendenz zur militärischen „Entpersonifizierung“ des Gefechtsfeldes geht jedoch mit einer neuen Gefährdung des Führungsprinzips einher: Beispielsweise bieten in Echtzeit übertragene Drohnen- oder Jetbilder die Möglichkeit, Mikromanagement zu betreiben und über viele Führungsebenen hinweg direkt einzugreifen. Das Phänomen der erhöhten geographischen Distanz vom Geschehen bei gleichzeitig zunehmender Involviertheit kann als Problematik der „taktischen Generäle“ bezeichnet werden. Auch für deutsche Kampftruppen in Afghanistan wurden Echtzeitaufnahmen zweckentfremdet, um Fahrzeugabstände zu verbessern, die Einhaltung der Anzugordnung zu überwachen oder Einzelpersonen von höchster Ebene zu führen. So hilfreich dieses Durchgreifen oft gemeint sein mochte - die Verantwortung und das Gespür für die Situation liegen noch immer bei den Führern vor Ort, weshalb sich diese gelegentlich nur mit einer Unterbrechung der Funkverbindung zu helfen wussten. Die verbesserten technischen Möglichkeiten dürfen nicht dazu verleiten, Führungsebenen zu ignorieren und damit das Vertrauen der unterstellten Soldatinnen und Soldaten zu riskieren.18) Dass es immer wieder Schwierigkeiten in der praktischen Umsetzung der Auftragstaktik gibt und Vorgesetzte über mehrere Führungsebenen hinweg befehlen, ist auch von der Persönlichkeit der handelnden Personen abhängig und wird sich nie gänzlich ausschließen lassen können. In Grenzbereichen militärischen Wirkens kann eine temporäre Verletzung des Prinzips zudem durchaus sinnvoll und notwendig sein.


Fürsorge

Die Fürsorge für Soldatinnen und Soldaten gehört zu den Gestaltungsfeldern der Inneren Führung. Es gibt zudem eine durch das deutsche Soldatengesetz definierte Fürsorgepflicht, die das ständige Bemühen umfasst, Untergebene vor Schaden und Nachteilen zu bewahren. In den in Afghanistan eingesetzten Verbänden und Einheiten gab es über alle Dienstgradgruppen hinweg unzählige Beispiele für eine umfassende und ehrlich gelebte Fürsorge. Ob es um die Versorgung mit Lebensmitteln und Kommunikationsmöglichkeiten, die Gewährung von entlastendem Freizeitausgleich oder die über Formalitäten hinausgehende Hilfe bei persönlichen Problemen war - der Fürsorgegedanke schien gerade auf der Arbeitsebene stark ausgeprägt zu sein und hat in vielen Bereichen ein kameradschaftliches Miteinander bei der Bewältigung von Strapazen ermöglicht.

Erweitert man das Verständnis von Fürsorge vertikal, lassen sich andererseits Belege dafür finden, dass es durchaus auch praktische Schwächen und Umsetzungsschwierigkeiten gab: Die kontinuierliche Ausweitung des ISAF-Mandates und die ununterbrochen hohe Auftragsdichte im Heimatdienst haben insbesondere das deutsche Heer zeitweise an seine Belastungsgrenze herangeführt. Bürokratie, Materialengpässe bei Waffen und Großgerät und parallel zur Ausbildung laufende Lehrgänge haben schon die Einsatzvorbereitung erschwert und sie für einige Soldatinnen und Soldaten zu einer regelrechten Hetzjagd an der Grenze des Verantwortbaren werden lassen. Die negativen Auswirkungen dieser hohen Belastungen auf die psychische Gesundheit und das Familienleben schon im Vorfeld von Einsätzen wurden oft ignoriert oder unterschätzt. Der Tod von drei Bundeswehrsoldaten, die im Juni 2009 während eines Gefechtes mit ihrem Transportpanzer in ein Flussbett gestürzt und ertrunken waren, hat seinerzeit sehr kritische Fragen zu den Rahmenbedingungen der Einsatzvorausbildung aufgeworfen.

Die Schaffung angemessener zeitlicher und inhaltlicher Rahmenbedingungen für die Einsatzvorbereitung erforderte gerade in der Hochphase der Kontingenteinsätze einigen Nachbesserungsbedarf. Auch in Bezug auf die Einsatzrückkehr waren Politik und Bundeswehr im Rahmen der Fürsorge mit einer Reihe von Problemen konfrontiert, auf die sie nicht ausreichend vorbereitet waren. So berichteten allein die Hälfte aller 2009 im ISAF-Einsatz befindlichen Bundeswehrangehörigen über traumatische Erlebnisse.19) 46% der 2010 durch das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr befragten Einsatzsoldatinnen und -soldaten gaben an, feindlichen Beschuss erlebt zu haben, und 37%, mit dem Tod von Kameraden konfrontiert gewesen zu sein.20) Mit der stetigen Zunahme von Gefechtshandlungen ab dem Jahre 2008 stieg auch die Anzahl der Behandlungen von Posttraumatischen Belastungsstörungen deutscher Soldatinnen und Soldaten in Bundeswehrkrankenhäusern rapide an - von 83 Behandlungen im Jahr 2006 auf 149 im Jahr 2007, 245 im Jahr 2008, 466 im Jahr 2009, 729 im Jahr 2010, 922 im Jahr 2011 und auf 1.143 Behandlungen im Jahr 2012.21)

Hinterbliebene, Verwundete und Traumatisierte wurden oft mit einem überforderten Umfeld konfrontiert, in dem sie sich im Kampf um ihre legitimen Ansprüche allein gelassen fühlten.22) Erst mit Initiativen wie dem Lotsen-Konzept, der Ansprechstelle für Hinterbliebene, dem Psychotraumazentrum der Bundeswehr oder dem Einsatzweiterverwendungsgesetz wurden Grundlagen geschaffen, die einen würdigen Umgang und eine adäquate Versorgung sicherstellen konnten. Hier gilt es positiv anzuerkennen, dass die Bundeswehr seit den intensiven Jahren der ISAF-Mission in diesem Bereich eine deutliche Entwicklung vollzogen und sich umfassend modernisiert hat. Wie die Forderungen der neuen deutschen Veteranenverbände zeigen, gibt es noch immer Nachbesserungsbedarf, jedoch erfolgt die Versorgung von Einsatzveteranen auch im internationalen Vergleich inzwischen auf einem guten Niveau.23)


Abstraktheit

Gegenüber Schlagworten und plakativen Verhaltenskodizes wie z.B. den „basic values“ der US-amerikanischen oder den „Army core values“ der britischen Landstreitkräfte erscheint die Innere Führung ausgesprochen komplex und abstrakt.24) Das kann als Vorteil angesehen werden, da sie insbesondere im weiten Spektrum soldatischer Rollen in neuen Kriegen eine Möglichkeit bietet, weiterhin allumfassende Gültigkeit zu besitzen und auf die unterschiedlichen Umfelder adaptiert werden zu können. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr einer beliebigen Interpretation und Auslegung der Konzeption. Statt greifbarer Handlungsanleitungen für Soldatinnen und Soldaten im Felde verschwimmen klare Konturen in einem undurchsichtigen „Wortbrei“ von Selbstverständlichkeiten und Meinungen: „Wer sich die Mühe macht, die aktuelle Vorschrift zu lesen, wird wieder eine gut formulierte Sammlung von Allgemeinplätzen finden, jedenfalls nichts, was nicht durch die Verfassung oder Gesetze längst geregelt ist.“25) Es lässt sich darüber hinaus kaum erschließen, wie das in der gültigen Vorschrift geforderte Eintreten für Werte wie „Menschenwürde, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität und Demokratie“26) mit der Wirklichkeit in Konfliktregionen wie Afghanistan in Übereinstimmung gebracht werden soll. Die Schere zwischen Theorie und Praxis wurde während der ISAF-Mission so groß, dass die Innere Führung für Teile der Soldatinnen und Soldaten erheblich an Relevanz verlor und sich diese vom Konzept abwandten.27)


Freundliches Desinteresse

Was gegen eine Bewährung der Inneren Führung spricht, findet sich bei einem genauen Blick auf die Extremerfahrungen von Bundeswehrangehörigen, insbesondere zwischen 2008 und 2011 in den Provinzen Kunduz und Baghlan. Das immerwährende Gefühl, von der politischen Leitung unzureichend unterstützt und von der deutschen Öffentlichkeit nicht wahrgenommen zu werden, begleitete Tausende Soldatinnen und Soldaten in ihrer Einsatzzeit und einige von ihnen noch bis heute. Auch wenn die militärische Umfrageforschung immer wieder das Gegenteil zu belegen sucht,28) war gerade die Klage von in existenziellen Kämpfen befindlichen deutschen Soldatinnen und Soldaten über die mangelnde Anerkennung in der Heimat ein „Lamento in der Dauerschleife“.29) Insbesondere Kampfeinsätze kommen in der friedensgesellschaftlichen Logik einem Tabubruch gleich und stoßen auf erheblichen Widerstand.

Die deutsche Gesellschaft möchte die mitunter brutale Realität von Bundeswehreinsätzen und deren Folgen nicht so recht akzeptieren und empfindet sie schon gar nicht als kollektives Schicksal. Dass unkomfortable Kriegsthemen gerne aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden, zeigt sich etwa am Umgang der Deutschen mit ihren knapp 380.000 Einsatzveteranen. Die ohnehin seltenen offiziellen Gesten der Verbundenheit durch die Politik und Interessenverbände sind dabei noch etwas anderes als eine ehrliche und breite gesellschaftliche Anteilnahme und Akzeptanz. Eine militärskeptische Haltung mag angesichts der Erfahrungen zweier Weltkriege und des Nationalsozialismus historisch nachvollziehbar sein, sie droht jedoch zu einer tiefen Entfremdung beizutragen, wenn die Bundeswehr gemäß politischen Vorgaben weltweit an kriegerischen Auseinandersetzungen teilnimmt. Und das tut sie inzwischen seit mehr als 25 Jahren.30)

Angesichts des grundsätzlichen Desinteresses und der Unbehaglichkeit gegenüber allem Militärischen stellt sich die Frage, ob die von der Inneren Führung angestrebte Verankerung der Bundeswehr in der Gesellschaft als Einbahnstraße funktionieren kann. Weicht die soldatische Realität erheblich vom Leitbild des Staatsbürgers in Uniform ab und lässt die Gesellschaft dauerhaft kein Interesse an ihren Soldatinnen und Soldaten erkennen, werden diese sich - identitätssichernd - ihr eigenes Leitbild schaffen und diesem folgen. Eine solche Leitbildselbstkonstruktion ebnet einem Kämpferpathos und einem Selbstverständnis den Weg, das sich als Kontrapunkt zur Gesellschaft versteht.31) Die Innere Führung liefert auf dieses unharmonische Verhältnis derzeit keine glaubhafte und schlüssige Antwort. Dem Anspruch einer Armee in der Mitte der Gesellschaft lässt sich auch angesichts einer generellen Verkleinerung und Professionalisierung der Streitkräfte, von Standortschließungen und der Aussetzung der Allgemeinen Wehrpflicht nur noch schwer gerecht werden.


Individualisierungstendenzen

Der zunehmende Individualisierungsdrang in der deutschen Wohlstandsgesellschaft wirkt sich auch auf das innere Gefüge der Bundeswehr aus. Da sich die deutschen Streitkräfte als Spiegelbild der Gesellschaft verstehen, ist es nachvollziehbar, dass sie sich auch mit Veränderungen des Zeitgeistes oder etwa modischen Trends auseinandersetzen müssen. Diese Entwicklungen lieferten sowohl in Afghanistan als auch in anderen Auslandseinsätzen sowie im heimatlichen Grundbetrieb ein erhebliches Spannungspotenzial. Bekannt geworden sind beispielsweise Debatten über die individuelle Auslegung der Anzugordnung, über das Tragen von Bärten und ausgefallenen Frisuren oder die Legitimität von Tätowierungen und Ohrringen.32) Wenn Einigkeit darüber besteht, dass eine Kampfgemeinschaft im Ernstfall nur effektiv funktionieren kann, wenn sie eine starke Bindung und Geschlossenheit entwickelt, ist fraglich, ob die uneingeschränkte Berücksichtigung gesellschaftlicher Werte wirklich nutzbringend ist oder ob ein explizites Gegenmodell und ein klares Bekenntnis zu soldatischen Tugenden wie Tapferkeit, Korpsgeist und Ehre in Teilbereichen ein realitätsbezogeneres und damit glaubhafteres Selbstverständnis formen kann.33) Es kann nicht abgestritten werden, dass sich die große Vielfalt an Lebensentwürfen, Interessenlagen und Weltsichten nur begrenzt zur nahtlosen Übertragung in alle Bereiche der Bundeswehr eignet. Möglicherweise kann eine differenzierte Hervorhebung gesellschaftlicher Werte, die auch militärische Relevanz haben, einen Kompromiss zwischen diesen Positionen darstellen. Denkbar wären etwa allgemein akzeptierte Werte wie Courage, Treue, Teamgeist und Zusammenhalt.


Schönfärberei

Der wohl schwerste Vorwurf, den sich die Innere Führung mit Blick auf den ISAF-Einsatz gefallen lassen muss, ist der der Blindheit gegenüber den Veränderungen der Sicherheitslage während der Mission. Entgegen der Kriegsrealität, die deutsche Truppen erfahren mussten, gab man sich in der Heimat langanhaltend der unveränderten Illusion eines humanitär orientierten Stabilisierungseinsatzes hin. Offenbar waren auch viele verantwortliche Offiziere noch stark in antiquierten Denkmustern des Kalten Krieges verhaftet und haben nicht nachdrücklich genug auf Ausrüstungsmängel und Fehlentwicklungen in Afghanistan hingewiesen. Die vorherrschende Kultur der Bundeswehr war offensichtlich darauf ausgerichtet, den Wunsch der Politik zu erfüllen, die „Defensiv-Legende“34) zu nähren und den unpopulären Eindruck eines Krieges zu vermeiden. Mitunter sind Forderungen der vor Ort befindlichen Kräfte ungehört in der Militärbürokratie versickert, noch bevor sie die Entscheidungsetagen in Berlin erreichen konnten. Auf höheren Ebenen wurden oft angepasste Meldungen erwartet, und wer ungeschönt berichtete, musste damit rechnen, als Querulant abgestempelt zu werden. Diese „progressive Sachstandsverdünnung nach oben“35) war ein Kritikfilter, der in eine fatale Verkennung der Wirklichkeit mündete.

Ob nun aus Absicherungsdenken, Opportunitätserwägungen, Karrierestreben oder Unwissenheit: Es scheint zu oft an Mut und Willen zur Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber Politikern und höheren Vorgesetzten gefehlt zu haben. Durch das zivil geprägte Selbstverständnis waren viele Soldatinnen und Soldaten offensichtlich nicht fähig oder willens, die Intensivierung der Situation für deutsche Bodentruppen in Afghanistan rechtzeitig wahrzunehmen und anzuerkennen. Während alliierte Verbündete die riskante Lage im Land früh registriert und darauf reagiert haben, war es erst der Anschlag auf einen ungepanzerten Bus im Juni 2003 mit vier gefallenen und 29 verwundeten Bundeswehrsoldaten, der zu einem allmählichen Aufwachen und Umdenken führte. Anschläge auf deutsche Kräfte wurden bis dahin gemeinhin noch als Versehen oder Missverständnisse interpretiert, und wie im Kosovo-Einsatz wurden gepanzerte Fahrzeuge als Faktoren einer Konflikteskalation verstanden.36)

Ausrüstung, Ausbildung und Material wurden jedoch teilweise noch lange nach diesem Zwischenfall nur halbherzig und inkonsequent an die reale Lage am Hindukusch angepasst. Das breite Unverständnis für das Kunduz-Bombardement im September 2009, die jahrelange Weigerung der Nutzung einer Kriegsterminologie, Werbespots, in denen keinerlei Bezüge zum soldatischen Wesenskern erkennbar waren, sowie die späte Verlegung der Panzerhaubitze 2000 und die mit fragwürdigen Begründungen bis zuletzt zurückgehaltene Verlegung von Kampfpanzern der Bundeswehr nach Afghanistan sind traurige Belege dafür, dass die Situation im Einsatzland selbst in der Hochphase der kriegerischen Auseinandersetzungen noch nicht in den Köpfen von Politik, Öffentlichkeit und Militärführung angekommen war.37)


Resümee

Ein Blick auf die Bewährung der Inneren Führung während des ISAF-Einsatzes führt zu keinem eindeutigen Ergebnis. Die verschiedenen Positionen können nicht immer trennscharf voneinander abgegrenzt werden und sind keine systematische Analyse der Gestaltungsfelder der Inneren Führung.38) Sie stellen stattdessen wiederkehrende Argumente in der Debatte um den Sinn, die Fehler und die Lehren des ISAF-Einsatzes dar. Damit können sie als Grundgefühl der militärischen Basis interpretiert werden, wobei sie keinen Absolutheitsanspruch erheben, sondern als Impuls für den konstruktiven wissenschaftlichen, militärischen und öffentlichen Diskurs verstanden werden sollen. Einschränkend ist zudem anzumerken, dass kaum angenommen werden kann, dass die Innere Führung allein für alles Genannte „haftbar“ gemacht werden kann. Dazu sind viele Problemfelder zu komplex und oftmals sehr vom Berufsverständnis und der Persönlichkeit einzelner Soldatinnen und Soldaten abhängig. Als Ausdruck von Selbstverständnis und Führungskultur der deutschen Streitkräfte hat sie aber sicherlich ihren Anteil an den beschriebenen Entwicklungen. Wie gewichtig dieser ist, sollte Gegenstand einer umfassenden Debatte werden. Auch wenn die positiven Aspekte des Konzeptes als Beleg für seine generelle Bewährung gedeutet werden können, sind die negativen Faktoren von so großer Wichtigkeit, dass sie nicht unbeachtet bleiben dürfen. Der Inneren Führung auch heute noch pauschal das Siegel einer beispiellosen Erfolgsgeschichte zu verleihen, stellt eine unredliche Überhöhung dar, und es besteht die Gefahr, dass sie vielmehr zum bloßen Lippenbekenntnis verkommt. In der Gesamtschau muss zumindest geschlussfolgert werden, dass es einer Debatte um die Unternehmensphilosophie und den inneren Zustand der Bundeswehr bedarf. Diese sollte ergebnisoffen erfolgen und ohne den kategorischen Ausschluss alternativer Modelle, die sich eng an Konzeptionen verbündeter Streitkräfte orientieren könnten, geführt werden. Es lässt sich erkennen, dass es erfolgreiche Bereiche der Inneren Führung gibt und dass sich ein Diskurs um die Erweiterung oder Neugestaltung des Konzeptes sowie seine Anpassung an die geänderten gesellschaftlichen, politischen und militärischen Rahmenbedingungen lohnt.

Durch eine Kultur der Ehrlichkeit und Offenheit können Fehler, die während der Afghanistan-Mission geschehen sind, zukünftig hoffentlich verhindert werden. Dabei sollen weder das Primat der Politik noch die Gehorsamspflicht gegenüber Vorgesetzten angezweifelt werden. Mit Blick auf die Lehren dieses Einsatzes liegt es aber in der Verantwortung aller Beteiligten, ihre Vorgesetzten und gegebenenfalls politische Entscheidungsträger mit der Situation in den Einsatzländern vertraut zu machen und daraus abgeleitete Forderungen hartnäckig zu stellen, ohne dadurch Karrierenachteile fürchten zu müssen. Dass die Lektionen des Afghanistan-Einsatzes konserviert und niemals vergessen werden, bleiben wir nicht zuletzt unseren Gefallenen, Verwundeten und Hinterbliebenen schuldig.

Für die Bundeswehr und ihre Verbündeten macht ein Blick in die Zukunft einen Großeinsatz im Stile der ISAF-Mission auf absehbare Zeit unwahrscheinlich, da die moralischen, politischen und finanziellen Folgen des Engagements sehr schwer wiegen. Spätestens nach den einvernehmlichen Ausführungen des deutschen Bundespräsidenten, des Außenministers sowie der Bundesministerin der Verteidigung auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Jahre 2014 ist allerdings klar geworden, dass sich Deutschland künftig verstärkt in die Lösung weltweiter Krisen und Konflikte einbringen und eine aktivere Rolle in der Außen- und Sicherheitspolitik spielen wird.

Konfliktherde, die auch unseren Wohlstand bedrohen und potenzielle Szenarien für Einsätze unserer Streitkräfte darstellen, zeichnen sich darüber hinaus vom nordafrikanischen Bogen bis hin zur türkischen Grenze ab. Wie sich die andauernde Krise zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine langfristig auf das weltweite Sicherheitsgefüge und die internationale Verteidigungspolitik auswirken wird, bleibt nach wie vor unklar. Sie hat zunächst zu einer stärkeren Fokussierung auf die hybride Kriegführung geführt, die den asymmetrischen Charakter Neuer Kriege mit der konventionellen Bedrohung durch reguläre Streitkräfte verbindet und damit die Grenzen von staatlichem und nichtstaatlichem Handeln verwischt.

In jedem Falle ist die Beteiligung der deutschen Bundeswehr an den Einsätzen in Mali, im Sudan und vor der Küste Somalias vermutlich nur ein Vorbote dessen, was ihre Soldatinnen und Soldaten in den kommenden Jahren auf dem afrikanischen Kontinent und anderswo erwarten wird. Sie werden wieder mit hartnäckig und heimtückisch kämpfenden Gegnern konfrontiert sein und über kurz oder lang auch in diesen Regionen ihr Leben lassen müssen. Angesichts dieser Prognosen wäre es ein schweres Versäumnis, die Lehren von ISAF in Vergessenheit geraten zu lassen.


ANMERKUNGEN:


1) Vgl. Herfried Münkler: Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 21. Jahrhundert. Rowohlt: Berlin 2015, S.161; Herfried Münkler (2006): Was ist neu an den neuen Kriegen? - Eine Erwiderung auf die Kritiker. In: A. Geis (Hrsg.): Den Krieg überdenken. Kriegsbegriffe und Kriegstheorien in der Kontroverse. Nomos: Baden-Baden, S.133-150, hier S.134; Marcel Bohnert: Innere Führung auf dem Prüfstand. Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. DeutscherVeteranenVerlag, Hamburg 2017a, S.46; Im Laufe der Geschichte traten einzelne Merkmale dieser Kriegsform bereits auf; das spezifisch Neue ist ihre Gleichzeitigkeit und ihr Zusammenspiel (Vgl. Münkler, 2006, S.143f.; dazu kritisch: Harald Kleinschmidt: Wie neu sind die „Neuen Kriege“? Kriegsdenken im langen 20. Jahrhundert. In: V. Gerhardt, C. Kauffmann, H.-C. Kraus, R. Mehring, P. Nitschke, H. Ottmann, M.P. Thompson & B. Zehnpfennig (Hrsg.): Politisches Denken Jahrbuch 2014. Duncker & Humblot: Berlin 2014, S.155-182, hier S.182.

2) Vgl. Herfried Münkler: Die neuen Kriege (2. Auflage). Rowohlt: Hamburg 2002, S.144ff.

3) Vgl. u.a. Ahmed Rashid: Taliban. Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch. C.H. Beck: München 2010, S.15ff.; Elmar Wiesendahl: Athen oder Sparta - Bundeswehr quo vadis? Edition Temmen: Bremen 2010, S.15ff.

4) Der deutsche Kommandeur des örtlichen Provincial Reconstruction Teams (PRT), der damalige Oberst Georg Klein, hatte in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2009 zwei von radikal-islamischen Taliban gekaperte Tanklastzüge angreifen lassen und dabei eine hohe Zahl an Menschen getötet, unter ihnen vermutlich auch viele Zivilisten. Durch diesen „Paukenschlag“ wurde der Wandel der Bedrohungslage auch in der deutschen Öffentlichkeit überdeutlich.

5) Über fünfzig Bundeswehrsoldaten haben in Afghanistan ihr Leben verloren, fünfunddreißig davon bei Anschlägen und Gefechten. Mehr als dreihundert wurden verwundet und viele tausend traumatisiert.

6) Vgl. Johannes Clair: Vier Tage im November. Mein Kampfeinsatz in Afghanistan. Econ: Berlin 2012, S.366ff.; Christian v. Blumröder: Shape, Clear, Hold, Build - Die Operation Halmazag des Ausbildungs- und Schutzbataillons Kunduz. In: R. Schroeder/S. Hansen (Hrsg.): Stabilisierungseinsätze als gesamtstaatliche Aufgabe Erfahrungen und Lehren aus dem deutschen Afghanistaneinsatz zwischen Staatsaufbau und Aufstandsbewältigung (COIN). Nomos: Baden-Baden 2015, S.233-244.

7) Vgl. Neil Shea: Ready for a fight. German soldiers’ Afghan Mission shifts from Reconstrucion and Training to Engaging Enemy. Stars and Stripes, 9.1.2012, pp. 16-17, hier S.17; Eric Chauvistré/Christoph Bangert: Auf Montage. NEON, 2012, 1, S.20-30, hier S.20ff.

8) Die Ergebnisse eines Einsatzes ohne fest umrissene politische Weisungen sowie klare, transparente und verifizierbare Zielkriterien lassen sich nicht seriös bewerten. Deshalb ist eine abschließende Bilanzierung der Afghanistanmission zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich. Die historische Bewertung von ISAF wird maßgeblich von der Entwicklung des Landes in den kommenden Jahren beeinflusst sein. Die zwischen 2010 und 2014 ressortgemeinsam erstellten offiziellen „Fortschrittsberichte Afghanistan“ sind teilweise ausgesprochen kritisch verfasst und erlauben einen guten Einblick in die vorläufigen Bilanzen des Engagements am Hindukusch (Vgl. u.a. Die Bundesregierung: Fortschrittsbericht Afghanistan zur Unterrichtung des Deutschen Bundestages. Dezember 2010. S.9ff.; Michael Koch: Zwischenbilanz des Afghanistan-Engagements. In: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.): Fortschrittsbericht Afghanistan 2014 zur Unterrichtung des Deutschen Bundestages, auch über den Abschluss der Beteiligung deutscher Streitkräfte am Einsatz der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe in Afghanistan („ISAF-Abschlussbericht“). Die Bundesregierung: Berlin 2014, S.36-66, hier S.60ff.).

9) Die schwersten Gefechte führte die Bundeswehr im Distrikt Chahar Darreh in der nordafghanischen Kunduz-Provinz. Die großen Geländegewinne, die verstärkte Kampfeinheiten hier mit der Unterstützung afghanischer Sicherheitskräfte verzeichnen konnten, sind Medienberichten zufolge inzwischen verpufft.

10) Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): Zentrale Dienstvorschrift A-2600/1: Innere Führung. Selbstverständnis und Führungskultur. Berlin 2008, S.3ff.

11) Vgl. Rudolf Hamann: Armee im Abseits? Hoffmann und Campe: Hamburg 1972, S.51f.; Rudolf Hamann: Abschied vom Staatsbürger in Uniform. Fünf Thesen zum Verfall der Inneren Führung. In: D. Bald, H.G. Fröhling, J. Groß & C.v. Rosen (Hrsg.): Zurückgestutzt, sinnentleert, unverstanden: Die Innere Führung der Bundeswehr. Nomos: Baden-Baden 2008, S.27-47, hier S.31; Bohnert, 2017a, S.40; Jan Philipp Birkhoff: Führen trotz Auftrag. Zur Rolle des militärischen Führers in der postheroischen Gesellschaft. In: M. Bohnert/L.J. Reitstetter (Hrsg.): Armee im Aufbruch. Zur Gedankenwelt junger Offiziere in den Kampftruppen der Bundeswehr. Miles: Berlin 2014, S.107-131, hier S.107ff. Jürgen Weigt: Führungskultur und soldatisches Ethos der Bundeswehr im Einsatz. In: T. Bohrmann/K. H. Lather/F. Lohmann (Hrsg.): Handbuch Militärische Berufsethik, Band 2: Anwendungsfelder. Springer: Wiesbaden 2014, S.243-261, hier S.244. Dieses grundlegende Spannungsverhältnis spiegelt sich im Richtungsstreit der geistigen Denkschulen von „Athen“ und „Sparta“ wider (Vgl. Wiedendahl, 2010; Bohnert, 2017a, S.26ff.)

12) Vgl. Elmar Wiesendahl: Bundeswehr ohne Halt. Zu Fehlentwicklungen der Inneren Führung. Ethik und Militär, 1, S.43-47, hier S.40ff, 2016; Birkhoff, 2014, S.107ff.

13) Einen guten Überblick über die aktuellen Diskussionen um die Innere Führung liefert das seit 2009 im Miles-Verlag erscheinende „Jahrbuch Innere Führung“.

14) Marco Seliger: Lektionen des Krieges. Loyal. Magazin für Sicherheitspolitik, 2013, 5, S.14-21, hier S.19.

15) Vgl. Wolf Graf von Baudissin: Gedanken zum Kriegsbild. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: Bonn 1964, S.4ff.

16) Vgl. Julian Reichelt/Jan Meyer: Ruhet in Frieden, Soldaten! Wie Politik und Bundeswehr die Wahrheit über Afghanistan vertuschen (3. Auflage). Fackelträger: Köln 2010, S.60ff.

17) Vgl. u.a. Blumröder, 2015, S.233ff.; Marc Lindemann: Rückblick auf einen Krieg. Y-Magazin der Bundeswehr, 2, 2015, S.26-33, hier S.26ff.; Chauvistré/Bangert, 2012, S.20ff.; Shea, 2012, pp.16f.

18) Vgl. Bohnert, 2014, S.28f.; Chiara Ruffa/Christopher Dandeker/Pascal Vennesson (2013): Soldiers drawn into politics? The influence of tactics in civil-military relations. Small Wars & Insurgencies, 2, 2013, pp. 322-334, hier p.322ff.

19) Vgl. Hans-Ulrich et al. Wittchen: Traumatische Ereignisse und posttraumatische Belastungsstörungen bei im Auslandseinsatz eingesetzten Soldaten. Wie hoch ist die Dunkelziffer? Deutsches Ärzteblatt 35/36, 2012, S.559-568, hier S.562.

20) Vgl. Anja Seiffert: Aus der empirischen Feldforschung - Wofür riskieren Soldaten ihr Leben? In: A. Bach & W. Sauer (Hrsg.): Schützen, Kämpfen, Retten - Dienen für Deutschland. Miles: Berlin 2016, S.213-225, hier S.219.

21) Vgl. Statista.com: Behandlungen von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) in Bundeswehrkrankenhäusern 2004 bis 2013 (letzter Abruf: 28. Jänner 2019).

22) Vgl. dazu die zahlreichen Beiträge. In: Marcel Bohnert/Björn Schreiber: Die unsichtbaren Veteranen. Kriegsheimkehrer in der deutschen Gesellschaft. Limitierte Sonderedition. DeutscherVeteranenVerlag: Hamburg 2018.

23) Vgl. u.a. Bohnert/Schreiber, 2018, S.7f.

24) Basic Values der US-Army: Loyalty, Duty, Respect, Selfless Service, Honor, Integrity, Personal Courage (LDRSHIP), British Army Core Values: Selfless Commitment, Respect for Others, Loyalty, Integrity, Discipline, Courage; s.a. Wiesendahl, 2010, S.46f.

25) Stefan Knoll: „Ein wahrer Wortbrei“ Das Konzept der „Inneren Führung“ ist inhaltsleer. Was wir brauchen, ist ein neuer Korpsgeist. Loyal - Magazin für Sicherheitspolitik, 9, 2017, S.30-31, hier S.31.

26) Bundesministerium der Verteidigung, 2008, S.7.

27) Vgl. u.a. Wiesendahl, 2010, S.6ff.; s.a. Bohnert, 2017a, S.88.

28) Vgl. Heiko Biehl: Aus den Augen, aus dem Sinn? Überlegungen zur gesellschaftlichen Integration der Bundeswehr nach Aussetzung der Wehrpflicht. In: U. Hartmann/C.v. Rosen/C. Walther (Hrsg.): Jahrbuch Innere Führung 2012. Der Soldatenberuf im Spagat zwischen gesellschaftlicher Integration und sui generis-Ansprüchen. Gedanken zur Weiterentwicklung der Inneren Führung. Miles: Berlin 2012, S.53-72, hier S.55ff.

29) Michael Schmidt: Leben am Limit. Der Tagesspiegel, 19.12.2010.; s.a. Bensch, 2010, S.82; Axel Bollmann: Freundliches Desinteresse. Empirische Studie über Soldaten und das Bedürfnis nach Anerkennung. In: M. Bohnert/B. Schreiber (Hrsg.): Die unsichtbaren Veteranen. Kriegsheimkehrer in der deutschen Gesellschaft. Miles: Berlin 2016, S.173-194.

30) Anfang November 1991 betraten deutsche Vorauskommandos im Rahmen der Operation UNAMIC (United Nations Advance Mission in Cambodia) erstmals kambodschanischen Boden, um die Teilnahme der Bundeswehr an einer Mission der Vereinten Nationen vorzubereiten. Ab 1992 nahmen rund 150 Sanitätssoldatinnen und -soldaten an der internationalen Mission UNTAC (United Nations Transitional Authority in Cambodia) teil und stellten damit das erste deutsche Truppenkontingent signifikanter Größe in einem Auslandseinsatz. Als erster Kampfeinsatz der Bundeswehr gilt die Bombardierung serbischer Stellungen durch Tornados der deutschen Luftwaffe 1999 im Rahmen der NATO-geführten Operation „Allied Force“ im damaligen Jugoslawien. Der darauffolgende Einsatz der KFOR (Kosovo Forces) dauert bis heute an und stellt damit die bisher längste Beteiligung von Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten an einer Auslandsmission dar.

31) Vgl. Gottfried Küenzlen: Kämpfer in postheroischer Zeit? In: M. Böcker/L. Kempf/F. Springer (Hrsg.): Soldatentum. Auf der Suche nach Identität und Berufung der Bundeswehr heute. Olzog: München 2013, S.109-125, hier S.120; Carlo Masala: Soldat und Söldner. Demokratie und Schlagkraft. In: M. Böcker/L. Kempf/F. Springer (Hrsg.): Soldatentum. Auf der Suche nach Identität und Berufung der Bundeswehr heute. Olzog: München 2013, S.63-74, hier S.66f.

32) Vgl. Marcel Bohnert: Die Multiformträger. Anmerkungen zur Anzugordnung in Afghanistan. Der Panzergrenadier, 2, 2013, S.35-37, hier S.35ff.

33) Vgl. Birkhoff, 2014. S.117ff.; Marcel Bohnert: Über Korpsgeist und Kampftruppen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. April 2017, S.8. Bohnert, 2017b, S.165.

34) Hans-Ulrich Jörges: Die Lügen des Krieges. Stern, 52, 2009, S.42.

35) Hans-Christian Beck: Warum benötigt die Bundeswehr eine Führungskultur und ein soldatisches Leitbild? In: A. Bach & W. Sauer (Hrsg.): Schützen, Kämpfen, Retten - Dienen für Deutschland. Miles: Berlin 2016, S.31-41, hier S.38.

36) Vgl. Lindemann, 2015, S.28ff.

37) Vgl. Marcel Bohnert: Zur Notwendigkeit lagebezogener Einsatzregeln für Soldatinnen und Soldaten in Auslandsmissionen. In: F. Forster/S. Vugrin/L. Wessendorff (Hrsg.): Das Zeitalter der Einsatzarmee. Herausforderungen für Recht und Ethik. Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag, 2014b, S.131-140, hier S.132ff.

38) Eine umfangreiche systematische Analyse auf Grundlage einer Expertenbefragung findet sich in: Bohnert, 2017b.