Dschihadismus im Irak - Ein Update

Andreas Armborst

 

Teil 2 dieser Aufsatzreihe[1]) zeigt, wie sich der Dschihadismus im Irak von seiner fast vollständigen Zerschlagung im Jahr 2010 erholt hat und wie er sich seitdem zu einem ernst zu nehmenden politischen und militärischen Akteur im Irak und in Syrien entwickelt hat, der im Sommer 2014 die Welt abermals in Atem hält. Der Text fasst Beiträge von Denkfabriken und Journalisten zu diesem Thema zusammen und gibt dem Leser dadurch einen knappen Überblick über die wesentlichen Wendepunkte in der kurzen Entwicklungsgeschichte des Dschihadismus im Irak. Die vielleicht folgenreichste Wendung in dieser Geschichte ist die Abspaltung des Islamischen Staates (IS) von der globalen Al Qaida (AQ)-Bewegung. Dieses Manöver hat das Potenzial, den globalen Dschihadismus zu entzweien, was wiederum zu einer Neuausrichtung der Strategie und Bündnisse seiner regionalen Ableger im Kaukasus (Kaukasisches Emirat), Maghreb (AQIM, Ansar Dine), auf der Sinai-Halbinsel, im sub-saharischen Afrika (al-Shabaab, Boko Haram) und auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) führen kann.[2])

Der Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im März 2011 hat der Entwicklung des Dschihadismus im Irak eine erneute Wendung gegeben. Bis heute hat die irakische Al Qaida (AQI) sechs Mal den Namen ihrer Organisation geändert. In zeitlicher Reihenfolge waren ihre Namen: at-Tawhid wa‘l-Jihad, Al Qaida in Mesopotamien, Mudschaheddin Schura Rat (MSC), Islamic State of Iraq (ISI), Islamic State of Iraq and al-Sham (ISIS) und aktuell The Islamic State (IS). Tatsächlich waren in der elfjährigen Entwicklung der AQI wichtige organisatorische Umstellungen, Zerwürfnisse oder neue Allianzen mit einer Namensänderung verbunden. Durch den Zusammenschluss mit der syrischen Jabaa’t al-nusra (JN) am 8. April 2013 hat AQI ihren Einfluss in Syrien entscheidend erweitert. In Wirklichkeit sind der ISI und Jabaa’t al-Nusra zu diesem Zeitpunkt schon tief zerstritten.[3]) Wie schon im irakischen Bürgerkrieg ist der Auslöser des internen Konfliktes die kompromisslose Haltung des ISI, der abweichende Ansichten seiner Alliierten - egal wie tief diese in der lokalen Bevölkerung verwurzelt sein mögen - als Apostasie (Abkehr vom islamischen Glauben) stigmatisiert, unterdrückt und letztlich auch bekämpft.

Mit dem Zerwürfnis zwischen JN und ISI(S) zeichnet sich immer deutlicher eine organisatorische Trennung zwischen dem Zentralkommando der afghanisch-pakistanischen Al Qaida und dem „Islamischen Staat“ ab, der die Frage aufwirft, welche Organisation den transnationalen Dschihadismus in der Region heute eigentlich repräsentiert.[4]) Sowohl Ayman az-Zawahiri (AAZ) als auch Abu Bakr al-Baghdadi (ABB) erheben den Führungsanspruch für die weltweit agierende dschihadistische Bewegung. Mit der Ausrufung des Kalifats am 30. Juni 2014 untermauert ABB den Anspruch, dass der „Islamische Staat“ unter seiner Führung die territoriale Grundlage für die Expansion des globalen Dschihads ist. Mit diesem Schritt schafft er ideologische Tatsachen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können und die alle Dschihadisten weltweit vor das Dilemma stellen, sich entweder zur AQ oder dem IS zu bekennen. Zwar gibt es andauernde Initiativen von dschihadistischen Rechtsgelehrten, den IS wieder in die Organisations- und Kommandostruktur der AQ zurückzuführen, aber zum jetzigen Zeitpunkt sieht es danach aus, als sei der sunnitische Fundamentalismus dauerhaft um eine einflussreiche Bewegung reicher geworden.

 

Die Rückkehr des Dschihadismus im Irak

Im Laufe des Jahres 2005 zeichnete sich im irakischen Bürgerkrieg allmählich eine Entwicklung ab, die in ihrem Verlauf den fast vollständigen Zerfall von AQI bewirken sollte. In der ostirakischen Provinz Anbar schlossen sich Stammesführer zusammen und stellten Bürgerwehren auf, die die lokale Bevölkerung vor dem aggressiven Vorgehen der AQI schützen sollten. Diese Bewegung firmierte unter verschiedenen Namen und wurde nach einem Übereinkommen mit den amerikanischen Besatzungstruppen im Frühjahr 2008 in Sons of Iraq umbenannt (alternative Bezeichnungen lauten Anbar Awakening movement, Anbar Salvation Council).[5]) General Petraeus integrierte die Sons of Iraq in seine Counterinsurgency-Strategie, deren Implementierung AQI unter großen Druck setzte. Sein Berater David Kilcullen sah in der „Revolte der Stammesführer“[6]) gegen AQI einen der wirkungsvollsten Ansätze zur Herstellung von Sicherheit im Irakkonflikt.

Der Zusammenschluss sunnitischer Stammesführer gegen den ISI bewirkte ohne jeden Zweifel eine deutliche Schwächung des transnationalen Dschihadismus im Irak. Dieser verlor nicht nur die Kontrolle über die sunnitische Bevölkerung und deren erzwungene Unterstützung, sondern büßte auch seine militärischen Hochburgen in den Provinzen Diyala, al-Anbar und in der Region um Mossul ein. Anfang 2010 verlor AQI zudem zwei ihrer Anführer, als Abu Ayyub al-Masri und Abu Abdullah al-Rashid al-Baghdadi bei einem Angriff durch amerikanische und irakische Sicherheitskräfte in Tikrit getötet wurden. Der daraufhin benannte Anführer ist Abu Bakr al-Baghdadi (Ibrahim Awad al-Samarrai), sein „Verteidigungsminister“ wird Abu Suleiman al-Naser. Als ABB an die Macht kommt, zählen die Aufständischen unter seiner Führung schätzungsweise nur noch ca. 1.000 Kämpfer, deren Aktionsraum zudem stark eingeschränkt ist. Anfang 2014 operieren schätzungsweise wieder 10.000 Mudschaheddin unter der Flagge von AQI bzw. des ISIS.[7]) Diese Armee setzt sich aus Kämpfern aus dem Irak und anderen Golfstaaten zusammen; aber auch aus den USA, Europa und Nordafrika reisen Freiwillige in die Krisenregion, um am „nomadischen Dschihad“[8]) teilzunehmen. Die Rückkehr des Dschihadismus im Irak wurde begünstigt durch die irakische Regierungskrise und den Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges.

Im syrischen Bürgerkrieg weitet die irakische Al Qaida ihre militärischen Aktivitäten erstmals in nennenswertem Umfang über die irakisch-syrische Ländergrenze hinweg aus. Verbindungen zwischen den Dschihadisten beider Länder bestanden allerdings schon vorher: Von syrischer Seite aus wurde die AQI während des Irakkrieges administrativ unterstützt. Durch so genannte Gästehäuser wurde die Einschleusung von monatlich bis zu 90 ausländischen Kämpfern in den Irak organisiert.[9]) Als diese Strukturen Ende 2007 von der syrischen Regierung zerschlagen wurden, flüchteten viele Unterstützer der AQI von Syrien in den Irak.[10]) Im Laufe der ersten Phase des Aufstandes gegen Assad 2011 entsandte AQI militärisches Personal zurück nach Syrien, um dort unter der Führung von Irakveteran Abu Mohammad al-Julani eine eigene Miliz aufzubauen. Am 23. Januar 2012 veröffentlichte die JN ein Video, in dem sie ihre Gründung bekannt gab.

Unmittelbar vorher, im Dezember 2011, endete der vollständige Truppenabzug der Amerikaner aus dem Irak, der bereits 2008 zwischen den beiden Ländern durch ein Status of Force Agreement (SOFA) vertraglich vereinbart worden war. In dieser Zeit genoss der Irak ein relativ hohes Maß an Sicherheit vor den Anschlägen der AQI. Trotzdem waren die Aktivitäten der Terrorgruppe nach dem Irakkrieg größer als vor ihm. Es klingt zynisch, dass die Amerikaner durch den Irakkrieg und die Entmachtung von Saddam Hussein der dschihadistischen Bewegung erst dazu verholfen haben, eine starke Präsenz im Irak aufzubauen, die sich nun scheinbar nicht mehr aus der Welt schaffen lässt. Ob und wie stark der Arabische Frühling auch den Irak unter Saddam Hussein erfasst hätte, wird eine offene Frage bleiben. Aber auch wenn es im Irak keinen Arabischen Frühling gab, so steht das Land auch nach dem Krieg stets auf der Kippe zu einer Revolte. Das aggressive Vorgehen der irakischen Regierung unter Premierminister Nuri al-Maliki gegen die sunnitische Opposition im Irak trägt zur Radikalisierung vieler Sunniten bei.[11]) Angesichts der antisunnitischen Politik der irakischen Regierung halten einige Teile der Bevölkerung die Herrschaft des IS für das geringere Übel. So konnte der IS Vertrauen in der Bevölkerung zurückgewinnen, das er während des Bürgerkrieges verspielt hatte.

Mit dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte Ende 2011 erstarkt auch der konfessionelle Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten im Irak wieder und fordert viele Tote unter Zivilisten und den irakischen Sicherheitskräften.[12]) In einer 32-teiligen Aufsatzserie beschreibt das Institute for the Study of War (ISW) sehr detailliert „Iraq’s post-withdrawal crisis“. Das politische Machtspiel von Ministerpräsident Maliki wird darin als eine klare Ursache für die erneute politische Destabilisierung des Iraks benannt.[13]) Nach Einschätzung eines ISW-Analytikers beginnt die politische Krise aber schon mit der achtmonatigen Regierungsbildung nach den Wahlen in März 2010, bei der aus einer Pattsituation zwischen den beiden stärksten Blöcken im Parlament (angeführt von al-Iraqiyya und der Rechtsstaat-Koalition) Maliki erneut als Ministerpräsident hervorgeht. Grundlage dieser Einigung ist das „Abkommen von Erbil“, von dem allerdings ganz wesentliche Zusicherungen der Rechtsstaat-Koalition an al-Iraqiyya später nicht eingelöst wurden (beispielsweise die Benennung für das Amt des Verteidigungsministers).

Außerdem hat es den Anschein, dass Maliki die Teilung der Macht mit sunnitischen Politikern nur hinnehmen wollte, solange die Amerikaner noch einen gewissen Einfluss im Irak hatten. Nur wenige Tage nach dem Abzug der letzten amerikanischen Truppen und Malikis Besuch in Washington erlässt sein Innenministerium Haftbefehl gegen den sunnitischen Vizepräsidenten Tariq al-Hashimi, der seiner Verhaftung nur knapp entgeht und in das irakische Kurdistan flieht; dorthin wo erst ein Jahr vorher das Abkommen von Erbil verabschiedet wurde. Hashimi wird von einem irakischen Gericht in Abwesenheit wegen Beteiligung an terroristischen Anschlägen und dem Versuch des Umsturzes zum Tode verurteilt, und zieht in die Türkei ins Exil. Beim Versuch, seine Macht zu konsolidieren, setzt Maliki im Folgenden immer wieder die Justiz und die staatlichen Sicherheitsbehörden gegen seine eigenen (sunnitischen) Regierungsmitglieder ein. In einem weiteren aufsehenerregenden Fall wird das Parlamentsmitglied Ahmed al-Alwani in Ramdi festgenommen, wobei sein Bruder und fünf seiner Leibwächter getötet werden. Auch lässt Maliki die Behörden systematisch von ehemaligen Mitgliedern der Baath-Partei säubern, und zieht somit den Missmut einer weiteren Bevölkerungsgruppe auf sich. Ein deutliches Anzeichen für die politische Desintegration des Iraks sind auch die Erklärungen der Provinzen Salah ad-Din und Diyala zu teilautonomen, föderalen Regionen unter Artikel 119 der irakischen Verfassung.

Im Dezember 2013 kommt es in Ramadi und Falludscha zu Protesten in der Bevölkerung und infolgedessen zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Stammesmilizen, AQI und den irakischen Sicherheitskräften. Der Zerfall des irakischen Gewaltmonopols in der Provinz Anbar wird immer deutlicher. Lokale Polizeikräfte haben den Milizen wenig entgegenzusetzen und desertieren teilweise.[14])

Profiteur der instabilen Lage und der Unzufriedenheit in weiten Teilen der sunnitischen Bevölkerung ist der ISI, der seine Ressourcen und Kräfte nicht in säkularer Machtpolitik aufreibt, sondern sich ganz auf sein religiös-militantes Programm konzentriert. Neben dem Aufbau der JN in Syrien verstärkt er seine Aktivitäten auch im Irak, insbesondere durch den systematischen und koordinierten Einsatz von vehicle-borne improvised explosive devices (VBIED) zu taktischen und terroristischen Zwecken. Dem ISI gelingen einige spektakuläre Erfolge, die deutlich machen, dass die irakischen Sicherheitskräfte in einigen nördlichen Regionen kaum Kontrolle ausüben, geschweige denn für Sicherheit sorgen können. Im Juli 2013 wird erstmals seit sechs Jahren wieder die Marke von monatlich 1.000 getöteten Zivilisten im Irak erreicht (Iraqi Body Count Index). Der Dschihadismus im Irak hat zu seiner alten Stärke zurückgefunden. Dies lässt sich an drei zusammenhängenden Entwicklungen ablesen, die im Folgenden näher erläutert werden:

1. territoriale Kontrolle und Staatsbildung,

2. militärische Handlungsfähigkeit,

3. organisatorische Kapazität und Finanzierung (Ölförderung, Steuereinnahmen).

 

Territoriale Kontrolle und Staatsbildung (state building)

Das oberste Anliegen von AQI ist die Errichtung eines Kalifats nach dem salafistischen Gesellschaftsmodell. Der internationale Dschihadismus im Irak hat im Laufe seiner elfjährigen Geschichte eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Was 2003 als eine Gruppe von Aufständischen mit losen Verbindungen zur afghanisch-pakistanischen AQ begann, ist heute eine Bewegung, die Territorien von der Größe einzelner Stadtbezirke bis hin zu ganzen Regionen in Syrien und dem Irak militärisch kontrolliert und administrativ regiert. Nach eigenen Angaben umfasst der „Islamische Staat“ heute 16 zusammenhängende Provinzen, die sich über ein Gebiet von der ungefähren Größe Jordaniens (ca. 90.000 km²) von Aleppo bis in die Vororte Bagdads erstrecken. Korridore verbinden das Gebiet mit der Grenze zur Türkei und Jordanien. Ein großer Teil dieses Gebiets ist unbewohnte Wüste, und es ist unklar, welches Maß an Kontrolle der IS tatsächlich über die Bevölkerung in den Dörfern und Städten ausübt. Auf einigen Gebieten der nördlichen Provinzen im Irak (Diyala, Kirkuk, Salah al-Din, Ninawa) und in den östlichen Gebieten Syriens (insbesondere in der Stadt Raqqa) regiert der IS durch seine Scharia-Räte und andere islamische Institutionen. Eine genaue Inventarisierung dieser quasi-staatlichen Einrichtungen (Checkpoints, Madrassen, Ministerien, öffentliche Verwaltung, Infrastruktur), die durch den IS kontrolliert werden, ist schwierig. Für Außenstehende ist oft nicht erkennbar, welche militante Gruppierung gerade welche Institution kontrolliert. Klar ist nur, dass es nicht der syrische oder irakische Staat ist. Ob konservative Sunniten mit nationalistischen Interessen, sunnitische Stämme, kurdische Dschihadisten (Ansar al-Sunna), oder Anhänger der AQI gerade einen bestimmten Stadtteil kontrollieren, lässt sich nur anhand von lokalem Wissen zweifelsfrei bestimmen.

Es ist aber unverkennbar, dass der IS ernsthaft bestrebt ist, einen Staat nach islamistischem/salafistischem Vorbild zu errichten (state-building). Dazu gehört nicht nur die militärische Besatzung, sondern auch der Aufbau einer zivilen Verwaltung. Der IS kontrolliert gesellschaftliche Abläufe, Märkte, Rechtsprechung, öffentliche Verwaltung und den Sicherheitsapparat einiger Regionen. Die Entwicklung in der syrischen Stadt Raqqa ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie der IS erobert und regiert. Die Eroberung von Raqqa im März 2013 durch verschiedene Oppositionsgruppen ist ein entscheidender Wegbereiter zur Verwirklichung der strategischen Ziele des IS in der Region. Innerhalb weniger Tage wurde die Stadt von überwiegend islamistischen Rebellengruppen eingenommen, unter ihnen die alliierten Gruppen JN und ISI. Einen Monat nach dem Sieg über die syrische Armee in Raqqa verkündet ABB einseitig den organisatorischen Zusammenschluss beider Gruppen zum neu benannten ISIS. Baghdadi fordert den Anführer der JN (Abu Mohammad al-Julani) zur Unterwerfung auf; dieser lehnt ab und schwört stattdessen AAZ die Gefolgschaft. Bislang sind alle Versuche von „neutralen“ dschihadistischen Rechtsgelehrten, zwischen den beiden Gruppen zu vermitteln, gescheitert, v.a. weil der IS(IS) nicht bereit war, den Disput vor einem unabhängigen Gremium (einem Schura-Rat) zu verhandeln. Seither zählt der IS(IS) nicht mehr zur Organisation der AQ.

Während sich im Frühjahr 2013 die Anhänger des globalen Dschihadismus in Internetforen darüber streiten, ob ABB der rechtmäßige Anführer der dschihadistischen Bewegung in Syrien und Irak ist, schafft der ISIS in Raqqa politische Tatsachen. Systematisch verdrängt er die Repräsentanten der JN und anderer Rebellengruppen aus der Stadt, auch unter dem Einsatz von Gewalt.[15]) Viele Anhänger der JN, v.a. aus den Reihen der ausländischen Kämpfer, treten aber auch freiwillig dem ISIS bei. Von allen Rebellengruppen, die an der Eroberung Raqqas beteiligt waren, profitiert letztlich alleine der ISIS. Ihm fällt damit erstmals die Verwaltung einer Großstadt zu, nach dessen Vorbild er heute auch im Irak autonome islamische Regierungsformen erprobt.[16]) Diese sind einerseits geprägt durch brutale Unterdrückung all jener, die sich widersetzen, sowie durch die Anwendung eines drakonischen Strafrechts inklusive öffentlich vollstreckter Todesstrafen; andererseits unternimmt die Gruppe erstmals einen ernsthaften Versuch, eine öffentliche Verwaltung aufzubauen: In Raqqa organisieren Dschihadisten des IS die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser, Treibstoff, Elektrizität und Nahrung; sie bieten eine Buslinie an,[17]) betreiben ein Büro für Verbraucherschutz,[18]) stellen eine Verkehrspolizei auf, und die Steuerbehörde in dem Gebäude der Raqqa Credit Bank stellt Quittungen aus, wenn sie die monatlich fälligen Steuern eintreibt.[19]) Nach der vollständigen Eroberung der irakischen Großstadt Mossul (mit ehemals fast drei Millionen Einwohnern) verfährt der IS nach dem gleichen Muster: Vertreibung oder Einschüchterung der nicht-sunnitischen Bevölkerung, dann Aufbau einer lokalen Wirtschaft, Justiz und öffentlichen Verwaltung ganz nach Muster der Counterinsurgency-Strategie „Clear, Hold, Build“.[20])

In einer Audiobotschaft (vom 1. Juli 2014) ruft Abu Bakr al-Baghdadi nicht nur militärisches Fachpersonal, sondern auch muslimische Ärzte, Ingenieure und Richter dazu auf, in die von IS besetzten Städte zu reisen, um beim zivilen Aufbau des Islamischen Staates zu helfen.[21]) Dieses Vorgehen unterscheidet sich deutlich von den Regierungsversuchen des ISI einige Jahre zuvor im Irak, die es nicht vermochten, die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen. Gegen seine Feinde geht der ISIS aber mit unverminderter Brutalität vor: Menschenverachtende Massenhinrichtungen werden nicht im Verborgenen durchgeführt, sondern in den sozialen Medien als Erfolg gefeiert und dokumentiert.

In der umkämpften Stadt Aleppo ist die Situation in den von ISIS kontrollierten Stadtteilen ähnlich. Umfragedaten zeigen allerdings, dass ihr Beliebtheitsgrad von allen Besatzungsgruppen am niedrigsten ist, u.a. weil IS-Checkpoints wesentlich restriktiver sind als die anderer Gruppen, und weil die Brotpreise in den von Rebellen besetzten Stadtteilen um ein Vielfaches höher sind als in den von Regierungskräften gehaltenen Stadtteilen (für einen ausführlichen Untersuchungsbericht über die Situation in Aleppo siehe Kilcullen 2014).[22])

Der IS hat aber nicht auf seinem gesamten Einflussgebiet eine derartige Kontrolle, die es ihm erlaubt, Prozesse der Staatsbildung in Gang zu setzen, weil er mit nahezu allen politischen Akteuren der Region im Konflikt steht: An seiner nordöstlichen Grenze zum irakischen Kurdistan kämpft er gegen die starken Peschmerga, In der Provinz Anbar gegen Milizen einiger lokaler Stämme; schiitische Milizen aus dem Iran verteidigen ihre religiöse Heiligtümer vor der Zerstörung durch den IS; die irakischen Sicherheitskräfte versuchen den Angriff auf Bagdad zu verhindern und kämpfen mit dem IS um strategische Infrastruktureinrichtungen wie die Ölraffinerie in Baji, die Haditha-Talsperre, oder die Talsperre bei Falludscha; und sogar Muqtada as-Sadr, der sich Anfang 2014 eigentlich aus der irakischen Politik zurückgezogen hat, mobilisiert seine Milizen gegen den IS wieder. In Syrien ein ähnliches Bild: Der IS ist mit nahezu allen kämpfenden Fraktionen verfeindet.

Das Maß an territorialer Kontrolle, die der IS in einer Region tatsächlich ausübt, lässt sich anhand einiger Indikatoren grob abschätzen. Das Institute for the Study of War unterscheidet dazu drei Arten von Operationsgebieten: Angriffszonen, Unterstützungszonen und kontrollierte Zonen. Anzeichen dafür, dass Dschihadisten die vollständige Kontrolle über ländliches oder urbanes Territorium anstreben oder bereits ausüben, sind z.B. erzwungene Umsiedlungen und Vertreibungen der nicht-sunnitischen Bevölkerung, systematische Sprengung des Wohnraums irakischer Sicherheitskräfte in den Provinzen,[23]) Ankündigungen und Warnungen an die Bevölkerung durch Flugblätter[24]) sowie Angriffe auf stationäre Ziele und Stellungsgefechte[25]) mit offiziellen Sicherheitskräften oder verfeindeten Gruppierungen. Eine nötige Voraussetzung für die Ausübung territorialer Kontrolle bis zur Staatsbildung ist die militärische Kapazität und Handlungsfähigkeit, die der IS seit seiner Niederlage 2010 systematisch ausgebaut hat, wie der nächste Abschnitt erläutert.

 

Militärische Handlungsfähigkeit

Die schnelle Eroberung von Gebieten entlang der wichtigsten Verkehrsadern im Nordirak durch den IS im Frühjahr 2014 war verblüffend, aber die Offensive kam nicht völlig unerwartet. AQI hatte ihre wiedererlangte militärische Schlagkraft bereits mit der zwölf Monate andauernden Kampagne „Breaking the walls“ (21. Juli 2012 bis 23. Juli 2013) eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Allerdings hatte nur ein geringer Teil dieser Operationen den Zweck, Gebiete militärisch zu kontrollieren. Dieses Ziel verfolgte der IS erst später. Wie der Name der Kampagne andeutet, war das oberste strategische Ziel die Befreiung von inhaftierten Anhängern der Bewegung aus Gefängnissen. Insgesamt sind acht komplexe Angriffe gegen die folgenden Haftanstalten durch offizielle Quellen bestätigt: Baghdad Counterterrorism Directorate, Taji Tasfirat Gefängnis (drei erfolglose Angriffe), Tikrit Tasfirat Gefängnis am 27. September 2013, bei dem 100 Gefangene befreit wurden, von denen 47 zum Tode verurteilte Mitglieder AQs waren, und schließlich der Angriff auf das Gefängnis von Abu Ghraib am 21. Juli 2013, bei dem AQI rund 500 Gefangene befreien konnte und bei dem Überfall 68 irakische Sicherheitskräfte tötete.[26]) Die Kampagne „Breaking the walls“ zeichnete sich außerdem durch den massenhaften Einsatz von VBIEDs aus. In nur zwölf Monaten setzten Dschihadisten rund 500 VBIEDs im Irak ein, 155 davon alleine auf dem Stadtgebiet von Bagdad (siehe Abbildung 2 für die geographische Verteilung der Anschläge).[27]) Viele dieser Operationen erfolgten wellenförmig, d.h. mit mindestens sechs Fahrzeugen, die gleichzeitig (innerhalb eines Tages) gegen mehrere Ziele eingesetzt wurden. Den Auftakt der Kampagne markiert eine Welle mit 30 VBIED-Angriffen innerhalb eines Tages. Märtyreroperationen bilden in der Kampagne die seltene Ausnahme. Zwar gehört der taktische Einsatz von VBIEDs seit Anbeginn des Irakkonfliktes zum Repertoire der AQI. Am 20. August 2003 beispielsweise setzte sie einen mit Sprengstoff beladenen Lastwagen gegen das UNO-Hauptquartier in Bagdad ein, der den UNO-Sondergesandten und 16 weitere Menschen tötete. In der Kampagne „Breaking the walls“ erreicht der Einsatz von VBIEDs allerdings ein Ausmaß und eine Koordinierung, die bis dato vermutlich noch von keiner militanten Bewegung erreicht wurden. VBIED ist der bevorzugte Modus Operandi von AQI in Irak und Syrien. Ihr militantes Repertoire umfasst außerdem gezielte Attentate, Hinrichtungen nach Schauprozessen, Einsatz konventioneller Kleinwaffen in Gefechten mit Militär und Polizei, Entführungen und Anschläge auf die (meistens schiitische) Zivilbevölkerung.[28]) Der ISI konnte die beiden wichtigsten Ziele der „Breaking the walls“-Kampagne verwirklichen: Inhaftierte AQ-Veteranen zu befreien und den konfessionellen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten zu befeuern.

Beides waren wichtige Voraussetzungen für die darauf folgende Kampagne „Soldier’s Harvest“ ab Juli 2013.[29]) Sie zeigt, wie planmäßig die Dschihadisten die Errichtung des „Islamischen Staates“ vorbereitet haben. Der vollständigen militärischen Eroberung von Städten im Sommer 2014 geht die systematische Vertreibung von Beamten und Regierungsvertretern voraus, deren Häuser kurzerhand gesprengt werden (teilweise erfolgt vorher noch eine Evakuierung). So wurden alleine am 16. September in Mossul 22 Wohnhäuser von Mitgliedern der irakischen Sicherheitskräfte durch kontrollierte Sprengungen zerstört.[30])

Mitten in die „Soldier’s Harvest“-Kampagne fallen die Unruhen von Anbar (Dezember 2013 bis Juni 2014), die die Region zusätzlich destabilisieren und somit ein willkommener Wegbereiter für den darauf folgenden Eroberungszug des IS sind. Während der Kämpfe um das strategisch wichtige Dorf Rutba (an der Transitstraße nach Syrien und Jordanien) in West-Anbar töten Soldaten den Kommandeur der 7. Division der irakischen Streitkräfte und 17 hochrangige Offiziere durch Selbstmordanschläge.[31])

Im Juli 2014 erinnert der Aufstand im Irak nicht mehr an einen asymmetrischen Konflikt, sondern ähnelt immer mehr einem Krieg zwischen zwei Armeen. Jessica Lewis bezeichnet die Kriegführung des IS als eine Hybridform von „Terrorismus, Guerilla, und konventioneller Kriegsform“.[32]) Einigen Medienberichten zufolge ist der IS im Besitz von 30 T-55-Panzern, fünf bis zehn T-72-Panzern, einer unbekannten Anzahl von M198-Haubitzen, Typ 59-1 Feldkanonen, ZU-23-2 Flugabwehrgeschützen, Boden-Luft-Raketen, und gelenkten Panzerabwehrraketen (Typ HJ-8).[33]) Durch die Eroberung des Flughafens von Mossul fallen den Aufständischen außerdem mindestens ein dort stationierter Black Hawk-Helikopter und Transportmaschinen in die Hände. Bei einer Militärparade in der syrischen Stadt Raqqa präsentiert der IS eine erbeutete Scud-Rakete. Auch wenn der IS einen Teil seines erbeuteten Material nicht bedienen, mit Munition versorgen oder instand halten kann, ist dies doch ein waffentechnischer Zugewinn für die Gruppe. Die Gruppe lässt zudem ein wachsendes Maß an militärischer Professionalität erkennen, sodass es ihr vielleicht in Zukunft möglich ist, fortschrittlicheres und schwereres Gerät einsetzen zu können. Zudem verfügen die Dschihadisten über die finanziellen Mittel und die Beziehungen, um militärisches Know-how und Ausrüstung auf dem Schwarzmarkt zu erwerben.

 

Organisatorische Kapazität und Finanzierung

Die militärischen Kampagnen des IS belegen ein hohes Maß an Organisationsfähigkeit. Bereits im Jahr 2006 waren die Aufständischen dazu übergegangen, ihren militärischen Operationen Namen zu geben, die eine gemeinsame strategische Ausrichtung demonstrieren sollten (Oktober 2006 „Clear Conquest“, Januar 2007 „Plan of Dignity“, März 2009 „Harvest of God“). So wie auch in „Breaking the walls“ sind in diesen Kampagnen krude Zielvorgaben definiert, z.B. eine bestimmte Anzahl an Feinden zu töten, eine bestimmte Anzahl von Anschlägen zu verwirklichen oder eine bestimmte Anzahl von inhaftierten Mitgliedern zu befreien. Fester Bestandteil der Propaganda sind regelmäßige Evaluation und ein Abschlussbericht nach dem Ende einer Kampagne. Sie beinhalten eine tabellarische Auflistung der Resultate, also die Anzahl der zerstörten Ziele (nach Fahrzeugklasse und Gebäudetyp), getöteter Personen und erbeuteter Ausrüstung. Ab 2013 ändert sich die mediale Aufbereitung dieser Evaluationen hin zu umfangreichen Jahresberichten, die statistische Informationen über Art der Operation, eingesetzte Waffen, Taktiken, Anzahl der errichteten Checkpoints und weitere Resultate enthält. (Der ISIS Jahresbericht „al-naba“ 2014 umfasst 410 Seiten.) Bilger (2014) zieht aus dem Report Rückschlüsse über die TTPs (Tactics, Techniques and Procedures) des ISIS und folgert, dass der IS eine Counterinsurgency-Strategie imitiert („Clear, Hold, Build“). Auch wenn die Ergebnisse üblicherweise übertrieben sind, so zeigen gerade die beiden jüngsten Kampagnen, dass der ISIS bereits vor 2014 eine „mehrfach gestaffelte militärische Organisation mit etablierter Kommandostruktur“[34]) und metrischen Zielvorgaben war.[35])

Der IS verfügt neben einer intakten Kommandostruktur außerdem über beträchtliche finanzielle Ressourcen. Es lassen sich kaum verlässliche Angaben über die Höhe seiner Einnahmen finden, aber seine Geschäftsfelder sind vielfältig und lukrativ. Eine ständige Einnahmequelle sind die eingetriebenen Steuern von Muslimen (Zakat) und der Tribut von Schutzbefohlenen (Dschizya), wobei die Einnahmen durch Dschizya aufgrund von Vertreibung und Flucht der meisten Christen aus der Region minimal sein dürften und diese Bezeichnung ohnehin zynisch anmutet. Lösegeldzahlungen aus Geiselnahmen, Erpressung, Raub und Spenden anonymer Herkunft sind weitere Geschäftszweige des IS. Auch durch Plünderungen von Banken in eroberten Gebieten fließen mitunter beträchtliche Beträge in seinen Haushalt. Die vielleicht wichtigste Einnahmequelle sind die Förderung und der Verkauf von Rohöl. Im Irak und in Syrien besetzt der IS ertragreiche Ölfelder. Allerdings sind die Arbeiter nicht immer in der Lage, die volle Kapazität der Anlagen auszunutzen. Auf dem al-Omar-Ölfeld beispielsweise beträgt die Förderkapazität 75.000 Barrel pro Tag, von denen der IS aber nach Schätzungen weniger als ein Drittel erreicht.[36]) Der Erlös pro Barrel variiert je nach Absatzkanal derzeit zwischen 10 USD und 55 USD je Barrel (Weltmarktpreis ca. 100 USD je Barrel). Die Einnahmen aus den syrischen und irakischen Ölquellen werden von Experten zwischen 1 Mio. USD und 3 Mio. USD pro Tag beziffert,[37]) allerdings kann die Fördermenge aufgrund der Konfliktlage jederzeit einbrechen. Auch könnte die Fördermenge aufgrund von mangelnder Wartung weiter einbrechen. Umweltschäden als Folge von unsachgemäßer Förderung und Transport sind ebenfalls zu erwarten. Der IS versorgt nicht nur den lokalen Markt mit Öl, sondern exportiert über Schwarzmärkte in verschiedene Länder.

 

Schluss

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Entwicklung der Konfliktlagen in der Krisenregion Irak und Syrien von 2011 bis Juli 2014. Dieser Konflikt hat neben seinen unmittelbaren humanitären Folgen für die Zivilbevölkerung auch ideologische Auswirkungen auf den globalen Dschihadismus, die wiederum auf andere regionale Konflikte rückwirken könnten. Zwei öffentliche Erklärungen markieren einen neuen Abschnitt in der Geschichte des globalen Dschihadismus: Im Februar 2014 erklärt das Zentral-Kommando der AQ: „ISIS is not a branch of the qaidat al-jihad group [AQ], we have no organizational relationship with it, and the group is not responsible for its actions.“

Am 29. Juni 2014 gibt der IS in einer öffentlichen Botschaft die Gründung seines Kalifats bekannt: „Indeed, it is the State. Indeed, it is the khilafah. It is time for you to end this abhorrent partisanship, dispersion, and division, for this condition is not from the religion of Allah at all. And if you forsake the State or wage war against it, you will not harm it. You will only harm yourselves. It is the State - the state for the Muslims.“

Der interne Machtkampf hat ideologische Implikationen, die in diesem Aufsatz nicht angemessen behandelt werden können.[38]) Er offenbart aber, dass der syrisch-irakische Dschihadismus an einem Punkt angelangt ist, an dem es fraglich erscheint, ob der IS überhaupt noch der Organisation und Ideologie der Al Qaida zuzurechnen ist. Oder um die gleiche Frage anders zu formulieren: Welche Gruppe verkörpert heute eigentlich den transnationalen Dschihadismus? Ist es immer noch Al Qaida, oder ist es der IS? Ob die jüngsten Entwicklungen eine dauerhafte Spaltung der Bewegung bewirken, bleibt abzuwarten. Viele Sprecher und Theologen aus der dschihadistischen Szene beklagen die Entzweiung ihrer Glaubensbrüder und rufen AQ, JBA und den IS zur Versöhnung auf. In einer Videobotschaft von Anfang Mai 2014 versucht AAZ den Machtverlust der AQ abzuwenden, indem er gegenüber dem IS versöhnliche Töne anschlägt, gleichzeitig aber unmissverständlich klarmacht, dass die AQ an der Spitze der weltweiten dschihadistischen Bewegung steht.

Trotz aller Vermittlungsversuche durch prominente salafistische Theologen versetzt die Auseinandersetzung die Bewegung in Aufruhr. Die rasante und nachhaltige Eskalation zwischen AQ und JBA auf der einen und dem IS auf der anderen Seite wurde vermutlich begünstigt durch den schnellen medialen Schlagabtausch über Twitter und andere soziale Netzwerke, der der Auseinandersetzung eine zusätzliche Dynamik verliehen hat.[39]) Auch wenn die Proklamation des Kalifats für jeden seriösen islamischen Rechtsgelehrten wie ein schlechter Witz erscheinen muss: Ihre Auswirkungen sind sehr real. Dschihadistische Gruppen weltweit stehen nun vor dem Dilemma, sich entweder zum IS oder zur AQ zu bekennen. Während sich einige Gruppen in der Hoffnung auf eine baldige Schlichtung abwartend verhalten, haben andere Gruppen eine klare Position eingenommen. (Einen guten Überblick über die Positionierung dschihadistischer Gruppen weltweit liefert der Bericht von Opperman 2014 und Bunzel 2014b.)[40]) Das Verhältnis zwischen der irakischen Gruppe Ansar al-Islam (ehemals Ansar as-Sunna) und dem IS bleibt belastet.[41]) Von ihr gibt es bisher keine öffentliche Verlautbarung, ob sie ABB als Kalifen anerkennt oder nicht. Einige Gruppen könnten über diese Frage intern zerstritten sein, wie beispielsweise AQIM.[42])

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt dabei der islamische Treueid (baya). Für die dschihadistische Kultur ist dies ein sehr wichtiger Mechanismus, weil er eine allgemein anerkannte und rechtlich bindende Verpflichtung ist. Ihn zu brechen ist für Mitglieder der Szene ein schweres Vergehen und würde das Vertrauen des Eidbrechers nachhaltig zerstören. Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, ob ABB AAZ einen solchen Treueeid geschworen hat oder nicht. Wichtig ist auch, dass der Treueid zwischen Individuen, und nicht zwischen Gruppen oder Organisationen als Ganzes gilt. Es ist gut möglich, dass die formale Verbindung zwischen AQ und dem ISI mit der Liquidierung der beiden Vorgänger von ABB im April 2010 (Ayyub al-Masri und Abu Abdullah al-Rashid al-Baghdadi) unterbrochen wurde. Diesen Umstand gilt es auch bei gezielten Tötungen durch UAVs zu beachten (neben den offenkundigen völkerrechtlichen Problemen, die der Einsatz dieses Mittels bedeutet). Gezielte Tötungen von Anführern können weitreichende Folgen für die Beziehung militanter Gruppen untereinander haben, die nicht unbedingt intendiert sind. Das Washington Institute weist zum Beispiel darauf hin, dass die AQAP und AQ über einen jahrzehntealten Treueeid zwischen Bin Laden und AQIPs Emir Nasir al-Qihayshi verbunden sind. „If Wihayshi is killed in an American drone strike, anything could happen. […] if it [AQAP] leans towards ISIS in the near to medium future, ISIS will have won the war against Al Qaida.“ [43])

Schließlich hat der Konflikt zwischen Jabaa’t al-Nusra und dem ISIS noch einen weiteren denkwürdigen Effekt. Die ultra-radikale Herrschaft des IS macht die vergleichsweise moderate Herrschaft der al-Nusra-Front zu einer populären Alternative für einige Teile der syrischen Sunniten. Al Qaida erlangt dadurch in der syrischen Bevölkerung ein Maß an Popularität, das sie ohne den IS nie hätte erreichen können.[44]) Wenn man es positiv deuten möchte, dann kann man für die Zivilbevölkerung in Syrien und Irak hoffen, dass der IS mit der JN um die Gunst statt um die Angst der Menschen konkurriert. Eine langfristige Lösung für die Region ist das natürlich auch nicht.


ANMERKUNGEN:

[1]) Dschihadismus im Irak, ÖMZ 4/2014.

[2]) Für einen guten Überblick über die weltweite Verbindung dschihadistischer Gruppen zur zentralen al-Qaida zum Zeitpunkt 2013 siehe Ward (2013): Brand Name Terror: Al-Qaeda Affiliate Organizations and Local Instability. Dissertation, Stanford University.

[3]) Corri Zoli, Emili Schneider (2014): Shari’a courts move to the battlefield: jabhat al-nusra opens a legal court in the Syrian civil war. Havard National Security Journal, February 2014. http://harvardnsj.org/?s=al-nusra.

[4]) Aaron Y. Zelin (2014a): The war between ISIS and al-Qaeda for supremacy of the global jihadist movement. In: The Washington Institute for Near East Policy (Hrsg.): Research Notes 20, S.1-11.

[5]) Siehe Institute for the Study of War (ISW) http://www.understandingwar.org/region/western-iraq.

[6]) David Kilcullen (2009: 179): The Accidental Guerrilla: Fighting Small Wars in the Midst of a Big One. Oxford University Press.

[7]) Aryn Baker (2013): al-Qaeda’s dark star rises. Time. December 16, 2013.

[8]) Olivier Roy (1999): The radicalization of Sunni conservative fundamentalism. In: ISIM Newsletter 2, S.7.

[9]) Karen DeYoung (2007): Fewer foreigners crossing into Iraq from Syria to fight. Washington Post September, 16, 2007.

http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/09/15/AR2007091501345.html Und: Joseph Felter, Brian Fishman (2007): Al-Qa’idas foreign fighters in Iraq. A first look at the Sinjar records. Combating Terrorism Center (CTC), West Point. https://www.ctc.usma.edu/posts/al-qaidas-foreign-fighters-in-iraq-a-first-look-at-the-sinjar-records.

[10]) Norman Benotman, Roisin Blake (2013): Jabhat al-Nusra. A strategic briefing. Quillan Foundation Report January 2013. http://www.quilliamfoundation.org/wp/wp-content/uploads/publications/free/jabhat-al-nusra-a-strategic-briefing.pdf.

[11]) Jessica Lewis (2013a): Al-Qaeda in Iraq resurgent part I. Institute for the Study of War (Hrsg.): Middle East Security Report 14, September 2013. Washington DC. Und: Jessica Lewis (2014a): The Islamic State of Iraq returns to Diyala. Institute for the Study of War (Hrsg.): Middle East Security Report 18, April 2014. Washington DC.

[12]) Rowan Scarborough (2012): Al Qaeda in Iraq mounts comeback. The Washington Times. 4. März 2012. http://www.washingtontimes.com/news/2012/mar/4/al-qaeda-in-iraq-mounts-comeback/print/ Und: Richter, Steffen (2011): Malikis gefährliches Spiel. ZEIT online 22.Dezember 2011. http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-12/irak-schiiten-sunniten.

[13]) Ramzy Mardini (2012): Iraq’s recurring political crisis. Institute for the Study of War Report 16. Februar 2012. http://www.understandingwar.org/backgrounder/iraqs-recurring-political-crisis.

[14]) Jessica Lewis (2014b): Showdown in Anbar. Institute for the Study of War (Hrsg.): Iraq update #1, 3. Januar 2014.

[15]) Chris Looney (2013): Al-Qaeda’s governance strategy in Raqqa. Syria Comment December, 8, 2013. http://www.joshualandis.com/blog/al-qaedas-governance-strategy-raqqa-chris-looney/.

[16]) Jessica Lewis (2014a): The Islamic State of Iraq returns to Diyala. Institute for the Study of War (Hrsg.): Middle East Security Report 18, April 2014. Washington DC.

[17]) Fehim Tastekin (2013): ISIS practicing statehood in Raqqa. Al-Monitor 6. November 2013. http://www.al-monitor.com/pulse/security/2013/11/isis-syria-raqqa-iraq-maliki.html.

[18]) Aaron Y. Zelin (2014): The Islamic State of Iraq and Syria has a consumer protection office. In: The Atlantic 13. Juni 2014.

[19]) Ben Hubbert, anonym (2014): Life in a jihadist capital: order with the darker side. The New York Times 23. Juli 2014. http://www.nytimes.com/2014/07/24/world/middleeast/islamic-state-controls-raqqa-syria.html.

[20]) Jenna Lefler (2014): Life under ISIS in Mosul. Institute for the Study of War (Hrsg.), 29. Juli 2014. http://iswiraq.blogspot.de/2014/07/life-under-isis-in-mosul.html.

[21]) SITE Intelligence Group (2014): Islamic State Leader Abu Bakr al-Baghdadi Encourages Emigration, Worldwide Action. 1. Juli 2014. http://goo.gl/g5ppHK.

[22]) David Kilcullen, Nate Rosenblatt und Jwanah Qudsi (2014): Mapping the conflict in Aleppo, Syria. http://www.americansecurityproject.org/mapping-the-conflict-in-aleppo-syria/.

[23]) Jessica Lewis (2013b): Iraq Updates #39, November 15. Institute for the Study of War (Hrsg.). http://iswiraq.blogspot.de/.

[24]) Omar Abduallh, Jessica Lewis, Alex Bilger (2014): Iraq Updates, March, 28. Institute for the Study of War. http://iswiraq.blogspot.de/.

[25]) Lewis 2013b.

[26]) Jessica D. Lewis (2013c): AQI’s „Soldier’s Harvest“ Campaign. Institute for the Study of War (Hrsg.): Backgrounder, October 9, 2013.

[27]) Jessica D. Lewis (2013c: 24).

[28]) Andreas Armborst (2013: 171): Jihadi Violence. A study of al-Qaeda’s media. Berlin.

[29]) Lewis 2013c.

[30]) Jessica Lewis (2013b): Iraq Updates #39, November 15. Institute for the Study of War (Hrsg.). http://iswiraq.blogspot.de/.

[31]) Bill Roggio (2013): Al Qaeda suicide team kills Iraqi general, 17 officers. The Long War Journal. http://goo.gl/2lyXB4.

[32]) Jessica Lewis (2014c: 1): ISIS battle plan for Baghdad. Institute for the Study of War (Hrsg.): Backgrounder 27. Juni, 2014.

[33]) Jeremy Bender (2014): As ISIS Routs The Iraqi Army, Here’s A Look At What The Jihadists Have In Their Arsenal. Business Insider, 8. Juli 2014. http://www.businessinsider.com/isis-military-equipment-breakdown-2014-7?op=1.

[34]) Lewis 2013a: 21.

[35]) Alex Bilger (2014): ISIS annual report reveal metric-driven military command. Institute for the Study of War (Hrsg.): Backgrounder, 22. Mai 2014.

[36]) Valerie Marcel (2014): ISIS and the Dangers of Black Market Oil. Chatham House Expert comment. http://www.chathamhouse.org/expert/comment/15203.

[37]) Keith Johnson (2014): The Islamic State is the Newest Petrostate. In: Foreign Policy Online 28. Juli 2014.

[38]) Siehe dazu: Cole Bunzel (2014a): The Islamic State of Disunity: jihadism divided. Internet Blog jihadica. http://www.jihadica.com/the-islamic-state-of-disunity-jihadism-divided/.

[39]) Zelin 2014: 5.

[40]) Jasmine Opperman (2014): The Islamic Caliphate, an invisible shura and a new slate for jihadist. Terrorism Research & Analysis Consortium (Hrsg.). http://www.trackingterrorism.org/ Und: Cole Bunzel (2014b): The caliphate’s scholar-in-arm. Internet Blog jihadica. http://www.jihadica.com/the-caliphate%E2%80%99s-scholar-in-arms/.

[41]) Thomas Joscelyn (2014): Ansar al Islam claims attacks against Iraqi military, police. In: The long War Journal, 20. Juni 2014. http://www.longwarjournal.org.

[42]) Atef Kadara (2014): al-Qaeda group divided on Islamic State. In: Al-Monitor 21. Juli 2014.

[43]) Zelin 2014a: 7.

[44]) Kilcullen et al. 2014.