Entstaatlichung von Gewalt und Konflikt

Fernando Pérez de Lema

 

 

„War no longer exists. Confrontation, conflict and combat undoubtedly exist all round the world (...) and states still have armed forces which they use as symbol of power. None the less, war as cognitively known to most non-combatants, war as battle in a field between men and machinery, war as a massive deciding event in a dispute in international affairs: such war no longer exists.“ 1) General Sir Rupert Smith

 

 

 

Besonders nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des Kalten Krieges sind Konfliktformen aktuell geworden, die nicht dem Paradigma des klassischen Staatenkrieges entsprechen. Moderne Armeen der westlichen Länder haben vermehrt in Kriege eingegriffen, wo einer oder mehrere Gewaltakteure keine Staaten sind und die nach anderen, scheinbar chaotischen Regeln verlaufen. Diese Eingriffe haben die verschiedensten Formen gehabt: humanitäre Hilfeleistungen in Bosnien oder Somalia, Stabilisierungseinsätze in Ruanda oder Haiti, Entsendung von Militärberatern in Mittelamerika, Luftangriffe auf Serbien, militärische Besetzung des Iraks, Raids in den kurdischsprachigen Teil Iraks und viele andere. Oft haben die Streitkräfte ihren Auftrag nicht oder nur teilweise erfüllen können,2) weil ihre Ausstattung, ihre Ausbildung und ihre Strategie für diese Eingriffe nicht geeignet waren.3) Ursache der Schwierigkeiten von Streitkräften, sich in diesen Konflikten zu bewähren, ist scheinbar das mangelhafte Verständnis der Kriegsform, mit der sie konfrontiert werden.

Krieg ist eine gesellschaftliche Form der Gewaltanwendung. Verschiedene Gesellschaftsformen führen unterschiedliche Kriegsformen. In Clausewitz’ Worten: „Von den neueren Erscheinungen im Gebiet der Kriegskunst ist das allerwenigste neuen Erfindungen oder neuen Ideenrichtungen zuzuschreiben und das meiste den gesellschaftlichen Zuständen und Verhältnissen. (…) und es ist darum nicht zu bezweifeln, daß ein großer Teil der früheren Kriegsverhältnisse wieder zum Vorschein kommen wird.“ 4)

Der Krieg der Industriegesellschaften hat die letzten zwei Jahrhunderte in Europa geprägt. Die Kriegsformen der Agrargesellschaften sind aber immer noch vielerorts aktuell. Bei den neuen postindustriellen Gesellschaften entwickeln sich auch neue Formen des Krieges. In unserer kleiner gewordenen Welt treten alle gleichzeitig und vermischt auf. Das „Drei-Wellen-Modell“ von Alvin und Heidi Toffler ermöglicht, Grundsätze der Kriegführung dieser drei Gesellschaftsformen zu finden.

Tofflers Theorien sind oft extrem vereinfacht assimiliert worden: Die modernere Gesellschaftsform sei den vorherigen grundsätzlich überlegen; der technologische Vorsprung sei die Essenz dieser Überlegenheit und müsse maximiert werden. Armeen haben diese Auffassung dahingehend umgesetzt, modernste Technik für ihre Waffen und Führungssysteme zu entwickeln, in der Überzeugung, dass diese allein den Sieg sicherten.

Ganz wesentliche Beiträge der Toffler-Theorien sind damit verkannt worden. These dieses Artikels ist, dass nicht die technologische Überlegenheit, sondern die dem Gegner angemessene Strategie die Voraussetzung für den Sieg ist und dass die aktuellen Schwierigkeiten der westlichen Armeen, sich in den modernen Konflikten zu bewähren, darauf zurückzuführen ist, dass sie Strategien anwenden, die für ganz andere Gesellschaftsformen entwickelt wurden.

Es liegt in der Natur von Modellen - vereinfachte Darstellungen komplexer Wirklichkeiten -, dass sie nicht alle Fälle, nicht einmal einzelne Fälle in ihrer gesamten Komplexität erklären können.5) Insbesondere hat das „Drei-Wellen-Modell“ das wesentliche Problem, dass es in der Wirklichkeit keine Gesellschaft gibt, die nicht gleichzeitig charakteristische Züge aller drei Wellen aufweist. Die Grundzüge der Kriegführung einer „reinwelligen“ Gesellschaft können aber in unterschiedlichem Umfang in vielen der jetzigen Konflikte gefunden werden.

 

Toffler und die drei Wellen

Alvin Toffler ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und Futurologe. Seine Werke sind insbesondere in den USA eine Grundlage der Überlegungen zur Anpassung der Streitkräfte an die Zukunft gewesen.

1979 erklärt er in seinem Werk „Die Dritte Welle“6) die Evolution der Zivilisationen als einen Prozess in drei Schritten. Drei tief greifende Veränderungen, drei revolutionäre Wellen hätten die Menschheit und ihre Strukturen geprägt.

Vor etwa 10.000 Jahren habe die Erste Welle, die Agrarevolution, die Welt verändert. Die primitiven nomadischen Gesellschaften hätten sich niedergelassen, was als Startpunkt der Zivilisationen betrachtet werden könne. Gesellschaften der Ersten Welle haben ihre charakteristischen Produktionsmethoden (Ackerbau, Viehzucht), ihre Familienform (Großfamilie) und ihre gesellschaftliche Organisation.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts habe der wissenschaftliche und technische Fortschritt die Zweite Welle, die Industrierevolution, ausgelöst. Im Zuge der Zweiten Welle habe sich nicht nur die Produktionsmethode verändert (Fabrik, Fließband), sondern auch die Familienform (Nuklearfamilie), die Kommunikation (Massenmedien) und die politische Struktur (Nationalstaat).

Die Dritte Welle sei Mitte der 1950er-Jahre ins Rollen gekommen, die Struktur der Gesellschaften der Dritten Welle habe sich noch nicht herauskristallisiert. Deshalb könne sie nur ansatzweise beschrieben werden. Die Dritte Welle sei die Welle des Wissens. Reichtum und Macht ergeben sich nicht aus der Kontrolle der Naturressourcen (Land) oder dem Besitz von Produktionsmitteln (Industrie), sondern aus dem Besitz von Information.

Toffler behauptet und begründet 1995 in seinem Werk „War and Anti-War“, dass Gesellschaften den Krieg nach denselben Prinzipien führen, nach denen sie ihren Reichtum erwirtschaften.7)

Die Kriege der Ersten Welle

Der Ursprung des Krieges liegt wahrscheinlich im Anbruch der Ersten Welle und in der damit verbundenen Sesshaftigkeit.8) Gesellschaften der Ersten Welle führen ihre Kriege um die Kontrolle des Landes, aus dem sie ihren Reichtum schöpfen (Agrarprodukte, Rohstoffe).9) Die Macht wird lokal oder regional durch Feudalherren oder Stammesführer ausgeübt, die nur locker zu größeren Strukturen (Reichen) zusammengefügt werden,10) oft auf der Basis einer Art Lehenspflicht. Das Reich verfügt über keine ausgeprägte staatliche Struktur und auch über keine oder nur begrenzte eigene Streitkräfte. Zum größten Teil werden die Armeen dem König von lokalen Machthabern, oft nur mit erheblichen Auflagen, zur Verfügung gestellt.11)

Dementsprechend gestalten Krieger der Ersten Welle ihre Strategie. Ziel ist die Kontrolle des Territoriums, um den Reichtum an- bzw. abzubauen.12) Mittel dafür sind relativ kleine, nicht-professionelle Armeen. Der Weg sind kurze Feldzüge, da die Armeen nur für eine kurze Zeit verfügbar sind und auch nicht lange logistisch versorgt werden können. Schlachten werden gemieden, vielmehr ist das Massaker die bevorzugte Art der Gewaltanwendung. Normalerweise kann das feindliche Territorium nicht erobert und besetzt werden. Deshalb haben die Feldzüge die Form von Raids in das Hinterland. Durch Sengen, Plündern, Verschleppen und Morden werden die zwei Reichtumsquellen des Feindes angegriffen: die Landwirtschaft und die Bevölkerung.13) Besonders in den Grenzregionen wiederholen sich die Überfälle so oft, dass das Leben als Krieger hier attraktiver ist als das des Bauern. Zum einen erhöht der Zugang zu Waffen die Überlebenschancen, zum anderen ermöglichen diese einen Lebensunterhalt, der in der Kriegsregion anders nicht möglich wäre.14) Wenn es zur Schlacht zwischen Armeen kommt, wird sie in kürzesten Entfernungen gefochten und ist von sehr kurzer Dauer (Stunden). Eine nachhaltige Entscheidung wird in seltenen Fällen erreicht. Da zum einen eine militärische Entscheidung nicht erzwungen werden kann und zum anderen der Krieg zur Lebensform eines Teils der Bevölkerung wird, ketten sich kurze Feldzüge zu sehr langen Kriegen aneinander.15)

So archaisch diese Kriege auf den ersten Blick erscheinen mögen, sie sind gerade heutzutage weit verbreitet, ob in den Drogenanbaugebieten Kolumbiens und Afghanistans oder in den Diamantenregionen Angolas. Für mehr Komplexität und Schwierigkeit in der Katalogisierung sorgt das Eingreifen externer Mächte, deren moderne Waffen und Militärberater dem Konflikt gewisse Züge anderer Kriegstypen geben.

Sie treten besonders dort auf, wo der Staat nicht in der Lage ist, das Machtmonopol auszuüben. Dieses Machtvakuum kann regional begrenzt sein, wie im Falle Kolumbiens, oder der ganze Staat kann als gescheitert einzustufen sein wie in Somalia, Afghanistan oder Kongo.16) In diesen Gegenden haben sich unter Umständen auch Krieger der Dritten Welle, wie z.B. Al Qaida niedergelassen. Ihr Auftauchen macht aus einem lokal begrenzten Krieg eine globale Bedrohung des Friedens.

Der Staatenkrieg, die Kriegsform der Zweiten Welle

Die Zweite Welle hat über fast zwei Jahrhunderte die Welt geprägt. Ihre Kriegsform, eine unter anderen, hat in Europa so dominiert, dass sie in unserem Bewusstsein zum Kriegsbegriff selbst wurde. Alles andere war kein „Krieg“, sondern entfremdete Formen der Gewaltanwendung.17)

Sechs Prinzipien prägen die Zivilisation der Zweiten Welle: Maximierung, Konzentration, Zentralisierung, Standardisierung, Spezialisierung und Synchronisierung.18) Dieselben Prinzipien sind in den Kriegen von Napoleon bis zum Zweiten Weltkrieg deutlich zu erkennen.19) Unter ihnen hat die Maximierung eine besondere Bedeutung: Größere Menschen-, Material- und Feuermassen sollten die Entscheidung bringen. In Worten Napoleons, des „Erfinders“ der Kriegführung der zweiten Welle: „Es gibt in Europa viele gute Generäle, aber sie sehen zu viele Dinge auf einmal; ich sehe nur eins; das sind die Massen.“ 20) Im Ersten Weltkrieg war hiermit der Kulminationspunkt überschritten. Die Entscheidung war durch Massen nicht mehr herbeizuführen. Toffler redet hier vom „Tod auf dem Fließband“.21) Es folgte der Versuch, durch Synchronisierung und Konzentration das Patt zu lösen (Blitzkrieg, maneuverist approach). Die blendenden Erfolge dieses Konzepts wurden aber mit der Entwicklung der Atombombe weitestgehend obsolet. Das Prinzip der Maximierung wurde dermaßen gesteigert, dass es nicht mehr zu kompensieren war. Der Krieg wurde unführbar, die Massen waren unbrauchbar, die Kosten des Kriegs waren so enorm geworden, dass sie in keinem Verhältnis zu irgendwelchen Zielen standen. Statt der Kriegführung konnte höchstens die Kriegsandrohung zur Durchsetzung des politischen Willens genutzt werden.22) Unter dem Schirm der Androhung des Zweit-Wellen-Krieges traten erneut Kriege der Ersten Welle auf, oft mit der Unterstützung der beiden Weltmächte.23)

Die Kriege der Zweiten Welle sind hiermit als Paradigma überholt, wie General Smiths beeindruckendes Zitat erklärt. Noch stellen aber viele Staaten ihre Armeen nach diesem Modell auf und versuchen, sich ihre Waffen zu beschaffen. Ein gewaltsamer Konflikt mit ihnen ist nicht auszuschließen.

Der (fast) ent-territorialisierte Krieg der Dritten Welle

Die Dritte Welle bringt einerseits eine Globalisierung der Information, der Wirtschaft und der Wirkungsmöglichkeiten, andererseits untergräbt sie die Macht und Kontrollmöglichkeiten des Staates.24)

Im Golfkrieg 1991 sieht Toffler den ersten Krieg einer Armee der Dritten Welle, wo die massive Zerstörungskraft durch eine selektive und präzise Anwendung von Gewalt auf kritische Knotenpunkte des feindlichen Systems ersetzt worden sei, unterstützt durch eine überlegene Fähigkeit, Information zu gewinnen und zu nutzen.25) Allerdings habe diese Armee gleichzeitig und parallel immer noch die massive Zerstörungskraft der Zweiten Welle angewendet. Obwohl Toffler von der Geburt einer neuen Kriegsform spricht, ist der Golfkrieg ein relativ konventioneller Staatenkrieg, wenn auch unter Nutzung moderner Technologien.

Die Nutzung moderner Technologie ist wohl ein Merkmal der Dritten Welle, das Wesentliche ist aber, dass Information und nicht Materie entscheidend ist. Während bei „Schornsteingesellschaften“ der Zweiten Welle die materielle Wirkung gesucht wird (deshalb sind „Materialschlachten“ typisch für die Zweite Welle), kämpfen Gesellschaften der Dritten Welle einen großen Teil ihres Kampfes im virtuellen Raum. Eine geringe materielle Wirkung, sogar eine inexistente materielle Wirkung kann als Information enorme Konsequenzen haben. Während die „Mass Media“ der Zweiten Welle mehr oder weniger einheitliche Informationen übermittelten, die auch relativ gut von den Regierungen kontrolliert werden konnten, ermöglichen die Anzahl und Vielfalt der Informationssysteme der Dritten Welle eine große Menge an individualisierten Informationen, die in extrem kurzer Zeit an Nischenaudienzen verbreitet werden. Hier liegt die besondere Verwundbarkeit der Gesellschaften der Dritten Welle. Der Staat hat kaum eine Möglichkeit, den Informationsfluss zu kontrollieren. Während Propaganda bei der Zweiten Welle eine unterstützende Aktivität der Kriegführung war, ist bei Gesellschaften der Dritten Welle die Information die entscheidende Waffe geworden. Der Einsatz von Gewalt ist oft nur ein Weg, um ein Bild zu generieren, das als Information seine Wirkung erzielt.26)

Gesellschaften der Dritten Welle sind zudem „postheroisch“. Ihre Toleranz für Verluste ist extrem niedrig. Das schränkt ihre Handlungsfähigkeit ein. Verluste werden nur akzeptiert, wenn ein vitales Interesse bedroht ist. Und selbst dann müssen sie auf ein Minimum begrenzt werden. In der Praxis sind also Gesellschaften der Dritten Welle nur bedingt kriegführungsfähig. Deshalb tendieren sie zum Einsatz abstandsfähiger Waffen, ohne die eigene Truppe zu gefährden.27)

Neuartig an der Dritten Welle ist das Auftauchen von Akteuren, die Toffler als „Global Gladiators“ bezeichnet, Machthaber ohne staatliche Struktur, die aber global wirken. Obwohl das Wort Gladiator Gewalt suggeriert, zitiert Toffler durchaus friedliche und friedfertige Akteure neben extrem gewalttätigen als „Global Gladiators“: religiöse Gruppen, Drogenkartelle,28) multinationale Konzerne und Privatarmeen.29) Man kann die Liste der existierenden oder potenziellen Global Gladiators erweitern: Antiglobalisierungsbewegungen (paradoxerweise selber global), Umweltschützer,30) rassistische Gruppen, ethnische Minderheiten, Straßenbanden31) usw.

Entscheidend für die Klassifizierung als Global Gladiator oder Krieger der Dritten Welle ist nicht die Verfügbarkeit von militärischem Hightech, nicht einmal Gewalttätigkeit, sondern die Ent-Territorialisierung und die Möglichkeit, global zu wirken. Letztere haben die Global Gladiators aufgrund der Vernetzung der Informationssysteme, die ihnen zum einen die Kommunikation zwischen ihren Teilen ermöglicht, zum anderen aber als Vektor für den Angriff auf die Informationssysteme und die empfindliche kollektive Psyche der Gesellschaften der Dritten Welle dient. Die dazu notwendige Hightech ist jetzt für jedermann verfügbar. Harmlose zivil genutzte Systeme wie Rechner, GPS oder Internetanschlüsse zusammen mit Waffen, Sprengstoffen oder Chemikalien können unter Nutzung der zivilen Infrastruktur zum Erreichen von materieller oder virtueller Wirkung benutzt werden.32)

Als ein Global Gladiator, der eine Bedrohung für die weltweite Sicherheit bedeutet, steht gegenwärtig Al Qaida im Rampenlicht. Al Qaida ist ein „Nicht-Staat“ mit Netzwerkorganisation und ist weitestgehend „ent-territorialisiert“. Krieger der Ersten Welle wie Warlords, Stämme oder Banden streben die Kontrolle einer bestimmten Gegend an, schöpfen Ressourcen und rekrutieren Krieger in ihr und operieren aus ihr. Al Qaida hingegen will ihre Vision global durchsetzen.33) Sie schöpft ihre finanziellen Ressourcen aus verschiedensten Quellen und rekrutiert ihre Anhänger weltweit. Im Idealfall wird nur ein allgemeines Ziel angegeben. Die Zellen bilden sich vor Ort, rekrutieren lokal ihr Personal, finanzieren sich aus eigenen Quellen (Drogenhandel, Raub, aber auch völlig legaler Handel oder berufliche Tätigkeit), erwerben oder erhalten ihre Waffen auf dem örtlichen legalen oder illegalen Markt, planen und führen die Anschläge selbstständig durch.34) In diesem Sinne sind sie ein Musterbeispiel des „Prosumenten“, Hybrid aus Produzent und Konsument, den Toffler als eines der Paradigmen der Gesellschaft der Dritten Welle beschreibt.35)

Allerdings ist diese „Ent-Territorialsierung“ nicht vollständig. Al Qaida konzentriert ihre Aktivitäten auf bestimmte Gegenden, die ihr Erfolg versprechend erscheinen, um die „Ungläubigen“ zu schlagen und in die Defensive zu zwingen, sodass ihre Erfolge sichtbar werden (z.B. Irak oder Afghanistan), um die Kontrolle eines Staates zu übernehmen, was ihr Potenzial dramatisch steigern würde (z.B. die Atommacht Pakistan) oder um über Rückzugsgebiete zur Ausbildung oder Experimentierung und Herstellung von Massenvernichtungswaffen zu verfügen. Bisher hat Al Qaida ihre territoriumsabhängigen Teile stets in Regionen der Ersten Welle gehabt.

Krieg zwischen Gesellschaften verschiedener Wellen

In Tofflers Werken sowie in auf seiner Theorie inspirierten Studien wird die Überlegenheit der jeweils neuesten Welle über die vorhergehenden vorbehaltlos angenommen.36) Dies ist oft der Fall gewesen, aber nur dann, wenn der Kriegführende der späteren Welle die Strategie des Gegners analysiert hat und ihr dementsprechend mit einer angemessenen Strategie begegnet ist, die ihm die Ausnutzung seiner technologischen und organisatorischen Überlegenheit ermöglichte.37) Dort, wo das nicht der Fall gewesen ist, wo die eine Seite die wirkliche Natur dieses Krieges nicht erkannt und dementsprechend die falsche, die ihm bekannte Strategie angewendet hat, ist der anscheinend Überlegene geschlagen worden, zumindest hat er nicht den Sieg erzwingen können, was in diesem Fall eine Niederlage bedeutet. Beispiele solcher Niederlagen wären die der napoleonischen Truppen in Spanien, obwohl sie fast ausnahmslos die Schlachten gewonnen hatten, oder die der USA in Vietnam oder Somalia oder neulich jene Israels im Libanon.38)

Gegen materiell und organisatorisch überlegene Gegner der Zweiten Welle greift der Krieger der Ersten Welle zur Partisanentaktik, um den Gegner zu ermatten und zum Aufgeben zu zwingen. Die regulären Kräfte werden durch Hinterhalte und Handstreiche am freien Operieren gehindert und gezwungen, immer mehr Kräfte zu binden. Die steigenden Kosten (an Geld, Material und Personal) sollen den zu erwartenden Vorteil übersteigen und so den Gegner zum Aufgeben bewegen. Gegen die Armee einer postheroischen Gesellschaft der Dritten Welle ist die Aussicht auf Erfolg größer. Aufgrund der geringen Toleranz für Verluste, der multiplizierenden Wirkung der Medien und der geringen Geduld dieser Gesellschaften, die schnelle Ergebnisse verlangen, können sie schon mit einer relativ geringen Verlustzahl zum Aufgeben gezwungen werden, insbesondere wenn keine unmittelbare Bedrohung vitaler Interessen erkennbar ist. Gerade diese Faktoren bewirkten den Rückzug der USA, aber auch ihrer Alliierten aus Somalia 1993 oder aus dem Libanon 1984.

Sofern es für ihn erreichbar ist, wird der Krieger der Ersten Welle versuchen, den Kampf in das Hinterland des überlegenen Gegners zu verlagern und ihn auch dort mittels terroristischer Anschläge zum Aufgeben zu bewegen. Diese Möglichkeit blieb den kolonisierten Gesellschaften der Ersten Welle meistens verwehrt, weil die Metropole für sie nicht erreichbar war. Sie wurde und wird in den Fällen genutzt, wo der Krieger der Ersten Welle innerhalb des Staatsterritoriums für die Unabhängigkeit eines Teils oder für einen Regimesturz kämpft. Moskau ist für die tschetschenischen Krieger erreichbar, weil sie keine Grenze zu durchstoßen brauchen.

Die Symbiose zwischen Erster und Dritter Welle

Die Globalisierung und der Anbruch der Dritten Welle haben dem Krieger der Ersten Welle die Möglichkeit gegeben, mittels eines Verbündeten der Dritten das Hinterland des Gegners anzugreifen, egal wie weit weg dieser ist. Terrornetzwerke können wie beschrieben mit lokal aufgestellten, trainierten, finanzierten und bewaffneten Zellen im Herzen der Industrienationen und ganz besonders der post-industriellen Nationen wirken. Gerade diese leben von der Globalisierung und brauchen die freie Bewegung von Personen, Waren und Informationen. Dies öffnet auch dem Global Gladiator den Weg zum Angriff. Global Galdiators haben eine große Fähigkeit, ihre Handlungen hinsichtlich der Wirkung im Informationsraum zu maximieren. Oft ist die psychologische Wirkung um ein Vielfaches größer als die materielle.39)

Allerdings hat dieses Bündnis auch Schwächen. Der Global Gladiator verfolgt seine eigenen Ziele auch auf dem Territorium des Kriegers der Ersten Welle. So geht es Al Qaida in Afghanistan und Irak nicht in erster Linie darum, die Lebensart und die Reichtumsquellen der lokalen Machthaber zu schützen, sondern einerseits den globalen Krieg gegen die USA und ihre Verbündeten zu führen und anderseits in diesen Ländern zuerst die neuen Strukturen eines theokratischen Regimes zu bilden. Aufgrund der unterschiedlichen Agenda kann dieser Verbündete für den Krieger der Ersten Welle sehr unangenehm werden. In diesem Sinne hat das Bündnis zwischen dem Taliban-Regime und Al Qaida die Intervention der USA und den Zusammenbruch des Regimes forciert. Im Irak hat die Strategie Al Qaidas, möglichst blutige Anschläge durchzuführen, um die USA als Verursacher eines nicht endenden Blutbades zu präsentieren, die Abneigung der lokalen arabischen Bevölkerung und deren Führer geerntet. Die geschickte Ausnutzung dieses Konflikts durch General Petraeus hat die Kooperation der Sunniten erzielt und die Handlungsmöglichkeiten Al Qaidas stark reduziert.40)

Eine Strategie für einen Nicht-Staaten-Krieg

Bevor einige Linien einer erfolgreichen Strategie gegen einen Krieger der Ersten Welle vorgeschlagen werden, muss aber die grundsätzliche Frage gestellt werden, ob und warum militärisch eingegriffen werden soll. Ein Eingriff ohne ein klares und erreichbares politisches Ziel kann leicht zu einer Niederlage führen.41) Der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler beschreibt drei Kriegstypen, in die moderne westliche Demokratien eventuell eingreifen würden: Ressourcenkriege, Pazifizierungskriege und Verwüstungskriege. Mit diesem letzten Begriff bezeichnet Münkler die Kriegführung gegen die Basen der Terrorgruppen, um sie am freien Operieren zu hindern. Hier wird das Wort Antiterrorkrieg benutzt werden.42)

Ein Feldzug, um ressourcenreiche Gegenden zu besetzen und auszubeuten, kommt für moderne Demokratien nicht in Frage. Abgesehen von moralischen oder legalen Bedenken ist es für Gesellschaften der Dritten Welle wesentlich billiger, die Ressourcen zu erwerben, sogar zu sehr hohen Preisen, als sie mit Gewalt zu sichern. Ein Eingreifen wäre also nur dann sinnvoll, wenn die Ausbeutung durch einen Global Gladiator kontrolliert würde, der damit seine Angriffe gegen die eigene Gesellschaft finanziert, wenn bereits existierende Konflikte in der Region den Handel in einem unvertretbaren Ausmaß beeinträchtigen oder wenn die Vermarktung der Ressource selbst (Drogen) eine Bedrohung darstellen würden. Im ersten Fall würde der Eingriff in die Kategorie der Antiterrorkriege fallen, im zweiten in die der Pazifizierungskriege.

Pazifizierungskriege sind eine problematische Kategorie. Sie können relativ leicht aus rein philanthropischen Gründen begonnen werden, insbesondere, wenn die Medien die Ausmaße des Leidens in das heimische Wohnzimmer bringen. Da sie aber oft ein jahrzehntelanges Engagement erfordern, um überhaupt eine Aussicht auf Erfolg zu haben und ein vitales Sicherheitsinteresse für die Truppen stellenden Nationen nicht unbedingt zu erkennen ist, kann der anfängliche Enthusiasmus angesichts des langen Engagements und der auftretenden Kosten (nicht nur an Geld, sondern insbesondere an Menschenleben) schnell in Apathie oder offene Abneigung umschlagen, sodass der Einsatz unverrichteter Dinge abgebrochen wird (Libanon, Somalia) oder ein kümmerliches Leben weiterführt. Der Vorwurf des US-amerikanischen Autors Luttwak, solche Einsätze würden Kriege nur verlängern oder gar verewigen, ist nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen und ist zumindest für halbherzige Interventionen ohne eine klare Strategie zutreffend.43) Ein Pazifizierungseinsatz ist also nur dann sinnvoll, wenn der Wille und die Möglichkeit gegeben sind, ihn über einen ausreichenden Zeitraum mit dem nötigen Engagement zu halten, um ihn zu einem erfolgreichen Ende zu führen.

Antiterroreinsätze können drei Ziele verfolgen: Erstens, die territoriumsabhängigen Teile der Netzwerkorganisation (Trainingslager u.ä.) zu zerschlagen, zweitens, ihnen den Zugang zu Ressourcen zu verwehren, mit denen sie ihre Struktur finanzieren, oder, drittens, die Kriegführung weg vom Heimatland in andere Regionen zu verlagern, wodurch die Freiheit des Handelns der Organisation reduziert werden soll. Keines dieser Ziele wird für sich alleine den Sieg gegen eine ent-territorialisierte Organisation wie Al Qaida bringen, kann aber Teil einer umfassenderen Strategie sein. Die Bekämpfung der Zellen im Inland ist in der Regel in Europa keine Aufgabe der Streitkräfte, obwohl die Debatte über eine unterstützende Rolle bereits läuft. Streitkräfte beteiligen sich aber schon seit Jahren an der Bekämpfung dieser Terror-Netzwerke in den Gegenden, wo sie ihre territoriumsabhängigen Teile haben.

In allen drei Kategorien muss die militärische Seite beim Beraten der politischen Entscheidungsebene darauf hinweisen, dass der militärische Beitrag nur einen Teil des Problems lösen kann, dass eine Erfolg versprechende Gesamtstrategie verfolgt werden muss, dass der Einsatz normalerweise nicht schnell zu beenden sein wird und dass in dieser Periode neben den Kosten des militärischen Einsatzes noch erheblich höhere durch den zivilen Anteil des Engagements entstehen werden, ohne die der Erfolg bestenfalls partiell sein wird.

Die favorisierte militärische Strategie gegen einen Krieger der Zweiten Welle ist die Zerstörung oder Neutralisierung der Armee auf dem Schlachtfeld,44) entweder durch Einsatz von massiver Zerstörungskraft (Zweite Welle) oder durch selektive Beeinträchtigung der kritischen Knotenpunkte des Verteidigungssystems (Dritte Welle). Dem dadurch wehrlos gewordenen Feind - einem Staat - kann dann der eigene Wille aufgezwungen werden. Gegen einen Krieger der Ersten Welle ist diese Strategie ungeeignet. Wie schon erwähnt, wird der Gegner der Ersten Welle in der Regel keine Armee aufstellen, die auf dem Schlachtfeld besiegt werden könnte, sondern sich mit bewaffneten Gruppen zur Wehr setzen. Ihre Mitglieder sind Bauern, die, mit Land und Leuten vertraut, schnell zuschlagen und wieder als Nicht-Kombattanten unter der Bevölkerung verschwinden können. Die kurze Ausbildungszeit und die billigen und massenweise auf dem Markt verfügbaren Waffen ermöglichen eine rasche Kompensierung der Verluste.45) Dank der Globalisierung kann er zusätzlich den Konflikt in das Heimatland verlagern, mittels einer Allianz mit einem Global Gladiator. Das direkte Vorgehen gegen die Banden oder ihre Führer ist in den seltensten Fällen erfolgreich. Die Bevölkerung, aus der die Banden rekrutiert werden, wird allzu oft in Mitleidenschaft gezogen, was den Widerstand legitimiert und den Zulauf von Freiwilligen erhöht. Selbst wenn es gelingen sollte, die Banden vernichtend zu schlagen, bliebe das Problem, mit wem ein Friedensabkommen unterzeichnet werden könnte und wie dieser Unterzeichnende dessen Einhaltung durchsetzen sollte.

In einigen Fällen verfügen Gesellschaften der Ersten Welle über Armeen, die nach den Grundsätzen der Zweiten Welle aufgestellt, ausgerüstet und ausgebildet sind. Selbst in diesen Fällen kann eine zu erfolgreiche Bekämpfung der Streitkräfte kontraproduktiv sein, da gerade die Streitkräfte die Garanten der (schwachen) Staatlichkeit sind. Das Machtvakuum nach ihrem Fall kann das Auftauchen einer viel komplexeren Situation hervorrufen, wie der Fall des Iraks nach 2003 zeigt.

Eine Strategie, die auf die Zerstörung der Reichtumsquelle zielt, scheidet bei näherer Betrachtung auch aus. Gesellschaften der Ersten Welle schöpfen ihren Reichtum aus der Erde, in Form von Rohstoffen oder Agrarprodukten. Der Boden lässt sich nicht zerstören. Nach einer vorübergehenden Lahmlegung der Landwirtschaft oder des Bergbaus kann die Produktion schnell wieder aufgenommen werden. Die systematische Verwüstung der Landwirtschaft kommt für demokratische Staaten nicht in Frage.46) Die selektive Verwüstung von Drogenanbaugebieten hat sich bisher in keinem Fall als erfolgreich bewährt. Es wird sich immer Land finden, wo Kaffee, Erdnüsse oder Gerste durch Coca, Mohn oder Hanf ersetzt werden. Sie kann also nur eine begleitende Maßnahme im Rahmen einer weiteren Strategie sein. Es gibt auch gut begründete Analysen, die genau das gegenteilige Vorgehen empfehlen, nämlich den kontrollierten Anbau zur Herstellung pharmazeutischer Produkte. Die Gewalt fördernde Untergrundökonomie könne so durch eine stabilisierende Wirtschaft ersetzt werden.47)

Aus diesen Überlegungen lässt sich die Strategie zur Bekämpfung des Erste-Wellen-Gegners ableiten. Der angestrebte Endzustand ist der einer funktionierenden gesellschaftlichen Ordnung, von der keine Bedrohung für die eigenen Interessen ausgeht. Allerdings können in den seltensten Fällen die bekannten Strukturen und Grundsätze der westlichen Demokratien übertragen werden. Tribale und ethnische Hintergründe, traditionelle Regierungsformen und Machtverhältnisse können nicht in kurzer Zeit ausgehebelt werden, erst recht nicht bei einer Gesellschaft der Ersten Welle, für die der Nationalstaat nicht die natürliche Organisationsform ist. Föderale Strukturen auf der Basis der existierenden ethnischen Verteilung sind wahrscheinlich überlebensfähiger als zentralistische Staaten, die in Europa nur nach einer langen, kriegsgespickten Evolution auftraten. Die aus dem Krieg gewachsenen Machtverhältnisse können nicht rasch beseitigt werden. Deshalb werden die Warlords oft eine Rolle in den neuen Strukturen spielen müssen.

Die Wege zum Ziel müssen auf jeden Fall eine effektive Kontrolle des Territoriums und der Bevölkerung beinhalten. Des Territoriums, um dem Gegner den Zugang zu seiner Reichtumsquelle zu verwehren, der Bevölkerung, weil aus ihr die Krieger rekrutiert sowie deren Unterschlupf und deren Versorgung sichergestellt werden. Entscheidend ist es, die aktive Unterstützung der Bevölkerung zu erreichen, wozu ihr eine bessere Alternative als die des Gegners angeboten werden muss, die aber auch in ihre Wertestruktur passt. Das Bedürfnis nach Sicherheit zu decken, ist dabei Auftrag der militärischen und polizeilichen Kräfte, aber andere wie Infrastruktur, Erziehung oder Zugang zu Land und Landwirtschaftsgerät und -techniken, um nur einige zu erwähnen, können nur im Rahmen eines breiteren Engagements gedeckt werden.

Der Gegner wird versuchen, die Präsenz der militärischen Kräfte, aber auch der Entwicklungshelfer mittels Anschlägen und Hinterhalten zu begegnen. Wenn er bemerkt, dass er die Unterstützung der Bevölkerung verliert, wird er wahrscheinlich auch diese zum Ziel der Angriffe machen, wobei gerade ein Global Gladiator wie Al Qaida - selber ein externer Akteur im Konflikt - mit Vorliebe zu unterschiedslosen Repressalien greift. Dies ist der kritische Moment, an dem die Kampagne entschieden wird. Gelingt es der Allianz zwischen den Kriegern der Ersten und Dritten Welle, die Bevölkerung einzuschüchtern, die eigenen Kräfte am Erfolg zweifeln zu machen und der öffentlichen Meinung in den Heimatländern die Intervention als ein Desaster zu präsentieren, kann dies den Rückzug der eigenen Kräfte bewirken.

Von entscheidender Wichtigkeit ist, das Konfliktpotenzial zwischen den Kriegern der Ersten Welle und deren Verbündeten der Dritten Welle zu identifizieren und auszunutzen, um das Bündnis zu zermürben.

Während der gesamten Kampagne ist militärische Gewalt auf das absolut erforderliche Minimum zu begrenzen und mit größter Präzision gegen die nötigen Ziele anzuwenden, denn eine wahllose Steigerung der Gewalt führt zum Verlust der Unterstützung durch die Bevölkerung, und die Zerstörung von Infrastruktur und Ordnung gewährt dem (irregulären) Krieger der Ersten Welle eine größere Freiheit des Handelns. Dies bedeutet aber nicht, dass auf die Anwendung von Gewalt verzichtet wird, insbesondere wenn der Gegner sich konzentriert und ein entsprechendes Ziel bietet. Das Abwägen zwischen der unüberlegten Antwort auf eine Provokation und der Zaghaftigkeit, die als Schwäche wahrgenommen werden kann, ist hier die große Schwierigkeit der Operationsführung.

Aus den oben aufgeführten Zielen und Wegen folgen die benötigten Mittel, wobei wieder betont werden muss, dass das Militär hier nur ein Teil ist. Zur Kontrolle des Territoriums und der Bevölkerung werden zahlreiche Militär- und Polizeikräfte benötigt. Selbst die Massenarmeen der Zweiten Welle haben dazu einheimische Kräfte aufstellen müssen. Diese müssen für ihre schwierige Aufgabe ausgebildet und geführt werden. Oft ist die Bewaffnung der Zivilisten und das Aufstellen von Milizen zu erwägen; eine zweischneidige Maßnahme, die aber erfolgreich sein kann. Milizen ermöglichen eine ständige Präsenz in der Region. Darüber hinaus sind sie aufgrund der Einbettung der Milizionäre in der Gesellschaft und ihrer Kenntnis der lokalen Gegebenheiten sehr effiziente Mittel der Nachrichtengewinnung. Andererseits haben sie oft eskalierende Wirkung und neigen eher zu Gräueltaten als reguläre Kräfte.48) Schließlich besteht immer die Gefahr des Loyalitätswechsels. Milizen können also einen großen Teil der defensiven Maßnahmen übernehmen und wesentlich zur Nachrichtengewinnung beitragen. Die auf der gewonnenen Information basierenden offensiven Maßnahmen würden dann von regulären Kräften übernommen, nach Möglichkeit mit überwiegend einheimischen Kräften. Die Anwesenheit regulärer Kräfte soll gleichzeitig eventuellen Ausschreitungen der Milizen vorbeugen.

Die größte Schwierigkeit ist das Aufstellen und Koordinieren der gesamten zivilen Struktur, die die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung, die Stabilisierung und letztlich den Aufbau des Staates ermöglichen soll.49) Das jetzige System, nach dem die verschiedenen Nationen ihren oft unzulänglichen Beitrag nach eigenem Ermessen verteilen oder dies sogar an NGOs delegieren, erschwert eine koordinierte und zielgerichtete Anwendung dieses wesentlichen Beitrags zur Gesamtstrategie.

Gleichzeitig ist die eigene Achillesferse zu schützen: die Unterstützung der eigenen Bevölkerung. Bei einer Auseinandersetzung mit einem gewalttätigen Gegner ist mit Sicherheit früher oder später mit Rückschlägen zu rechnen, die nur dann von der Bevölkerung mitgetragen werden, wenn der Einsatz klar legitimiert ist. Die Strategie, also Ziele, Mittel und Wege, muss der Bevölkerung vermittelt, Fortschritte und Probleme müssen aufrichtig kommuniziert werden. Eine Begründung des Einsatzes mit falschen Informationen, Vereinfachungen, halben Wahrheiten oder verzerrten Perspektiven kann kurzfristig Unterstützung ernten, gleichzeitig aber den Samen zum späteren Scheitern bilden.

Schlusswort

„The difficulty lies, not in the new ideas, but in escaping from the old ones.“ John Maynard Keynes

Unsere Armeen, unsere Bewaffnung, unsere Doktrin und unsere Ausbildung sind aufgestellt worden, um einen „konventionellen“ Krieg zu gewinnen. Die jetzigen Kriege entsprechen aber nicht mehr der „Konvention“. Sie sind dennoch real und blutig und finden zum Teil in entfernten Gegenden, zum Teil in unseren Städten statt. Vieles ist an den „Neuen Kriegen“ nicht neu und würde Soldaten vergangener Jahrhunderte sehr bekannt vorkommen. Andere Erscheinungen sind Produkt eines neuen Zeitalters. Die Bausteine einer erfolgreichen Strategie können zum Teil aus dem Studium vergangener Kriege übernommen werden, andere müssen geschaffen werden. Die Strategie kann aber immer nur für einen konkreten Fall entwickelt werden und ist nicht auf andere übertragbar. Dafür bedarf es auf jeden Fall der „Fähigkeit, Ähnlichkeiten und Unterschiede zu erkennen, des Verständnisses, dass Verallgemeinerungen nicht immer in konkreten Fällen Anwendung finden“.50)

 


ANMERKUNGEN:

1) Sir Rupert Smith: The Utility of Force. The Art of War in the Modern World, London, Penguin Books, 2006, S.1.

2) Ebenda, S.4.

3) Ebenda, S.197.

4) Carl von Clausewitz: Vom Kriege, 19. Auflage, Troisdorf, Bildungsverlag EINS, 1980, S.856. Dieses Zitat stammt aus dem Kapitel der Verteidigung, wenn keine Entscheidung gesucht wird. Im Kontext bezieht er sich auf den Wandel, den die Revolutionskriege und die napoleonischen Kriegszüge bedeuteten, von begrenzten Zielen und Feldzügen zu absoluten Entscheidungskriegen. Dieser von Clausewitz erlebte Wandel in der Kriegführung ist gewiss auch im Zusammenhang mit dem Wandel von feudalen Agrargesellschaften der Ersten Welle zu bürgerlichen Industriegesellschaften der Zweiten zu sehen.

5) Der Wandel der Kriegsformen wird zurzeit aus verschiedenen Perspektiven analysiert. Grund für diese Analysen ist die Ratlosigkeit, mit der politische und strategische Denker der Evolution des Krieges gegenüberstehen. Diese Ratlosigkeit spiegelt sich in den verschiedenen Bezeichnungen für heutige Kriege: Konflikte hoher, mittlerer und niedriger Intensität, Kleine Kriege, Neue Kriege, Wilde Kriege und das wahrscheinlich unbeholfenste: Military Operations Other Than War (MOOTW). Tofflers Modell der Drei Wellen hat besonders das US-amerikanische Denken beeinflusst. 1979 erschien „The Third Wave“. Alvin Toffler: Die Dritte Welle. Zukunftschance. Dt. Ausgabe, München, C. Bertelsmann Verlag GmbH, 1980. Die militärischen Überlegungen wurden erst 1993 in Alvin und Heidi Toffler: War and Anti-War, New York, Warner Books Edition, 1995, systematisiert. Gegenwärtig sehr populär ist das Vier-Generationen-Modell von William S. Lind (1989), besonders das Konzept „Fourth Generation Warfare“ ist weit verbreitet. Das Vier-Generationen-Modell analysiert Taktiken. Nach meiner Bewertung ist die Fourth Generation Warfare eine Taktik der Krieger der Dritten Welle. Zusätzlich existiert ein Vier-Epochen-Modell von Dr. T. Lindsay Moore (1994). Für eine (mit Toffler sehr kritische) Zusammenfassung und Vergleich dieser drei Modelle, Dr. Robert J. Bunker: Generations, Waves and Epochs, Modes of Warfare, and the RPMA in Airpower Journal, Spring 1996 (http://www.airpower.maxwell.af.mil/airchronicles/apj/apj96/spr96/bunker.pdf, zuletzt abgerufen am 9.11.2009). Der Deutsche Herfried Münkler redet von „Neuen Kriegen“, wobei er immer wieder auf Parallelen aus der Vergangenheit hinweist. Vgl. Herfried Münkler: Die Neuen Kriege, Reinbek, Rowolth, 2002. Großen Einfluss gewinnt in letzter Zeit auch die Klassifizierung von General Sir Rupert Smith, der von „Interstate Industrial War“, „Antithesis to Industrial War“ und „War Amongst the People“ spricht. Vgl. Smith, a.a.O.

6) Toffler, Dritte Welle, a.a.O.

7) „The thesis of this book is clear - but as yet little understood: the way we make war reflects the way we make wealth - and the way we make anti-war must reflect the way we make war“, Toffler: War and Anti-War, a.a.O., S.2.

8) „Hunters and gatherers may have ‚territory’; pastoralists have grazing and watering-places; agriculturalists have land. Once man invests expectations of a regular return on his seasonal efforts in a particular place - lambing, herding, planting, reaping - he rapidly develops the sense of rights and ownership. (…) Pastoralism, and agriculture even more so, make for war“ John Keegan: A History of Warfare, London, Hutchinson, 1993, S.122. „Agriculture became the womb of war for two reasons. It enabled communities to produce and store an economic surplus worth fighting over. And it hastened the development of the state. Together these provided the preconditions for what we now call warfare“ Toffler; War and Anti-War, a.a.O., S.36.

9) Die Einordnung des Bergbaus in den Primär- oder Sekundärsektor ist umstritten. In dieser Arbeit werden aber die Gesellschaften, deren Hauptreichtumsquelle der Bergbau ist, der Ersten Welle zugeordnet. Der erwirtschafte Reichtum ist unter Umständen so groß, dass sie über Technologie, Wohlstand und militärische Fähigkeiten der Zweiten oder gar der Dritten Welle verfügen (Saudi-Arabien). Trotzdem entsprechen ihre Zielsetzung und ihre gesellschaftliche Struktur in großem Ausmaß denen der Agrargesellschaften. Auf die Schwierigkeit, Gesellschaften eindeutig einer Welle zuzuordnen, wurde bereits in der Einleitung hingewiesen.

10) Vgl. Toffler, Dritte Welle, a.a.O., S.92-93.

11) Vgl. Toffler, War and Anti-war, a.a.O., S.35-40. Es ist relativ leicht, Ausnahmen zu diesem Modell zu finden. Das Ehepaar Toffler erwähnt hier die Legionen des Römischen Reiches. Trotzdem gab und gibt es immer noch zahlreiche Gesellschaften, die sich diesem Modell anpassen.

12) „While the Tofflers’ thesis is less than perfect, they are generally correct with respect to the goals of warfare imposed by the prevailing socioeconomic frameworks of the various epochs. Successful pre-industrial war was generally predicated on the seizure of territorial assets, control of them, or both.“ Ryan und Peartree Henry, C. Edward: Military Theory and Information Warfare in Parameters, Autumn 1998, S.121-135, http://www.carlisle.army.mil/usawc/parameters/98autumn/henry.htm, zuletzt abgerufen am 9.11.2009

13) „Als Midian die Oberhand gewann, machten sich die Israeliten die Schluchten in den Bergen und die Höhlen und die Bergnester (als Unterschlupf) vor den Midianitern zurecht. Doch immer, wenn die Israeliten gesät hatten, kamen Midian, die Amalekiter und die Leute aus dem Osten und zogen gegen sie heran. Sie belagerten die Israeliten und vernichteten die Ernte des Landes bis hin in die Gegend von Gaza. Sie ließen in Israel keine Lebensmittel übrig, auch kein Schaf, kein Rind und keinen Esel. Denn sie zogen mit ihren Herden und Zelten heran und kamen so zahlreich wie die Heuschrecken herbei. Zahllos waren sie selbst und auch ihre Kamele. Sie kamen und verheerten das Land.“ Buch der Richter, Kapitel 6, Vers 2-5, Deutsche Einheitsübersetzung. „The worst damage one city could do to another, after the killing of its citizen-soldiers on the battlefield, was to devastate its agriculture“ John Keagan zitiert in Toffler: War and Anti-War, a.a.O., S.55. Zu den verschiedenen Formen der demographischen Gewalt Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, a.a.O., S.138-159.

14) Vgl. Münkler, a.a.O., S.33-36.

15) Der Krieg der Christen gegen die Mauren in Spanien dauerte fast 800 Jahre (711 bis 1492); der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648; der Afghanistankrieg fing 1980 an, eine Ende ist noch nicht in Sicht; in Angola wird von 1975 bis 2002 Gewalt registriert; in Kolumbien von 1965 an, ein Ende ist ebenfalls nicht in Sicht. Quelle für die aktuellen Konflikte ist die Datenbank des Department of Peace and Conflict Research der Universität Uppsala, http://www.pcr.uu.se/database/index.php, zuletzt abgerufen am 9.11.2009. Vgl. auch Münkler, a.a.O., S.75ff. Münkler benutzt den Dreißigjährigen Krieg als Beispiel für Kriege vor der Verstaatlichung des Krieges. Die Unfähigkeit, den Krieg durch entscheidende Schlachten zu gewinnen, führe zu einer zeitlichen Ausdehnung des Krieges, zum Disziplinverlust der Truppe und zu den Angriffen auf die Zivilbevölkerung.

16) Oft ist fraglich, ob eine staatliche Struktur je existiert hat, deshalb ist wohl der Begriff gescheiterter Staat (failed state) zutreffender als der im Deutschen oft gebrauchte „zerfallene Staat“.

17) Vgl Smith, a.a.O., S.308 oder Frank G. Hoffman: Small wars revisited: the United States and nontraditional wars in The Journal of Strategic Studies. 28 (2005) H.6 S.922. Vgl. auch John A. Nagl: Learning to eat soup with a knife, Chicago, The University of Chicago Press, 2005, S.219. Auch die britische Armee, die sich aufgrund ihrer langen Kolonialgeschichte in der Bekämpfung von Kriegern der Ersten Welle spezialisiert hatte, wurde in den Weltkriegen von der Zweiten Welle geprägt. Richard Clutterbuck, zitiert in ebenda, S.67.

18) Vgl. Toffler, Dritte Welle, a.a.O., S.58-73.

19) Immer größere Armeen (Maximierung) treffen auf dem Schlachtfeld zusammen (Konzentrierung), um unter einheitlicher Führung (Zentralisierung) in einer Entscheidungsschlacht (Synchronisierung) den Sieg zu erringen. Die drei klassischen Waffengattungen (Infanterie, Kavallerie, Artillerie) sind die ersten Zeichen der Spezialisierung, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts noch vergrößerte. Die Standardisierung fing mit der Uniformierung an, später mit der einheitlichen Ausstattung der Soldaten mit Waffen und Ausrüstung aus der Serienproduktion. Aus dem Zusammenwirken der sechs Prinzipen erwuchs die Bürokratisierung (Vgl. Toffler, Dritte Welle, a.a.O., S.72) und deren militärische Verkörperung, der Generalstab.

20) Zitiert von Herfried Münkler: Der Wandel des Krieges, Weilerswist, Velbrück Wissenschaft, 2006, S.164. Größere Massen schneller auf das Schlachtfeld zu bringen war auch das Wesen der Kriegführung unter Moltke dem Älteren. Vgl. Smith, a.a.O., S.94-104.

21) Toffler, War and Anti-War, a.a.O., S.44.

22) Ebenda, S.147: „Mass industrial armies could no longer be effective in the face of a weapon of mass destruction, as the Russians came to call it. Industrial war, not to mention total war, was impossible in such circumstances. But the threat remained. That was the story of the Cold War.“

23) Rupert Smith spricht hier von der Antithese zum Paradigma des Industriellen Krieges. Vgl. a.a.O., S.151-181.

24) „Viele Probleme sind zu klein oder zu lokalbezogen, um von nationalen Regierungen effektiv gelöst zu werden - und andere neue Probleme sind viele zu umfangreich, als dass irgendeine Nation im Alleingang mit ihnen fertig werden könnte“, Toffler, Dritte Welle, a.a.O., S.321.

25) „Something occurred in the skies and desert sands of the Middle East in 1991 that the world had not seen for three-hundred years - the arrival of a new form of warfare that closely mirrors a new form of wealth creation.“ Toffler: War and Anti-war, a.a.O., S.73.

26). Smith paraphrasiert in diesem Zusammenhang den Begriff Operationstheater: „Whoever coined the phrase ‚the theatre of operations’ was very prescient. We are conducting operations now as though we were on a stage, in an amphitheatre or Roman Arena“ Smith, a.a.O., S.284 „This is not so much the global village as the global theatre of war, with audience participation.“ Ebenda, S.289.

27) Zum Begriff „postheroisch“ vgl. Edward Luttwak: Strategie. Die Logik von Krieg und Frieden, zu Klampen Verlag, Lüneburg, 2003 S.101-116 und Münkler: Der Wandel des Krieges, a.a.O., S.310-354.

28) Gemäß der Einteilung dieser Arbeit gehören Drogenkartelle eher zur Ersten Welle. Ihr Reichtum entsteht in der Landwirtschaft. Ihre Strategie zielt auf die ungestörte Nutzung eines Territoriums. Allerdings nutzen sie die Globalisierung der Märkte zum Vertrieb ihrer Ware. Sie verfügen auch über viele technologische Fähigkeiten der Dritten Welle. Zur Auswirkung der Globalisierung auf die Ökonomie von Warlords, u.a. Drogenhändler vgl. Münkler, Die neuen Kriege, a.a.O., S.159-173.

29) Vgl. Alvin Toffler: Powershift, Knowledge. Wealth, and Violence at the Edge of the 21st Century, New York, Bantam Books, 1991, S.450-464.

30) 1985 führte Greenpeace eine Kampagne gegen die französischen Atomtests auf dem Atoll Mururoa im Pazifik durch. Die Einmischung eines externen Akteurs wurde als Bedrohung für die französische Souveränität empfunden. Am 10. Juli versenkten zwei Sprengsätze das Flaggschiff Rainbow Warrior im Hafen von Auckland, Neuseeland. Zwei französische Geheimagenten wurden in Neuseeland verhaftet und wegen Totschlags verurteilt. An diesem Beispiel erkennt man Greenpeace als Global Gladiator, dessen gewaltlose Aktionen von einem Staat als Bedrohung wahrgenommen werden und ihn zur Gewaltanwendung bewegen. Zur Implikation des französischen Staates vgl: Greenpeace, vingt ans après: le rapport secret de l’amiral Lacoste in Le Monde, 10. Juli 2005.

31) Für eine umfassende Studie über das Phänomen der Straßenbanden, ihre Vernetzungen, Strukturen und deren Bedrohungspotenzial in den USA vgl. National Association of Gang Investigators Associations: 2005 National Gang Threat Assesment, o.O. Bureau of Justice Assistance (BJA), U.S. Department of Justice, www.ojp.usdoj.gov/BJA/what/2005_threat_assesment.pdf, zuletzt abgerufen am 9.11.2009. Die Ausbreitung von Straßenbanden wie Latin Kings oder Ñetas auf Spanien ist immer öfter in den Medien zu lesen.

32) Zur Nutzung ziviler Technologie für militärische Zwecken, vgl. Toffler: War and Anti-War, a.a.O., S.217-224.

33) Im ersten Schritt ist nur die Umma, die Vereinigung der Gläubigen, das Ziel. In weiteren Phasen soll der Islam auf der ganzen Welt durchgesetzt werden. Zu der Strategie Al Qaidas sowie ihrer Organisation und Finanzierung vgl. de la Corte Ibañez, Luis und Andrea Giménez-Salinas Framis, La Amenaza Yihadista a la altura de 2007 in Ejército, Nummer 801, Dezember 2007, S.6-12.

34) Vgl. Urteil des Strafverfahrens Nummer 20/04 über die Anschläge des 11.3.2004 in Madrid. Insbesondere zum Prosaelitismus und der Ausbildung mittels Internet und elektronischer Datenträger siehe S.210-212. Zum Erwerb von Sprengstoff und technischer Hilfsmittel zur Herstellung der Bomben und deren Bezahlung mit Rauschgift siehe S.184-203. Audiencia Nacional, Sala de lo Penal, Sección Segunda Sumario número 20/04 del Juzgado Central de Instrucción núm 6. Rollo de Sala ním. 5/05. Sentencia número 65/2007. Zur Finanzierung Al Qaidas, einschließlich der autonomen Finanzierung der Anschläge in Madrid und London vgl. Andrea Giménez-Salina Framis, Las finanzas del terrorismo de al-Qaida: una lucha desenfocada. http://www.gees.org/documentos/Documen-02655.pdf, zuletzt abgerufen am 9.11.2009.

35) Vgl. Toffler, Dritte Welle, a.a.O., S.272-293.

36) „The industrial era bisected the world into a dominant and dominating Second Wave civilization and scores of sullen but subordinate First Wave colonies.“ Toffler, War and Anti-war, a.a.O., S.23, „In this trisected World the First Wave sector supplies agricultural and mineral resources, the Second Wave sector produces cheap labor and does the mass production, and a rapidly expanding Third Wave sector rises to dominance based on the new ways in which it creates and exploits knowledge“. Ebenda, S.24.

37) Musterbeispiel ist der zweite Burenkrieg (1899-1902). Die britische Kriegführung wäre nach heutigen Standards brutal und völkerrechtswidrig. Die Kombination von Verwüstung der Landwirtschaft, Internierung der Bevölkerung, taktischer Bekämpfung der Burenkämpfer und dem Angebot einer Zukunft im britischen Reich bildete aber eine erfolgreiche Strategie. Vgl. Smith, a.a.O., S.160-163

38) Die Ansicht, dass die letzte Welle grundsätzlich überlegen sei, schimmert besonders bei US-amerikanischen Militärdenkern sehr oft durch. In diesem Sinne behauptet Col Owen E. Jensen in seinem bekannten und in vielen Aspekten wegweisenden Aufsatz Information Warfare: Principles of Third-Wave War: „It appears that armies at a ‚higher level’ win. (…) Industrial-age Napoleonic France had a field day with agrarian European armies but had more difficulty with industrial England. The same was true with the industrial North against the agrarian South, England against the Boers, the cavalry against the Indians, and the Japanese against the Chinese. In Vietnam, once we stopped trying to fight an agrarian war against an agrarian enemy and began employing industrial-age power--massive B-52 strikes against industrial targets--the enemy came to the bargaining table quickly.“ Owen E Jensen: Information Warfare: Principles of Third Wave War in Aerospace power Journal, Winter 1994, (www.iwar.org.uk/iwar/resources/airchronicles/jenson.htm, zuletzt abgerufen am 9.11.2009) Col. Jensen vergisst bewusst oder unbewusst die aufgeführten Beispiele. Insbesondere die Behauptung, dass massive Luftangriffe in Vietnam zum Verhandeln bewogen hätten, ist wohl schwer nachzuvollziehen.

39) Das ist selbst dann der Fall, wenn, wie oft befürchtet, A-, B- oder C-Waffen eingesetzt werden. Ganz besonders in diesen Fällen wird gerade die psychische Wirkung gesucht-. Die C-Angriffe (Sarin) in der japanischen U-Bahn 1995 oder die B-Angriffe (Anthrax) in USA 2003 verursachten eine massive Einschüchterung der Bevölkerung, ernsthafte Störungen des täglichen Lebens und finanzielle Verluste. Die USA starteten Bioschutzprogramme, die von Experten als überzogen kritisiert wurden, vgl. Susan Wright: Taking Biodefence too far in Bulletin of the Atomic Scientist, 2004 von November/Dezember, S.58-66. (http://thebulletin.metapress.com/content/p3464422k6j454q/fulltext.pdf, zuletzt abgerufen am 20.10.2007) Gerade bei einem hypothetischen A-Angriff auf eine Hauptstadt wären die psychologischen Effekte um vieles größer als die ohnehin verheerende physische Wirkung.

40) Eine interessante Dokumentation über die unterschiedlichen Ziele und Interessen der „Al Qaida-Franchisen“ und der lokalen Akteure in verschiedenen Konfliktregionen ist zu lesen in: Bruce Riedel: The Return of the Knights: al-Qaeda and the Fruits of the Middle East Disorder. In Survival: the IISS quarterly -49 (2007). Zum jetzigen Zeitpunkt würden die Interessen der Al Qaida in Afghanistan mit denen der Taliban und Extremistengruppen in Pakistan übereinstimmen und eine stabile Allianz ermöglichen. Im Irak würden sie mit denen der Mehrheit der Insurgenten kollidieren und Al Qaida zum Scheitern verurteilen. In Palästina würden sie zu einer offenen Konfrontation mit Fatah und einer Annährung an Hamas führen. In Saudi-Arabien und im Maghreb (Algerien) müsste Al Qaida aus Mangel an Unterstützung als selbstständige Untergrundorganisation agieren. Zum Interessenkonflikt zwischen Al Qaida und den Sunniten im Irak vgl. auch Hans Krech: Auf der Suche nach der erfolgreichen Strategie im Irak in: Europäische Sicherheit: Politik, Streitkräfte, Wirtschaft, Technik, 56 (2007) H.1 S.77-79.

41) „It is crucial that the military objectives should be chosen for achieving the political purpose or aim, not just because they are militarily possible: one must avoid the trap of confusing activity with outcome, as is so often with the ‚something must be done’ school of thought. Doing ‚something’ because it is possible or because a reaction, any reaction, is apparently needed to an undesirable situation will rarely achieve a desirable outcome and very probably incur a substantial cost in human lives and materiel.“ Smith, a.a.O., S.213/214.

42) Münkler: Der Wandel des Krieges, a.a.O., S.139ff.

43) Vgl. Luttwak, a.a.O., S.87-100.

44) „For more than a century the prime canon of military doctrine has been that ‚the destruction of the enemy’s main forces on the battlefield’ constituted the only true aim in war. That was universally accepted, engraved in all military manuals, and thought in all staff colleges …So absolute a rule would have astonished the great commanders and teachers of war-theory in ages prior to the nineteenth century“ Liddell Hart zitiert in Toffler, War and Anti-War, a.a.O., S.45f.

45) Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, a.a.O., S.131-142.

46) Es wäre ohnehin völkerrechtswidrig. Vgl. Art 35.3, 51.1, 51.4, 55 und insbesondere ART 54 des Zusatzprotokolls I zu den Genfer Abkommen.

47) Vgl. Peter van Ham und Jorrit Kamminga: Poppies for peace: reforming Afghanistan’s opium industry in The Washington Quarterly: a Review of Strategic and International Studies. 30 (2007), H.1, S.69-81.

48) Vgl. Kalyvas, Stathis N.: Wanton and Senseless. The Logic of Massacres in Algeria, in Rationality and Society, 1999, Vol 11 S. 243-285 http://stathis.research.yale.edu/files/Wanton.pdf, zuletzt abgerufen am 9.11.2009.

49) Zur fehlerhaften Planung des Wiederaufbaus im Irak und deren Auswirkungen vgl. Nora Bensahel: Mission Not Accomplished: What Went Wrong with Iraqi Reconstruction. In: The Journal of Strategic Studies, 29 (2006) H. 3, S.453-473.

50) „The ability to see differences as well as similarities, to understand that generalizations do not always hold in particular circumstances“ John Lewis Gaddis, zitiert in Hoffman, a.a.O., S.933.