Frankreich und Clausewitz: Perzeption und Rezeption - ein Überblick

Ulrich C. Kleyser

 

Grundsätzlich besteht in der Untersuchung einer Ideengeschichte oder der Verfolgung einer Idee in ihren Inhalten, in den gewollten oder einfach der jeweiligen Interpretation geschuldeten Missverständnissen die Herausforderung, dass der Ideengeber selbst nicht mehr als Schiedsrichter zur Verfügung steht. Dies gilt für eine Untersuchung auf der Basis von Übersetzungen für einen fremden Sprach- und Kulturraum in erhöhtem Maße. Dennoch wird der Versuch unternommen, am Beispiel von Clausewitz zu verfolgen, welche militärwissenschaftlichen Spuren in Theorie und Praxis dieser in Frankreich hinterlassen hat.

Die Studie wird ausgehend von der fachlichen Wahrnehmung von Clausewitz’ Persönlichkeit und Werk untersuchen, inwieweit sein Gedankengut auf der Zeitschiene in Teilen oder als Gesamtwerk in der französischen Theorie- und Praxisdiskussion der Militärwissenschaften bewertet und in diese eingeflossen oder inwieweit Gedankengut auch übernommen worden ist. Hierbei kann es bei dem vorgesehenen Umfang nur um einen Überblick gehen, der sich daher auf die Hervorhebung von einzelnen, wichtigen oder bedeutenden Interpreten von Clausewitz beschränkt, die aus Sicht des Verfassers die Diskussion besonders bestimmt oder bereichert haben. Gleichzeitig wird auch untersucht werden, ob und inwieweit eine französische - zumindest militärische - Denkkultur mit ihrer Suche nach einem praxisorientierten Regelwerk, einer Doktrin, besteht und wie diese sich auf die Rezeption ausgewirkt und die Theoriediskussion mitbestimmt hat.

 

Vorbemerkung

Eine Beschäftigung mit der Wahrnehmung, der Übernahme und dem möglichen vielgestalteten Einfluss von Clausewitz auf das französische philosophische, politische oder strategische bis taktische Denken stellt gleichzeitig eine Beschäftigung mit der Geschichte und der Emotionalität des deutsch-französischen Verhältnisses dar. Ohne das unselige wie historisch falsche Wort einer „Erbfeindschaft“ aufzugreifen, lässt sich immerhin feststellen, dass in Mentalität, politisch-strategischen Vorstellungen und Wollen nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch historisch gewachsene und teilweise gepflegte Unterschiede, ja auch Dissonanzen und damit auch unterschiedliche Erinnerungsbilder zwischen den Partnern diesseits und jenseits des Rheins bestehen. Auf Vollzähligkeit verzichtend sind dies militärisch beispielsweise Erinnerungen an Bouvines 1214 - man wird sehen, wie sich dieser Sieg 2014 trotz der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg erneut literarisch umsetzt -, der Gewinn der natürlichen Grenze des Rheins unter Louvois mit nie verheilten deutschen Wunden in der Pfalz, über Valmy 1792 und Jena-Auerstedt bis zum aktuell vom französischen Parteivorsitzenden Copé (UMP) als geplanten und nicht als zufällig beschriebenen Sieg an der Marne von 1914, aber auch Erinnerungen an die völkerrechtswidrige Besetzung des Rheinlandes von 1923. Dem gegenüber stehen als Traumata die Niederlagen von Pavia 1525, Roßbach 1757 - aus dem Clausewitz am 20. September 1806 an Marie von Brühl schreibt: „Sie können sich denken, mit welchen Empfindungen ich das Schlachtfeld besuchte, wo der unerträgliche Hochmut der Franzosen so sehr gedemütigt, uns aber ein stolzes Monument errichtet wurde Diese Schlacht hat das Eigentümliche, dass sie der ganzen Welt, besonders aber den Franzosen bekannt ist. Nie in der Welt ist eine so unbedeutende Schlacht von so wichtigen Folgen gewesen…“ 1) - dann Leipzig 1813 mit dem Verrat der Verbündeten des Rheinbundes, in gewisser Hinsicht Königgrätz (Sadowa) von 1866 und schließlich 1940 gegenüber.

Darüber hinaus gibt es aber auch ein besonderes sich bis heute hinziehendes französisches weitgehend kulturell geprägtes Selbstverständnis, das verstärkt durch die Idee „französischer“ Menschenrechte2) die Adaption ausländischen Gedankengutes nicht unbedingt erleichtert hat. Ebenso hat die sehr gepflegte Vorstellung, wenn nicht der Erfinder, so zumindest der Bewahrer von Theorien zur Geopolitik zu sein, auch auf die schwierige Perzeption von Clausewitz ihre Auswirkungen. Und nicht zuletzt: Kaum eine Nation beschäftigt sich so ausgiebig mit den Ideen von nationaler Macht und Größe, Ideen, die eben nicht in Clausewitz’ „Vom Kriege“ vorherrschen.

Andererseits ist es dagegen auch erstaunlich, dass in einem aktuellen deutschen Buch (Echternkamp 2012), das im Untertitel auf die Verflechtungsgeschichte zweier Militärkulturen, der deutschen und der französischen seit 1870, hinweist, die Thematik von Kriegsbild- und Doktrinentwicklung und -vergleich nicht berührt - und damit auch Clausewitz nicht erwähnt wird.3)

 

Militärhistorische Einführung

Mehr als in den europäischen Nachbarstaaten war das militärische Denken in Frankreich bis in die Neuzeit von Polybios, Caesars Kommentaren über Vegez (um 400) oder Maurikios (um 590) geprägt. Der Rückgriff auf antike Militärschriftsteller oder auch militärische Ereignisse, hier weit intensiver als Schlieffens Cannae-Studie, lässt sich bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts, wenn auch nicht immer unumstritten, nachweisen. Der Schwerpunkt der Darstellungen lag im taktischen bzw. organisatorischen Bereich - wie teilweise bei den deutschen Nachbarn auch. Mit einer eigenständigen Militärorganisation im Rahmen der Entwicklung des stehenden Heeres und der dieser vorausgehenden oder begünstigenden Staats- und Verwaltungsreform des absolutistischen Staates - mit den Ideen Machiavellis und v.a. Jean Bodins als philosophisch-rechtliche Grundlage - entwickelte sich trotz oder gerade bei aller europäischen „Durchmischung“ aufgrund der fast üblichen Verpflichtungswechsel militärischer Eliten ein eigenständiges französisches militärisches Denken, insbesondere organisatorisch unter Louvois (heute noch bestehen Regimenter, die sich auf die Jahre um 1670 zurückführen) und einsatzbezogen durch die Erfolge von Turenne oder Vauban. Diese Feststellung ist insofern bedeutsam, vermag sie doch bestimmte, sich durchziehende Eigenarten wenn nicht zu erklären, so doch zumindest auf diese hinzuweisen. Unabhängig von dem sich auf alle Wissensgebiete bis zur Politik und Wirtschaft erstreckenden „Französischen Jahrhundert“, dem „siècle des lumières“, sind hierbei insbesondere die zahlreichen militärwissenschaftlichen Autoren und Werke anzuführen, darunter die wichtigsten wie Feuquières „Mémoires sur la guerre“ (1725), wie Puységurs „L’art de la guerre“ (1748), Moritz von Sachsens „Réveries“ (1757), der „L’Essai“ von Turpin de Crissé, wie Folards „Commentaires sur Polybe“ oder als bis heute bedeutendstes unter ihnen Guiberts4) „Essai général de tactique“ (1772), sein „Défense de la guerre moderne“ (1779) und die Revolutionskriege antizipierend der „Traité de la Force publique“, Werke, die alle in ganz Europa - zumeist übersetzt, aber eben auch in der Originalsprache - gelesen wurden. Neben dem Engländer Humphrey Lloyd5) hatten als Ausländer nur noch Friedrich der Große und Wilhelm von Schaumburg-Lippe ein größeres Renommee.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass der bis heute in Frankreich sehr geschätzte Sun Tsu eben dort - etwa um 1770, allerdings auch nur in Auszügen6) - zuerst in Europa veröffentlicht wurde. Dieser sich analog zur Aufklärung und zur wissensbasierten Darstellung der „Enzyclopédie“ erstreckende Weg aufbereiteten Wissens schlug auch die neue „Militärwissenschaft“ in ihren Bann, wirkte sich auf die Militärakademien aus und ermöglichte damit auch Karrieren wie jene von Gribauval (Artillerie), Lazare Carnot, Lazare Hoche oder Napoleon. Gerade Napoleon - bis heute neben Jeanne d’Arc und, den „gefallenen“ Petain ersetzenden, De Gaulle -, die Ikone französischen Selbstverständnisses oder „gloire“, legte trotz seiner letztlichen Niederlage den Grundstein auch für ein eigenes französisches und ungebrochenes Doktrindenken, das weitgehend auf eine aus Erfahrung, Tradition und Routine abgeleitete praktikable Anwendung fokussiert ist. Es erscheint wichtig, diese Gedanken dem Thema der Perzeption und Rezeption von Clausewitz in Frankreich vorauszuschicken, erklären sich aus den historischen Gegebenheiten und ihren Bewertungen, aus unterschiedlichen Militärkulturen und militärischen Erfahrungen heraus die entscheidenden Herausforderungen, Missverständnisse oder unterschiedlichen Interpretationen bis hin zu gewollter Fehlsicht im Umgang mit dem Gedankengut von Clausewitz in Frankreich.

 

Die Clausewitz-Perzeption und -Rezeption

Im Grundsatz folgt der Verfasser der sehr detaillierten und differenzierten Einteilung von Durieuxs Dissertation von 20087) und sieht wie dieser vier große, weitgehend in sich geschlossene und unterschiedliche Zeitabschnitte, auch wenn die inhaltliche Zuordnung und Bewertungen in der Studie mit Durieux nicht immer deckungsgleich sind. Zuerst wird der Zeitraum von 1807-1870 betrachtet, sodann der Abschnitt um den Ersten Weltkrieg, anschließend der Zeitraum der Nuklearstrategie des „Kalten Krieges“ nach 1945 und aktuell etwa mit 1990 beginnend der Versuch, Clausewitz mit der Globalität und Ubiquität der asymmetrischen Kriegführung der so genannten „Neuen Kriege“ in Einklang zu bringen. Ebenso wurden die im Beitrag zum Rigorosum8) verwendeten stimmigen wie einprägsamen Untertitel übernommen.

 

Der Zeitraum von 1807-1870 - Entdeckung und Annäherung

Die doppelte Einleitung wird vielleicht Verwunderung erzeugen, aber die Wahrnehmung von Clausewitz beginnt mit seiner und des preußischen Prinzen August Gefangenschaft und zeitweiligen Internierung in Soissons 1807. Der Prinz wie auch insbesondere Clausewitz standen unter ständiger Beobachtung und Überwachung durch den Apparat von Fouché, und damit dürfte, auch wenn nicht nachweisbar, Clausewitz schon 1807 in Frankreich kein Unbekannter gewesen und dann auch geblieben sein9) -, was sich mit seinem längeren Aufenthalt bei der seinerzeit umstrittenen Madame de Staël in Coppet, sodann als Mitglied in der preußischen „Militär-Reorganisations-Kommission“, seiner militärischen Beratertätigkeit während des Russlandfeldzuges und v.a. mit seinem Engagement für die Konvention von Tauroggen sicher noch verstärkt haben dürfte. Und sollte der kritische, sachlich bis emotional eingefärbte Briefanteil vom 5. Oktober 1807 „Über den Nationalstolz der Franzosen“ irgendwo bekannt geworden sein, hätte dieser ihm in Frankreich keine neuen Freunde geschaffen. Später, mit den teilweise sehr kritischen Analysen der napoleonischen Feldzüge und auch mit den persönlichen Angriffen Jominis,10) konnte sich daher auch kein Herzblut zu einer Auseinandersetzung mit Clausewitz entwickeln. Alles in allem keine allzu günstigen Voraussetzungen, um an seinem Gedankengut interessiert zu werden.

Die Auseinandersetzung mit Bülows geometrischer Sicht von Operationen fand dazu anfangs mehr Interesse als der Autor Clausewitz bzw. dessen grundlegende Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Krieges selbst. Hierbei ist es nicht uninteressant darauf hinzuweisen, dass gerade Napoleons Feldzug von 1813 mit Dresden und insbesondere Leipzig eher einem geometrisch als strategisch begründeten Modell folgte und der Russlandfeldzug als eine große „Fehlkalkulation“ auf mehreren Ebenen, und gerade den von Clausewitz beschriebenen, gesehen werden kann.

Aufgrund der wenigen, teilweise auch nur selektiven Übersetzungen des „Traité“, unter welchem Begriff „Vom Kriege“ in Frankreich firmiert (die erste Übersetzung stammt aus dem Jahre 185111)), wobei Clausewitz' Werk eher als Steinbruch diente und der von Wilhelm Rüstow schon 1857 geprägte Satz „Clausewitz est souvent cité mais fort peu lu“ 12) seine bis heute anhaltende Berechtigung erhielt -, was allerdings nicht nur für Frankreich gilt. Und noch 1959 wird dies Roger Caillois mit folgendem Satz ergänzen und bestätigen: „On le maudit, on l’exalte, on l’étudie peu!“ 13) Darüber hinaus wird allgemein die außerordentliche Besonderheit des sprachlichen Umgangs mit einem so komplexen und auch begrifflich schwierigen Werk erwähnt, den die Übersetzungen nicht erleichterten. Allein die sprachliche und inhaltliche Differenzierung zwischen „Fin“ - politischer Zweck -und „But“ - strategisches Ziel - und damit die Schwierigkeit einer Einordnung der Zweck-Ziel-Mittel-Relation, die sich durch die Rezeptionsgeschichte bis heute hinzieht, soll als Beispiel genügen. Und Probleme des Sprachverständnisses - zuweilen als Entschuldigung für Interpretationsmissverständnisse herhaltend - gibt es schließlich auch unter Deutschen.

Der Schwerpunkt in der folgenden Clausewitz-Rezeption lag und liegt teilweise noch heute in dessen Auseinandersetzung mit der napoleonischen Kriegführung, einzelnen herausgegriffenen Bereichen wie der Dialektik von Angriff und Verteidigung bis hin zu den eher taktischen Aussagen zu der Gebirgsverteidigung, der Verteidigung von Wäldern oder an Flüssen. Hierzu trugen insbesondere die zahlreichen „Résumés“14) bei, die Clausewitz nur gerafft oder mit spezifischen Ausschnitten darstellten. Ganz im Verständnis der französischen Tradition und unter dem Einfluss des die Doktrindiskussion beherrschenden Jomini - obwohl auch dieser ein Verräter an Napoleons Sache war - galt es in erster Linie, sozusagen lehrbuchhaft, Regeln zu finden oder zu entwickeln, an die sich der militärische Führer grundsätzlich und nicht nur in einem beliebigen Fall halten sollte - also eine vollkommene Umkehrung von Clausewitz. Wir werden hierauf noch für die zweite Zeitspanne zurückkommen. Die zahlreichen Übersetzungen von Clausewitz’ Studien über den italienischen oder russischen Feldzug Napoleons mit ihren französischen Kommentaren bestätigen diese Sicht. Gestützt wurde diese Diskussion durch die zahlreichen Memoiren französischer Generale wie Marbot, Marmont oder Gouvion Saint-Cyr.

Clausewitz stellte zudem als Einziger den Krieg als Urphänomen dar, damit auch als eine Urgewalt mit einer inhärenten zerstörerischen und v.a. unberechenbaren Dynamik. Diese Sicht musste geradezu dem durch die französische Aufklärung entwickelten Vorrang menschlicher rationaler Vernunft und der damit verbundenen Berechenbarkeit gesellschaftspolitischer Prozesse widersprechen. Dem Verständnis von existenzieller Sicherheit wie bei Jomini steht mit den Begriffen von Risiko und Friktion bei Clausewitz die Aufhebung vermeintlicher Ordnungen gegenüber und scheint eine Welt der politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Systemsicherheit aufzuheben.

 

Der Zeitraum um den Ersten Weltkrieg - der menschliche Faktor, die moralischen Größen und der Einfluss der Politik

Eine besondere Attraktivität erhielt Clausewitz erst im Umfeld des Krieges von 1870/71 als deutscher Einigungskrieg. Diese auch deshalb erst, weil Preußen zumindest bis 1864 für Frankreich international keine ernst zu nehmende Größe, geschweige denn Bedrohung darstellte. Darüber hinaus galt die interne französische Diskussion zuerst Strukturfragen, wie der Bedeutung des Generalstabsdienstes, v.a. aber der berühmten „Formule“, dem Satz über den Krieg als Fortführung der Politik unter Einbeziehung anderer Mittel, wobei erst Raymond Aron diesen Satz mit dem Begriff „La Formule“ auf einen griffigen und damit auch herausgehobenen Nenner brachte. Nunmehr jedoch wurde Clausewitz auch herangezogen, um hinter das Geheimnis der deutschen Siege zu gelangen, und die zweite Übersetzung seines Hauptwerkes erfolgte durch Oberstleutnant de Vatry 1886-89, wobei auch hier mit der Entschuldigung durch Sprachschwierigkeiten nicht nur übersetzt, sondern auch paraphrasiert, d.h. interpretiert wurde.15) (Es sollten weitere 70 Jahre vergehen bis zu Denise Navilles Übersetzung von 1955.) Die dennoch damit verbundene „négligence“ des eigentlichen Clausewitz’schen Gedankengutes ist hierbei auch der internen deutschen Diskussion geschuldet, sei es mit dem Delbrückstreit über die Vernichtungs- oder Ermattungsstrategie oder Auswirkungen der Werke von Bernhardi oder von der Goltz -, insgesamt einer Diskussion, die in Frankreich durchaus engagiert verfolgt wurde. Der Schwerpunkt in der Rezeption deutscher Militärliteratur lag daher im Umfeld von Moltke unter dem Begriff einer militärischen „science stratégique“.16) Auch in diesem Zeitraum blieb der übergreifend analytische wie philosophische Ansatz von Clausewitz weitgehend unbeachtet. Einzig Jean Jaurès17) nimmt, allerdings auch bezogen auf Lazare Carnot und von der Goltz, Ideen von Clausewitz hinsichtlich eines Nationalkrieges mit der Einbeziehung des ganzen Volkes auf. Unter dem Einfluss der Niederlage versucht Jaurès den Krieg als Ganzes, eben auch als Krieg des ganzen Volkes, politisch, national und sozial zu betrachten. Ausgehend von der Idee der erfolgreichen Defensive, historisch die politische wie militärische Ausgangslage in allen von Napoleon beherrschten Gebieten, die dann nicht nur zum Russlanddebakel, sondern auch zu Waterloo führte, räumt er dieser Defensive moralisch wie strategisch das Übergewicht ein - und sieht Frankreich nach 1871 in der Rolle Preußens nach 1807. Ergänzend hierzu fordert er daher „aus dem defensiven Geist des Volkes“ den „vollen Patriotismus, die aufopfernde Liebe zum Vaterland und die aufopfernde Hingabe an die konzentrierte Tat“ (92, 85) mit allen moralischen Kräften des Volkes eine „lebendige Defensive in Zeit und Raum, die jeden Augenblick bereit ist, sich in Offensive zu kehren“ - Sätze, die auch von Clausewitz hätten stammen können. Und so schreibt Jaurès Clausewitz die „Verherrlichung der nationalen Verteidigung“ eines Volkes, „das den Frieden will, aber den Krieg kennt und aus seinem Willen zum Frieden seine Kampfkraft schöpft“, zu und schließt diesen Abschnitt mit folgenden Sätzen:

„Aber das unvermeidliche Versagen einer illusorischen und paradoxen Defensive, der es an den wichtigsten Bedingungen fehlte, beweist nichts gegen die Trefflichkeit der Defensive als Vorspiel zu einer furchtbaren Offensive. Es ist bedauerlich, dass unsere Militärtheoretiker, dieselben, die vor allem an Clausewitz das volle Verständnis für die Macht und Größe der napoleonischen Methode rühmen, den ganzen Teil seines Werkes, der von den Vorzügen des Verteidigungsverfahren handelt, unbeachtet lassen.“ (97). In der Folge wirft er, kurz vor Ausbruch des Weltkrieges, den politischen wie militärischen Führern Voreingenommenheit für eine Offensive vor, die zusätzlich „in widerspruchsvollen Methoden und zusammenhanglosen Plänen das Vaterland zum Einsatz eines Hasardspiels machen“. An anderer Stelle fordert er, begründet auf Methode und Wissen, eine Einheit der Vorstellungen (472), um aus dieser klar zu bestimmen und eine daraus folgende Zielgebung zu entwickeln. Doch Jaurès konnte sich gegen die „Herrschaft der Kaserne“ nicht durchsetzen und wurde unmittelbar vor der allgemeinen Mobilmachung am 31. Juli 1914 von einem Nationalisten ermordet.

Unter dem weiteren Missverständnis zwischen absolutem und realem Krieg entwickelte sich die Sicht einer „idéologie de l’offensive“,18) die dann in die Idee des totalen Krieges einmünden sollte, für die Clausewitz dann auch u.a. in der Folge der Realität des Weltkrieges und von Ludendorffs Wirken und Schriften herhalten musste. Diese Sicht wurde später von Liddell Hart und anderen aufgegriffen und prägte nicht nur das französische Clausewitz-Bild insbesondere nach 1918. Neu in der Rezeption war jedoch die Hervorhebung und damit zumindest indirekte Übernahme der Bedeutung des menschlichen Faktors, von „moralischen Größen“ und erstmalig von „irrationalistischen Faktoren“,19) allerdings nur bezogen auf den Feldherren und nicht auch auf das Heer, die Bevölkerung selbst oder gar auf die Politik und damit auf den Krieg als solchen, somit auch hier auf eine Auseinandersetzung mit der „wunderlichen Dreifaltigkeit“ verzichtend. Ardant du Picq20) kann hier als bis heute gelesener Vertreter gelten. Dennoch, auch Foch21) oder Lewal22) suchten weiter nach festen Regeln, Prinzipien oder Maximen, Grundsätzen, die historisch mikroskophaft untersucht, teilweise mathematisch formelhaft untermauert werden und daher nicht zur Diskussion stehen.23) Emotionale Befindlichkeiten im Zusammenhang mit dem Gedanken der Revanche kamen hinzu, wenn Lewal z.B. schreibt: „Tout récemment, l’Allemagne, renouvelant les grandes irruptions des barbares d’autrefois, a montré au monde étonné, des armées considerables.24) Foch bezieht sich mehrmals ebenfalls auf Clausewitz, doch auch er missversteht diesen u.a. mit seiner Analyse einer von Napoleon begründeten Idee eines „absoluten Krieges“.25) Die strategischen bis taktischen Untersuchungen bleiben geprägt von der Suche nach einer sich bis heute hinziehenden Vorstellung eines festen, praxisorientierten, abrufbaren und daher dogmatisch bestimmten Handlungskataloges,26) der eben die von Clausewitz geforderte freie Geistestätigkeit behindert. Insbesondere einige der „Elemente“ der Strategie des III. Buches wurden zu grundsätzlichen Prinzipien oder Regeln umgemünzt. Der weitere Versuch, die „pensée adversaire“ rechnerisch bestimmen zu können und zu wollen, anstatt diesem vorzugreifen (anticiper) oder ihn zu kontrollieren (contrôler),27) war nicht nur anticlausewitz’sch, sondern zudem in der Praxis auch zum Scheitern verurteilt. Dass dies auch auf der deutschen Seite ähnlich war, tut dieser Sicht keinen Abbruch. Erst heute, wie 2012 an der ESG, der französischen Kriegsschule, konnte eine Doktrin auch als Grundlage für Dogmatismus wie Intoleranz bewertet und als Verkalkung des Denkens (Sclérose) bezeichnet werden.28)

Eine sehr verbreitete und durchschlagende Kritik von Clausewitz findet sich bei General Palat29) aus dem Jahre 1913 (veröffentlicht 1921), die Durieux ausgiebig würdigt. Bei aller Seriosität der Auseinandersetzung verfällt auch Palat der Suche nach präzisen Vorgaben für die taktisch-operative Führung, kritisiert Clausewitz’ Vorstellungen zum Übergewicht der Defensive und vermisst eine besondere Zuordnung der „moralischen Faktoren“ zur Offensive. Insgesamt jedoch bewertet er den „Traité“ als notwendige Lektüre zur gedanklichen Schulung des Offiziers und zum Verständnis deutschen Führungsdenkens.

Nach 1930 wurde die französische Rezeption zudem zunehmend von Clausewitz kritisierender ausländischer Sicht, hier insbesondere, wie schon angesprochen, durch Ludendorff oder Liddell Hart, beeinflusst. Nicht unerwähnt dagegen soll der italienische Philosoph Benedetto Croce bleiben, der, geistig aus dem deutschen Idealismus herkommend, 1935 den Weg Clausewitz’ zu den französischen Philosophen vorbereitet.30)

 

Der Zeitraum des „Kalten Krieges“ - „La Formule“ oder der Primat der Politik

Mit dem Aufkommen der alle bisherigen Vernichtungsüberlegungen sprengenden atomaren Waffen, einer neuen Sicht des Krieges mit einer tatsächlichen Totalität und der Möglichkeit einer gegenseitigen Zerstörung im Rahmen der Nuklearstrategie und dem Konzept der gegenseitigen Abschreckung geriet Clausewitz wieder in den Blickpunkt militärstrategischer wie politischer Überlegungen. Während beispielweise Ferdinand Otto Miksche „manche von Clausewitz geprägten Grundsätze“ v.a. aus technischen Gründen und damit eher entschuldigend nunmehr für „zeitfremd“31) hält, kann er jedoch gleichzeitig Clausewitz’ Mahnung vor einer Politik, die „den Krieg mehr als Ziel denn als Instrument sieht“,32) übernehmen. Brossolet, das Pendant zu dem deutschen Afheldt, verzichtet beispielsweise ganz auf Clausewitz, und Beaufre erkennt zwar die Bedeutung oder Notwendigkeit einer „Denkmethode“ als grundlegende Voraussetzung für eine der jeweiligen Situation angepasste Strategieentwicklung, bewertet den Krieg als „derart komplexes soziales Phänomen, dass er sich nicht in irgendeine einfache Formel zwängen lässt“, oder hebt die „Irrationalität“ von Entscheidungen hervor,33) doch verkennt er andererseits die Bedeutung des „Politischen“ bei Clausewitz, wie er auch ein „Auswuchern“ oder den „Aufstieg zum Äußersten“34) verneint. Gleichzeitig anerkennt er Regeln „als feste Bestandteile des strategischen Denkens , die in ihrer Anwendung auf die Praxis dem Wandel unterworfen sein würden“.35) Militärisch wurde die Clausewitz-Betrachtung durch diese militärischen Denker der Apokalypse bestimmt, ebenso wie auch durch dessen Aneignung aus marxistischer Sicht.

So schlug mit Glucksmann und Aron die Stunde der Philosophen. Erstmalig wird von dem bisherigen Weg abgegangen, sich schon mit der Praxis, also mit der Führung eines Krieges zu beschäftigen, ehe man diesen vorab überhaupt in seinen politischen oder allgemein gesellschaftlichen Aspekten analysiert hat. So ist es Glucksmann und kein Militär, der 2000 in der „Encyclopédia Universalis“ einen Artikel über Clausewitz veröffentlicht mit der Herausstellung von drei Phänomenen als Ursache für dessen Überlegungen: die Französische Revolution, die Kriegführung Napoleons und den Volkskrieg.36) Schon vorher - 1967 - hatte er mit seinem Buch „Discours de la guerre“37) im Umfeld des Risikos eines thermonuklearen Krieges den wissenschaftlichen Reigen eröffnet und Clausewitz auf einer breiten Grundlage von Hegel in den Zusammenhang mit Machiavelli, Lenin und Mao gestellt. Hierbei gesteht er Clausewitz einen zentralen Platz zu mit seiner Interpretation des Krieges als „La guerre est un cogito à deux“, der seine Universalität im Kampf selbst verwirklicht, wobei Glucksmann schon die Krise und nicht erst den Krieg „als die Stunde der Wahrheit“ erkennt und in eine Spieltheorie einer Duellsituation einordnet. Jeder Krieg ist politisch, doch der Krieg selbst lässt sich nur in sich selbst denken nach seinem „Inneren Konzept“. Auch in seiner „Philosophie der Abschreckung“38) bezieht er sich mehrmals auf Clausewitz, wie mit der Heraushebung des Kampfes zweier Willen, mit der Forderung nach dem Willen zur Behauptung durch den Satz: „wer Widerstand leistet, setzt den Krieg in Gang und bestimmt den Preis“ und mit seiner „Trichotomie von Herz, Seele und Körper“, die er aus der „wunderlichen Dreifaltigkeit“ zu entwickeln scheint.

Wenige Jahre später ist es Raymond Aron, Soziologe und Philosoph, der sich mit dem Begriff des Krieges selbst und der „etonnante Trinité“, der „wunderlichen Dreifaltigkeit“, von Clausewitz auseinandersetzte, dabei durchaus auch im Gegensatz zu Glucksmann, diesem insbesondere die „Idee eines Nullsummenspiels“ oder Textmanipulationen vorwerfend. Auch Aron bezieht sich auf den möglichen thermonuklearen Krieg, stellt im Wesentlichen dabei die Bedeutung der „Formule“ heraus und wendet sich gegen deren Umkehrung. Mit der Methodik einer Deduktion von der Denkweise über die Leitgedanken gelangt Aron zum gültigen Erbe und weist ergänzend auf folgende Punkte hin:39)

- die Verbindung von Vorstellung und Geschichte, ohne Theorie und Realität zu verwechseln;

- Clausewitz als Denker des Friedens, wenn er den Krieg in den Dienst der Politik stellt, deren natürlicher Zweck der Frieden ist;

- die Theorie der zwei Arten von Kriegen (absolut und real) als Schlüsselthema des Werkes und die Bedeutung der Wechselwirkungen;

- die Dialektik von Angriff und Verteidigung oder von Moral und Physis und von Mitteln und Zielen wie

- die Sicht jeden Konflikts als Auseinandersetzung von sich gegenüberstehenden Willen.

Aron ist der erste französische Denker, der nicht nur „Vom Kriege“ oder andere Studien einzeln betrachtet, sondern das Gesamtwerk studiert hat und sich darüber hinaus auch intensiv mit Hahlweg ausgetauscht hat. Interessanterweise sieht er Clausewitz in Logik und Methode in größerer Nähe zu Montesquieu als zu Kant oder Hegel, wobei hierzu die Beweislast gering geblieben ist.

Mit seiner Gesamtbewertung von Clausewitz ist es daher nicht verwunderlich, dass Aron das Vorwort zu Earles Studie über die „Maîtres de la stratégie“ aus dem Jahre 1980 schreibt, in der Clausewitz besonders gewürdigt wird. Durieux wertet diese Studie als ein erstes Zeichen für eine aus den USA herüberschwappende Clausewitz-Welle,40) die dann auch die französische Strategiediskussion bereichert. Arons Werk jedoch eröffnete mit anschließender zahlreicher negativer wie positiver Kritik eine breite wie tiefgehende Diskussion in Frankreich und machte damit auch Clausewitz selbst „hoffähig“.

 

Der Zeitraum der „Neuen Kriege“ - die Entscheidung ins Ungewisse

Dieser Zeitraum nach 1990 könnte unter der Überschrift stehen: „Vers un nouveau cycle clausewitzien“, wie es der Titel eines Artikels von 2009 aussagt41) - einer Wiederbelebung des Gedankenguts von Clausewitz, aber aus Sicht des Autors weltweit. Diese Wiederbelebung ist auch mit zwei neuen - wenn auch nicht vollständigen - Übersetzungen von Laurent Muriawec 1999 und Nicolas Waquet 2006 verbunden. Nunmehr scheint Clausewitz auch in Frankreich und in mehrfacher Hinsicht - philosophisch, politisch und militärisch wie darüber hinaus teilweise auch ökonomisch42) - mit dem Verständnis der Wirtschaft als „Krieg“, tatsächlich angekommen zu sein. Dieser Bereich allein - „die Verbindung von homo bellicus und homo economicus zum homo strategicus“43) lohnte eine eingehende weitere Untersuchung. Die obige Feststellung gilt auch dann, wenn angesehene militärische Theoretiker wie Le Borne oder der kürzlich verstorbene General Poirier44) Clausewitz zwar grundsätzlich anerkennen, ihn aber für überholt halten. Dagegen sind insbesondere der Philosoph Hervé Guineret oder der 2011 wegen „politisch nicht korrekter“ Aussagen (USA-Kritik passte nicht in die neue NATO-Einbindung) zwangspensionierte General Desportes nicht nur für ein grundsätzliches Revival von Clausewitz angetreten, sondern stellen gerade das sich immer wieder, wie von Clausewitz formuliert, neu wandelnde und gestaltete Bild des Krieges und seiner jenseits aller klassischen Politik- oder Streitkräftestrukturen liegenden gesellschaftlichen Spielkräfte in den Vordergrund.

Guineret45) findet über die „Komplexität aller menschlichen Handlungen46)“ und über die Einbeziehung von Kants Gedankengut den Zugang zu Clausewitz und stellt dessen Denkmethode die Ablehnung jeder Art von Dogmatismus und die ideologisch wie moralisch freie Untersuchung voran, um einzelne Begriffe besonders herauszuarbeiten wie den Volkskrieg, die Erfahrung, die Blindheit der Leidenschaften, Ungewissheit und Friktion oder wiederum die moralischen Größen.

Einen Sonderfall bilden René Girard und Emmanuel Terray. Girard,47) Mitglied der Académie, stellt Clausewitz mit der literarischen Form eines Gesprächs mit seinem Verleger Benoît Chantre in einen philosophisch-historischen Kontext zu dem französisch-deutschen Verhältnis, zu Napoleon, zu Hölderlin und Hegel bis hin zu Nietzsche und Carl Schmitt. Mit dieser „Vollendung“ oder zumindest Weiterführung von Clausewitz und seiner Bewertung des Traité als „LE PLUS GRAND LIVRE PEUT-ÊTRE QUI FUT JAMAIS ÉCRIT SUR LA GUERRE“ sieht er in dem Verteidiger - als „maître du jeu“ - denjenigen, der den Krieg beginnt und beendet und in Clausewitz selbst, als Beobachter, den Begründer einer - allerdings unausgesprochenen - Idee der Apokalypse durch eine nicht mehr zu bändigende, entfesselte Gewalt, die mit ihren Wechselwirkungen und ihrer Ausrichtung auf Extreme den gesamten Erdball in allen sozialen Bereichen umfasst. Damit hat das Genie Clausewitz, so Girard, den Totalitarismus bis hin zu dem aktuellen planetarischen Terrorismus, ohne es selbst zu wissen, vorausgeahnt. Und nicht zuletzt ist Girard bislang der einzige Interpret, der bei Clausewitz eine besondere Nähe zu Heraklit findet - einem Philosophen, dem der Verfasser besonders zugetan ist, aber dessen Bezug zu Clausewitz er bisher - leider - nicht hat beweisen können. Auch Terray48) sieht in dem „Traité“ ein Werk, das den reinen politisch-militärischen Horizont übersteigt, sich auf Machiavelli bezieht, den Zusammenhang von Krieg und Gewalt erklärt, die Bedeutung des „brouillard de la guerre“ und der Friktion heraushebt und insgesamt auf die enge Beziehung von Krieg zu anderen gesellschaftspolitischen und sozialen Bereichen hinweist, damit Aron kritisch ergänzend. Anzuführen ist noch Gil Fiévet,49) der sich schon vorher (1992) für eine „Trinität des Krieges aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ ausgesprochen hatte und nun Clausewitz als Schüler Kants eine „Ewigkeitsbedeutung“ zuweist und insbesondere den wechselseitigen Einfluss im Dreiklang von politischem Zweck, militärischem Ziel und moralischen wie materiellen Mitteln und Kräften hervorhebt. Mit dem gleichzeitigen Bezug auf grundlegende und umsetzbare strategische Prinzipien findet sich Fiévet zwischen Philosophen und Soldaten wieder.

Unter den Soldaten werden „die wunderliche Dreifaltigkeit“ und der immer stärker werdende Zwang - politisch wie militärisch - zu einer „Entscheidung ins Ungewisse“ zu Recht als brandaktuell gesehen und führten zu zahlreichen Veröffentlichungen - mehrheitlich von Offizieren, die einen Teil ihrer Ausbildung oder Verwendungen in den USA erlebt hatten. Nach seinem Buch „Comprendre la Guerre“50) hat der schon erwähnte General Desportes aus Sicht des Verfassers mit seinem jüngsten Buch „Décider dans l’incertitude“51) Militärgeschichte geschrieben, auch wenn er nur einen Teil von Clausewitz bearbeitet. Allein die innere Logik, die Klarheit von Ausdruck und Begriffen sowie die sprachliche Stringenz lassen es den Klassikern der Militärliteratur zuordnen. Die Forderung nach Entscheiden und Handeln in der Ungewissheit und v.a. in diese hinein zieht sich durch das ganze Buch. Hierzu untersucht er detailliert die Überlegungen von Clausewitz, um die „Ungewissheit“52) begrifflich zu bestimmen, um damit diese zu verstehen, sie zu akzeptieren, sie möglicherweise zu verringern, mit dieser umzugehen und diese schließlich zu nutzen, auch ohne sie beherrschen (Schlieffen) zu können. Auf diesem Wege schafft und erhält sich der militärische Führer die notwendige Freiheit des Handelns, die Desportes anhand einiger Beispiele oder Anwendungsmöglichkeiten untermauert wie mit einer „Führung nach Auftrag“, dem Erhalt der Initiative oder durch den Mut zum - allerdings kalkulierten - Risiko. Doch auch Desportes glaubt, obwohl er die Zweideutigkeit einer Doktrin durchaus hervorhebt, nicht ohne feste Grundregeln auskommen zu können. Dies gilt in diesem Umfeld der Ungewissheit insbesondere für den jungen und unerfahrenen Führer, um diesem jenseits des eigenen Denkens einen Grundstock von Vertrauen und Sicherheit zu geben - ein durchaus bemerkenswerter Ansatz.

Eine Ebene niedriger - auf der taktischen - bezieht sich der aktive General Yakovleff53) schon in seiner Einleitung auf Clausewitz und bedient sich immer wieder historischer Beispiele. Fragen nach der Natur von Kriegen und die „Formule“ werden dem Buch vorangestellt; die Bedeutung von „Risiko“, der Einfluss von „Friktion“ und „Zufall“ oder die „Moralischen Größen“ oder - einfacher - der menschliche Faktor auf beiden Seiten und auf allen Ebenen werden für die taktisch-operative Ebene untersucht und heruntergebrochen. Allerdings unterliegt auch Yakovleff der Versuchung, Clausewitz aus dem Zusammenhang zu reißen und Gedanken, die, um gültige Regeln werden zu können, in jedem Einzelfall zwar mit dem „Takt des Urteils“ erst geprüft werden müssen, aber dennoch als Handlungsanweisungen umzusetzen. Mit dieser Mischung aus Darstellung von Theorie und deren Umsetzung in eine Systematik der Gefechtsführung schlägt noch oder wieder die französische Nähe zu doktrinärer Sicherheit durch. Dennoch: Ohne das Gedankengut von Clausewitz (32 explizite Erwähnungen gegen zwei von Jomini; nur Napoleon wird in anderem Kontext häufiger genannt) hätte das umfangreiche wie für aktuelle Einsätze lehrreiche Werk kaum entstehen können.

 

Abschließende Bewertung

Bei aller historischen, vom jeweiligen Kriegsbild abhängigen, aber auch von französischem intellektuellen Selbstverständnis getragenen, im Zeitablauf schwankenden Perzeption und Rezeption von Clausewitz und seinem Gedankengut: Ein Aspekt war und bleibt auch in Frankreich unumstritten: Clausewitz ist bedeutender Teil einer europäischen Militärkultur, einer Militärkultur, in der traditionell - von wenigen Ausnahmen abgesehen und unabhängig von dem Versuch, den Krieg als Solchen und als Ganzen zu erfassen, - seine Bändigung, seine Mäßigung und im Verständnis Carl Schmitts letztlich seine Einhegung im Vordergrund stand und steht und mit dem Frieden als politischer Zweck. Dies ist wahrhaft Clausewitz. Lange Zeit standen dennoch drei Ebenen des Missverständnisses im Fokus der Rezeption:

- Auseinandersetzung mit dem Phänomen Krieg oder einer Kriegführungstheorie,

- Gedankengebäude oder Anleitung zur Praxis und

- philosophisch untermauerter Denkanstoß oder anwendbares Regelwerk.

Diese Missverständnisse sind daher auch eine Bestätigung einer unterschiedlichen militärischen Denkkultur und einer grenzüberschreitenden Schwierigkeit in der Interpretation von Clausewitz’ Werk. Den über 150 Jahre dauernden Weg von der Annäherung an Clausewitz über die widersprüchliche Bewertung und Diskussion des menschlichen Faktors oder des Primats der Politik bis hin zur Herausstellung der Ungewissheit als aktuelles Element der Theorie konnte die Studie darstellen. Insgesamt lässt sich heute für Frankreich daher weniger von einer Renaissance des Denkens von Clausewitz sprechen als tatsächlich erstmalig von einer tiefer gehenden und übergreifenden Beachtung, und zwar sowohl philosophisch wie historisch und politisch wie militärisch und sozialwissenschaftlich bis hin zum ökonomischen Aspekt. Dass diese neue Beachtung ausgerechnet mit der Entwicklung der so genannten „Neuen Kriege“ zusammenläuft, ist bemerkenswert und würde Clausewitz sicherlich erfreuen. Gleichzeitig aber konnte die Studie an dem Beispiel der - wenn auch unterschiedlichen - französischen Interpreten von Clausewitz zeigen, in welch hohem Maße historisch und gedanklich ein Doktrindenken in den Militärwissenschaften sowohl in der Theorie wie auch in deren Umsetzung in die Praxis verwurzelt ist. Allein diese Clausewitz widersprechende Denkkultur musste dessen Verständnis in der französischen Rezeption erschweren. Die Veröffentlichungen in den letzten Jahren in Frankreich scheinen dagegen auf ein freieres, offeneres und damit „schwebendes“ gedankliches Verständnis hinzuweisen.

Dies alles lässt insbesondere für die Zukunft auf die Entwicklung eines, wenn auch vielleicht noch nicht gemeinsamen, aber doch angenäherten deutsch-französischen strategischen Denkens hoffen. Und daher sei gestattet, ein wenig abseits des Themas zu schließen, sowohl mit des national unverdächtigen Johan Huizingas Feststellung, dass „der Krieg der Urquell aller menschlichen Leistungen sei... und dass alle großen Nationen, was sie immer je an Wahrheit des Wortes und der Schärfe des Denkens erlernten, im Kriege erlernten“,54) - fast ein Clausewitz-Satz - als auch mit einer 2010 ebenfalls von Clausewitz inspirierten Forderung „Penser la guerre pour faire L’Europe“.55) Wohlgemerkt, eine Forderung des Philosophen Henri Hude, die nicht den Krieg will, aber besonders für unsere postheroische und pazifismuseuphorisierte Gesellschaft durchaus bedenkenswert sein sollte. Ohne darauf hinzuweisen bezieht sich Hude auf Glucksmanns „Philosophie der Abschreckung“, der sich ja seinerseits mit der Beziehung von „Glaubwürdigkeit und Grad der Entschlossenheit zum Widerstand“ (121) oder der „Zweck-Ziel-Mittel-Relation“ (115) auf Clausewitz oder mit dem „bewaffneten Frieden“ auf Kant beruft. Enzensberger schrieb dazu 1989 in diesem Sinn ähnlich: „Wer die eigenen Positionen räumt, gibt nicht nur Terrain preis, sondern auch einen Teil seiner selbst“.56) Und der französische CEMA hebt 2011 in einer Rede vor der 19. Promotion der École de Guerre, Clausewitz zitierend, hervor, dass der gemeinsame Wille von Politik, Nation und dem Soldaten mit seiner Führung das zentrale Element ist, um in einem polymorphen wie multidimensionalen und jeweils unterschiedlichen Krieg zu bestehen.57) Clausewitz als fest verorteter Punkt in einer chronisch instabilen Welt, die nicht mehr von den festen Axiomen Newtons geprägt wird, sondern durch eine dem menschlichen Handeln inhärente Gesetzmäßigkeit der Unsicherheit, die - nach Montesquieu - erzwingt, jede Handlungsalternative in Abhängigkeit von der jeweiligen Lage immer wieder neu auf ihre Applikation hin zu prüfen. Auch hier könnte sich ein Weg von bisherigem dogmatischem Doktrinverständnis zu offenen Handlungsalternativen zeigen. Hierzu ist jedoch noch anzumerken, dass sich diese französische Denkkultur als „Strukturdenken“ nicht nur auf das Militärische erstreckt, sondern sich auch in anderen staatlichen wie gesellschaftspolitischen Bereichen niederschlägt. Die nach wie vor verfochtene Idee einer wirtschaftspolitischen „planification“, die eben das freie Spiel wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Kräfte zu systematisieren, zu berechnen und damit staatlich zu ordnen sucht, kann hierfür als aussagefähiges Beispiel dienen.

Schließlich, nicht nur dem französisch-deutschen Verhältnis, auch Europa insgesamt täte die Rückkehr oder zumindest die Entwicklung eines gemeinsamen Standpunktes in strategischen Fragen gut, einhergehend mit der Vermeidung der aktuellen „semantischen Inflation“ von Konfliktkonfigurationen und ganz im Verständnis von Clausewitz' Forderung nach klaren Begriffen.

 



ANMERKUNGEN:

1) Zitiert nach Schering, W. M., Carl von Clausewitz. Geist und Tat. Das Vermächtnis des Soldaten und Denkers, Remscheid Nachdruck 1988, S.23.

2) Bastien Irondelle, Olivier Schmitt, France in: Heiko Biehl, Bastian Giegerich, Alexandra Jonas (Eds.): Strategic Cultures in Europe. Security and Defence Policies across the Continent, Wiesbaden 2013, S.125.

3) Jörg Echternkamp, Stephan Martens (Hrsg.): Militär in Deutschland und Frankreich 1870-2010. Vergleich, Verflechtung und Wahrnehmung zwischen Konflikt und Kooperation, Paderborn u.a. 2012.

4) Jacques-Hippolyte de Guibert, 1743-1790.

5) Humphrey-Evans Lloyd, 1729-1783, englischer, zu seiner Zeit renommierter Militärschriftsteller, auch über die „philosophie de la guerre“, in französischen, österreichischen, preußischen und russischen Diensten, teilweise als „Schlachtenbummler“.

6) Amyot, Art militaire des Chinois ou recueil d’anciens traités sur la guerre, composés avant l’ère chrétienne par différents généraux chinois. 1779 in die deutsche Sprache übersetzt.

7) Durieux, Benoît, Clausewitz en France. Deux siècles de r’flexion sur la guerre 1807-2007, Paris 2008.

8) Durieux, Benoît, Clausewitz et la réflexion sur la guerre en France, 1807-2007. Positions de thèse in: Coutau-Bégarie, Hervé (Ed.), Stratégique 97-98, Clausewitz II, Paris 2009, S.217-239.

9) Ebenda, S.13.

10) Siehe hierzu u.a. Ulrich Marwedel: Carl von Clausewitz. Persönlichkeit und Wirkungsgeschichte seines Werkes bis 1918, Boppard 1978, S.232.

11) Übersetzung von dem belgischen Art.-Major Paul Neuens.

12) Durieux, a.a.O., S.14, zitiert nach Wilhelm Rüstow: L’Art militaire du XIX. siècle, Paris 1869, S.72. Ähnlich auch: « Immer zitiert, selten gelesen und noch weniger verstanden ».

13) Zitiert nach Roger Droit: Comme à la guerre. In: Figaro vom 10.12.1999 (Rezension zu Terray). „Man verflucht ihn, man schwärmt für ihn, man studiert ihn kaum“.

14) Z.B. Szafraniec Bystrzonowski seit 1845, beginnend mit „Résumé des principes de la guerre d’après l’ouvrage posthume du général de Clausewitz».

15) Marwedel, a.a.O., S.237.

16) Hervé Coutau-Bégarie, Traité de Stratégie, Paris 1999 S.205f.

17) Jean Jaures: Die neue Armee, Jena 1913. Jean Jaurès, 1859-1914, französischer Historiker und Philosoph, gemäßigt bis linksliberaler, dann reformsozialistischer Abgeordneter der Nationalversammlung, gründete mit Aristide Briand die Parteizeitung „L ‘Humanité“, 1924 in das Panthéon umgebettet.

18) Ebenda, S.213.

19) Jehuda L. Wallach: Kriegstheorien. Ihre Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt 1972, S.144, 148.

20) Ardant du Picq, 1821-1870 (in Folge einer Verwundung bei Metz), „Études sur le Combat“ 1880.

21) Ferdinand Foch, 1851-1929, « Des Principes de la Guerre » von 1903 oder « de la conduite de la Guerre ».

22) Jules-Louis Lewal, 1823-1908, 1887-1890 Kommandeur der Kriegsschule als später Widerpart von Clausewitz. Seine « Études de guerre » von 1873-1895 erwähnen Clausewitz kaum, und wenn, dann kritisch. Neben seinen „Lettres à l’armée“ werden seine Arbeiten noch heute geschätzt.

23) Wallach, a.a.O,. S.153.

24) Lewal, a.a.O., S.83.

25) Ebenda, S.154.

26) Siehe hierzu: Alain Messager: La doctrine est-elle une sclérose de la pensée. In: Défense Nationale 12/2012, Paris 2021, S.89-94.

27) Thierry Berthier: Concurrences algorithmiques et duels asymétriques. In: Défense nationale, 6/2013, Paris 2013, S.48, hier bezogen auf Sun Tzu.

28) Alain Messager: La doctrine est-elle une sclérose de la pensée ? In: Défense Nationale 12/2012, Paris 2012, S.89-94.

29) Pierre Palat: La philosophie de la guerre d’après Clausewitz, Paris 1921, Neuauflage Paris 1998. Hier Durieux, a.a.O., S.333f.

30) Benedetto Croce, Action, succès et jugement dans „Vom Kriege“ de Clausewitz. In: Revue de métaphysique et morale, April 1935, S.247-258.

31) Ferdinand Otto Miksche: Vom Kriegsbild, Stuttgart 1976, S.10.

32) Ebenda, S.25.

33) André Beaufre: Totale Kriegskunst im Frieden, Berlin 1964, S.14, S.65, S.107.

34) André Beaufre: Revolutionierung des Kriegsbildes, Stuttgart 1973, S.85, S.41.

35) Beaufre: Totale Kriegskunst im Frieden, a.a.O., S.40.

36) Durieux, a.a.O., S.718.

37) André Glucksmann: Le discours de la guerre (1967), Paris 1974, S.131, S.120, S.93-98, S.53.

38) André Glucksmann: Philosophie der Abschreckung, Stuttgart3 1984, S.119, S.249.

39) Duriex, a.a.O., S.596.

40) Durieux, a.a.O., S.820, mit Bezug auf Earle, E.M., Les Maîtres de la stratégie, Paris 1980.

41) Coutau-Bégarie, Hervé, vers un nouveau cycle clausewitzien. In: ders. (Ed.), Stratégique 97/98, Paris 2009, S.5-13.

42) Als ein Beispiel für diese französische Wirtschaftstheorie, für die es auch universitäre Lehrstühle gibt: Alain Juillet: Tendances et évolutions récentes de la guerre économique. In: Défense Nationale 12/2011, Paris 2011, S.25-29. Mehr als in anderen Ländern wird trotz der den Wettbewerb einschränkenden « Planification » die Wirtschaft wissenschaftlich als «kriegerisches Unternehmen» betrachtet. Siehe hierzu, „Krieg als Weiterführung der Wirtschaft“ und auch: Pierre Naville: La Guerre de tous contre tous, Paris 1977. Diesem Denkkreis lässt sich auch Gil Fiévet zuordnen.

43) Robert Carmona: À l’Écoute de Clausewitz. Penser l’action en stratège. In: Défense nationale 5/1999, Paris 1999, S.145.

44) Lucien Poirier, 1918-2013, Mitautor des Weißbuchs von 1972, langjähriger Mitherausgeber der Zeitschrift „stratégique“.

45) Hervé Guineret: Clausewitz et la guerre, Paris 1999.

46) Als Verbindung von Politik, Krieg und anderen gesellschaftlichen, einschließlich sozialer und ökonomischer, Bedingungen.

47) René Girard: Achever Clausewitz, Paris 2007, S.13, 50, 11, 363 und 194.

48) Emmanuel Terray: Clausewitz, Paris 1999.

49) Gil Fiévet (pensionierter General): À L’Écoute de Clausewitz. Penser l’action en stratège, Paris 1998.

50) Vincent Desportes: Comprendre la guerre, Paris 2000, wobei er nicht nur Clausewitz, sondern auch Jomini betrachtet aus der Dimension beider als „eines Scharniers in der Geschichte des militärischen Denkens“.

51) Vincent Desportes: Décider dans l’incertitude, Paris2 2007.

52) Ungewissheit als entscheidendes „Attribut des Krieges“ wird hier in ihrer Gesamtheit (Vom Kriege, u.a. S.289, S.371f. ) gesehen: Ungewissheit von Aufklärungsergebnissen, Zufall, Friktionen, Informationswirrwarr, Fehlern in politischen wie strategischen Analysen und Entscheidungen, allgemein im menschlichen Verhalten etc., also im Unvorhersehbaren bis Unvorstellbaren gesehen.

53) Michel Yakovleff: Tactique Théorique, Paris2 2009.

54) Johan Huizinga: Homo Ludens, Amsterdam3 1940, S.167f.

55) Henri Hude: Démocratie durable - Penser la guerre pour faire l’Europe, Paris 2010. Philosoph und Professor für «Militärethik».

56) Hans Magnus Enzensberger: Die Helden des Rückzuges, Brouillon zu einer politischen Moral der Entmachtung (1989). In: Zickzack - Aufsätze, Ffm 1999.

57) Éduard Guillard: de quelle guerre parle-t-on? Rede am 12.9.2011. In: Défense Nationale 743, 10/2011, Paris 2011, S.109-111. CEMA, Chef des Generalstabs der Streitkräfte, entspricht dem Generalinspekteur, allerdings mit größerer militärischer Machtfülle.