Gallipoli - der vergessene Kriegsschauplatz

Über die Schlacht um die Dardanellen 1915 bis 1916

Andreas W. Stupka

 

Der Erste Weltkrieg war zweifelsohne eine europäische Auseinandersetzung, weshalb dessen Hauptkriegsschauplätze zunächst in Europa zu suchen sind. Zwar wurde auch in den Kolonien gekämpft, aber für den Verlauf des Krieges hatte die Niederringung der wenigen deutschen Besitzungen in Afrika und Asien nur eine sehr untergeordnete Bedeutung. In der allgemeinen militärhistorischen Erinnerung verblieben in erster Linie die großen Schlachten im westeuropäischen Raum, die Kämpfe um Verdun, die Marne-Schlacht sowie die Flandern-Schlachten und der Einsatz des neuen Kampfmittels Giftgas. Auch der osteuropäische Kriegsschauplatz und die daraus erwachsenen Ansätze, dem Kriegsverlauf mit der Einschleusung Lenins ins Zarenreich und der darauf folgenden Revolution eine Wendung zu geben, sind der militärhistorischen Aufarbeitung nicht fremd. Der dritte Abschnitt, die Front Österreich-Ungarns gegen Italien und die damit verbundenen Isonzo-Schlachten, der Gebirgskrieg sowie der Kriegsschauplatz Balkan, wurden v.a. in der österreichischen militärhistorischen Forschung umfassend untersucht und sind noch Teil der geschichtlichen Aufarbeitung.

Im deutschsprachigen Raum kaum betrachtet wird im Rahmen des derzeitigen Gedenkens und Erinnerns an die Urkatastrophe Europas, wie dieser Krieg aus heutiger Sicht oftmals bezeichnet wird, der türkische Kriegsschauplatz. Während sich die englischsprachige Literatur, v.a. aus Australien und Neuseeland, zu diesem Thema bergehoch auftürmt, bleibt dieser Frontabschnitt bei uns unterbelichtet.1) Hier eine Lücke zu schließen und die größte amphibische Landungsoperation, die die Weltgeschichte bis dahin gesehen hatte, darzustellen, dazu ist dieser kurze Aufsatz angetan.

Wichtig für das Verständnis des Zustandekommens dieser Operation sind die politisch-strategischen Umstände, mit denen das Osmanische Reich konfrontiert wurde bzw. aus welcher militärstrategischen Position heraus sich die Türkei gezwungen sah, auf Seiten der Mittelmächte im November 1914 in den Krieg einzutreten. Die militärische Operation selbst lässt sich in vier Abschnitte aufgliedern, von denen der erste den fehlgeschlagenen Durchbruchsversuch der britischen Marine und die Öffnung der Meerenge bildete. Als zweiter Schritt erfolgte die Landung von Truppen auf der Halbinsel Gallipoli im April 1915, die sich alsbald in einem Stellungskrieg festrannte. Mit der August-Offensive der Briten 1915 erfolgte dann ein weiterer Versuch, wieder Bewegung in den Stellungskrieg zu bringen - auch er scheiterte. Schließlich mussten die Briten erkennen, dass die Front nicht zu halten war, und leiteten ab Dezember 1915 den letzten Abschnitt, die Räumungsphase, ein. Dieser überwältigende Sieg der türkischen Streitkräfte ist nicht zuletzt auch auf die massive deutsche Militärhilfe zurückzuführen, die hier ebenfalls aufgezeigt werden soll. Nichtsdestotrotz zählte das Osmanische Reich zu den Verlierern des Ersten Weltkrieges und wurde im Diktatfrieden von Sèvres und dem dann milderen Vertrag von Lausanne auf die heutige Türkei zusammengestutzt. Dies zeitigt seine Auswirkungen bis heute und macht auch die v.a. unter dem jetzigen Präsidenten Erdogan aufgekommene Osmanophilie, sowie die immer deutlicher werdende türkische Politik der Einflussnahme auf die ehemaligen, dem osmanischen Herrschaftsbereich unterworfenen Gebiete verständlich. Die Zeit der kemalistischen Zurückhaltung in allen außenpolitischen Angelegenheiten sowie der laizistische Kurs der Türkei Atatürks scheinen somit vorbei zu sein. Vielmehr besinnt sich die neue Türkei wieder auf das osmanische Erbe und ihre islamischen Traditionen, die mit dem Sturz des Sultans 1920 und der Abschaffung des Kalifats nach dem Ersten Weltkrieg ihr vorläufiges Ende gefunden hatten.

Die strategische Bedeutung der Türkei

Das Osmanische Reich hatte unter Suleiman I. dem Prächtigen im 16. Jahrhundert seine größte Ausdehnung erreicht und de facto beinahe alle von den Moslems bevölkerten Gebiete in seinen Herrschaftsverband einverleibt. Das Schwarze Meer war ein türkisches Binnenmeer geworden, und die langen Arme des Sultans griffen auf afrikanischem Boden bis nach Algerien hinein und tief in den Sudan aus. Die Arabische Halbinsel zählte zur Gänze zum osmanischen Herrschaftsgebiet, und in Europa stand die gesamte Balkanhalbinsel unter türkischer Oberherrschaft. Dieses sich über drei Kontinente erstreckende riesige Reich, lag den christlichen Europäern wie ein undurchdringlicher Pfropfen im Wege auf ihren Entdeckungsfahrten in die sagenhaft reichen Gebiete Indiens und des Fernen Ostens. Es mussten daher weite Umwege in Kauf genommen werden, wie um das Kap der Guten Hoffnung oder „hintenherum“, nachdem die Kugelgestalt der Erde von den Astronomen berechnet worden war, was zur Entdeckung Amerikas führte.

Die Stabilisierung der Herrschaft in diesem Großreich der Osmanen war durch ein ausgeklügeltes Verwaltungssystem und ein hervorragend funktionierendes Militär soweit gefestigt worden, dass die Europäer trotz zahlreicher Versuche, die Türken in die Knie zu zwingen, jedes Mal scheiterten. Allerdings bedarf es eines gewaltigen Geschickes und oft harter Maßnahmen, um ein Reich solchen Ausmaßes über einen längeren Zeitraum zu erhalten, denn der Freiheitsdrang der unterjochten Völkerschaften lässt sich nur so lange im Zaume halten, als der Staat als solcher gefestigt ist und die Beherrschten soweit zufrieden sind, dass sie sich glücklich unter der jeweiligen Herrschaft wähnen. In weiten Bereichen jedoch funktionierte das Osmanische Reich nur durch die harte Unterdrückung der Völker mit der Macht des Schwertes, hinzu kam dann noch allerorten ein schwerwiegendes Maß an Korruption in der Verwaltung, das im 17. Jahrhundert immer weiter ausuferte.

Das Aufeinandertreffen der Osmanen mit dem Heiligen Römischen Reich hatte ihnen auf ihrem Vormarsch Richtung Mitteleuropa einen ebenbürtigen Gegner beschert, der Suleiman I. ab 1529 vor Wien und in den Folgejahren in seinem Expansionsdrang scheitern ließ. Im 17. Jahrhundert war ein weiterer Gegner auf den Plan getreten, dem das Osmanische Reich ein Dorn im Auge war: Russland. Zunächst verstanden sich die Zaren aus religiöser Sicht als die Nachfolger der byzantinischen Kaiser, weshalb ihnen Konstantinopel, das heutige Istanbul, als religiöses Zentrum galt, das nun von den Moslems beherrscht wurde. Damit aus strategischer Sicht verbunden lag jedoch das Drängen Russlands zu den warmen Meeren, um als heraufkommende Großmacht den anderen Europäern auf der Bühne des Handels ebenbürtig entgegentreten zu können. Der Besitz oder zumindest die Öffnung der Meerengen am Bosporus und an den Dardanellen stellten für die strategischen Ambitionen Russlands seit dem Beginn der russisch-türkischen Kriege, die ab 1677 die folgenden 200 Jahre geführt werden sollten, immer das erstrebenswerte Ziel dar.

Den großen Wendepunkt in der Entwicklung des Osmanischen Reiches zeitigte das Jahr 1683, als die türkischen Heere vor Wien vernichtend geschlagen worden waren und große Teile ihres Herrschaftsgebietes auf der Balkanhalbinsel verloren hatten. Die Niederlage von Wien und die schweren Verluste der Türken in den folgenden Feldzügen ließen die Schwächen innerhalb des Sultanats sowie die Unzulänglichkeit der korrupten Verwaltung offen ans Tageslicht treten, die trotz zahlreicher Reformversuche nicht aus der Welt geschafft werden konnten. Zudem hatte das Militär, und hierbei v.a. der Janitscharen-Orden, eine dominierende Rolle übernommen. So wurden Sultane durch das Militär gestürzt, auch die Paschas, also die Provinzgouverneure, entwickelten mit Hilfe des Militärs teilweise große Selbstständigkeiten. Dennoch gelang es den Sultanen bis ins 18. Jahrhundert hinein, das Reich im Großen und Ganzen zusammenzuhalten.

Im 18. Jahrhundert allerdings war auch in Europa ein Umbruch erfolgt, und die frühen Kolonialmächte, die Spanier, Portugiesen und Venezianer, waren durch Frankreich und das nach den Napoleonischen Kriegen zum Herrn der Meere aufgestiegene Großbritannien abgelöst worden. Die neue Politik dieser Kolonialmächte gestaltete sich durch massive Einflussnahme im Osmanischen Reich. Zunächst griff Frankreich unter Napoleon nach Ägypten aus, woraus ein von der Hohen Pforte weitgehend unabhängiges ägyptisches Vizekönigreich erwuchs. An allen Enden des Reiches motivieren nun die europäischen Mächte das Freiheitsstreben der von den Osmanen beherrschten Völker. Algerien und Tunesien werden im Laufe des
19. Jahrhunderts durch Frankreich in Besitz genommen, Ägypten durch die Briten. Auf der Balkanhalbinsel begannen die Griechen mit europäischer Unterstützung ihren Freiheitskampf, dem im Laufe des 19. Jahrhunderts die Serben, Montenegriner, Rumänen und Bulgaren folgen sollten. Österreich-Ungarn besetzte Bosnien und die Herzegowina sowie den Sandschak von Novi Pazar. Auf der Arabischen Halbinsel ließen Aufstände der arabischen Stämme die osmanische Herrschaft schwinden, zudem besetzten die Briten den Jemen und den Oman. Auch die Insel Zypern wurde britischer Besitz, es erfolgte der Bau des Suezkanals und in Libyen fielen 1911 auf ihrer Jagd nach Kolonialgebieten italienische Truppen ein. Auf dem Balkan wurde die Türkei bis auf ein kleines Gebiet vor Istanbul zurückgedrängt.

Mangels Reformen verfiel der osmanische Herrschaftsbereich immer mehr in die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit und wurde damit zum Spielball der europäischen Mächte, ein quasi halbkoloniales Gebiet, das als Absatzmarkt für europäische Produkte genutzt wurde. Trotz der als „Tanzimat“ bekannten Reformen, die schließlich in der Erlassung einer Verfassung münden, gelang es der Türkei nicht, sich aus ihrer Rückständigkeit herauszuentwickeln. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges wird das einst so mächtige Osmanische Reich nur mehr als „Der kranke Mann am Bosporus“ bezeichnet. Dennoch hält es nach wie vor die strategische Position an den Meerengen fest im Griff. Und obwohl Großbritannien zu jener Zeit mit Russland verbündet ist, erschien es den Briten strategisch günstiger, die Russen nicht im Besitz der Meerengen zu sehen.

Das ständige Drängen Russlands hin zur Inbesitznahme der Dardanellen mündete 1853 schließlich in den Krimkrieg, der nur durch die massive Unterstützung der europäischen Großmächte Frankreich und Großbritannien eine türkische Niederlage und die völlige Aufteilung des Reiches verhinderte. Russland blieb sohin als der meistgefürchtete Gegner der Osmanen bestehen, obwohl nun ein direktes Aufeinandertreffen von Landarmeen der beiden Reiche nur mehr im Kaukasus möglich war. Doch Russland betrieb auch eine neue Idee der Zusammenführung aller slawischen Völker, als deren Schutzmacht sich der Zar gerierte. Dieser Panslawismus-Gedanke betraf in erster Linie die slawisch besiedelten Gebiete Österreich-Ungarns, aber auch den südlichen Balkanraum, worauf die Türkei nach wie vor Anspruch erhob. Die Balkankriege von 1912 und 1913 brachten keine großen Entscheidungen, allerdings waren alle beteiligten Mächte, also die Türkei, Bulgarien, Griechenland und Serbien sowie Montenegro, kriegserprobt.

Im Osmanischen Reich hatten seit 1908 die „Jungtürken“ die Macht übernommen, eine politische Bewegung bestehend aus Intellektuellen, Künstlern, Wissenschaftlern und Militärs, die sich zum Ziel gesetzt hatten, die Türkei mit wirtschaftlichen und verwaltungsmäßigen Reformen aus ihrer Rückständigkeit in einen modernen Staat zu verwandeln - in eine konstitutionelle Monarchie nach europäischem Vorbild. Ein neuer Jungtürken-Umsturz brachte 1913 Enver Pascha an die Macht, der in einem Triumvirat das Reich auch während des Ersten Weltkrieges diktatorisch regieren sollte. Der Sultan war de facto entmachtet worden.

Für das europäische Bündnisgefüge bei einem Krieg zwischen den Mittelmächten (Österreich-Ungarn, Deutsches Reich, Italien) einerseits und der Entente (Großbritannien, Frankreich, Russland) andererseits war die Position der Türkei keineswegs ein Randthema. Im schlimmsten Fall sahen sich die auf der inneren Linie kämpfenden Mittelmächte einem Zweifrontenkrieg ausgesetzt, der nur dadurch entlastet werden könnte, wenn nach einem Kriegseintritt der Türkei eine zweite Front im Süden Russlands entstünde. Außerdem wäre Russland durch die Sperre des Ostseeeinganges am Skagerrak und die Sperre der Dardanellen von benötigten Versorgungslieferungen durch die Verbündeten weitgehend abgeschnitten. Zudem hielt das Osmanische Reich den Raum Palästina in Besitz und weite Teile Arabiens, wodurch eine Gefahr für die britischen Nachschubrouten aus den indischen Kolonien über den Suezkanal entstand.

Auf Seiten der Entente machte man sich keine allzu großen Hoffnungen, dass die Türkei auf ihrer Seite in den Krieg eintreten würde, aber zumindest sollte das Land neutral gehalten werden. Das Deutsche Reich war trotz sehr guter Wirtschaftsbeziehungen einem Militärbündnis mit der Türkei anfangs eher ablehnend gegenüber gestanden. Mit der Julikrise 1914 und der damit unmittelbar bevorstehenden Kriegsgefahr änderte sich die Haltung rasch. Am 2. August wurde ein Geheimvertrag unterzeichnet, wobei man sich gegenseitige Unterstützung zusicherte für den Fall, dass Russland als Aggressor gegenüber den Mittelmächten auftrete. Da jedoch Deutschland Russland am 1. August 1914 den Krieg erklärt hatte, erlaubte dies der Türkei vorerst noch neutral zu bleiben.2)

Die militärische Situation des Osmanischen Reiches vor dem Kriegseintritt

Enver Pascha, Generalleutnant der osmanischen Armee und ab 1913 Kriegsminister, galt als deutschfreundlich, wie viele Mitglieder der jungtürkischen Bewegung. Diese Haltung begründet sich aus mehreren Aspekten, die nun zur Darstellung kommen sollen: Zunächst kann die Türkei auf eine seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts bestehende Zusammenarbeit mit dem Königreich Preußen zurückblicken. Preußen hatte sich als europäische Macht erst gegen Mitte des 18. Jahrhunderts zu etablieren begonnen und war daher mit den Türken, die damals bereits weit nach Süden zurückgedrängt worden waren, niemals in Konflikt geraten. Dennoch hatten die Türken den Aufstieg Preußens genau mitverfolgt und das Land nach den Napoleonischen Kriegen als militärische Größe aufwachsen sehen. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Preußen Militärberater in die Türkei entsandt, von denen ihr berühmtester wohl der spätere Feldmarschall Helmuth von Moltke (Moltke der Ältere) gewesen ist. Nach den preußischen militärischen Glanzleistungen bei Königgrätz und Sedan, denen nach der Niederwerfung Frankreichs die Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches folgte, war man in der Türkei so voller Bewunderung über diese Erfolge, dass man die Deutschen bat, weitere Militärmissionen ins Osmanische Reich zu entsenden, was auch geschah.

Allerdings beschränkten sich diese Militärmissionen auf reine Beratungstätigkeiten bzw. auf die Leitung militärischer Bildungs- und Ausbildungsstätten. Von den Janitscharenaufständen geprägt, verfolgte die osmanischen Machthaber eine nicht ganz unbegründete Furcht vor einer abermaligen Machtübernahme durch das Militär, sobald diese in Friedenszeiten in großen Formationen zusammengezogen würden. Der Sultan untersagte daher jede Manövertätigkeit und so blieb die deutsche Militärhilfe einerseits auf die Vermittlung reinen Lehrsaalwissens beschränkt; die militärische Führungsfähigkeit der türkischen Offiziere blieb daher unterentwickelt. Andererseits aber flossen ausreichend deutsche Rüstungsgüter in das türkische Militär ein. Ein wesentlicher Rüstungsschub war hierbei die Bestückung der Forts und Festungen an den Dardanellen mit leistungsfähigen deutschen Geschützen.

Aber nicht nur die Bewunderung der deutschen militärischen Leistungen trug entscheidend zur deutschfreundlichen Haltung der Türkei bei, sondern v.a. auch der nicht vorhandene koloniale Anspruch auf türkische Gebiete machte das Deutsche Reich zur einzigen europäischen Großmacht, bei der man keine Hintergedanken an Gebietsgewinne vermutete und ihr daher ein gewisses Vertrauen auch in politischen Dingen zugestand. Die deutsche Wirtschaftshilfe trug beispielsweise mit dem Bau der so genannten „Bagdad-Bahn“ ihr Übriges zu dieser Harmonie bei. Ein weiterer Punkt, der die Türkei den Mittelmächten in die Arme trieb, waren die Balkankriege gewesen, wo sich v.a. Russland mit der Unterstützung der Serben hervorgetan hatte, auch Großbritannien beharrte weiter auf seine Einflussbereiche innerhalb des Osmanischen Reiches im ägyptisch-arabischen Raum: „Der Erste Balkankrieg hatte das Osmanische Reich riesige Gebiete gekostet. Der Zweite Balkankrieg brachte Bulgarien militärisch in die gleiche Situation wie die Türkei im Ersten Balkankrieg: Angriffe von allen Seiten durch eine Übermacht. Beide Staaten betrachteten die Ergebnisse als zutiefst verletzend und lechz­ten nach Revanche, und die konnten sie nur auf der Seite Deutschlands und Öster­reich-Ungarns erhoffen. Die beiden Staaten wurden somit zu potenziellen Alliierten der Mittelmächte.“ 3)

Allerdings hatte die Türkei v.a. im Ersten Balkankrieg schwere Verluste bei den Truppen hinnehmen müssen, was zum Teil den deutschen Beratern angelas­tet wurde. Dennoch hatte die überwiegende Mehrheit der Entscheidungsträger erkannt, dass sich in den militärischen Belangen nur etwas ändern könne, wenn die Truppen friedensmäßig ordentlich ausgebildet und diszipliniert geführt würden. Das Landheer sollte daher weiter von den Deutschen reformiert und kriegstauglich gemacht werden, die türkische Marine von den Briten, wo auch zwei neue Schlachtschiffe (Dreadnoughts) bestellt worden waren. Dieses Ansinnen führte 1913 seitens des Deutschen Reiches zu der Entsendung einer mit 42 Offizieren recht umfangreichen Militärmission unter General Otto Liman von Sanders, wobei diesen Beratern weitreichende Vollmachten der Einflussnahme auf alle militärischen Belange eingeräumt wurden. Liman selbst wurde zum türkischen Marschall und Generalinspekteur der Armee befördert.

Neben dem Aufbau der türkischen Flotte sollten die Briten unter Admiral Arthur Henry Limpus die Befestigungen an den Dardanellen auf modernen Stand bringen, sie bewirkten aber nicht allzu viel. Die Forts waren zu Kriegsausbruch schlecht ausgestattet, ohne einheitliche Feuerleitung, auch die Minenfelder in den Dardanellen boten wenig Sperrwert. Dies änderte sich erst mit der Übernahme der gesamten Sperranlage im September 1914 durch den deutschen Admiral Guido von Usedom und entsprechendes Fachpersonal.

Unter der Leitung General Liman von Sanders machte auch das türkische Landheer ab 1913 bis zum Kriegseintritt wesentliche Fortschritte, dennoch galten die türkischen Truppen in der Einschätzung europäischer Militärexperten als unzureichend ausgebildet und wenig kampfkräftig: „Die Unzuverlässigkeit der Mannschaften einzelner Verbände stellte für die türkische Armee große Schwierigkeiten dar. Die arabischen Regimenter aus Syrien und Mesopotamien galten als minder zuverlässig. [...] Nach den großen Verlusten im Balkankrieg waren die türkischen Verbände enorm rückständig, was sich zum Beispiel auf dem Sektor der Artillerie erst durch massive Waffenkäufe in Österreich-Ungarn und im Deutschen Reich im Laufe des Krieges bessern sollte. Besonders schlecht war es um die Etappeneinrichtungen und Transportlinien bestellt, was eine gehobene Mobilität der osmanischen Verbände ausschloss.“ 4)

Auch die Versorgung der Verbände ließ zu wünschen übrig, wie dies aus einer durch den osmanischen Botschafter in Berlin im August 1914 vorgetragenen Bitte ersichtlich wird: „Die deutsche Regierung sollte vereinbarungsgemäß für folgende Lieferungen aufkommen: 100.000 Kilogramm Schuhsohlen, 200.000 tragbare Zelte, 150.000 Aluminiumflaschen, 500.000 Kilogramm Fleisch, 50.000 Kilogramm Gemüsekonserven und 100.000 Hufeisen verschiedener Größe mit Nägeln.“ 5) Dies zeigt, dass die osmanischen Heerscharen auch im eigenen Land vornehmlich durch das v.a. bei Angriffskriegen gepflogene Requisitionssystem versorgt werden sollten, was insbesondere in den kargen Gegenden im Süden des Reiches wenig zur Hochstimmung und Solidarität der ortsansässigen Bevölkerung mit den Truppen des Sultans beitrug. Die Entwicklung des Train als eigene Truppengattung steckte noch in den Anfängen, was einer geordneten Kriegführung v.a. in den entlegenen Gebieten im Kaukasus erhebliche Schwierigkeiten bereiten sollte, da die Soldaten mangels ausreichender Verpflegung nur einen geringen Kampfwert aufwiesen und vielfach schlichtweg verhungerten.

Von den mentalen Unzuverlässigkeiten, die sich aus dem Volksgruppengepräge heraus bei manchen Truppenteilen ergaben und der oft unzureichenden Versorgung abgesehen, war der türkische Soldat jedoch ein tapferer und widerstandsfähiger Kämpfer, der sich auch unter schwierigsten Bedingungen - entgegen den britischen und französischen Einschätzungen - als ausdauernd und leistungsstark erwies. Eines der größten Probleme war allerdings in der Führung der Truppen gelegen, da die Führungskräfte nicht über die notwendige Bildung und Ausbildung verfügten, um in einem modernen Kriegs­szenario bestehen zu können. Dies begann bereits auf der gefechtstechnischen Ebene, im Unteroffiziersbereich, die de facto als Fachkräfte im militärhandwerklichen Sinn völlig fehlten: „There was, however, a gaping hole in the leadership fabric of the Ottoman army and it manifested itself in the absence of a long-service professional corps of non-commissioned officers (NCOs) [...] In the Ottoman army, the pre-war authorization in an infantry company was a single NCO (and three officers). The men were overwhelmingly illiterate and were, for the most part, from rural or unindustrialized farming villages. [...] Those men who could read and write, even minimally, were often quickly promoted to sergeant or corporal. Consequently, much of the training was based on direct instruction by officers or non-commissioned officers, who read the men from books prepared specially for this situation.“ 6) Die daraus erwachsenden mangelnden Gefechtstechnikkenntnisse der einzelnen Soldaten sowie der Einheiten und Teileinheiten begründen die in den Schlachten oftmals horrenden Verluste der türkischen Verbände.

Aber auch auf den höheren Führungsebenen zeigten sich die aus dem bereits erwähnten Übungsverbot erfließenden Schwächen. Die mangelnde Übungserfahrung konnte zum Teil durch die Kriegserfahrungen kompensiert werden, sie hinterließ nichtsdestotrotz große Lücken in der Anwendung des militärischen Instruments und der systematischen Umsetzung militärischer Führungskunst, die in ihrem gesamten Umfang nur durch ständiges und konsequentes Üben erlernbar ist, um dann im Kriegsfalle zielgerichtet und auf den jeweiligen Bedarf abgestimmt eingesetzt werden zu können. Teilweise, und hier v.a. im Rahmen der Dardanellen-Armee, wurden auch deutsche Offiziere in die türkischen Streitkräfte übernommen und mit Führungsaufgaben betraut, was zu einer erheblichen Qualitätssteigerung der Verbände führte.

Die Friedensstärke der türkischen Streitkräfte betrug knapp über 200.000 Soldaten, davon rund 8.000 Offiziere. Für den Fall einer Mobilmachung rechnete der türkische Generalstab mit einer ersten Aufbietung von rund 500.000 Soldaten im Rahmen der Feldarmee, der Rest der Truppen, bei einer ungefähren Mobilmachungsstärke von rund einer Million Mann, sollte in den Küstenverteidigungsanlagen und in den rückwärtigen Diensten Verwendung finden.7)

Die türkische Flotte war durchwegs veraltet, große Operationen auf See waren von ihr nicht zu erwarten. Bestenfalls konnte sie zur Unterstützung der Küstenverteidigung bzw. zur Verminung der Meerengen herangezogen werden.

Die Türkei zieht in den Krieg

Während der so genannten Julikrise, also der Zeit zwischen der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo am 28. Juni 1914 und dem Beginn des Krieges Anfang August, wurden in allen europäischen Staaten heimliche Kriegsvorbereitungen getroffen, da aufgrund der Bündnisverträge ein gesamteuropäischer Kriegsausbruch sehr wahrscheinlich geworden war. Auch im Osmanischen Reich wurden daher Mobilmachungsvorbereitungen getroffen, weil man v.a. aus den Erfahrungen der Balkankriege mit einem überraschenden Angriff der Bulgaren rechnen konnte. Zudem hatte Russ­land seine prinzipielle Zielsetzung des Griffes nach den Meerengen und einer „Befreiung“ Konstantinopels nicht aufgegeben.

Die innenpolitische Diskussion in der Türkei schwankte zwischen einem deutschfreundlichen Kurs durch den Kriegsminister Enver Pascha, der auch einen Kriegseintritt auf Seiten des Deutschen Reiches nicht ausschloss einerseits, und der Beibehaltung des Neutralitätsstatus andererseits. Ein wesentlicher Faktor, der die Stimmung in der Türkei zugunsten Deutschlands kippen ließ, war die folgenschwere Entscheidung des britischen Marineministers Winston Churchill, die zwei in England bestellten Dreadnoughts zu konfiszieren und erst nach dem Krieg an die Türkei auszuliefern. Die beiden 1909 bestellten Kriegsschiffe waren exakt im Juli 1914 fertig geworden und lagen abnahmebereit in den englischen Werften, sogar die türkischen Besatzungen hatten sich bereits in England befunden. Hinzu kam, dass diese Schiffe im Wert von über 3,6 Mio. Pfund Sterling bereits abbezahlt waren.

Die Auftreibung dieser Summe durch die permanent unter Finanznot leidende türkische Staatskasse war über Spenden erfolgt, die an öffentlichen Plätzen und Cafés von der Bevölkerung eingesammelt worden waren. Es waren also gewissermaßen „Schiffe des Volkes“, direkt finanziert von der Bevölkerung zum Schutz der Heimat, wie dies in der wehrpolitischen Diskussion kommuniziert wurde. Für Churchill bedeutete die Konfiskation der Schiffe eine wesentliche Verstärkung der Kampfkraft für die britische Marine, außerdem wollte man der Türkei in dieser heiklen Situation und unter der Befürchtung eines möglichen Schwenks ins deutsche Lager nicht zusätzliche moderne Kampfmittel an die Hand geben. Dennoch befand sich zum Zeitpunkt der Einbehaltung der Schiffe am 31. Juli Großbritannien noch nicht im Krieg, und ein solcher Akt war in Friedenszeiten keineswegs üblich, noch dazu gegenüber einem auf Neutralitätskurs befindlichen Land. Die Empörung in der Türkei war groß. Die Partei der Deutschlandbefürworter bekam dadurch enormen Zuspruch, und diese britische Aktion war nicht zuletzt ausschlaggebend für den raschen Abschluss des Beistandsvertrages mit dem Deutschen Reich am 2. August.

Seit dem Ersten Balkankrieg befand sich ein internationaler Flottenverband im Mittelmeer, v.a. auch um zu verhindern, dass bei einer Niederlage der Türkei gegen die von Russland unterstützten slawischen Balkanstaaten die Meerengen und Konstantinopel in russische Hände gelangten. Seitens des Deutschen Reiches war zu diesem Zweck die so genannte „Mittelmeerdivision“ abkommandiert worden. Sie bestand während der Julikrise aus dem Panzerkreuzer „Goeben“, dem schnellsten und kampfkräftigsten Schiff der deutschen Marine, und dem kleinen Kreuzer „Breslau“.8) Das Kommando führte Konteradmiral Wilhelm Souchon, ein erfahrener und selbstbewusster Offizier der kaiserlichen Marine. Im Falle eines Krieges sollte die Mittelmeerdivision die verbündeten Seestreitkräfte Österreich-Ungarns und Italiens unterstützen. In einer ersten Phase sollten dabei v.a. die französischen Nachschubrouten aus Nordafrika unterbunden werden, weshalb der Verband im Juli 1914 im westlichen Mittelmeer kreuzte.

Bei Kriegsausbruch hatte sich die Lage jedoch dahingehend geändert, dass Italien aufgrund der deutschen Kriegserklärung an Russland keinen casus foederis sah und sich neutral erklärte. Die österreichisch-ungarische Marine war zu diesem Zeitpunkt noch nicht kriegsbereit, und zudem hatte Großbritannien noch keine Kriegserklärung gegen Österreich-Ungarn abgegeben, weshalb der österreichische Flottenchef, Admiral Anton Haus, entschied, die Marine in den geschützten Häfen zu belassen. Außerdem rechnete Haus mit einem Verrat Italiens und wollte die Flotte zum Schutz der dalmatinischen Küste verwendet wissen. Für die auf sich allein gestellte Mittelmeerdivision ergaben sich die folgenden Möglichkeiten: erstens sich dem Gefecht mit überlegenen britischen und französischen Kräften zu stellen und heldenhaft unterzugehen, zweitens österreichische Häfen anzulaufen und im Adriaraum zu operieren oder drittens die neutrale Türkei anzulaufen, um die Schiffe zu übergeben und die türkische Marine soweit zu stärken, dass eine Inbesitznahme der Meerengen durch Russland verhindert werden könnte. Zudem hatte man ohnehin einen Bündnisvertrag mit der Türkei und hoffte deutscherseits auf deren baldigen Kriegseintritt.

Die deutsche Marineführung fällte die Entscheidung zugunsten dieser dritten Möglichkeit, und die Mittelmeerdivision setzte sich Richtung Dardanellen in Marsch. Es begann nun seitens der Briten und Franzosen eine wilde Jagd, um die beiden Schiffe zu stellen. Sie misslang jedoch, und am 10. August erreichten die deutschen Schiffe die Meerengen, von wo sie von türkischen Lotsenschiffen ins Marmarameer gebracht wurden. Allerdings befürchtete man nun eine britische Kriegserklärung, zumal der britische Botschafter eine sofortige Internierung der deutschen Besatzungen forderte. Eine Lösung wurde dadurch erreicht, dass die Türkei die beiden Schiffe dem Deutschen Reich abkaufte, die deutschen Matrosen wurden in türkische Dienste gestellt. Der Chef der britischen Marinemission, Admiral Limpus, protestierte zwar, aber seitens der Türkei wurde den Briten zu verstehen gegeben, dass man das deutsche Angebot gerne angenommen habe, nachdem die Briten türkische Großkampfschiffe konfisziert hätten.9) - Mitte September wurde die britische Marinemission in der Türkei beendet.

Von deutscher Seite drängte man ab September 1914 auf ein Losschlagen der Türkei, um v.a. die Fronten im Osten gegen Russland zu entlasten. Die Türkei zierte sich und hielt an ihrem Neutralitätsstatus fest. Allerdings wurde während dieser wenigen Monate die türkische Marine mit deutscher Hilfe in einen kriegstauglichen Zustand gebracht. So wurden zahlreiche Übungen abgehalten und Ausfahrten ins Schwarze Meer unternommen. Admiral Souchon entwarf derweil konkrete Pläne hinsichtlich eines Angriffes der türkischen Marine gegen die russischen Schwarzmeerhäfen und insistierte auf der Durchführung dieser Operation. Nachdem der finanzschwachen Türkei von deutscher Seite eine entsprechende Anleihe bei Kriegseintritt gewährt wurde, gab der Kriegsminister schließlich den Befehl auszulaufen. Zwischen 27. und 29. Oktober wurden Odessa, Sewastopol und Feodosia angegriffen und an den Hafenanlagen einiger Schaden angerichtet, zahlreiche russische Schiffe wurden versenkt. Am 1. November erfolgte die Kriegserklärung Russlands an das Osmanische Reich.

Trotz dieses Anfangserfolges blieb die türkische Marine der russischen im Schwarzen Meer während des gesamten Kriegsverlaufes unterlegen und erzielte lediglich mit den modernen deutschen Schiffen einige Gefechtserfolge. Hauptsächlich konzentrierte sie sich jedoch auf den Schutz und die Verminung der Meerengen. Den Russen gelang es allerdings nicht, die Meerengen ernsthaft zu bedrohen oder, wie ursprünglich geplant, mit Truppen anzulanden und diese zu öffnen; zu sehr fürchtete man die Kampfkraft der deutschen Schiffe in türkischen Diensten.

Gleich zu Kriegsbeginn, Anfang November, wurden auch die in der Ägäis kreuzenden britischen Schiffe an die Dardanellen beordert, um die vordersten Sperrforts am Eingang in die Meerenge aus einer Stellung zu beschießen, wohin die Festungsgeschütze nicht wirken konnten. Die Türken waren ob dieses Angriffes einigermaßen überrascht, und es entstand großer Schaden an den beiden Forts. Dennoch hatte dieser Angriff sein Gutes, da die Verteidigungsvorbereitungen nun zielgerichtet auch gegen diese Schiffsstellungen getätigt werden konnten. Die britische Marineführung erkannte in der Beschießung einen grundsätzlichen Fehler, der den Türken die Möglichkeit gegeben hatte, entsprechende Abwehrmaßnahmen zu treffen, aber er mehrte auch den Glauben, dass mit den weitreichenden Schiffsgeschützen die Forts und Festungen relativ leicht auszuschalten wären. Aus diesen Ansichten heraus wurde die Möglichkeit eines Durchstoßens der Meerengen ausschließlich mit Seestreitkräften geradezu beflügelt, und es ergingen bei den Briten entsprechende Planungen.

Die Dardanellen-Verteidigung

Die Meerenge der Dardanellen bildet eine ca. 65 km lange Wasserstraße, die ausgehend von der Ägäis von ca. 6 km Breite sich trichterförmig verjüngt und nach rund 25 km bei der Stadt Çanakkale eine Breite von 1,3 km aufweist. Danach öffnet sie sich wieder trichterförmig hin zum Marmarameer. Das Wasser fließt einem Strom gleich aus dem Schwarzen Meer Richtung Mittelmeer und weist eine starke Fließgeschwindigkeit auf, die es Schiffen erheblich erschwert, Ziele an Land treffsicher zu beschießen. Während die südlichen Ufer der Dardanellen vom asiatischen Festland begrenzt werden, erfüllt diese Funktion auf der europäischen Seite die Halbinsel Gallipoli - eine etwa 80 km lange, gebirgige Landzunge, die im Norden an der Bucht von Saros anliegt. Die schmalste Stelle bildet mit rund 4,5 km Breite der Isthmus von Bulair, wo sie mit dem Festland verbunden ist. Sie weitet sich dann 60 km lang kontinuierlich auf eine Breite von etwa 20 km aus. Bei Kaba Tepe verengt sie sich abrupt auf eine Breite von etwa 10 km und läuft dann bis zu ihrem Ende spitz nach Kap Helles aus.

Der lange „Wasserschlauch“ der Dardanellen begünstigt eine tiefgestaffelte Verteidigung, wobei der Eingang als eine erste Verteidigungslinie vorgesehen werden kann und eine weitere an der Engstelle bei Çanakkale für eine nachhaltige Sperre als sehr gut geeignet zu beurteilen ist. Im Gegensatz zu den britischen Überlegungen, die zunächst von der Möglichkeit des Durchbruches ausschließlich mit Seestreitkräften ausgingen, bestand für General Liman von Sanders, der ab 1915 die Verteidigung der Meerengen als Oberkommandierender übernehmen sollte, niemals ein Zweifel an der Notwendigkeit einer Landungsoperation, um die Dardanellen öffnen zu können. Dennoch musste jedoch zunächst die Abwehrbereitschaft in den Festungen hergestellt werden. Unter der Leitung des Admirals von Usedom wurden an die 80 Geschütze entsprechend verschanzt und eingeschossen. Da es sich beim türkischen Kriegsmaterial großteils um veraltetes Gerät handelte, wurden sogar 15 cm-Geschütze vom Panzerkreuzer Goeben ausgebaut und in die Festungsanlagen integriert. Zudem ließ Usedom im ersten Ansatz 344 Minen in der Meerenge verlegen, die er durch mobile Geschützbatterien überwachen ließ. Es waren gerade diese mobilen Haubitzen unter deutscher Führung, die zum späteren Abwehrerfolg beitragen sollten. Allerdings herrschte bei allen Geschützen ein eklatanter Munitionsmangel vor.

Am ägäisseitigen Eingang befanden sich jeweils zwei große Befestigungsanlagen auf der asiatischen Seite in Kumkale und Orhanie sowie auf der europäischen Seite in Helles und Sed ul-Bahr. Kleinere Befestigungsanlagen säumten Nord- und Südufer dann bis zur Hauptsperrstellung bei Çanakkale, wo die Hauptfestungen Hamidie, Medschidie und Nagara auf der asiatischen Seite und Jildis und Kilid Bahr auf der europäischen Seite einen Durchstoß abwehren sollten. Die wichtigsten Festungswerke mit der höchsten Feuerkraft lagen dabei auf dem asiatischen Ufer. Im Wasser waren zusätzlich zu den Minen noch U-Boot-Netze aus Stahlseilen aufgezogen worden, die bei einer durchschnittlichen Wassertiefe von 50 m ebenfalls einen entsprechenden Sperrwert aufwiesen.

Für die Verteidigung der Dardanellen gegen eine amphibische Operation war die 5. türkische Armee vorgesehen, deren Kommando General Liman von Sanders Anfang 2015 übernahm. Seine Beurteilungen ergaben hinsichtlich einer alliierten Landung vier mögliche Ansatzpunkte:

Die erste Möglichkeit war eine Anlandung auf dem asiatischen Festland etwa in der Gegend des antiken Troja. Die im Feindbesitz befindliche Insel Bozcaada (ehem. Tenedos) bietet gute Möglichkeiten einer raschen Verbringung von Truppen in die Besika-Bucht. Da die Festungswerke an den Dardanellen in erster Linie gegen den Wasserweg ausgerichtet waren, böten sich hier gute Möglichkeiten, diese auszuschalten, zudem handelte es sich um die Hauptwerke, die dieser Gefahr ausgesetzt waren. Auch das Wegenetz schien hier brauchbarer als auf der unwegsamen Halbinsel Gallipoli, die lediglich durch eine schlechte Straße entlang der Küste mit dem Festland verbunden war. Der entscheidende Nachteil dieser Variante lag jedoch in der Entfernung der Anlandezone zu den Angriffszielen (ca. 40 km nach Çanakkale), womit die Gefahr bestand, durch die Heranführung von Truppen aus den Räumen Konstantinopel (1. Armee) oder Izmir (2. Armee) überhaupt an der Erreichung der Angriffsziele vorzeitig gehindert zu werden.

Auf der Halbinsel Gallipoli boten sich drei Landezonen an: Erstens eine Anlandung direkt am äußersten Ende der Halbinsel bei Kap Helles, von wo aus rasch die beherrschenden Höhenrücken entlang der Dardanelleneinfahrt hätten genommen werden können, die eine direkte Beschießung der Festungswerke ermöglichten. Zudem ergab sich an dieser Stelle die Unterstützungsmöglichkeit seitens der Schiffsartillerie von drei Seiten im direkten Richten. Als Nachteil erweist sich hier der begrenzte Raum für die Landezone und ein de facto frontaler Angriff, der, alleine von dieser Stelle aus geführt, wenig Erfolgsaussichten bietet. Gepaart allerdings mit einer Landung an der Verengung der Halbinsel bei Kaba Tepe, von wo aus ein Angriff über wenig kupiertes Gelände Richtung Süden auf die Ortschaft Maidos und damit in den Rücken der Engstelle bei Çanakkale erfolgen könnte, erscheint dies als eine Erfolg versprechende Möglichkeit für eine schnelle Entscheidung, da die Wegstrecken alle unter 10 km zu liegen kommen.

Eine weitere günstige Angriffsmöglichkeit bot der Isthmus von Bulair über den Golf von Saros. Zwar war hier keine direkte Feuerunterstützung durch die Schiffsartillerie möglich, aber nach einer erfolgreichen Anlandung wäre dieser schmale Streifen leicht zu halten und die Halbinsel von Osten her aufzurollen. Allerdings erweisen sich auch hier die Entfernungen von rund 40 km zu den Festungswerken in den Dardanellen als Nachteil, der jedoch durch den Umstand gemindert wird, dass auf der Halbinsel kaum Wasser vorhanden ist und durch das Abschneiden der türkischen Truppen auf Gallipoli einerseits und die Verhinderung des Nachschubes auf dem Wasserweg durch U-Boote andererseits eine frühe Kapitulation der dort eingesetzten Verbände hätte erwartet werden können.

Liman von Sanders gruppierte daher seine 5. Armee in drei Korps zu je zwei Divisionen entsprechend den beurteilten Landungszonen: 1. Besika-Bucht, Kumkale (3. u. 11. Div.), 2. Kap Helles, Kaba Tepe (9. u. 19. Div.), 3. Isthmus von Bulair (5. u. 7. Div.) als Schwergewicht, wobei die 19. Division als bewegliche Reserve bereitgehalten wurde und die zusätzliche 1. Kavalleriebrigade das Nordufer des Golfes von Saros überwachte. Dabei befanden sich unmittelbar an den Küstenabschnitten nur geringe Kräfte. Die Hauptverteidigungslinien lagen im Landesinneren, versehen mit starken beweglichen Reserven. Da diese Art der Gefechtsführung der türkischen Mentalität fremd war, begann der General mit einem umfassenden Ausbildungs- und Übungsprogramm. Zudem wurden unter deutscher Führung und dem Einsatz sogar der Matrosen von den beiden Kriegsschiffen umfangreiche Schanz- und Sperrarbeiten durchgeführt, Stolperdrähte im Wasser gespannt und durch gut getarnte und ausgebaute Stellungen überwacht. All dies war den britischen Aufklärungsdiensten nicht verborgen geblieben.10)

Die türkischen Divisionen umfassten einen Personalstand von je 10.000-12.000 Mann und waren in drei Infanterieregimenter zu je drei Bataillonen gegliedert. Als Divisionstruppen standen eine Maschinengewehrkompanie und ein Feldartillerieregiment mit zwölf leichten Geschützen, eine Aufklärungsschwadron, eine Pionierkompanie und eine Sanitätskompanie zur Verfügung. Aufklärungsflugzeuge waren nicht vorhanden, auch keine schwere Artillerie. Für die Schanzarbeiten wurden zur Unterstützung in Arbeitsbataillonen zusammengefasste Zivilisten der lokalen Bevölkerung verwendet.

Die Royal Navy greift an

Ende Jänner 1915 hatte das britische War Council auf Churchills Anraten den Entschluss gefällt, dass die Dardanellen durch einen reinen Marineangriff durchbrochen werden sollten. Dennoch forderte der Marineminister zugleich eine Verlegung von Truppen in der Stärke von 50.000 Mann in die Ägäis, um nach diesem Durchbruch vorstoßen und Konstantinopel mit dem Bosporus in Besitz nehmen zu können. Kriegsminister Kitchener lehnte diesen Plan jedoch ab und beließ es bei den Truppen in der Region (30.000 Australier), die erst eingesetzt werden dürften, wenn die Marineoperation erfolgreich abgeschlossen worden sei. Bis Mitte Februar hatten die Briten und Franzosen gemeinsam zwölf Kriegsschiffe vor den Dardanellen zusammengezogen, darunter auch die moderne Queen Elizabeth mit ihren weitreichenden 38 cm-Geschützen.

Die Beschießung der äußeren Forts Kumkale, Orhanie und Sed ul-Bahr begann am 19. Februar, sie richtete jedoch nur begrenzten Schaden bei den Verteidigern an. Das schlechte Wetter zwang zu einer Unterbrechung dieser ersten Angriffsphase, die dann am 25. Februar weiter fortgesetzt wurde. Dies zeigte Wirkung, es wurden Sprengkommandos an Land abgesetzt, die die Geschütze in den zerschossenen Forts zerstören sollten, was teilweise auch von Erfolg gekrönt war. Bei der darauffolgenden Einfahrt in die Meerenge mussten unter dem Schutz der Schlachtschiffe Minentrawler vorgeschickt werden, denen es allerdings nicht gelang, die Minenriegel zu räumen, obwohl sie vorher teilweise von der Luftaufklärung bereits erkannt worden waren. Zudem waren die Minensperren sehr gut durch die mobilen Artilleriebatterien (Haubitzen, und damit in der Lage, auch indirektes Feuer auf die ungepanzerten Schiffsdecks zu legen) überwacht. Je tiefer also die feindlichen Schiffe in die Meerenge vordrangen, desto heftiger wurde der Widerstand, und auch die Bewegungsfreiheit war hier maßgeblich eingeschränkt. Zwar gelang es den Briten, Minenriegel zu entfernen, aber nächtens wurden von den Türken wieder neue aufgezogen. Dabei kam den türkischen Minenexperten zugute, dass sie mit den Strömungsverhältnissen in den Dardanellen bestens vertraut waren. Die Kämpfe gestalteten sich für die Briten als ziemlich erfolglos, da nun auch durch den Beschuss der Küstenartillerie an den britischen Schiffen bereits schwere Schäden zu verzeichnen waren.

Ob dieser schleppenden Fortschritte begann das War Council umzudenken und hielt eine Forcierung der Marineangriffe mit Landungstruppen für erstrebenswert, um dem Durchbruchsversuch neuen Schwung zu verleihen. Allerdings würde es bis Mitte April dauern, um eine entsprechende Streitmacht vor Ort verfügbar zu haben. Der Plan wurde genehmigt - zu den in der Region befindlichen Teilen sollte noch die bestens ausgerüstete 29. Division (17.000 Mann) aus Frankreich zugeführt werden. Inzwischen sollten die Forts in der Meerenge so weit niedergekämpft werden, dass ein Durchbruch der Schiffe ins Marmarameer ermöglicht werde. Am 18. März sollte daher der Großangriff erfolgen, und man fuhr zu diesem Zweck in drei Wellen in die Dardanellen ein. Die Beschießung der Forts durch die erste Welle brachte wenig Erfolg, sodass wieder Minenräumer zum Einsatz kamen, um der zweiten und dritten Welle eine Bekämpfung der Festungen zu ermöglichen.

Allerdings hatte der türkische Minenleger Nurset bereits am 8. März ein Minenband in Fahrtrichtung ausgelegt, das bisher von den Alliierten nicht entdeckt worden war. Durch die Wendemanöver, um den Minenräumern Platz zu machen, liefen zwei französische Schiffe auf diese Sperre auf, wovon eines sofort sank. Noch immer an bloße Treibminen glaubend, begannen nun auch die anderen Schiffe Wendemanöver in derselben Richtung und wurden Opfer der Seeminen. Zudem eröffneten nun auch die Küstenbatterien in den Forts, die durch das Bombardement weitgehend unbeschädigt geblieben waren, das Feuer. Es war ein schwarzer Tag für die Angreifer, deren Operationen abgebrochen werden mussten. Von den 18 verfügbaren Schlachtschiffen waren drei gesunken, eines aufgrund der Schäden auf Grund gesetzt worden und zwei so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass sie für einen weiteren Einsatz nicht mehr verwendet werden konnten.11) Der Marineführung war nun klar geworden, dass ein Durchbruch ausschließlich mit Seestreitkräften nicht erzwungen werden könne. Die Flotte wurde zurückgezogen und für die Unterstützung der Landungsoperation vorbereitet.

Mit diesem ersten Abwehrerfolg gegen die überlegen geglaubten Alliierten wurde das türkische Selbstverständnis gewaltig gestärkt. Auch das Verhalten der anderen Balkanstaaten, die bei einem britischen Erfolg durchaus für einen Kriegseintritt zu begeistern gewesen wären, gestaltete sich von nun an zurückhaltend bis abwartend. Marineminister Churchill legte ob dieser Niederlage im Mai 1915 sein Amt zurück.

Die erste amphibische Großlandung der Geschichte

General Ian Hamilton war zum Oberkommandierenden über das Expeditionskorps ernannt worden und hatte nun die Landung an den Dardanellen zu planen. Die Zeit dafür war kurz und das ganze Unternehmen eine absolute Novität, denn eine amphibische Landung in diesen Dimensionen war bisher noch nicht durchgeführt worden. An Landungstruppen hatte der General insgesamt 75.056 Mann zur Verfügung, davon 30.638 Mann des ANZAC-Korps (Australian-New Zealand-Army-Corps), 17.649 Mann der 29. Division, 10.007 Mann der Marineinfanteriedivision und 16.762 Mann des französischen Kontingents.12) Das war zwar eine schöne Streitmacht, doch niemand hatte den tatsächlichen Bedarf für eine Landung berechnet, sondern der Generalstab in London betrachtete die Truppen als ausreichend. Zudem wurde der Kampfwert der türkischen Soldaten schwer unterschätzt und mit demjenigen von angelernten Kolonialtruppen gleichgesetzt. So rechnete nicht nur Hamilton mit der Flucht der türkischen Truppen nach den ersten Beschießungen der Stellungen durch die Schiffsgeschütze.

Der Plan des Generals war einfach: Als Landezone wurde Gallipoli festgelegt, und zwar sollte die 29. Division die Hauptlast des Angriffes tragen und diesen vom Kap Helles her auf die Bergrücken Richtung Osten vortragen. Gleichzeitig sollte das ANZAC-Korps in Kaba Tepe anlanden und einen Stoß in Richtung der Dardanellenengstelle führen. Hamilton hatte also dem Vorteil der kurzen Distanz zu den Angriffszielen den Vorzug gegeben. Dieser Entscheidung lag auch der Gedanke zugrunde, dass das Überraschungsmoment für eine solche Operation bereits weggefallen war, da die gegnerische Seite mit einer Landung seit Jahresbeginn gerechnet und deswegen massive Verteidigungsvorbereitungen unternommen hatte. Ziel war es daher, mit Unterstützung der schweren Schiffsartillerie rasch anzulanden und mit einem auf möglichst kurzer Sehne vorgetragenen Angriff die türkischen Verteidigungsstellungen zu überrennen, um zunächst einen soliden Brückenkopf zu schaffen. Zur Ablenkung der Verteidigung und der Verhinderung möglicher Gegenangriffe sollte die Marineinfanterie einen Scheinangriff auf den Isthmus von Bulair führen sowie das französische Kontingent in der Besika-Bucht und bei Kumkale anlanden. Nach der erfolgreichen Landung auf Gallipoli sollten diese Teile abgezogen werden und den weiteren Angriff auf der Halbinsel nähren. Als Landungstag wurde der 25. April festgelegt.

Die Landungen erfolgten in den Morgenstunden. Der Scheinangriff gegen den Isthmus von Bulair wurde so zögerlich vorgetragen, dass er als solcher erkannt wurde. Die Landung bei Kap Helles brachte den Briten schwere Verluste, da sie exakt vor den hervorragend ausgebauten Verteidigungsstellungen der türkischen Maschinengewehrnester erfolgte. Es gelang zunächst lediglich einen schmalen Landstreifen in Besitz zu nehmen. Die Landung des ANZAC-Korps bei Kaba Tepe verlief nicht planmäßig, da die Truppen während der Nacht weiter östlich bei Ari Burnu ausgeladen wurden. Allerdings konnten sie hier aufgrund der türkischen Unterlegenheit erste Geländegewinne erzielen, ein Durchbruch durch die türkischen Stellungen gelang allerdings nicht. Auf der asiatischen Seite gelang dem französischen Kontingent die Landung, mangels weiterer Angriffsziele und des Bedarfs an Truppen auf Gallipoli wurden die Franzosen einen Tag später ohne große Verluste wieder abgezogen. Somit waren als erstes Ergebnis die Landungsoperationen zwar geglückt, aber vom Erreichen der Angriffsziele waren die Truppen weit entfernt.

Die in den darauffolgenden Tagen einsetzenden Gegenangriffe der türkischen 5. Armee vermochten jedoch nicht, die angelandeten Truppen ins Meer zurückzutreiben. Die Monate Mai und Juni waren von weiteren Angriffen und Gegenangriffen geprägt, bis sich schließlich ein Stellungskrieg, ähnlich dem an der europäischen Westfront, etablierte. Während der Landungsabschnitt des ANZAC-Korps relativ überschaubar geblieben war, weiteten die Briten im Süden durch die Heranführung weiterer Truppen ihren Brückenkopf aus, scheiterten aber mit ihrer Taktik des Frontalangriffes letztendlich immer vor der Ortschaft Krithia, die zu einer effizienten Verteidigungsstellung ausgebaut worden war. Dies lag auch an der sturen Haltung des Abschnittskommandanten im Landungsbereich von Kap Helles, General Hunter-Weston, der seine Truppen ohne jegliche Artillerieunterstützung immer wieder frontal gegen die türkischen Linien anrennen ließ - ohne Erfolg. Letztendlich wurde er im Juli 1915 seines Kommandos enthoben.

Zusätzlich hatte sich ein deutsches U-Boot durch die feindlichen Linien in die Ägäis verschoben und versenkte im Mai zwei britische Kriegsschiffe, die nichtsahnend über diese Gefahr den Landungstruppen Artillerieunterstützung feuerten. Auch dieser Umstand trug zu einer Abnahme der Angriffe seitens der Briten bei, da sie nun nicht mehr unbedarft in den Gewässern vor den Dardanellen operieren konnten. Im Juli war dann die Front auf Gallipoli erstarrt.

Die türkischen Stellungen hatten trotz schwerster Verluste gegen diesen britischen Angriff standgehalten, es war den Türken allerdings nicht gelungen, die Briten aus den Landungsköpfen hinauszuwerfen - dafür hatte Liman von Sanders zu wenig Kräfte. Allerdings hätten ausreichend Kräfte zur Verfügung gestanden, die als
1. Armee zum Schutz von Konstantinopel aufgestellt waren. Nur jeweils anlassbezogen gewährte Enver Pascha die eine oder andere Division als Verstärkung an die Gallipoli-Front zu entsenden. Hieran knüpft sich die Kritik aus der Nachbetrachtung, die dieses Vorgehen als den größten strategischen Fehler sieht, denn: „Had he sent six to eight divisions immediately from the massive force pool then held in Thrace in the late spring of 1915, these could have had a dramatic effect on the Ottoman attacks in phase three of the campaign - possibly leading to the destruction of the Anzac and Cape Helles bridgeheads.“ 13) Aus der alleinigen Betrachtung des Operationsraums Gallipoli ist diese Feststellung richtig, denn ein wuchtig vorgetragener Gegenangriff mit ausreichenden Truppen hätte wahrscheinlich die Zerschlagung der britischen Landungsoperation ermöglicht. Allerdings war das zögerliche Verhalten Enver Paschas nicht auf eine militärstrategische Fehlbeurteilung zurückzuführen, sondern vielmehr auf den Umstand, dass er einerseits eine russische Landungsoperation am Bosporus als Zangenangriff zur Öffnung der Meerengen erwartete und andererseits damit rechnen konnte, dass Bulgarien in den Krieg gegen die Mittelmächte eintreten könnte und von Norden her entweder gegen Konstantinopel oder aber gegen Gallipoli für einen Angriff zu haben wäre. Beides hatte nicht stattgefunden - die Russen hatten für eine umfangreiche Operation keine Truppen zur Verfügung, und Bulgarien verhielt sich weiter abwartend, bis es letztendlich im Oktober 1915 in den Krieg auf Seiten der Mittelmächte eintrat. Beides aber konnte Enver Pascha nicht vorausahnen. Dennoch stellt sich die Frage, ob in einer derart kritischen Situation nicht mehr Risikobereitschaft, im Sinne des Alles-auf-eine-Karte-Setzens, notwendig gewesen wäre, um Gallipoli rasch zurückzuerobern und die Truppen für weitere Operationen frei zu bekommen, anstatt sie im langwierigen Stellungskrieg auf der Halbinsel zu binden.

Die August-Offensive

Da die Türkei keine Landverbindung zu den anderen Verbündeten hatte, stellte die Versorgung mit schwerer Munition und Waffenersatzteilen mit der Fortdauer des Krieges eine besondere Belastung für die Gallipoli-Front dar, während der britische Nachschub ohne größere Umstände durchgehend gewährleistet werden konnte. Dennoch war den Briten klar, dass ein Stellungskrieg auf Gallipoli zwar feindliche Kräfte binden, aber eine Öffnung der Meerengen und eine Unterstützung des - logistisch vor ähnliche Probleme wie die Türkei gestellten - russischen Bündnispartners dadurch nicht erreicht werden könne. Man war daher bestrebt, die Front so schnell wie möglich wieder in Bewegung zu setzen. General Hamilton hatte erkannt, dass Krithia, das bisherige schwergewichtsmäßige Angriffsziel, aus dem Brückenkopf Kap Helles nicht zu nehmen war. Er verlegte daher sein Schwergewicht auf den kleinen ANZAC-Brückenkopf bei Ari Burnu. In der Nacht zum 6. August ließ er dort hinein 20.000 Mann verdeckt einfließen.

Sein Plan war folgender: Der ANZAC-Brückenkopf sollte nach Osten und Norden hin ausgeweitet werden, sodass die beherrschenden Höhen in seinen Besitz kamen. Zeitlich kurz nachgestaffelt sollten etwa 5 km nördlich von Ari Burnu in der Suvla-Bucht zwei Divisionen angelandet werden mit dem Auftrag, nach Osten anzugreifen und als erstes Angriffsziel die etwa 6 km landeinwärts gelegenen beherrschenden Höhen zu nehmen. Gleichzeitig sollte im Süden noch einmal ein Frontalangriff auf Krithia aus dem Kap Helles-Brückenkopf geführt werden, um dort Truppen zu binden und die wahre Angriffsabsicht zu verschleiern. Dieser Angriff verursachte enorme Verluste, sodass er alsbald eingestellt werden musste und weder verhinderte, dass Truppen nach Norden abgezogen würden, noch den Angriff aus dem ANZAC-Brückenkopf unterstützte.

Aber auch dieser Angriff aus Ari Burnu heraus wurde, beginnend in den Morgenstunden des 6. August, nur zögerlich vorgetragen und erreichte seine Angriffsziele nicht. Die gut ausgebauten türkischen Stellungen und die unmittelbar durchgeführten Gegenangriffe ließen diesen Ausbruchsversuch scheitern. Am 10. August waren alle Höhenrücken wieder fest in türkischer Hand, das ANZAC-Korps hatte 12.500 Mann verloren, also etwa 33% seiner Gesamtstärke.

Am 6. August waren 20.000 Mann ohne Schwierigkeiten in der Suvla-Bucht gelandet, es handelte sich um die 10. und 11. Division, beide mit kaum Kriegserfahrung. Dasselbe betraf auch den Kommandierenden in diesem Abschnitt, General Stopford, und die Divisionskommandanten. Auf türkischer Seite lag den Briten im gesamten Abschnitt unter der Führung eines deutschen Majors lediglich eine Kampfgruppe mit einem Infanteriebataillon, zwei Gendarmeriebataillonen und einer Artillerieabteilung, insgesamt rund 2.000 Mann, gegenüber. Die Anlandung war zwar gelungen, gestaltete sich aber chaotisch, und es bedurfte daher eines wertvollen Tages, bis die Truppen soweit für einen Angriff geordnet waren. Die Angriffe begannen erst am 8. August. Inzwischen hatten die Türken bereits massive Verstärkungen herangeführt. Die nun bis zum 9. August hin zögerlich vorgetragenen Angriffe blieben im Ansatz stecken, zusätzlich wurde aufgrund eines Koordinierungsfehlers eine Schlüsselstellung, der so genannte Scimitar-Hügel, geräumt und sofort von den Türken besetzt. General Stopford ließ die Angriffe abbrechen und die Truppen in der Suvla-Bucht eingraben. Aufgrund dieser Vorgangsweise und der zutage getretenen Unfähigkeit, eine solche Operation erfolgreich zu führen, ließ der Oberkommandierende, General Hamilton, Stopford und die Divisionskommandanten ablösen, zu spät allerdings, um einen neuerlichen Angriff gegen die nunmehr verteidigungsbereiten Türken durchführen zu können.

Spätestens ab Ende August war die Front wieder erstarrt, die Briten hatten zwar einen Brückenkopf mehr errichtet, aber alle ihre Angriffsziele nicht erreicht. Diese neuerlichen verlustreichen Kämpfe hatten bei den Briten die Frage aufkommen lassen, ob Gallipoli nicht überhaupt geräumt werden sollte, um Truppen für andere Frontabschnitte freizubekommen. Aber es setzte sich zunächst die Meinung durch, dass die Türken militärisch ohnehin am Ende seien und ein Durchbruch in den Wintermonaten erfolgen könnte, da die kalten Witterungsbedingungen die britische Kampfführung unterstützen würden. Außerdem sprach sich General Hamilton gegen eine Räumung aus, die seiner Meinung nach in einer Katastrophe für die Truppen (Verluste von bis zu 40.000 Mann) hätte enden müssen. Allerdings hatte die abgewehrte August-Offensive auch strategische Bedeutung erhalten: Die Absicht, die Balkanstaaten auf Seiten der Entente in den Krieg zu bringen, war endgültig gescheitert; Griechenland und Rumänien blieben weiterhin neutral, Bulgarien trat am 11. Oktober auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg ein. Die Türkei hatte daher keinen Angriff mehr von Norden her zu befürchten und bekam Truppen frei, die russische Panslawismus-Idee war mit diesem Akt endgültig ad absurdum, geführt und durch die Eroberung Serbiens entstand die seit Langem ersehnte Landbrücke zwischen den Mittelmächten, weshalb nun auch der Nachschub mit dringend benötigten Ersatzteilen und Munition aus dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn anzulaufen begann. Dies führte sogar dazu, dass Österreich-Ungarn eine 24 cm Mörserbatterie und eine 15 cm Haubitzenbatterie samt Mannschaften zur Unterstützung entsandte, die ab November 1915 im Rahmen der 5. türkischen Armee gegen die britischen Brückenköpfe zum Einsatz kamen.14)

Die Räumung der Halbinsel

Im Oktober 1915 wurde General Hamilton nach England zurückberufen und durch General Monro ersetzt. Auch an Kriegsminister Kitchener waren in London Zweifel aufgekommen. Dieser wollte von seinen militärischen Fachleuten Entscheidungsgrundlagen geliefert bekommen, ob die Gallipoli-Front nun neuerdings forciert oder geräumt werden solle. Monro, der den Hauptkriegsschauplatz und daher die Entscheidung in Europa sah, beurteilte nach einer Besichtigung der Halbinsel die Lage anders als die Kommandierenden vor Ort und empfahl London die Evakuierung, wobei er ähnlich wie Hamilton hohe Verlustzahlen von 30% bis 40% in den Raum stellte. Nun bereiste Kitchener höchstpersönlich den Operationsraum, um sich ein Bild zu machen. Er kam zu dem Schluss, dass die Truppen zwar halten könnten, aber ohne massive Verstärkungen keine Bewegung mehr möglich sei. Zudem hatten die Alliierten mit dem Kriegseintritt Bulgariens bei Saloniki eine neue Front eröffnet, sodass mit Verstärkungen für Gallipoli vorerst nicht zu rechnen war. Außerdem hatte er die Verluste mit rund 25.000 Mann weit geringer beurteilt als seine Generäle zuvor. Kitchener empfahl daher am 22. November dem Kabinett die Evakuierung des Suvla- und ANZAC-Brückenkopfes; der von Kap Helles sollte vorerst gehalten werden. Da jedoch die Truppen dringend an der Saloniki-Front benötigt wurden, erging Anfang Dezember die Weisung zur Räumung der gesamten Gallipoli-Front.

„Insgesamt mussten rund 134.000 Männer, 14.000 Tiere und fast 400 Geschütze insgeheim abtransportiert werden. In Suvla waren es 50.800 Mann, 3.000 Tiere und 91 Kanonen. Bei Anzacs lauteten die entsprechenden Zahlen 41.300 Mann, 2.368 Tiere und 105 Geschütze. Vom Kap Helles mussten 42.638 Franzosen und Briten, 9.219 Tiere und 197 Kanonen evakuiert werden. Die unbemerkte Loslösung vom Feind war teilweise extrem schwierig, da die Gräben oft weniger als 10 Meter voneinander entfernt waren. Die Strände, von denen aus sich die Truppen einschiffen sollten, lagen im Bereich der türkischen Artillerie. Außerdem wurden immer wieder deutsche U-Boote in den Gewässern gesichtet, und es war mit heftigen Winterstürmen zu rechnen. Die kleinen Transportschiffe hatten schon bei mäßigem Seegang Probleme.“ 15)

Die Evakuierung begann mit den Brückenköpfen des ANZAC-Korps und in der Suvla-Bucht am 8. Dezember. Sie gestaltete sich als militärische Meisterleitung in der Planung und auch in der Umsetzung. Sorgfältig und Zug um Zug waren, ohne dass die Türken es bemerkten, die Reihen ausgedünnt und in den Nächten abtransportiert worden. Allerdings blieb eine große Menge an Versorgungsgütern zurück, die dem Gegner in die Hände fiel; alle Tiere, die man nicht mehr verschiffen konnte, hatten die Briten angepflockt und zu Hunderten getötet.

Die Evakuierung war auch im Brückenkopf auf Kap Helles angelaufen, doch hier bemerkten die Türken rasch den Abzug der Artilleriegeschütze, weshalb am 7. Jänner die 12. türkische Division zum Angriff antrat. Allerdings wehrten sich die noch verbliebenen Briten mit aller Kraft, und der Angriff wurde abgeschlagen. Am 9. Jänner 1916 war die Evakuierung abgeschlossen, der türkischen Mentalität entsprach es auch nicht, einem quasi fliehenden Feind nachzustoßen und dafür noch Kräfte zu opfern, daher ging die gesamte Räumungsoperation mit äußerst geringen Verlusten vonstatten. Allerdings wurde auch im Brückenkopf Kap Helles große Beute gemacht. Das Gelingen dieser letzten Phase der Gallipoli-Kämpfe wird v.a. in der angelsächsischen Literatur gerne hervorgestrichen, wohl um die vorangegangenen Fehlleistungen etwas zuzudecken und die gänzliche Niederlage der Alliierten gegen einen als „minderwertig“16) betrachteten Feind entsprechend auszugleichen.

Schlussbetrachtungen

Die alliierte Niederlage an den Dardanellen bewirkte für die Mittelmächte und v.a. für das Osmanische Reich und alle seine Völker einen unglaublichen Motivationsschub, der sich dann für alle weiteren Operationen im Nahen Osten erfolgreich auswirkte. Aus den Kämpfen um Gallipoli ging auch der Kommandant der 19. türkischen Division als Held hervor, der mehrmals sowohl während der ersten Landungsoperationen als auch im Rahmen der August-Offensive heikle Situationen gemeistert hatte und im Gegensatz zu vielen seiner türkischen Offizierskameraden das moderne westliche Militärhandwerk sehr gut beherrschte. Dieser Kemal Pascha sollte nach dem Krieg als „Atatürk“ die neue Türkei gründen und eine laizistische Republik nach französischem Vorbild errichten.

Für das britische Selbstverständnis war diese Niederlage desaströs und führte zum Sturz der Regierung Asquith. Aus strategischer Sicht waren nun die kurzen Versorgungslinien für das Empire über den Suezkanal und das Rote Meer bedroht. Dem Bündnispartner Russland blieben nur mehr die Versorgungswege über Persien offen, die aber unwegsam und durch den türkischen Sieg über das britische Expeditionskorps 1916 in Mesopotamien bei Kut-al-Amara im heutigen Irak ebenfalls gefährdet waren. Schließlich dauerte es für die Briten noch bis 1918, also bis zur Kapitulation der Mittelmächte, dass sie in den arabischen Gebieten und in Palästina einmarschieren konnten. Für die Truppen aus den Dominions Australien und Neuseeland war dies überhaupt der erste große Kriegseinsatz gewesen. Aufgrund dieser Umstände und der hohen Verlustzahlen wird noch heute im Gedenken an dieses Ereignis am 25. April, also am ersten Tag der Anlandung auf Gallipoli, der ANZAC-Day gefeiert.

Hinsichtlich der Verlustzahlen insgesamt gibt es unterschiedliche Angaben. So spricht Wolf von 44.000 Gefallenen und 97.000 Verwundeten oder Erkrankten auf alliierter Seite und knapp 56.000 Gefallenen und ca. 140.000 Verwundeten und Erkrankten auf Seiten der Mittelmächte.17) Carver hingegen beziffert höher: „The British Empire casualties of the campaign totalled 37,000 dead and 83,000 wounded and sick. Of the dead, 25,200 came from Great Britain or Ireland, 7,300 from Australia, 2,400 from New Zealand, 1,700 from India and 22 from Newfoundland. The French lost 47,000 killed and wounded. The Turks are believed to have lost 350,000 killed and wounded.“ 18)

Aus militärstrategischer Sicht ist der Kriegsschauplatz Gallipoli nicht als eine Nebenfront zu bezeichnen, wie dies im Vergleich mit den Kämpfen in Frankreich gerne dargestellt wird. Vielmehr handelt es sich im einen wichtigen Frontabschnitt, der über 20 Monate hindurch wesentliche Teile der britischen Marine in der Ägäis band. Und zudem waren rund 200.000 Mann alliierte Truppen unmittelbar auf dem Kriegsschauplatz gebunden gewesen. Für die Kriegführung der Mittelmächte in Europa und v.a. auch auf dem Atlantik hatte diese Front daher eine Entlastung bedeutet. Zudem konnte durch das tapfere Standhalten der türkischen Truppen Bulgarien für den Kriegseintritt auf Seiten der Mittelmächte gewonnen werden, was die strategisch-politische panslawische Achse zwischen Russland und den Balkanstaaten zerschlug.

In der Einschätzung der gegnerischen Truppen wurden durch die Briten schwere Beurteilungsfehler begangen. Man nahm an, dass die türkischen Soldaten bereits bei den ersten Angriffen in die Flucht geschlagen werden könnten. Es wurde aber vergessen, dass die Türken mit dem Rücken zur Wand um ihre Heimat kämpften. Hinzu kam noch der religiöse Faktor, denn für einen im Heiligen Krieg befindlichen Moslem bedeutet der Tod auf dem Schlachtfeld das sofortige Aufsteigen in die höchsten Himmelssphären. Die türkischen Soldaten scheuten daher den Tod nicht. Ein zusätzlicher wesentlicher Erfolgsfaktor war, dass die deutsche Militärmission in der kurzen Zeit unter General Liman von Sanders eine sehr gute Arbeit bei der Ausbildung der Offiziere in der taktischen Gefechtsführung und im operativen Denken geleistet hatte, wodurch die Führungsqualität der türkischen Offiziere erheblich verbessert werden konnte. Auch die effiziente Organisation der Dardanellen-Verteidigung durch die deutschen Kommandanten, wie Admiral von Usedom in der Meerenge, Admiral Souchon mit den Kriegsschiffen und General Liman von Sanders mit seiner 5. Armee, die die Hauptlast der Kämpfe zu bewältigen hatte, wurde von den Briten gröblich unterschätzt. Die ersten Operationen der britischen Marine hatten mehr unter dem Einfluss politischer Figuren, wie etwa Winston Churchill, gestanden, als auf der Meinung von Fachexperten basierend, was nicht zum Erfolg beitrug. Das Landeunternehmen war wenig sorgfältig vorbereitet worden, und der Überraschungseffekt war mit der ersten Beschießung der Sperrforts im November 1914 dahin. Liman von Sanders hatte dann bis zum April Zeit gehabt, die Sperren und Befestigungen entsprechend ausbauen zu lassen und mit den Truppen den Abwehrkampf vorzuüben.

Daher scheiterten auch die nach der Anlandung erfolgten Angriffe ins Landesinnere durchwegs, und die Briten blieben vorerst auf das Halten kleiner Brückenköpfe beschränkt. Hinsichtlich der Gefechtsführung konzentrierten sich die Briten auf die verlustreichen Frontalangriffe, die ohne entsprechende Artillerieunterstützung keine Aussicht auf Erfolg zeitigten. Die Schiffsartillerie war jedoch zu dieser unmittelbaren und präzisen Feuerunterstützung nicht in der Lage. Dennoch wich man nicht von dieser Taktik ab, was auch auf den Umstand zurückzuführen ist, dass die Truppen mit Masse über keine Kampferfahrung und nur sehr kurzfristig angelegte Ausbildungen verfügten. Großbritannien hatte in Friedenszeiten keine Wehrpflichtigenarmee, weshalb nur geringe ausgebildete Reserven zur Verfügung gestanden hatten. Die Führung komplizierterer Angriffstechniken stellte daher auch die frisch ausgebildeten Offiziere vor erhebliche Probleme. Die kommandierenden Offiziere auf Divisionsebene und höher erwiesen sich zum Teil als unfähig und gingen mit jener Präpotenz ans Werk, die sie in den Kriegen gegen Kolonialvölker entwickelt hatten, da deren rasche Niederwerfung aufgrund des technischen Ungleichgewichts zu solchen Überheblichkeiten verleitete.

Im türkischen Soldaten hatte man sich gewaltig verschätzt, weswegen dieser Kriegsschauplatz auch noch heute gerne kleingeredet wird. Der türkische Nationalstolz über diesen Sieg sieht es bis heute nicht gerne, dass die türkisch-deutsche Waffenbrüderschaft wesentlich zum Erfolg beigetragen hat. Auch in Deutschland selbst wurden die Helden von Gallipoli aus unerfindlichen Gründen nicht gebührend gewürdigt; dies mag auch der Grund sein, dass v.a. im deutschsprachigen Raum dieser wichtige Frontabschnitt des Ersten Weltkrieges und damit die erste große amphibische Landungsoperation der Weltgeschichte der Vergessenheit anheimgefallen zu sein scheint.


ANMERKUNGEN:

1) In der deutschsprachigen Literatur sind im letzten Jahrzehnt zwei Bücher zu diesem Thema erschienen, die dem geneigten Leser als hervorragende Ausarbeitungen zu empfehlen sind: Zunächst Heinz A. Richter: Der Krieg im Südosten, Band 1, Gallipoli 1915, Ruhpolding 2013 sowie Klaus Wolf: Gallipoli 1915, Das deutsch-türkische Militärbündnis im Ersten Weltkrieg, Bonn 2008.

2) „... began negotiating a secret defence treaty by which Germany undertook to defend Ottoman territory if it were threatened, while Turkey undertook to remain neutral unless Germany was forced into war by the obligations of her treaty with Austria.“ Lord Carver, Field Marshal: The Turkish Front 1914-1918, London 2003, S.5.

3) Heinz A. Richter: Der Krieg im Südosten, Band 1, Gallipoli 1915, Ruhpolding 2013, S.36.

4) Peter Jung: Der k.u.k. Wüstenkrieg. Graz 1992, S.20f.

5) Klaus Kreiser: Atatürk. München 2008, S.77.

6) Edward J. Erickson: Gallipoli, the Ottoman campaign. Barnsley 2015, S.40.

7) „In any case, the Turkish general staff believed that approximately 1,000,000 men and 210,000 animals were easily available for recall and that, immediately upon full mobilization, the field army would have an effective strength of 460,000 men, 14,500 officers, and 160,000 animals. To this must be added the heavily armed and trained Jandarma of 43,000 men (25,000 gendarmes, 12,000 frontier guards, and 6,000 mule-mobile troops). Altogether, Turkey planned to field about 500,000 men in mobile operational units, the remainder serving in fortress commands, coastal defenses, garrisons, and in lines of communications duties.“ Edward J. Erickson: Turkey prepares for war 1913-1914, http://www.worldwar1.com/neareast/ta.htm, abgerufen am 5. August 2015.

8) „Der im März 1911 bei Blohm & Voss in Hamburg vom Stapel gelaufene Panzerkreuzer Goeben hatte eine Wasserverdrängung von 23.000 t und eine Bewaffnung von zehn 28 cm, zwölf 15 cm, zwölf 8,8 cm Kanonen und vier Torpedorohren. Seine Spitzengeschwindigkeit betrug aufgrund ihres 86.000 PS starken Antriebes fast 29 kn (52 km/h); er hatte 1.013 Mann Besatzung. [...] Die in der Vulkan-Werft in Stettin gebaute Breslau lief im Mai 1911 vom Stapel. Sie hatte eine Wasserverdrängung von 4.550 t. Ihre Bewaffnung bestand aus zwölf 10,5 cm und zwei Torpedorohren. Ihre Geschwindigkeit betrug 27,6 kn. Ihr Antrieb hatte 25.000 PS. Sie war 136 m lang und hatte 373 Mann Besatzung.“ Heinz A. Richter: Der Krieg im Südosten, Band 1, Gallipoli 1915, Ruhpolding 2013, S.52.

9) Vgl.: Bernd Langensiepen, Dirk Nottelmann, Jochen Krüsmann: Halbmond und Kaiseradler, Goeben und Breslau am Bosporus 1914-1918. Hamburg 1999, S.13.

10) Vgl.: Klaus Wolf: Gallipoli 1915, Das deutsch-türkische Militärbündnis im Ersten Weltkrieg, Bonn 2008, S.98-103.

11) Vgl.: Heinz A. Richter: Der Krieg im Südosten, Band 1, Gallipoli 1915, Ruhpolding 2013, S.107-125.

12) Vgl.: ebenda S.137.

13) Edward J. Erickson: Gallipoli, the Ottaman campaign. Barnsley 2015, S.91.

14) Peter Jung: Der k.u.k. Wüstenkrieg. Graz 1992, S.38-40.

15) Heinz A. Richter: Der Krieg im Südosten, Band 1, Gallipoli 1915, Ruhpolding 2013, S.251.

16) David Nicolle: Die Osmanen, 600 Jahre islamisches Weltreich. Wien 2008, S.175.

17) Klaus Wolf: Gallipoli 1915, Das deutsch-türkische Militärbündnis im Ersten Weltkrieg, Bonn 2008, S.195.

18) Lord Carver, Field Marshal: The Turkish Front 1914-1918, London 2003, S.101.