Grenzen kriegsgeschichtlicher Beispiele - die Schlacht von Marathon

Karoline Resch

 

Vorbemerkungen

In einem militärischen Umfeld muss die Geschichtswissenschaft - neben anderen Bereichen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Krieg“ - dazu dienen, im weitesten Sinn die Voraussetzungen und Grundlagen für die Erfüllung der Aufträge zu schaffen, und soll nicht zum Selbstzweck betrieben werden. In der frühen Auseinandersetzung mit Militärgeschichte als Ereignisgeschichte - im Zuge des Aufkommens der Militärwissenschaften im 19. Jahrhundert - wurde dieser Zweck erfüllt, indem versucht wurde, durch eine möglichst genaue Rekonstruktion von Schlachtabläufen allgemeine militärische Grundsätze zu erschließen. Dabei war Kriegsgeschichte als Geschichte des Militärs oft eine Angelegenheit des Militärs. Erst mit der Übernahme in die allgemeine Geschichte unter Federführung von Hans Delbrück gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Militärischen auch durch Historiker.[1]) Ein allgemeines Interesse an kriegerischen Ereignissen (v.a. der Antike: Perserkriege, Alexanders Eroberungszug im Osten, Caesars Gallienfeldzug etc.) war zwar bereits zuvor prinzipiell gegeben gewesen, die Kriegsgeschichte galt dennoch für längere Zeit als ein Stiefkind der Geschichtswissenschaft.[2])

Trotz der zunehmenden Beschäftigung mit dem Phänomen „Krieg“ auch durch zivile Historiker und der Übernahme in die allgemeine Geschichte lag das Schwergewicht bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts weiterhin häufig auf einer Rekonstruktion der einzelnen Phasen von Schlachten. Für diese Forschungsrichtung kann für die Antike das Werk „Antike Schlachtfelder. Bausteine zu einer antiken Kriegsgeschichte“ als beispielhaft gelten. Hier dienten topographische Studien der Schlachtfelder mit der Bedingung der Autopsie - wie bereits der Titel erkennen lässt - als Grundlage einer Kriegsgeschichte des Altertums. Mit diesem Werk und ähnlichen Arbeiten legten Johannes Kromayer (1859-1934), ein Leipziger Professor der Alten Geschichte, und Georg Veith (1875-1925), ein Oberst der k.u.k. Armee, die Grundlagen für Forschungen in vielen Bereichen der antiken Kriegsgeschichte.[3]) Einflussreich, v.a. bei Militärs, war daneben auch die Forschungsrichtung Hans Delbrücks[4]) (1848-1929), der in der Auseinandersetzung mit Kromayer und Veith in der Rekonstruktion nicht nur antiker Schlachten von modernen Ansätzen im Bereich Kraft, Zeit und Raum ausging und damit teilweise versuchte, die Schilderungen der Quellen zu widerlegen. Dabei handelte es sich um den so genannten Ansatz der Sachkritik. Die Problematik dieses Ansatzes war, wie bereits früh erkannt wurde, dass damit - trotz der Verwendung von Analogien - nur eine Negation, aber keine Untermauerung positiver Ergebnisse möglich war.[5])

Viel zu wenig wurde berücksichtigt, dass man in der Antike von anderen Grundvoraussetzungen ausgehen muss. Es gab ein anderes Technikniveau, das dem antiken Feldherrn gar nicht die Möglichkeiten gegeben hätte, manche als vermeintlich universell erkannte Grundsätze anzuwenden. Es wäre z.B. falsch, den Einsatz der antiken Fernwaffen aufgrund technischer Möglichkeiten (Reichweite etc.) nach modernen Maßstäben zu beurteilen. Andererseits wäre es auch falsch, von einem Technikniveau auf einen bestimmten Einsatz zu schließen. Gewisse Verhaltensweisen waren aufgrund von Vorgaben, die aus Bereichen außerhalb des Militärischen - aus Vorgaben richtigen Handelns für einen (athenischen) Aristokraten - stammten, zwar für den Verlauf einer einzelnen Schlacht negativ, wurden aber über längere Zeit hinweg nicht in Frage gestellt. So war es lange undenkbar, dass der Feldherr mit Beginn der Schlacht nicht in die Schlachtreihe (Phalanx) integriert war und nicht die Aufgabe des Kämpfers wahrnahm. Das führte in der Schlacht von Marathon (490 v. Chr.) dazu, dass gerade die Gruppe der Kommandanten besonders hohe Verluste aufwies. In der antiken Literatur des vierten vorchristlichen Jahrhunderts beginnt ein Richtungsstreit über die Rolle und damit den Platz des Feldherrn.[6]) Dabei wurde von manchen Autoren argumentiert, dass der Nachteil eines möglichen Todes des Feldherrn den Vorteil der Stärkung der Moral der Soldaten durch die Sichtbarkeit des Feldherrn aufwog.[7]) Bei Polybios im zweiten Jahrhundert v. Chr. findet man noch Spuren davon. Er neigte bereits klar zu einer Verurteilung von Feldherrn, die sich unnötigen Risiken ausgesetzt hatten.[8])

Weiters erscheinen religiöse Vorgaben heutzutage hinderlich, zur damaligen Zeit wurden sie aber nicht weiter diskutiert, da sie als Norm angesehen wurden. So verzögerte sich der Gegenangriff der Spartaner in der Schlacht von Plataiai im Jahr 479 v. Chr., da die Tieropfer für einen günstigen Schlachtverlauf zuerst nicht in der erwünschten Form ausfielen.[9]) Im Zusammenhang mit der Schlacht von Marathon wurden die Spartaner durch religiöse Tabus daran gehindert, rechtzeitig vor dem Beginn der Schlacht einzutreffen.[10]) Auch wenn die Religion nicht immer so starken Einfluss hatte, muss man sich bewusst machen, dass außermilitärische Faktoren einzurechnen sind. Diese Beispiele sollen als Warnung dienen, dass allein aufgrund von technischen Möglichkeiten und lokalen Gegebenheiten noch keine Rückschlüsse auf tatsächliches Verhalten oder tatsächliche Abläufe gezogen werden können.

Davon unbeeindruckt wurden die Rekonstruktionen von Schlachten im 19. Jahrhundert dennoch dazu benutzt, allgemeine Grundsätze aufzustellen. Diese allgemeinen Grundsätze wurden wiederum verwendet, um anhand antiker Schilderungen von Schlachten vorbildlicher Feldherrn, wie z.B. Alexander III. (der Große) und C. Iulius Caesar, bestimmte Schlachtverläufe zu postulieren. Ein einfaches Übertragen allein kann nicht funktionieren. Unter Berücksichtigung der Unterschiede können dennoch Prinzipien erkannt werden, die nutzbar sind. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es zwar allgemein richtig ist, dass die Einhaltung gewisser Grundsätze eher zum Erfolg führte. Damit ist jedoch noch nicht gesagt, dass der Erfolg deshalb eintrat, weil diese Grundsätze tatsächlich eingehalten wurden. Eine solche Annahme birgt verständlicherweise methodische Probleme in sich und muss vermieden werden.

 

Probleme der Quellenkritik für antike Schlachten

Wie ein Althistoriker einmal treffend bemerkte, war „an ancient battle [...] a process of entropy: the decay of organization under the impact of violence.“ [11]) Durch die Dynamik des Geschehens müssen viele Versuche der Erschließung eines solchen Ereignisses bereits im Ansatz scheitern. Daneben ergeben sich in der Aufarbeitung antiker Quellen zum Zweck der Rekonstruktion von Schlachten vorrangig zwei Problemfelder. Erstens folgten die Schlachtbeschreibungen antiker Schriftsteller meist literarischen Kriterien. Die Historiographie war eine literarische Gattung, weshalb es auch falsch wäre anzunehmen, dass der antike Autor vorrangig den tatsächlichen Verlauf einer Schlacht schildern wollte. Er wollte vielmehr unterhalten und auch belehren. Dazu war es nicht notwendig, sich allzu sehr in ein enges faktisches Korsett zwängen zu lassen.[12]) Deshalb ist auch nicht auszuschließen, dass der zeitliche Ablauf einer Schlacht in der Beschreibung nicht stringent eingehalten wurde, da stilistische Vorgaben dagegen sprachen. Zweitens waren die antiken Autoren teilweise von den Ereignissen, die Gegenstand ihrer Werke waren, auch wenn sie diese als in die Gegenwart wirkend verstanden, zeitlich getrennt. So schrieb Herodot, der Historiograph der Perserkriege, sein Werk ab den 40er-Jahren des 5. Jahrhunderts, als die meisten Ereignisse, die in diesem Werk geschildert werden, bereits ein bis zwei Generationen zurücklagen und die Erinnerung an diese bereits unbewusst, wie auch bewusst umgeformt worden war. Seine Möglichkeiten, Informationen über die Ereignisse zu erhalten, waren zwar vielfältig, gingen aber letztlich auf mehr oder weniger verlässliche, mündlich überlieferte Aussagen zurück. Augenzeugenberichte von Schlachten bereits in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Geschehen gelten allgemein als notorisch unzuverlässig.[13])

Um die methodischen Probleme der Rekonstruktion antiker Schlachten zu verdeutlichen, soll das Beispiel einer einzelnen Schlacht näher behandelt werden. Dafür bietet sich die Schlacht von Marathon, die immer noch Teil des modernen Bildungskanons ist, aus mehreren Gründen an. Diese Schlacht ist einer der Fixpunkte westlichen Geschichtsbewusstseins, auch wenn sie heute vornehmlich durch die Legende des Boten, der die Siegesbotschaft nach Athen brachte und damit zum Ursprung des Marathonlaufes wurde, bekannt ist.[14]) Abgesehen von diesem Fortleben war gerade diese Schlacht seit dem Beginn wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der Antike Inhalt gelehrter Kontroversen.[15]) Der preußische Generalstabsoffizier Hauptmann von Eschenburg trug mittels seiner topographischen Aufnahme der Ebene von Marathon im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zu einer verstärkten wissenschaftlichen Auseinandersetzung bei.[16]) Damit befindet man sich gerade an der Schnittstelle zwischen einer militärisch orientierten Beschäftigung mit der Schlacht und der Nutzung solcher Ergebnisse durch die Geschichtswissenschaft.[17]) Für Hans Delbrück war diese Schlacht deshalb von Bedeutung, da er sie als den Beginn einer durch Quellen gesicherten Behandlung von Strategie und Taktik ansah.[18]) Gerade die Tatsache, dass seit dem 19. Jahrhundert viele vermeintlich gesicherte Rekonstruktionen des Schlachtablaufes kursieren, verweist auf die methodischen Probleme, die einer Rekonstruktion der meisten antiken Schlachten entgegenstehen.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es dabei nicht sein, eine neue Lösung für den Schlachtverlauf zu präsentieren. Eine Lösung, die allgemeine Zustimmung findet, lässt sich vermutlich nicht finden. Das kriegsgeschichtliche Beispiel erzielt dennoch seinen Zweck, da richtige Lehren und Folgerungen auf Basis falscher Rekonstruktionen dennoch ihre Richtigkeit behalten. Die Unklarheiten betreffen im Fall der Schlacht von Marathon im besonderen Maße die taktische und gefechtstechnische Führungsebene, nicht so sehr die militärstrategische und operative.

 

Marathon - Bedeutung der Schlacht in der Bewertung der Geschichte

Die Weihung eines Tempels[19]) aus Anlass der Schlacht, die Einrichtung von jährlichen Spielen und die Aufstellung bildlicher Darstellungen im Bereich der Stoa Poikile[20]) („Bunte Halle“) auf der athenischen Agora verweisen auf die Bedeutung dieser Schlacht für die Zeitgenossen.[21]) Deshalb waren die Augenzeugenberichte zum Zeitpunkt der Abfassung des Werkes des Herodot, unserer ersten historiographischen Quelle, bereits „contaminated by interest groups for whom Marathon was too important to be left to historians.“ [22]) Ab dem Beginn des 4. vorchristlichen Jahrhunderts wurde die Bedeutung der Schlacht von Marathon auch literarisch stark überhöht. Mehr als 100 Jahre nach dem Ereignis selbst wurde in athenischen Reden (v.a. exemplarischen Grabreden für die Gefallenen in den zeitgenössischen Kriegen) auf die Bedeutung dieser Schlacht hingewiesen.[23]) Die Schlacht diente als Begründung für weitere imperialistische Ambitionen Athens im Zuge des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr., womit die Betonung externer Unterstützung nicht mehr opportun war. Deshalb wurde auch die Beteiligung von insgesamt annähernd 600 Hopliten aus Plataiai in weiterer Folge nicht mehr erwähnt.[24])

In der Zeit römischer Übernahme griechischen Bildungsgutes blieb die Schlacht bei Marathon Inhalt gelehrter und rhetorischer Erläuterungen, gleichberechtigt neben den Beispielen aus der römischen Geschichte, wie Coriolanus und Horatius Coccles. So verweist M. Tullius Cicero mehrfach auf die Schlacht, ohne jedoch auf Einzelheiten einzugehen.[25]) Auch für M. Fabius Quintilianus, den kaiserzeitlichen Lehrer für Beredsamkeit, ist diese Schlacht neben jener von Salamis (480 v. Chr.) selbstverständlicher Inhalt allgemeinen Bildungsgutes.[26])

In der nachantiken Betrachtung wurde die Schlacht von Marathon in ihrer historischen Bedeutung meist sehr hoch bewertet. So urteilte John Stuart Mill, dass die Schlacht von Marathon als Ereignis der englischen Geschichte sogar vor der Schlacht bei Hastings zu reihen sei. Auch andere Autoren waren sich in der Bedeutung der Schlacht einig, lagen lediglich im Streit darüber, ob die Entwicklung der athenischen Macht, die in weiterer Folge aus dem Sieg über die Perser resultierte, positiv oder negativ zu bewerten sei.[27]) Die Vertreter der geringeren Bedeutung der Schlacht blieben in der Minderzahl.[28]) Auch heute ist die Vorstellung, dass erst mit dem Sieg bei Marathon die Entwicklung der westlichen Kultur ermöglicht wurde, noch weit verbreitet.[29])

 

Marathon - Die Schlacht

Trotz der Bedeutung, die der Schlacht zugeschrieben wurde, sind die Quellen, die unabhängig voneinander für eine mögliche Rekonstruktion herangezogen werden können, überschaubar. Vorrangig muss hier Herodot aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert angesprochen werden, der die zeitlich früheste textliche Darstellung des Schlachtverlaufs liefert, von der alle weiteren Autoren wie z.B. Cornelius Nepos, Plutarch und Pausanias abhängig oder im Vergleich dazu nachrangig waren. Diese Autoren schrieben zumindest vier Jahrhunderte nach Herodot. Dass Herodot jedoch nicht einfach als in sich geschlossener Text gelesen werden kann, wurde gerade im Zusammenhang mit der Schlacht von Marathon bereits früh erkannt.[30]) Neben Herodot gibt es noch archäologische Funde vom Schlachtfeld selbst (der „Soros“, d.h. der so genannte Grabhügel der gefallenen Athener; das so genannte Grab der Plataier; Funde des 5. Jahrhunderts, die für die Lokalisierung des Herakles-Heiligtums herangezogen werden; das Tropaion) und schließlich die bildliche Darstellung der Schlacht in der Stoa Poikile. Darüber hinaus muss die Topographie des Schlachtfeldes selbst als Quelle angesprochen werden.

Bereits früh wurden immer wieder detaillierte Rekonstruktionen des Schlachtverlaufes präsentiert. Bereits eingangs wurde der Beitrag von J. Kromayer und G. Veith für die Entwicklung der Militärgeschichte angesprochen. Die Rekonstruktion von J. Kromayer war über längere Zeit einflussreich und verzeichnet bereits im Jahr 1921 fünf weitere Varianten früherer Forscher (siehe Abb. 1).

 

Die Schlacht darf nicht auf die Ereignisse in der Ebene von Marathon am Tag des Gefechts selbst reduziert werden. Vielmehr sollten alle Führungs- und Entscheidungsebenen, die Einfluss auf das Ereignis hatten, beleuchtet werden. Nur dadurch wird erkennbar, wo sich ein möglicher Nutzen bzw. wo sich Schwächen einer Rekonstruktion finden lassen.

Einer einfachen Trennung in die Bereiche der militärstrategischen, operativen, taktischen und gefechtstechnischen Ebenen stehen im konkreten Fall Besonderheiten der zivilen und militärischen Struktur Athens entgegen. So lässt sich eine saubere Trennung von militärischen und politischen Entscheidungen auf Ebene militärstrategischer Planung und operativer Führung nicht immer durchführen. Darüber hinaus finden sich dieselben Akteure auf verschiedenen Ebenen wieder, v.a. die athenischen Strategen waren als politische und militärische Entscheidungsträger auf allen Ebenen zu finden.[31]) Für die taktische Ebene muss angemerkt werden, dass das athenische Heer als Gesamtheit der politisch berechtigten Bürger Athens auch Träger des politischen Willens war und somit militärische Entscheidungen einem politischen Diskurs unterlagen.[32]) Deshalb scheint es angeraten, eher von Entscheidungs- als von Führungsebenen zu sprechen. In der Abgrenzung der Entscheidungsebenen müssen die Kriterien an die antiken Verhältnisse angepasst werden. Deshalb kann z.B. der Kampf der verbundenen Waffen nicht herangezogen werden.

Zum besseren Verständnis sollen die Entscheidungsebenen mit den zugeordneten Entscheidungen und damit verbundenen Problemen in der Rekonstruktion angeführt werden:

1. (Militär)strategische Ebene: Entscheidung zum Widerstand gegen die Forderung Persiens, Wasser und Erde als Zeichen der Unterwerfung zu übergeben (Ziel: Erhalt der Souveränität Athens).[33]) Diese Ebene unterliegt nur in Details einem Diskurs, v.a. im Bereich der Einschätzung der Absichten einzelner politischer Gruppierungen (Widerstand oder Kollaboration).

2. Operative Ebene: Erreichen des strategischen Ziels nicht durch Verteidigung der Stadt Athen selbst, sondern Begegnen der Gefahr in der Landezone der Perser. Dieser Entschluss der militärisch-politischen Führung wurde durch einen Beschluss der Volksversammlung bekräftigt.[34]) Auch diese Ebene steht weitgehend außer Streit.

3. Taktische Ebene:

a.) Einnahme einer Position am Westrand der Ebene von Marathon, um die Wege nach Athen zu sichern. Unklar hierbei sind die exakte Position der athenischen Stellung und der Anmarschweg.

b.) Annahme einer Schlacht in der Ebene vor der Ankunft des spartanischen Hilfsaufgebots. Das reine Faktum ist klar ersichtlich, diskutiert wird jedoch über mögliche Überlegungen der Feldherrn und die Ursache der Verzögerung. Herodot führt weiters an, dass einzelne Strategen die griechischen Kräfte als zu schwach einschätzten, um die Perser besiegen zu können. Ausschlaggebend sei die Furcht vor einem Meinungsumschwung zugunsten der Perser gewesen.[35])

c.) Aufstellung der griechischen Truppen (Schlachtordnung). Dabei ist sowohl die räumliche Fixierung der Schlachtaufstellung nicht einwandfrei zu klären, wie auch eine mögliche Absicht, die sich hinter der Schwächung des Zentrums verbarg, zu hinterfragen.

4. Gefechtstechnische Ebene: Reaktives Verhalten auf dem Gefechtsfeld in Hinblick auf Gegner und Gelände. Gerade diese Ebene stellt sich in den Quellen widersprüchlich dar. Hierher gehört die Frage des Sturmlaufs der Athener, der persischen Reiterei und viele andere mehr.

Welchen Beitrag nun die einzelnen Quellen für die Rekonstruktion liefern können, ist für die einzelnen Entscheidungsebenen unterschiedlich. Für die weitere Darstellung wird dabei nach den Quellen und nicht nach der Entscheidungsebene gegliedert, da dadurch Wiederholungen vermieden werden können.

 

Herodot

Herodot schildert in seinen Historien im 6. Buch in den Kapiteln 102 bis 117 die Ereignisse vom Eintreffen des persischen Heeres in der Ebene von Marathon bis zum Rückzug desselben aus Attika. Die eigentliche Schlacht wird in den Kapiteln 111 bis 114 behandelt. Die gesamte Schilderung umfasst ungefähr sechs Seiten im A5-Format, die Schlacht selbst eineinhalb Seiten. Es lässt sich also erkennen, dass Herodot, wie alleine am Umfang der Erzählung erkennbar ist, dieser Schlacht im Rahmen der Perserkriege keineswegs die erste Stelle zuerkannte.

Die wesentlichen Informationen, die Herodot für die taktische und gefechtstechnische Entscheidungsebene selbst bietet, sollen kurz aufgezählt werden: a) Die Aufstellung der Griechen erfolgte in der klassischen Phalanx mit den Plataiern auf dem linken Flügel; b) die Breite der Phalanx entsprach jener der persischen Schlachtreihe; c) die Mitte der Griechen war nur wenige Reihen tief (Kap. 111);[36]) d) der Angriff erfolgte im Laufschritt über acht Stadien (Kap. 112); e) den Persern gelang der Durchbruch in der Mitte; f) die griechische Mitte floh in Richtung auf das Landesinnere; g) die griechischen Flügel schwenkten ein; h) die Perser wurden bis an das Meer verfolgt (Kap. 113); i) der Polemarch Kallimachos fiel (Kap. 114); j) die griechischen Verluste betrugen 192 Mann, jene der Perser rund 6.400 Mann (Kap. 117).

Die Lektüre des Textes von Kapitel 102 bis 117 zeigt, dass die Angaben Herodots nicht unkritisch übernommen werden können. So ist nicht befriedigend erklärt, warum die Griechen mehrere Tage gewartet haben, bis sie zum Angriff übergingen (s. oben). Für die taktische Ebene erwähnt Herodot zwar, dass die Athener von Athen nach Marathon marschierten, unterließ es jedoch zu präzisieren, auf welchem der drei möglichen Wege sie dies taten. Daraus ist ersichtlich, dass ihm an solchen Details nicht allzu viel gelegen war. Herodot beließ es bei der lapidaren Aussage: „Als die Athener diese Nachricht erhielten (d.h. von der Landung der Perser bei Marathon), zogen auch sie hinaus nach Marathon.“ [37]) Damit ging Herodot auch über die Debatte auf der operativen Entscheidungsebene hinweg, die sich bei späteren Autoren findet.[38])

Man kann davon ausgehen, dass Herodot annahm, dass diese Informationen seinem Publikum noch bekannt waren. Weiters wurde die Nichterwähnung der persischen Reiterei in der Schlacht bereits früh erkannt. Die Frage der persischen Reiterei kann abhängig von der Bedeutung, die ihr für den Schlachtverlauf zugesprochen wird, entweder der taktischen oder der gefechtstechnischen Ebene zugeordnet werden. Wenn die persische Reiterei als schlachtentscheidend und als Voraussetzung für die griechische Schlachtordnung angenommen wird, so ist diese Frage der taktischen Ebene zuzuordnen. Wird ihr jedoch lediglich eine unbedeutende Rolle zugestanden, so bleibt die Frage eine der Gefechtstechnik. Die Schlacht von Plataiai im Jahr 479 lässt erkennen, dass die persische Reiterei keineswegs von so großer Bedeutung war, wie von vielen Seiten für die Schlacht von Marathon angenommen. Im Fall der späteren Schlacht war die persische Kavallerie zahlenmäßig weit stärker, also werden die relativ geringeren Zahlen bei Marathon vermutlich keine größere Rolle gespielt haben.[39]) Ob es nun Herodot unterließ, den Grund für die Abwesenheit anzugeben oder den Einsatz der persischen Kavallerie in der Schlacht zu erwähnen, bleibt dahingestellt. Interessanterweise unterließ es Herodot auch, die persischen Bogenschützen in der Schlachtschilderung zu erwähnen. Entscheidend für unsere Überlegungen ist, dass Herodot ein wichtiges Detail nicht ausführte.[40])

Neben diesen Folgerungen aus dem Text an sich wurde auch versucht, gewisse Angaben Herodots aufgrund externer Informationen zu widerlegen. So die Aussage (Kap. 112), dass die Griechen über eine Distanz von acht Stadien (ca. 1.565 m) mit voller Bewaffnung gegen die persischen Reihen im Lauf vorgingen (taktische oder gefechtstechnische Ebene, analog zur persischen Reiterei). Es wurden Versuche unternommen, eine derartige Belastung (mit einem Gewicht von 35 kg) zu simulieren, um zu zeigen, dass es zwar möglich wäre, eine solche Strecke mit dem Gewicht der griechischen Bewaffnung zurückzulegen, jedoch die Hopliten zu einem Kampf Mann gegen Mann nicht mehr imstande gewesen wären.[41]) Peter Krentz[42]) argumentiert in seinem Buch „The Battle of Marathon“, dass die Hopliten weniger als 35 kg trugen, wie noch Delbrück[43]) annahm. Er geht dabei von maximal 25 kg aus, die seiner Aussage nach sehr wohl zu tragen gewesen wären. Dem ist prinzipiell zuzustimmen. Man muss jedoch auch die spätsommerliche Hitze, die Einschränkung durch den Helm und die einseitige Belastung durch den Schild, der ca. 8 kg wog, einrechnen. Dazu kommt noch die Tatsache, dass sich bei einem Lauf von ca. 10.000 Mann über Felder, durch Olivenhaine und über offenes Gelände eine dichte Staubwolke erhob, die das Atmen unter Belastung sehr erschwerte. Selbst ein langsamer Lauf von ca. 7,5 km/h hätte die Gefahr der Auflockerung der Phalanx bedeutet. Die Spartiaten, die als die eigentlichen Professionellen des 5. Jahrhunderts angesehen werden können, gingen gemessenen Schrittes unter der Begleitung von Musik gegen die Gegner vor. Gegen Perser, die keine Phalanx im eigentlichen Sinn bildeten, war eine mögliche Auflösung der Phalanx jedoch kein so großes Problem. Hier war wohl die Wucht, die erzeugt hätte werden sollen, wichtiger. Damit ist jedoch über die Länge des Sturmlaufs noch nichts ausgesagt.

Herodot sagt wörtlich, dass die Griechen nach dem Schlachtopfer losliefen und die Entfernung zwischen Griechen und Persern mindestens acht Stadien betrug. Es kann sich dabei um eine verkürzende Darstellung eines für die Zeitgenossen völlig eindeutigen Umstandes handeln. Dass das Zusammentreffen mit den Persern im Laufschritt erfolgte, ist unbestritten, fraglich ist jedoch, wie gesagt, die Distanz. Krentz hat aufgrund seiner Betonung der persischen Reiterei und der technischen Machbarkeit des Laufs auf die taktische Notwendigkeit desselben - Erreichen der persischen Schlachtreihe vor dem Wirksamwerden der Reiterei - geschlossen. Das ist jedoch unzulässig.

Ob die Gefechtsidee der Zangenbewegung der griechischen Flügel bereits bei der bewussten Schwächung des griechischen Zentrums mitberücksichtigt wurde (somit taktische Ebene), ist angesichts des damaligen Entwicklungsstandes der Hoplitenphalanx ebenfalls fraglich (in diesem Fall gefechtstechnische Ebene).[44]) Eine Schwächung der Mitte war angesichts der Notwendigkeit, die griechische Schlachtreihe gleich breit wie die persische aufzustellen, unvermeidbar. Der Versuch, Herodots Aussagen für eine Rekonstruktion des Geschehens auf allen Entscheidungsebenen heranzuziehen, ist also mit großer Vorsicht zu unternehmen.

 

Archäologische Funde

Gesamt gibt es vier archäologische Befunde, die für die verschiedenen Rekonstruktionen der Schlacht herangezogen werden. Der so genannte Soros wurde mehrfach für die Lokalisierung der Schlachtreihen (taktische Ebene: Schlachtordnung mit räumlicher Fixierung) unter der Prämisse herangezogen, dass die athenischen Gefallenen an jenem Ort begraben wurden, an dem die beiden Heere erstmals zusammentrafen, oder an welchem die meisten Verluste zu verzeichnen waren und die griechische Mitte durchbrochen wurde. Dafür gibt es keinen Hinweis in den Quellen.[45]) Gerade die Auswertung der Grabungen, die von H. Schliemann und V. Stais gegen Ende des 19. Jahrhunderts durchgeführt wurden, lassen Zweifel an einer Gleichsetzung des Soros mit dem in den literarischen Quellen erwähnten Grab der Athener aufkommen.[46]) Trotzdem wird der Soros, v.a. aufgrund vermeintlicher Funde persischer Pfeilspitzen in der Erdfüllung, die nach manchen Forschern darauf hinweisen würden, dass die Perser ca. 200 m entfernt standen,[47]) immer wieder als Fixpunkt verwendet, um die relativen Positionen der griechischen und persischen Schlachtreihen zu Beginn der Schlacht zu rekonstruieren. So berechnet J. A. G. van der Veer die Entfernung der Griechen vom Soros mit 1.415 m (= 8 Stadien minus 150 m für die Reichweite der persischen Bögen) und kommt damit auf drei mögliche Positionen der Schlachtreihen.[48]) Die persischen Pfeilspitzen erwiesen sich bei näherer Untersuchung jedoch als Schimären und können nicht als Beleg verwendet werden.[49])

Hinzu kommt, dass der keramische Befund im Grab auf eine ältere Zeit verweist, wofür es mehrere mögliche Erklärungen gibt: Erstens wurden für die Erdaufschüttung in der Umgebung liegende Hügelgräber aus archaischer Zeit angegraben und Keramik verbracht. Zweitens wurde ein archaisches Aristokratengrab für die Bestattung der Gefallenen von Marathon sekundär verwendet. Drittens wurden bewusst archaische Familienerbstücke als Grabbeigaben ausgewählt.

Damit ist man mit einem grundlegenden Dilemma der archäologischen Forschung konfrontiert. Lediglich eine Modellhaftigkeit aufgrund von Häufigkeit kann als Erklärung herangezogen werden, eine letztliche Klärung ist in diesem Fall kaum möglich. Unbestritten ist jedenfalls, dass noch im 19. Jahrhundert Grabhügel in der unmittelbaren Umgebung des Soros zu sehen waren, die erst durch spätere landwirtschaftliche Aktivitäten verschwanden. Auch unter der Annahme, dass der Soros das Grab der Athener war, war vermutlich das Vorhandensein älterer Grabhügel der Grund für die Bestattung an diesem Ort und nicht ein allfälliger Schlachtverlauf. Der Soros ist folglich nicht für eine Rekonstruktion der gefechtstechnischen Ebene heranzuziehen.

Die Lokalisierung des Herakles-Heiligtums, die einen Hinweis auf das Lager der Griechen liefern könnte,[50]) ist noch immer umstritten (taktische Ebene). Im Grunde gibt es zwei Möglichkeiten, nämlich im Bereich von Vrana oder am südlichen Ausgang der Ebene nördlich des kleinen Sumpfes, den es in der Antike vermutlich jedoch noch nicht gab, in der so genannten Valaria.[51]) Keine der beiden Varianten kann ausgeschlossen werden.

Für das so genannte Grab der Plataier, das 1970 von Sp. Marinatos in der Nähe des Rapendosa-Flusses am südwestlichen Ende der Ebene von Marathon teilweise ausgegraben wurde, ist eine Verbindung mit der Schlacht nicht ausreichend gesichert (taktische und gefechtstechnische Ebene).[52]) Es enthielt elf Bestattungen von Personen, die aufgrund der Altersstruktur gut in einen militärischen Zusammenhang passen würden (neun Männer zwischen 20 und 30 Jahren, ein Mann von ca. 40 Jahren und ein Knabe von ca. 10 Jahren). Angesichts der Tatsache, dass die Plataier nach ihrer Rückkehr aus Marathon mit ihrem Beuteanteil eine wertvolle Statue der Athena weihten, erscheinen die Grabbeigaben für Gefallene der Schlacht im Vergleich sehr kärglich.[53]) So ist letztlich eine Identifikation dieses Grabes als jenes der Plataier nicht gesichert und würde auch nicht zwingend einen bestimmten Schlachtverlauf ergeben.

Ein Tropaion in vergänglicher Form aus Holz wurde in der Antike an jenem Platz des Schlachtfeldes errichtet, an dem sich das Schlachtenglück wendete (taktische Ebene als Hinweis auf die ursprüngliche Aufstellung, gefechtstechnische Ebene als Hinweis auf den gefechtstechnischen Verlauf der Schlacht). Auf dem Schlachtfeld von Marathon wurde dieses später aus Marmor neu aufgestellt.[54]) Die Lokalisierung dieses Tropaions ist aufgrund der Sekundärverwendung der Trümmer südwestlich des so genannten Großen Sumpfes nicht zufriedenstellend geklärt und scheidet somit ebenfalls aus.[55])

Wenn diese archäologischen Befunde jedoch für eine mögliche Rekonstruktion herangezogen werden, wird in der ersten Phase noch mithilfe der Wahrscheinlichkeit argumentiert. Folgen der ersten Schlussfolgerung jedoch weitere, wird dieser Argumentationskette meist mehr Festigkeit zugeschrieben, als das erste Glied aufweist. So wird aufgrund archäologischer Befunde, die noch für Interpretationen offen sind, postuliert, dass sich das Lager der Griechen an einem bestimmten Platz befunden hätte, und festgestellt, dass sich daraus zwingend der Schlachtverlauf A ergäbe. Für die taktischen und gefechtstechnischen Ebenen können diese Befunde jedoch nicht im positiven Sinn verwendet werden, sie können lediglich gewisse Varianten ausschließen.

 

Bildnis in der Stoa Poikile

Von dem bereits erwähnten Marathon-Bild in der Stoa Poikile ist nichts mehr erhalten. Mit dem vermuteten Zeitpunkt der Entstehung um 460 handelt es sich um den frühesten Versuch, die Erinnerung an die Schlacht zu fixieren.[56]) Das Bild selbst lässt sich nur mehr anhand von Beschreibungen späterer Autoren rekonstruieren (v.a. Pausanias aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.), die in ihrer Interpretation des Bildnisses nicht unabhängig von vorgeformten literarischen Überlieferungen waren. Das Marathon-Bild war Teil einer Reihe von insgesamt vier Bildern, die einen Bogen durch das Geschichtsbild der Athener spannten.[57])

Aus der Beschreibung des Pausanias (1,15,3) ist erkennbar, dass mythische Elemente auf dem Gemälde stark vertreten waren. So wurden Athena und Herakles dargestellt, weiters der Nationalheros Theseus und andere Heroen, die den Legenden zufolge die kämpfenden Griechen unterstützten. Ziel des Gemäldes war es dabei nicht, eine möglichst realistische Darstellung des Geschehens[58]) zu liefern, sondern die Versatzstücke offizieller Erinnerungskultur evident zu halten. So waren mehrere Phasen und Schauplätze des Gefechts parallel dargestellt (gefechtstechnische Ebene). Auf der einen Seite war der unentschiedene Kampf der Schlachtreihen zu sehen, in der Mitte schließlich die Flucht der Perser durch den Sumpf und am äußersten Rand der Kampf um die persischen Schiffe mit dem Tod des Polemarchen Kallimachos. Diese Versatzstücke finden sich später immer wieder in der literarischen Überlieferung und waren den antiken Betrachtern des Gemäldes vertraut. Eine Frage nach dem genauen Ablauf der Schlacht war in einem solchen Rahmen weder angebracht, noch wahrscheinlich.

 

Topographie

Die Topographie des Geländes muss ebenfalls noch kurz angesprochen werden. Dabei stellt sich dieses aufgrund der Erosion und der Ablagerung von Erdreich wie auch der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung im Vergleich mit der Antike heute stark verändert dar.[59]) Der Sumpf wird nur von Aelius Aristides und Pausanias ausdrücklich im Zusammenhang mit der Schlacht erwähnt, beide Autoren des 2. Jahrhunderts n. Chr. Aristophanes erwähnt in der Lysistrate (Vers 1031) die Trikorysische Stechmücke, ein Hinweis auf die Existenz des Sumpfes um 400 v. Chr. Tiefenbohrungen in den letzten Jahren lassen vermuten, dass zum Zeitpunkt der Schlacht der Sumpf eher ein See oder eine Lagune war und erst später verlandete.

Aufgrund des gestiegenen Meeresspiegels hat sich auch der Küstenverlauf geändert. Eine gesicherte Rekonstruktion der Geländeform ist noch umstritten. Im südwestlichen Teil war der Landanteil größer, im nordöstlichen Teil hingegen die Küstenlinie weiter in Richtung Land verschoben. Am ehesten können uns Karten des 18. und 19. Jahrhunderts dafür noch Hinweise liefern. So hat Fauvel, der französische Konsul in Griechenland, im Jahr 1792 die früheste Darstellung der Ebene geliefert (heute Collection Barbier Nr. 1.341). Daraus ist erkennbar, dass der Charadra-Strom zwischenzeitlich seinen Lauf geändert hatte. Seit 1920 wurde er durch einen Damm gezähmt und die Ablagerungen nahmen ab, was wiederum zu einem Rückgang der Küstenlinie führte.[60])

Gerade die Bauten im Vorfeld der Olympischen Spiele in Athen im Jahr 2004 führten zu massiven Veränderungen, die es einem modernen Besucher erschweren, sich ein Bild vergangener Ereignisse zu machen. Die Wettkampfanlagen der Kanuten befinden sich heutzutage inmitten des Großen Sumpfes. Über eine gesicherte Rekonstruktion der Geländeform zum Zeitpunkt der Schlacht herrscht immer noch Uneinigkeit.

 

Rückschlüsse für den Schlachtverlauf

Somit ist erkennbar, dass es ungeachtet der vielfältigen Quellen (Textquellen, archäologische Quellen, Topographie) unmöglich ist, verbindliche detaillierte Aussagen über den Verlauf selbst einer so bekannten und eigentlich vergleichsweise gut dokumentieren Schlacht wie der von Marathon zu treffen. Abgesehen von der strategischen und der operativen Ebene, die für den Militärwissenschaftler ausreichend genau rekonstruierbar sind, können die taktische und die gefechtstechnische Ebene letztlich nicht befriedigend geklärt werden. Unbestritten für die taktische Ebene ist, dass die Griechen im Bereich des südwestlichen Endes der Ebene standen und die Perser ihre Schiffe im Bereich des Strandes im nordöstlichen Teil der Bucht verankert hatten. Eine Bewegung ungefähr von Südwesten nach Nordosten mit dem Endpunkt am Strand ist ebenfalls noch zu erschließen. Eine genaue Positionierung der Schlachtreihen am Beginn der Schlacht und die genaue Lokalisierung der weiteren Bewegung der Truppen sind jedoch nicht mehr möglich. Dass das griechische Zentrum unterlag und in Richtung Landesinnere floh, ist klar erkennbar, jedoch nicht, wie weit (gefechtstechnische Ebene). Die genaueren Umstände der Flucht der Perser durch den Großen Sumpf sind ebenfalls nicht befriedigend zu erschließen. Es ist zwar zu vermuten, dass die meisten griechischen Verluste im Bereich des Durchbruchs durch die Mitte zu verzeichnen waren, die literarischen Zeugnisse (Pausanias) verweisen jedoch eher auf den Tod prominenter Athener beim Kampf um die Schiffe (Kallimachos u.a.). Somit bleibt, dass alle genaueren Rekonstruktionen auf den taktischen und gefechtstechnischen Ebenen auf mehr oder weniger gelehrten Vermutungen beruhen, die jederzeit aufgrund neuerer Erkenntnisse unter den Forschern umgestoßen werden können. Die Schlacht um den Schlachtverlauf von Marathon ist keineswegs bereits zu Ende; dabei muss man sich stets bewusst bleiben, dass eine endgültige Lösung dieses Problems unwahrscheinlich ist.

 

Schlussfolgerung

Die Betrachtung der Quellen für eine bestimmte Schlacht konnte verdeutlichen, dass der Verwendung eines kriegsgeschichtlichen Beispiels zum Zwecke des Erschließens militärischer Grundsätze einige Hindernisse entgegenstehen. Bevor aus tatsächlichen Abläufen Rückschlüsse gezogen werden können, ist es erstens erforderlich, die Quellen sorgfältig und methodisch korrekt aufzuarbeiten. Zweitens muss ebenenbezogen festgestellt werden, wo die Grenzen des einzelnen kriegsgeschichtlichen Beispiels liegen. Für die Ebenenzuordnung wiederum ist eine Anpassung an die besonderen Umstände (Mentalität, politische und militärische Strukturierung etc.) der jeweiligen Zeit unabdingbar. Die taktischen und gefechtstechnischen Ebenen im Fall der Schlacht von Marathon werden den Militärwissenschaftler wohl nicht zum Ziel führen. Eine Beschäftigung mit den strategischen und operativen Ebenen v.a. im Vorfeld der Schlacht selbst hingegen wird ungeachtet der zeitlichen Distanz zu den Ereignissen (mittlerweile 2.500 Jahre) von großem Nutzen sein.

 

ANMERKUNGEN:



[1]) Dieses Bestreben lässt sich auch am Titel seines Hauptwerkes erkennen: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte, 4 Bände. Berlin 1900-1920. Dieser Ansatz Delbrücks stieß anfangs noch auf geringe Resonanz.

[2]) So hatte Hans Delbrück v.a. auch deshalb Schwierigkeiten, an der Berliner Universität Fuß zu fassen, da er im Bereich der Kriegsgeschichte tätig war, vgl. K. Christ: Hans Delbrück. In: Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker der Neuzeit. Darmstadt 1972, S.162.

[3]) Ihre Hauptwerke sind J. Kromayer u. G. Veith: Antike Schlachtfelder. Bausteine zu einer antiken Kriegsgeschichte, 4 Bde. Berlin 1903-1924; dies.: Schlachtenatlas zur antiken Kriegsgeschichte. Leipzig 1922-1929; dies.: Heerwesen und Kriegswesen der Griechen und Römer. München 1928 (Handbuch der Altertumswissenschaft IV, 3, Bd. 2). Georg Veith wurde gerade der Ansatz der unbedingten Autopsie zum Verhängnis. Er wurde von Hirten bei der Besichtigung des Schlachtfeldes von Zela in der heutigen Türkei am 3. September 1925 erschlagen, vgl. J. Kromayer, Nachruf Georg Veith. In: Gnomon 2/1926, S.124.

[4]) So in seinen Frühwerken „Die Perserkriege und die Burgunderkriege“ aus d. J. 1887 und „Die Strategie des Perikles erläutert durch die Strategie Friedrich d. Gr.“ aus d. J. 1890. Vgl. seinen Einfluss auf A. Graf v. Schlieffen und dessen Cannae-Studien (ders.: Cannae. 3. Aufl. Berlin 1936) mit den Überlegungen zur Vernichtungsschlacht und den Folgen für den Ersten Weltkrieg.

[5]) Vgl. K. Christ, a.a.O., S.169f. Vgl. auch H. Delbrück, Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte, Band 1. 3. Aufl. Berlin 1920, S.68 zu Delbrücks eigenen Bedenken bezüglich der Grenzen der Sachkritik.

[6]) Vgl. zu den Textstellen aus dem 4. Jh. v.Chr. P. Beston: Hellenistic military leadership. In: War and Violence in Ancient Greece, hrsg. v. H. van Wees. London/Swansea 2000, S.321f.

[7]) Vgl. zur Darstellung der antiken Kontroverse V. D. Hanson: The Western Way of War. Infantry Battle in Classical Greece. New York/Oxford 1990, S.107-116.

[8]) Ein berühmtes Beispiel dafür war der Tod des M. Claudius Marcellus im Kampf gegen Hannibal (Polybios 10,32,1-7).

[9]) Herodot 9,61f.

[10]) Herodot 6,105f. Es handelte sich dabei um Verzögerungen aufgrund von zeitlichen Tabus, vgl. auch die Verzögerung des Hauptkontingents im Jahr 480 und die daraus resultierende geringe Stärke der Spartaner von lediglich 300 Mann bei den Thermopylen (Herodot 7,206). Vgl. zur Frage dieser religiösen Tabus und möglicher politischer Motive hinter der Verzögerung L. Scott: Historical Commentary in Herodotus Book 6. Leiden/Boston 2005 (Mnemosyne; Suppl. 268.), S.615-617. Auch wenn religiöse Regeln manipuliert wurden, gab es keinen Zweifel an der Notwendigkeit, diese auch in einem militärischen Umfeld zu befolgen.

[11]) A. M. Eckstein: Moral Vision in the Histories of Polybius. Berkeley/Los Angeles/London 1995, S.174.

[12]) Vgl. M. Völkel: Geschichtsschreibung. Eine Einführung in globaler Perspektive. Köln/Weimar/Wien 2006, S.39-42.

[13]) Vgl. K. H. Waters: Herodotos the Historian. His Problems, Methods and Originality. London/Sydney 1985, S.76f. Bereits früh erkannt hat dieses Problem im Zusammenhang mit Herodot W. W. Lloyd, The Battle of Marathon. In: Journal of Hellenic Studies 2/1881, S.380f.

[14]) Einen guten Überblick über die archäologischen Denkmäler und das heutige Aussehen des Schlachtfeldes bietet H. R. Goette u. Th. M. Weber: Marathon. Siedlungskammer und Schlachtfeld - Sommerfrische und Olympische Wettkampfstätte. Mainz 2004 (Sonderband der Antiken Welt). Bereits im Jahr 1920 verwendete N. Whatley gerade die Schlacht von Marathon, um die Frage der Möglichkeit, eine antike Schlacht zu rekonstruieren, anzusprechen, erstmals publiziert als ders., On the possibility of reconstructing Marathon and other ancient battles. In: Journal of Hellenic Studies 84/1964, S.119-134.

[15]) Eine Suche in der Datenbank Gnomon ergibt unter dem Stichwort „Marathon“ 176 Treffer, wobei ältere Werke und auch Werke, die das Stichwort nicht im Titel erkennen lassen, nicht aufgelistet werden.

[17]) Vgl. dazu W. K. Pritchett: Studies in Ancient Greek Topography, Part II (Battlefields). Berkeley/Los Angeles 1969, S.2f.

[18]) Vgl. H. Delbrück, Marathon und die persische Taktik. In: Klio 17/1921, S.221.

[19]) Ein Tempel für die Göttin Eukleia (Ansehen und Ruhm) wurde nach der Schlacht geweiht (Pausanias 1,14,5), vermutlich im Bereich der Agora. Skeptisch zu einer Verbindung mit der Schlacht von Marathon M. Jung: Marathon und Plataiai. Zwei Perserschlachten als lieux de mémoire im antiken Griechenland. Göttingen 2006 (Hypomnemata 164.), S.59-61.

[20]) Pausanias 1,15,3; Demosthenes Or. 59,94.

[21]) Zur weiteren Erinnerung an die Schlacht in der Antike vgl. K.-J. Hölkeskamp, Die Schlacht von Marathon - Strandscharmützel oder Geburtsschrei Europas? In: Und keine Schlacht bei Marathon. Große Ereignisse und Mythen der europäischen Geschichte, hrsg. v. W. Krieger. Stuttgart 2005, S.1-24.

[22]) J. A. S. Evans, Herodotus and the Battle of Marathon. In: Historia 42/1993, S.279.

[23]) Vgl. Lysias Epitaphios 20f.; Plato Menexenos 240d-e; Demosthenes Or. 60,10; Hypereides Epitaphios 37; Andokides De Mysteriis 107; Isokrates Panath. 195; Demosthenes De Corona 208.

[24]) Vgl. K. R. Walters, „We fought alone at Marathon“ - Historical Falsification in the Attic Funeral Oration. In: Rheinisches Museum 124/1981, S.204-211. Zur Anzahl der Plataier vgl. Herodot 6,108 u. 9,28. Nicht alle antike Autoren waren von der Bedeutung der Schlacht überzeugt, vgl. Plutarch De Herodoti Malignitate 27 u. Theopompos Fragmente griechischer Historiker 105 F 153.

[25]) Cicero Epistulae ad Atticum 9,10,3.

[26]) Quintilianus Institutio Oratoria 11,3,168; 12,10,24.

[27]) Vgl. A. Demandt: Ungeschehene Geschichte. Ein Traktat über die Frage: Was wäre geschehen, wenn ...? Göttingen 1984, S.58-60. Zu John Stuart Mill vgl. ders., Rezension von G. Grote, History of Greece. In: ders.: Collected Works of John Stuart Mill, vol. 11: Essays on Philosophy and the Classics, hrsg. v. J. M. Robson. London/Toronto 1996, S.273.

[28]) So Whatley, a.a.O., S.131: „It certainly was not one of the decisive battles of the world.“

[29]) So Hans Rauscher: Griechisches Feuer. In: Der Standard 25. August 2009, S.1.

[30]) Vgl. in Reaktion auf Arbeiten von J. Kromayer und H. Delbrück C. F. Lehmann-Haupt, Herodots Arbeitsweise und die Schacht von Marathon. In: Klio 18/1923, S.65-78 & 309-335, der versucht aufzuschlüsseln, welche unterschiedlichen Traditionsstränge sich in der Schilderung der Schlacht bei Herodot erkennen lassen.

[31]) Vgl. auch DVBH (zE) „Operative Führung“, S.21.

[32]) Vgl. J. Bleicken: Die athenische Demokratie. 3. Aufl. Paderborn u.a. 1991, S.102f.

[33]) Vgl. Herodot 6,48f. Die genaue Bedeutung des Begriffs „Erde und Wasser“ bleibt unklar, zu möglichen Erklärungen vgl. P. Krentz: The Battle of Marathon. New Haven/London 2010, S.38f., dort auch zur früheren athenischen Gesandtschaft i.J. 507 zum Perserkönig und eine Übergabe von Erde und Wasser. Mit der Unterstützung des Ionischen Aufstands gegen die Perser (Herodot 5,97,3) und dem Sturz der persischen Gesandten in eine Schlucht (Herodot 7,133) war der Kampf gegen die Perser unausweichlich.

[34]) Vgl. Aristoteles Rhetorik 1411a 9-10; Demosthenes Or. 19,303; Plutarch Moralia 628E; Scholion Aristeides 2,219.

[35]) Vgl. Herodot 6,109f. Grundlegend für diese Überlegungen ist auch die Frage der relativen Stärke der griechischen und persischen Truppen, die mittlerweile als ziemlich ausgeglichen angesehen werden; vgl. Krentz, a.a.O., S.91f. u. 105f.

[36]) Bereits ein Hinweis auf annähernd gleiche Stärken der Konfliktparteien; vgl. N. A. Doenges, The Campaign and Battle of Marathon. In: Historia 47/1998, S.12.

[37]) Herodot 6,103 (Übersetzung E. Meyer).

[38]) Vgl. Cornelius Nepos Militades 4 und oben Endnote 32.

[39]) Vgl. zur geringen Stärke der persischen Reiterei Doenges, a.a.O., S.5 u. 14. Vgl. eine Neubeurteilung der persischen Reiterei gesamt und ihrer Bedeutung für das persische Heer bei Chr. Tuplin, All the King's Horse: In Search of Achaemenid Persian Cavalry. In: New Perspectives on Ancient Warfare, hrsg. v. G. G. Fagan u. M. Trundle. Leiden/Boston 2010, S.101-182; bes. S.172-178.

[40]) Vgl. A. W. Gomme, Herodotus and Marathon. In: ders.: More Essays in Greek History and Literature, hrsg. v. D. A. Campbell. Oxford 1962, S.32f. Besonders bemerkenswert ist der Versuch bei G. S. Shrimpton, The Persian Cavalry at Marathon. In: Phoenix 34/1980, S.20-37, der zu beweisen versucht, dass die Kavallerie in der Tat anwesend gewesen sei, jedoch floh.

[41]) Vgl. W. Donlan u. J. Thompson, The Charge at Marathon 6.112. In: The Classical Journal 71/1975-1976, S.339-343.

[42]) Vgl. Krentz a.a.O. S.144-151.

[43]) Vgl. jedoch Delbrück, a.a.O., S.71 (Anm. 2), wo er die Willkür in der Festlegung des Gewichts zugibt.

[44]) Vgl. H. van Wees: Greek Warfare. Myths and Realities. London 2004, S.180.

[45]) Vgl. z.B. N. G. L. Hammond, The Campaign and the Battle of Marathon. In: Journal of Hellenic Studies 88/1968, S.18. Vgl. dagegen A. R. Burn, Hammond on Marathon: a few notes. In: Journal of Hellenic Studies 89/1969, S.118; bereits früh skeptisch zum Soros F. Maurice, The campaign of Marathon. In: Journal of Hellenic Studies 52/1932, S.24.

[46]) Vgl. A. Mersch, Archäologischer Kommentar zu den „Gräbern der Athener und Plataier“ in der Marathonia. In: Klio 77/1995, S.55-64.

[47]) So Hammond, a.a.O., S.17. Dabei handelt es sich keineswegs um einen zwingenden Schluss.

[48]) Vgl. J. A. G. van der Veer, The Battle of Marathon. A Topographical Survey. In: Mnemosyne 35/1982, S.310-317.

[49]) Vgl. Krentz, a.a.O., S.122-129.

[50]) Herodot 6,108.

[51]) Vgl. van der Veer, a.a.O., S.292-297.

[52]) Vgl. skeptisch K. W. Welwei, Das so genannte Grab der Plataier im Vranatal bei Marathon. In: Historia 28/1979, S.101-105.

[53]) Vgl. Pausanias 9,4,1.

[54]) Vgl. Pausanias 1,32,5.

[55]) Vgl. E. Vanderpool, A monument to the Battle of Marathon. In: Hesperia 35/1966, S.93-106.

[56]) Vgl. T. Hölscher: Griechische Historienbilder des 5. und 4. Jahrhunderts v.Chr. Würzburg 1973, S.50-68.

[57]) Vgl. E. D. Francis u. M. Vickers, The Oenoe Painting in the Stoa Poikile, and Herodotus' account of Marathon. In: Annual of the British School at Athens 80/1985, S.109-111 zur Möglichkeit, dass die Darstellung Herodots teilweise von diesem Gemälde beeinflusst war.

[58]) Vgl. auch R. E. Wycherley, Marathon in the Poikile. In: Papers of the Cambridge Philological Society N.S. 18/1972, S.78: „[..] the painter would not be greatly concerned to illustrate the precise topography of Marathon“.

[59]) Vgl. Pritchett, a.a.O., S.1-11.

[60]) Vgl. aktuell Krentz, a.a.O., S.113-117 zu den Fragen der Topographie.