Indien und China - Teil 1

Konkurrenten in der Neuen Weltordnung

Heinz Nissel

Um 2030 werden die VR China, dann die USA und (mit Abstand) Indien an dritter Position die führenden Mächte im globalen geostrategischen Spannungsfeld sein. Das Verhältnis China/Indien ist von tiefem Misstrauen geprägt aufgrund der jeweiligen Überzeugung kultureller Einzigartigkeit und eines daraus abgeleiteten Anspruchs auf eine „natürliche Führungsrolle“ in der Welt. Sie befinden sich realpolitisch in einem labilen Gleichgewicht von Rivalität und Partnerschaft, das interne, regionale und globale Ursachen wie Wirkungen zeigt. Dieser Beitrag versucht eine Annäherung an dieses vielschichtige, schwierige und gleichermaßen spannende Verhältnis anhand wichtiger Leitfragen.

Die großen Gegenspieler zwischen Rivalität und Kooperation

Die geopolitische Weltlage war nach dem Zweiten Weltkrieg klar, es herrschte Bipolarität zwischen den Supermächten USA und UdSSR sowie deren Verbündeten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1990/91 war dann auch mit der siegreichen Pax Americana nicht das „Ende der Geschichte“[1] erreicht. Aus der vom Westen lange vernachlässigten „Dritten Welt“ erwuchsen Schwellenländer mit eigenen Ansprüchen. Die zwei größten und wichtigsten dieser Staaten - China und Indien - sind heute führende Exponenten der Neuen Weltordnung. Beide als Jahrtausende alte Hochkulturen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zuerst ihre politische Neugründung erreichten und im 21. Jahrhundert, dem „Asiatischen“,[2] sich anschicken, in einer multipolaren Welt dominante Positionen einzunehmen. Während der v.a. wirtschaftliche Aufstieg Chinas international längst Begehrlichkeiten wie Ängste weckt, erreicht Indien (zumindest im deutschsprachigen Raum) erst im letzten Jahrzehnt zunehmende Aufmerksamkeit. Deshalb wird in diesem Beitrag verstärkt der indischen Seite Raum gewidmet. Die beiden in etwa gleich großen Bevölkerungsgiganten umfassen gemeinsam nahezu 2,8 Milliarden Menschen oder 36% der Weltbevölkerung.[3] Schon allein wegen dieser demographischen Größenordnung führt an der Auseinandersetzung mit ihnen kein Weg vorbei. Damit einher geht ihr ständig wachsender Einfluss in der Weltwirtschaft, in der militärischen Aufrüstung bis hin zum Wettstreit im All wie ihr weiterhin zunehmendes Gewicht in internationalen Gremien und generell im globalen geostrategischen Kräftespiel. Diese beiden politischen Akteure verbindet aber nicht nur ihr zunehmendes globales Gewicht, sondern auch ihre geographische Nachbarschaft, ihre ökonomische wie politische Konkurrenz, gegenseitige Beobachtung und Einschätzung des jeweiligen Status und möglicher Entwicklungen. Die chinesisch-indischen Beziehungen sind vielschichtig, kompliziert und polygonal und nicht zuletzt aufgrund der jeweils antizipierten kulturellen Überlegenheit der eigenen Geschichte von tiefem Misstrauen geprägt. Deshalb befinden sie sich auch in einem labilen Gleichgewicht zwischen Rivalität und Partnerschaft.[4] Dies hat interne, regionale und globale Ursachen wie Auswirkungen, die am ehesten als grundsätzliche Konkurrenz zu begreifen sind. Als Konkurrenten pflegen sie einerseits Formen der Kooperation (z.B. Handelsbeziehungen, Gremienarbeit in internationalen Foren), andererseits sind sie in ungelöste Konflikte involviert (z.B. bilaterale Grenzstreitigkeiten, Wettlauf im Indischen Ozean), die im Extremfall in einen Krieg münden könnten. Als wahrscheinlichere Annahme können wir aber, zumindest in einer mittelfristigen Perspektive, innerhalb einer multipolaren Welt von einer Form der friedlichen Koexistenz zwischen China und Indien ausgehen, solange die Vorteile einer solchen Konstellation für beide Nationen gegeben scheinen.[5] Längerfristig ist heute nicht auszuloten, in welchem Ausmaß ihre grundsätzliche Verschiedenheit - in Geschichte und Kultur, Mentalität, politischem System, geopolitischen Ambitionen, Ressourcensicherung usw. - zu konsens- oder konfliktorientierten Lösungen führen wird.

Zur Selbsteinschätzung Indiens

Im Vergleich zum einzigartigen Aufstieg Chinas im 21. Jahrhundert ist jener Indiens langsamer und weniger spektakulär verlaufen, aber trotzdem beeindruckend. Die britische Kolonialherrschaft bremste über Jahrzehnte Ambitionen einer eigenständigen Entfaltung und prägte die indische Mentalität nachhaltig, hinterließ aber gleichwohl Fundamente einer „westlichen“ Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine Infrastruktur, die bis in die 1970er-Jahre jener Chinas überlegen war. Mit der Teilung des Subkontinents, begleitet von blutigen Auseinandersetzungen, erklärten sich die Nachfolger Britisch-Indiens, Indien und Pakistan, am 15. August 1947 für unabhängig, und am 26. November 1949 konstituierte sich Indien als Republik. Im postkolonialen Status lange als Entwicklungsland und Armenhaus Asiens gesehen, blieb Indien seinen Prinzipien einer autochthonen wie pluralistischen politischen Orientierung treu und bezeichnet sich deshalb mit Stolz als „größte Demokratie der Welt“. Auch in den Augen neutraler Beobachter wird dies - bei allen eingestandenen Schwächen - oft als die langfristig entscheidende Trumpfkarte gegenüber dem Rivalen China gedeutet. Um etwa 2025 wird Indien das bevölkerungsreichste Land der Erde sein, da die demographische Struktur bis 2050 im Gegensatz zu China, Japan und Europa „jung“ bleibt. In den 70 Jahren seiner Unabhängigkeit hat das Land einen weiten Entwicklungspfad zurückgelegt und ist dabei, über seine jetzige Position als regionale Führungsmacht des südasiatischen Subkontinents hinaus mit dem Ehrgeiz einer Großmacht zukünftig zum globalen Mitspieler unter den mächtigsten Nationen zu avancieren. Die wachsende Bedeutung spiegelt sich in einer gesteigerten Selbsteinschätzung auf allen Ebenen. So wird Premierminister Narendra Modi bei seinen zahlreichen Auftritten im In- und Ausland nicht müde, sein Mantra zu verkünden: „Now, it is India‘s turn. And we know that our time has come“.[6] Realistische Vision oder Größenwahn? Bis 2029 dürfte Indien ökonomisch an Deutschland und Japan vorbeiziehen und damit hinter China und USA zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Erde aufrücken. Kaum bekannt: Von 2015-2018 übertrafen die Wachstumsraten Indiens jene Chinas, allerdings von wesentlich niedrigerem Ausgangsniveau.

Demokratie, Demographie, Ökonomie - drei starke Argumente hinsichtlich einer künftigen Führungsrolle des Landes. Das indische Selbstwertgefühl speist sich aber keineswegs nur aus sichtbaren ökonomischen Fortschritten, sondern aus dem tief verwurzelten Gefühl kultureller Einzigartigkeit und Überlegenheit. Dazu zählen die glorreiche Vergangenheit großer Dynastien, die Stellung als „Juwel in der Krone“ des britischen Weltreichs, die (so gesehene) moralische Überlegenheit der großen Führer Gandhi und Nehru, die auf spezifischen moralischen Werten basierende Botschaft nicht nur an den neuen Staat, sondern an die ganze Welt, die Wiedergeburt der Nation aus dem Geist der „immerwährenden“ indischen Kultur. 1947 formulierte Nehru „a tryst with destiny…India discovers herself again…a new star rises, …a vision long cherishes materialises“ und „fate has marked us for big things“.[7] Aus den negativen Erfahrungen der Kolonialzeit resultiert jedoch gleichermaßen eine tief verwurzelte Animosität gegenüber allem Fremden, die indisches Verhalten bis heute prägt. Nicht Expansion, sondern Verteidigung der Eigenständigkeit ist das beherrschende Paradigma. Darauf basieren Kernprinzipien der Außenpolitik, die Politik der Blockfreiheit (non-alignment) - heute mutiert zu strategic autonomy, Selbstständigkeit (self reliance), wirtschaftlicher Autarkie (swadeshi) und Gewaltlosigkeit (ahimsa). Nicht zuletzt deshalb gilt Indien international als schwieriger, oft zögerlicher Verhandlungspartner. Die geistige Elite, die Parteien und eine breite Bevölkerungsmehrheit sind gleichwohl davon überzeugt, dass „Incredible India“ eine „natürliche“ Führungsrolle in der Welt zusteht. Aber nicht „die“ alleinige Führungsrolle, die heute China anstrebt, sondern jenen „rechtmäßigen Platz“ in der Völkergemeinschaft, mit dem internationale Anerkennung und Respekt einhergehen. Durch den überwältigenden Wahlerfolg der religiös-nationalistischen Indischen Volkspartei (BJP) 2019 und ihrer parlamentarischen absoluten Mehrheit verfestigt sich die Vorstellung einer Zivilisation des Hinduismus, „Hindutva“, die eine Vorreiterrolle in der Welt zu spielen hat.[8] Paradox, und damit von typisch indischer Ambivalenz, bleibt die Gleichzeitigkeit der Sehnsucht sowohl nach internationaler Anerkennung wie nach einer von außen ungestörten Eigenständigkeit.

Chinas Anspruch und seine Einschätzung Indiens

Die bilateralen Beziehungen zwischen China und Indien werden nicht nur durch die wachsende Machtasymmetrie zwischen den beiden Riesen gestört, sondern basieren auf kulturellen wie historischen (Vor-)Urteilen. Wie es J. Mohan Malik drastisch formuliert: „In China‘s future vision of Pax Sinica, India is a total misfit“ und weiter „Consequently, relations between Asia’s two giants remain stymied by a paucity of parallel interests, are dogged by nationalism on both sides, characterized by conflicting world-views, and marred by an intensifying cold war“.[9] Die KP Chinas sieht sich in direkter Nachfolge des imperialen China in der moralischen Verpflichtung, Werte und Normen der chinesischen Zivilisation als „benevolente Führungsmacht“ nicht nur im Kernland, sondern über alle jeweils eroberten Territorien zu verbreiten. In Präsident Xi Jinpings Propagierung des „chinesischen Traums“ gilt es, eine vorhandene Hierarchie der internationalen Beziehungen als Voraussetzung für Frieden und Stabilität, also für „Harmonie“, zu garantieren. Kleine, schwache Nachbarn sind damit besser als ernsthafte Gegner in einer multipolaren Welt. Deshalb basiert auch das OBOR-Konzept (One Belt, One Road) nicht auf einer Vorstellung der Gleichwertigkeit der involvierten Partner. Die politische Konzeption Pekings beruht einerseits auf der Vorstellung kultureller Einzigartigkeit, historischer Größe und Vermeidung der Schrecken des „dunklen Jahrhunderts“ (von den Opiumkriegen bis 1949), in dem China schwach, arm und hilflos Außenmächten ausgeliefert war, zum anderen auf der Durchsetzung von Realpolitik, wo das Recht durch die Macht bestimmt wird. Die Auseinandersetzungen mit Indien an der indisch-tibetischen (seit 1950 chinesischen) Grenze sind trotz unzähliger Versuche, Abkommen und immer neuer Anläufe für eine bilaterale Lösung seit Jahrzehnten virulent, und China versucht geopolitisch alles, um Indien „in die Schranken“ zu weisen - von der Verweigerung der Aufnahme in wichtige globale Gremien (z.B. Ständiger Sitz im Sicherheitsrat der UNO - eine komplexe Frage mit ähnlichen Ansprüchen von Brasilien, Deutschland und Japan) über die „ewige Freundschaft“ mit Indiens Hauptgegner Pakistan, territoriale Konflikte im Himalaya, Konkurrenz um Ressourcen (z.B. Wasserkonflikte), im Außenhandel, bis hin zum nuklearen Wettrennen und zum Ringen um die Vorherrschaft im Indischen Ozean. Indien wird in der chinesischen Propaganda von Diplomaten wie Analytikern vorwiegend als arm und rückständig bezeichnet, häufig sogar als Nation geleugnet - „India is an artificial British creation“ - bis hin zur Formulierung: „Es kann nicht zwei Sonnen am Firmament geben“. Indische Ambitionen werden als unrealistische und unerreichbare Träume abgetan, die nur von westlichen Medien gepusht werden. China sieht (wohl mit Recht) nur die USA als echte Herausforderung im Kampf um die Führungsmacht, Indien bestenfalls als Junior-Partner oder Möchtegern in der Vision der Pax Sinica. Nur selten taucht die Bezeichnung „möglicher Rivale“ auf. Peking spielt jetzt auf der Weltbühne als Primgeiger und braucht keinen asiatischen Partner mehr für anti-westliche politische Kommentare (vgl. Corona-Pandemie). China ist tief in den „Vorhof“ Indiens - Südasien - eingedrungen, politisch, ökonomisch und auch militärisch (Pakistan, auch Afghanistan). Das „chinesische Modell“ scheint aus der Sicht der KP Chinas wie der Volksarmee der demokratischen Verfassung Indiens weit überlegen zu sein.

Zur Einschätzung Chinas durch Indien

Indiens Haltung gegenüber China war nach der Unabhängigkeit beider Staaten zunächst freundlich. Der vom Geist der Gewaltlosigkeit getragene Kurs des indischen Premiers Nehru bemühte sich um ein gutes Verhältnis, der Tenor lag auf dem Slogan „Hindi Chini Bhai Bhai“ (Inder und Chinesen sind Brüder). 1954 kam es zur Vereinbarung der „Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz“, die international sowohl für die dritte Kraft der „Blockfreien“ (unter Führung von Nehru, Nasser und Tito) wie für die Volksrepublik zur Richtschnur außenpolitischen Verhaltens wurden. Ein ungelöstes Grundproblem war jedoch von Anbeginn der (bis heute) ungeklärte Grenzverlauf im Himalaya mit einer langen Vorgeschichte, weil die von den Briten definierte McMahon-Linie von Peking nie völkerrechtlich akzeptiert wurde. Mit der Flucht des Dalai Lama aus dem okkupierten Tibet 1959 und der Gewährung von Asyl durch Indien verschlechterten sich die Beziehungen stetig und mündeten im Oktober 1962 in einen kurzen, aber heftigen Grenzkrieg, der das militärisch völlig unterlegene Indien unvorbereitet traf. Binnen weniger Tage standen chinesische Militärs am Brahmaputra, erklärten dann am 20. November einen einseitigen Waffenstillstand und ihren Rückzug. Diese Demütigung der jungen Nation gehört zu den traumatischen Erfahrungen Indiens und wird der politischen Fehleinschätzung Nehrus sowie der bewussten Kleinhaltung der Streitkräfte angelastet. Die daraus resultierende anti-chinesische Grundeinstellung einer breiten Öffentlichkeit hält bis heute an und hat zum Eintritt Indiens in den Rüstungswettlauf und zur Entscheidung für die atomare Bewaffnung geführt. Die jetzige Situation zwischen Indien und China wird von Analytikern treffend als „Kalter Frieden“ apostrophiert[10] (ausführlicher dazu im Kapitel Grenzprobleme). Wie noch zu zeigen sein wird, ist Indien zu groß, um von China beiseitegeschoben zu werden. Bald wird Indien über die größere und v.a. jüngere Bevölkerung als China verfügen; die wirtschaftlichen Wachstumsraten übertreffen - wie bereits erwähnt - jene Chinas seit Jahren, und die nukleare Zweitschlagfähigkeit des Militärs sollte jeder Gegner fürchten. Für die Erreichung seiner ökonomischen Vorgaben braucht China den Einstieg in den riesigen indischen Markt. Die Wiederbelebung des strategischen „quadrilateral dialogue“ zwischen USA, Japan, Indien und Australien, auch als Reaktion auf die chinesischen Ambitionen im Südchinesischen Meer, stellt die chinesische Führung vor neue Herausforderungen. Die wechselseitige Animosität zwischen „Tiger“ und „Elefant“ bleibt sowohl geprägt von den zivilisatorischen Mythen ihrer Geschichte als auch von ihren realpolitischen Auseinandersetzungen. Trotzdem übt sich das „offizielle“ Indien gegenüber China in einem Pragmatismus, der die Wirtschaftsbeziehungen fördern soll und gemeinsame Vorgangsweisen bei internationalen Konferenzen einschließt, wenn es sich für beide Seiten von Vorteil erweist.

Ziele und Probleme der indischen Außen- und Sicherheitspolitik

Die künftige Bedeutung Indiens in einer multipolaren Welt wird von der internationalen Politik - mit Ausnahme Chinas! - als (sehr) hoch eingeschätzt, wenn auch in nuancierter Differenzierung - hier eine Auswahl: als big player, global power, superpower, leading power, emerging oder re-emerging power, aber auch als balancing power, premature power, bridging power, cautious power, weniger martialisch als indispensable partner oder als India‘s rightful place etc. Ganz überwiegend sind es Machtprojektionen, die auf Größe und Stärke in der Kombination der Parameter Politik/Wirtschaft/Militär fokussieren. Vor dem expliziten Anspruch auf Anerkennung als globale Macht scheuten jedoch Generationen von indischen Politikern jahrzehntelang zurück, dafür hat sich auch der Terminus der „verhinderten Großmacht“ eingebürgert. Dies ist dem tief verwurzelten Prinzip der Gewaltlosigkeit und dessen Umsetzung in der blockfreien Politik nach Erlangung der Unabhängigkeit geschuldet, verbunden mit der paktlosen Eigenständigkeit. Die im 21. Jahrhundert stetig wachsende Anerkennung wirft aber die Frage auf, welche (neue) Rolle Indien in der Welt von heute spielen kann oder soll. Gibt es deshalb einen Perspektivenwechsel in der indischen Außenpolitik? In Neu Delhis Kreisen existieren wie in allen Machtzentren „Tauben und Falken“, und bisher hat sich keine spezifische außenpolitische Doktrin durchsetzen können. Damit ist v.a. gemeint, dass von einem „grand design“, verglichen mit den USA, China oder Russland, keine Rede sein kann.

Indien als Hegemon Südasiens

Indien sieht sich innerhalb Südasiens, also in seinem unmittelbaren Einflussbereich, in einer „natürlichen“ Führungsrolle und scheute bisher nicht vor einer Vielzahl von Eingriffen in die inneren Angelegenheiten seiner schwächeren Nachbarn zurück. Der übermächtige Dominator ist in allen wichtigen Bereichen ungleich stärker als die übrigen Staaten in Summe (so liegt z.B. Indiens Anteil am BIP der Region bei 78%). Kein Wunder, dass diese Staaten sich, so gut sie können, der ständigen Bevormundung und Einmischung zu erwehren suchen. Immer wieder scheute sich das laut Selbsteinschätzung so friedfertige Land nicht, nach eigenem Gutdünken mit Waffengewalt zu intervenieren - schon im Zuge der Staatengründung erfolgte im September 1948 die gewaltsame Einverleibung der Fürstentümer Junagadh und Hyderabad, die sich nicht der Indischen Union anschließen wollten (Hyderabad hatte damals über 200.000 km² und ca. 17 Mio. Ew.), gefolgt von der „Befreiung“ der portugiesischen Kolonien Goa, Daman und Diu 1961. Im Bürgerkrieg in Ostpakistan 1971 brachte das massive Eingreifen des indischen Militärs die Wende und die Staatsgründung von Bangladesch. 1975 wurde das kleine Königreich Sikkim im Himalaya annektiert, 1988 ein Staatsstreich auf den Malediven niedergeschlagen. Zum Debakel entwickelte sich die erfolglose Mission einer indischen „Friedenstruppe“, die zeitweise über 100.000 Mann umfasste, in Sri Lanka zwischen 1987 und 1990. Die Ordnungsmacht Indien ist weiterhin für die Außenpolitik Bhutans zuständig und greift ohne Zögern in die politischen Zustände Nepals und der Malediven ein. Die Regionalorganisation SAARC (South Asian Association for Regional Cooperation), entstanden in den 1980er-Jahren auf Initiative der kleineren Länder, ist wegen der permanenten Spannungen zwischen Indien und Pakistan aus heutiger Sicht eine Totgeburt. Die Staaten Südasiens wickeln nur 5% ihres gesamten Handels untereinander ab, nicht zuletzt auch wegen infrastruktureller Unterentwicklung. In den letzten Jahren fielen die „Hilfsleistungen“ Chinas (Darlehen, Infrastruktur, Rüstungsgüter) auf fruchtbaren Boden. Das erfolgreiche Eindringen Chinas in das „indische Vorfeld“ Südasien verstört die regionale Führungsnation nicht wenig. Das indische Lippenbekenntnis des Mottos „Neighbourhood First“ für eine verstärkte Regionalpolitik (2014) erwies sich als Sturm im Wasserglas. Erst mit dem massiven Eindringen Chinas in Südasien scheint Indien „aufzuwachen“.[11]

Das nicht zu lösende Hauptproblem der indischen Außenpolitik ist und bleibt seit der Teilung des Subkontinents der Erzfeind Pakistan. Die permanenten Spannungen zwischen dem säkularen Indien und der Islamischen Republik Pakistan vergrößerten sich im Lauf der Jahrzehnte, aus indischer Sicht v.a. durch die pakistanische Seite aus Gründen der immer weiteren Islamisierung aller Lebensbereiche und des mehrfachen Wechsels zwischen Parteiendemokratie und Militärdiktatur. Drei Kriege um Kaschmir (1947/48, 1965 und 1971) vergifteten alle Friedensbemühungen (siehe weiter unten zu Kaschmir). Der Kaschmirkonflikt hat eigenständige Ursachen, China ist nur als „Freund und Helfer“ Pakistans indirekt involviert. Im sogenannten Kargil-Konflikt 1999 schrammten die Rivalen nur knapp an einer atomaren Auseinandersetzung vorbei, wobei der Waffenstillstand erst nach einer massiven Intervention der USA zustande gebracht wurde. Annäherungsversuche zwischen den verfeindeten Brüdern werden immer wieder von Anschlägen terroristischer Gruppen zunichte gemacht, die aus Pakistan auf indisches Gebiet einsickern - seit 1980 sind über 100 Angriffe auf indisches Territorium dokumentiert.[12] Pakistan vermeidet den offenen Kampf mit Indien, verfolgt jedoch eine Politik der wiederholten Nadelstiche.

Ausweitung der internationalen Beziehungen

Außerhalb Südasiens zeigt Indien durch sein gestiegenes Selbstbewusstsein ein neues Verständnis internationaler Beziehungen. Nur ironisch lässt sich jene Phase einer Realpolitik kommentieren, in der die „größte Demokratie der Welt“ mit der kommunistischen Supermacht freundschaftlich verbunden war, hingegen die USA Pakistan bevorzugten, das zwischen Militärdiktatur und Unregierbarkeit pendelte. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR (1989), damals ökonomisch und militärisch wichtigster Partner, fand sich Indien auf Seiten der Verlierer. Vierzig Jahre Planwirtschaft nach sowjetischem Muster wurden 1991 endgültig zu Grabe getragen, und das politische Einigeln auf die „self-reliance“ wie auf den Maximalradius Südasien ging ebenfalls zu Ende. Indien musste sich, wenn auch ohne Begeisterung, der Welt öffnen. Wirtschaftsbeziehungen zu Russland und Großbritannien schwächten sich ab, jene zum Nahen Osten wurden intensiviert (Erdöl). Mit den wichtigsten Staaten Europas wie auch der EU insgesamt hat Indien „strategische Partnerschaften“ aufgenommen, doch handelt es sich ganz überwiegend um Wirtschaftsbeziehungen, im weltpolitischen Kalkül spielt Europa nur eine marginale Rolle. Der BREXIT wird diese Einstellung noch verstärken. Seit 1994 setzt Indien verstärkt auf eine neue Strategie, die „Look East Policy“, später umgewandelt in die „Act East Policy“, welche auch die geopolitische wie militärische Annäherung an Ost- und Südostasien forciert.[13] Mit der Aufnahme Indiens 1996 in die ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) sowie bilateraler Verträge mit den Staaten Südostasiens festigte sich seine Anerkennung als wichtiger Akteur im asiatisch-pazifischen Großraum, wobei Sicherheitsfragen im Vordergrund stehen. Diese geographische Ausweitung der Interessen kann zweifach interpretiert werden, entweder als geopolitische Komponente des wirtschaftlichen Aufschwungs des Landes (Sanjaya Baru 2018) oder vice versa als ökonomische Komponente der geänderten Außenpolitik (Ahuja and Kapur, 2018).[14] Dies reflektiert die verstärkte Ausrichtung Indiens nach Fernost, ökonomisch auch mit der EU, vorsichtiger mit den USA. Die nahezu fiebrige Reiseaktivität Narendra Modis seit seinem ersten Wahlsieg 2014 steht jedenfalls unter dem Motto Außenpolitik = Wirtschaftspolitik.[15] In den letzten Jahren verstärken sich die Kontakte zu wichtigen Staaten Afrikas, mit Ost- wie Südafrika, v.a. mit den Inselstaaten des Indischen Ozeans - nicht zuletzt wegen der großen indischen Diaspora - und Lateinamerikas. Zwar besitzt China einen großen zeitlichen Vorsprung bei sehr viel höheren Investitionen, doch versucht Indien Boden gutzumachen. Eine neue Zusammenarbeit zwischen Indien und Japan soll einen „Asia-Africa Growth Corridor“ (AAGC) als angepeiltes Gegengewicht zur maritimen Seidenstraße Chinas schaffen.

Das verbesserte Verhältnis Indien - USA

Besonders bedeutsam ist das sich stetig verbessernde Verhältnis zu den USA, und dies nach Jahrzehnten gegenseitigen Misstrauens, phasenweise sogar eines feindseligen Gegeneinanders. Die indische (Bündnis-) „Unfähigkeit“ und Amerikas lange propagiertes Selbstverständnis als „Weltpolizist“ schlossen einander über viele Jahre aus. Das Verhältnis zwischen Indien und den USA wurde mit „estranged democracies“ - etwa einander entfremdeter Demokratien - gut charakterisiert. Diese Einstellung änderte sich auf beiden Seiten sehr rasch mit den Ereignissen von „9/11“, dem darauf weltweit intensivierten Kampf gegen den islamischen Terrorismus und dem raschen Aufstieg Chinas. Die alten geopolitischen Feindbilder hatten ausgedient. Heute schätzen die USA Indien als wichtigen Wirtschaftspartner und Gegenspieler Chinas und hoffen, dass sein Aufstieg zum (wenigstens asiatischen) Großmachtstatus die Ambitionen Chinas bremsen kann. Indien weigert sich jedoch weiterhin, ein formales Bündnis mit den USA oder einer anderen Macht einzugehen. Die nach den indischen Atombombentests 1998 verhängten nuklearen Sanktionen wurden erst 2008 durch Präsident Bush aufgehoben und durch ein einzigartiges Abkommen über die zivile atomare Kooperation ersetzt - denn Indien weigert sich bis heute, dem Atomwaffensperrvertrag („Non-Proliferation Treaty“) beizutreten, und befindet sich dabei in „bester“ Gesellschaft mit Pakistan, Nordkorea und Israel! Seither verdichten sich Kontakte auf allen Ebenen, wobei die amerikanische Rüstungsindustrie in den Genuss indischer Großaufträge kommt, dies zulasten Russlands. Der Neuordnung des bilateralen Umgangs mit den USA misst Indiens Außenpolitik höchste Bedeutung bei, noch stärker seit dem ersten Wahlsieg Narendra Modis 2014.[16]

Der zweitägige offizielle Staatsbesuch Donald Trumps am 24./25. Februar 2020, mit Pomp gefeiert, wenn auch anscheinend ohne große Ergebnisse, unterstreicht diese Annäherung.

Das schwierige Verhältnis Indien - China

Mit den bisherigen Darlegungen dürfte schon klar geworden sein, dass zwischen Indien und China die Rivalität ungleich stärker greift als eine (mögliche) Partnerschaft. Der rasante Bedeutungszuwachs Chinas auf der Weltbühne vertieft die schiefe Ebene zwischen den asiatischen Giganten. Trotzdem - um die Verbesserung der bilateralen Beziehungen zwischen Indien und China bemühten sich durch die Jahrzehnte kaum noch überschaubare Konsultationen, Gesprächsrunden, wechselseitige Besuche der Staatsspitzen etc. Ein neues Format des Gedankenaustausches, in das nicht geringe Hoffnungen gesetzt wurden, sind „informelle Gipfeltreffen“ zwischen Xi Jinping und Modi. Das erste fand in Wuhan am 27./28. April 2018 statt, das zweite in Mamallapuram bei Chennai (Madras) am 11./12. Oktober 2019, das nächste Treffen 2020 in China ist in Vorbereitung. Trotz freundlicher persönlicher Annäherung und medienwirksamer Inszenierung ist ein Ertrag, wenn überhaupt, bisher nur in bilateralen wirtschaftlichen Inputs erkennbar. Unüberwindbar bleiben hingegen die geopolitischen Differenzen. Xi Jinping setzte seinen Besuch 2019 unmittelbar in Nepal fort, wo sich seit 1996 kein chinesischer Führer mehr gezeigt hatte, um die Bedeutung des Treffens mit Modi zu nivellieren.

Wie es Ankit Panda formuliert: „For now, India and China remain as far apart as ever on fundamentals. And given their interests and mutual suspicions, no amount of meetings can change that.“[17] Der einzige substanzielle Fortschritt ist im Ausbau der Handelsbeziehungen von praktisch null (Abschottung Indiens in der Planwirtschaft bis 1990) auf 100 Mrd. USD (Ziel für 2020) jährlich zu sehen, doch auch dabei fällt die Import/Export-Bilanz sehr einseitig zugunsten Chinas aus. Neben dem rasanten bilateralen Handelsausbau ist als weiteres Element positiver Partnerschaft das gemeinsame Auftreten bei Großkonferenzen gegen die westlichen Industriestaaten, z.B. Weltklimakonferenzen oder Handelsgesprächen, festzustellen sowie in der Mitgliedschaft in bedeutenden internationalen Organisationen. Dazu zählen die BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) und die SOZ (Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit - Indien erst seit 2017). Ein wichtiges Instrument dieser Zusammenarbeit zwischen China und Indien ist auch ihre Führungsrolle in den neuen großen Entwicklungsbanken - deren Gründung allerdings international hochgefeierte chinesische Initiativen waren, der New Development Bank (2014), der Asian Development Bank (ADB) sowie der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB, beide seit 2015), wobei sich Agenden teilweise überschneiden, aber projektspezifisch nicht konkurrieren. Sie gehören desgleichen zu den wichtigen Nationen im Konsultationsmechanismus RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership Initiative), in dem 16 Staaten aus dem asiatisch-pazifischen Raum ihre ökonomische Kooperation vorantreiben wollen. Trotzdem muss gesagt werden, dass auch auf dieser Ebene die Synergien zwischen Indien und China das mögliche Potenzial keineswegs ausschöpfen und die Volksrepublik das deutlich größere Investitionsvolumen einbringt - damit auch die führende Rolle spielt.

Hat sich Indiens  Außenpolitik geändert?

Die Einschätzungen, ob und wieweit sich die Außenpolitik Indiens unter Modi geändert hat, geraten sehr unterschiedlich. In einzelnen Teilbereichen lassen sich sowohl Kontinuität als auch Veränderungen festmachen. Dies gilt sowohl für offizielle Quellen als auch für die Medienlandschaft.[18] Die „Zuckerbrot und Peitsche“-Taktik gegenüber Pakistan ist endgültig einem härteren Kurs gewichen. Auf globaler Ebene geht Indien der schlechte Ruf als sturer Verhandler und Bremser in der Sicherheitspolitik voraus, etwa in den Bemühungen um die Verbesserung des Schutzes von Zivilbevölkerung - „Responsibility to Protect“ (R2P); Kritiker bezeichnen dies als „indischen Exzeptionalismus“. Das bisweilen endlose Lavieren bei wichtigen Fragen lag früher vielleicht am mangelnden Selbstvertrauen auf dem internationalen Parkett. Jedoch schmiedet Indien heute verstärkt „strategische Partnerschaften“ im Sinne eines Machtausgleichs in einer multipolaren Welt und möchte sich so als „große Nation“ mit Verantwortungsbewusstsein für die Weltpolitik profilieren. In den globalen Foren BRICS und IBSA (den „demokratischen Staaten“ Indien, Brasilien und Südafrika) zeigt sich Indien flexibel genug, mit seinen Partnern neue Finanzierungsinstitutionen jenseits von World Bank und IMF zu entwickeln. Nicht, wie zuerst vermutet, als Konkurrenz der Schwellenländer zur westlichen Kapitalmacht, sondern als Ergänzung mit spezifischen Entwicklungsagenden. Indiens programmatische Anwendung von „strategischen Partnerschaften“ mit immer mehr Staaten in Asien, Europa und Afrika stellt keine Veränderung seiner Grundprinzipien dar, doch haben sich dadurch Ausmaß und Intensität seiner außenpolitischen Aktivitäten deutlich verstärkt und verlagert.[19] Es bleibt allerdings zu betonen, dass Indien bisher wichtige Ziele nicht erreicht hat, z.B. die Aufnahme als gleichwertiges Mitglied in höchstrangige politische Foren, v.a. als (seit Jahrzehnten vergeblich angestrebtes) Mitglied im Ständigen Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (Hauptgrund: Veto Chinas), in die Nuclear Supplier Group (NSG) oder in die G7 der führenden (westlichen) Industrienationen. 

Das terrestrische und maritime Konfliktumfeld Indien - China

Drei große miteinander verwobene Konfliktfelder verhindern seit vielen Jahren immer neue Anläufe eines verbesserten Verhältnisses zwischen China und Indien. Es sind dies die permanent schwelenden Auseinandersetzungen im gemeinsamen Grenzbereich, die ewig kriegsbereite Konfrontation der verfeindeten Brüder Indien und Pakistan (unter dem Schirm Chinas) und die konträren Auffassungen über Schutz und Nutzung des Indischen Ozeans.

Gemeinsame Grenzen, Tibet und Kaschmir - unlösbare Probleme?

Bilaterale Grenzkonflikte

Bilaterale Grenzkonflikte zwischen China und Indien gehören zu den zeitlich längst andauernden ungelösten Konflikten weltweit. Die geographische Nachbarschaft sollte erst durch die britischen kolonialen Ambitionen zum Problem werden. Ab 1835 entwickelte sich zwischen dem zaristischen Russland und der britischen Krone das sogenannte „Great Game“.[20] Deshalb richteten die Briten 1903/04 eine Militärexpedition unter Francis Younghusband aus, die Lhasa erreichte und den Dalai Lama zur Flucht in die Mongolei zwang. Britisch-Indien machte Tibet damit zum Protektorat, das dann von 1912-1951 ein de facto unabhängiger Staat war, da China aufgrund innerer Wirren seine Souveränität nicht (mehr) durchsetzen konnte. 1914 legten die Briten und tibetische Unterhändler eine gemeinsame Grenze fest, die nach dem damaligen Chefverhandler benannte McMahon-Linie. Während der Rechtsnachfolger Indien bis heute diesen Verlauf als verbindliche Staatsgrenze betrachtet, hat ihn China niemals akzeptiert und ratifiziert. 1950/51 marschierten chinesische Truppen in Tibet ein. Die Vernichtung Tausender buddhistischer Klöster während der Kulturrevolution und die bis heute anhaltenden Repressalien an der tibetischen Bevölkerung werden weltweit verurteilt, aber von China stets als Einmischung in die inneren Angelegenheiten abgetan. Als der Dalai Lama 1959 nach Indien floh und Asyl erhielt, verschlechterten sich die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Indien und China stetig, und kleinere Grenzscharmützel wurden häufiger. Am 20. Oktober 1962 drangen chinesische Truppen massiv in indisches Territorium ein, überwältigten die unvorbereiteten wie völlig unterlegenen indischen Soldaten in wenigen Tagen und standen am Brahmaputra. Die Aufmerksamkeit der Welt war durch die gleichzeitige Kubakrise abgelenkt. Mit dem von China einseitig ausgerufenen Waffenstillstand am 21. November (mit etwa 2.000 Toten) endete diese verheerende Niederlage Indiens, die zum geopolitischen wie militärischen Umdenken führte. Eine wichtige Folge war, dass sich Indien seinem politischen Unterstützer Sowjetunion zuwandte und China dem Erzfeind Pakistan. Aus „Dankbarkeit“ überließ Pakistan der VR China 1963 ein ca. 4.500 km2 großes Gebiet Kaschmirs im KarakorumBereich, eine Provokation für Indien. Während China auch die praktisch menschenleere Hochfläche von Aksai Chin (ca. 38.000 km²), aus indischer Sicht einen weiteren Teil Kaschmirs, okkupiert hat, weigerte sich Indien, über seinen Bundesstaat Arunachal Pradesh (entspricht der Fläche Österreichs) in Nordostindien zu verhandeln, der von China als „Süd-Tibet“ bezeichnet wird. Die rund 3.500 km lange gemeinsame Grenze bleibt seither umstritten, mit Hunderten kleineren Übergriffen (pro Jahr!), wechselseitigen Drohgebärden und wiederholten Gesprächsrunden. Besonders heiße Phasen der Grenzkonflikte ergaben sich 1967, 1986, 1987[21] sowie aktuelle Vorfälle wie im Folgenden beschrieben. Was bringt die beiden asiatischen Riesen dazu, um ökonomisch wertlose, strategisch zentrumsferne und symbolisch nur eingeschränkte Bedeutung aufweisende Grenzlinien mit Zähnen und Klauen zu ringen? Eine Antwort darauf liegt im Exzeptionalismus der kulturellen Überlegenheit der beiden Mächte, die kein Zurückweichen erlaubt. Eine andere These geht davon aus, dass China die Grenzprobleme künstlich aufrechthält, um Indien zu „beschäftigen“. Dies lenkt sowohl vom Dauerthema Tibet ab und zwingt Indien auch, große Truppenkontingente an der gemeinsamen Grenze zu halten, die sonst gegen Pakistan einsatzfähig wären. Die jüngste ernsthafte Konfrontation war die ausführlich durch die Weltpresse gegangene Doklam-Affäre, die wiederum Indiens Misstrauen gegenüber China verstärkte. Doklam ist eine Hochgebirgsweide im Dreiländereck Bhutan, Sikkim (Indien) und Tibet, zu Bhutan gehörend, von China beansprucht. Als am 16. Juni 2017 chinesisches Militär mit einem Straßenbau begann, reagierte Indien binnen zwei Tagen mit der „Operation Juniper“ und verhinderte den Weiterbau. Indien ist seit 1949 Schutzmacht Bhutans und dort seit 2007 in einem Freundschaftsvertrag weiterhin für die Außensicherung zuständig. Es fürchtete um den strategisch wichtigen „Flaschenhals“ des Siliguri-Korridors, der schmalen Landverbindung zu den sieben Bundesstaaten Nordostindiens. Als sich schließlich am 28. August 2017 beide Seiten zurückzogen, wurde der 73-tägige Widerstand der indischen Soldaten (in Erinnerung an 1962) euphorisch gefeiert.



Der geopolitische Hotspot Kaschmir

Im jahrzehntelangen Ringen um Kaschmir gehört diese Region Südasiens zu den geopolitischen Hotspots der Welt und bleibt auch konstant im internationalen Fokus. Bei der Teilung Britisch-Indiens wurden die Provinzen je nach religiöser Mehrheit Indien oder Pakistan zugeschlagen. Das Kernland Kaschmirs weist eine Zweidrittelmehrheit von Muslimen auf, stand jedoch unter der Herrschaft eines hinduistischen Maharadschas, der sich durch das Eindringen islamischer Freischärler gezwungen sah, am 26. Oktober 1947 den Anschluss an Indien zu verkünden. Folgerichtig entwickelte sich daraus der erste Krieg zwischen Indien und Pakistan 1947/48. Der UNO-Sicherheitsrat forderte am 21. April 1948 beide Parteien zum Waffenstillstand und zur Abhaltung eines Plebiszits auf (Resolution 47), in dem die Bevölkerung über ihre Zugehörigkeit entscheiden sollte. Ein Abkommen für einen Waffenstillstand wurde erst am 27. Juli 1949 unterzeichnet (Karachi Agreement), jedoch keine genaue Demarkierung fixiert. Seither hat Indien die Abhaltung einer Volksabstimmung verhindert, wohl aus Furcht vor der muslimischen Majorität. Indien beruft sich auf seine säkulare Verfassung, doch war dies bis 2019 der einzige Bundesstaat mit muslimischer Mehrheit. Eben deshalb fordert Pakistan den Anschluss Kaschmirs an sein nationales Territorium, scheiterte aber damit auch im zweiten Krieg 1965. Nach der dritten Niederlage Pakistans 1971 mit dem Verlust Ostpakistans wurde die provisorische Waffenstillstandslinie zur De-facto-„Line of Control“ (LoC) zwischen dem indischen Bundesstaat Jammu&Kashmir und Azad Kashmir („Freies“ Kaschmir) plus Sondergebiet Gilgit-Baltistan auf Seiten Pakistans. Der letzte, fast schon verzweifelte Versuch, die politische Realität zugunsten Pakistans umzukehren, waren die Kargil-Kämpfe von 1999. Zu den größten denkbaren Verrücktheiten gehört der Siachen-Konflikt,[22] das höchstgelegene Kampfgebiet der Erde. Der 70 km lange Siachengletscher liegt strategisch am Rand des Gebiets, das Pakistan 1963 an China abtrat, und in Nähe des strategisch wichtigen Karakorum-Passes. Lange vergessen und nie demarkiert, kam es trotzdem 1984 zu den wohl sinnlosesten Kriegshandlungen zwischen Indien und Pakistan. Im extremen Hochgebirge (Temperaturen bis minus 50 Grad) gibt es Armeeposten bis 6.400 m Höhe! Auf beiden Seiten stehen seither je 3.000 Soldaten, die Kosten gehen in die Mrd. USD. Tausende sind nicht militärischen Einsätzen zum Opfer gefallen, sondern der Höhenkrankheit, Lawinen, Stürmen, Schneeblindheit, Erfrierungen usw. Seither kam die Himalaya-Region nie mehr zur Ruhe. Eine endlose Kette von radikalen Parteien und Politikern, Gruppen von Terroristen und entsprechend harte Gegenmaßnahmen Delhis halten bürgerkriegsähnliche Zustände aufrecht. Diese Konflikte haben bisher mindestens 70.000 Tote gefordert, allein zwischen 19882018 an die 45.000 Zivilpersonen, Ordnungskräfte und Freischärler/Terroristen. China unterstützt in „ewiger Freundschaft“ die Position Pakistans diplomatisch und liefert Ausbilder, Know-how und Waffen. 2019 war ein weiteres Schicksalsjahr für Kaschmir. Am 14. Februar 2019 wurden über 40 indische Sicherheitskräfte bei einem Selbstmordanschlag der Terrorgruppe Jaish-eMohammed bei Pulwama (Kaschmir) getötet. Diesmal reagierte Delhi entschlossen und bombardierte erstmals auf pakistanischem Territorium ein (vermeintliches?) Terror-Camp bei Balakot (in Pakistan). Beide Seiten ließen die Situation wiederum abkühlen - aber der bleibende Gewinn für Modi war seine mediale Stilisierung als entschlossener „Wächter der Nation“. Ein ihrer Ideologie geschuldetes Versprechen der regierenden hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party, BJP (Volkspartei), den bestehenden Sonderstatus Kaschmirs (Artikel 370 der indischen Verfassung) aufzuheben, wurde schlagartig am 5. August 2019 umgesetzt. Die Sonderrechte wurden beendet und Kaschmir laut offizieller Propaganda „Indien gleichgestellt“, innenpolitisch vom Bundesstaat zum „Union Territory“ herabgestuft und geteilt.[23] Über 500.000 Soldaten erstickten weitgehend die heftige zivile Gegenwehr mit Ausgangssperren, Verhaftung politischer Führer, Blockierung aller Informationskanäle usw. Die Anhänger der BJP in ganz Indien jubeln, die Gegner weltweit klagen die Regierung an. Ob die Folgen dieses Schritts beherrschbar sind?

Auch eine Lösung der Grenzprobleme mit China rückt jedenfalls in weite Ferne, da sein Verbündeter Pakistan nach wie vor das ganze Kaschmir beansprucht.

Rivalität im Indischen Ozean

Die globale Bedeutung des Indischen Ozeans, sowohl geopolitisch als auch geoökonomisch, hat in den letzten Jahren deutlich an Gewicht gewonnen. In Zeiten der Dominanz der Supermächte USA und UdSSR in der öffentlichen Wahrnehmung noch vernachlässigt, durchziehen diesen Großraum heute Lebensadern der Weltwirtschaft unter stärkerem Einfluss der asiatischen Aufsteiger China und Indien mit durchaus möglichen Konflikten sowohl politischer als auch militärischer Natur. Etwa die Hälfte des weltweiten Containerverkehrs und 70% des Ölhandels laufen über die Seewege dieses Ozeans, nahezu 30% des Welthandels werden in den Häfen der Anrainerstaaten umgeschlagen. China, Indien sowie die Staaten Südostasiens sind bereits die globalen Wachstumstreiber, und dieser Trend wird sich in Zukunft noch verstärken. Immer mehr Akteure mischen in einem komplexen geopolitischen wie geoökonomischen Umfeld mit und erhöhen damit das Gefahrenpotenzial möglicher Konflikte.

Ein komplexes geopolitisches Spannungsfeld

Durch die inzwischen vielfältigen wirtschaftlichen wie militärischen Aktivitäten Chinas ist das tradierte Gleichgewichtssystem - zuerst jenes der britischen Einflusssphäre, nach dem Zweiten Weltkrieg gefolgt von jenem der USA - aus der Balance geraten. Von Indien wird die chinesische Präsenz als wachsende Bedrohung gegenüber den eigenen Interessen wahrgenommen. Für China wie für Indien ist die Sicherung der Handelsrouten von größter Bedeutung, da die Seewege den Löwenanteil des gesamten Güterumschlags ausmachen.

Die ab 2013 konzipierte „Maritime Seidenstraße“ Chinas ist der zweite Hauptstrang der „Belt and Road Initiative“ (BRI) - der Begriff wird alternativ zu OBOR (One Belt, One Road) verwendet -, mit der gleichzeitig wirtschaftliche wie strategische Ziele verfolgt werden; dazu zählen die Öffnung neuer Märkte und der Abbau von Überkapazitäten im eigenen Land sowie die stärkere politische Anbindung (bis hin zur Abhängigkeit) kleinerer Staaten für eine künftige regionale Führungsrolle Chinas.[24] Massive Investitionen und Darlehen in die Infrastruktur dieser Länder, v.a. in Hafenanlagen und Pipelines, haben zu „Schuldenfallen“ bei diesen Empfängern geführt, sei es in Pakistan, Sri Lanka, auf den Malediven oder in Dschibuti. Die sich verschärfende ökonomisch-politische Konkurrenz zwischen Indien und China verleitet auch kleinere Staaten dazu, die beiden Rivalen gegeneinander auszuspielen. Strategisch besonders bedeutsam scheint der milliardenschwere Ausbau des Hafens Gwadar in Pakistan, wo sich die „string of pearls“-Initiative (systematischer Ausbau von Häfen zwischen China, Afrika und Europa) mit dem China Pakistan Economic Corridor (CPEC) trifft, der die chinesische Provinz Xinjiang mit dem Indischen Ozean verbinden soll. Ein weiteres Paradebeispiel geopolitischer Strategie ist der Bau des Hafens Hambantota plus zugehöriger Stadt in Sri Lanka, der wegen nicht möglicher Bedienbarkeit der Kredite in chinesisches Eigentum (auf 99 Jahre) umgewandelt werden musste. Der starke Ausbau chinesischer Marineeinheiten und deren zunehmende Aktivitäten (auch) im Indischen Ozean stellen Indien vor schwierige Aufgaben.[25] Denn tief verwurzelt im strategischen Denken ist die Auffassung, dass der Indische Ozean, wie schon der Name verheißt, nichts anderes sei als Indiens Ozean,[26] also das erweiterte maritime Vorfeld der terrestrischen Südasienpolitik. Nicht nur weil sich Indien als Hegemon Südasiens durch die zunehmenden ökonomischen wie politischen Vorstöße Chinas in Indiens Nachbarstaaten in seiner Rolle als regionale Führungsmacht bedroht sieht, artikuliert es zugleich Ambitionen einer spezifischen Verantwortung für den gesamten Ozean, eine Pax Indica von der Straße von Hormus bis zur Straße von Malakka einschließlich der Ostküsten Afrikas und aller Inselstaaten, also im klassischen geopolitischen Diskurs die internationale Akzeptanz einer „indischen Einflusssphäre“. Indien lehnt als einziger Staat Asiens das Seidenstraßenkonzept Chinas völlig ab und damit auch das „string of pearls“-Konzept als Einkreisungspolitik.

Indiens Marineaktivitäten

Indien ist klar, dass nur eine starke militärische Präsenz auf den Weltmeeren einen künftigen Großmachtstatus garantiert. Dies wird seit der Verkündung der „Indian Navy‘s Maritime Doctrine“ 2004 angestrebt. Eine Vielzahl von gemeinsamen Marinemanövern soll die Interoperabilität der Marine erhöhen, etwa die bereits seit 1992 (Indien und USA) bestehende maritime MALABAR-Serie mit den USA und Japan, (seit 2015) zum Teil Australien und Singapur oder die ebenfalls jährliche Übung IBSAMAR der IBSA-Gruppe (Indien, Brasilien, Südafrika), d.h. der drei demokratischen Mitglieder der BRICS (unter Ausschluss von China und Russland). Aber in keiner Waffengattung klaffen Wunschdenken und reale Möglichkeiten der Umsetzung weiter auseinander als in der indischen Marine,[27] die bis heute nur 15% der budgetären Mittel für die Landesverteidigung erhält. Umso größer geraten die Visionen der Marinedoktrin: Zwei große Flottenverbände, geführt von Flugzeugträgern, sollen die West- bzw. Osthälfte des Ozeans sichern und damit ein Gegengewicht zu den chinesischen Intentionen bilden. Als zweite Speerspitze einer seebasierten nuklearen Abschreckung gelten U-Boote mit atomarem Antrieb und ballistischen Raketen mit Mehrfachsprengköpfen, SSBN („Ship Submersible Ballistic Nuclear“). Indien hat eines von Russland geleast und ein zweites im Eigenbau 2016 in Dienst gestellt. Insgesamt wünscht sich die Marine drei einsatzbereite Flugzeugträger sowie drei bis sechs SSBN[28] - die gewaltigen Bau- und Betriebskosten führen zur Frage der Leistbarkeit wie Sinnhaftigkeit dieser Projektionen, auch vor den neuen Herausforderungen von cyber wars, star wars und A2 AD Technologie (Anti-access/Area denial).

Indiens Reaktion auf Chinas Ambitionen

Auf der politischen Ebene existieren sehr unterschiedliche Wahrnehmungen der Ambitionen im Indik.[29] Sowohl wegen der schwächeren finanziellen Kapazitäten als auch wegen der Scheu vor konkreten Bündnissen können daher die Antworten Indiens auf Chinas Machterweiterung im Indischen Ozean nur fragmentierter Natur sein sowie überwiegend nur reaktiv. Indien bemüht sich sehr, Chinas Einfluss in Sri Lanka und auf den Malediven wiederum zurückzudrängen. Das Plädoyer für Vertrauen, Einhaltung des internationalen Seerechts, friedliche Konfliktlösungen und verstärkte Zusammenarbeit orientiert sich an Modis Konzept Security and Growth for All in the Region (SAGAR, seit 2015).[30] Während die South Asian Association for Regional Cooperation (SAARC) der Staaten Südasiens durch den Dauerkonflikt Indien-Pakistan praktisch tot ist, versucht Indien seit 2016 die östlichen Nachbarn stärker einzubinden durch eine Wiederbelebung von BIMSTEC (Bay of Bengal Initiative for Multi-Sectoral Technical and Economic Cooperation). Wie erwähnt arbeitet Indien gemeinsam mit Japan daran, dem chinesischen Einfluss in den Inselstaaten des Indischen Ozeans mit einer wirtschaftlichen Gegenoffensive zu begegnen, dem Asia-Africa Growth Corridor (AAGC). Neue militärische Kooperationsverträge sind mit den Malediven, Seychellen, Mauritius und Komoren ausverhandelt. Bestehende Formate, die zu verstärkter Sicherheit führen sollen - wie die Indian Ocean Rim Association (IORA) oder das Indian Ocean Naval Symposium (IONS) - bleiben bisher ohne Wirkung. Die zunehmende geopolitische Rivalität im Indischen Ozean, v.a. zwischen den großen Akteuren China-Indien-USA, ist offensichtlich, ebenso wie die sich parallel entwickelnde Konfrontation im indo-pazifischen Bereich. Schon 2007 wurde die sogenannte Quad ins Leben gerufen, eine lose Kooperation der Marinen von USA, Japan, Indien und Australien mit dem Ziel, die chinesische Expansion im Indik und im Pazifik möglichst zu behindern. Nach einer Phase des Niedergangs wurde 2017 die Quad 2.0 wiederbelebt.[31] Während die drei anderen Partner eine verstärkte militärische Kooperation wollen, beharrt Indien auf seiner „strategischen Autonomie“. Es ist ja auch strategischer Partner von Russland und Iran und möchte die sich ausweitenden Handelsbeziehungen mit China nicht gefährden. Indien ist der ökonomisch schwächste Partner in diesem Kleeblatt, und der wirtschaftliche Aufstieg genießt oberste Priorität. Gleichzeitig sind seine Waffensysteme - trotz inzwischen großer Aufträge an die USA und Frankreich - noch immer russisch dominiert, was die Interoperabilität stark erschwert.

In einem zweiten Beitrag wird der Aufstieg Indiens präzisiert mit Abschnitten zur Entwicklung des Militärs, der atomaren Rüstung, zum Wettlauf im All, dem ökonomischen Aufschwung sowie Messungen und Prognosen des Machtpotenzials.

(Wird fortgesetzt)

Anmerkungen:


[1] Der berühmt gewordene Terminus des Harvard-Professors Francis Fukuyama im Kontext des Buches „The End of History and the Last Man“, Free Press, New York 1992.

[2] Die Wortschöpfung „Asiatisches Jahrhundert“ wird dem Diplomaten und Politologen Kishore Mahbubani zugeschrieben: Die Rückkehr Asiens. Das Ende der westlichen Dominanz. Propyläen Verlag, Berlin 2008. Vgl. auch sein jüngstes Interview in DER SPIEGEL Nr. 12/14.3.2020, S.70-73. Ebenso: Parag Khanna: Unsere Asiatische Zukunft. Rowohlt. Berlin 2019.

[3] Siehe „Weltbevölkerungsuhr“ https://countrymeters.info/de/World. Weltbevölkerung: 7,770 Mrd.; (1) China 1,409 Mrd. (18.1%), (2) Indien 1,388 Mrd. (17.9%), (3) USA 333 Mio. (4.3%).

[4] Aktuell mit dieser Vielschichtigkeit befasst sich der Band von Chris Ogden: China and India. Asia‘s Emergent Great Powers, Polity Press, Cambridge 2017. Kap. 2, Strategic Cultures and Identities (S.35-55) zeigt die unterschiedlichen Wertvorstellungen und deren Einfluss auf die strategischen Visionen.

[5] Rezente Vorschläge, um die Beziehungen zwischen Indien und China zu verbessern: Manoj Kewalramani, Anirudh Kanisetti, Suyash Desai, Shibani Mehta (December2019): An Indian Approach to Navigate China‘s Rise. Takshashila Discussion Document, 2019-08. Und Jagannath P. Panda and Atmaja Gohain Baruah: Foreseeing India-China Relations: The ‘Compromised Context’ of Rapprochement. Analysis from the East-West Center, Asia PacificIssues, no.138, July 2019.

[6] Alyssa Ayres: Our Time has come. How India is making its place in the world. Oxford University Press, South Asia edition, New Delhi 2018. Zitat (S.25): „Then, as now, the desire for recognition and an elevation in its global rank - status - has played a powerful role in Indian ambitions.“

[7] Jawaharlal Nehru (2007): „A Tryst with Destiny - Great Speeches of the 20th Century“, Guardian, 1 May. Zitiert nach Chris Ogden: China and India. Asia‘s Emergent Powers. Polity Press, Cambridge, 2017, S.43.

[8] Am 12.12.2019 wurde im Parlament der Citizenship Amendment Act (CAA) beschlossen, der die Religionszugehörigkeit als Bedingung des Rechtsanspruchs der Staatsbürgerschaftserlangung bestimmt, mit dem real die Muslime ausgeschlossen werden können. Der CAA verschiebt Indiens säkulares Staatsverständnis zugunsten einer Hindu-Dominanz.

[9] J. Mohan Malik: Chinese perspectives on India‘s rise. In: Jagannath P. Panda: India and China in Asia. Between Equilibrium and Equations. Routledge Studies on Think Asia, 2019, S.21-42. Zitat S.21: www.routledge.com/Routledge-Studies-on-Think-Asia/book-series/TA.

[10] Jeff M. Smith: Cold Peace: China–Rivalry in the Twenty-First Century. Lexington Books, Maryland, USA, 2014.

[11] Christian Wagner: Indien - China. Ein ambivalentes Verhältnis. In: Welttrends, Nr.155, Sept. 2019, S.33-38. „Für die Staaten Südasiens ist China im Vergleich zu Indien ein politisch eher neutraler und wirtschaftlich sehr viel attraktiverer Partner“. (Zitat S.36).

[12] Einige Attacken von in Pakistan ausgebildeten Terroristen von Lashkar-e-Toiba, Jash-e-Mohammed u.a. erlangten weltweite Medienpräsenz - wie der Anschlag auf das Parlament in New Delhi 2001 oder auf Mumbai 2008 mit 184 Opfern. Am 14. Februar 2019 wurden im Distrikt Pulwama (Kaschmir) 46 Sicherheitskräfte bei einem Bombenanschlag getötet. Dies führte zu den massivsten Gegenschlägen Indiens seit 1999, damit zu einem neuen politischen Hoch für den „starken Mann“ Modi und als chowkidar (Wächter) der Nation zu einem Schub für seinen triumphalen Wahlsieg im Mai 2019.

[13] Sandeep Singh: From a Sub-Continental Power to an Asia Pacific Player. India‘s Changing Identity. India Review, vol. 13, no.3, 2014, S.187-211.

[14] Sanjaya Baru: India and the World. Essays on Geoeconomics and Foreign Policy. Academic Foundation. New Delhi 2018. Amit Ahuja and Devesh Kapur: India‘s geoeconomic strategy. India Review, vol. 17, no.1, 2018, S.76-99.

[15] Zwischen Juni 2014 und Februar 2020 hat Narendra Modi über 100 Auslandsreisen unternommen (u.a. sechsmal in die USA, fünfmal nach China, Russland, Frankreich, viermal nach Deutschland, Japan, Singapur - Info des Ministry of External Affairs, New Delhi).

[16] Eine Reaktion aus pakistanischer Sicht: Riaz Khokhar: The US–India Strategic Partnership: Pakistan´s Foreign Policy Response. Center for International Strategic Studies, Islamabad (CISS), vol. vi, no.1, 2018. 26 pp.

[17] Ankit Panda: The Second „Informal Summit“ is done. Now for the hard part in India-China ties. In: The Diplomat, Oct. 21, 2019. https:// thediplomat.com/2019/10/the-second-informal-summit-is-done.

[18] Ausführlich diskutiert in: Manjari Chatterjee Miller and Kate Sullivan de Estrada (eds.): India‘s Rise at 70. Special Issue, International Affairs, vol.93, no.1, S.1-198, 2017. Darin u.a.: Amrita Narlikar: India‘s Role in Global Governance: A Modi-fication?, S.93-111. Sowie Surup Gupta, Rani D. Mullen, Rajesh Basrur, Ian Hall, Nicolas Blarel, Manjeet S. Pardesi, Sumit Ganguly: Indian Foreign Policy under Modi – A New Brand or Just Repacking? International Studies Perspectives, 2019, 20, p.1-45. doi:10.1093/isp/eky 008.

[19] Sandra Destradi: Towards a more Determined and Responsible Foreign Policy? Continuity and Change in India‘s Foreign Policy under Prime Minister Modi. In: Michael Staack und David Groten (Hrsg.): China und Indien im regionalen und globalen Umfeld. Opladen-Berlin-Toronto, 2018, S.143-159.

[20] Das Great Game basierte auf der Heartland-Theorie des britischen Geographen Sir Halford Mackinder (1904). Heute wird der Begriff auf das Ringen großer Mächte übertragen - z.B. David Scott (2008): The Great Power „Great Game“ between India and China: „The Logic of Geography“. In: Geopolitics, 13:1, 1-26. http://dx.doi. org/10.1080/14650040701783243.

[21] Siehe dazu die Standardreferenz: John W. Garver: Protracted Contest. Sino-Indian Rivalry in the Twentieth Century, Univ. of Washington Press, 2001. Thazha V. Paul (ed.): The China-India Rivalry in the Globalization Era. Georgetown Univ. Press, 2018. Darin Mahesh Shankar: Territory and the Sino-Indian competition, S.27-54 und Andrew Scoball: Himalayan Standoff: strategic culture and Sino-Indian rivalry, S.165-186.

[22] Siachen: All you should know about the world‘s costliest battlefield. ET online,20/11/2019 https://economictimes.indiatimes.com/news/ defence/siachen-all.

[23] Dieser politische Schachzug bedeutet den Verlust des autonomen Status und die Verwaltung von Delhi aus. Der buddhistisch geprägte Teil Kaschmirs, Ladakh, vereint nun (de jure) mit dem chinesisch okkupierten Aksai Chin ebenfalls ein neues Union Territory.

[24] Gurpreet S. Khurana: India as a Challenge to China‘s Belt and Road Initiative. In: Asia Policy (Seattle, Washington) 2019, S.27-33. „BRI is seen in New Delhi as China‘s endeavor to capitalize on the desires, vulnerabilities and insecurities of regional countries.“ Zitat S.28.

[25] David Brewster (ed.): India and China at Sea: Competition for Naval Dominance in the Indian Ocean. Oxford University Press, 2018.

[26] Yogendra Kumar, Probal K. Gosh: The „Indo” in the „Indo_Pacific” An Indian View. Naval War College Review, vol. 73, no.2, Article 7, 2020. https://digital-commons.usnwc.edu/nwc-review/vol73/iss2/7.

[27] Iskander Rehman: India‘s fitful quest for seapower. India Review 2017, vol.16, no.2, S.226-265 https://doi.org/10.1080/14736489.201 7.1313566.

[28] The Quest for India‘s Supercarrier. In: CIMSEC (Center for International Maritime Security). Cabability Analysis, Oct. 25, 2017. cimsec. org/quest-indias-supercarrier/34540.

[29] David Brewster: „neither side seems able to comprehend the strategic concerns and sensitivities of the other“ (zit. S.34) in Brewster (ed.), a.a.O., 2018, opening chapter: „A Contest for Status and Legitimacy in the Indian Ocean“.

[30] Diese Oberziele Indiens wurden erneut bekräftigt durch die Keynote Address von Narendra Modi beim Shangri La Dialogue, June 1, 2018 in Singapur.

[31] Sameer Lalwani: Reluctant link? India, the Quad, and the free and open Indo-Pacific. GMF Asia Report 2019, no. 9, S.27-34. In: Sharon Stirling (ed.): Mind the gap - National views of the free and open Indo-Pacific. http://www.gmfus.org/listings/research/type/publication.