Indien-Pakistan

Jüngste Spannungen


Seit der staatlichen Unabhängigkeit von britischer Kolonialherrschaft im Jahr 1947 haben Indien und Pakistan vier Kriege geführt (1947/48, 1965, 1971 und 1999). Speziell um das mehrheitlich muslimische Kaschmir-Gebiet entflammten militärische Konflikte (1947/48, 1965 und 1999).  In jüngerer Vergangenheit standen Indien und Pakistan 1987, 1990 und 2001/2002 am Rande eines neuerlichen Waffenganges. Die umstrittenen Grenzen gerade in der Kaschmir-Region zwischen Pakistan, Indien und China gehören zu den konfliktanfälligsten der Welt, weil tiefe Emotionen sich mit handfesten Interessen mischen. Geplante Staudammprojekte und die negativen Folgen des Klimawandels heizen diese Spannungen zusätzlich an.[1]

Seit der blutigen Teilung  Indiens  und Pakistans 1947 ist die Zugehörigkeit des mehrheitlich von Muslimen dominierten Kaschmir umstritten. Beide Länder erheben Anspruch auf die gesamte Region, die vor der Unabhängigkeit von Großbritannien vom Maharadscha von Kaschmir regiert worden war.

Nach den schweren Terroranschlägen in Mumbai 2008, für die islamistische Extremisten aus Pakistan verantwortlich waren, hat sich die Beziehung zwischen den Nachbarn deutlich abgekühlt. Erst 2012 haben Indien und Pakistan wieder Gespräche aufgenommen. So wurde etwa das strikte Visa-Regime gelockert und der bilaterale Handel erleichtert.


Neue Gewalt im indisch-pakistanischen Grenzgebiet

Die Gewaltspirale im Grenzgebiet des geteilten Kaschmir-Gebietes begann sich 2019 zwischen den Atommächten Indien und Pakistan wieder verstärkt zu drehen. In der Region waren am 14. Februar 2019 bei einem Selbstmordanschlag der islamistischen Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed (JeM) 41 indische Sicherheitskräfte getötet worden. Es war der schwerste Anschlag auf Regierungstruppen im indischen Teil der Kaschmir-Region seit drei Jahrzehnten. Die im Nachbarland Pakistan ansässige Islamistengruppe beanspruchte die Tat für sich. Die indische Armee startete nach dem Anschlag eine umfangreiche Vergeltungsaktion und bombardierte schließlich den mutmaßliche Terroristen-Stützpunkt. Dabei sei „eine grosse Zahl“ an Extremisten getötet worden, so ein indischerRegierungssprecher.  Die indische Regierung sprach von einer „unumgänglichen Präventivaktion“. Die islamistischen Extremisten seien kurz davor gestanden, neue Angriffe auf indische Ziele zu verüben, hieß es. Die pakistanische Regierung verurteilte hingegen die Verletzung des pakistanischen Luftraums als „provokativen Akt“.

Indien hat in der unruhigen Kaschmir-Region ca. 500.000 Soldaten stationiert. Der indische Premierminister Narendra Modi hatte nach dem Selbstmordanschlag der Islamisten im indischen Kaschmir gedroht, dass der pakistanische Staat einen hohen Preis dafür zahlen werde.

Danach eskalierte die Lage: Am 27. Februar scchossen pakistanischen Streitkräfte nach eigenen Angaben zwei neuerlich in den pakistanischen Luftraum eingedrungene indische Militärmaschinen ab; auch ein pakistanisches Kampfflugzeug wurde im Luftkampf mit den Indern zerstört, so die indische Regierung.  

Unabhängige Experten zweifelten aber die Existenz solcher Lager in unmittelbarer Nähe der pakistanisch-indischen Grenze an.

Islamabad bestritt parallel dazu jede Mitverantwortung am Terrorangriff von Mitte Februar, den ein junger Kaschmirer mit indischem Pass auf indische Soldaten verübt hatte. Allerdings bekannte sich der Attentäter zur JeM, die in Pakistan verboten ist. Die pakistanische Regierung von Premierminister Imran Khan scheint trotz aller gegenteiligen Beteuerungen dennoch diese islamistische Gruppierung auf ihrem Gebiet zu dulden.


China und die USA drängten beide Staaten zur Mäßigung. US-Außenminister Mike Pompeo rief in einer veröffentlichten Stellungnahme Indien und Pakistan dazu auf, auf weitere Militäreinsätze zu verzichten.


Pakistanische Terrororganisation Laschkar-e Taiba als „verlängerter Arm“ des pakistanischen Geheimdienstes?

Im November 2008 führte die pakistanische Terrororganisation Laschkar-e Taiba einen groß angelegten Angriff auf die indische Millionenstadt Mumbai durch, bei dem nach fast viertägigen Gefechten mit den indischen Sicherheitsbehörden am Ende über 160 Menschen ums Leben kamen. Damals hatten viele Experten vorausgesagt, dass sich die pakistanische Untergrundgruppe der Liga global agierender dschihadistischer Milizen angeschlossen hätte und ihre Operationen und Ziele dementsprechend koordinieren würde. Doch es stellte sich nach und nach heraus, dass die Terroranschläge von Mumbai ein Produkt der offenbar engen Beziehungen von Laschkar-e Taiba und dem pakistanischen Militär waren. Die Absenz einer weiteren Terrorattacke dieses Ausmaßes auf indischem Territorium sei keine wirkliche Abkehr von der bisherigen Strategie. Vielmehr reflektiert das Fehlen neuer großer Anschläge dieser Gruppe in Indien nach 2008 die neue Prioritätensetzung vor allem der pakistanischen Streitkräfte und des Geheimdienstapparates, weiteren internationalen Druck auf Pakistan und erhöhte Spannungen mit dem Nachbarland Indien tunlichst zu vermeiden. Schließlich solle damit offensichtlich einer breit angelegten militärischen Eskalation mit Indien aus dem Weg gegangen werden.

 Seit 9/11 versuchten die USA vergeblich, die politischen und militärischen Entscheidungsträger in Islamabad davon zu überzeugen, dass seine verbündeten Terrorgruppen im Kaschmirgebiet zu einer großen Belastung geworden seien. Aus Sicht Washingtons sei die Untergrundgruppe ihrem „Meister“ entwachsen und würde zunehmend auch die innere Sicherheit Pakistans gefährden. Einige andere militante Dschihadistenmilizen hatten sich bereits gegen staatliche Institutionen in Pakistan gewandt und gingen gewaltsam gegen religiöse Minderheiten im Lande vor. All das trägt zu weiterer Instabilität Pakistans bei.

Doch Laschkar-e Taiba ist in solchen Aktivitäten gegen den pakistanischen Staat auffallend nicht involviert. Die Organisation hat offenbar einen ganz anderen Wert für das pakistanische Militär. Seit 2008 ist Laschkar-e Taiba eine mehr oder weniger klar erkennbare „Verlängerung“ des pakistanischen Sicherheitsapparates geworden.[2] Die Untergrundgruppe ist bemüht, die außenpolitischen Interessen des pakistanischen Militärs in Kaschmir und Afghanistan umzusetzen. Zudem sucht Laschkar-e Taiba nach Wegen, die Interessen des Militärs im Inland zu schützen. Weiters ist die Terrorgruppe bemüht, sich sozial zu engagieren und tritt nun auch als politische Partei in Pakistan auf. Die Loyalität von Laschkar-e Taiba zum pakistanischen Militärapparat hat den pakistanischen Staat vor einer größeren Krise mit Indien bewahrt. Andererseits könnte gerade diese Nähe zu den pakistanischen Sicherheitskräften der Auslöser für einen großen Krieg zwischen den zwei benachbarten Atommächten in den nächsten zehn Jahren sein. Dabei handle es sich um eine „tickende Zeitbombe“.

Abgeschlossen: Anfang Mai 2019



Anmerkungen:

[1] Siehe: Claus Kleber, Cleo Paskal, Spielball Erde – Machtkämpfe im Klimawandel, C. Bertelsmann Verlag München 2012, S.182ff.

[2] Tricia Bacon, „The Evolution of Pakistan’s Lashkar-e-Tayyiba Terrorist Group“. In: Orbis 1/2019, Seite 27 – 43.




Weiterführende LINKS:

Eine Chronologie der indisch-pakistanischen Feindschaft – NZZ

Conflict Between India and Pakistan - Council on Foreign Relations

Kashmir History and Background

Kashmir: Why India and Pakistan fight over it - BBC News