Japan im Ersten Weltkrieg

Harald Pöcher

 

Der japanische Beitrag zum Ersten Weltkrieg führte zu einer Neugestaltung des westpazifisch-ostasiatischen Raumes und schuf damit den Nährboden für die nachfolgenden Erschütterungen der europäischen Kolonialpolitik im Pazifik. Zum besseren Verständnis der weiteren Ausführungen muss auf die japanischen außenpolitischen Interessen vor dem Ersten Weltkrieg beziehungsweise auf die innenpolitischen Verhältnisse eingegangen werden. 

Die Geschichte Japans am Vorabend des Ersten Weltkrieges

Nach mehr als 250 Jahren der Abschottung Japans vom Rest der Welt erzwang der US-Commodore Matthew C. Perry mit seinen modernen Dampfschiffen 1853 eine Öffnung des Landes.[1]) Dem ersten Japanisch-Amerikanischen Vertrag über Handel und Freundschaft (1854) folgten bald die Großmächte Europas mit ähnlichen ungleichen Verträgen, in denen territoriale und hoheitliche Rechte an ausländische Mächte abgetreten wurden. Nach heftigen Kämpfen im Lande gewannen die kaiserlichen Truppen das Ringen um die Macht; seitdem gilt das Jahr 1868 als Beginn der Restauration der kaiserlichen Macht. Im Gegensatz zu den als „Halbgöttern“ verehrten Tennos im alten Japan waren die Tennos nach der Restauration von Politikern missbrauchte Halbgötter. Die Berater des Kaisers Mutsuhito (wie in Japan üblich, erhielt Mutsuhito nach seinem Ableben den Namen Meiji-Tenno) versuchten alles zu unternehmen, um das in vielen Lebensbereichen rückständige Japan rasch zu modernisieren. Japaner begaben sich auf Studienreisen, beispielsweise die Iwakura-Mission, die zwischen 1870 und 1873 Nordamerika und Europa besuchte, u.a. während der Weltausstellung 1873 auch Österreich-Ungarn, das erstmals 1869 mit Japan diplomatische Beziehungen aufgenommen hatte.[2])

Ein bedeutender Teil dieses Aufholprozesses Japans betraf die Streitkräfte, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Vergleich zu den großen Mächten jener Zeit maßlos veraltet waren. Die führenden Politiker waren sich damals im Klaren, dass den Streitkräften eine wichtige Rolle zukommen muss, und ersannen dafür auch den passenden Wahlspruch „fukoku kyohei“ (Reiche Nation-starke Armee). Unmittelbar nach der Öffnung des Landes gaben sich die ausländischen Militärdelegationen - auch in der Hoffnung auf gute Geschäfte für ihre Rüstungsindustrien - die Türklinken in die Hand und versuchten ihr Militärsystem in Japan salonfähig zu machen. Am nachhaltigsten schafften dies noch die Briten bei der Aufstellung der modernen japanischen Seestreitkräfte, wogegen beim Heer die Franzosen zunächst tonangebend waren.[3]) Nach der Niederlage Frankreichs gegen Preußen 1870/71 wurden allerdings vermehrt japanische Offiziere zum Studium der Erfolge des deutschen Heeres zu deutschen Militärschulen und anderen militärischen Einrichtungen entsandt. Damit nahm der Einfluss des deutschen Heeres auf die Ausgestaltung des kaiserlich japanischen Heeres seinen Anfang. Die österreichisch-ungarischen Streitkräfte spielten für die Japaner bei der Einrichtung einer modernen Armee hingegen keine große Rolle. Österreich-Ungarn kann für sich aber als Positivum verbuchen, dass der Major des Generalstabes Theodor Edler von Lerch (1869-1945) anlässlich seines Studienaufenthaltes in Japan im Jahre 1911 bei den japanischen Streitkräften den alpinen Schilauf eingeführt hatte.[4])

Die wohl wichtigste Ausbildungs- und Beratungsleistung vollbrachte der deutsche Major im Generalstab Klemens Wilhelm Jakob Meckel (1842-1906),[5]) der 1885 nach Japan kam und dort bis 1888 an der Stabsakademie lehrte. Auf seinen Rat hin wurden ein eigener Generalinspekteur und Stabsspiele eingeführt. Die Grundlagen der Taktik, Führung im Frieden und Einsatz und Logistik, die Meckel in all seinen Kursen und Schriften den Japanern hinterlassen hatte, prägten das kaiserliche japanische Heer bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

1885 kann auch als Ausgangsdatum angesehen werden, in dem die Gunbatsu (= Militärfraktion) den bedeutenden Einfluss auf die Kontrolle und Entscheidungen in der Innen- und Außenpolitik der Regierung erhielt. Von 1885 bis 1945 stellte das Militär mit 15 von 30 die Hälfte aller Ministerpräsidenten und ein knappes Viertel aller Kabinettsmitglieder. Die Kriegs- und Marineminister waren damals bis auf wenige Ausnahmen stets aktive Generäle und Admiräle und unterstanden nur dem Kaiser. Japan wurde am Vorabend des Ersten Weltkrieges zumeist von ultrakonservativen Ministerpräsidenten regiert. Einer dieser Ministerpräsidenten, Taro Katsura, ein wichtiger Schützling von Aritomo Yamagata, dem Mitbegründer des modernen japanischen Heeres, beherrschte zwischen 1898 und 1911 das innen- und außenpolitische Geschehen. Neben Katsura beeinflusste Kinochi Saionji das innenpolitische Geschehen. Saionji wandelte sich, durch das Studium in Frankreich beeinflusst, vom Konservativen zum Liberalen und hatte dadurch einen anderen Zugang zum Militärapparat. Er versuchte u.a. während seiner Amtszeit das Militärbudget einzuschränken, was ihm aber nicht gelang, da der Heeresminister zurücktrat und sich das Heer weigerte, einen anderen Vertreter in die Regierung zu entsenden.

Der militärische Aufstieg Japans und die Entstehung des japanischen Imperialismus ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen mit der handstreichartigen Eingliederung des Königreichs der Ryūkyū-Inseln im Jahre 1871 und mit der Strafexpedition nach Taiwan 1874. Knapp 20 Jahre danach war Japan bereits so stark, dass es im Ersten Chinesisch-Japanischen Krieg (1894/95) das Kaiserreich China entscheidend schlagen konnte. Als Folge davon musste China u.a. auch Port Arthur an Japan abtreten. Da sich aber Russland dieses Gebiet selbst einverleiben wollte, intervenierte es, unterstützt von Frankreich und Deutschland, gegen die Abtretung. Japan wurde dadurch gezwungen, durch einen Zusatzvertrag auf diese Kriegsbeute zu verzichten. Spätestens um die Jahrhundertwende wurden von Gelehrten und Ideologen Aktionspläne zur Expansion erarbeitet. Diese Pläne sahen im Wesentlichen vor, dass Japan innerhalb von 100 Jahren zunächst durch einen Krieg mit China Korea annektieren solle. Danach sollten in einem Krieg mit Russland die Mandschurei erobert und Teile Nordchinas besetzt werden. Als Fernziele waren die Besetzung Südostasiens, von Niederländisch-Indien, letztlich die Eroberung des Südseearchipels bis Hawaii und die Eroberung Australiens und Neuseelands vorgesehen. Japan ging bei der Umsetzung der Pläne gründlich vor. Während des Boxeraufstandes 1900 stellte Japan das größte militärische Kontingent und trug damit wesentlich zur Niederschlagung des Aufstandes bei. Im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) schlug Japan unter Aufbietung aller Kräfte das zaristische Russland. Die militärischen Siege führten zu Gebietszuwächsen am asiatischen Festland, die 1910 durch die Annexion Koreas konsolidiert wurden. Mit der Annexion Koreas erfüllte sich Japan einen lang gehegten Traum, der im dritten Jahrhundert nach Christus seinen Anfang genommen hatte, als Japan zum ersten Mal eine militärische Expedition nach Korea schickte, aber damals genauso scheiterte wie 663 n. Chr. oder während der Invasionsversuche gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Japan bekam nach der Annexion Koreas nur Hunger nach mehr, der nach Ansicht führender Kreise in Tokio am leichtesten durch die Eroberung der deutschen Kolonien in Ostasien und im westlichen Pazifik zu stillen war. Dieser Hunger Japans fiel in zeitlicher Hinsicht mit den schicksalhaften Ereignissen in Europa im Sommer 1914 zusammen. Zehn Jahre nach dem Erfolg gegen Russland trat Japan in den Ersten Weltkrieg ein. Bevor die Ereignisse des Ersten Weltkrieges mit japanischer Beteiligung untersucht werden, ist es erforderlich, einen Überblick über die damalige Stellung des Deutschen Reiches in Fernost und Westpazifik zu liefern.

 

Das Deutsche Kolonialreich in Ostasien und im Pazifik

Während andere europäische Mächte bereits ab dem Ende des 15. Jahrhunderts begannen, Kolonien in Übersee zu gewinnen, schloss sich das geeinte Deutsche Reich erst ab 1884 den europäischen Kolonialmächten an. Im Pazifik annektierte das Deutsche Reich die mittelpazifische Insel Nauru, und 1897/98 wurde das chinesische Kiautschou mit dem Hafenort Tsingtau deutsches Pachtgebiet. 1913 bestand die Stadtbevölkerung aus 53.312 Chinesen, 2.069 Europäern und Amerikanern, 2.400 Soldaten der Garnison, 205 Japanern und 25 anderen Asiaten.[6]) In einem Halbkreis von 50 km um die Kiautschou-Bucht wurde eine neutrale Zone eingerichtet, in der Chinas Souveränität durch Deutschland eingeschränkt war. Ferner bestanden deutsche Bergbau- und Eisenbahnkonzessionen in der Provinz Shantung. Durch den deutsch-spanischen Vertrag von 1899 gerieten weiters die mikronesischen Inseln der Karolinen, Marianen und Palau im Mittelpazifik in die deutsche Einflusssphäre. Deutsche Ansprüche auf die Philippinen konnten hingegen nicht umgesetzt werden, wodurch sich die diplomatischen Beziehungen zu den USA verschlechterten. Durch den Samoa-Vertrag wurde schließlich 1899 der Westteil der Samoa-Inseln im Südpazifik deutsches Schutzgebiet. Während die pazifischen Gebiete über keine militärischen Garnisonen verfügten, wurde der Hafen von Tsingtau zum Flottenstützpunkt ausgebaut.

In Tsingtau war das deutsche Ostasiatische Kreuzergeschwader stationiert. Dieser Verband war ein Schiffsverband der deutschen Marine zur Durchsetzung und Sicherung nationaler Interessen im ostasiatischen und südpazifischen Raum. Zum Zeitpunkt des Kriegsausbruches am 2. August 1914 gehörten folgende deutsche Schiffe zur ostasiatischen Station:[7]) ein Kreuzergeschwader bestehend aus den Panzerkreuzern „Scharnhorst“ und „Gneisenau“, den kleinen Kreuzern „Emden“, „Nürnberg“ und „Leipzig“, dem Hilfskreuzer „Cormoran“ und dem Begleitdampfer „Titania“. Dem Geschwader unterstellt waren ferner die Kanonenboote „Iltis“, „Jaguar“, „Tiger“, „Luchs“ und „Cormoran“, die Flusskanonenboote „Tsingtau“, „Otter“ und „Vaterland“ und das Torpedoboot „S90“. Der militärische Flottenstützpunkt war auch der „Heimathafen des österreichisch-ungarischen Stationsschiffes in Fernost“. Im Sommer 1914 befand sich der alte Geschützte Kreuzer „S.M.S. Kaiserin Elisabeth“ in Tsingtau.[8])

 

Die japanischen Streitkräfte am Vorabend des Ersten Weltkrieges

Während des Aufholprozesses wurde den Verantwortlichen, allen voran dem Kriegsminister Yamagata Aritomo (1838-1922), klar, dass nur durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht den japanischen Streitkräften genügend Soldaten zur Verfügung stehen würden. Japan führte daher 1873 nach zweijähriger Erprobung die Wehrpflicht ein, und 1878 wurde zur Beratung des Kaisers ein selbstständiger Generalstab aufgestellt. Neben der Neugestaltung der militärischen Organisation erfolgte auch der Aufbau einer nationalen Rüstungsindustrie. Die beiden Teilstreitkräfte Heer und Kriegsmarine wurden daraufhin nach europäischen Vorbildern organisiert und bewaffnet. Eine eigenständige Luftwaffe gab es damals noch nicht, allerdings erprobten Heer und Marine zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits die neuen Fluggeräte.

Die Aufrüstung der japanischen Streitkräfte führte auch zu einigen großen Skandalen um Bestechungsgelder. Besonders hervorstechend ist der Siemens/Vickers-Skandal. Durch Bestechungsgeld an die für die Vergabe von Rüstungsaufträgen Verantwortlichen in der Marine sicherte sich Siemens praktisch ein Monopol auf Rüstungsverträge. Die britische Firma Vickers bot ein lukrativeres Geschäft unter Bezahlung eines höheren Bestechungsgeldes an. Der Bestechungsskandal kam ans Tageslicht, als belastendes Material der Nachrichtenagentur Reuters zugespielt wurde.

 

Organisation und Ausrüstung des Heeres und der Kriegsmarine

Das japanische Heer[9])[10]) bestand im Jahre 1914 aus 18 Truppendivisionen. Eine Truppendivision bestand aus dem Divisionskommando, zwei Brigaden mit je zwei Infanterieregimentern, einem Kavallerieregiment, einem bis zwei Artillerieregimentern, einem Pionierbataillon, einem Versorgungsbataillon und Sanitätselementen. Jede dieser Truppendivisionen war so organisiert, dass sie auch ohne Verstärkungen selbstständig eingesetzt werden konnte.

Die Truppen des japanischen Heeres waren modern bewaffnet und ausgerüstet. Die Infanterie verfügte über das Infanteriegewehr Arisaka Typ 38 und das Maschinengewehr Typ 3. Das Rückgrat der Artillerie[11]) bildeten Geschütze der Firma Krupp, die in Lizenz in Japan hergestellt wurden, darunter die 7,5 cm Feldkanone Typ 38. Des Weiteren existierten 7 cm-Gebirgsgeschütze und 10 cm- bzw. 15 cm-Geschütze der Feldartillerie. Das wichtigste Geschütz der Belagerungsartillerie war die 24 cm-Haubitze Typ 45. Im Jahre 1910 beschaffte das Heer einen Farman-Doppeldecker. Der erste Motorflug erfolgte 1910 durch Hauptmann Tokugawa Yoshitoshi. Ein ernsthaftes Interesse des japanischen Heeres an der Militärluftfahrt entwickelte sich jedoch erst knapp vor und während des Ersten Weltkrieges. Die wichtigsten Flugzeugtypen des Heeres waren Flugzeuge der Produzenten Farman und Nieuport.

Die Kriegsmarine war 1914 in drei Flotten gegliedert. Die Erste Flotte bestand aus den modernen Schlachtschiffen und Kreuzern. Der Kommandant der 1. Flotte war Vizeadmiral Kato Tomosaburo. Die 2. Flotte bestand aus älteren russischen Beuteschiffen und Kreuzern. Der Kommandant der 2. Flotte war Vizeadmiral Kato Sadakichi. Die 3. Flotte war im Südchinesischen Meer stationiert und bestand aus Kreuzern. Die wichtigsten Kriegshäfen der Flotten waren Yokosuka, Kure, Sasebo, Ominato und Maizuru.

Ähnlich wie beim Heer steckte die japanische Marinefliegerei noch in den Kinderschuhen, doch erkannten die japanischen Admirale den Vorteil des Flugzeuges, und es wurde 1913 das Frachtschiff Wakamiya zu einem Flugzeugmutterschiff (7.720 Bruttoregistertonnen; 111,1 m lang, 14,7 m breit und 5,8 m Tiefgang; Geschwindigkeit zehn Knoten; Besatzung 234 Mann; vier Wasserflugzeuge; zwei 47 mm-Bordkanonen) umgebaut und einige Flugzeuge angekauft. Während der Manöver im Herbst 1913 erfolgten von diesem Schiff aus bereits einige Starts. Die Marine besaß Anfang 1914 zehn Wasserflugzeuge (drei Curtiss, fünf Farman und zwei Duperdussin) und zwei Rumpler-Tauben aus Deutschland. Am 5. September 1914 erfolgte von der Wakamiya aus der erste Luftangriff mit Marineflugzeugen auf deutsche Ziele vor Tsingtau.

Die unterschiedlichen strategischen Denkrichtungen und die zunehmende Technisierung der Teilstreitkräfte stellten die japanische Rüstungswirtschaft am Vorabend des Ersten Weltkrieges noch nicht vor unlösbare Aufgaben. Erst in der Zwischenkriegszeit führten Meinungsverschiedenheiten zwischen den zwei Teilstreitkräften Heer und Marine zu Doppelgleisigkeiten bei der Produktion von Rüstungsgütern und zur unwirtschaftlichen Nutzung der ohnehin begrenzten Ressourcenlage des Kaiserreiches Japan.

 

Die Lageentwicklung in Fernost im Jahre 1914 bis zum Ausbruch des Krieges in Fernost

Japan erlebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts goldene Zeiten, weshalb es um 1910 bereits eine regionale Großmacht war, die v.a. in Asien mit den USA und den europäischen Großmächten um wirtschaftliche Absatzmärkte und politische Einflusssphären konkurrierte. Nach dem Tode von Meiji-Tenno 1912 bestieg sein Sohn Yoshihito (1879-1926) den Thron. Seine kurze Regierungszeit (1912-1926) wird heute als Taisho-Zeit bezeichnet. Japan hatte 1914 die weitaus höchsten Militärausgaben in Asien (160 Mio. Yen = 540 Mio. Kronen) und auch höhere Militärausgaben als einige europäische größere Mächte.[12]) Japan hatte sich ferner das militärische Wohlwollen der Großmächte der damaligen Zeit durch geschickte Verträge gesichert. Der wichtigste Vertrag war die anglo-japanische Allianz von 1902, die jeweils 1905 und 1911 verlängert wurde. Des Weiteren bestanden ein Vertrag mit Frankreich von 1907 über die Aufrechterhaltung des beiderseitigen Besitzstandes im Fernen Osten sowie über die Integrität Chinas, das Abkommen mit den USA von 1908 über die gegenseitige Anerkennung ihrer Besitzansprüche im Pazifik und die dritte russisch-japanische Einigung über die Einflusssphären in der Mandschurei von 1913. Dieses Netzwerk an bilateralen Verträgen war zumindest ein erster Versuch, die europäischen Kolonialreiche und die US-Ansprüche in Asien und im Pazifik abzusichern.

Es wäre für Japan ein Leichtes gewesen, nicht in den Krieg einzutreten, der hauptsächlich in Europa, dem Nordatlantik und im Nahen Osten wütete. Als Großbritannien aber am 7. August 1914 an Japan das Ersuchen, die deutschen Kriegsschiffe in chinesischen Gewässern zu vernichten, sandte, traf die japanische Regierung am 8. August die Entscheidung, in den Krieg auf Seiten Großbritanniens einzutreten. Bereits zuvor hatte es der Vertrag mit den Briten ermöglicht, dass die Admiralität in London ihre Schlachtflotte in den Heimatgewässern durch den Abzug von Einheiten aus Ostasien verstärken konnte.

Am 15. August 1914 stellte Japan ein Ultimatum an das Deutsche Reich, nach dem alle deutschen Kriegsschiffe aus chinesischen und japanischen Gewässern abzuziehen hätten und Tsingtau an die Japaner übergeben werden sollte. Tags darauf erhielt Generalleutnant Kamio Mitsuomi, der Kommandant der 18. japanischen Truppendivision, den Auftrag, die Einnahme von Tsingtau vorzubereiten. Nach Ablauf des Ultimatums am 23. August erklärte Japan dem Deutschen Reich den Krieg, und bereits ab dem 27. August begann die Seeblockade Tsingtaus.

 

Die Truppen der Mittelmächte in Fernost und ihre Verteidigungsvorbereitungen

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren die Truppen in den deutschen Kolonien auf einen Krieg mit europäischen Mächten nicht vorbereitet.[13]) Die Deutschen reagierten auf die japanische Bedrohung mit der Mobilmachung Tsingtaus und der Konzentration aller vorhandenen asiatischen Hilfstruppen in der Stadt, eingeschlossen die Marinedetachements aus Tientsin und Peking. Die deutsche Garnison unter dem Gouverneur Kapitän zur See Alfred Meyer-Waldeck bestand danach aus den etwa 1.400 Soldaten des III. Seebataillons (vier Kompanien Marineinfanterie, eine Batterie Feldartillerie, eine Kompanie Pioniere und eine berittene Kompanie) sowie ungefähr 3.400 Marineangehörigen (unter diesen vier Kompanien Matrosenartillerie), Soldaten und Freiwilligen. Zusammen kamen die Verteidiger auf etwa 5.000 Soldaten, darunter chinesische sowie österreichisch-ungarische Kräfte (305 Mann Besatzung des Geschützten Kreuzers „S.M.S. Kaiserin Elisabeth“).

Die Verteidigungsvorbereitungen sahen vor: Anlage von Minensperren an potenziellen Landungsplätzen, Überwachung der Einfahrt zur Bucht von Kiautschou und damit zum Hafen von Tsingtau, Besetzen der See- und Landfrontenartillerie, Mobilisierung des III. Seebataillons und des Ostasiatischen Marinedetachements und das Auslaufen aller zum Kreuzerkrieg fähigen Kriegsschiffe. Die Artilleriegeschütze an der Seefront waren wie folgt disloziert: Fort Hui-tschien-Huk an der Iltis-Bucht mit 3 x 15 cm-Schnellladegeschützen in Panzerturmdrehlafetten und 2 x 24 cm-Krupp-Langrohrgeschützen, Fort Yu-ni-san auf der gleichnamigen Halbinsel am Hafen mit 4 x 8,8 cm-Schnellfeuergeschützen, Molenkopf-Batterie mit 2 x 8,8 cm-Schnellfeuergeschützen, Tsingtau-Batterie am Hafen mit 2 x 15 cm-Schnellladekanonen und 2 x 15 cm-Krupp-Langrohrgeschützen, Batterie Bismarckberg mit 4 x 28 cm-Küstenhaubitzen in Panzerkuppeln mit 360 Grad Wirkbereich montiert und im gewachsenen Felsen eingelassen sowie die Hsianuniwa-Batterie mit 4 x 21 cm-Kanonen. Auf der Landfront waren folgende Geschütze eingebaut: Iltisbergbatterie mit zwei feststehenden 10,5 cm-Schnellladegeschützen in der oberen Batterie sowie sechs freistehenden 12 cm-Festungsgeschützen in der unteren Batterie, Am Bismarckberg 2 x 21 cm-Kanonen, am Taitungtschen 2 x 12 cm-Kanonen. Darüber hinaus waren noch drei Batterien alte 9 cm-Feldkanonen zu je sechs Geschützen und fünf Batterien 3,7 cm-Maschinenkanonen mit je zwei und vier Rohren vorhanden. Des Weiteren bestanden fünf Infanteriewerke, von Süden nach Norden durchnummeriert. Das 1., 4. und 5. Infanteriewerk waren mit einer Kompanie des Seebataillons, das 2. und 3. Infanteriewerk mit je einer Halbkompanie bemannt. Auf den Inseln im Pazifik waren keine militärischen Einrichtungen vorhanden; sie wurden lediglich von kleinen Polizeieinheiten kontrolliert. In Tsingtau befanden sich auch zwei Flugzeuge vom Typ Rumpler Etrich-Taube, die von Oberleutnant zur See Plüschow und Leutnant Müllerskowsky geflogen werden sollten. Am Tage der Mobilmachung waren beide Maschinen front- und flugklar. Beim Einfliegen zerschellte eine der beiden Maschinen, wobei Müllerskowsky schwer verletzt wurde.

Bereits am Freitag, dem 7. August 1914, liefen „Scharnhorst“, „Gneisenau“, „Nürnberg“ und „Titania“ zum letzten Mal von Tsingtau aus. Das Geschwader sollte zunächst Handelskrieg nach Prisenordnung führen. Am 12. August 1914 stieß auch der kleine Kreuzer „Emden“ zum Geschwader. Bereits am 14. August entließ der Geschwaderchef die „Emden“ wieder zwecks selbstständiger Kriegführung im Indischen Ozean. Der ebenfalls zum Geschwader gehörende kleine Kreuzer „Leipzig“ befand sich bei Kriegsbeginn vor der mexikanischen Westküste. Erst im Oktober stieß „Leipzig“ gemeinsam mit dem kleinen Kreuzer „Dresden“ zum Geschwader. Das Geschwader überquerte in der Folge den Pazifik und machte bei der Gelegenheit ein letztes Mal bei verschiedenen deutschen Stationen der Südsee halt. In Tsingtau verblieben lediglich die Kanonenboote „Iltis“, „Tiger“, „Luchs“, das Torpedoboot „S90“ und das Kanonenboot „Jaguar“ sowie der Kreuzer „S.M.S. Kaiserin Elisabeth“. Das im Pazifik kreuzende deutsche Geschwader war ein Unsicherheitsfaktor, dessen Vernichtung eine hohe Priorität bei den Entente-Mächten eingeräumt wurde.

 

Die japanischen Angriffsvorbereitungen

Der japanische Generalstab hatte durch die Beobachtungen der Ereignisse in Europa und v.a. durch die eigenen Erfahrungen aus dem Russisch-Japanischen Krieg ein klares Bild von der modernen Kriegführung („Die japanischen Angriffsvorbereitungen“[14])). Man entschloss sich in letzter Konsequenz zu einer Operation, die unter geringsten eigenen Verlusten ablaufen sollte. Nach japanischer Ansicht war das nur zu bewerkstelligen, wenn den Angriffstruppen der Großteil der in Japan verfügbaren schweren Artillerie unterstellt wurde. Dem Generalstab in Tokio war ferner bewusst, dass die Operation gegen die deutschen Besitzungen in Fernost, die durch eine überschaubare Anzahl an Verteidigern geschützt wurde, keine Mobilmachung erforderlich machen und man mit einer maßgeschneiderten Truppeneinteilung unter Nutzung aller in den Friedensgarnisonen bestehenden Ressourcen das Auslangen finden würde. Des Weiteren erklärten sich die Briten bereit, einen Beitrag beim Kampf um die deutschen Besitzungen zu leisten. Von japanischer Seite wurde dies aber eher als eine Art Überwachung als eine echte Verstärkung angesehen.

Aufgrund der räumlichen Nähe zum Operationsraum am asiatischen Festland wurde die 18. Truppendivision, die auf Kyushu in und um die Stadt Kurume stationiert war, ausgewählt, das operative Kommando und den Kern der Angriffstruppen zu stellen. Der Generalstab in Tokio sah weiters vor, die 18. Division durch den Großteil der verfügbaren Belagerungsartillerie, zusätzliche Pioniereinheiten, Eisenbahntransporteinheiten und Logistikeinheiten zu verstärken. Die Truppeneinteilung der japanischen Angriffskräfte sah danach folgendermaßen aus: Divisionskommando; 23., 24. und 29. Infanteriebrigade mit je zwei Infanterieregimentern, das 22. Kavallerieregiment, ein Fernmeldebataillon, zwei weitere Fernmeldeeinheiten (Telegraphie und Radiotelegraphie), eine Fliegereinheit mit drei Flugzeugen, drei Pionierbataillone, eine Brückenbaueinheit, ein Eisenbahntransportregiment sowie ein weiteres selbstständiges Eisenbahntransportbataillon, das 24. Feldartillerieregiment, eine Gebirgsartilleriebatterie, das 2. und 3. schwere Belagerungsartillerieregiment einschließlich der Versorgung, vier weitere schwere selbstständige Belagerungsabteilungen, das 18. Logistikbataillon, ein Logistikregiment, ein Sanitätsbataillon und zwei Feldspitäler. Des Weiteren unterstützten die Briten zu Lande durch die Unterstellung einer Brigade, bestehend aus den South Wales Borderers und Sikhs (rund 1.500 Mann) unter dem Kommando von BrigGen. N. W. Barnardiston, die japanischen Angriffskräfte. Die Gesamtstärke der unmittelbaren Angriffskräfte betrug rund 29.000 Soldaten. Des Weiteren befanden sich im Operationsraum noch weitere 23.000 Personen zur Unterstützung der Angriffskräfte.[15])

Gegenüber dem Heer liefen die Vorbereitungen der japanischen kaiserlichen Marine ohne größere organisatorische Maßnahmen ab, da die Kriegsmarine bereits vor Kriegsausbruch eine Friedens-/Kriegsgliederung eingenommen hatte. Die 1. Flotte unter dem Kommando von Vizeadmiral Katō Tomosaburō (1861-1923) bestand aus der 1., 3. und 5. Schlachtflottille sowie aus der 1. Zerstörerflottille. Die 1. Flottille setzte sich aus den modernen Schlachtschiffen „Settsu“, „Kawachi“, „Aki“ und „Satsuma“ zusammen, die 3. Flottille aus den modernen Schlachtkreuzern „Kongo“ und „Hiei“ sowie aus den Kreuzern „Kurama“ und „Tsukuba“ und die 5. Flottille aus den Kreuzern „Yahagi“, „Hirado“ und „Niitake“. Die 1. Torpedozerstörerflottille bestand aus dem Kreuzer „Otowa“ als Führungsschiff und der 1., 2., 16. und 17. Zerstörerflottille. Die 2. Flotte unter dem Kommando von Katō Sadakichi (1861-1927) bestand aus der 2., 4. und 6. Schlachtflottille sowie der 2. Torpedozerstörerflottille. Die 2. Flottille setzte sich aus den alten Beutelinienschiffen aus dem Russisch-Japanischen Krieg - „Suwo“ (ex-„Pobieda“), „Iwami“ (ex-„Orel“), „Tango“ (ex-„Poltawa“), „Okinoshima“ (ex-„General Admiral Apraskin“) und „Mishima“ (ex-„Admiral Senyiavin“)- zusammen. Die 4. Flottille bestand aus den Kreuzern „Iwate“, „Yakumo“, „Tokiwa“, die 6. Flotte aus den Kreuzern „Chitose“, „Akitsushima“, „Chiyoda“. Die 2. Torpedozerstörerflottille bestand aus dem Kreuzer „Tone“ als Führungsschiff und der 9., 12., 13. Zerstörerflottille, einer Minenräumflottille, bestehend aus dreizehn Minenräumbooten, und einer Hilfsschiffflottille, bestehend aus dem Hilfsschiff „Kumano Maru“ und den älteren Kreuzern „Matsue“, und „Takachiho“. Ferner war der 2. Flotte eine Flugzeugabteilung unterstellt, die aus vier Flugzeugen bestand und auf dem Flugzeugmutterschiff „Wakamiya“ untergebracht war. Die 3. Flotte unter dem Kommando von Konteradmiral Tsuchiya Mitsukane (1864-1925) bestand aus den geschützten Kreuzern „Tsushima“, „Yodo“, „Mogami“ sowie den Flusskanonenbooten „Saga“, „Fushimi“, „Toba“, „Sumida“ und „Uji“. Die Gesamtstärke der am Kampf beteiligten Seestreitkräfte betrug rund 20.000 Seeleute. Insgesamt waren bei der Operation somit mehr als 70.000 japanische Soldaten beteiligt.

Die japanischen Streitkräfte hatten durch die vorangegangenen Kriege mit China und Russland bereits Erfahrung beim Transport von Truppen über den Seeweg sammeln können. Der Truppentransport von Japan auf das asiatische Festland und die Sicherung des Truppentransportes war daher keine große Herausforderung, da auch kein Gegner auf See diese Transportbewegungen nachhaltig hätte stören können. Für die Operationen gegen die deutschen Besitzungen im Pazifik war die 1. Flotte vorgesehen, wogegen die 2. Flotte die Angriffstruppen gegen Tsingtau schützen und durch ihre Artillerie von See her unterstützen sollte.

 

Der japanische Angriff

Bereits am 27. August 1914 erschienen japanische Schiffe[16]) zur Blockade des deutschen Schutzgebietes Kiautschou. Den japanischen Schiffen (drei alte ehemalige russische Linienschiffe, zwei ehemalige russische Küstenverteidiger, sieben Kreuzer, 16 Zerstörer und 14 Hilfsschiffe) schlossen sich das britische Linienschiff „HMS Triumph“, der Zerstörer „HMS Usk“ und ein Spitalschiff an. Damit war den Verteidigern in Tsingtau klar, dass die Landung der japanischen Truppen nördlich des Pachtgebietes unmittelbar bevorstehen würde.

Die Japaner landeten am 2. September 1914 auf 26 Transportschiffen das Gros ihrer Truppen in Lungkou in der Bucht von Laitschou an. Am 5. September begannen sie mit ihrem Vormarsch und erreichten nach großen witterungsbedingten Problemen erst am 23. September die Schutzgebietsgrenze. Neben der Hauptlandung erfolgte eine Nebenlandung in Brigadestärke (29. Infanteriebrigade) in der Bucht von Lauschan am 18. September, d.h. östlich des Schutzgebietes. Von Lauschan aus marschierten die Japaner Richtung Hafen von Tsingtau, wo sie erst nach verlustreichen Gefechten am 19. September die Zugänge und Pässe des Lauschans besetzen konnten.

Danach gelang es den Japanern am 25. September, ihre beiden Landungsgruppen zusammenzuführen. Die vereinigten Kräfte wurden aber am 26. September 1914 zunächst durch deutsche Verzögerungskräfte zum Stehen gebracht; erst nach deren Zurückweichen nahmen die Japaner dann die wichtigen Höhen Walderseehöhe und Prinz Heinrich Berge sowie einige kleinere Ortschaften. Nachdem sich die Verzögerungskräfte endgültig am 28. September auf die vorbereitete Stellungslinie zwischen Haipo-Mündung (Nordwesten) und Fouschanbucht (Südosten) zurückzogen hatten, besetzten die Japaner die Zwischenräume zwischen den feldmäßig ausgebauten Infanteriewerken.

Während dieser Kämpfe bewährte sich der Einsatz des einzigen deutschen Flugzeuges. Es gelang Plüschow, den Gouverneur dauernd über die feindliche Tätigkeit auf dem Laufenden zu halten, sodass er auch das „Auge Tsingtaus“ genannt wurde. Am 2. Oktober erfolgte noch ein deutscher Gegenangriff, der auf dem linken Flügel schnell zum tiefen Einbruch führte, aber nach starkem Beschuss aus mehreren Maschinengewehren abgebrochen werden musste.

Am 26. Oktober begann die allgemeine Beschießung des Stadtgebietes von Tsingtau von See und von Land aus, was auf den bevorstehenden Sturm der Festung hindeutete. Folglich ließ der Gouverneur die Werft und das Dock sprengen. Vom österreichisch-ungarischen Kreuzer „S.M.S. Kaiserin Elisabeth“ wurden alle Geschütze ausgebaut und an Land gebracht, worauf das Schiff am 2. November gesprengt wurde.[17])

Nach verschiedenen Anläufen Anfang November versuchten es die Japaner am 7. November 1914 erneut, in die deutschen Stellungen einzubrechen. Der frontale Angriff japanischer Infanterie auf das mittlere Infanteriewerk 3 begann um etwa Mitternacht, führte um 1 Uhr zu dessen Einschließung und schließlich um 2 Uhr zu dessen Einnahme. Danach schlossen japanische Truppen die Infanteriewerke 2 und 4 ein. Vom eingeschlossenen Infanteriewerk 4 aus gingen die Japaner um 3 Uhr durch die geschaffene Lücke auf den Iltisberg vor und vollzogen danach einen Durchbruch. Nachdem die Batterien der Infanteriewerke 2 und 4 alle Munition verschossen hatten, wurden sie um 4 Uhr von Japanern genommen und der Vormarsch auf den Bismarckberg fortgesetzt. Schließlich wurden um 5 Uhr das Infanteriewerk 1 und um 6 Uhr das Infanteriewerk 5 angegriffen. Ferner stürmte japanische Infanterie vom Bismarckberg aus in Richtung Stadt. Um 6 Uhr 20 ging daraufhin am Signalberg die weiße Fahne hoch und die Festung kapitulierte. Der letzte Schuss der Verteidiger fiel um 7 Uhr 30 im Raum Taitungtschen.

Noch am selben Tage durchkämmten die Japaner das Vorgelände zwischen der Stadt und der vormaligen Stellung. Alle Gefangenen wurden auf dem Gelände der Bismarck-Kaserne gesammelt und aus Angst vor Sabotage anschließend zu Fuß nach Schatsykou verlegt. Die Verluste waren auf beiden Seiten nicht hoch. Die Japaner verloren beim Heer 676 und bei der Marine 338 Mann sowie einige Tausende durch Verwundungen. Die Briten verzeichneten drei Tote beim Heer und drei Tote bei der Marine sowie 67 Verwundete. Die Deutschen Verluste betrugen 184 Tote und 500 Verwundete, die österreichisch-ungarischen elf Tote sowie eine nicht näher bekannte Anzahl Verwundeter.

 

Die Inbesitznahme der deutschen Kolonien im Pazifik

Das deutsche Gebiet im Pazifik[18]) umfasste Mikronesien mit 1.459 Inseln und Atollen mit einer Landfläche von nur rund 2.200 km². Die Einwohnerzahl betrug etwa 450.000, darunter wenige Europäer. Nach der Kriegserklärung an das Deutsche Reich wurde die vereinigte japanische Flotte seeklar gemacht, und am 14. September verließ das „1. Südsee-Geschwader“ der Ersten Schlachtflotte unter dem Kommando von Konteradmiral Yamaya Tamin den japanischen Kriegshafen Yokosuka. Dem Geschwader gehörten die modernen Kreuzer „Kurama“ und „Tsukuba“ sowie der ältere Kreuzer „Asama“, zwei Zerstörer und drei Transportdampfer an. Das Geschwader erreichte am 29. September die Marshall-Inseln, zunächst Eniwetok und danach am 30. September die deutsche Station Jaluit. Die deutsche Verwaltung unternahm keine Anstrengungen einer Gegenwehr und wurde gefangen genommen. Nachdem der Admiral drei Offiziere als neue Herren der Station zurückgelassen hatte, stieß das Geschwader wieder in See und erreichte am 12. Oktober nach mehreren Zwischenstationen den Hafen von Truk. Zwischenzeitlich verließ das „2. Südsee-Geschwader“ unter dem Kommando von Konteradmiral Matsumura Tatsuo, bestehend aus dem modernen Schlachtschiff „Satsuma“ und den Kreuzern „Hirado“ und „Yahasi“, den Kriegshafen in Sasebo und steuerte die Insel Yap an, wo die japanischen Marinesoldaten am 5. Oktober die wichtige Telegraphenstation besetzten.

Die eroberten Gebiete in der Südsee wurden sehr bald straff militärisch verwaltet. Als Zentrum wurde das Truk-Atoll ausgewählt, das nach dem Krieg zu einem der wichtigsten Flottenstützpunkte außerhalb Japans ausgebaut wurde. Mit der Eroberung der Südseeinseln setzte die Marine ihr strategisches Ziel der Südausdehnung Japans um. Die Doktrin der Südausrichtung wurde v.a. von der Marine verfochten, da für sie die Kontrolle der Randmeere und des Pazifiks wichtiger war als die Kontrolle des kontinentalen Asiens.

Der Einsatz der leistungsstärksten und modernsten Schiffe der kaiserlichen japanischen Marine gegen die deutschen Besitzungen im Pazifik zeigt nur zu deutlich, welche Bedeutung der Vernichtung des deutschen Ostasiengeschwaders in der japanischen Seekriegführung im Pazifik zukam. Zeitweilig wurde dabei sogar der moderne Schlachtkreuzer „Kongo“ dafür eingesetzt.

 

Die japanische Marine im Pazifik und im Indischen Ozean

Die japanische Marine hatte auf Ersuchen der Verbündeten vielfältige Sicherungsaufgaben im Pazifik und im Indischen Ozean[19]) zu erledigen. Sie beteiligte sich an den Eskorten der Truppentransporte von Australien und Neuseeland nach Europa und sicherte ferner die Seeroute um das Kap der Guten Hoffnung. Dadurch war es der britischen Flotte möglich, mehr Kräfte in den Nordatlantik zu verlagern und die Konvois von den USA nach Europa zu sichern. Die japanische Marine sicherte auch die Seeroute nach Singapur und die nordpazifischen Seewege bis nach Mexiko und die Westküste der USA, wodurch jene ihre Kriegsschiffe aus dem Pazifik abziehen und im Atlantik zum Einsatz bringen konnten.

 

Die japanische Marine im Mittelmeer

Das Mittelmeer[20]) war für die Entente von vitaler Bedeutung, da u.a. die Truppentransporte der Alliierten von Afrika und Asien zum westeuropäischen Kriegsschauplatz über das Mittelmeer geführt wurden. Da deutsche und österreichisch-ungarische Unterseeboote eine ernsthafte Bedrohung der sicheren Seewege im Mittelmeer darstellten, entsandte auf Ansuchen der britischen Admiralität Japan die 10. und 11. Zerstörerflottille mit acht Zerstörern der Kaba-Klasse unter dem Kommando von Konteradmiral Kōzō Satō zur Verstärkung der Sicherungs- und Geleitkräfte in das Mittelmeer.[21]) Die geheime Nebenabsicht Japans dabei war, die neue U-Bootwaffe im Einsatz sowie deren Bekämpfung kennenzulernen, zu studieren und Erfahrungen auszuwerten. Der Schiffsverband erreichte Mitte April 1917 das Mittelmeer und bezog mit seinem Führungsschiff, dem Kreuzer „Akashi“, in Malta Station. 1917 folgte noch die 15. Zerstörerflottille mit vier Zerstörern der Momo-Klasse und den Geschützten Kreuzern „Izumo“ und „Nisshin“. Alles in allem eskortierte die japanische Marine im Mittelmeer 788 Schiffe, einschließlich des Truppentransportes von mehr als 700.000 Mann Commonwealth-Truppen.

Während des Einsatzes der japanischen Marine im Mittelmeer wurde von „S.M.S. U-27“ am 11. Juni 1917 der Zerstörer „Sakaki“ torpediert,[22]) dabei wurde das Vorschiff des Zerstörers weggerissen und 68 Mann getötet. Der Zerstörer wurde abgeschleppt, instandgesetzt und konnte 1919 mit den übrigen japanischen Kriegsschiffen in die Heimat zurückfahren.

 

Die 21 japanischen Forderungen an China

Japan nutzte den Sieg in Tsingtau, um gegenüber China Forderungen zu erheben. Am 18. Januar 1915 wurden 21 Forderungen[23]) vom damaligen japanischen Premierminister Okuma Shigenobu an den Präsidenten der Republik China überreicht. Diese 21 Forderungen können in fünf große Gruppen eingeteilt werden: Die erste Gruppe betraf die Ablösung des deutschen Einflusses auf der Halbinsel Shandung durch japanischen Einfluss. Die zweite Gruppe betraf eine Verstärkung des japanischen Einflusses in der südlichen Mandschurei; ferner sollte die Pacht von Port Arthur um weitere 99 Jahre verlängert werden. Die dritte Gruppe waren Forderungen nach Bergbaukonzessionen in China. Die vierte Gruppe sicherte formal China staatliche Souveränität zu und beinhaltete auch die Forderung, dass China keine weiteren Häfen an ausländische Mächte verpachten dürfe. Damit richtete sich diese Forderung gegen eine Ausweitung des US-amerikanischen Einflusses in Asien, da die USA bislang noch keine Häfen in China gepachtet hatten. Die fünfte Gruppe waren schließlich Forderungen von entscheidender Tragweite. Japan forderte einen Einfluss auf die Politik Chinas und eine Beratung in allen wichtigen außen- und innenpolitischen Angelegenheiten. Damit wäre China von Japan abhängig geworden.

Obwohl China Großbritannien, die USA und die anderen westlichen Großmächte über diese harten japanischen Forderungen informierte, blieben die Proteste der Verbündeten aus Europa, insbesondere von Frankreich, Russland und Großbritannien, im Wesentlichen aus, und allein die USA erhoben Einwände. China wies die Forderungen zunächst zurück, musste sie aber, von der Staatengemeinschaft alleingelassen, im Mai 1915 akzeptieren. Lediglich die fünfte Gruppe wurde von Japan zurückgenommen bzw. in einem geheimen Anhang vor der Öffentlichkeit versteckt. Die Annahme der japanischen Forderungen führte in China zu umfangreichen Protesten der Bevölkerung und bedeutete auch den ersten Meilenstein expansiver Politik auf dem ostasiatischen Festland, was bereits erahnen ließ, welche weitere Politik Japan am Festland einschlagen würde.

Der wohl größte chinesische Protest gegen die japanischen Forderungen war die Versammlung von zigtausend Studenten am 4. Mai 1919 in Peking, der sich bald im ganzen Land Tausende Sympathisanten verschiedenster Gesellschaftsschichten anschlossen. Es war das erste Mal in China, dass sich Menschen aus verschiedenen Klassen zusammenschlossen, um für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen. Damit war der Nährboden für die Stärke Chinas gegen die Begehrlichkeiten fremder Mächte gelegt worden.

 

Das gespannte Verhältnis Japans zu den USA

Zwischen Japan und den USA[24]) gab es im Westpazifik spätestens seit der Übernahme der Hoheitsgewalt über die Philippinen einen Interessenkonflikt, der während des Ersten Weltkrieges allerdings in den Hintergrund trat. Von großer Tragweite für die Handlungsfreiheit Japans beim Vorgehen in Ostasien war nämlich das „Lansing-Ishii-Abkommen“, das am 2. November 1917 zwischen dem ehemaligen japanischen Außenminister Ishii Kikujiro und dem US-Außenminister Robert Lansing abgeschlossen wurde. Mit dem Abschluss dieses Abkommens verständigten sich die beiden Mächte über ihre Interessen in China. Darin hatten die USA die japanischen Sonderinteressen in China anerkannt und billigten damit indirekt das Vorgehen Japans in China. Bereits 1923 wurde das Lansing-Ishii-Abkommen aber wieder aufgehoben. Indirekt war dies das erste sichtbare Zeichen der Rivalität Japans und der USA im Kampf um die Vorherrschaft im Pazifik und in Ost- und Südostasien.

Die Rivalität Japans mit den USA machte sich auch bei der Rüstung bemerkbar.[25]) Als Antwort auf das große 8:8-Flottenbauprogramm Japans[26]) von 1916 nahm der amerikanische Kongress 1916 die weltgrößte Flottenvorlage an. Die Antwort Japans darauf ließ nicht lange auf sich warten. Im Winter 1919/1920 begannen die Verhandlungen im Parlament über ein umfangreiches Bauprogramm. Weitere Streitpunkte waren Rassenfragen wie die Gleichberechtigung der auf Hawaii und in den USA ständig lebenden Japaner und die Frage der ehemaligen deutschen Insel Yap, die einen Knotenpunkt in den Kabelverbindungen zwischen den USA und den Philippinen bildete.

 

Japanische Rüstungshilfe an die Verbündeten

Nach Kriegsbeginn in Europa im Sommer 1914 verlor Russland seine Geschäftskontakte zu den Mittelmächten, worauf eine Annäherung an Japan und die Anfrage nach einer Waffenlieferung erfolgte; insbesondere benötigte Russland Feldkanonen und Feldhaubitzen sowie die dazugehörige Munition. Erst als die japanische Regierung am 15. August ein Ultimatum nach Berlin sandte und Kriegsvorbereitungen traf, kamen konkrete Gespräche zustande. Am 25. August wurde eine russische Militärkommission unter der Leitung von Generalmajor Eduard Karlovich Hermonius (1864-1938) in Marsch geschickt, die am 10. September 1914 in Tokio eintraf. Am 12. September meldeten sich die russischen Offiziere im japanischen Kriegsministerium und führten die ersten Gespräche mit einflussreichen Persönlichkeiten. Dank der „Hermonius-Mission“ erhielt Russland während des Krieges ab dem Frühjahr 1915 340.000 Handfeuerwaffen und Gewehre verschiedener Kaliber, 351 Artilleriegeschütze, 500.000 Kartuschen, 500.000 Schrapnell-Geschosse und eine nicht näher bekannte Menge an Sprengstoff und Pulver.[27])

Frankreich litt unter der deutschen Besatzung und hatte während des Krieges kaum Kapazitäten für den Bau kleinerer Kampfschiffe, weshalb es 1917 in Japan zwölf Zerstörer der Exportversion der Kaba-Klasse bestellte.[28]) Die Schiffe erhielten die Namen „Algérien“, „Annamite“, „Arabe“, „Bambara“, „Hova“, „Kabyle“, „Marocain“, „Sakalave“, „Sénégalais“, „Somali“, „Tonkinois“ und „Tuareg“ und versahen in der französischen Marine ihren Dienst zwischen 1917 und 1936.

 

Die Sibirische Intervention

Im Sommer 1918 wurde Japan in ein militärisches Unternehmen verwickelt, das ihm keinen Ruhm und wenig Gewinn einbrachte - die Invasion des Amurbeckens, die so genannte Sibirische Intervention[29]). Die Oktoberrevolution 1917 in Russland, der Separatfrieden mit den Mittelmächten 1918 und die Ausweitung des russischen Bürgerkrieges bis nach Sibirien verstärkten die Befürchtungen der Alliierten hinsichtlich der chaotischen Zustände in Russland, weshalb die USA, Frankreich und Großbritannien die japanische Regierung im Juli 1918 um Mitwirkung an einer gemeinsamen Intervention in Sibirien ersuchten. Der Vorschlag der USA sah vor, dass alle an der Intervention beteiligten Nationen je 7.000 Mann entsenden sollten. Der Generalstab in Tokio entwickelte daraufhin ehrgeizige Pläne für eine militärische Expedition nach Sibirien und überredete auch China, einer japanischen Intervention in der nördlichen Mandschurei zuzustimmen. Anstatt der beschlossenen 7.000 Mann entsandte Japan schließlich 12.000 Mann, ein Flottengeschwader und zahlreiche Militärflugzeuge nach Wladiwostok. Innerhalb weiterer Monate verstärkte es dann seine Truppenpräsenz auf mehr als 75.000 Mann und drang entlang der sibirischen Eisenbahn bis in den Raum Transbaikalien zwischen Amur und Baikalsee vor. Beim Ende des Ersten Weltkrieges im November 1918 hielten japanische Soldaten alle Häfen und größeren Städte in der russischen Provinz Primorje und Ostsibirien besetzt.

Die Motive, die Japan mit der Intervention in Sibirien verfolgte, waren komplex. Nach offiziellen Quellen wollte Japan ebenso wie die USA und die anderen Nationen nur deshalb nach Sibirien, um das dortige Kriegsmaterial zu sichern und die Tschechoslowakische Legion zu „retten“. Indirekt waren aber auch die intensive Feindseligkeit der japanischen Regierung gegenüber dem Kommunismus, der Drang, historische Verluste an Russland auszugleichen, und die gute Gelegenheit, das „nördliche Problem“ für die Sicherheit Japans durch die Bildung eines Pufferstaates oder durch direkte territoriale Erweiterung zu lösen, wichtige Motive für die Intervention in Sibirien. Diese erwies sich als kompletter Fehlschlag, und Japan musste im Oktober 1922 seine Truppen unter hohen Verlusten aus Sowjetrussland abziehen.

 

Die Heimatfront und die Kriegswirtschaft Japans

Die Heimatfront in Japan erlebte nicht wie in Europa Not und Entbehrungen einer Mangelwirtschaft, die in Europa durch den Krieg herbeigeführt wurde.[30]) Daher war die japanische Bevölkerung auch nicht mit Rationierungen konfrontiert, und auch die Landwirtschaft sowie die Industrie produzierten wie unter Friedensbedingungen. Allerdings bereitete die steigende Inflation im Lande den Nährboden für die Unzufriedenheit weiter Teile der Bevölkerung, sodass es in nahezu allen Landesteilen zu kleineren Ausschreitungen und Protesten der Bevölkerung gegen die steigenden Lebenshaltungskosten kam. Japan blieb 1918 von der weltweiten Grippeepidemie nicht verschont und musste im Frühjahr rund 250.000 Tote beklagen. Eine besondere Situation entstand durch das Verhalten der japanischen Behörden gegenüber deutschem und österreichisch-ungarischem Eigentum, insbesondere gegenüber Niederlassungen. Ein Beispiel der besonderen Art ist das Verhalten Japans gegenüber der Niederlassung der Firma Böhler in Japan.[31]) Die Niederlassungen von Geschäftsführer Müller wurden zusammengezogen, die Filialen in Osaka beziehungsweise Moji aufgelassen und die Lagerbestände aus allen Filialen der Firma in Ostasien nach Tokio in die dortige Filiale gebracht. Müller konnte während des gesamten Krieges aber weiterhin seine Geschäftstätigkeit ohne Nachschub aus der Heimat aufrechterhalten, weil die Japaner trotz der Aufforderung der Bündnispartner das österreichische Vermögen nicht konfiszierten und die Geschäftstätigkeit der Firma Böhler tolerierten. Japan ging sogar so weit, Müller rechtzeitig zu warnen, wenn sich Kontrollorgane in der Firma einfanden.

Der Erste Weltkrieg bedeutete einen großen Einschnitt in wirtschaftlicher Hinsicht. Produzierten japanische Schiffswerften vor dem Krieg beispielsweise nur rund ein Drittel aller von Japan benötigten Schiffe, so waren es während des Krieges bereits 89%, da andere Länder keine Kapazitäten für Exportaufträge hatten. Japan wurde dadurch zum drittgrößten Schiffbauer der Welt. Dies bedeutete, dass Japan rund 10% der gesamten Weltproduktion herstellte.

Zwischen 1913 und 1919 stieg die Anzahl der Fabriken von 32.000 auf 44.000 und die Anzahl der Beschäftigten von 1,2 Millionen auf 2 Millionen.[32]) Der Wert der Industrieproduktion erhöhte sich von 1,4 Mio. Yen auf 6,7 Mio. Yen, womit sich diese Leistungssteigerung der Industrie beim Export auswirkte. Lieferte Japan 1913 Waren im Wert von 315 Mio. Yen ins Ausland, so waren es 1918 bereits Waren im Wert von 978 Mio. Yen. Ebenfalls erhöhten sich im gleichen Zeitraum die Importe von 363 Mio. auf 831 Mio. Yen. Japan erwirtschaftete dadurch einen Leistungsbilanzüberschuss und wurde daher bei Kriegsende zu einem Großgläubiger.

 

Kriegsgefangenenlager in Japan

Die Kriegsgefangenen aus Tsingtau kamen nach Japan und wurden zunächst auf behelfsmäßige Lager[33]) (große Tempelanlagen, öffentliche Gebäude, Teehäuser und Baracken) aufgeteilt. Die Soldaten aus Altösterreich wurden nicht geschlossen in einem Objekt untergebracht, sondern aufgeteilt auf die Lager in Himeiji, Kumamoto, Osaka und Fukuoka. Der Kommandant des Geschützten Kreuzers „S.M.S. Kaiserin Elisabeth“, Fregattenkapitän Richard Makoviz (1868-1946), wurde gemeinsam mit dem Kommandanten der Garnison Tsingtau, dem deutschen Konteradmiral Mayer-Waldeck, im Lager Fukuoka untergebracht. 1915 wurden die beiden hochrangigen Offiziere in das Lager Narashino verlegt.

Erst im Laufe des Jahres 1915 wurden die einzelnen Lager zu größeren, neu errichteten Kriegsgefangenenlagern zusammengeführt, deren größte mit einer Belegung von bis zu 1.000 Kriegsgefangenen die Lager in Narashino in der Nähe von Tokio (Lagerfläche: 95.000 m²), in Bando auf Shikoku (57.233 m²) und in Aonogahara bei Himeiji (22.683 m²) waren.

Die einzelnen Lager waren durchaus komfortabel eingerichtet. Die Offiziere bewohnten eigene geräumige Unterkünfte, während die Unteroffiziere gemeinsam mit den Mannschaften in Mannschaftsbaracken untergebracht waren. In den Lagern oder außerhalb gab es Sportanlagen für Fußball und Tennis. Den Kriegsgefangenen wurde es auch gestattet, Ackerbau zu betreiben und auch ihr Handwerk und Gewerbe auszuüben. So kamen nach Japan deutsche Handwerks- und Gewerbetraditionen, beispielsweise das Wurstmachen, Brotbacken, Kunstschmieden etc.

Die Behandlung der Kriegsgefangenen war äußerst human; einzige Ausnahme bildete das Kriegsgefangenenlager in Kurume auf Kyushu. Der Grund für die straffe Lagerführung dort lag einerseits in den häufigen Fluchtversuchen der Insassen und in der räumlichen Nähe der Garnison der 18. Truppendivision, was zur Folge hatte, dass man die Kriegsgefangenen nicht besser behandeln konnte als die eigenen Soldaten. Besonders das Lager von Bando[34]) wurde vom Lagerkommandanten Oberst Matsue Toyohisa, der auch Deutsch sprach, mit einem hohen Maß an Selbstverwaltung durch die Lagerinsassen geführt. Es gab eine eigene Lagerzeitung, die von der Lagerdruckerei hergestellt wurde. Den Höhepunkt der Aktivitäten der Lagerinsassen bildete die Uraufführung von Beethovens neunter Symphonie am 1. Juni 1918. Heute ist Bando ein Museum, und es gibt einige wissenschaftliche Arbeiten über Bando sowie einen Film mit dem Titel „baruto no gakuen“ („baruto“ weist auf den Oberlippenbart des Lagerkommandanten hin, den er wie Kaiser Wilhelm trug, und „gakuen“ auf das Lager als musikalische Stätte). Die Kriegsgefangenen wurden nach Kriegsende auf japanischen Passagierschiffen im Jahre 1920 in ihre Heimat gebracht.

 

Japan und die Pariser Vororteverträge

Im November 1918 schwiegen in Europa die Waffen, und die Siegermächte konnten an die Neuordnung der Welt gehen. Man bestimmte geeignete Paläste in Paris und dessen Vororten als Tagungsstätten für Friedensverhandlungen.[35]) Für Japan von Bedeutung waren die territorialen Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles, wodurch das von China gepachtete Kiautschou an Japan kam. Bis 1922 blieb Kiautschou unter japanischer Verwaltung, bevor es auf Drängen der USA an China zurückgegeben wurde. Ferner veranlasste der Völkerbund, die Inselgruppen der nördlichen Marianen, Marshallinseln und der Karolinen unter japanisches Südseemandat zu stellen, das ein so genanntes „C-Mandat“ war, wodurch die Inselgebiete nach japanischem Recht regiert werden durften. Allerdings war es nicht erlaubt, militärische Anlagen zu errichten.

Die Friedensverhandlungen wurden auch von einer Delegation von Auslandskoreanern und der provisorischen Regierung Koreas in Schanghai genutzt, um für eine Unabhängigkeit Koreas zu werben. Ihnen wurde allerdings von offiziellen Stellen kein Gehör eingeräumt, da Korea als japanische Kolonie galt.

Japaner waren auch bei der Umsetzung der Beschlüsse der Friedenskonferenzen beteiligt, weshalb japanische Offiziere als Delegationsmitglieder bei den Grenzregelungsausschüssen teilnahmen und mit über zukünftige neue Grenzverläufe bestimmten. U.a. war Oberst im Generalstab Yamaguchi Juhachi[36]) daher Teil des Regelungsausschusses, der die Grenze zwischen Ungarn und Österreich festzulegen hatte.

 

Abschließende Bemerkungen

Das Kaiserreich Japan war einer der Aufsteiger des beginnenden 20. Jahrhunderts. Überschießender Nationalismus und die schier unbegrenzte Macht des Militärs im Geheimen Staatsrat und im Militärsenat ließen das Land zu einem totalitär imperialistisch regierten Land werden, das in der zügellosen Erweiterung seines Herrschaftsgebietes die größte Herausforderung sah.

Japan war neben den USA zwar einer der echten Gewinner des Ersten Weltkrieges, konnte aus diesem Gewinn allerdings keinen nachhaltigen Erfolg erzielen. Spätestens nach der missglückten Teilnahme an der Sibirischen Intervention hätte ein Umdenken erfolgen müssen, doch setzte Japan seine zügellose und aggressive Expansionspolitik am ostasiatischen Festland unbeeindruckt fort, die mit dem Überschreiten der „Marco Polo-Brücke“ 1937 schließlich in den Untergang führte und nach mehr als acht Jahren Entbehrung durch den totalen Krieg am Festland Asiens und im Pazifik das Ende des Militarismus erzwang.

 


ANMERKUNGEN:

[1]) Die kurze Geschichte Japans wurde unter Zuhilfenahme folgender Bücher zusammengestellt: Hall John Whitney: Das Japanische Kaiserreich, Fischer, Frankfurt 2000; Sepp Linhart, Susanne Weiglin-Schwiedrzik (Hrsg.): Ostasien 1600-1900. Geschichte und Gesellschaft, Promedia, Wien 2004. The Cambridge History of Japan, Vol. 1 bis Vol 2., Cambridge University Press, Cambridge 1988-1999.

[2]) H. Pöcher: 140 Jahre offizielle Beziehungen zwischen Japan und Österreich. In: ÖMZ 6/2009, S.707-714.

[3]) Eine Geschichte der heiteren Art wird über den späteren General Oyama Iwao (1842-1916) erzählt. Er war als junger Offizier in Frankreich, und soll bei seiner Rückkehr nach Japan einen Koffer von Louis Vuitton benutzt haben. Vermutlich war damit Oyama der erste Japaner, der mit einem Koffer von Louis Vuitton nach Japan zurückgekehrt ist. Es könnte daher durchaus sein, dass durch ihn der Louis Vuitton-Boom begann, der bis heute in Japan anhält.

[4]) Siehe hierzu den Aufsatz von Pöcher Harald: Generalmajor Theodor Edler von Lerch - Wie der Alpine Schilauf nach Japan kam. In: Truppendienst 4/2009, S.324-332.

[5]) Vgl. Ernst L. Presseisen: Before Aggression - Europeans Prepare the Japanese Army, TheUniversity ofArizona Press, Tuscon 1965, S.69ff.

[6]) Vgl. S. Bruninghaus: Die Entwicklung der deutschen Kolonialstadt Tsingtau 1897 bis 1914, Grin Verlag, Norderstedt 2006.

[7]) Hans Pochhammer: Graf Spees letzte Fahrt, Koehler, Leipzig 1933, S.12-13.

[8]) Vgl. Rot-Weiß-Rot auf Gelbem Meer-Tsingtau 1914, Österreichische Marinegeschichte, Verlagsbuchhandlung Stöhr, Wien 1996.

[9]) Vgl. H. Pöcher: Die Produktion von Waffen in Japan - Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Lit-Verlag, Wien 2008. H. Pöcher: Kriege und Schlachten in Japan, die Geschichte schrieben - Von 1853 bis 1922, Lit-Verlag, Wien 2011.

[10]) David C. Evans und Mark R. Peattie: KAIGUN-Strategy, Tactics, and Technology in the Imperial Japanese 4 Navy 1887-1941, Naval Institute Press, Annapolis 1997, S.152ff.

[11]) Vgl. F. Kosar: Artillerie im 20. Jahrhundert, Bernard&Graefe, Bonn 2004.

[12]) Vgl. Veltze’s Internationaler Armee-Almanach, Jahrgang, Edlinger’s Verlag, Wien 1913/14. Österreich-Ungarn gab 1914 rund 853 Millionen Kronen aus.

[13]) http://www.tsingtau.info/ (abgefragt 10. Oktober 2013) und http://www.marine-infanterie.de/html/4_10.html (abgefragt am 10. Oktober 2013).

[14]) Vgl. Charles B. Burdick: The Japanese Siege of Tsingtao,Hamden, Conneticut 1976.

[15]) Seiji Saito: Nichi Doku Tsingtao Senso, Yumanishobo, Tokio 2001, S.48 und 49.

[16]) Vgl. Geschichte der Marine-Infanterie (1675-1919) auf http://www.marine-infanterie.de/html/4_10.html (abgefragt am 4.3.2013). G. Plüschow: Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau, Ullstein, Berlin 1916.

[17]) Vgl. Rot-Weiß-Rot auf Gelbem Meer - Tsingtau 1914, Österreichische Marinegeschichte, Verlagsbuchhandlung Stöhr, Wien 1996.

[18]) Mark R. Peattie: Nan’yo: The Rise and Fall of the Japanese inMicronesia, 1885-1945,University ofHawaii Press,Honolulu 1988, S.41ff.

[19]) Vgl. Timothy D. Saxon: Anglo-Japanese Naval Cooperation, 1914-1918. In:LibertyUniversity DigitalCommons@LibertyUniversity, Faculty Publications and Presentations Department of History 1-1-2000.

[20]) Vgl. Paul G. Halpern: A Naval History of World War I, Naval Institute Press,Annapolis 1994, S.393.

[21]) Vgl. Timothy D. Saxon: Anglo-Japanese Naval Cooperation, 1914-1918. In:LibertyUniversity DigitalCommons@LibertyUniversity, Faculty Publications and Presentations Department of History 1-1-2000.

[22]) Vgl. Oliver Trulei: Torpedo los auf SAKAKI. In: Österreich Maritim, Ausgabe 4-März 2002, S.20-22.

[23]) Vgl. M. Chi:China Diplomacy 1914-1918, Harvard East Asian Monographs 1970, S.31-32.

[25]) Mit dem Naval act von 1916, auch als Big Navy act bezeichnet, beabsichtigten die USA, die stärkste Marine der Welt aufzustellen, darunter 10 Schlachtschiffe, 6 Schlachtkreuzer, 30 Unterseeboote, 50 Zerstörer.

[26]) Das 8:8 Flottenbauprogramm war eine japanische Flottenstrategie, mit der man beabsichtigte, 8 Schlachtschiffe und 8 Schlachtkreuzer in Dienst zu stellen.

[27]) Vgl. Eduard Baryshew: The General Hermonius Mission to Japan (August 1914-March 1915) and the Issue of Armaments Supply in Russo-Japanese Relations during the Fitst World War. In: Acta Slavica Iaponica, Tomus 30, pp.21-42.

[28]) Vgl. Conway’s All the World’s Fighting Ships 1906-1921, Naval Institute Press, Annapolis 1984.

[29]) Vgl. J.A. White: The Siberian Intervention,PrincetonUniversity Press,Princeton 1950.

[30]) Vgl. V. Hentschel: Wirtschaftsgeschichte des modernen Japans, Steiner, Stuttgart 1986.

[31]) Siehe hierzu auch den Aufsatz vom Autor: Die Geschäftsverbindungen der Firma Böhler zu Japan. In: Die Republik Österreich und Japan während der Zwischenkriegszeit seit 1918-1938 (1945), Getreuer-Kargl und Linhart (Hrsg.), Beiträge zur Japanologie, Abt. für Japanologie des Institutes für Ostasienwissenschaften, Wien 2013, Seite 51-67

[32]) Vgl. G. Hardach: The First World War 1914-1918, pp.258-261 Penguin Books Ltd.,London 1977.

[33]) Siehe hierzu das historisch-biographische Projekt www.tsingtau.info und die japanische Aufarbeitung der Ereignisse auf http://homepage3.nifty.com/akagaki sowie http://www.golf-dornseif.de/uploads/Die%20letzten%20Friedenstage%20von%20Tsingtau.pdf (abgefragt am 10. Oktober 2013).

[36]) Oberst Yamaguchi war als Hauptmann maßgeblich an der Einführung des alpinen Schilaufes in Japan beteiligt. Er war damals Generalstabsoffizier der 13. Truppendivision. Er nahm von Beginn an den Schiübungen teil, die Major des Generalstabes Theodor von Lerch beim 58. Infanterieregiment durchführte. Eine ausführliche Darstellung des Wirkens von Yamaguchi im Grenzregelungsausschuss findet sich im Aufsatz vom Autor: Ein japanischer Oberst des Generalstabes zog die Grenze im Burgenland, veröffentlicht in: Beiträge zur Japanologie 42 „Die Republik Österreich und Japan während der Zwischenkriegszeit 1918-1938 (1945)“, Abteilung Japanologie des Institutes der Universität Wien 2013, S.19-39.