Kritische Geopolitik. Zur Neukonzeption der Politischen Geographie in der Postmodern

Heinz Nissel

 

Es sind bereits über 20 Jahre vergangen, seit der Begriff Critical Geopolitics erstmals im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch verwendet wurde, um damit einen kritischen Zugang zum weiten Feld der Geopolitik zu umschreiben.1) Dieser neue Zugang hat den Horizont postmoderner Geographie, insbesondere der Politischen Geographie, enorm verbreitert, da damit eine irreversible Öffnung hin zu Theorien wie Methoden der Sozial- und Kulturwissenschaften einsetzte. Im deutschen Sprachraum erfolgte die Übernahme mit über einem Jahrzehnt Verspätung (um 2000), gehört aber seit einigen Jahren ebenfalls zum Fundament in Forschung und Lehre. Die Übernahme des Ansatzes der Kritischen Geopolitik bedeutet eine „konstruktivistische Wende“. Sie kann heute bereits als erfolgreich, ja etabliert gesehen werden.2) Die Gründe dafür sind sowohl theoretischer wie empirischer Natur. Theoretisch als Gegenpol zur realpolitischen Auffassung von (klassischer) Geopolitik, indem soziale Phänomene als Verbindung von Macht und Wissen gedeutet werden. Empirisch, weil dieser Zugang ein hohes Maß an Praxisnähe (auf Basis einer akteursorientierten Auslegung des Diskursbegriffs) erlaubt.

 

Kritische Geopolitik in einer veränderten Welt

Mit dem Ende des Kalten Krieges ging auch eine mehr als vier Jahrzehnte währende quasi-stabile Weltordnung der beiden Supermächte und ihrer unterschiedlichen Ideologien verloren. Während Fukuyama noch 1992 das „Ende der Geschichte“ im Sinne einer neuen Weltfriedensordnung proklamierte,3) entwickelte sich die politische und ökonomische Realität rasch und gleichzeitig unter den neuen Prämissen von Globalisierung und Partikularisierung hin zu komplexen Problemstellungen, die mit den herkömmlichen Methoden nicht mehr zu bewältigen waren. Für die Politische Geographie bedeutete dies auch den Verlust ihres Kernparadigmas der Erforschung politischer Zusammenhänge auf Basis der Nationalstaaten. In der neuen Unübersichtlichkeit gewannen regionale und lokale Konflikte und Regulationsweisen an Bedeutung - und boten damit der Politischen Geographie eine zunächst überhaupt nicht erkannte Chance, sich wiederum eine geachtete Position innerhalb der Geographie wie der Sozialwissenschaften insgesamt zu erarbeiten. Für bis dahin unverrückbar gehaltene Werte und Normen, die seit der Aufklärung intellektueller Konsens waren (Demokratie, Humanismus, Menschenrechte), wurden nun als große „Meta-Erzählungen“ enttarnt (Lyotard 1999).4) Diese verfügen nur noch über kontextabhängige Wahrheiten, d.h. ihre Gültigkeit ist zeitlich und räumlich begrenzt.

Die fundamentale Erkenntnis der postmodernen Heterogenität heißt, „that all the great truths are false“ (Dear 1994).5) Der Eintritt in die „Risikogesellschaft“ (Beck 1986),6) die Aufsplitterung von Bevölkerung in eine Gesellschaft der „feinen Unterschiede“ (Bourdieu 1991)7) machte die älteren Konzepte sozialwissenschaftlicher Forschung obsolet. Das Politische ist auf allen Ebenen - auch den räumlichen - im Fluss.

Die Postmoderne beerbt die Moderne in vielfältiger Weise:8)

- Pluralisierung sozialer Strukturen;

- Dekonstruktion gesellschaftlicher Mythen, Benennung der radikalen Konstruiertheit (jeglicher) Realität;

- beschleunigte Differenzierung von Kultur;

- Grenzen des „Fortschrittsmythos“ (ökonomisch, sozial und ökologisch);

- nichtlineare, chaotische Entwicklungen;

- Entlarvung von Rationalismus, Fortschrittsglauben, Technokratie und Wissenschaftsgläubigkeit als Metaphysik der Aufklärung;

- Vervielfältigung und Relativierung von Weltanschauungen, Lebensstilen und Biografien und

- „Glocalisierung“ der Welt (global/local) auf Kosten der Bedeutung von Nationalstaaten

Bereits seit den 1970er-Jahren vermochte die angloamerikanische Geographie eine Reihe von Ansätzen zu entwickeln, die den geänderten gesellschaftlichen und philosophischen Rahmenbedingungen besser entsprachen. Im deutschsprachigen Raum hingegen fristeten sowohl Politische Geographie und noch stärker die Geopolitik ein Jammerdasein. Die Stigmatisierung beider durch die unselige Verquickung mit Theorie und Praxis des Nationalsozialismus konnte durch ein halbes Jahrhundert nicht durchbrochen werden.9) Die von führenden Vertretern der Politischen Geographie nach 1945 durchgezogene strikte Trennung von der „unwissenschaftlichen“ Geopolitik geriet letztendlich zur Ausdünnung und Bedeutungslosigkeit des eigenen Faches.

Erst ab etwa 2000 erfolgt auch im deutschen Sprachraum ein Umdenken. Wolkersdorfer (2001):10)

„Betrachtet man Politische Geographie und Geopolitik in ihrer Bedeutung für die Etablierung eines Diskurses im Spannungsfeld von Macht, Politik und Raum, so ist zu konstatieren: Politische Geographie und Geopolitik - zwei Seiten derselben Medaille!“

Die Zusammenführung einer postmodern verstandenen Politischen Geographie und Geopolitik erfolgt in der „Critical Geopolitics“.11) Mit ihr gelingt es, sowohl die zur Sprachlosigkeit deformierte Tabuisierung wie die plumpe Raum reifizierende Realpolitik unseliger Zeiten zu überwinden. „Critical“ bedeutet jedoch nicht wie in der deutschsprachigen akademischen Diskussion eine gesellschaftskritische (sprich neo-marxistische) Grundhaltung in der Forschung. „Critical“ bedeutet im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch eine konzeptionell gesehen andere Art zu denken,

„die dazu einlädt, mit vertrauten Denkgewohnheiten zu brechen und vermeintliche Sicherheiten in Frage zu stellen“ 12) (Lossau 2001). Und weiter:“ Die Besonderheit eines solchen Denkens besteht nun darin, dass es diese Widersprüche nicht aufzulösen, sondern auszuhalten versucht“. Dieser Ansatz, das diskursive Dreieck Raum-Macht-Wissen anders als bisher zu denken, findet sich schon in der Terminologie Edward Saids (1978),13) der dafür den Begriff „imaginative Geographien“ geprägt hat.

Eine sozialwissenschaftliche (Teil-)Disziplin entwickelt sich immer im Wechselspiel mit gesellschaftlichen Wandlungen. Die Leitlinien der Weiterentwicklung der Politischen Geographie sind folgerichtig sowohl Teil wie auch Reaktion auf die großen politischen und ökonomischen Veränderungen der letzten 20 Jahre. Sie zeigen sich in zwei neuen Richtungen:

(1) Der gleichzeitigen Pluralisierung wie Fragmentierung des Politischen (Becks lakonischem Fazit: „das Politische muss neu erfunden werden“; 1993)14) entspricht in der politisch-geografischen Theorieerweiterung ein zunehmender Einbau von akteurs- und handlungstheoretischen Konzepten. War die Radical Geography noch der Strukturanalyse gesamtgesellschaftlicher und transnationaler Zusammenhänge verpflichtet, so entfaltet sich nun eine stärker handlungsorientierte geografische Konfliktforschung auf der Basis eines methodologischen Individualismus, der bei den kleinsten Bausteinen politischer Handlungen - bei den Akteuren - ansetzen kann. Damit ergeben sich neue Deutungsmuster in der geografischen Mehrebenenanalyse vom Lokalen bis zum Globalen.

(2) Der zweite Hauptstrang entwickelt sich aus einer zunehmenden Sensibilität für den konstruktiven Charakter jeglicher „Wirklichkeit“ oder „Wahrheit“ und der Übernahme von Konzepten und Methoden der Linguistik. Diese Richtung konzentriert sich auf die Sprache und Sprachmuster, auf die „Macht der Diskurse“ (Foucault 1986),15) auf die Enttarnung der bisher für unantastbar gehaltenen Werte, Normen demokratischer (westlicher) Gesellschaften als „große Erzählungen“ (Metanarrative nach Lyotard 1999).16) Damit etabliert sich in der Politischen Geographie die konstruktivistische Konzeption der Critical Geopolitics, insbesondere mit dem bahnbrechenden Werk von Ó Tuathail (1996).17) Konzentration auf Sprache (Sprachspiele) bedeutet ab nun Analyse des geopolitischen Diskurses, der geopolitischen Erzählungen, der strategischen Raumbilder usw. Hauptaufgabe ist es, diese Diskurse als sprachliche Konstruktionen zu dekonstruieren, die weltweite geopolitische Konstellationen ebenso prägen wie territoriale Konflikte auf lokaler oder regionaler Ebene.

 

Paradigmenwechsel in der Politischen Geographie

Zwar behält die Politische Geographie „a wider range of perspectives“ (Agnew 1997),18) doch kristallisieren sich drei neue Hauptströmungen heraus:

1. die politisch-ökonomische Konzeption der Radical Geography;

2. die handlungstheoretische Erweiterung als geografische Konfliktforschung;

3. die postmodern-konstruktivistische Schule, die heute als „Critical Geopolitics“ firmiert.

Dies entspricht auch einer zeitlichen Abfolge von strukturalistischen über handlungsorientierte hin zu konstruktivistischen, diskursiv-poststrukturalistischen Ansätzen. Die Theorieansätze der Radical Geography wurden seit den 1970er-Jahren im anglo-amerikanischen Bereich so einflussreich, dass sie praktisch alle Bereiche der HumanGeographie und deren führende Vertreter entscheidend prägten, während diese Richtung in Deutschland kaum Resonanz fand.

Reuber und Wolkersdorfer (2001)19) konstatieren zwei Schübe der Weiterentwicklung, die im letzten Jahrzehnt auch in der deutschsprachigen HumanGeographie greifen:

- erstens einen „Spatial Turn“ als Ergebnis einer neuen Sensibilität für die regionalen Unterschiede des Politischen und

- zweitens einen „Linguistic Turn“ als Ergebnis einer neuen Sensibilität für die sprachliche Konstruktion und Instrumentalisierbarkeit sozialer und politischer „Geographien der Macht“.

Dieser Beitrag versucht die Ansätze und Vorgehensweise der Kritischen Geopolitik aufzuzeigen. Es sei jedoch betont, dass die handlungstheoretisch orientierte geografische Konfliktforschung und die diskursanalytisch orientierte Critical Geopolitics keine konkurrierenden Modelle der postmodernen Politischen Geographie abbilden. Sie stellen nur spezifische Fokussierungen bei der gemeinsamen Analyse von „processes involved in creating ... the uneven distribution of power over the earth’s surface“ 20) dar. Beide Perspektiven lassen sich bei spezifischen Fragestellungen durchaus miteinander verbinden, haben gemeinsame Übergangsbereiche und Kombinationsmöglichkeiten - etwa in der Integration konstruktivistischer Elemente in eine Handlungstheorie oder im Einbau poststrukturalistischer Elemente in eine neu formulierte Radical Geography. Ihre Methoden sind verschieden, die Zielsetzung hingegen bleibt die gleiche. Die Vielfalt möglicher Denkansätze und Forschungsstrategien beleben die Politische Geographie. Ihre Fragestellungen und Methoden bereichern heute das eigene Fach und vermitteln Impulse an die Nachbardisziplinen. Doch es gilt auch die Gretchenfrage zu stellen: Wie politisch ist die Politische Geographie? Die Antwort darauf kann nur - eben postmodern! - subjektiv-individuell ausfallen. Die Spannweite reicht heute von nach wie vor radikal-kämpferischen „Weltverbesserern“ und Systemzerstörern (Protagonisten der Radical Geography der Frühphase auf Basis neo-marxistischer Ideologie) über eine moderate Variante, die auf Politikberatung abzielt (man könnte sie unter Systemverbesserern einordnen) bis hin zu einer wissenschaftskritischen, jedoch keineswegs „wertfreien“ Position, die sich der Dekonstruktion geopolitischer Leitbilder und Diskurse annimmt (vielleicht als Systemerklärer zu bezeichnen), ohne aktiv in das politische Geschehen eingreifen zu wollen.

 

Unvereinbarkeit von klassischer und Kritischer Geopolitik

Die Kritische Geopolitik internalisiert also die grundlegend veränderten Rahmenbedingungen postmoderner Politik-, Gesellschafts- und Raumtheorien. Sie unterscheidet sich damit radikal von der positivistischen Position der „klassischen“ Geopolitik (z.B. wie geografische Faktoren auf außenpolitische Entscheidungsprozesse eines Staates wirken [könnten]). Im Gegensatz dazu wird Geopolitik nun als historisch wie politisch veränderbare Form einer Realitäts-Konstruktion gesehen. Die Konzeption der Critical Geopolitics steht damit auch in grundsätzlichem Widerspruch zu einer Renaissance der früheren Geopolitik. Da die Geopolitik jedoch ihr Untersuchungsgegenstand bleibt, ist sie zugleich keine Anti-Geopolitik, sondern eine neue Sicht und Bewertung. Sie entstand in den USA der 1980er-Jahre (Reaganomics) als Reaktion auf deren New Geopolitics und ihrer Zielsetzung, die weltweiten amerikanischen Ansprüche und Machtvorstellungen zu legitimieren. Die innergeografische Debatte als Teil dieser Reaktion führte zur paradigmatischen Wende vom Positivismus zum Konstruktivismus.21) Die fortschreitende Entwicklung der Handlungstheorien zeigte ebenfalls auf, dass für das Handeln von Akteuren nicht (nur?) objektive Gegebenheiten geltend gemacht werden können, sondern nur(?) das, was die Akteure von der räumlichen und sozialen Ausgangssituation tatsächlich wahrnehmen und wie sie diese ihre Wahrnehmung bewerten.

Durch diese Wende wurden nicht nur die Theorieansätze, sondern auch die Formen des empirischen Arbeitens gravierend beeinflusst. Ihre Wurzeln liegen in den sprachphilosophischen Konzepten der Postmoderne - und dabei insbesondere in den Arbeiten der französischen Poststrukturalisten (Bourdieu, Derrida, Foucault, Latour, Lyotard), wobei die stärksten Impulse von Foucault ausgehen. Für Foucault gelten die großen Erzählungen seit der Aufklärung nicht als Repräsentation der Wirklichkeit, sondern als privilegierte Diskurse spezifischer sozial und historisch situierter Gruppen.22) Deshalb reicht es nicht mehr aus, über die „Realität an sich“ zu philosophieren. Stattdessen geht es um die Frage, wie „Sinn“ und „Wahrheit“ produziert werden. Bestritten wird also die Epistemologie der Moderne, die den Wahrheitsbegriff als objektiv, ahistorisch, transkulturell und rational nachvollziehbar sieht. Der Wahrheitsbegriff wird durch den Diskursbegriff ersetzt.

Gesellschaftliche Machtbeziehungen werden durch Sprache vermittelt und legitimiert. Sprache wird zum „Dispositiv der Macht“. Sprache entsteht nicht durch „Realität“, vielmehr erschafft Sprache als diskursive Formation erst unsere Vorstellungswelt von Wirklichkeit. Der Diskurs bestimmt damit die Spielregeln öffentlichen Denkens, Argumentierens und Handelns als bestimmendes Prinzip unseres gesellschaftlichen Miteinanders. Es gibt eine Vielzahl von Diskursen, z.B. wissenschaftliche Diskurse, deren Geltungsansprüche sich ständig aneinander reiben und deren wichtigstes Merkmal ihre historische wie politische Relativität ist. Diskurse regeln Wissen und Macht und die unumgängliche Verbindung zwischen ihnen.

Es gibt keinen neutralen Beobachterstatus außerhalb der Diskurse (im Gegensatz etwa zum Postulat der Wertfreiheit in der positivistischen Soziologie). Es gibt keine Metatheorie, welcher Diskurs die Realität besser repräsentiert. „Somit ist Erkenntnis immer partiell, situiert und historisch kontingent und steht in Relation zum sozialen, historischen und kulturellen Kontext und der spezifischen Erfahrung des erkennenden Subjekts innerhalb eines Diskurses.“ 23) Daraus folgt auch, dass jede Form des Wissens sozial konstruiert ist.

Die Diskursanalyse bezeichnet eine heterogene Vielfalt von Verfahren, wobei der Begriff Diskurs darauf verweist, dass es sich um gesellschaftliche Praktiken der Kommunikation handelt. Als Methode liegt die Diskursanalyse quer zu gängigen Unterscheidungen zwischen quantitativen und qualitativen Verfahren und ist eher als hermeneutisches Verfahren zu sehen, obgleich Hermeneutik und Dekonstruktivismus letztendlich unterschiedlicher Meinung sind, wie ein konsensorientiertes Verstehen bzw. ein nicht auflösbarer Rest von „differance“ im Sinne Derridas greifen. Die hier umrissene Grundlegung eines radikalen Pluralismus dient Kritikern häufig als Angriffsfläche auf einen angeblichen „Anything-goes-Eklektizismus“. Diese Problematik wird weiter unten aufgegriffen.

 

Ansatz und Ausübung Kritischer Geopolitik

Aufgrund der oben dargelegten Entwicklungsgeschichte können wir mit Reuber (2002) Ansatz, Ziele und Methoden der Kritischen Geopolitik zusammenfassend in konzentrierter Form darstellen wie folgt:24)

Forschungsgegenstand ist die Dekonstruktion geopolitischer Diskurse und Leitbilder sowie auch die Dekonstruktion ihrer kartografischen und fotografischen Repräsentationen.

Forschungsmethoden sind (a) sprachanalytische Verfahren, vor allem die Diskursanalyse und hermeneutische Verfahren der Textanalyse, wie qualitative Inhaltsanalyse, biografische Methode etc. und

(b) semiotische Verfahren der Bild- und Foto- sowie der Karteninterpretation.

Forschungsziele sind die Dekonstruktionen vorhandener Konstrukte in der Offenlegung der inhaltlichen Argumentationen:

- geopolitische Diskurse/Leitbilder/Karten etc. als zeitgeschichtliche und perspektivisch beeinflusste „Sprachspiele“ (sprachliche Konstrukte) bzw.

- kartografische und fotografische Repräsentationen in der Offenlegung ihres strategischen Charakters;

- Aufdeckung ihrer latenten Funktion als machtpolitische Instrumente in den neuen geopolitischen Konflikten unserer Zeit.

Neue Rahmenbedingungen rezenter Geopolitik

Der zeitgeschichtliche Hintergrund liefert der Critical Geopolitics reichlich Unterfutter. Das Ende des Kalten Krieges, die Zerstörung der vertrauten Weltbilder und Ideologien der beiden Supermächte, das Ausbrechen brutaler regionaler Kriege und Konflikte „sogar“ im (zivilisierten?) Europa - Sowjetunion, Osteuropa, Jugoslawien -, ganz zu schweigen von den Ereignissen von Ruanda bis Osttimor.

Das aufbrechende Machtvakuum, die neue geopolitische Unsicherheit, die „neuen Kriege“ erzeugten eine Renaissance geopolitischen Denkens und geopolitischer Weltbilder. Kaum waren die alten Freund-Feind-Schemata zusammengebrochen, schossen bereits neue wie Pilze aus der Erde. Aber sie wurden neu konfiguriert. An die Stelle der abgewirtschafteten Ideologien traten jetzt fast übergangslos kulturelle, religiöse und ethnische Unterschiede als politisch-geografische Trennfaktoren.

Vergleichen wir noch einmal mit der „klassischen Geopolitik“. Sie verstand sich als aktive Politikberatung, welche die Bausteine zur Erreichung oder Erhaltung der Großmachtpolitik eines Staates liefern wollte, war so gesehen Geostrategie. Damit gehörte sie auch zu den Vorreitern der europäischen imperialistischen Aktivitäten in der Hochphase des Kolonialismus, indem sie umfassende Konzepte - aber keine Theorie! - einer Weltpolitik insgesamt wie auch konkrete Geostrategien für die rivalisierenden Mächte entwarf. Neben der Deutung, wie die große Welt sei oder sein sollte, gesellten sich die nationalen Varianten als ideologisches Rüstzeug der jeweiligen Außenpolitik hinzu. Deshalb war die klassische Geopolitik auch immer „Staatenpolitik“. Dieser Ansatz ist heute nicht nur in seinen sozialdeterministischen Grundannahmen widerlegt, sondern auch durch die geschichtliche Weiterentwicklung. Wir erleben einerseits den Rückbau staatlicher Einflüsse auf lokaler und regionaler Ebene, andererseits die viel diskutierten Auswirkungen der Globalisierung auf die Staaten. Zu diesen zählen die ökonomischen Bedingungen, die neue Macht der Medien und die Überlebenssicherung angesichts weltweit wirkender Risikofaktoren. Finanz- und Güterströme, Informationen, Wissen und Ideen, aber auch Aids oder Klimarisiken kennen keine Grenzen mehr. Wir alle leben im „global village“. Dichotomien, die auch die Geographie so lange beschäftigt haben wie die Polaritäten Zentrum versus Peripherie, Erste versus Dritte Welt, urban versus rural, Ost gegen West oder Nord gegen Süd, sie alle greifen nicht mehr. Die Maßstabebenen werden unscharf, Zeit und Raum „entankert“. In Castells Netzwerkgesellschaft (2001) wird der Raum, traditionell verstanden als „Raum der Orte“ (Space of Places) in einen „Raum der Ströme“ (Spaces of Flows) verwandelt.25) Früher konstituierten nationalstaatliche Grenzen klar ein Binnen und Außen von Nation, Gesellschaft und Raum. Heute übernehmen supranationale Institutionen immer mehr Aufgaben auf Kosten der alten Staaten. Dies sind die postmodernen Rahmenbedingungen rezenter Geopolitik. Dieser grundlegende Wandel ist vielfach beschrieben und analysiert worden (Harvey, Castells, Agnew).26) Aufgelöst hat sich jedoch nicht die Territorialität von Staaten, sondern jene des staatlich organisierten Kapitalismus. Die Netzwerke transnationaler Konzerne und Finanzmärkte können selbst als eine Art „Phantomstaat“ gesehen werden. In der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise des Jahres 2009 erkennen wir, wie selbst die mächtigsten Staaten nur mehr über beschränkte Eingriffsmöglichkeiten in die Finanzströme der Weltökonomie verfügen. Die weitere Vertiefung des Wohlstandsgefälles sowohl zwischen wie auch innerhalb von „reichen“ und „armen“ Nationen schreitet voran. Dies ist die wichtigste Determinante für die Verschärfung von Konflikten weltweit und die Ausbreitung von Konfliktherden, seien diese nun wirtschaftlich, sozial, politisch oder ökologisch bedingt. Zumeist handelt es sich ohnehin um ein Geflecht multipler Verursachung.

Neue geopolitische Interpretationen lösen auch die so bezeichneten „versagenden Staaten“ (failing states) aus, die (bisher) nicht den Aufbau geordneter staatlicher Strukturen geschafft haben. Es entwickelt sich eine nach unten führende Spirale aus Armut, Gewalt, Korruption und Pseudoordnungen (z.B. Warlords). Neue Staaten in der Balkanregion, im Kaukasus und in Zentralasien, weite Bereiche Afrikas, mehrere Länder Lateinamerikas ergeben eine beachtliche Liste. Bayart, Ellis und Hibou27) definieren solche Regionen als „schwarze Löcher“, in denen sich die Weltkarte verliert und das Chaos herrscht. Das schlimmste Beispiel eines versagenden Staates dürfte trotz größter internationaler Anstrengungen zur Verbesserung der Lage zurzeit Afghanistan sein. Als vermittelnde Instanz einer komplexer gewordenen Welt fungiert die neue Medienwelt, wobei sich die Grenzen politischer Berichterstattung und Beeinflussung bis hin zur medialen Übernahme politischer Macht verschieben. Die Mediennetzwerke vermitteln dabei auch kulturelle Codes. TV-Sender zeigen keineswegs „die Wirklichkeit“, sondern bestimmen, welcher Ausschnitt aus der Vielfalt der Wirklichkeit „real“ zu sein hat, und schließlich auch das, was als „wahr und echt“ verkauft wird. Das Phänomen einer medialen Reduktion tatsächlicher Kriegsereignisse auf eine „star-wars“-Inszenierung wird seit dem Ersten Golfkrieg 1991 als „CNN“-Effekt bezeichnet. Der Realraum verschwindet zwar nicht, wird aber zu einem abstrakten (oder politisch einseitigen) Image von Realität umgeformt.

 

Die Politikmacher weltweit haben größte Mühe, sich von den alten Einsichten und Methoden der klassischen Geopolitik zu verabschieden. Reale oder fiktive Gefahren richten sich nicht mehr gegen Territorien und Grenzen von Staaten, sondern gegen Interaktionsräume, Leitbilder etc. In dieser Ohnmacht breiten sich wieder Tendenzen aus, globale Bedrohungen „an ein territoriales Register zurückzuverweisen“.28) So musste durch die Hegemonialmacht USA eine „Schurkenstaaten“-Doktrin kreiert werden, ein mehrfach verändertes Konglomerat von Ländern, die das „Reich des Bösen“ verkörpern. Ó Tuathail bringt dieses Dilemma auf den Punkt:29)

„Der Widerspruch im geopolitischen Diskurs angesichts der Risikogesellschaft im 21. Jahrhundert ist der klassische Widerspruch in Modernisierungsdiskursen. In der Suche nach Antworten auf die Bedrohungen ohne Grenzen, die von der fortgeschrittenen Moderne ausgehen, werden Lösungswege gewählt, die letztlich in einer weiteren Vertiefung der Bedrohungen und einer Ausweitung der Risiken enden.“

 

Die Macht geopolitischer Leitbilder

Zu den wichtigsten Aufgaben der Kritischen Geopolitik gehört die Untersuchung geopolitischer Leitbilder, die Vorstellungen wie Handlungen politischer Entscheidungsträger tiefgreifend prägen. Sowohl in der Tagespolitik, ihrer Darstellung in den Medien wie in langfristigen Strategieansätzen bestimmen Sprache, Bilder und Karten geopolitische Ordnungsvorstellungen. Diese wirken bei Konflikten auf das Denken und Handeln der Akteure und desgleichen auf die Rezeptionsfähigkeit und das Beurteilungsvermögen einer breiten Öffentlichkeit.30)

Machtkonstellationen werden in der Critical Geopolitics als sprachliche und/oder kartografische Konstruktionen aufgefasst, deren diskursiven Charakter es zu dekonstruieren gilt. Solche geopolitischen Leitbilder sind tief im kollektiven Denken von Bevölkerungen oder spezifischen Bevölkerungsgruppen verwurzelt, häufig in kulturellen Mythen, aber auch in anderen Diskursen verankert, die die Welt in Eigenes/Fremdes, Gut und Böse, sichere Regionen/Krisenregionen usw. unterteilen. Werden solche Leitbilder und die zugehörigen Diskurse lange genug in einer Gesellschaft tradiert und reproduziert, erscheinen sie irgendwann als „quasi natürlich“. Menschen vergessen dann auf die ursprüngliche Schaffung solcher Bilder und halten sie für real und unantastbar wie etwa die „selffulfilling prophecies“. Durch ständige Wiederholung verfestigen sie sich zu Machtverhältnissen und werden alltags- und handlungsrelevant. Aus dieser Sicht ist Geopolitik eine diskursive Praxis, die dazu dient, eine scheinbar natürliche räumliche Ordnung der internationalen Politik zu produzieren und zu reproduzieren. An der Produktion solcher „geographical imaginations“ 31) (Gregory 1994) arbeiten nicht nur Politik und Medien, sondern die Wissenschafter selbst. Seit über 100 Jahren wirken die Welt- und Leitbilder der großen Vordenker wie Ratzel und Mackinder und lassen sich in die Entwürfe unserer Zeit von Brzezinski, Barnett, Huntington und anderen hineinverfolgen. Sie erschaffen und zementieren - gerade auch über längere Zeiträume - die globalen Geographien des Eigenen und des Fremden.

Wie entstehen und funktionieren solche Leitbilder? Als wichtigstes und stetig wiederkehrendes Leitmotiv des geopolitischen Diskurses sieht Dalby (2003)32) die Konstruktion von Territorien und Grenzen, welche die räumliche Trennung von Eigenem und Fremdem bewirken. Dieses Moment territorialer Identität (aller räumlichen Ebenen) steht im Zentrum geopolitischen Räsonierens und bewirkt ein vereinfachtes Abbild einer (zu) komplizierten Welt. Sowohl räumliche Trennungen als auch Homogenisierungen führen zu einer Reduktion sozialer Vielfalt der Gesellschaft auf überschaubare Kategorien, Untereinheiten und deren (vermeintliche) Zusammenhänge. Eine solche Reduktion beispielsweise auf Morgenland/Abendland oder Zentrum/Peripherie bildet nicht Wirklichkeit ab, sondern einen lange geübten geopolitischen Diskurs, der in Dichotomien argumentiert. Um mit Michel Foucault zu sprechen, handelt es sich dabei um einen hegemonialen politischen Diskurs, während andere (mögliche) Diskurse, die der „common sense“ nicht (aus)übt, marginalisiert, unausgesprochen, nicht handlungsrelevant bleiben. Das Denkmuster, die Trennung und Verortung in Fremdes und Eigenes wirkt immer gleich, egal ob wir an die Zentrum-Peripherie-Diskussion von Peter Taylor in Anlehnung an Immanuel Wallerstein, die kulturelle Plattentektonik eines Samuel Huntington oder Differenzierung von Naturräumen durch Vertreter der Physischen Geographie denken. Die Verfestigung alltäglicher Sprachpraxis entwickelt normative Kraft hin zu etwas, das nicht mehr konstruiert, sondern als „natürlich“ empfunden wird. Bourdieu hat dies als heimliche Umkehr von Ursache und Wirkung bezeichnet.

Wozu dient nun die Dekonstruktion geopolitischer Leitbilder? Sicher nicht dazu, eine objektiv richtige Ordnung des politischen Geschehens weltweit zu finden oder zu entwickeln. Genau das Gegenteil ist beabsichtigt: nämlich die Enttarnung (Dekonstruktion) pseudo-objektiver Strategien, „seien sie nun eher traditionell geopolitischer, eher politisch-geografischer, eher politikwissenschaftlicher, eher praktisch politischer oder eher populär-medialer Art - als Versuche, die Wirklichkeit in eine ganz bestimmte Ordnung zu bringen, die andere Ordnungen ausschließt und andere Perspektiven marginalisiert“ 33) (Reuber und Wolkersdorfer 2007). Erst eine solche Auffassung ermöglicht die Aufdeckung wie Infragestellung von Verknüpfungen psychologischer/soziologischer Eigenschaften mit territorialen Abgrenzungen.

 

Die Anwendung geopolitischer Leitbilder in der politischen Praxis

Das Erklärungsvakuum nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten ab 1989 wurde zunächst durch konkurrierende Diskurse aufgefangen. Möglich schien eine Dominanz der politischen Diskurse durch geoökonomische oder geoökologische Leitbilder. Schlagartig und dramatisch jedoch hat sich die weltpolitische Situation durch die Ereignisse von „Nine Eleven“ verändert und damit auch eine Führungsrolle geopolitischer Argumentationsstränge ausgelöst. In der Praxis lassen sich zwei Richtungen ausmachen - eine, die stärker universalistisch zugunsten eines neuen Hegemons (USA) plädiert, und eine zweite, die stärker auf politischen Konflikt und Fragmentierung, des Weiteren auf ein multipolares Weltsystem abstellt. Obwohl diese beiden Entwicklungspfade nicht kompatibel erscheinen, „werden sie doch in der Begründungsrhetorik von Wissenschaft und Politik subtil miteinander verschmolzen, um die militärischen Interventionen und Kriege dieser Tage zu legitimieren.“ 34)

 

Anwendung I: „Nine Eleven“

Die terroristischen Anschläge auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington D.C. am 11. September 2001 sind - auch von Vertretern der Politischen Geographie - in vielfältiger Weise interpretiert worden. Hier sei nur festgehalten, dass Untersuchungen des „objektiven Sachverhalts“ rasch ins Leere greifen. Den Angreifern ging es nicht um die Vernichtung der Wolkenkratzer und der in ihnen arbeitenden Tausenden Menschen per se, sondern um die (Zer-)Störung symbolischer Bedeutungen und geopolitischer Repräsentationen. Mit dem World Trade Center wurde das verhasste Symbol des amerikanisch dominierten Kapitalismus getroffen, der von der Wall Street aus die Welt regiert, und mit dem Pentagon die symbolische Machtzentrale der militärischen Garantie- und Durchsetzungsmacht dieser Weltordnung. Die unmittelbare Reaktion darauf zeigt, wie sehr diese Symbolik sofort greifen konnte. In den USA wurde der Glaube an die Unverletzbarkeit der Nation und des Territoriums erschüttert. (Kriege, auch solche mit stärkstem US-Engagement fanden immer „anderswo“ statt.) In der arabischen Welt tanzten die Menschen jubelnd auf den Straßen, war doch die Unantastbarkeit der Supermacht (und der Schutzmacht Israels) auf einen Schlag gebrochen.

Auch in den weiteren Reaktionen auf den Anschlag spielen geopolitische Diskurse und Leitbilder erneut eine zentrale Rolle. Die internationale Rhetorik der gesamten Geopolitik hat sich neu formiert. Verschoben haben sich die Felder des Sagbaren und die Tabus des Nicht-Sagbaren. Eine diskursanalytische Untersuchung zeigt, wie sehr mit Leitbildern aktive Geopolitik betrieben wird und dabei Zwangslogiken konstruiert werden. Wie aus dem Lehrbuch lässt sich nachvollziehen, wie Politiker und Medien in martialischer Kriegsrhetorik aus einem international zusammengewürfelten Netzwerk von Terroristen schrittweise einen „territorial verfassten und fassbaren Konflikt“ konstruieren. Die schon früher benannte Rückverweisung an ein territoriales Register ermöglicht erst den massiven Einsatz militärischer Kräfte zum Gegenschlag, wobei die mediale Wirkung auf die eigene Bevölkerung deutlich wichtiger scheint als der konkrete militärische Erfolg. Das ganze Set vom „Kampf der Kulturen“, den „Schurkenstaaten“ wie Irak oder Afghanistan etc. musste zuerst entwickelt werden, um Gegenmaßnahmen (moralisch) zu rechtfertigen. Die konkrete Verortung der Feindbilder führt unweigerlich zur „territorial trap“35) (territorialen Falle)(Agnew 1994).

 

Anwendung II: Bild vom Irakkrieg

Ein Bild aus der Tageszeitung „taz“ (Die Tageszeitung) vom August 2003: irgendwo im Irak. Ein bis an die Zähne bewaffneter amerikanischer GI patrouilliert vor einer Häuserzeile, die nur noch aus rauchenden Ruinen und Trümmern besteht. Die Frage der „taz“ an den Leser: „Was sehen Sie?“ Zur Vereinfachung möglicher Antworten werden zwei Varianten vorgegeben: „a) Befreier, b) Besatzer“. Die Entscheidung für eine der beiden Alternativen steht nicht automatisch fest, und so fügt die Zeitung folgenden Untertitel zum Bild hinzu: „Wie Sie das Weltgeschehen einordnen, hängt von ihren Informationen ab“. Aus diesem einfachen Beispiel wird der Konstruktionscharakter sowohl der persönlichen Erfahrungen wie der weltpolitischen Aktivitäten deutlich und darüber hinaus deren mediale Repräsentierung. Es handelt sich erneut um das magische Dreieck Raum - Macht - Wissen, das jedoch nicht durch die Ad-hoc-Situation bei der Betrachtung des Bildes bestimmt wird, sondern durch viel früher geprägte, tiefer liegende Wertvorstellungen, kollektiv begründete Normen und Argumentationen. Für den Konstruktivismus sind auch diese tieferen Schichten Konstrukte, die dem Akteur häufig überhaupt nicht bewusst werden und ihn glauben lassen, eine „quasi natürliche“ Entscheidung zu treffen. Über den individuellen Akteur in der Praxis des Alltags hinaus funktionieren Meinungsbildungen dann auch kollektiv, geprägt von den zuvor entwickelten Leitbildern und Diskursen der geopolitischen Auseinandersetzungen. Damit kommt diesen auch eine Schlüsselrolle bei der Formierung der „öffentlichen Meinung“ zu, welche dann wiederum in Rückkoppelung politische Entscheidungen beeinflusst. Jeder Kampf um „Macht und Raum“, jene archetypische Fragestellung jeglicher Politischer Geographie und Geopolitik, zielt letztendlich auf diese Tiefenschichten der Erinnerung und Verinnerlichung ab. Was das „Eigene“ und das „Fremde“ ist, wird damit auch räumlich - besser territorial - verortet und führt zu bestimmten globalen Differenzierungen der Welt. Mit der räumlichen Vereinfachung einher geht die Verfestigung eines Leitbildes im historischen Ablauf, bis ein mächtiger, hegemonialer Diskurs entsteht, der in eine „große Erzählung“ mündet. Die Verfestigung dieser Metanarrative bildet eine wichtige, vielleicht die wichtigste Grundlage zur Legitimierung von Gewalt und kriegerischen Auseinandersetzungen.

Es ist offensichtlich, dass sich solche Deutungsmuster weder plötzlich noch zufällig entwickeln, sondern über Jahre hinweg. Für das Individuum am stärksten in der Adoleszenzphase, in der viele Urteile und Vorurteile aufgebaut werden, die oft ein Leben lang weiterwirken. Kollektive Denkmuster entstehen zugleich durch vielfältige Interaktionen im Umfeld - innerhalb der Familie, mit Freunden, Nachbarn, Leitpersonen (Vorbildern) und durch mediale Information, politische Propaganda usw. Die Metanarrative beeinflussen schließlich ganz massiv die vermeintlich objektiven Analysen und Expertisen der Spezialisten von „Think Tanks“, zeigen sich in Richtlinien in der schulischen „Politischen Bildung“, in allen Formen der Medienvermittlung und gerade auch im gelebten Alltag. In kritischen Phasen harter politischer Kontroversen und im Kriegszustand genügt es dann, reflexartig auf sie zurückzugreifen. Metanarrative dienen als „frames“ und „storylines“, also der Konfliktrahmung und der Ableitung von Reaktionen und Aktionen der handelnden Akteure. Von der Sprachebene zum konkreten Handeln ist es dann oft nur mehr ein Schritt. Aus diesem Grund können die großen Erzählungen (Märchen, Sagen, Mythen?) handlungsmächtig werden und Entstehung wie auch Verlauf von Konflikten entscheidend beeinflussen.

 

Geopolitische Leitbilder in Weltordnungsansätzen und ihre Dekonstruktion durch die Kritische Geopolitik

Weltsystemansätze wurden in unterschiedlichen Ideologien und mit differierenden Methoden entwickelt, seit es Politische Geographie und Geopolitik gibt. Durch die „in sich stimmige“ Geschlossenheit dieser Versuche zur Hierarchisierung der Welt(politik) vermitteln sie keine geringe Faszination. Gleichzeitig stehen sie für das Scheitern solcher Bemühungen an der nie einlösbaren „Objektivität“ all dieser Konstrukte. Die Klassiker deuteten in geodeterministischer Weise „geografische Fakten“ als unverrückbar, wobei sich Außenpolitik und militärische Operationen an diesen zu orientieren habe. Trotzdem entwickelten Ratzel, Mackinder, Mahan und andere konkurrierende Leitbilder der Geopolitik und Geostrategie. Noch mitten im Zweiten Weltkrieg konnte einer der wichtigsten amerikanischen Theoretiker, Nicholas Spykman, unwidersprochen formulieren: „Geography is the most fundamental factor in the foreign policy of states because it is the most permanent. Ministers come and go, even dictators die, but mountain ranges stand unperturbed“.36)

In den 1960er-Jahren dominierte die Verwendung quantitativer Methoden in allen Teilbereichen der Geographie und deshalb auch in Versuchen, politische Weltmodelle zu entwerfen. Erwähnt sei B.M. Russett, der die Staaten der Erde mittels einer Faktorenanalyse hierarchisieren und zu Gruppen fassen wollte.37) Der Versuch Russetts und viele spätere scheiterten jedoch an einer grundlegenden Problematik. Zunächst scheinen mathematisch-statistische Modelle und Methoden objektiv zu sein und damit „richtige“ Resultate zu produzieren. Aber rasch wird klar, wie sehr die Ergebnisse von den Auswahlkriterien der Indikatoren, der Konstruktion der Merkmale sowie von den verwendeten Methoden der Informationsreduktion abhängen. Raumgliederungen der Erde und damit unterstellte Zusammenhänge der Wirkungen beruhen auf jeweils sehr verschiedenen Deutungen politisch-ideologischer, strategischer, ökonomischer oder ökologischer „Natur“. Schon allein aus Defiziten der Datenlage und Datensammlung ergeben sich nahezu unüberwindliche Probleme ihrer Nutzung. Trotzdem sind solche Messversuche und Hierarchisierungen bis heute gang und gäbe. Als Beispiel sei nur der „Human Development Index“ (HDI) in der Entwicklungs(länder)forschung genannt. Als noch problematischer erweisen sich Versuche, politische und soziale Indikatoren vergleichend zu bewerten. So haben etwa Taylor und Jodice über lange Jahre versucht, Skalen des politisch-sozialen „Wohlverhaltens“ zu entwickeln,38) Organisationen wie Freedom House oder PIOOM solche zu Menschenrechten.

Auch ohne Quantifizierungsversuche liefern Geopolitiker und Think Tanks weiterhin globale Ordnungsmodelle. Erheblichen Einfluss innerhalb des Faches wie auch auf die amerikanische Außenpolitik haben etwa die Überlegungen von Saul B. Cohen gehabt.39) Seine Hauptthese durch Jahrzehnte lautet: Die Beziehungen der Staaten untereinander halten die Welt in einem labilen, jedoch dynamischen Gleichgewicht. Dieses Austarieren einer Weltwaage ist die hohe Kunst der Geopolitik. Cohen entlehnt aus der Physik das Entropiemodell - einfach formuliert: Mit der Intensität der Ausstrahlung (von Licht) nimmt die Energie an der Quelle ab. In das Politische übertragen heißt dies, dass sich jeder Staat überlegen muss, wohin und in welchem Ausmaß er seine Energien leitet, da die gleichzeitige, allgegenwärtige Präsenz weltweit nicht möglich ist.40) Zwar hat sich der „Kalte Krieger“ Cohen über die Jahre zu einem sensiblen und besorgten Mahner der amerikanischen Außenpolitik gewandelt, aber Kritiker bemängeln seine Annahmen und Folgerungen als spekulativ, theoretisch möglich - jedoch nicht als unmittelbar realistisch. Wiederum gilt es mittels der Kritischen Geopolitik die subjektive Bewertung und Interpretation jeglicher Aktivitäten im Raum als „strategische Raumbilder“ zu dekonstruieren.

Eine Reihe weiterer Weltmodelle ist in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelt worden.41) Um die Vorgangsweise der Critical Geopolitics noch einmal zu verdeutlichen, sei hier exemplarisch die Weltordnung des Samuel P. Huntington, des „Clash of Civilizations“, aus dieser Sicht analysiert.

 

Huntingtons Clash of Civilizations und seine Dekonstruktion durch die Kritische Geopolitik

Samuel P. Huntingtons Aufsatz gleichnamigen Titels in der Zeitschrift Foreign Affairs 199342) löste nicht nur ein fachwissenschaftliches Erdbeben aus, sondern prägte ein geopolitisches Leitbild, das bis heute auch medial äußerst öffentlichkeitswirksam weiterwirkt. Es soll sich um die meistzitierte Arbeit in den Sozialwissenschaften handeln. Offensichtlich hatte Huntington den Nerv eines schwelenden Unbehagens der westlichen Zivilisation getroffen. Seine berühmte These vom „Zusammenprall der Zivilisationen“ oder, verschärft, vom „Kampf der Kulturen“43) geht von einem kulturellen Paradigma aus. Hauptthese ist die Annahme, dass nicht universale Werte oder politisches Handeln den menschlichen Fortschritt bestimmen, sondern die Kulturleistungen. Gegen die Dynamik der Globalisierung und ihrer Leitwerte stehen zunehmend ethnische oder religiös begründete Gegenkonzepte unterschiedlicher Kulturen, die durch „Bruchlinien“ als Kulturkreise voneinander abgegrenzt werden. Die Weltpolitik des 21. Jahrhunderts wird durch diese bestimmt werden.

Huntington identifiziert acht Kulturen (oder Kulturkreise), wobei „Geographie und Kultur“ nicht immer genau übereinstimmen, aber doch beträchtliche Überschneidungen vorhanden sind (siehe Abbildung). Dabei sei es für den Westen von größter Wichtigkeit, seinen „Wertekanon“ - Individualismus, Menschenrechte, Demokratie, freie Marktwirtschaft - gegen die Bedrohungen anderer Kulturkreise zu verteidigen, in erster Linie gegen die Stoßkraft des Islam und in zweiter gegen die Prinzipien des Konfuzianismus in Ostasien. Griffig wurde diese Argumentation mit dem Satz „The West against the Rest“ unterlegt. Kulturkreistheorien gibt es in der Geographie seit Generationen, doch wurden sie immer statisch als Ist-Zustand definiert. Das Neue bei Huntington ist aber die Dynamisierung dieser Annahmen. Das grundsätzlich Falsche daran ist der Glaube, damit eine gültige Beschreibung der Realität zu liefern. Die Kriterien der Abgrenzung von Kulturkreisen sind nicht konsistent, und jede Klassifikation homogenisiert die verwendeten Einheiten nach innen und betont die Differenz nach außen. Kulturraumkonzepte reduzieren die Welt allzu vereinfachend. Viele Kritiker sehen gerade darin eine Hauptaufgabe des huntingtonschen Schemas, eine (zu) kompliziert gewordene Welt verblüffend einfach - aber falsch - zu deuten und damit von den tatsächlichen Absichten politischer Macht abzulenken.

Reuber und Wolkersdorfer beschäftigen sich 2002 eingehend mit den Thesen aus der Sicht der Kritischen Geopolitik.44) Unter anderem analysieren sie die Anwendung der huntingtonschen Metapher in Veröffentlichungen der Wochenzeitung „Zeit“ nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und differenzieren drei Benutzergruppen: die Anwender und Bestätiger, die kritischen Verwender und die indirekten Nutzer.

Im „diskursiven Machtkampf wissenschaftlicher Weltbilder“ lassen sich drei Pfade der Auseinandersetzung finden. Die „moderne“ Kritik zeigt zuerst den Nutzen des Leitbilds zur Erneuerung modernisierungstheoretischer Ansätze (als Abwehr neuerer Ansätze zur Globalisierung). Auf einmal existieren westliche, islamische, asiatische Modernisierungsschemata gleichzeitig und nebeneinander in einer Konkurrenzsituation. Ausgetragen werden die Konflikte an den Rändern der Kulturkreise. Kreutzmann hat dazu in Analogie zur Theorie der Kontinentaldrift von Alfred Wegener die Metapher von der „kulturellen Plattentektonik“ geprägt.45) Eine zweite Variante bemüht sich um die Abschwächung der These durch „Nachweis“ von Abgrenzungsfehlern und Vorlagen zu Alternativentwürfen - etwa zu fünf oder zwölf Kulturkreisvarianten mit wechselnden definitorischen Abgrenzungen. Auch Gegenentwürfe multikultureller Weltgesellschaften fallen in diese Kategorie. Warum? Konstrukteure und Kritiker bleiben gleichermaßen dem westzentrierten, modernisierungstheoretischen Ansatz verhaftet. Diese zweite Variante der „modernen Kritik“ hält ja wie die erste an der Kernidee einer räumlich-kulturellen Differenz fest, sie betreibt - auch im Widerspruch - eine indirekte Unterstützung der Leitthese von Huntington. Erst die dritte Variante, die „postmoderne Kritik“, deckt auf, dass Huntington die komplexen Konfliktstrukturen weltweit auf einen vereinfacht gestrickten Kultur-/Raumdeterminismus reduziert. Die Enttarnung dieses Leitbilds als geopolitisches Machtinstrument erfolgt mit der Methode der Dekonstruktion. Es erfolgt eine Offenlegung des bloß konstruierten Charakters kultureller Differenz, ebenso der pauschalen, empirisch unhaltbaren Koppelung von Kultur und Territorium. Ergänzt wird dies noch durch die „biografische Dekonstruktion“. Wer behauptet was und warum? Huntington war nicht nur Harvard-Professor und Leiter des John-M.-Olin-Institutes für strategische Studien, sondern auch einflussreicher Berater des US-Außenministeriums. In der Biografie öffnen sich Lebenslinien, Interessen und Absichten.

Die verführerische Attraktivität und gleichermaßen immense Gefahr dieses Ansatzes liegt in der Schaffung einer self-fulfilling prophecy, einer Renaissance deterministischer Geopolitik und in der anhaltenden Verwendung dieser Ideen in der Argumentation sowohl der Politiker wie der Medien. Ó Tuathail bringt es auf den Punkt:46) „Huntingtons Thesen drehen sich nicht um einen (bereits existenten) Kampf der Kulturen. Sie zielen darauf ab, die globale Politik zu einem Kampf der Kulturen werden zu lassen.“

 

Übungsaufgabe Georgienkonflikt 2008

Die vor einem Jahr ausgebrochene kriegerische Auseinandersetzung zwischen Georgien und Russland wurde vor kurzem in zwei Gastkommentaren in der Tageszeitung „Die Presse“ interpretiert, und zwar am 11. August 2009 durch den Botschafter der Russischen Föderation in Österreich, Dr. Stanislav Osadchiy, sowie am 12. August 2009 durch den Botschafter Georgiens in Österreich, Paata Gaprindaschwili, der auch Vorsitzender des OSZE-Forums für Security Cooperation ist. Es darf davon ausgegangen werden, dass in diesen Kommentaren nicht nur die persönlichen Meinungen der Repräsentanten ihrer Staaten zum Ausdruck gebracht wurden, sondern auch und gerade die dahinter stehenden geopolitischen Leitbilder und Diskurse der Kontrahenten. Nachfolgend werden Ausschnitte beider Kommentare wortgetreu, aber gekürzt wiedergegeben, und zwar ohne nachfolgende Interpretation durch den Autor. Der geneigte Leser ist eingeladen, mit dem Rüstzeug der Kritischen Geopolitik diese Annahmen und Aussagen zu dekonstruieren.

Kommentar 1 „Abkommen statt Aufrüstung“ (die russische Sichtweise)

„Genau vor einem Jahr traf der Präsident Georgiens, Michail Saakaschwili, die verantwortungslose und verbrecherische Entscheidung, Südossetien militärisch anzugreifen. Dadurch machte er mit einem Schlag 17 Jahre internationale Verhandlungen, Bemühungen der gemischten Kontrollkommission und der OSZE-Mission sowie gemeinsame Tätigkeit russischer und georgischer Friedenstruppen zunichte ... Die grausame Entwicklung der Ereignisse ist ausführlich dokumentiert in den mehr als 3.300 beim Internationalen Strafgerichtshof und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingebrachten Klagen von Bewohnern Südossetiens. Nachdem die damaligen Versuche Russlands, die Handlungen Georgiens im UNO-Sicherheitsrat zu verurteilen, blockiert wurden, hatte die Führung Russlands keine andere Wahl, als den Aggressor zu stoppen. Die Grundlage für den völkerrechtlich legitimen Einmarsch von russischen Einheiten war gegeben durch den militärischen Überfall Georgiens auf die russischen Friedenstruppen, welche sich in Südossetien auf Basis von internationalen Abkommen und der Zustimmung von Georgien befanden. Dabei verfolgte die russische Operation ein einziges Ziel, nämlich die Aggression zu stoppen und die Möglichkeit von neuen Überfällen zu verhindern ... Vor dem Hintergrund des revanchistischen Verhaltens Georgiens bildet sie (Anm.: die erfolgte Anerkennung der Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens durch die Russische Föderation) heute die Hauptgarantie für die Aufrechterhaltung des Friedens in der Region. Russland hält es für prinzipiell wichtig, die notwendigen Schlussfolgerungen aus den Ereignissen im August 2008 zu ziehen. Die internationale Staatengemeinschaft kann nicht einfach so tun, als ob die georgische Führung nichts Besonderes angerichtet habe. Diejenigen, die Tiflis erneut aufrüsten und in Georgien NATO-Manöver durchführen, schaffen somit Voraussetzungen für neue Gewaltausbrüche im Kaukasus ...“

Kommentar 2 „Zurück zur sowjetischen Ära ?“ (die georgische Sichtweise)

„... am 7. August 2008 haben die russischen Streitkräfte die Grenzen von Georgien übertreten und sind mit mehr als 1000 Panzern und Tausenden Soldaten in Südossetien einmarschiert. Die Staatlichkeit von Georgien wurde infrage gestellt und bedroht. Als Antwort auf die Aggression hat Georgien die Entscheidung getroffen, Widerstand gegen die russischen Truppen zu leisten - obwohl die Streitkräfte ganz offensichtlich unverhältnismäßig waren. Durch den fünftägigen blutigen Krieg, der durch die EU-Mediation beendet wurde, blieb der georgische Staat erhalten, zwei Regionen Georgiens wurden jedoch von Russland besetzt. Das Ziel der russischen Regierung, die demokratisch gewählte Regierung Georgiens zu stürzen und die Kontrolle über Georgien als einen Satellitenstaat wieder zu erhalten, wurde zum Glück nicht erreicht ... Durch den Krieg sind 410 Bürger ums Leben gekommen, 1.700 wurden verletzt, 130.000 Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben ... Der Krieg im August hat bewiesen, dass Russland ein unverlässlicher Partner ist. Das Abkommen vom 12. August, das Russland verpflichtet, die Truppen aus Georgien abzuziehen, wird vollständig ignoriert - Russland wird deswegen auch von der EU und den USA kritisiert ... Das ist die moderne Form der „Apartheid“. Die besetzten Teile von Georgien sind in schwarze Löcher verwandelt worden - Gesetzlosigkeit und massive Verletzungen der Menschenrechte sind dort Teil des Alltags. Die Tragödie besteht darin, dass die jetzige Führung von Russland die Verbreitung der Demokratie als eine Bedrohung sieht. Aus diesem Grund wurde auch Georgien „bestraft“, da seine demokratisch gewählte Regierung fest entschlossen war, das Land Europa anzunähern und dabei die Unabhängigkeit zu behalten. Die Rosenrevolution von 2003 wurde zur Grundlage einer neuen Demokratisierungswelle in Europa. Durch den fünftägigen Krieg versuchte Russland diesen Prozess zu stoppen ... Wir befürchten, dass Russland zur sowjetischen Epoche zurückkehrt. Etwa durch die sowjetische Art der Rhetorik und die Intensivierung der Desinformationskampagne ..., die Georgien als Aggressor darstellen wollen und uns sogar die Vorbereitung eines neuen Krieges vorwerfen. Dieser Vorwurf ist absurd und wird auch von der EU-Beobachtermission bestritten ... Leider wird Russland zu einem Staat, der wieder zu gewaltorientierter Politik in Europa greift ...“.

 

 

 

Am 30. September 2009 legte die „Tagliavini-Kommission“ nach neunmonatiger Arbeit ihren 1.150 Seiten umfassenden Bericht über diesen Krieg im EU-Rat in Brüssel vor.47) Darin wird argumentiert, Georgien habe den Krieg begonnen, aber Russland habe lange vorher bereits provoziert und dann unverhältnismäßig (über-) reagiert. Der Bericht entlarvt die Propaganda beider Konfliktparteien und etliche Behauptungen im Detail. Beide Seiten kommentieren diesen Report sofort aus ihrer Sichtweise - aus dem Fokus der kritischen Geopolitik handelt es sich um Rekonstruktionen der jeweiligen geopolitischen Leitbilder.

Die Fachvertreter der Politischen Geographie haben die Leitbilddiskussion beim größten Kongress der deutschsprachigen Geographie in Wien (September 2009) in den Mittelpunkt ihrer Analysen gestellt, nicht zuletzt wegen ihrer breiten empirischen Anwendbarkeit.48)

 

Kritik an und Weiterentwicklung der „Critical Geopolitics“

Die eingangs festgestellte Aneignung und Etablierung der Kritischen Geopolitik durch die Politische Geographie erfolgte - vor allem durch eine jüngere Forschergeneration - etliche Jahre „kritiklos“. Debattiert wurde häufig nur über die Möglichkeiten der Verbesserung des Forschungsprogramms im Sinne einer Steigerung der empirischen Verwertbarkeit, etwa durch Ausweitung auf bisher nicht bearbeitete Themenfelder. Erst in jüngster Zeit machen sich vermehrt theoretisch-methodologische Grundsatzdiskussionen bemerkbar. Methodologisch sind dies vor allem drei Kritikpunkte (nach Redepennig, 2007):49)

(a) das bis dato ungeklärte Verhältnis der Ansprüche der beiden Hauptforschungsrichtungen der postmodernen Politischen Geographie, von Diskurs- und Handlungstheorie;

(b) die Berücksichtigung der Selbstreflexion und ihrer Konsequenzen, denn die Critical Geopolitics kritisiert zwar fundamental die Vorstellung eines allsehenden und allwissenden geopolitischen Beobachters, nimmt aber selbst genau eine solche Haltung ein, wenn es um die Enttarnung der Komplexität reduzierenden Geopolitiken geht;

(c) schließlich geht es um die (Un)Möglichkeit ihrer Verortung als politisches oder aufklärerisches Projekt. Gibt es eine Ethik der kritischen Verantwortung, die auch für die Critical Geopolitics zu gelten hat?

Als größtes Problem wird jedoch zunehmend die Praxis des pluralistischen Theorieimports aus den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen gesehen, da das theoretische Design der Critical Geopolitics deshalb wegen des Aufeinanderprallens und der Unvereinbarkeit einzelner Theorieansprüche Inkonsistenzen aufweist. Daraus resultiert nicht zuletzt der Vorwurf permanenter „Beliebigkeit“ der Methodenwahl wie der Ergebnisse. So wird etwa der zentrale Begriff „Dekonstruktion“ philosophisch-ontologisch oder als Werkzeug der Machtanalyse jeweils unterschiedlich gedeutet. Lange Zeit blieb vernachlässigt, wie und warum der Terminus Geopolitik innerhalb der Critical Geopolitics enttarnt werden sollte. Gerne verwendet wird die Unterscheidung in formale, praktische und populäre Geopolitik, aber nur wegen ihrer empirischen Praktikabilität.

Sehr unterschiedlich gedeutet wird dabei die Macht der „traveling theories“ (Edward Said 1983), die verstärkte Bewegung von Theorie(teilen) über ihre Ursprungsdisziplinen hinweg. Viele Fachvertreter sehen dies als Schutz gegen Universalismen, wie sie mit einer grand theory immer verknüpft sind, andere als Zerstörung der Kernkompetenz des eigenen Faches.

Implizit oder explizit durchzieht die Kritische Geopolitik häufig auch ein moralischer Impetus hinsichtlich einer besseren Welt als politisch-moralischer Anspruch. Dieses Oszillieren zwischen politischem Engagement und radikaler Dekonstruktion im wissenschaftlichen Anspruch bleibt ein ungelöstes Kardinalproblem. Eine Möglichkeit der Überwindung liegt in der präzisen Offenlegung der Entscheidungskriterien beim Theorieimport, eine andere in einem neuen Konzept des Leitbegriffs „Diskurs“ als Sprache und Praxis (Müller 2008).50) Damit erfolgt in jüngster Zeit wiederum eine Annäherung der beiden Hauptstränge der postmodernen Politischen Geographie, der Kritischen Geopolitik sowie der handlungsorientierten Konfliktforschung. Dadurch scheint auch die Bevorzugung „empirischer Anschlussfähigkeit“ des Faches gegenüber „terminologischer Tiefenschärfe“ beendet.51) Müller und Reuber (2008)52) schlagen drei konzeptuelle Wege der Weiterentwicklung vor: den Weg des Poststrukturalismus mit einer Neubewertung der Relation Akteur und Subjekt, jenen des Postkolonialismus (inklusive feministischer und neo-marxistischer Positionen) sowie drittens einen verstärkten Einbau der Systemtheorie, die vor allem die Funktion räumlicher Semantik bei der Überwindung von Inkonsistenzen im Theoriegebäude leisten soll.

 


ANMERKUNGEN:

1) Eine umfassende Präsentation des Forschungsstandes und von Leitthemen zukünftiger Forschung bot die Konferenz „Critical Geopolitcs“ an der Durham University, Großbritannien, Sept. 23-24, 2008 mit 140 Teilnehmern aus aller Welt und rund 50 Referaten. Leider existiert bisher noch keine Dokumentation.

2) Klaus Dodds: Political Geography III: critical geopolitics after ten years. In: Progress in Human Geography 25(3), S.469-484. Für den deutschen Sprachraum: Paul Reuber, Günter Wolkersdorfer, Julia Lossau u.a., siehe weitere Anmerkungen im Text und Fußnoten.

3) Francis Fukuyama: The End of the History and the Last Man. New York 1992.

4) Jean-Francois Lyotard: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Wien 1999.

5) Michael J. Dear: Postmodern human geography: an assessment. In: Erdkunde 48, 1994, S.2-13.

6) Ulrich Beck: Risikogesellschaft - Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main, 1986.

7) Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Frankfurt am Main 1991.

8) in Anlehnung an Günter Wolkersdorfer: Politische Geographie und Geopolitik zwischen Moderne und Postmoderne. Heidelberger Geografische Arbeiten, Heft 111, 2001, S.47.

9) ausführlich dazu: Heinz Nissel: Klassische Ansätze der Geopolitik aus der Sicht der Politischen Geographie. In: Andrea K. Riemer/Heinz Nissel/Friedrich W. Korkisch: Geopolitik. Zwischen Wissenschaft und Kunstlehre. Schriftenreihe der Landesverteidigungsakademie 3/2005. Wien, S.241-267.

10) Wolkersdorfer 2001, a.a.O., S.142.

11) In der deutschen Fachliteratur wird der Terminus „Critical Geopolitics“ nahezu immer der sprachlichen Übertragung in „Kritische Geopolitik“ vorgezogen, wohl um jeden Konnex mit der klassischen Geopolitik zu meiden.

12) Julia Lossau: Anderes Denken in der Politischen Geographie: Der Ansatz der Critical Geopolitics. In: Paul Reuber und Günter Wolkersdorfer: Politische Geographie. Handlungsorientierte Ansätze und Critical Geopolitics. Heidelberger Geografische Arbeiten, Heft 112, 2001. S.57-76. Zit. S. 61.

13) Edward Said: Orientalism. New York 1978.

14) Ulrich Beck: Die Erfindung des Politischen. Frankfurt am Main 1993.

15) Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit. Frankfurt am Main 1986.

16) Metanarrative wie postuliert von Lyotard, a.a.O., 1999.

17) Geraoid Ó Tuathail: Critical Geopolitics: The Politics of Writing Global Space. Minneapolis 1996.

18) John Agnew (ed.): Political Geography - A Reader. London, New York, Sydney, Auckland 1997, S.8.

19) Paul Reuber und Günter Wolkersdorfer (Hrsg.): Politische Geographie. Handlungsorientierte Ansätze und Critical Geopolitics. Heidelberger Geografische Schriften, Heft 112, Heidelberg 2001. Paul Reuber: Die Politische Geographie als handlungsorientierte und konstruktivistische Teildisziplin. In: Geografische Zeitschrift, 88, 2000, S.36-52.

20) John Agnew, a.a.O. 1997.

21) Dazu u.a. Geraoid Ó Tuathail/Simon Dalby/Paul Routledge (eds.): The geopolitics reader. New York, London 1998. Und Derselbe: Deterritorialized Threats and Risk Society. Interpreting the Rise of Postmodern Geopolitics. In: Geopolitics 3 (2), 1999.

22) Michel Foucault: Botschaften der Macht. Reader Diskurs und Medien. Berlin 1999, S.4.

23) Günter Wolkersdorfer 2001, a.a.O., S.52.

24) Paul Reuber: Die Politische Geographie nach dem Ende des Kalten Krieges. Neue Ansätze und aktuelle Forschungsfelder. In: Geografische Rundschau 54, 2002, Heft 7/8, S. 4-9. Abb. 3 auf S.7.

25) Manuel Castells: Das Informationszeitalter. Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Teil 1 der Trilogie. Opladen 2001. Zitat S.527: „Netzwerke sind angemessene Organisationsformen der kapitalistischen Wirtschaft, die auf Innovation, Globalisierung und dezentraler Konzentration aufbaut ... und für eine gesellschaftliche Organisation, die auf die Verdrängung des Raumes und die Vernichtung der Zeit aus ist.“

26) David Harvey: The Condition of Postmodernity. Oxford 1989. Manuel Castells; The Rise of the Network Society. Oxford 1996. John A. Agnew: Geopolitics: Re-Visioning World Politics. London, New York 1998.

27) Jean-Francois Bayart, Stephen Ellis, F. Hibou (eds.): The Criminalization of the State in Africa. Bloomington 1999.

28) Gearóid Ó Tuathail: Rahmenbedingungen der Geopolitik in der Postmoderne. In: Geopolitik. Kritische Geographie, Band 14, Wien 2001, S.120-142, Zitat S.138.

29) Ó Tuathail, ebenda: Bedrohungen ohne Grenzen. Widersprüche beim Zusammentreffen von Geopolitik und „Risikogesellschaft“. 2001, S.231-238, Zitat S.238.

30) Dazu ausführlicher: Heinz Nissel: Die Macht geopolitischer Leitbilder heute. In: Riemer/Nissel/Korkisch 2005, a.a.O., S.269-338, insbesondere 289-298. Paul Reuber und Günter Wolkersdorfer: Politische Geographie. In: Hans Gebhardt/Rüdiger Glaser/Ulrich Radtke/Paul Reuber (Hrsg.): Geographie. Kap. 22: Politische Geographie. S.751-769. München 2007.

31) Derek Gregory: Geografical Imaginations. Cambridge 1994.

32) Simon Dalby: Calling 911: geopolitics, security and America´s new war. In. Geopolitics 8(13), 2003, S. 61-68.

33) Reuber und Wolkersdorfer, a.a.O. 2007, S.759.

34) Paul Reuber und Günter Wolkersdorfer: Auf der Suche nach der Weltordnung? Geopolitische Leitbilder und ihre Rolle in den Krisen und Konflikten des neuen Jahrtausends. In: Petermanns Geografische Mitteilungen 148 (2), 2004, S. 12-19. Zitat S.12.

35) John A. Agnew: The Territorial Trap: The Geographical Assumptions of International Relations theory. In: Review of International Political Economy 1, 1994, S. 53-80.

36) Nicholas Spykman: America’s Strategy in World Politics. New York 1942, S.41.

37) Bruce M. Russett: Delimiting International Regions. In: J. D. Singer (ed.): Quantitative International Politics. New York 1967, S. 317-374.

38) Charles Lewis Taylor, David A. Jodice: World Handbook of Political and Social Indicators. 3rd ed. New Haven, London 1983.

39) u.a. Saul B. Cohen: Geography and Politics in a World divided. New York 1963,2nd 1973. Saul B. Cohen: The World geopolitical system in retrospect and prospect. In: The Journal of Geography, 89, 1990, S.2-14. Saul B. Cohen: Geopolitical Realities and United States Foreign Policy. In: Political Geography 22, 2003, S.1-33.

40) Ein Phänomen, das heute erneut unter dem Begriff „Überdehnung“ vielfach diskutiert wird (Niedergang der ehemaligen Sowjetunion, Schwächung der USA).

41) Siehe dazu: Heinz Nissel: Weltmodelle und Weltordnungen. In: Riemer/Nissel/Korkisch 2005, a.a.O., S.299ff. Interpretiert werden die Ansätze von Peter J. Taylor (Perspektive der Radical Geography); der „neue Limes“ von Jean-Christophe Rufin; Weltmacht USA - Empire (USA)? Eine Gegenüberstellung der Entwürfe von Brzezinski und Hard&Negri; sowie die monopolare Weltordnung von Egon Matzner.

42) Samuel P. Huntington: The Clash of Civilizations? In: Foreign Affairs 72/3, 1993, S.22-49.

43) Das im Originaltext von Huntington noch gebrauchte Fragezeichen wird im späteren Diskurs und in der Erweiterung in Buchform interessanterweise vom Autor „vergessen“: Der Kampf der Kulturen - The Clash of Civilizations . Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München/Wien 1996 (4. Aufl.). Korrekter wäre auch die deutsche Übersetzung „Aufeinanderprallen der Zivilisationen“ und zu klären wäre ebenso die semantische Frage, ob culture und civilizations im Bedeutungsinhalt adäquat dem Kulturverständnis im deutschen Sprachraum entsprechen.

44) Paul Reuber und Günter Wolkersdorfer: Clash of Civilizations aus der Sicht der kritischen Geopolitik. In: Geografische Rundschau 54, Heft 7/8, 2002, S. 24-28. Der Autor leitete gemeinsam mit Günter Wolkersdorfer Lehrveranstaltungen zum Thema in Wien und Münster 2003 und 2004.

45) Hermann Kreutzmann: kulturelle Plattentektonik im globalen Dickicht. In: Internationale Schulbuchforschung 19, 1997, S.413-423.

46) Geraoid Ó Tuathail: Critical Geopolitics. The politics of writing global space. Minneapolis 1996. Zitat S.149.

47) Siehe dazu http://euobserver.com/24/28747 und Kommentar in „Die Presse“ vom 1. Oktober 2009: „Dieser Krieg war vorhersehbar“.

48) 57. Deutscher Geographentag Wien 19.9. bis 26.9.2009. Zwei Fachsitzungen mit der Thematik „Geopolitische Leitbilder und ihre Rolle in den globalen Konflikten einer Welt im Wandel“. Die Vorträge und Diskussionen reichten von geopolitischen Leitbildern in der Politikgestaltung Europas und Russlands über solche in den Auseinandersetzungen um Klimawandel und Energiekrise bis zur Analyse arabischer Medien.

49) Marc Redepennig: Die Moral der critical geopolitics. In: Geografische Zeitschrift, 95. Jg., 2007, Heft 1+2, S.91-104.

50) Martin Müller: Reconsidering the concept of discourse for the field of critical geopolitics: Towards discourse as language and practice. In: Political Geography 27 (2008), S.322-338.

51) Dazu Marc Redepennig: Wozu Raum? Systemtheorie, Critical Geopolitics und raumbezogene Semantiken. Leipzig 2006. Julia Lossau: Die Politik der Verortung. Eine postkoloniale Reise zu einer Anderen Geographie der Welt. Bielefeld 2002.

52) Martin Müller und Paul Reuber: Empirical Verve, Conceptual Doubts: Looking from the Outside in at Critical Geopolitics. In: Geopolitics, 13, 2008, S.458-472.