Russland - China

Zwischen Kooperation und Konkurrenz

Wolfgang Taus


Das bilaterale Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und dem jungen Russland, das aus der Konkursmasse der untergegangenen UdSSR 1991 hervorging, bleibt gemischt - trotz aller nach außen hin zur Schau gestellten gemeinsamen Bemühungen, die biopolare Weltordnung der Weltmacht USA in eine multipolare zu verändern.

Mit dem Ende der UdSSR endete auch (vorerst) die sino-sowjetrussische Rivalität.[1] Die aus der Konkursmasse der alten Sowjetunion hervorgegangene, noch sehr fragile Russische Föderation hatte die schmerzhaften Lehren aus der sino-sowjetrussischen Geschichte gezogen und erkannt, dass die Sicherheit und das Wohlergehen des mit großen innenpolitischen und ökonomisch-sozialen Schwierigkeiten kämpfenden russischen Staates in dieser Phase der eigenen „Nabelschau“ am besten gewährleistet sei, wenn gute Beziehungen zum großen Nachbarn China gepflegt würden. Während der Zeit der inneren Konsolidierung (auch im Zusammenhang mit den fortlaufenden Bemühungen des Kremls um eine möglichst tiefgehende Einbindung der „post-sowjetischen Welt“ - heute „russische Welt“[2] genannt) war und ist Moskau in keiner Weise daran gelegen, zu Peking nicht zuletzt aus ökonomisch-handelspolitischen Gründen ein neues Spannungsverhältnis aufzubauen. Umgekehrt braucht die chinesische Führung in Peking wiederum freundschaftliche Beziehungen zu Russland, um sich angesichts ihrer angespannten Beziehungen zu verschiedenen anderen Nachbarländern den Rücken im Norden freizuhalten und seine Neue Seidenstraßen-Architektur, insbesondere am eurasischen Kontinent, möglichst ungestört und zügig voranzutreiben. So dient die Belt-and-Road-Initiative als Vehikel, um Pekings außenpolitischen Einfluss in die Welt hinauszutragen. Im eigenen Hinterhof werden Nachbarländer durch chinesische Milliardenkredite stärker an China angebunden und abhängig gemacht. Speziell in Zentralasien verfolgt Peking das Ziel, den russischen Einfluss zurückzudrängen. Darüber ist man sich bei aller nach außen hin gezeigter bilateraler Harmonie in Moskau völlig im Klaren und gibt sich auch keinerlei überzogenen Illusionen hin.[3]

Peking und Moskau verbindet seit den 1990er-Jahren das gemeinsame Bestreben, ein Gegengewicht zu den USA in der Weltpolitik aufzubauen. Hier besteht eine so genannte „strategische Partnerschaft“ gegenüber den USA. Beide autokratisch geführten Mächte setzen sich deshalb gegen die westliche liberale Werteordnung zur Wehr. Russland und China scheinen sich für multilaterale Abkommen nur sehr wenig zu erwärmen. Sie wollen ihre politisch-ökonomisch-militärischen Spielräume wahren und setzen sich deshalb vermehrt für bilaterale Vereinbarungen ein.

Amerika war bisher die einzige Nation, die ihre Macht freiwillig teilte und ihre Partner an der Entscheidungsfindung beteiligte.[4] Eine forcierte Realpolitik kennt derzeit viele Anhänger: das Russland in der Ära von Präsident Wladimir Putin ohnehin, aber auch China, das seine Hegemonie in Asien festigt und seine Marineverbände so weit vergrößert, um im asiatisch-pazifischen Raum die Vormachtstellung der US-Navy immer stärker zu unterminieren.


Die „strategische Partnerschaft“ Russlands und Chinas im Fokus


Folgende Entwicklungen haben zur Herausbildung einer „strategischen Partnerschaft“ beider Länder beigetragen:

- die endgültige Demarkierung der 4.300 km langen Grenzen zwischen China und Russland (Ostsektor ca. 4.250 km; Westsektor 56 km);[5]

- die Entmilitarisierung der Grenzgebiete;

- die Errichtung einer 100 km breiten Entspannungszone entlang der entmilitarisierten Grenzgebiete auf beiden Seiten, in der die Stationierung von Soldaten und Waffensystemen stark eingeschränkt ist.

Russland scheint heute nicht nur die Etablierung Chinas als Kontinentalmacht in Ostasien akzeptiert zu haben, sondern auch bis zu einem gewissen Grad dazu bereit zu sein, seinen Aufstieg zur Großmacht zu unterstützen. Russland ist einer der wichtigsten Exporteure hochmoderner Waffentechnik an die chinesische Volksbefreiungsarmee. Im Zuge der westlichen Sanktionen gegen Russland infolge des Ukrainekonflikts suchte der Kreml verstärkt einen gewichtigen Verbündeten, den man in China fand. Auf diese Weise wurde es möglich, dass China modernste Waffensysteme wie die S-400-Flugabwehr[6] und auch Kampfflugzeuge des Typs Su-35 von Russland erhielt, obwohl Moskau bis dahin lange Zeit nicht bereit war, solche modernen militärischen Kapazitäten nach China zu exportieren. (Das S-400-Flugabwehrsystem kann Flugzeuge, Drohnen und Marschflugkörper in einer Entfernung von bis zu 380 km bekämpfen. Die russischen Su-35 sind den chinesischen Jets an Reichweite und Manövrierfähigkeit überlegen.)

Moskau und Peking haben nach dem Ende des Kalten Krieges die bilateralen Beziehungen auf eine neue Grundlage gestellt. Allerdings gibt es trotz aller Möglichkeiten und Chancen auch Risiken. China ist für so manchen russischen Experten „ein Meer voller Möglichkeiten und ein Ozean voller Gefahren“.[7] Es sind v.a. die Weiten Sibiriens und der russische Ferne Osten, wo sich in der Zukunft das Schicksal Russlands entscheiden werde. V.a. beunruhigt sie die bisher anhaltende Entvölkerung großer sibirischer Landstriche und deren ökonomische Vernachlässigung. Jenseits der gemeinsamen langen Grenze befindet sich ein ökonomisch enorm aufstrebendes China, das in dieser Situation alle wirtschaftlichen Vorteile auf seiner Seite habe.[8] Sibirische Territorien, die einst zu China gehörten und nun Teil Russlands sind, werden wahrscheinlich in weiterer Zukunft zu einem Sicherheitsproblem zwischen Peking und Moskau avancieren.[9] Gleichzeitig meinen einige politische Beobachter, dass die ökonomische Kooperation zwischen den beiden Nachbarn Russland und China von zentraler Bedeutung für die jeweils eigene nationale Prosperität sei. Was die Sichtweise mancher chinesischen Fachleute betrifft, so gehen auch sie davon aus, dass die eurasische ökonomisch-politische Orientierung von größerer Bedeutung für China sei als die pazifische. 2001 hatten der damalige chinesische Präsident Jiang Zemin und sein russischer Amtskollege Putin einen Vertrag über gute Nachbarschaft, Kooperation und freundschaftliche Beziehungen unterzeichnet. Trotz beiderseitiger Vorsicht und einigem Misstrauen wird diese Partnerschaft heute als eine „strategische“ als Gegenpol zur Weltmacht USA gesehen. Schon 1994 hatte Russland die Idee einer Ölpipeline von Westsibirien nach China. 2002 hatten Jiang Zemin und Putin ein solches prinzipielles Übereinkommen abgegeben. Im Mai 2014 schlossen schließlich Moskau und Peking einen Vertrag über Gaslieferungen im Wert von 400 Mrd. USD. Der russische Gaskonzern Gasprom verpflichtete sich darin, pro Jahr bis zu 38 Mrd. Kubikmeter Erdgas zu liefern. Russland übernimmt die gesamte Finanzierung der neuen Gaspipeline „Kraft Sibiriens“,[10] die Ende 2019 fertiggestellt sein soll. Rund 3.000 Kilometer lang soll die Pipeline werden, mit der Russland Erdgas aus Förderfeldern in Irkutsk und Jakutien bis nach China transportieren will. Dies ist keine Abkehr vom Westen, sondern eine weitere Diversifizierung seiner Energieexporte. So wird der weitere Ausbau der russischen Energienetze am europäischen Kontinent fortgesetzt. Die umstrittene russische Erdgas-Doppelleitung North Stream 2 durch die Ostsee nach Deutschland soll bis Ende 2019 fertiggestellt werden und gilt als wesentlicher Eckpfeiler russischer Geopolitik. Vor diesem Hintergrund steht das Nord Stream 2-Projekt in der zunehmenden Kritik der USA, die wiederum ihr Schiefergas auch nach Europa verkaufen wollen. Dazu kommt, dass das Projekt die EU-Sanktionspolitik gegenüber Russland zu unterminieren scheint. So würde die deutsche Unterstützung von Nord Stream 2 von russischer Seite als indirekte politische Duldung für das Vorgehen Moskaus u.a. in der Krim-Frage angesehen, meinen Kritiker.[11]

Im Lichte der Schanghai-Organisation für Zusammenarbeit wird sich die zunehmende Bedeutung der Kooperation Russlands und Chinas in Zukunft zeigen.

Die 2001 ins Leben gerufene Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit ist eine politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Organisation, die mit Fragen der Rüstungskontrolle begann und sich nunmehr verstärkt auch der Entwicklung von Kriegsspielen widmet. (Ihr gehören u.a. beide Mächte Russland und China an.)

Hingegen ist die Organisation des Vertrags über Kollektive Sicherheit eine Militärallianz ehemaliger Sowjetrepubliken (ohne Beteiligung Chinas) mit kollektiven Streitkräften. Die diesbezüglichen Militärmanöver der Organisation des Vertrags über Kollektive Sicherheit fokussieren auf konventionelle Kriegführung, auf Peacekeeping-Einsätze, auf Drogenbekämpfung, den Kampf gegen den Terrorismus und auf Katastrophenhilfe. Die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit führt Übungen zur Aufstandsbekämpfung durch, aber auch groß angelegte konventionelle Kriegsspiele. Die dominierende Stellung Russlands und Chinas spiegelt sich in beiden Organisationen wider. Dass die zentralasiatischen Staaten letztlich auf regionaler Ebene entscheidende Vorteile durch die Teilnahme an den beiden Organisationen genießen, ist eine nicht haltbare These. Vielmehr dienen die beiden Organisationen den jeweiligen nationalen Interessen der Akteure.[12] So etwas wie eine gemeinsame zentralasiatische Sicherheitsstrategie existiert nicht. Moskau füllt die kollektive Sicherheitslücke in Zentralasien, indem der Kreml bilaterale militärische Unterstützung in der Region gewährt. Peking wiederum ist nicht interessiert, den beiden Organisationen eine nennenswerte politische Schlagkraft zu verleihen. China hat v.a. handelspolitische und energiewirtschaftliche Interessen in der Region, um seine „Neue Seidenstraßen-Strategie“[13] umzusetzen. Daher ist China ein von den zentralasiatischen Ländern favorisierter Partner. Dementsprechend sind die zentralasiatischen Länder weit mehr an der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit interessiert. Allerdings sind Kirgisistan und Tadschikistan ökonomisch und militärisch stark von Russland abhängig. Diese betroffenen Staaten haben denn auch keine andere Wahl, als den Rufen Moskaus zu folgen. Aufgrund seiner ökonomischen und militärischen Schlagkraft besitzt dagegen Kasachstan die nötigen Kapazitäten, um eine eigenständige Haltung gegenüber Moskau und auch Peking einzunehmen. Usbekistan sieht seine Zukunft v.a. in der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit gut aufgehoben. Die eher neutrale Haltung Usbekistans und auch Turkmenistans unterstreicht das Fehlen einer gemeinsamen Linie in Zentralasien. Die Absenz einer gemeinsamen Sicherheitsstrategie macht den zentralasiatischen Raum eher anfällig für externe Einflüsse, die v.a. aus Russland oder China kommen.

Auch wenn die Weltmacht USA gerade in der asiatisch-pazifischen Region gegenüber den zunehmend massiver auftretenden Geltungsansprüchen der aufstrebenden Großmacht China ihre eigenen Ordnungsvorstellungen und damit ihre Sicherheitsinteressen bedroht sieht, so darf daraus nicht sofort abgeleitet werden, dass nur militärischer Druck die Chinesen zum Einlenken bringen könnte. Natürlich braucht es die militärischen Kapazitäten der Abschreckung im Hintergrund, wenn unilaterale und auch multilaterale Maßnahmen zur Lösung diverser Spannungen nicht ausreichen. Das Konzept der „Freiheit des Navigierens“ mit militärischer Gewalt durchzusetzen provoziert höchstwahrscheinlich eine Eskalation der bestehenden Spannungen vor Ort, die sich am Ende zu einer ernsthaften militärischen Konfrontation auswachsen könnte. Die USA dürfen keine neue hegemoniale globale Position einnehmen. Im Falle der Sanktionen gegen Russland im Zusammenhang mit der Ukrainekrise und im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) hat Washington stets im Rahmen einer engen Koordination mit seinen Partnern gehandelt. Das Konzept der „Freiheit des Navigierens“ mit militärischer Gewalt scheint daher eher ein Relikt aus der Zeit kurz nach dem Ende des Kalten Krieges zu sein, als die USA zur einzigen Weltmacht aufgestiegen sind.[14] Heute gelte es, diese allzu hegemoniale Haltung in einer zunehmend multipolar werdenden Welt wieder zurückzunehmen, will man große militärische Konflikte bereits im Vorfeld möglichst verhindern - zugunsten eines friedlichen und kooperativen Miteinanders.

Eurasien rückt dabei immer mehr in den Fokus, weil die natürlichen und die von der Politik geschaffenen Hindernisse immer mehr an Bedeutung verlieren, die Europa, Russland, den Nahen Osten, Zentral-, Süd- und Ostasien für lange Zeiträume getrennt hatten. Wenn die Eisenbahnprojekte als Teil von Chinas Seidenstraßen-Initiative fertiggestellt sind, gelangen Frachtcontainer über die Schienenverbindung von den chinesischen Industriezentren u.a. ins deutsche Ruhrgebiet - letztlich schneller und billiger als auf dem Seeweg.


Zwischen Partnerschaft und Konkurrenz


Auf breiterer Ebene haben Russland und China ihre Zusammenarbeit zum Teil auch auf das aufstrebende Indien ausgeweitet. Doch von einem „strategischen Dreieck“ zwischen den drei erwähnten Mächten zu sprechen wäre übertrieben. Vielmehr dürfte Indien im großen Nachbarn China immer mehr einen ernsthaften ökonomisch-politisch-strategisch-militärischen Gegner sehen, weil Peking ausgerechnet Indiens Erzfeind Pakistan als zentralen Partner im Rahmen seiner „Neuen Seidenstraßen-Initiative“ auserkoren hat.[15]

Die künftige globale Signifikanz der sino-russischen Beziehungen hängt einerseits von ihrer Diplomatie, aber auch von anderen Großmächten - allen voran den USA - ab. Für die chinesische Führung spielt der Pragmatismus in der Außenpolitik des russischen Präsidenten Putin eine größere Rolle als bei seinem Amtsvorgänger Boris Jelzin.

Dennoch: Manche Analytiker geben der „strategischen Partnerschaft“ Russland-China keine lange Lebensdauer, weil es langfristig mehr Interessengegensätze geben wird als die derzeitigen Gemeinsamkeiten (Gegengewicht zu den USA, Kampf insbesondere gegen den islamistisch motivierten Terrorismus).

Ökonomisch fühlt sich Russland vor dem Hintergrund des sukzessiven Gedeihens der global weit ausgreifenden „Neuen Seidenstraßen-Initiative“ zunehmend auch wieder als Konkurrent zum „Reich der Mitte“.

Während China seine ökonomischen Netzwerke und Handelsbeziehungen weltweit weiter vertieft,[16] tritt es insbesondere im Südchinesischen Meer den Interessen der USA immer entschiedener entgegen. Umgekehrt trat Moskau im Jänner 2017 im Rahmen einer Pressekonferenz zumindest offiziell der Vorstellung entgegen, China könnte eine Bedrohung für Russland bedeuten. Allerdings gründet eine solche Behauptung sowohl auf dem eigenen Atomwaffenarsenal wie auch auf der Tatsache, dass Moskau ein schwächerer, aber trotzdem wichtiger Partner Pekings im asymmetrischen Mächtedreieck mit den USA ist.[17]

Der russische Präsident Putin lässt nichts unversucht, um im Kontext der Modernisierungsanstrengungen der russischen Streitkräfte auch die eigene Flotte wieder zu alter Stärke aufzurüsten. Er setzt dabei v.a. auf modernste Technik sowohl für die Überwasser- wie auch Unterwasserplattformen. Zur Bewaffnung zählen v.a. Marschflugkörper mit unterschiedlichster Reichweite, Überschall- und Hyperschall-Raketen sowie strategische Torpedokapazitäten.[18]

Die Enthüllungen des russischen Präsidenten Putin Anfang März 2018[19] über eine Phalanx neuer russischer ballistischer und Hyperschall-Raketen sowie Marschflugkörper mögen zwar alarmierend sein. Doch dies ist nur die Bestätigung dessen, was die politischen und militärischen Entscheidungsträger in den USA schon lange wissen: Dass nämlich der militärtechnologische Vorsprung der USA auf diesen Gebieten im Erodieren begriffen ist. Die Ch-47M2 Kinschal (russisch „Dolch“) etwa ist eine russische Hyperschall-Luft-Boden-Rakete, die Putin im März als eine von sechs neuen russischen strategischen Waffen der Öffentlichkeit vorstellte. Der Flugkörper hat eine Reichweite von mehr als 2.000 km und soll eine Geschwindigkeit von Mach 10 erreichen können. Die Ch-47M2 kann Ausweichmanöver in jeder Flugphase durchführen und sowohl konventionelle als auch nukleare Sprengköpfe tragen.

Der frühere Leiter der US-Raumfahrtbehörde NASA, Mike Griffin, erklärte dazu, dass die USA die Kapazität zum Bau von solchen Hyperschall-Raketen haben, wobei die diesbezüglichen Tests noch verstärkt werden müssten.[20] Genau auf diesem Gebiet will das US-Verteidigungsministerium in allernächster Zeit besonders investieren. Eine neue Art von Raketenabwehr der USA wird zudem bereits angedacht - insbesondere um mit Hilfe von in der Erdumlaufbahn stationierten Sensoren, von Aufklärungsdrohnen und von Höhenflugzeugen die feindlichen Raketen und Marschflugkörper aufspüren und bekämpfen zu können.[21]

Bis 2030 will Russland seine Korvetten und Fregatten mit den Marschflugkörpern Kalibr[22] von hoher Reichweite ausstatten, um international konkurrenzfähig zu bleiben. V.a. auch mit neuen U-Booten will die russische Flotte mit den westlichen Marinekapazitäten gleichziehen. Russland setzt dabei auf ein neues integriertes Befehls- und Kontrollsystem. Die russische Marine bleibt trotz aller Modernisierungsanstrengungen bislang eher defensiv aufgestellt und versucht mit erhöhten eigenen Kapazitäten ein ausreichendes Schild zur strategischen Abschreckung gegenüber der NATO, insbesondere an den Landesgrenzen aufzubauen.[23] Die vermehrten Spannungen in der nordischen und baltischen Region gehen einher mit dem Aufstieg Chinas zur Großmacht als zusätzlichem Konkurrenten der Weltmacht USA.[24] Ein militärisch aufgerüstetes China bindet viele Kräfte der USA in Asien, während Russland dafür mehr Manövrierspielraum in Europa zur Verfügung steht.[25] (Unter dem Titel „Joint Sea 2017“[26] hielten Russland und China erstmals ein gemeinsames Manöver in der Ostsee ab. Peking schickte dafür drei chinesische Kriegsschiffe.)

Die Herausbildung einer wirklichen sino-russischen Allianz bleibt trotz allem eher unwahrscheinlich.[27] Eine deutliche globale Machtverschiebung zugunsten Chinas scheint der Kreml letztlich unter allen Umständen abwenden zu wollen. Vorerst suchen beide Mächte insbesondere ihre regionalen Einflusssphären auszubauen: Russland v.a. im postsowjetischen Raum, China in der asiatisch-pazifischen Region. Bisher haben Moskau und Peking ihre Differenzen zugunsten der gemeinsamen Anstrengungen eines Zurückdrängens amerikanischer Machteinflüsse auf der Erde gebündelt.


Außenpolitische Exerzierfelder


Seit den zunehmenden Ost-West-Spannungen infolge der Ukrainekrise und der russischen Annexion der Krim haben Moskau und Peking ihre Beziehungen noch intensiviert. Aufgrund der westlichen Sanktionen gegen Russland sucht Moskau sowohl einen verstärkten ökonomischen als auch diplomatisch-politischen Rückhalt beim wiedererstarkten Reich der Mitte.

Im Nahen Osten hält sich China aus dem syrischen Bürgerkrieg heraus und pflegt seine lukrativen ökonomischen Beziehungen zu regionalen Mächten wie Iran und Saudi-Arabien.

Darüber hinaus bleiben Moskau und Peking, wenn es um den Ausbau ihrer jeweiligen regionalen Einflussbereiche geht, auf betont „freundlich-neutraler Distanz“. So hat China die Intervention Russlands in Georgien und der Ukraine nur halbherzig unterstützt. Russland wiederum verhält sich offiziell hinsichtlich der Spannungen Chinas insbesondere im Südchinesischen Meer sehr zurückhaltend. Immerhin hat Putin erklärt, dass Moskau Peking in seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Schiedsspruch des Ständigen Schiedsgerichts in Den Haag, wonach dieses den Anspruch Chinas auf rund 90% des Südchinesischen Meeres zurückgewiesen hatte, unterstütze.

Im Nordkoreakonflikt scheinen Russland und China weitgehend politisch-diplomatisch an einem Strang zu ziehen. Zudem kritisierten beide Mächte die amerikanische Stationierung des Raketenabwehrsystems Thaad[28] in Südkorea, begrüßten aber das Gipfeltreffen von US-Präsident Donald Trump mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un vom Juni 2018 als wichtigen Schritt zur Lösung der Spannungen im Raum.


Abschließende Bemerkungen


Seit dem Jahre 1949 hat China neun nationale Militärstrategien verabschiedet. Diejenigen aus dem Jahre 1956, 1980 und 1993 stellten große Einschnitte in der Strategie des Landes dar. Jede einzelne Militärstrategie suchte die chinesischen Streitkräfte so zu verändern und anzupassen, um auf eine neue und wirkungsvolle Weise Kriege erfolgreich führen zu können. Das beinhaltete Anpassungen an der operativen Doktrin, der Streitkräftestruktur und bei der Ausbildung. Die chinesischen Streitkräfte scheinen dabei auf die Kombination von wachsenden Bedrohungen zusammen mit dem klaren Ziel zu setzen, die neuen, signifikant erweiterten Interessen des heute zur Großmacht aufgestiegenen Chinas insbesondere im asiatisch-pazifischen Raum dementsprechend zu verteidigen. Bisher war China nur dann in der Lage, auf die Veränderungen des internationalen Systems im Rahmen seiner Militärstrategie ausreichend zu reagieren, wenn die chinesische Führung und die kommunistische Einheitspartei (KPCh) geschlossen aufgetreten sind und dabei die Verantwortung der militärischen Angelegenheiten an hohe Offiziere der Streitkräfte abgegeben haben. China beobachtet sehr genau die Verläufe diverser bewaffneter Konflikte im internationalen System, v.a. auch dort, wo US-Streitkräfte involviert sind. Peking fokussiert besonders auf die US-Streitkräfte und deren Aktivitäten. Dahinter steckt nicht nur das Konkurrenzdenken einer Großmacht v.a. im asiatisch-pazifischen Raum, sondern weil derzeit Amerika die militärisch schlagkräftigsten Streitkräfte auf der Welt besitzt. Mittelfristig dürfte Peking jedenfalls am Ende militärische Gewalt einsetzen, um ungelöste Territorialdispute zu Chinas Gunsten zu lösen. Dazu zählt u.a. auch auf längere Sicht die Taiwan-Frage. Obwohl es in der Vergangenheit immer wieder Zeiten der Uneinigkeit innerhalb der KPCh gab, ist es für die Zukunft Chinas trotz eines mit verstärkt zentralisierter Autorität regierenden Präsidenten Xi Jinping nicht ausgemacht, wie sehr sich eine solche Disharmonie im Hintergrund auch auf eine neue Militärstrategie des Landes auswirken wird.[29]

Langfristig sind Russland und China aber mehr Konkurrenten als Partner, wobei russische Militärplanungen im Hintergrund das Ziel verfolgen, ein klares Gegengewicht zum wachsenden militärischen Potenzial des Reichs der Mitte herzustellen. Insbesondere kann man von einer „strategischen Partnerschaft“ Russlands und Chinas in der gemeinsamen Anstrengung der Zurückdrängung der globalen Machtdominanz Amerikas sprechen, die aber auf einer erhöhten Portion Misstrauen beider Seiten beruht.



Anmerkungen:

[1] The Sino-Soviet Split - Russian and Chinese Political Strain in the 1900s. In: ThoughtCo.com v. 16.12.2017: https://www.thoughtco.com/the-sino-soviet-split-195455.

[2] Siehe dazu etwa: Manfred Quiring: Putins russische Welt - Wie der Kreml Europa spaltet, Ch. Links Verlag Berlin 2017, 263 Seiten.

[3] NZZ v. 23.7.2018, S.15.

[4] NZZ v. 26.5.2018, S.1.

[5] Xuewu Gu: „China und die Großmächte: Gegenseitige Wahrnehmungen am Beginn des 21. Jahrhunderts“. In: Studien und Berichte zur Sicherheitspolitik - Die strategische Situation in Eurasien 2/2003: http://www.bundesheer.at/pdf_pool/publikationen/09_sse_02_cdg.pdf.

[6] Russia Delivers 1st S-400 Missile Defense Regiment to China. In: THE DIPLOMAT.com v. 3.4.2018: https://thediplomat.com/2018/04/russia-delivers-1st-s-400-missile-defense-regiment-to-china/.

[7] Vgl. dazu: Julie Yu-Wen Chen: „Chinese Immigration to Siberia: A Source of Tensions between Moscow and Beijing?“ In: University Helsinki Chinese Studies-Online v. 28.11.2017: https://blogs.helsinki.fi/chinastudies/2017/11/28/chinese-immigration-to-siberia-a-source-of-tensions-between-moscow-and-beijing/.

[8] Vgl: Peter Ferdinand: „Sunset, Sunrise - China and Russia construct a New Relationship“. In: International Affairs 5/2007, S.841-867.

[9] Siehe dazu: Ali Erdinc, „China’s Threat Perception, Security Srategy and Eurasia“. In: European Security & Defence 3/2018, S.26.

[10] Gasprom-Projektseite zu „Kraft Sibiriens“: http://www.gazprom.com/about/production/projects/pipelines/built/ykv/.

[11] Anke Schmidt-Felzmann: „Instrument russischer Geopolitik - Ernste Bedenken sprechen gegen die Erdgaspipeline Nord Stream 2“. In: Internationale Politik 2/2018, S.100-106.

[12] Siehe dazu u.a.: Marcel de Haas: „War Games of the Shanghai Cooperation Organization and the Collective Security Treaty Organization: Drills on the Move!“. In: Journal of Slavic Military Studies 3/2016, S.378-406.

[13] THE BELT AND ROAD INITIATIVE - THE STATE COUNCIL THE PEOPLE’S REPUBLIC OF CHINA: http://english.gov.cn/beltAndRoad/.

[14] Amitai Etzioni: „Freedom of Navigation. Assertions: The United States as the World’s Policeman“. In: Armed Forces & Society 3/2016, S.501-517.

[15] Siehe dazu: Shah Meer Baloch, „CPEC: One Potentially Treacherous Road in China’s Grand Plan?“ In: Sicherheit und Frieden S+F 3/2017, S.139-143.

[16] Siehe dazu: Ulrich Menzel: „Tribut für China: Die neue Eurasische Weltordnung“. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 6/2018, S.49-60.

[17] Valérie Niquet, „La relation russo-chinoise à l'ombre de la nouvelle Administration américaine“. In: Revue Défense Nationale 7-9/2017, S.23-29.

[18] Siehe dazu: Graham Warwick: „Russian Roulette“. Aviation Week & Space Technology 5/2018, S.18-20.

[19] Putins Rede zur Nation in deutscher Übersetzung vom 1. März 2018: https://www.youtube.com/watch?v=cdR_o1_mSqE.

[20] Die Forschungen der USA gehen im Rahmen des „Projekts Pluto“ bis in die 1960er-Jahre zurück.

[21] Graham Warwick: „Russian Roulette“, a.a.O, S.18-20.

[22] Siehe dazu: GlobalSecurity.org: https://www.globalsecurity.org/military/world/russia/kalibr.htm.

[23] Alexandre Sheldon-Duplaix: „Vieillissement et renouvellement des forces navales russes“. In: Revue Défense Nationale 7-9/2017, S.109-116.

[24] Vgl. Dazu: Jörg-Dietrich Nackmayr: Die Arktis - Testfeld für eine neue, globale geopolitische Architektur unter besonderer Berücksichtigung von China. In: ÖMZ-Online v. 21.12.2015: https://www.oemz-online.at/display/ZLIintranet/Die+Arktis.

[25] Vgl. dazu: Teija Tiilikainen: „Strengthening the Pillars of Security and Defence“. In: European Security & Defence 11/2017, S.24-26.

[26] „Chinese, Russian Navies Hold Exercises in Sea of Japan, Okhotsk Sea“. In: Thediplomat.com. 21.9.2017: https://thediplomat.com/2017/09/chinese-russian-navies-hold-exercises-in-sea-of-japan-okhotsk-sea/.

[27] Brian G. Carlson: „China und Russland - Partner, aber keine Alliierte“. In: NZZ v. 14.4.2018, S.6f.

[28] „Raketenabwehr in Südkorea und Japan“. In: DIE WELT-Online v. 12.11.2017: https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/afxline/topthemen/hintergruende/article170401672/Raketenabwehr-in-Suedkorea-und-Japan.html.

[29] Vgl. dazu: M. Taylor Fravel: „Shifts in Warfare and Party Unity - Explaining China’s Changes in Military Strategy“. In: International Security 3/2018, S.37-83.