Theorie und Praxis der Taktik im Spiegel der Wissenschaftlichkeit

Christian Riener

 

Gegenstand dieses Fachaufsatzes ist die Taktik, und zwar jene im österreichischen Bundesheer. Diese bildet als Kernbereich der Militärwissenschaft gemeinsam mit der Operation, der Logistik, der Führungslehre und der Militärstrategie den Wissenschaftsbereich, der an der Landesverteidigungsakademie als der höchsten Bildungsstätte des Bundesheeres mit Schwergewicht gepflegt und als Kernkompetenz vermittelt wird.[1]) Taktik ist jene ureigenste militärische Tätigkeit, die jeder Offizier lernt, die ihn ein Leben lang begleitet und deren Beherrschung die Grundlage zur Erfüllung aller militärischen Aufgaben darstellt. „Nachdem man erst“, um Carl von Clauswitz zu zitieren, „wenn man sich über Namen und Begriffe verständigt hat, hoffen darf, in der Betrachtung der Dinge mit Klarheit und Leichtigkeit vorzuschreiten“,[2]) seien zuerst einmal nachfolgende vier, bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende, Definitionen die Taktik betreffend allen weiteren Gedanken vorangestellt.

„Es ist also nach unserer Einteilung die Taktik die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht, die Strategie die Lehre vom Gebrauch der Gefechte zum Zwecke des Krieges.“ [3])

„Taktik ist der Gebrauch der militärischen Mittel zum Zwecke des Gefechts.“ [4])

„Taktik ist der Einsatz militärischer Kräfte und Mittel zum Zwecke des Gefechts.“ [5])

„Taktik ist der Gebrauch militärischer verbundener Kräfte und Mittel zum Zwecke der Erfüllung eines Auftrages im Gefecht und in Einsätzen, in denen vorrangig nicht mit Kampf zu rechnen ist.“ [6])

Geht man davon aus, dass Definitionen stets der Versuch einer möglichst exakten Beschreibung eines Gegenstandes aus der jeweiligen Zeit heraus sind, so werden auch die oben zitierten, im Kern gleichen, im Detail jedoch unterschiedlichen Formulierungen nachvollziehbar. Taktik als ein spezifisches Produkt historischer Entwicklungen spiegelt auch und gerade definitorisch ein verändertes Umfeld und ein sich weiter entwickelndes Aufgabenspektrum des Militärs wider. Darüber hinaus weist Clausewitz insbesondere darauf hin, dass die Taktik nicht nur eine Tätigkeit zur Erfüllung eines bestimmten Zwecks ist, sondern als eigene Disziplin in der Lehre ihre Berechtigung hat. Das Verständnis von Taktik im Bundesheer mit besonderem Bezug zu Lehre und Wissen, somit auch zur Wissenschaftlichkeit, soll im Mittelpunkt unserer Betrachtungen stehen.

 

Motivation

Mit 23. April 2009 erging durch BMLVS/AusbA der Auftrag zur Entwicklung eines Fachhochschul- (FH) Masterstudienganges „Militärische Führung“ an die LVAk. Das Institut für Höhere Militärische Führung wurde federführend mit der Umsetzung beauftragt. In der schriftlichen Weisung wird auf die Bewältigung von militärischen Aufgaben im gesamten Petersberg-Spektrum, nämlich Kampf im multinationalen Verbund und Teilstreitkräfte überschreitend, Einsatzmöglichkeit in allen Klimazonen (ausgenommen der arktischen) und in Räumen mit fremden Kulturen sowie Fähigkeit zur zivil-militärischen Zusammenarbeit[7]) Bezug genommen und folgende Zielformulierung für die Absolventen des Masterstudienganges „Militärische Führung“ festgelegt:

„Der Offizier als exponierte Führungskraft verfügt nach Absolvierung des Masterstudienganges über

- vertieftes und erweitertes relevantes Fachwissen in den militärischen, politikwissenschaftlichen, rechtlichen, betriebswirtschaftlichen, sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen,

- diejenigen vertieften und erweiterten methodisch-analytischen Kenntnisse, wie sie zur selbstständigen Bewertung und Umsetzung von fachlichen und fachübergreifenden Zusammenhängen erforderlich sind,

- die Fähigkeit zur eigenverantwortlichen Problemlösung und Entscheidungsfindung unter komplexen Bedingungen,

- die Fähigkeit, Wissen und Information zu filtern, zu strukturieren und zu verdichten, und

- hat seine wissenschaftliche Befähigung mit dem Abfassen einer Diplomarbeit nachgewiesen.

Inhaltlich verfügt der Absolvent des Masterstudienganges über das Wissen, die Fertigkeiten und Kompetenzen, die erforderlich sind, um einen verstärkten kleinen Verband im multinationalen Verbund in der jeweiligen Waffengattung im gesamten Petersberg-Spektrum in gemäßigten Klimazonen sowie im Frieden zu führen und die Aufgaben in Ausbildung und Dienstbetrieb auf Ebene des kleinen und großen Verbandes erfolgreich zu bewältigen.

Dazu ist er in der Lage, den Führungsprozess als besonders qualifizierte Stabsfunktion in einem großen Verband oder höherem Kommando/Dienststelle in nationalen und multinationalen Stäben bzw. in der Zentralstelle im Tätigkeitsbereich seiner Funktion anzuwenden.“ [8])

Zur Umsetzung dieser Vorgaben und schlussendlich zur Erfüllung des Auftrages insgesamt ist Taktik im Allgemeinen und die Theorie und Lehre von der Taktik im Besonderen als Kernbereich der Militärwissenschaft - als der militärischen Disziplin schlechthin - von entscheidender Bedeutung. Methodisch-analytische Kenntnisse, die Fähigkeit zur eigenverantwortlichen Problemlösung und Entscheidungsfindung sowie das Verfassen einer taktischen Hausarbeit/taktischen Arbeit, in Zukunft in Form einer militärwissenschaftlichen Arbeit aus Taktik wurden immer schon und werden auch in Zukunft schwergewichtsmäßig im Rahmen der Taktik vermittelt werden. Dabei müssen inhaltliche und formale Aspekte genauso wie der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit gemäß den nationalen und internationalen Maßstäben in der Bildungslandschaft berücksichtigt werden.

 

Ziel

Ziel dieses Fachaufsatzes ist es, den Leser in Form eines Impulsaufsatzes über die Theorie und Praxis der Taktik sowie ihr Verhältnis zur Wissenschaftlichkeit zu informieren.

Dabei soll überblicksartig der Bogen von einer allgemeinen Beschreibung des Gegenstandes, der Inhalte, der Forschung und Lehre über Theorien und Methoden - hier wird der Schwerpunkt der Ausführungen liegen - bis hin zur Weiterentwicklung gespannt werden.

Mit der beispielhaften Darstellung der Kriterien und des Aufbaus einer militärwissenschaftlichen Arbeit aus Taktik wird der Bezug zur Gegenwart hergestellt und zugleich die Brücke in die Zukunft geschlagen.

 

Zweck

Dem Leser sollen das Wesen der Taktik und Zusammenhänge vor Augen geführt werden, die nicht nur Informationsgewinn bringen, sondern Grundlage für objektive Meinungsbildung und für persönliche weiterführende Beschäftigung mit der Thematik darstellen können. V.a. möchte der Verfasser die Erkenntnis vermitteln, dass Taktik als ureigenste militärische Disziplin keineswegs im Widerspruch zu einer im akademischen Umfeld geforderten Wissenschaftlichkeit steht und stand und es daher nicht notwendig ist, aus einem vermeintlichen Defizit heraus ihre historisch gewachsenen Methoden und Inhalte radikal zu verändern und damit ihrem Wesen Gewalt anzutun. Wissenschaftlichkeit in der Taktik ist nicht Hauptzweck, sondern historisch gewachsene Tatsache.

 

Begriffe

Jeder Wissensbereich und jede Wissenschaft, so auch die Militärwissenschaft, hat eigene spezifische Begriffe und Definitionen, die nicht als allgemeines Gedankengut vorausgesetzt werden dürfen. Tatsache ist, und dies soll ausschnittsweise später im Rahmen dieses Fachaufsatzes am Beispiel des taktischen Führungsverfahrens dargestellt werden, dass Inhalte und Methoden oft gleich oder ähnlich sind, aufgrund der verschiedenen fachspezifischen Begrifflichkeit jedoch nicht ohne vorhergehende Klärung der Begriffe in Bezug gesetzt und nachvollzogen werden können. Daher seien nachfolgend drei zentrale Begriffe zum Thema Wissenschaftlichkeit den weiteren Ausführungen vorangestellt und die restlichen zum Gesamtverständnis unbedingt notwendigen Definitionen im Anhang in alphabetischer Reihenfolge angefügt.

 

Wissenschaft

„Bezeichnung für Wissenssammlung und Erkenntnisgewinnung, die von Disziplin zu Disziplin und von Wissenschaftsschule zu Wissenschaftsschule unterschiedlich definiert wird, deren gemeinsamer Bedeutungskern jedoch zweierlei umfasst: 1) die Gesamtheit derjenigen Wissensbestände, die auf dem Wege planmäßig angelegter und systematisch kontrollierter Erfahrung oder theoretischer Überlegung auf nachprüfbare Weise gewonnen, fachkundig interpretiert, systematisiert und gespeichert und gegebenenfalls zu Hypothesen und zu Theorien verdichtet wurden, und 2) den Vorgang der Erkenntnisgewinnung im Sinne der unter 1) bezeichneten Wissensbestände sowie der Überprüfung bereits gewonnener und (vorläufig) als akzeptiert betrachteter Wissensbestände auf logische Widerspruchsfreiheit und empirische Stimmigkeit. Kennzeichnend für diesen Vorgang ist die Einbettung in ein Verfahren, das im wesentlichen nach von der Fachöffentlichkeit anerkannten (oder in einem rationalen Diskurs als anerkennungswürdig verteidigbaren) Regeln erfolgt, das planmäßig durchgeführt wird, dem das Prinzip der Verifikation und/oder Falsifikation zugrunde liegt und zu dem die systematische, sorgfältig protokollierte Auswahl, Beschreibung, Interpretation und gegebenenfalls Erklärung von Sachverhalten oder Zusammenhängen, mitunter auch die Verallgemeinerung und die Prognose, gehören.“ [9])

 

Wissenschaftlichkeit

„das Wissenschaftlich sein; den Prinzipien der Wissenschaft entsprechende Art; ohne Anspruch auf Wahrheit.“ [10])

 

Wissenschaftliches Arbeiten

„Wissenschaftlich arbeiten bedeutet vor allem auch, verantwortlich zu arbeiten. Dazu zählen Ehrlichkeit, Objektivität, klare Begriffsverwendung, Vollständigkeit, Übersichtlichkeit, Allgemeingültigkeit (in definierten Grenzen) und Überprüfbarkeit.“ [11])

Taktik ist, ähnlich wie Strategie, im Zivilen ein durchaus häufig verwendeter Begriff; beispielhaft seien die Taktik im Fußball, die Taktik beim Schach, die Argumentationstaktik, Polizeitaktik oder auch der Begriff Verhandlungstaktik erwähnt. Hinter ein und demselben Begriff stehen die verschiedensten Inhalte, was durchaus zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen führen kann, v.a. dann, wenn man in die Diskussion um Stellenwert, Rang und Verhältnis zur Wissenschaftlichkeit der Taktik als militärische Disziplin im akademischen Umfeld einsteigt. Daher soll dem Fachaufsatz folgende Forschungsfrage im Sinne eines forschungsleitenden Interesses zugrunde gelegt werden:

 

Ist die „militärische“ Taktik eine Wissenschaft?

Aus dieser Forschungsfrage können Subforschungsfragen abgeleitet werden, die in weiterer Folge die Orientierungspunkte für die Analyse des Gegenstandes und den Rahmen für die Struktur des Artikels darstellen sollen.

- Wie kann Taktik beschrieben werden?

- Was sind die Inhalte der Taktik und was sind Gegenstände der Forschung und Lehre?

- Was ist die Taktik in der Theorie und welcher Theorien kann sich Taktik bedienen?

- Bedient sich die Taktik spezifischer Methoden?

Der durchzuführenden Analyse und Bearbeitung wird folgende Hypothese vorangestellt:

Taktik ist wissenschaftlich, aber keine Wissenschaft für sich. Sie ist ein Kernbereich der Militärwissenschaft und bedient sich wissenschaftlicher Theorien und Methoden.

Die zur Beantwortung der Forschungsfrage angewandte Methode ist hermeneutisch, komparativ und empirisch, da die zur Bearbeitung notwendigen Informationen einerseits aus schriftlichen Quellen, v.a. aus Fachbüchern, Fachaufsätzen, Vorschriften und Erlässen stammen, die verglichen und bewertet werden, andererseits aus der Berufspraxis des Verfassers abgeleitet werden.

Der Fachaufsatz gliedert sich inhaltlich wie folgt:

- Beschreibung der Taktik;

- Inhalte und Gegenstände;

- Forschung und Weiterentwicklung in der Taktik;

- Lehre in der Taktik;

- Theorien und Methoden;

- Angewandte Taktik am Beispiel einer Militärwissenschaftlichen Arbeit aus Taktik;

- Gesamtfolgerungen.

Beschreibung der Taktik

Die Taktik als Gebrauch von verbundenen militärischen Mitteln zu einem bestimmten Zweck hat sich national und international kontinuierlich in und aus der Geschichte entwickelt und entwickelt sich ständig weiter. Die Veränderung der militärischen Mittel, die wesentlich durch die Fortschritte in der Technik beeinflusst wurden und werden, sowie das einer stetigen Wandlung des Umfeldes unterliegende Einsatzspektrum waren und sind für diese Weiterentwicklung ausschlaggebend. Wenn man die Szenarien des Kalten Krieges mit jenen seit 1990 vergleicht und die Rolle der darin eingesetzten militärischen Kräfte und Mittel näher betrachtet, braucht man kein Militärexperte zu sein, um festzustellen, dass die Definition von Taktik aus den 1990er-Jahren - „Taktik ist der Einsatz militärischer Kräfte und Mittel zum Zwecke des Gefechts“ [12]) - eindeutig zu kurz greift und die Bandbreite der aktuellen, realen Einsätze definitorisch nicht mehr zur Gänze abbildet. Anders betrachtet könnte auch der Umkehrschluss gezogen werden, dass in der Praxis Taktik überall dort an Bedeutung verliert, wo vorrangig nicht mit Kampf zu rechnen ist. Analysiert man jedoch die Einsätze des Bundesheeres und der Bundeswehr seit 1990 beginnend mit Inlandseinsätzen des Bundesheeres, über internationale friedensunterstützende Einsätze des Bundesheeres und der Bundeswehr bis hin zu aktuellen Kampfeinsätzen der Bundeswehr in Afghanistan, so kann festgestellt werden, dass militärische Kräfte und Mittel im gesamten genannten Spektrum immer - also nicht nur im klassischen Gefecht - in einer Art und Weise zu einem bestimmten Zweck in zeitlich und räumlich zusammenhängenden Handlungen eingesetzt werden, die sich ganz klar, einmal grundsätzlich mit und das andere Mal grundsätzlich ohne Kampfhandlungen, in den Bereich der Taktik einordnen lassen. Die Bundeswehr hat bereits Mitte der 90er-Jahre diese Tatsache berücksichtigt und mit der Begriffsbildung „Einsatz der verbundenen Kräfte“[13]) die inhaltliche Lücke geschlossen und damit auch formal der taktischen Ebene ihre Berechtigung und Bedeutung bei der Erfüllung militärischer Aufträge in friedensunterstützenden Einsätzen zugestanden. Angelehnt an die damalige HDV 100/100 der DBW wurde der Begriff „Einsatz der verbundenen Kräfte“ durch das Bundesheer akzeptiert und in die DVBH(z.E.) Truppenführung wortwörtlich aufgenommen.[14]) Als weiterer Schritt wurde im Bundesheer an der LVAk eine Neudefinition Taktik entwickelt, um die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis in der Taktik auch begrifflich aufzuheben. Das Ergebnis - „Taktik ist der Gebrauch militärischer verbundener Kräfte und Mittel zum Zwecke der Erfüllung eines Auftrages im Gefecht und in Einsätzen, in denen vorrangig nicht mit Kampf zu rechnen ist“ [15]) - begründet sich inhaltlich wie folgt:

Taktik ist eine Tätigkeit/Aktivität, um ein Ziel zu erreichen und einen Zweck zu erfüllen. Taktik bedient sich einer Methode und bedarf Kräfte und Mittel. Der Begriff „verbundene Kräfte“ drückt die zeitlich und räumlich zusammenhängende Einsatzhandlung aus, die sich somit ganz klar in ihrer Komplexität von der Gefechtstechnik abhebt und also in die taktische Ebene verweist. Der Gebrauch von militärischen Kräften und Mitteln in Theorie und Praxis ist, wie bereits mehrmals betont, immer zweckgebunden, in diesem Fall zum Zweck der Erfüllung eines Auftrages. Durch den Einsatz von verbundenen militärischen Kräften und Mitteln werden nach wie vor Aufträge im Gefecht, aber auch, und das ist die neue Qualität, Aufträge durch Einsatzhandlungen in Szenarien erfüllt, in denen nicht unmittelbar mit Kampf gerechnet wird. Als Beispiel sind die friedensunterstützenden Einsätze im Ausland, aber auch Katastropheneinsätze und der Assistenzeinsatz zur Grenzraumüberwachung im Inland exemplarisch erwähnt. Mit dieser Formulierung ist sichergestellt, dass in Theorie und Praxis das derzeit aktuell gültige gesamte Aufgabenspektrum, anteilig auch für die taktische Ebene definitorisch seine Berücksichtigung findet.

Damit kann auch entschieden einem teilweise existierenden Vorurteil entgegengetreten werden, sich in der Taktik entweder zuviel mit der Vergangenheit - also nur mit dem Gefecht - oder zuviel mit der Gegenwart - heißt nur mehr mit Friedensunterstützung und Katastrophenhilfe - zu beschäftigen und das jeweils andere zu vernachlässigen. Tatsache ist, dass in der Taktik inhaltlich von den klassischen Einsatzarten Angriff, Verteidigung und Verzögerung bis hin zur gesamten Bandbreite der Einsatzart Schutz, beispielsweise im Rahmen eines friedensunterstützenden Einsatzes, nach wie vor lückenlos alles abgedeckt werden muss und wird.

Obwohl Taktik ständig Änderungen unterworfen ist, was sich formal auch an den Definitionen erkennen lässt, sind diese Änderungen nie so radikal, dass sich das Wesen der Taktik grundlegend ändern würde. Folglich gibt es in der Taktik einen Bereich, der bei jeglicher Veränderung bleibt, der feststeht und der als Fundament allgemein gültig ist. Auf diese Wesensmerkmale soll nun näher eingegangen werden.

Taktik ist nicht nur der praktische und empirische Einsatz von militärischen Kräften und Mitteln - man spricht hier von der angewandten Taktik -, sondern hat auch einen theoretischen Aspekt, der sich in Vorschriften, Lehrbüchern, Lehrbehelfen und militärwissenschaftlichen Arbeiten wiederfindet. Die schriftlichen Werke namhafter Militärtheoretiker wie Carl von Clausewitz, Erzherzog Carl, Franz Conrad von Hötzendorf, Ludwig Ritter von Eimannsberger, um nur einige zu nennen, sind wesentliche aus der Geschichte gewachsene, nachvollziehbare und international anerkannte Grundlagen, auf die sich die Taktik bezieht. Taktik bezieht sich daher in der Forschung und Weiterentwicklung auf wissenschaftlich anerkannte Theorien.

Taktik bedient sich aus der Geschichte gewachsener, in der militärischen Welt national und international anerkannter, nachvollziehbarer Methoden. Jene Methode, die schwergewichtsmäßig im Bundesheer in der Taktik angewandt wird, ist das „Taktische Führungsverfahren“. Sie kann als dialektisch betrachtende Analyse und Problemlösungsmethode beschrieben werden. Sowohl die angewandte Taktik als auch Taktik in der Theorie unterstehen den Gesetzmäßigkeiten der Logik.[16])

Das Feld der Taktik ist der Kampf der verbundenen Waffen, in dem Kräfte und Mittel verschiedener Waffengattungen im Gefecht unter einheitlicher Führung zeitlich und räumlich zusammenwirken, aber auch der Einsatz der verbundenen Kräfte, in dem unterschiedliche Waffengattungen im Rahmen zeitlich und örtlich zusammenhängender Einsatzhandlungen z.B. in einem friedensunterstützenden Einsatz, unter einheitlicher Führung Aufträge erfüllen. Letzteres ist kein Kampfeinsatz nach herkömmlichem Verständnis, kann aber durch Lageänderung und Lageeskalation zu einem Kampf der verbundenen Waffen führen.[17])

Die Inhalte der Taktik sind Gegenstand der Forschung und Weiterentwicklung. Das dabei durch wissenschaftliche Methoden, abgestützt auf passende Theorien, gewonnene Wissen wird in der Lehre vermittelt, in Publikationen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt und schlussendlich in Ausbildung und Einsatz praktisch umgesetzt. Folglich stellt die Lehre die unmittelbare Verbindung zwischen Theorie und Praxis dar, was die wesentliche und unverzichtbare Bedeutung derselben begründet.

Der schöpferische und kreative Aspekt spielt in der Taktik eine besondere Rolle. Dieser wird durch die Tatsache der kontinuierlichen Weiterentwicklung gefördert und gefordert. Die Anwendung der Taktik ist stark persönlichkeitsbezogen und bietet somit Raum zur Entfaltung des Talents. Gemeinsam mit der Orientierung an Grundsätzen, den so genannten Führungsgrundsätzen, einer gediegenen Ausbildung und dem „Führungsprinzip der Auftragstaktik“ ist dies der Schlüssel zum Erfolg. Zum besseren Verständnis und zur Abgrenzung zur Taktik an sich dient nachfolgende Erläuterung des Begriffs Auftragstaktik.

Die Auftragstaktik als oberstes Führungsprinzip im Bundesheer beruht auf gegenseitigem Vertrauen und verlangt von jedem Soldaten neben gewissenhafter Pflichterfüllung und dem Willen, befohlene Ziele zu erreichen, die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung, zur Zusammenarbeit und zu selbstständigem, schöpferischem Handeln im Rahmen des Auftrages, sowie in bestimmten Situationen zumindest im Sinne der Absicht der übergeordneten Führungsebene zu handeln. Auftragstaktik gewährt im Gegensatz zur Befehlstaktik die Freiheit der Durchführung des Auftrags und Freiraum für die eigene Kreativität. Sie setzt einerseits die Bereitschaft von Vorgesetzten voraus, das Auftreten von Fehlern hinzunehmen, andererseits findet sie aber ihre Grenzen, wenn die Erfüllung des Auftrages oder die Gesundheit und das Leben von Soldaten unnötig gefährdet werden.[18])

Taktik existiert auf verschiedenen Führungsebenen, grundsätzlich vom Bataillon bis zum Korps, und ist in einem national und international anerkannten historisch gewachsenen, hierarchischen, militärischen Ebenenmodell zwischen der operativen Führungsebene und jener Ebene angesiedelt, die reaktionsschnell standardisierte, drillmäßig erlernbare Verfahren und Techniken anwendet.

Als Gesamtfolgerung kann festgestellt werden, dass Taktik zwar Änderungen unterworfen ist, deren ungeachtet aber eine Reihe von Merkmalen beinhaltet, die unveränderbar als Fundament von Dauer sind und ihr Wesen gesamtheitlich charakterisieren.

Inhalte und Gegenstände in der Taktik

Gegenstände der Taktik sind die Kräfte und Mittel, Inhalte sind jene Themen, mit denen sich die Taktik auseinanderzusetzen hat. Die Streitkräfte des ÖBH bestehen aus den Landstreitkräften, den Spezialeinsatzkräften und den Luftstreitkräften, die als einzelne Teilstreitkräfte bezeichnet werden. Ihre Truppen werden in Truppengattungen und diese wiederum in Waffengattungen zusammengefasst. Ihnen sind die zu ihrer Aufgabenerfüllung notwendigen Mittel personell und materiell ständig zugewiesen. Die taktische Führung von Kräften und der Einsatz der Mittel unterschiedlicher Truppengattungen in der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Einsätzen im Zusammenwirken mit anderen Teilstreitkräften im In- und Ausland wird unter dem Begriff Truppenführung zusammengefasst.[19]) Truppenführung als Element der Taktik bedient sich eines taktischen Führungsprozesses, der den geordneten Ablauf des Zusammenwirkens der Elemente des Führungssystems sicherstellt.[20]) „Truppenführung ist eine auf Charakter, Können und geistiger Kraft beruhende schöpferische Tätigkeit. Ihre Lehren lassen sich nicht erschöpfend darstellen. Sie verträgt keine starren Formeln und Regelungen. Klare, allgemein gültige und allzeit gültige Grundsätze müssen jeden Truppenführer leiten.“ [21]) Die Kernaussage dieses Zitates in Verbindung mit den Führungsgrundsätzen Einheit der Führung, klares Ziel, Einfachheit, Initiative, Schwergewicht, Ökonomie der Kräfte, Beweglichkeit, Reserven, Überraschung und Täuschung, Synchronisation, Kooperation, Informationsüberlegenheit, Schutz und Sicherheit[22]) und dem Führungsprinzip Auftragstaktik geben den Inhalten und Gegenständen der Taktik ihren unveränderlich feststehenden Ordnungsrahmen und sind Wesensmerkmal zugleich.

Die Inhalte der Taktik leiten sich aus den gemäß Bundes-Verfassungsgesetz Artikel 79 in Verbindung mit § 2 Wehrgesetz festgelegten Aufgaben ab, das sind die militärische Landesverteidigung, die sicherheitspolizeiliche Assistenz, die Katastrophenhilfe und der Auslandseinsatz,[23]) sowie aus den im Militärstrategischen Konzept detailliert angeführten Aufgaben von Truppen des ÖBH, nämlich der Wahrung der Lufthoheit, den friedensunterstützenden Einsätzen, humanitären Einsätzen im Ausland, sicherheitspolizeilichen Assistenzeinsätzen, der Katastrophenhilfe im Inland, Evakuierungen, Kampf gegen irreguläre Kräfte im Ausland und dem Beitrag zu einer gemeinsamen europäischen Verteidigung.[24]) Sie spiegeln sich in den taktischen Verfahren der Luftstreitkräfte, der Sondereinsatzkräfte und der Landstreitkräfte wider, bei Letzteren konkret in den Einsatzarten Angriff, Verteidigung, Verzögerung, Jagdkampf und Schutz sowie in den besonderen Gefechtshandlungen Begegnungsgefecht, Abbrechen des Gefechts und Lösen vom Feind, Ablösung, Aufnahme und Durchschleusen. Neben diesen historisch gewachsenen taktischen Verfahren, die als Kampf der verbundenen Waffen geführt werden,[25]) stehen gleichberechtigt taktische Handlungen, die als Einsatz der verbundenen Kräfte und Mittel in aktuellen Szenarien, schwergewichtsmäßig im friedensunterstützenden Einsatz, hier unter dem Begriff Stabilisierung, aber auch bei Einsätzen im Inland wie zum Beispiel beim Assistenzeinsatz zur Grenzraumüberwachung oder bei Einsätzen im Rahmen der Katastrophenhilfe zur Anwendung gelangen.

Forschung und Weiterentwicklung in der Taktik

„Die Erscheinungsformen bewaffneter Konflikte wandeln sich ständig. Neuentwickelte technische Mittel und technologische Möglichkeiten zur Führung bewaffneter Auseinandersetzungen, neue Akteure und neue Verfahren müssen in ihrer Entwicklung rechtzeitig erkannt und ihr Einfluss richtig eingeschätzt werden.“ [26])

Aus dieser Aussage in der Vorschrift Truppenführung lässt sich eindeutig der Grundauftrag für die Forschung und Weiterentwicklung in der Taktik in Form von Grundlagenforschung, experimenteller Entwicklung und angewandter Forschung ableiten.[27]) Nicht nur die vielfältigen Erscheinungsformen, sondern auch Akteure, die in reguläre und irreguläre Kräfte unterschieden werden, sowie konventionelle, subkonventionelle und subversive Kriegführung ebenso wie Aktionen von Terroristen fallen in das Forschungsfeld der Taktik.

In der Forschung und Weiterentwicklung manifestieren sich Wissenschaftlichkeit und wissenschaftliches Arbeiten im Rückgriff auf anerkannte Theorien, der schwergewichtsmäßigen Anwendung der Methode des taktischen Führungsverfahrens, aber auch der Berücksichtigung anderer Methoden, die zielgerichtet und anlassbezogen angewandt werden.

Beispielhaft soll auf das Modell, das Experiment und die Beobachtung aus Sicht der Taktik eingegangen werden.[28])

Die Modellierung von Erscheinungen des Kampfes der verbundenen Waffen und/oder von Situationen, in denen nicht mit Kampf gerechnet wird, ist eine Methode, um die komplexe Wirklichkeit vereinfacht zu beschreiben. Als einfachstes Beispiel für ein Modell kann die Handkarte mit eingezeichneter Lage, grafischem Plan der Durchführung und Entschluss oder eine Kriegsspielplatte genannt werden. Dabei wird ein abstraktes, verallgemeinertes Abbild anschaulich konkret dargestellt.

Anerkannte Methoden der empirischen Erkenntnis und somit schwergewichtsmäßig der angewandten Forschung sind Beobachtung und Experiment. Durch gezielte Beobachtung werden die Ergebnisse von Experimenten gesichert und bilden damit die Basis für Schlussfolgerungen. Feldforschung durch Beobachtung findet beispielsweise durch die Teilnahme ausgewählter Offiziere an internationalen Einsätzen und die Verwertung der dort gewonnenen Erkenntnisse in der Lehre statt.

Eine besondere Form der militärischen Beobachtung ist die Aufklärung im Einsatz. Experimente können an Geländemodellen am Führungssimulator, in der Ortskampfanlage oder am Truppenübungsplatz durchgeführt werden, wenn am Original nicht geübt werden kann. Simulationstechniken und Methoden gewinnen immer mehr an Bedeutung. Folglich können Truppenübungen, Stabsspiele, simulationsgestützte Übungen und Kriegsspiele nicht nur als angewandte Taktik in der Anlern-, Festigungs- und Anwendungsstufe, sondern auch zweckgebunden als taktische Experimente interpretiert werden. Simulatorübungen und das Kriegsspiel haben zugleich auch Modellcharakter, und es - spinnt man den Gedanken weiter - können Experimente am Führungssimulator auch Laborcharakter haben.[29]) Der Führungssimulator ist somit nicht nur als Ausbildungsmittel in der Gegenwart unersetzlich, sondern auch als Mittel zur Forschung einzuordnen.

Das in dieser Art von Forschung neu gewonnene Wissen kann publiziert werden - z.B. in Form von Vorschriften, Merkblättern, Lehrbehelfen sowie Fachaufsätzen -, wird in der Lehre weitergegeben und in der praktischen Anwendung überprüft. Dieser Prozess ist Motor der Weiterentwicklung in der Taktik.

Lehre in der Taktik

Die Lehre in der Taktik stellt den Wissenstransfer von der Theorie und aus der Forschung in die praktische Umsetzung sicher. Spezifisch an dieser Lehre ist, dass sie jeden Offizier ein Leben lang begleitet. Institutionell und organisatorisch sind im Bundesheer die Theresianische Militärakademie für die untere und die Landesverteidigungsakademie für die untere, mittlere und obere taktische Führungsebene verantwortlich. Die Heeresunteroffiziersakademie, die Heerestruppenschule sowie Waffen- und Fachschulen und die Streitkräfte sind ebenfalls Träger der Lehre, Letztere im Rahmen der internen Kaderfortbildungen. Die Inhalte der Taktik werden in den Akademien und Schulen systematisch und methodisch grundsätzlich gleich, jedoch inhaltsspezifisch ebenenangepasst unterrichtet. So wird auf jeder Ebene das in Grundlagenunterrichten vermittelte theoretische Wissen, gepaart mit dem im Selbststudium erarbeiteten relevanten Zusatzwissen, sofort in Planspielen an der Karte, also auf einem zweidimensionalen Geländemodell, basierend auf taktischen Aufgabenstellungen als Teil der Lehre unter Anleitung praktisch angewandt. „Ein Planspiel ist eine Planübung mit dem Zweck eines Erkenntnisgewinns für die Planung und Führung im Einsatz. Sie geht von einer Lageannahme und einem möglichen Auftrag aus und untersucht Möglichkeiten gegnerischen und eigenen Handelns oder verlangt Handlungsentscheidungen hiezu.“ [30])

Die Hauptmethode dazu ist das taktische Führungsverfahren. Eine ergänzende Methode ist z.B. das Kriegsspiel. Charakteristisch dabei ist, dass die Theorie bereits einen praktischen Anteil durch die Anwendung der Methode in sich birgt.

Diese kurze Beschreibung der Lehre bildet insofern den Bezugs- und Anknüpfungspunkt zum Auftrag der Entwicklung eines Fachhochschulstudienganges Militärische Führung, da traditionell und historisch gewachsen das Vermitteln von methodisch-analytischen Kenntnissen, die Fähigkeit zur eigenverantwortlichen Problemlösung und Entscheidungsfindung in den militärischen Kernfächern sowie das Verfassen einer taktischen Hausarbeit/taktischen Arbeit das Schwergewicht in der Taktikausbildung bilden. Der Höhepunkt und Abschluss der Ausbildung, gleichsam das Meisterstück, war und ist die taktische Hausarbeit/taktische Arbeit, in welcher der Auszubildende eine taktische Problemstellung anhand der Methode des taktischen Führungsverfahrens an Modellen lösen, argumentieren und in der Lehre umsetzen muss. Diese muss in Zukunft auch den Kriterien einer wissenschaftlichen Arbeit entsprechen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Wesen der Lehre in der Taktik v.a. durch die Praxisnähe und die Anwendung von traditionell aus dem Militär gewachsenen Methoden, die zugleich auch wissenschaftlich sind, gekennzeichnet ist.

Theorien und Methoden in der Taktik

Um die notwendige Stringenz bei der Bearbeitung von taktischen Problemstellungen in Lehre und Praxis und bei der Beantwortung von Forschungsfragen zu gewährleisten und um die geistigen Positionen zu veranschaulichen, die die Grundlage für Interpretationen und Schlussfolgerungen sind, bedient sich die Taktik anlassbezogen und zielgerichtet wissenschaftlich anerkannter Theorien. Diese Theorien sind ganz klar von „Taktik in der Theorie“ im Sinne von Vorschriften, Lehrbüchern, Unterlagen und wissenschaftlichen Arbeiten zu unterscheiden. Ohne ins Detail zu gehen und ohne Anspruch auf Vollzähligkeit sollen beispielhaft drei mögliche Theorien, nämlich die Boyd-Theorie, die Systemtheorie und die Chaostheorie genannt und als Gedankenanstoß kurz beschrieben werden.

Oberst John Boyd, USAF (1927-1997) entwickelte das so genannte OODA Loop-System (Observe, Orient, Decide, Act), das die Grundidee der nach ihm benannten Theorie darstellt. Die Theorie kann sowohl auf operativer als auch auf taktischer Ebene angewandt werden. Boyd sieht den Gegner, so wie die Eigenen auch, als System, das immer durch einen gleichen oder zumindest ähnlichen Entscheidungsprozess agiert. Die Grundaussage der Theorie „rapid OODA looping“ ist jene, dass das gegnerische System über diesen Entscheidungsprozess dahingehend zum Einsturz gebracht werden kann, indem man den gegnerischen Loop durch eine Vielfalt von Maßnahmen, die v.a. die Wahrnehmung beeinflussen, nachhaltig verlangsamt und durch den damit verbundenen Zeitvorteil auf Dauer den Sieg davonträgt.[31])

Die Anwendung und Interpretation der so genannten „Systemtheorie“ oder „Theory of general systems“ Ludwig von Bertalanffys (1901-1972) ist in der Taktik ebenfalls möglich. Während Boyd das System indirekt über den Entscheidungsfindungsprozess zum Einsturz bringen will, erreicht Bertalanffy dieses Ziel durch das gewaltsame Ausschalten funktional wichtiger „Subsysteme“. Weil diese maßgeblich die Gesamtsystemfunktion beeinflussen, rufen sie bei Ausfall oder Beeinträchtigung einen Systemschock hervor, der mittel- und langfristig zum Kollabieren des Gesamtsystems führt. In der Taktik kann man sich darunter beispielsweise das „tiefe Angriffsgefecht“ vorstellen.[32]) Als dritte Theorie soll die so genannte Chaostheorie erwähnt werden. Die Grundaussage der seit den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelten Theorie ist, dass nichtlineare Prozesse viel häufiger bei bis jetzt als bekannt geltenden Verfahren auftreten als ursprünglich angenommen. Bereits geringste Änderungen der Anfangsbedingungen können nach einer gewissen Zeit zu einem völlig anderen, nicht beurteilten, scheinbar irregulären Verhalten führen.[33]) Die Verbindung mit der Behauptung, dass Gefecht und Kampf zu einer chaotischen Entwicklung neigen[34]) und damit eine letztgültige Berechenbarkeit des Gefechts unmöglich ist, macht die Chaostheorie auch für die Taktik anwendbar.

Die Boyd-Theorie bezieht sich auf und beinhaltet Teile sowohl der System- als auch der Chaostheorie.[35])

Jene Methode, die in der Taktik im Bundesheer schwergewichtsmäßig zur Lösung taktischer Problemstellungen angewandt wird, ist wie bereits erwähnt das taktische Führungsverfahren. Die Betonung liegt dabei auf dem Begriff „taktisches“ Führungsverfahren, und zwar deshalb, weil vermehrt die Meinung aufkommt, das operative Führungsverfahren in Form der Guidelines for Operational Planning - kurz GOP - auch in der unteren und mittleren taktischen Führungsebene aus Gründen der Kompatibilität, Interoperabilität und Modernität anwenden zu müssen. Dieser Tendenz soll hier ganz klar und entschieden entgegengetreten werden. Lediglich an der Schnittstelle zur operativen Ebene, also in der oberen taktischen Führung auf Korps- bzw. Componentebene, ist es legitim und notwendig, den Operational Planning Process anzuwenden, aber auch dort läuft parallel ein taktisches Führungsverfahren.

Das taktische Führungsverfahren definiert sich wie folgt und lässt sich in nachfolgendem Regelkreis grafisch abbilden:

„Das taktische Führungsverfahren ist ein Regelkreis festgelegter Führungsvorgänge zum Zwecke eines sachlich objektiv abgeleiteten und argumentierbaren Einsatzes von militärischen Kräften und Mitteln im Gefecht, aber auch in Einsätzen, in denen vorrangig nicht mit Kampf zu rechnen ist.

Das Grundschema für das taktische Führungsverfahren folgt immer der gleichen Abfolge:“ [36])

Auch wenn in der österreichischen Bildungslandschaft der Begriff der Militärwissenschaft weitgehend unbekannt ist, bedient sich das Militär und hier wiederum die Taktik so wie jede andere Disziplin eigener nachvollziehbarer Begriffe und Definitionen, die natürlich nicht als gedankliches Allgemeingut vorausgesetzt werden können. Dies und ein offensichtliches Wissensdefizit von Teilen der akademisch/wissenschaftlichen Gesellschaft gegenüber dem Militärischen schlechthin könnte im Anlassfall im Rahmen eines wissenschaftlichen Diskurses zur Meinung und Behauptung führen, dass weder das taktische Führungsverfahren als Methode noch die Taktik als Disziplin bzw. ihre Produkte wie z.B. eine taktische Hausarbeit/taktische Arbeit, als wissenschaftlich gelten können. Um dieser Meinung begründet und nachvollziehbar von Vornherein entgegenzuwirken, sollen nachfolgend einige ausgewählte Abschnitte des taktischen Führungsverfahrens gleichsam in wissenschaftlich anerkanntes und bekanntes Vokabular sowie Begriffe gegossen werden, um ein besseres Gesamtverständnis und einen wesentlichen Beitrag zur Akzeptanz von Militärwissenschaft zu erreichen.

Der methodische Gedankenanstoß dazu kam dem Verfasser bei der vergleichenden Lektüre von Carl von Clausewitz’ „Vom Kriege“,[37]) Mag. Martin Stegers Lehrbehelf „Argumentation und argumentative Methoden“[38]) und einem, bereits mehrmals zitierten, Lehrbuch der Nationalen Volksarmee der ehemaligen DDR, erstellt durch ein sowjetisches Autorenkollektiv mit dem Titel „Militärische Theorie und Militärische Praxis“.[39]) An dieser Stelle scheint es angebracht, um der Objektivität und Gerechtigkeit willen anzumerken, dass, wenn man die marxistisch-leninistischen Standardfloskeln ersatzlos streicht, im letztgenannten Buch Aussagen gemacht und Erkenntnisse v.a. in Bezug auf militärische Methodologie gewonnen werden, die es - zumindest nach Kenntnis des Verfassers - derart strukturiert zusammengefasst in einem aktuell verfügbaren militärwissenschaftlichen Lehrbuch so nicht gibt. Folglich wurde diese Quelle als wertvolle Argumentationsgrundlage ergänzend für eigene Erkenntnisse im Bereich der Taktik und als historisch existierendes Referenzbeispiel für die Thematik der Beurteilung der Lage als militärwissenschaftliche Methode[40]) als durchaus brauchbar beurteilt und daher auch verwendet, nachempfunden und zitiert.

Aus dem Blickwinkel und unter Zugrundelegung der oben angeführten Literatur wird festgestellt, dass die Methode des taktischen Führungsverfahrens historisch gewachsen als Mischform von quantitativen und qualitativ empirischen Methoden, aber auch als argumentativ gegliedert beurteilt werden kann. Im Regelkreis des taktischen Führungsverfahrens werden methodisch schwergewichtsmäßig Analyse, Abstraktion, Synthese, Induktion, Deduktion, Analogie, Vergleich, Hypothese, Annahme, Schlussfolgerung, aber auch die Vermutung zur Anwendung gebracht.

Dies soll nun ausschnittsweise beispielhaft anhand der Abschnitte Einleitende Lagefeststellung, Orientierung und Entscheidungsfindung vorgestellt und somit die Nachvollziehbarkeit/Wissenschaftlichkeit der Methode explizit herausgearbeitet und nachgewiesen werden.

„Jedes Führungsverfahren wird durch eine Lagefeststellung eingeleitet. Diese schafft die Voraussetzung für zielgerichtetes Planen, folgerichtiges Handeln und eine ziel- und zweckorientierte Kontrolle.“ [41])

„Im Abschnitt der Orientierung sollen die Rahmenbedingungen und Einschränkungen für die Auftragserfüllung und deren Planung festgehalten und die ersten Folgerungen daraus gezogen werden.“ [42])

In der einleitenden Lagefeststellung und im Abschnitt Orientierung, hier wiederum schwergewichtsmäßig im Schritt Erfassen des Auftrags, beginnt das logische Denken des Beurteilenden mit einer ersten Analyse. Ziel der Analyse ist, das gesamte zum Zeitpunkt verfügbare Lagebild in jene Bestandteile zu zerlegen, die es ausmachen und prägen (Eigene, Konfliktparteien, Nachbarn, Umfeldbedingungen, Zeit etc.). Alle zum Zeitpunkt verfügbaren Informationen aus der Lagefeststellung unterstützen die Analyse, alle nicht vorhandenen, aber notwendigen Informationen führen zu einem Informationsbedarf. Durch Abstraktion wird das Erfassen des Wesentlichen erleichtert und sichergestellt, sodass sich die Analyse der Elemente in ihrer Gesamtheit immer auf das zugrunde gelegte Lagebild und den erhaltenen Auftrag bezieht. Die Ergebnisse der Analyse werden in weiterer Folge logisch in einer Synthese zusammengefasst, stellen zum Zeitpunkt jedoch noch ein verallgemeinertes, vereinfachtes, noch nicht detailliertes Wissen dar, das aber als abgeleitete Basis für die weitere Beurteilung dient.

„Der Abschnitt der Entscheidungsfindung besteht aus folgenden Schritten:

- Beurteilung der Lage (Evaluation of Factors),

- Erwägungen (Consideration of Courses of Action) und

- Entschlussfassung (Commander’s Decision).

Ziel dieses Abschnittes ist es, eine systematische und logische Beurteilung der Konfliktparteien, der eigenen Kräfte und der relevanten Umfeldbedingungen durchzuführen, mit dem Zweck, bezogen auf Kraft, Raum und Zeit eigene und machbare Handlungsmöglichkeiten der Konfliktparteien zu finden. Durch ein objektives Gegenüberstellen und Abwägen aller möglichen Optionen können in weiterer Folge die vermutliche Absicht der Konfliktparteien und eigene Gefechtsideen abgeleitet werden.

Der gesamte Abschnitt dient der Entscheidungsfindung des Kommandanten und gipfelt in einer nachvollziehbaren, abgeleiteten und aufbereiteten Entschlussfassung.“ [43])

Im Abschnitt Entscheidungsfindung spielt die Kausalität der in der ersten Analyse überblicksmäßig definierten Elemente die herausragende Rolle. Ihre Vernetzung und die grundsätzliche Beziehung zwischen Ursache und Wirkung sind die Eckpfeiler des Schrittes Beurteilung der Lage. Die Erforschung der kausalen Zusammenhänge der Elemente ist der Schlüssel zum Erfolg. Die Schwierigkeit besteht aber darin, dass ein und dieselbe Erscheinung durch verschiedene Ursachen hervorgerufen werden kann, die einzeln oder in ihrer Gesamtheit wirken. Bei der Beurteilung der Lage hat der Beurteilende entweder von einer bekannten Tatsache auf die sie hervorbringende Ursache zu schließen (Induktion) oder umgekehrt von einer bekannten Ursache auf die Folge zu schließen, die durch sie hervorgebracht wird (Deduktion). Als Beispiel eines Induktionsschlusses kann vermehrter Funksprechverkehr als Indiz für den bevorstehenden Angriff gedeutet werden. Vom Wesen her werden aus Einzeltatsachen allgemeinere Schlüsse für die Ursache gezogen. Diese Schlussfolgerungen beruhen auf empirischem Material. Bei solchen Schlussfolgerungen wird die Methode der Analogie umfassend angewandt. Schlussfolgerungen aus der Übereinstimmung von Gegenständen hinsichtlich gewisser Merkmale, so genannte Analogieschlüsse, haben Wahrscheinlichkeitscharakter. Beispielsweise kann aus ähnlichen Verhaltensweisen einer Truppe unter unterschiedlichen Bedingungen auf Schemata geschlossen werden. Im Laufe der Beurteilung der Lage ist es legitim, mangels gesicherter Informationen Hypothesen/Annahmen über Kausalitäten und andere relevante Faktoren zu formulieren. Zur Überprüfung der Hypothesen/Annahmen wird nicht nur der Induktionsschluss, sondern auch der deduktive Schluss angewandt, wobei anhand einer mutmaßlichen Ursache die Tatsache abzuleiten ist. Merkmal der Deduktion ist, dass aus der bekannten Ursache auf die Folgen geschlossen werden soll. Wenn Lage, Kampfkraft und Kampfwert der Konfliktparteien bekannt sind, dann können folgerichtig auf dem Wege der Deduktion auf Basis von Prämissen die vermutliche Absicht der Konfliktparteien und die damit in ursächlichem Zusammenhang stehenden Folgerungen für den Einsatz der eigenen Kräfte abgeleitet werden. Prämissen in der Taktik sind Prinzipien, Parameter, Führungsgrundsätze und verallgemeinerte Erfahrungen der Truppenführung. Leitsätze in Vorschriften sind allgemeine Prämissen. Der Vorteil des deduktiven Schlusses liegt in seiner Zuverlässigkeit. Er liefert die logische Begründung für die Entschlussfassung, die im Schritt Erwägungen zusammengefasst und übersichtlich nachvollziehbar zum Ausdruck kommt. Trotz aller angestrebten Objektivität wird bei der Beurteilung der Lage immer wieder die Vermutung des Beurteilenden, besonders in Hinblick auf die Formulierung von Hypothesen und Annahmen, aber auch bei der Entschlussfassung selbst, eine Rolle spielen. Daher basiert der Entschluss stets auf nur relativ wahrem Wissen.

Da dieser aber unter Verwendung wissenschaftlicher Methoden und Verfahren abgeleitet und somit begründet wird, ist und bleibt er die Leitlinie des Handelns und Grundlage für die nun einsetzende Planung der Durchführung.

Spätestens jetzt wird klar, dass die Anwendung des taktischen Führungsverfahrens logisch nachvollziehbar ist und als wissenschaftlich bewertet werden kann. Folglich besteht weder aus wissenschaftlicher noch aus inhaltlicher Sicht die Notwendigkeit, andere Methoden in der Taktik zu verwenden.

Beispiel einer militärwissenschaftlichen Arbeit aus Taktik

„Die Abfassung wissenschaftlicher Arbeiten ist unumgängliche Bedingung für den Abschluss einer wissenschaftlichen Ausbildung. Sie dient neben dem Nachweis der intellektuellen Befähigung auch der Erringung und Demonstration professioneller Kompetenz.“ [44])

Diese Aussage steht in keinem Widerspruch zur bisher angewandten Praxis der Erstellung einer so genannten taktischen Hausarbeit/taktischen Arbeit. In ihr wurden und werden durch methodisches Vorgehen neue Erkenntnisse, bezogen auf eine spezifische Aufgabenstellung, gewonnen, die unmittelbar in Lehre und Ausbildung ihren Niederschlag finden.

In der schriftlichen/grafischen Ausarbeitung, kommen Analyse, Abstraktion, Verallgemeinerung, Synthese, Induktion, Deduktion, Hypothesen und Annahmenbildung sowie Vergleich, Kausalität, Analogie und Vermutung methodisch zur Anwendung. Als Prämissen stehen die aus Theorie und Praxis entwickelten Vorschriften, Parameter, Grundsätze und Prinzipien zur Verfügung. Die taktische Arbeit kann auch publiziert werden.

Eine taktische Arbeit erfüllt daher durch Anwendung der Methode des taktischen Führungsverfahrens und als Methode selbst (zur Erkenntnis-/Wissensgewinnung) die wichtigsten Kriterien für eine militärwissenschaftliche Arbeit.

Lediglich formal muss, wie nachfolgend dargestellt, nachjustiert werden.

Eine militärwissenschaftliche Arbeit aus Taktik besteht in Zukunft aus zwei Teilen, nämlich einem Theorie- und einem Praxisteil. Der Theorieteil gliedert sich in Einleitung, Hauptteil und Schluss. Über allem stehen das Thema und der Titel. Die Einleitung ist die Einführung in das Thema und gibt Auskunft über die Relevanz im Sinne der Motivation; sie beinhaltet die Forschungsfrage, Subforschungsfragen, eine Hypothese, Theorien, auf die Bezug genommen und Methoden, die angewendet werden, sowie - und das ist taktikspezifisch - einen Hinweis auf etwaige Modelle als weitere Methoden, die zur Anwendung kommen. Relevante, für das Verständnis unbedingt notwendige Begriffsdefinitionen schließen die Einleitung ab. Der Hauptteil besteht aus der praktischen Anwendung relevanter Abschnitte des taktischen Führungsverfahrens mit all seinen Techniken und Verfahren, insbesondere der grafischen Beurteilung der Lage, zum Zwecke der Lösung einer taktischen Problemstellung und aus einer anschließenden kurzen Beschreibung dieser Vorgangsweise, mit dem Zweck der Erläuterung, wie man zum Ergebnis gekommen ist. Diese Methode wird beispielsweise auch in der Fakultät für Naturwissenschaften und Mathematik an der Universität Wien in Diplomarbeiten angewendet, wo beispielsweise die im Hauptteil durchgeführte Lösung eines mathematischen Problems in der Einleitung zur Erläuterung für den Laien einfach beschrieben wird.[45])

Im Schluss werden die Erkenntnisse zusammengefasst, die Hypothese verifiziert oder falsifiziert, die Forschungsfrage beantwortet und im Sinne der Dialektik eine neue These als Ausgangspunkt für eine weitere Beurteilung formuliert. Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur schließen den Theorieteil formal und inhaltlich ab.

Im praktisch angewandten Teil wird dann das Ergebnis in der Lehre präsentiert und vor dem Prüfer verteidigt.

 

Beispiel

Theorieteil:

Titelblatt/Thema: Trennen von Konfliktparteien auf taktischer Ebene

Eingrenzung des Themas

Titel: Mechanisiertes Bataillon im Rahmen einer multinationalen Brigade im Angriff auf Gelände

Ehrenwörtliche Erklärung

Inhalts- und Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Einleitung:

Relevanz des Themas/Motivation: Planspiel als Grundlage für eine Führungssimulatorübung

Forschungsfrage: Wie können Konfliktparteien durch indirekten Ansatz unter absoluter Verlustminimierung zum Verlassen des Raumes gezwungen und damit getrennt werden?

Theorie: Systemtheorie

Hypothese: Wenn es gelingt, einer der beiden Konfliktparteien die Kommunikationslinien in ihrem Rücken durch einen indirekten Ansatz abzuschneiden, dann ist sie mittelfristig gezwungen, den Raum zu verlassen.

Führungsprinzip: Auftragstaktik

Grundsätze: Führungsgrundsätze

Methodik: Taktisches Führungsverfahren, Kriegsspiel

Modell: Kriegsspielplatte, Führungssimulator

Begriffe

Hauptteil:

Anwendung der relevanten Abschnitte des Regelkreises des taktischen Führungsverfahrens bis hin zur Befehlsgebung

Ausarbeitung der führungssimulatorspezifischen Aspekte

Beschreibung der Abläufe, die zum Ergebnis geführt haben

Schluss:

Gesamtfolgerungen, Zusammenfassung, Beantwortung der Forschungsfrage, Formulieren einer weiteren Forschungsfrage

Anhang

Literaturverzeichnis/Quellenverzeichnis

Weiterführende Literatur

Praktischer/ angewandter Teil:

Leitung und Durchführung eines Lehrplanspiels

Leitung und Durchführung eines Kriegsspiels

 

Gesamtfolgerungen, Zusammenfassung

Taktik hat sowohl einen theoretischen als auch einen praktischen Aspekt. Letzterer wird unter dem Begriff angewandte Taktik subsumiert. Taktik ist zwar Änderungen unterworfen, ruht aber in sich auf grundsätzlich unveränderlichen Wesensmerkmalen. Taktik kann - v.a. in der Forschung - anerkannte wissenschaftliche Theorien nützen und bedient sich immer wissenschaftlicher - sprich nachvollziehbarer - Methoden. Die vorherrschende Methode ist das aus der österreichischen Militärgeschichte erwachsene und entwickelte taktische Führungsverfahren, aber auch die besonders in den Naturwissenschaften gängige Methode des Modells, des Experiments und der Beobachtung. Die Inhalte der Taktik beziehen sich sowohl auf klassische, herkömmliche als auch auf aktuelle moderne Szenarien, wobei beide Gegenstand der Forschung sind. Das zur Anwendung der Taktik erforderliche Wissen wird in der Lehre vermittelt. Dieses Wissen wird schwergewichtsmäßig aus der Angewandten Forschung generiert beziehungsweise aus bereits vorhandenen und gesicherten Quellen tradiert. Somit ist die Einheit von Forschung, Theorie und Praxis gegeben. Die jeweils spezifische Militärkultur, im gegenständlichen Fall die Militärkultur des österreichischen Bundesheeres, spielt dabei eine besondere Rolle. Der schöpferische, kreative, persönlichkeitsbezogene Aspekt der Truppenführung gemeinsam mit dem Führungsprinzip der Auftragstaktik und der Anwendung von Führungsgrundsätzen charakterisieren besonders das Wesen der Taktik.

Obwohl Taktik in weiten Bereichen, insbesondere in der Forschung und Methodik, die Kriterien der Wissenschaftlichkeit erfüllt, ist sie nach Ansicht des Verfassers keine exakte, bis ins Letzte errechenbare Wissenschaft. Die letztgenannten schöpferischen, kreativen, persönlichkeitsbezogenen Wesensmerkmale sowie nicht berechenbare Bereiche wie Zufall, Friktion oder „Kriegsglück“ lassen die Taktik nicht mathematisch endgültig handhaben.

Taktik ist eine Disziplin, die bis zu einem hohen Grad gleichsam als militärisches Handwerk, ohne jedoch wie herkömmliches Handwerk nur leblose Materie zum Gegenstand des Wirkens zu haben, erlernbar ist. In letzter Konsequenz reduzierbar auf den Kampf von freien Willen, geprägt durch Intelligenz, Bildung, Ausbildung und Militärkultur gibt es aber auch jenen Bereich, der weit über das „handwerklich Erlernbare“ hinausragt und das ureigenste kreativ-militärische Wesen der Taktik ausmacht. Dieses bietet den notwendigen Freiraum zur Entfaltung der individuellen Stärken und Interessen des Anwenders, was dann auch in der Praxis das wahre Talent vom einfachen Handwerker unterscheidet. Darin schließt sich auch der Kreis zur Auftragstaktik.

Taktik ist nachweisbar in Teilen wissenschaftlich, aber keine Wissenschaft für sich, sondern ein Kernbereich in der Militärwissenschaft. Wie bereits ganz am Anfang betont, ist der Hauptzweck der Taktik nicht die Wissenschaftlichkeit, sondern der nachvollziehbare, begründete Gebrauch von verbundenen militärischen Mitteln zu einem bestimmten Zweck. Taktik ist daher angewandte Wissenschaft im ursprünglichsten Sinn.

Zusammenfassend und abschließend steht die Erkenntnis, dass die Taktik keineswegs im Widerspruch zu einer in Verbindung mit dem neu zu entwickelnden FH Masterstudiengang „Militärische Führung“ geforderten Wissenschaftlichkeit steht und somit vollinhaltlich, ohne radikale Änderungen in Form, Methoden und Inhalt und ohne die „taktische“ Seele zu verkaufen, die im zitierten Anordnungserlass aufgestellten Forderungen erfüllt.

 


ANMERKUNGEN:

[1]) Vgl. BMLVS/LVAk (Hsg): Vision/Mission LVAk, Stand April 2009, Wien 2009 S.3; und BMLVS (Hsg): Forschung im Österreichischen Bundesheer Version 02, Anlage zum MSK, Wien Juni. 2009, S.37.

[2]) Vgl. Carl von Clausewitz: Vom Kriege, 2. Aufl. Neuausgabe, Berlin 1999, S.99.

[3]) Ebenda, S.93.

[4]) BMLV (Hsg): Vorschrift Truppenführung (TF), Wien 1965, RdNr. 33, S.18.

[5]) BMLV (Hsg): DVBH Militärische Begriffe (MiB), Wien 1991, RdNr. 601, S.107.

[6]) BMLVS (Hsg): Militärlexikon des ÖBH (elektronisch), Suchbegriff Taktik, Stand 1.10.2009.

[7]) Vgl. BMLVS (Hsg): Entwicklung eines FH-Masterstudienganges, Auftrag, GZ.S93711/ 9-AusbA/2009, Wien 23. April 2009, S.2ff.

[8]) Ebenda.

[9]) Manfred G Schmidt: Wörterbuch zur Politik, Stuttgart 1995, S.1081.

[10]) Dudenredaktion (Hsg): Duden Deutsches Universalwörterbuch, 4. neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Mannheim, Leipzig, Zürich 2001, S.1822.

[11]) Matthias Karmasin/Rainer Ribing: Die inhaltliche und formale Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten, Wien 1999, S.9.

[12]) DVBH Militärische Begriffe (MiB), 1991, RdNr. 601, S.107.

[13]) Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hsg): Truppenführung (TF) HDv 100/100, Entwurf. O.O., Bonn 1997, RdNr. 411.

[14]) Vgl. BMLV (Hsg): Dienstvorschrift für das Bundesheer (zur Erprobung), Truppenführung, Wien 2004, S.51f.

[15]) Militärlexikon des ÖBH (elektronisch), Suchbegriff Taktik, Stand 1.10.2009.

[16]) Vgl. A.S. Sholtow/J.A. Chomenko/T.R. Kondratkow (Autorenkollektiv): Militärische Theorie und Militärische Praxis, Militärverlag der Deutschen demokratischen Republik, Berlin 1980, S.367.

[17]) Vgl. DVBH(zE) Truppenführung, 2004, S.51f.

[18]) Vgl. DVBH(zE) Truppenführung, 2004, S.39f.

[19]) Vgl. DVBH(zE) Truppenführung, 2004, S.51.

[20]) Vgl. BMLVS (Hsg): Dienstvorschrift für das Bundesheer (zur Erprobung), Taktischer Führungsprozess, Wien 2009, S.29ff.

[21]) DVBH(zE) Truppenführung, 2004, S.51, RdNr. 124.

[22]) Vgl. DVBH(zE) Truppenführung, 2004, S.52ff. und BMLVS (Hsg):  Führung im ÖBH, Anlage zum MSK, Wien Juli 2007. S.29ff.

[23]) Vgl. DVBH(zE) Truppenführung, 2004, S.17f.

[24]) Vgl. BMLVS (Hsg): Militärstrategisches Konzept des Österreichischen Bundesheeres (MSK),  Wien Februar 2006, S.37ff.

[25]) Vgl. MSK, Februar 2006, S.80f.

[26]) DVBH(zE) Truppenführung, 2004, S.141 RdNr. 518.

[27]) Vgl. BMLVS (Hsg): Forschung im Österreichischen Bundesheer Version 02, Anlage zum MSK, Wien Juni 2009, S.11f.

[28]) Vgl. Sholtow, 1980, S.36ff.

[29]) Vgl. Sholtow, 1980, S.40ff.

[30]) Militärlexikon des ÖBH (elektronisch), Suchbegriff Planspiel, Stand 1.10.2009.

[31]) Vgl. Frans Osinga: Science, Strategy and War, The Strategic Theory of John Boyd, Amsterdam 2005, S.40ff.

[32]) Vgl. Shimon Naveh: In Pursuit of Military Excellence/The Evolution of Operational Theory, London 1997, S.3ff.

[33]) Vgl. Osinga, 2005, S.126.

[34]) Vgl. Dirk W. Oetting: Das Chaos beherrschen; Die Grenzen des Gehorsams in der Auftragstaktik - Ein Meilensten bei der Entwicklung des Disziplinverständnisses, in Truppenpraxis/Wehrausbildung, 5/2000, S.349.

[35]) Vgl. Osinga, 2005, S.121.

[36]) BMLVS (Hsg): Dienstvorschrift für das Bundesheer (zur Erprobung), Taktisches Führungsverfahren, Wien 2009, S.17, RdNr. 1, 2.

[37]) Clausewitz, 1999.

[38]) Steger, 2002.

[39]) Sholtow, 1980.

[40]) Vgl. Sholtow, 1980, S.364ff.

[41]) DVBH(zE) Taktisches Führungsverfahren, 2009, S.33, RdNr. 60.

[42]) Ebenda, S.45, RdNr. 111.

[43]) Ebenda, S.55, RdNr. 1, 2.

[44]) Karmasin/Ribing, 1999, S.3.

[45]) Vgl. Johanna Michor: Diplomarbeit, Trace formulas and inverse spectral theory for finite Jacobi operators, Wien 2002, URL: http://othes.univie.ac.at/766/ [18.01.10].