Zrínyi Miklós (1620-1664)

„Sors bona, nihil aliud“1)

Staatsmann, Poet, Feldherr und Gründungsvater der ungarischen Militärwissenschaften

Harald Pöcher


Zrínyi Miklós2) oder Zrinski Nikola wird in Ungarn und Kroatien als großer Sohn des Landes verehrt. Ihm zu Ehren wurden in Ungarn unzählige Denkmäler errichtet sowie Straßen und Plätze und die ungarische nationale Verteidigungsuniversität in Budapest „Zrínyi Miklós Nemzetvédelmi Egyetem (ZMNE)“ benannt. In Österreich ist Zrínyi Miklós weitgehend unbekannt, sieht man davon ab, dass in der Brigittenau in Wien eine kleine Gasse nach ihm benannt wurde. Der geringe Bekanntheitsgrad in Österreich kommt nicht von ungefähr, da im Leben des Zrínyi Miklós seine Liebe zur Heimat Ungarn und Kroatien im Vordergrund stand und damals ungarische und kroatische Träume von der Befreiung aus dem Joch der Habsburger gegen die Interessen des Hofes in Wien standen. Für das Verständnis des Wirkens der Persönlichkeit Zrínyi Miklós’ ist es daher von Bedeutung, sich mit der Zeit auseinanderzusetzen, in der er lebte, und die Spannungen darzustellen, die damals in der Habsburgermonarchie zwischen den westlichen Erblanden und den Gebietszuwächsen im Osten und Südosten des Reiches, insbesondere in Ungarn und Kroatien, vorhanden waren.

Beginnen wir die Zeitreise durch die ungarische Geschichte mit der Schlacht von Mohacs 1526, in der die Osmanen ein Heer der Ungarn unter der Führung ihres Königs Lajos II. (Ludwig II.) vernichtend geschlagen haben. 1529 standen die Osmanen danach das erste Mal vor Wien. Die Belagerung endete mit einem Waffenstillstand, der die Teilung von Ungarn mit sich brachte. Der Westteil des heutigen Ungarn und ein Teil des heutigen Kroatien fielen an Österreich, der mittlere Teil an die Osmanen, und der östliche Teil blieb als selbstständiges Fürstentum Transsilvanien zunächst unabhängig. Der unter der Oberhoheit der Habsburger stehende Teil Ungarns wurde damit zur Grenzprovinz, die ständig von den Osmanen bedroht wurde. Ungarn hatte damit als freier und unabhängiger Staat zu bestehen aufgehört. Dem gewählten ungarischen König Ferdinand von Österreich stand in János Szápolyai ein Gegenkönig im osmanisch besetzten Teil Ungarns gegenüber, der sich mit dem Sultan verbündete. Im von den Habsburgern besetzten Teil Ungarns machte sich Zrínyi Miklós (1508-1566) einen Namen bei der Verteidigung des christlichen Abendlandes gegen die anstürmenden Osmanen. Besonders ausgezeichnet hatte sich er sich bei der heldenhaften Verteidigung der Burg von Sziget 1566, während der er beim Ausbruchsversuch fiel. Zrínyi Miklós (1620-1664), der Enkel des vorgenannten Zrínyi wurde in eine Zeit hineingeboren, die geprägt war durch den 30-jährigen Krieg (1618-1648), der alle Ressourcen des Hofes in Wien erforderte, und durch die ständige Bedrohung durch die Osmanen im Ostteil des Reiches. Während der Zeit des 30-jährigen Krieges war es den Habsburgern ein besonderes Anliegen, über eine ruhige Grenze im Osten und Südosten zu verfügen und gegen die Osmanen keinen zweiten Kriegsschauplatz zu provozieren. Sämtliche Hilferufe der Völker im Osten des Habsburgerreiches stießen daher in jener Zeitspanne in Wien auf taube Ohren; vielmehr ließ man diese Völker auf sich allein gestellt mit der latenten Bedrohung aus dem Osten, oder Wien schickte nur schwache Truppen, was eher Symbolcharakter hatte. Persönlichkeiten, die sich besonders um die Verteidigung der Grenzen annahmen, waren in Wien als Bittsteller nicht gerne gesehen, und auch ihr Engagement bei der Verteidigung der Grenzen des Reiches wurde als schädlich für die damalige Gesamtstrategie der Habsburgermonarchie angesehen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass bei den Völkern im Osten und Südosten des Reiches ein Gefühl der stiefmütterlichen Behandlung aufkam und der Freiheitskampf an Intensität zunahm und zunehmend offen ausgetragen wurde. Dieser Freiheitskampf wurde im 16. und 17. Jahrhundert in erster Linie durch die transsilvanischen Fürsten István Bocskay, Gábor Bethlen und György Rákóczi I. gegen die Habsburger geführt. Infolge der Zwangsherrschaft der Habsburger über die ungarischen und kroatischen Länder kam es oft zu Unruhen. Die Habsburger hatten nur mäßigen Erfolg bei der Durchsetzung ihrer Vorstellungen in den ungarischen und kroatischen Landesteilen. Erfolg hatten sie hingegen bei der Gegenreformation, jedoch nicht im osmanisch besetzten ungarischen Landesteil.

Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts fühlten sich die Osmanen wieder stark genug und unternahmen einen großen Angriff auf Mitteleuropa, der zunächst durch den Sieg bei Mogersdorf/Szentgotthárd 1664 durch ein kaiserliches Heer unter dem Kommando von Graf Raimondo Montecuccoli abgewehrt werden konnte. Der nachfolgende auf 20 Jahre befristete Waffenstillstand von Vasvàr (Eisenburg) wurde von den Ungarn und Kroaten als Schandfrieden angesehen, da in diesem Frieden die beiden Kriegsparteien übereinkamen, den Status quo einzufrieren. Der Waffenstillstand verschaffte den Habsburgern, aber auch den Osmanen, eine Verschnaufpause. Demgegenüber wollten die von den Osmanen besetzten Völker jedoch möglichst rasch einen großen Krieg gegen die Osmanen erzwingen, um ihre Freiheit wiederzuerlangen. Die Habsburgermonarchie konnte jedoch so kurz nach dem verlustreichen 30-jährigen Krieg nicht schon wieder an einen weiteren großen Krieg denken. Die Enttäuschung über die Haltung des Hofes in Wien nach dem Sieg von Mogersdorf/Szentgotthárd führte schlussendlich auch zu einer Verschwörung ungarisch-kroatischer Edelleute. Maßgeblich daran beteiligt waren die Familien Zrínyi und Rákóczi. Die führenden Köpfe der Verschwörung wurden in Wiener Neustadt 1671 hingerichtet. Nach Ablauf des Waffenstillstandes wurde von den Osmanen der Großangriff gegen Wien begonnen, der 1683 mit der Errettung Wiens durch ein polnisches Entsatzheer beendet wurde. Hernach gelang den kaiserlichen Truppen Schritt für Schritt die Rückeroberung Ungarns.

Die frühen Lebensjahre

Zrínyi Miklós3) war Spross einer angesehenen Adelsfamilie, die seit Generationen ihre Ländereien in Südwestungarn und Kroatien besaß. Geboren wurde Miklós am 1. Mai 1620 in Ozalj. Die Zrínyi waren Landesherren in der Muraköz (Međimurje), einem Landstrich, der zwischen Mur, Drau und der damaligen österreichischen Grenze lag. Miklós wurde als Presbyterianer geboren, aber wenig später aufgrund der Treue des Hauses Zrínyi zum Kaiserhaus in Wien katholisch getauft. Bereits im Alter von sechs Jahren wurden er und sein Bruder Péter Waisen; bald darauf starb auch der Vormund, ihr Onkel. Die Erziehung der beiden Buben erfolgte unter der Aufsicht des Kardinals von Esztergom, Péter Pázmány. Bereits in jungen Jahren entwickelte Miklós großes Interesse an der nationalen ungarischen Literatur. Daneben kam aber auch das Erlernen des Waffenhandwerks nicht zu kurz, wie es für einen Adeligen der damaligen Zeit Pflicht war. Mit dem Erwerb dieser beiden Fähigkeiten legte Miklós bereits in jungen Jahren den Grundstein für seine spätere Karriere als Staatsmann, Stratege, Feldherr, Poet und Gründungsvater der ungarischen Militärwissenschaften.

Zur Erweiterung seines Horizonts wurde Miklós 1634 zu Studienzwecken in das Jesuitenkolleg nach Graz und später nach Wien und Nagyszombat, der größten damaligen ungarischen Universität, gesandt. Die Studien wurden danach 1635 bis 1637 an mehreren Orten in Italien fortgesetzt. In Rom wurde Miklós sogar von Papst Urban VIII. in Audienz empfangen. In Italien lernte Miklós die großen Schriften der Renaissance kennen, etwa jene des Niccolo Machiavelli. Damit wurde der Grundstein für sein politisches Denken in den folgenden Jahrzehnten gelegt. Durch die umfassenden Studien wurde der junge Miklos zu einem gebildeten Mann, der fließend Ungarisch, Kroatisch, Italienisch, Deutsch und Latein sprach und sich auch geschickt schriftlich ausdrücken konnte. Nach seiner Rückkehr aus Italien übernahm er die Verwaltung der Ländereien in Muraköz und verfeinerte auch seine Kenntnisse im Kriegshandwerk in der Praxis durch die Verteidigung der Grenze seiner Ländereien. Das Land der Zrínyi war Grenzprovinz zu den osmanischen Besitzungen; nicht einmal 25 Meilen von seiner Stammburg Csàktornya entfernt lag die osmanische große Festung von Kanizsa, die 1600 von den Osmanen leicht erobert werden konnte, da Österreich zu keiner großen Gegenwehr bereit war. Kanizsa wurde dadurch zum Ausgangspunkt für viele Plünderungsaktionen der Osmanen in die habsburgischen Ländereien. Das Land der Zrínyi war nicht sehr fruchtbar, aber von großer strategischer Bedeutung, da es zwischen den von den Osmanen kontrollierten Ländern und der Steiermark lag. Es war somit der einzige Verbindungskorridor zwischen dem Adriatischen Meer, Kroatien und den noch nicht von den Osmanen besetzten Teilen Ungarns. Der Hof in Wien beobachtete daher sehr genau jegliche Tätigkeit der Zrínyi in ihrem Land und zeigte sich daher auch nicht sehr einsichtig, als Zrínyi eigenmächtig, ohne auf den Zoll Rücksicht zu nehmen, Vieh über den kroatischen Hafen Bakar - in der Nähe des heutigen Rijeka gelegen - nach Venedig exportierte. Man hatte möglicherweise Befürchtungen, dass dieser Export größere Reaktionen der Osmanen hervorrufen würde. Zrínyi begründete den Export von Tieren mit der Notwendigkeit, dass er dadurch das Geld für den erforderlichen Ausbau seiner Grenze beschaffen könne, das er trotz oftmaliger Urgenz vom Hof bislang nicht bekommen hatte.

Das Führen von Kriegen gegen die Osmanen und seine Verpflichtungen als Landesherr lenkten ihn nicht davon ab, seiner schriftstellerischen Neigung nachzugehen. In diese Zeit fallen die ersten Arbeiten als Poet, nämlich die Heldenepen4) „Der Jäger und das Echo“, „Idilium“, „Fantasia Poetica“ und „Die Klage der Ariadne“. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit begann er auch ungarische Literatur zu sammeln und besaß dadurch die wichtigsten Werke der damaligen ungarischen Literatur. Ferner sammelte er jegliche Literatur über die Osmanen und Osteuropa. Damit setzte er den Grundstein für die umfangreiche „Bibliotheca Zriniana“, auf die später im Aufsatz noch näher eingegangen werden soll. Da er die Bücher nicht nur sammelte, sondern auch den Inhalt gewissenhaft studierte, entwickelte er sehr bald ein klares strategisches Konzept für den Kampf gegen die Osmanen. Nach seiner Einschätzung waren die Osmanen des 17. Jahrhunderts schwächer als jene im 16. Jahrhundert. Dies veranlasste ihn zur Schlussfolgerung, dass bei einem geschlossenen Auftreten des christlichen Abendlandes die Osmanen leicht aus Ungarn zu vertreiben wären.

Jahre der Bewährung

Um das Jahr 1645 - im Alter von 25 Jahren - war Zrínyi Miklós bereits ein erfahrener Feldherr.5) Dies veranlasste den Hof in Wien, ihm 1645 einen Marschbefehl für seine Truppen gegen die herannahenden Schweden zu erteilen. Miklós rüstete daraufhin auf eigene Kosten ein Armeekorps aus und kämpfte gegen die Schweden in Mähren. Während dieser Kampfhandlung machte er rund 2.000 Gefangene. Gegen Ende des 30-jährigen Krieges im Jahre 1647 rettete er den Kaiser in Eger vor den Übergriffen des schwedischen Generals Wrangel und marschierte danach gegen die Armee von György Rákóczy I. an die obere Theiß. Am 27. Dezember 1647 wurde er aufgrund seiner Verdienste zum „Ban und General von Kroatien“ ernannt. In dieser Funktion hatte er das kroatische Parlament zu leiten. Als er sie 1649 antrat, fand er ein weitgehend entmutigtes kroatisches Volk vor. Damit lag viel Überzeugungsarbeit vor ihm. Die Zeit des 30-jährigen Krieges war für Miklós nicht nur militärisch, sondern auch privat eine sehr turbulente Zeit. 1646 heiratete er die kroatische Edeldame Maria Eusebia Draskovíc. Da Maria bereits 1650 starb, ehelichte Miklós nach Ablauf der Trauerzeit 1652 die Wienerin Maria Sofia Löbl. Dieser Ehe entstammten vier Kinder; sein Sohn Ádám fiel in der Schlacht von Slankamen 1691.

Zrínyi Miklos war gegen Ende des 30-jährigen Krieges am Höhepunkt seiner Popularität bei seinen Landsleuten und auch am Hof in Wien. Er war somit ein gern gesehener Gast bei Großveranstaltungen des Hofes, beispielsweise bei der Krönung des Kaisers Ferdinand IV., bei der Miklos das Schwert des Reiches trug. Da er sich aber zunehmend um die Durchsetzung der Rechte der Ungarn und Kroaten annahm, kam er mit dem Hof in Wien mehr und mehr in Konflikt. Er vertrat vehement den Standpunkt, dass sowohl Ungarn als auch Kroatien im Gesamtgefüge des habsburgischen Staates nicht als „partes annexae“ anzusehen seien, sondern als „regnum“. Den Zorn des Hofes in Wien bekam Miklós spätestens dann neuerlich zu spüren, als er den Viehhandel nach Venedig wieder aufnahm. Diesmal versuchte der Hof in Wien den Handel sogar mit Truppengewalt zu verhindern. Miklós reiste daraufhin nach Wien und versuchte dem Hof zu erklären, dass er das Vieh nur deswegen exportiere, um genügend Geld für seine Abwehrmaßnahmen gegen die Osmanen zu bekommen und letztendlich von seinen Verteidigungsmaßnahmen auch das gesamte Reich profitieren würde. Aber es waren nicht nur die Viehtransporte nach Venedig, die dem Hof missfielen; dieser sah es auch nicht gerne, dass Miklós ab 1650 gegen die Osmanen de facto ständig Krieg führte. Diese Kampfhandlungen beunruhigten Wien zusehends, weil man der Ansicht war, dass dadurch die Osmanen zu einem größeren Angriff auf Wien provoziert würden. Die fortwährenden Angriffe von Miklós auf die Stützpunkte der Osmanen beunruhigten aber auch den osmanischen Heerführer Suleiman, sodass dieser gezwungen war, das Schwergewicht seiner Abwehrmaßnahmen in den Bereich der Ländereien der Zrínyi zu legen.

Die Zeit der fortwährenden Kämpfe gegen die Osmanen war auch der Anfang der militärwissenschaftlichen Studien von Miklós.6) Besonders anregend für ihn muss dabei gewesen sein, dass sein Hauptwohnsitz nur rund 25 Meilen von einer großen Festung des Gegners entfernt gelegen war und er vermutlich bei seinen wissenschaftlichen Forschungen des Öfteren Kanonendonner und sonstigen Gefechtslärm hören konnte. Sein erstes Werk „Tábori kis tracta“ („Die Organisation eines Feldlagers“) wurde zwischen 1646 und 1651 bearbeitet und war eine Anleitung zur Errichtung eines Feldlagers für eine Armee von 24.000 und 36.000 Mann. Ferner veröffentlichte er in jener Zeit auch das Prosawerk „Adriai tengernek Syrènája“ („Die Sirenen der Adria“), ein mehrteiliges Werk, das u.a. in „Szigeti veszedelem“ („Die Gefahr der Burg von Sziget“) den heroischen Kampf seines Urgroßvaters bei der Belagerung der Burg von Sziget schildert.

Besonders herausragend war der Feldzug von Miklós 1651 gegen die Osmanen in Bosnien. Während dieser Kämpfe fing er einen Brief des Großwesirs ab, der für den Kommandanten der Festung Kanizsa bestimmt war. In diesem Brief forderte der Großwesir den Kommandanten der Festung auf, sich aktiver am Kampfgeschehen zu beteiligen, ansonsten würde ihm im Falle einer weiteren Untätigkeit die Todesstrafe drohen. Dies war ein wertvoller Hinweis, dass sich die osmanischen Truppen nicht im besten Zustand befanden und somit die allgemeine Lage günstig für einen großen Angriff des christlichen Abendlandes gegen die Osmanen wäre. Nach dem Feldzug in Bosnien, bei dem Miklós einige Erfolge erzielen konnte, wurde ihm vom Hof jeglicher Kampf gegen die Osmanen untersagt. Dadurch wurde das Klima zwischen den Zrínyi und dem Hof in Wien weiter getrübt. Die Haltung des Hofes in Wien inspirierte Miklós, zwischen 1650 und 1653 das Prosawerk „Vitéz hadnagy“ („Der tapfere General“) zu verfassen.

Zrínyi Miklós hatte aber nicht nur mit dem Hof in Wien seine Probleme, auch im Lande selbst musste er sich mit Graf Erdödy auseinandersetzen, auf dessen Landgut 1653 ein Bauernaufstand ausgebrochen war. Miklós war damals klar, dass der Bauernstand wichtig ist für die Rekrutierung von Soldaten und es daher notwendig ist, die Bauern gut zu behandeln. Zrínyi versuchte im Interesse des Landes eine friedliche Lösung des Konfliktes herbeizuführen. Er erkannte, dass das Grundübel in der schlechten Behandlung der Bauern durch Erdödy lag und Erdödy den Konflikt mit Waffengewalt zu lösen versuchte. Etwa um dieselbe Zeit wurde die Funktion des nadòr (=der mächtigste Mann nach dem König) frei, und Miklós machte sich große Hoffnung auf diese Funktion. Die Funktion des nadór war gerade in königlosen Zeiten oder in Zeiten, in denen ein schwacher König regierte, von besonderer Wichtigkeit für die Führung des Landes. Seine Widersacher bei Hof machten Zrínyi Miklós einen Strich durch die Rechnung und setzten im Parlament 1655 ihren Favoriten Wesselényi Miklós durch. Da Zrínyi Miklós annahm, dass der Hof nunmehr mit dieser Maßnahme Ungarn besser kontrollieren könne, setzte er sich für einen starken König in Ungarn ein, der noch dazu Ungar sein sollte. Er schlug daher eine Königswahl vor. Um seiner Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, schrieb er zwischen 1656 und 1657 das Epos „Mátyás király életéröl való elmélkedések („Gedanken über das Leben von König Matthias“). Mit diesem Werk wollte er den Ungarn den idealen Herrscher vor Augen führen, den er in der Person von König Mátyás erblickte, der ganz Ungarn und auch weite Teile von Ostösterreich regierte. Nach diesem heimlichen Aufruf zur Geschlossenheit des ungarischen Volkes und zur Befreiung von der Herrschaft der Habsburger verlor Miklós jegliches Vertrauen am Hof in Wien.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Miklós mit der Befestigung seiner Ländereien und mit der Herausgabe weiterer literarischer und militärwissenschaftlicher Werke. 1660 veröffentlichte er „Ne bántsd a magyart! Az török áfium ellen való orvosság“ („Hände weg von Ungarn! Ein Gegengift gegen das türkische Opium“). Dieses Werk erzielte zur damaligen Zeit eine weite Verbreitung und erzeugte dadurch auch die größte Wirkung. Miklós schlägt darin die Aufstellung einer eigenen ungarischen Armee vor und trat für die Bewaffnung des gesamten Volkes im Kriegsfalle ein. Den Schlusspunkt bei der Vorbereitung des Kampfes gegen die Osmanen setzte er mit dem Bau einer neuen Festung in Új-Zrínyivár auf eigene Kosten zur Verteidigung seines Landes. Das Aussehen und der genaue Standort der Burg sind heute nicht mehr bekannt. Man geht heute davon aus, dass die Burg im Niemandsland oder möglicherweise sogar auf osmanischem Gebiet errichtet wurde. Die Burg und die Geschehnisse rund um die Burg sind heute ein wichtiges Forschungsthema der Zrínyi Miklós Nemzetvédelmi Egyetem.7) Die Bauarbeiten störten Konstantinopel dermaßen, dass der Kommandant der Festung Kanizsa abgesetzt und hingerichtet wurde, weil er den Bau nicht rechtzeitig verhindert hatte. Ferner bestellte Miklós in Wien zur Verteidigung seines Territoriums zehn Kanonen, um die Festung Kanizsa wirkungsvoller beschießen zu können. In Konstantinopel wurde sogar der österreichische Gesandte vor den Sultan zitiert und ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass der Bau der Burg die Beziehungen zwischen der Pforte und Wien auf das Schärfste gefährde. Zrínyi wurde daraufhin bei Hofe als unloyaler Untertan abgestempelt, der als Abenteurer eine Burg erbaue, um damit ausschließlich seine privaten Interessen zu verfolgen. Während Miklós mit der Errichtung der Burg beschäftigt war, schickte der Kaiser Raimondo Montecuccoli mit Truppen nach Transsilvanien, um dem von den Osmanen bedrängten Fürsten zu Hilfe zu kommen. Die Truppen von Montecuccoli sollen am Marsch Gräueltaten an der Zivilbevölkerung angerichtet haben; den Fürsten konnten sie aber nicht mehr retten. Als die Gräueltaten öffentlich bekannt wurden, verfasste Montecuccoli ein Schreiben, in dem er das Verhalten seiner Truppen zu rechtfertigen versuchte. Er rief damit aber nur einen Sturm der Entrüstung hervor. Zrínyi Miklós entgegnete als entschiedener Gegner von Montecuccoli auf diese Rechtfertigung von Montecuccoli auf seine Art und verfasste „Névtelen levél“, ein Schreiben in Latein, in dem er mit der Person Montecuccolis abrechnete.

Als für Zrínyi Miklós Anfang 1663 feststand, dass die Osmanen einen größeren Feldzug planen, versuchte er dem Hof die bestmöglichen Abwehrmaßnahmen vorzuschlagen. Es wurde ihm aber wenig Gehör geschenkt und auch verboten, seine Abwehrmaßnahmen weiter zu betreiben. Im Angesicht des spanischen Nachfolgestreits versuchte der Hof in Wien auf Zeit zu spielen; in den Verhandlungen mit den Osmanen wurde sogar die Übergabe der neuen Burg von Zrínyi besprochen. Aber auch die Osmanen spielten auf Zeit, da sie große Truppenbewegungen durchführten, um ihre Kräfte an der Grenze zu Österreich zu verstärken. Der Kaiser ließ nach einer Vorsprache von Miklós bei Hofe in Wien im Mai 1663 als einzige Verteidigungsmaßnahme die Grenze der Steiermark mit 6.000 Mann verstärken. Auf sich allein gestellt und von immer stärker werdenden osmanischen Truppen umgeben, wurde für Miklós die Situation um Új-Zrínyivár immer ähnlicher der Lage, in der sich sein Urgroßvater 1566 bei der Verteidigung der Burg von Sziget befunden hatte. Miklós hatte bereits eine Streitmacht von rund 20.000 Mann um sich gesammelt, auf weitere Hilfe konnte er nicht hoffen. In dieser Situation erhielt er eine ernst zu nehmende Warnung vom Pascha aus Kanizsa, der ihm unmissverständlich mitteilen ließ, dass das gesamte osmanische Heer gegen die Burg anstürmen werde. Dieser schlimmste Fall blieb Miklós zunächst erspart, denn die Osmanen marschierten gegen die Ungarn im Norden und schlugen ein ungarisches Heer bei Érsekújvár. Miklós konnte aber dennoch nicht darauf vertrauen, dass die Osmanen nicht seine Burg angreifen würden. Die Situation wurde aber wieder günstiger, als der Hof in Wien von einem anrückenden osmanischen Heer aus Belgrad Kunde erhielt. Zrínyi wurde daraufhin wieder erlaubt, gegen die Osmanen vorzugehen. Als er ein osmanisches Heer in der Stärke von rund 6.000 Mann vernichtete, das gegen seine Burg anstürmte, wurde er zum „totius nationis Hungariae dux“ (Führer der ungarischen Nation) ernannt und ihm ein Kommando über ungarische Truppen gegeben, das unabhängig von Montecuccoli war, wodurch er einer Autorität gleichkam, die dem „nádor“ entsprach. Im Angesicht der Bedrohung hatte der Hof in Wien plötzlich seine Meinung in Bezug auf die Loyalität von Zrínyi Miklós geändert, und man sah plötzlich in ihm wieder den erhofften Erretter von der osmanischen Bedrohung. Zrínyi übernahm kein leichtes Amt, da die Ungarn bei Érsekújvár geschlagen wurden und er nur über rund 15.000 Mann verfügen konnte. Dennoch unternahm er alle Anstrengungen und reorganisierte seine Armee im Oktober und November 1663. Die Disziplin wurde angehoben, und es gab volle Religionsfreiheit bei den Truppen; so erhielten beispielsweise protestantische Truppenteile ihre protestantischen Pfarrer. Gegen Ende November gelang dieser Armee ein Erfolg gegen ein osmanisches Heer. Aufgrund von Missgunst bei Hofe in Wien wurde Zrínyi wieder seines Kommandos enthoben, und damit konnte auch nicht mehr sein Plan eines Überraschungsangriffes entlang der Drau bis zur Donau in die Praxis umgesetzt werden, um ein Übersetzen der Osmanen über die Donau zu verhindern. Es wäre zweifelsohne interessant gewesen, wenn dieser Plan in die Praxis umgesetzt worden wäre, da Zrínyi von seinen Beobachtungen her wusste, dass die Osmanen einen Winterkrieg verabscheuten. Zrínyi, wieder auf sich allein gestellt, gelangen noch einige Erfolge gegen die Osmanen, sodass der Hof in Wien in den Zeiten der Not nicht gänzlich auf sein Können verzichten konnte. Die kaiserliche Armee wurde daher dreigeteilt: Einen Teil vertraute der Kaiser dem Grafen Jean-Louis Raduit de Souches an, der im Norden Ungarns seine Operationen durchzuführen hatte. Der größte Teil der Armee wurde unter dem Kommando von Montecuccoli gegen die Osmanen entlang der Donau mit Angriffsziel Buda eingesetzt. Der dritte Teil der Armee wurde Zrinyi unterstellt; er sollte mit rund 30.000 Mann die Osmanen entlang der Drau angreifen. Dabei bestätigte sich seine Annahme von der Abscheu der Osmanen gegen Operationen im Winter. Es gelang ihm mit seinen Truppen im Februar 1664 die stark befestigte Brücke über die Drau bei Eszèk (das heutige Osijek) abzubrennen. Damit wurde ein Flussübergang der osmanischen Armee auf Monate hinaus verzögert; zweifelsohne ein großer operativer Erfolg, der den Grundstein für den Sieg von Montecuccoli bei Mogersdorf/Szentgotthárd legte. Nach seinem Sieg bei der Brücke von Eszèk begann Zrínyi mit der Belagerung von Kanizsa, musste diese aber, da er keine Unterstützung von Montecuccoli erhielt, im Juni 1664 abbrechen. Das osmanische Entsatzheer griff sodann die Burg Úji-Zrínyivár an und zerstörte sie. Nach der Zerstörung der Burg soll Miklós gesagt haben: „Ich habe die Burg am falschen Ort errichtet, ich wusste, dass die Burg nicht zu verteidigen ist“. Möglicherweise ist die Geschichte richtig. Aus heutiger Sicht war die Burg richtig platziert, und diente als Brückenkopf. Zrínyi musste daraufhin mit seinen Truppen bis an die steirische Grenze zurückweichen. Unmittelbar danach kam es zur entscheidenden Schlacht bei Mogersdorf/Szentgotthárd im August 1664. Der nach der Schlacht besiegelte Waffenstillstand von Vasvàr zwischen Österreich und den Osmanen bedeutete eine 20-jährige Regenerierungsphase beider Kriegsparteien. Die Ungarn sahen diesen Waffenstillstand jedoch als Schande an, weil man hoffte, dass nach dem Erfolg von Mogersdorf/Szentgotthárd das kaiserliche Heer die Osmanen verfolgen würde und dadurch der Grundstein für eine Befreiung Ungarns von der osmanischen Herrschaft geschaffen werden könnte.

Während der Wiener Hof Zrínyi Miklós wenig Verständnis entgegenbrachte, war es v.a. der französische König Ludwig XIV., der Zrínyi Miklós bewunderte. Bereits im März 1664 hatte Ludwig XIV. Zrínyi Miklós 10.000 Taler geschenkt, und nach den Ergebnissen der Verhandlungen von Vasvàr bezeichnete der König den Waffenstillstand als feindlichen Akt gegen Frankreich, da an der Seite der Österreicher bei Mogersdorf/Szentgotthárd auch Franzosen gekämpft hatten. Im Spätsommer nahmen die Brüder Miklós und Péter Geheimverhandlungen mit Gremonville, dem französischen Gesandten in Wien, auf, um eine Allianz mit Frankreich zur Befreiung Ungarns mit französischer Hilfe zustande zu bringen. Etwa zeitgleich zu diesen Ereignissen änderte sich auch die Haltung des Hofes zur Osmanenfrage. Es wurde daher für den
25. November 1664 eine große Konferenz angesetzt, an der auch die ungarischen Magnaten teilnehmen hätten sollen. Diese Konferenz kam für Zrínyi aber zu spät, denn er erlag am 18. November 1664 den Verletzungen, die ihm bei einer Jagd von einem wilden Eber zugefügt wurden. Im Gefolge dieses außergewöhnlichen Todes hielt sich sehr lange das Gerücht, dass der Hof in Wien Miklós heimtückisch ermorden ließ. Sein Tod wurde in ganz Europa mit großer Trauer aufgenommen, und dadurch wurden seine Werke noch populärer.

Zrínyi Miklós als Wegbereiter der ungarischen Militärwissenschaften

Die wichtigsten militärwissenschaftlichen Werke von Miklós, die in diesem Aufsatz im Überblick besprochen werden sollen, sind „Tábori kis tracta“ („Die Organisation eines Feldlagers“), „Vitéz hadnagy“ („Der tapfere General“), „Mátyás király életéröl való elmélkedések („Gedanken über das Leben von König Matthias“), „Ne bántsd a magyart! Az török áfium ellen való orvosság“ („Hände weg von Ungarn! Ein Gegengift gegen das türkische Opium“), „Névtelen levél“ („Auf Montecuccoli“). Er studierte für die Erstellung dieser Werke eine Reihe von Büchern ausländischer Schriftsteller. Besonders von Bedeutung war das Werk von Niccoló Machiavelli, mit dem er während seines Italienaufenthaltes konfrontiert wurde, wobei er auch in der Lage war, es im Original lesen zu können. Es wäre aber vermessen zu sagen, Zrínyi sei bloß ein Übersetzer der Schriften großer Militärwissenschaftler gewesen. Spätestens beim Studium seiner Werke und der wissenschaftlichen universitären Arbeiten über sein Werk bemerkt man, dass Miklós seinen eigenen Erfahrungsschatz in die militärwissenschaftlichen Erwägungen eingebracht hat und dadurch zu einem der ganz großen Militärwissenschaftler seiner Zeit wurde, der mit seinen Werken zu Lebzeiten, aber auch nach seinem Tode eine große Breitenwirkung erzielen konnte.

 

„Tábori kis tracta“ („Die Organisation eines Feldlagers“)

„Tábori kis tracta“8) ist zwischen 1646 und 1651 bearbeitet und nie beendet worden. Es war eher eine Vorstudie zu seinen größeren Werken. Miklós bespricht darin nicht nur technische Details und Verwaltungsaufgaben bei der Errichtung eines Feldlagers für 24.000 Mann (18.000 Infanteristen und 6.000 berittene Soldaten) und 36.000 Mann (24.000 Infanteristen und 12.000 berittene Soldaten), sondern befasst sich auch mit dem Führungsverhalten von Kommandanten und der Befehlstreue von Untergebenen.

 

„Vitéz hadnagy“ („Der tapfere General“)

„Vitéz hadnagy“9) ist nicht nur ein Werk der Prosaliteratur - geschrieben in einem für die damalige Zeit hochstehenden Ungarisch -, sondern auch eine militärische Abhandlung. Es blieb wie auch „tábori kis tracta“ unvollendet. Das Werk besteht aus drei Teilen und zwei kurzen Einleitungen zum leichteren Verständnis der nachfolgenden Texte.

Der erste Teil besteht aus sechs Abhandlungen. Zrínyi Miklós nahm sich hiezu die italienische Übersetzung von „Le Ministre d’État, avec le véritable usage de la politique moderne“ von Jean de Silhon, einem Sekretär von Kardinal Richelieu, zum Vorbild. Die sechs Abhandlungen sind betitelt mit: 1. Die Kriegswissenschaft ist weitgehend von Forschungen abhängig. 2. Soldaten müssen sorgfältig, ausdauernd und wachsam sein. 3. Bei der Kriegführung gibt es keine festgelegten Regeln. 4. Der Feldherr muss ständig das Ziel seines Vorhabens vor Augen haben und bei jeder Aktion bemüht sein, dem Ziel zum Durchbruch zu verhelfen. 5. Ein Feldherr muss sich über die beste Zeit für einen Feldzug im Klaren sein und wann der beste Zeitpunkt für die Vernichtung des Gegners gegeben ist. 6. Ein Soldat ist nichts ohne das notwendige Glück.

Der zweite Teil besteht aus Aphorismen, im Wesentlichen 128 Passagen von Tacitus. Der dritte Teil, der niemals beendet und von Zrínyi Miklós mit „Centuriae“ betitelt wurde, besteht aus 52 Betrachtungen über militärische Themen. Für den dritten Teil nahm er „Il novissimo passatempo politico, istorico, et economico“ (Die jüngste Vergangenheit, Politik, Geschichte und Wirtschaft) von Eugenio Raimondo, abgefasst in Venedig 1639, zum Vorbild. Es soll in diesem Aufsatz keine ausführliche Rezension des Werkes erfolgen, dennoch sollen einige seiner wesentlichen Aussagen dargelegt werden. Wie in vielen seiner Werke verwendet Zrínyi Miklós auch in seinem tapferen General bei den Abhandlungen, Aphorismen und in der Centuriae Gleichnisse zur Verdeutlichung der Eigenschaften eines tapferen Generals. Er vergleicht beispielsweise einen tapferen General mit einem Uhrmacher. Wie der Uhrmacher hat auch ein General, der Erfolg haben will, alle Teile nach einem genauen Bauplan zusammenzusetzen, damit das Gesamtwerk reibungslos funktioniert. Für ihn ist ein General die Seele der Armee, er muss eloquent und von wachem Geist sein sowie mit gutem Beispiel vorangehen. Alles Können genügt aber nicht, wenn ein General nicht auch das notwendige Glück hat. Ein tapferer General, so meint Miklós, wünscht sich, gestützt auf das Wissen, dass er bestens für die Erfüllung seiner Aufgabe vorbereitet ist, von Gott nur Glück und sonst nichts. Dies wurde auch sein Wahlspruch: „Sors bona, nihil aliud!“

 „Mátyás király életéröl való elmélkedések („Gedanken über das Leben von König Matthias Corvinus“)

Zrínyi Miklós schrieb das Werk über König Mátyás10) zwischen 1656 bis 1657, wie er selber sagte, zu seinem Vergnügen. Schon der Titel zeigt, dass es sich nicht um eine Biografie des großen Königs handelt, sondern um eine Darstellung der Errungenschaften des großen ungarischen Königs. Bereits zu Beginn des Werkes stellt Miklós die Frage, warum Ungarn nicht einen König wie Mátyás hat, bringt aber auch unmissverständlich zum Ausdruck, dass dieser Wunsch zu viel Hoffnung erwecke, die letztendlich nicht erfüllt werden könne. Mátyás király war Soldat, Staatsmann, Kenner und Förderer der Künste und eine hervorragende Figur der Renaissance, der sein Volk am Höhepunkt seiner Machtentfaltung regierte und von all seinen Untertanen geliebt wurde. Matthias ist durch sein Wirken die Symbolfigur der goldenen Zeit Ungarns. Er führte drei Kriege und eroberte 1485 Wien, das er für kurze Zeit zu seiner Hauptstadt machte. Die Habsburger bezeichneten den Vater von Mátyás, Hunyadi János, als einen Thronräuber und sahen sich selbst als die rechtmäßigen Erben des Königtums Ungarn an. Sie begründeten dies damit, dass sie von der weiblichen Linie des legendären König Arpad abstammen. Als Mátyàs 1458 den Thron bestieg, war die Situation für ihn gefährlicher als für Herkules, als er in der Krippe als Säugling von zwei Schlangen bedroht wurde. Mátyás wurde von drei fremden Königen bedroht, nämlich vom Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, vom König von Böhmen und vom Herrscher der Türken. Zrínyi Miklós verglich in seinem Werk die Charakterzüge von Mátyás mit denen von Kaiser Friedrich III. Friedrich wird als melancholisch, ernst und zurückgezogen dargestellt, während Mátyás als extrovertiert und großzügig beschrieben wird. Nicht alle Handlungen von Mátyás findet Miklós Zrínyi logisch nachvollziehbar, insbesondere ist für ihn ein Rätsel, warum der ungarische König nicht gegen den schwachen Kaiser Krieg geführt und stattdessen die Türken bekriegt hatte. Dies wiederum führte zu einem Feldzug der Habsburger gegen Westungarn, in dessen Verlauf weite Teile des Landes verwüstet wurden. Er verglich die damalige Zeit mit der seinigen und meinte als Bewertung, dass die Kluft zwischen Österreich und Ungarn nur zu überbrücken sei, wenn nicht schlecht denkende Berater die Ansicht des Herrschers über Ungarn negativ beeinflussen würden.

Miklós wollte mit diesem Werk den Ungarn vor Augen führen, dass es höchst an der Zeit sei, wieder einen starken König zu haben, der sein Land liebt und der auch bereit ist, für sein Land zu kämpfen und alles zu geben, um dem Land die Freiheit zu garantieren.

 

 „Ne bántsd a magyart! Az török áfium ellen való orvosság“ („Hände weg von Ungarn! Ein Gegengift gegen das türkische Opium“)

Dieses Werk11) wurde unter dem Eindruck der Eroberung der Stadt Nagyvárad, des heutigen Oradea, 1660 durch die Osmanen verfasst. Es ist in Ungarisch geschrieben und stellt eine logische Abfolge von Episoden dar, das heißt jede Episode baut auf der vorhergehenden auf. Miklós erwies sich bei der Zusammenstellung des Werkes als sehr belesen. Er nahm bei der Einleitung und Eröffnung des Werkes Anleihen bei „Exclamatio, sive de acie contra Turcam institutenda consilium“ („Plan für einen Feldzug gegen die Türken“) von Ogier Ghislain de Busbecque. Zrínyi Miklós stellt in seinem Werk die Türken als Drachen dar, der unersättlich Ortschaft um Ortschaft erobert. Der Drache zieht wie ein wilder Eber durch die Lande und zerstört den gesamten guten Wein. Bei der Eroberung der Ortschaften treibt er Tausende von Ungarn in die Sklaverei. Er nimmt sodann die wilden Tiere zum Vorbild und beschreibt, wie diese in der Verteidigung bereit sind, ihr Leben hinzugeben. Die Lehren, die er daraus zieht, sind unmissverständlich: Wir müssen für ein freies Ungarn kämpfen und uns notfalls verteidigen, auch wenn das eigene Leben auf dem Spiel steht. Er gibt sich aber als Realist und stellt nüchtern fest, dass Ungarn momentan nicht die erforderlichen Mittel und Wege für eine Verteidigung hat. Er vergleicht die Situation von Ungarn mit der von Griechenland während der Perserkriege und zieht den Schluss, dass Ungarn sich Griechenland zum Vorbild nehmen sollte. Nach einer kurzen Analyse der strategischen und sicherheitspolitischen Lage rund um Ungarn kommt er zur Erkenntnis, dass jedes Land, das das Potenzial für eine ernst zu nehmende Hilfe besitzt, diese nicht aus reinem Eigennutz anbietet. Miklós kommt daraufhin zum Schluss, dass Ungarn rasch ein stehendes Heer von zumindest 12.000 Mann aufbauen müsse. Dieses Heer müsse bestens ausgebildet und bewaffnet werden. Für den Leser hat Miklós einen Spruch der Antike bereit, den er Publius Flavius Vegetius Renatus entliehen hat, nämlich: „Ergo qui desiderat pacem, praeparet bellum, qui victoriam cupit, milites imbuat diligenter, qui secundos optat eventus dimicet arte, non casu“ („Wer Frieden will, rüste zum Krieg, wer den Sieg erlangen will, trainiere seine Soldaten gewissenhaft, wer vorteilhafte Ergebnisse will, sollte sich auf seine Fähigkeiten verlassen und nicht auf den Zufall“).

Zrínyi Miklós meint weiter, dass das ungarische Volk durch die langen Friedensjahre verweichlicht worden sei und zurzeit keine guten Offiziere besitze. Die ungarische Armee sollte in einem geschlossenen Lager untergebracht werden, ferner sollte ein geeigneter Aufklärungs- und Spionagedienst entwickelt werden. Es war Miklós klar, dass eine 12.000 Mann starke Armee nur das stehende Heer für Friedenszeiten sein konnte, im Kriegsfall müsste die gesamte Nation zu den Waffen gerufen werden, um Aussicht auf Erfolg zu haben. Ferner schlug er vor, dass in erster Linie die Adeligen für die Unterhaltskosten der Armee aufzukommen hätten und nicht jeder Bürger mit seinen Steuern. Er schuf damit die Grundlagen für die Ausgestaltung der Verteidigungsmaßnahmen eines Landes.

Miklós schließt das Werk mit den Worten: „Alle die Gott vertrauen und das Land lieben, mögen mit mir den Gesang der Deborah anstimmen: Mein Herz ist beim Herrscher von Israel, welches er dem Volk schenkte. Gott schütze ihn“. Er fügte dem noch hinzu: „Wo ein Wille ist, dort ist auch ein Weg“.

 

„Névtelen levél“ (mely Montecuccoli ellen intézett hatásos irat) (Anonymes Schreiben)

Der österreichische Feldherr Raimondo Montecuccoli war für Miklós gerade das Gegenteil von dem Typ eines Generals, den er in seinen Werken immer hervorhob. Montecuccoli war für ihn ein träger, geistig nicht sehr wendiger und v.a. egoistischer Feldherr. Nach seinem wenig ruhmreichen Feldzug in Ungarn gegen die Osmanen verfasste Montecuccoli ein nicht unterzeichnetes öffentliches Schreiben12), in dem er sein Vorgehen rechtfertigte. Montecuccoli bezeichnete darin die verbitterten Ungarn als militärischen Analphabeten und damit nicht fähig, seinen makellosen Feldzug zu verstehen. Diesem Schreiben entgegnete Zrínyi Miklós in seiner Art mit einem Antwortschreiben, das ebenfalls veröffentlicht wurde. Er widerlegte Montecuccolis Angriff auf das Schärfste und fügte hinzu: Obwohl Montecuccoli eine wunderbare Armee erhalten hatte, vernichtete er diese Truppe, ohne jemals mit dem Gegner gekämpft zu haben. Er missbrauchte dabei mehr die eigenen Leute als den Feind und schaute tatenlos zu, als die Osmanen mehr als 100.000 Ungarn in die Gefangenschaft abtransportierten. Solch ein Verhalten sei schlimmer als das eines niederträchtigen Henkers. Danach legte er die Prinzipien dar, die nach seiner Meinung geeignet wären, als Basis für eine Strategie für den Feldzug gegen die Osmanen dienen zu können.

Bibliotheca Zriniana

Die Bibliotheca Zriniana13) ist die Sammlung von 529 Bänden und 29 Manuskripten, die der Biblioteca Nacionalna i Sveucilisna (Nationale und Universitätsbibliothek Kroatiens) in Zagreb gehören. Die meisten Werke dieser Bibliothek wurden von Zrínyi Miklós selbst gesammelt. Wir wissen heute nicht mehr, wie die Bibliothek von Miklós in seiner Burg Csáktornya ausgesehen hat. Um 1662 hatte jedenfalls Zrínyi Miklós begonnen, seine Bücher zu katalogisieren. Im Vergleich zu den damaligen Bibliotheken des 17. Jahrhunderts war jene von Zrínyi Miklós auf der Höhe des damaligen europäischen Standards. Auf jeden Fall war die Bibliothek die beste Sammlung in ganz Ungarn. Nach dem Tode von Miklós 1664 übernahm sein jüngerer Bruder Pèter die Burg von Csàktornya. Pèter musste als einer der Rädelsführer der Verschwörung gegen die Habsburger flüchten; sein Vermögen wurde konfisziert, darunter auch die wertvolle Bibliothek. Ádám Zrínyi, der Sohn von Mìklòs, wurde einer universitären Ausbildung unterzogen und sammelte dadurch auch Bücher. Nach dem Tode von Ádám heiratete seine Gemahlin ein zweites Mal und zog zu ihrem neuen Ehemann nach Mähren. Während des Transportes der Bücher zur Burg Bitov im Bezirk Znaim in Mähren umfasste die Bibliothek bereits 850 Bände. Die Bücher wurden dort offensichtlich schlecht und unbeachtet gelagert. Erst im späten 19. Jahrhundert wurde ein Mitglied der Familie auf das Werk aufmerksam und versuchte anhand des aufgefundenen Katalogs von 1662 die Bücher zu ordnen. Von dem Fund der Bibliothek von Zrínyi erfuhr auch die ungarische Akademie der Wissenschaften. Sie entsandte Wissenschaftler, um den Buchbestand zu begutachten und zu katalogisieren. Erst nach dem Tode des Eigentümers wurde die Bibliothek versteigert. Der Termin der Versteigerung erreichte jedoch den Direktor des ungarischen Nationalmuseums zu spät, sodass die Bibliothek bereits von dem Wiener Buchhändler S. Kende erworben wurde, der seinerseits ein wahrer Kenner des Wertes der Bücher war. Er behielt daher die Bücher und hoffte, da er in einem langen Geschäftsverhältnis mit ungarischen Büchereien war, einen guten Preis dafür erzielen zu können. Kende veröffentlichte den Buchbestand unter der Bezeichnung Bibliotheca Zrinyiana (Wien, 1893). Er setzte den Preis mit 12.000 Forint an. Da ungarische Büchereien und Museen nicht in der Lage waren, die hohe Summe aufzubringen, kaufte die Universitätsbibliothek von Zagreb die Bücher. Dort wurde schließlich die Spezialsammlung „Bibliotheca Zriniana“ eingerichtet. Anlässlich der 300-Jahrfeier der Zrínyi wurde die Bibliothek 1918 leihweise der ungarischen Akademie der Wissenschaften überlassen und dort für kurze Zeit in der Eingangshalle ausgestellt. Die Forschungen zur Bibliotheca Zriniana sind bis heute nicht abgeschlossen. Weitere Nachforschungen werden notwendig sein, um eine endgültige Klarheit über den Verbleib aller Bücher der ehemaligen Bibliothek von Zrínyi Miklós zu erhalten.

Abschließende Bemerkungen

Eine Nation braucht in stürmischen Zeiten starke Führungspersönlichkeiten, um ihre Identität bewahren zu können und im Falle einer Fremdherrschaft sich wieder neu orientieren und ihre Eigenständigkeit wieder erlangen zu können. Das ungarische Volk hat nach seiner Sesshaftwerdung im 10. Jahrhundert bis zur Jetztzeit viele Höhen und Tiefen mitmachen müssen. Eine der schwierigsten Perioden der ungarischen Geschichte war das 16. und 17. Jahrhundert. In dieser Zeitspanne war Ungarn geteilt und einer Fremdherrschaft unterworfen. Während dieser Zeit bemühte sich die Familie Zrínyi die nationale Eigenständigkeit wieder zu erlangen. Der bedeutendste aus dem Geschlecht der Zrínyi war Zrínyi Miklós, der sich im 17. Jahrhundert während nicht einmal knapp 25 Jahren unermüdlich für das ungarische und auch kroatische Volk eingesetzt hatte. Während dieser für ein Menschenleben eher kurzen Zeitspanne hinterließ er als Staatsmann, Feldherr, Poet und v.a. als Militärwissenschaftler ein Lebenswerk, das in der langen Geschichte Ungarns als einzigartig zu bezeichnen ist. Miklós schaffte zwar nicht, dass Ungarn wieder zu einem Land in Freiheit wurde, aber er legte mit all seinem Tun den Grundstein für nachfolgende Generationen, denen er mit seinem Wirken ein Vorbild war und auch durch sein hinterlassenes Werk Mut zugesprochen hat, um sich für ein freies Ungarn einzusetzen.

Das Werk von Zrínyi Miklós hat über die Grenzen Ungarns hinaus bislang wenig Beachtung gefunden. Dies liegt zum einen daran, dass es nicht in die weit verbreitenden Sprachen der Welt übersetzt wurde. Es wäre an der Zeit, zumindest sein militärwissenschaftliches Werk auf Deutsch zu übersetzen, um es so auch für den Studienbetrieb der Militäruniversitäten, Akademien und Schulen im deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen.

In einem vereinten Europa sollten auch die militärwissenschaftlichen Errungenschaften der einzelnen Nationen zu einem „europäischen Gesamtwerk“ vereinigt werden, um als militärwissenschaftliche Fundament für eine im Werden befindliche Europaarmee genutzt werden zu können. Die militärwissenschaftlichen Erkenntnisse von Zrínyi Miklós sollten auf jeden Fall dabei Berücksichtigung finden.

Der Autor dankt namhaften ungarischen Wissenschaftlern der Universitäten Corvinus, Andrassy, Zrínyi Miklós sowie des Militärmuseums in Budapest für die Durchsicht des Manuskriptes und die anregende Diskussion über das Werk von Zrínyi Miklós, die nicht unbeträchtlich zum Gelingen der Arbeit beigetragen hat.


ANMERKUNGEN:

1) „Gutes Schicksal und sonst nichts“.

2) Die historische Entwicklung Ungarns wurde entnommen: Molnár Miklós: Geschichte Ungarns, Krämer, Hamburg 1999.

3) Vgl. Kovács Sándor (Hrsg.): Angol életrajz Zrínyi Miklósról, Zrínyi Katonai K., Budapest 1987 und Zrínyi Miklós auf http://hu.wikipedia.org.

4) Vgl. Jones Mervyn D.: Five Hungarian Writers, At the Claredon Press,Oxford1966, S.4.

5) Vgl. Fußnote 3.

6) Vgl. Jones Mervyn D. a.a.O, S.29 und 33ff.

7) Namhafte Professoren der Zrínyi Miklós Nemzetvédelmi Egyetem (ZMNE) haben dieses Projekt ins Leben gerufen, darunter Négyesi Lajos, Németh József und Padányi József. Weiterführende Informationen über die Burg kann man auf der Homepage der Ortschaft Belezna (www.belezna.hu unter Zrínyi Újvár) finden. Der Autor hat bereits die Gegend bereist und kann nur empfehlen, eine Reise in diesen schönen Landesteil von Ungarn zu unternehmen.

8) Vgl. Jones Mervyn D., S.33.

9) Vgl. Jones Mervyn D., S.36-39.

10) Vgl. Jones Mervyn D., S.44-55.

11) Vgl. Jones Mervyn D., S.49-53.

12) Vgl. Komjathy A.T.: A thousand years of the Hungarian art of war, Rakoczi Foundation,Toronto1982, S.41.

13) Vgl. www.eruditio.hu/zrinyi3d/bz/hist_eng.html.