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Die Deutsche und die europäische Frage

Eine Vergleichsstudie zur Politik von Bismarck und Kohl zum 90. Geburtstag von Dr. Helmut Kohl und zum
30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung

Ilya Zarrouk

Annegret Kramp-Karrenbauer, Verteidigungsministerin der Bundesrepublik Deutschland schrieb in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.6.18: „An Helmut Kohls Sarg wurde sichtbar, für welches Europa er förmlich gebrannt hat: für ein Europa des Miteinanders, für ein Europa der Geschlossenheit, für ein Europa, in dem sich die Interessen unseres deutschen Vaterlandes verwirklichen, für ein Europa, in dem es keinen deutschen Sonderweg gibt.“ Diese Aussage soll Leitsatz der hiesigen historischen Vergleichsanalyse zur Deutschen Frage im 19. und 20. Jahrhundert sein, die zugleich auch eine europäische Frage darstellte. Wo liegen die Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Deutschen als auch Europäischen Frage? Dies soll dieser Essay zum
90. Geburtstag von Dr. Helmut Kohl hinterfragen.

Die Leitlinien zur Deutschen Frage sowohl im 19. wie im 20. Jahrhundert werden in dem Beitrag deutlich gemacht. Diese vermitteln Diskontinuität als auch Kontinuität. Dabei bleibt offen, welche Möglichkeiten der Deutsche Bund gehabt hätte: Klar jedoch bleibt auch, dass er das System war - hin zu einem modernen deutschen Nationalgebilde. Die Bewertung des Deutschen Bundes sollte allerdings nicht zu hoch bewertet werden, denn dass er den Gegebenheiten des damaligen europäischen Gleichgewichtsystem gedient hätte, stimmt zwar, führt aber an der Tatsache vorbei, dass er nicht die Deutsche Frage des 19. Jahrhunderts gelöst hat. Es ist daher auch zu bezweifeln, dass eine andere Struktur Deutschlands als die sich pluralistisch ausbildende bürgerliche Gesellschaft befriedet hätte, v.a. unter dem Gesichtspunkt der europäischen Entwicklung moderner-kapitalistischer Nationalstaaten. Wäre es nicht zwischen 1848 und 1870/71 zur Nationalstaatsbildung gekommen, wäre der Kollateralschaden eines explosiven Gemischs womöglich sehr groß gewesen. Die Ordnung des Jahres 1815 musste für die sich emanzipierte deutsche Bildungsgesellschaft wie Ballast anfühlen, welchen sie loszuwerden suchte. Die deutsche Wiedervereinigung indes wurde eingeleitet durch den fundamentalen Gedanken Helmut Kohls in Richtung einer europäischen Einigung. Europa sollte wortwörtlich das „Haus eines wiedervereinigten deutschen Nationalgebildes“ sein. Nicht gegen die europäischen Mächte und v.a. nicht gegen das internationale Spektrum wollte der Einheitskanzler Deutschland wieder zusammenführen, sondern mit ihnen und zudem solidarisch gemeinsam. Hieraus sollte eine tragende Friedensordnung ermöglicht und manifestiert werden. Es ist daher nicht verwunderlich, weshalb Helmut Kohl in einem seiner Bücher geschrieben hat: „Wir Deutschen haben diesen Prozess immer sehr unterstützt, auch ich ganz persönlich. Wir wussten, dass wir damals erst am Anfang eines langen Weges standen und dass noch manche Schwierigkeit zu überwinden seien würde. […] Mir war die Annäherung zwischen Russland und der Europäischen Union sowie Russland und der NATO über unsere Sicherheitsinteressen hinaus immer auch deshalb ein Anliegen, weil Russland für mich bei allen Unterschieden, die es gibt, historisch wie kulturell auch zu Europa gehört.“ Hierin letztendlich wird die Dimension der historischen Diskontinuität in Bismarcks und Kohls politischem Bestreben in Bezug auf die Deutsche und damit auch auf die europäische Frage sichtbar und manifest.