Die Militärpolizeikräfte der US-Streitkräfte: Die Streitmacht der Wahl?

Raymond E. Bell Jr.

Sind die Militärpolizeiorganisationen der US-Teilstreitkräfte wirklich „Streitmächte der Wahl“, wie das Motto des Militärpolizeikorps der US-Armee behauptet? Dennoch wird die aktuelle und potenzielle Effektivität der Militärpolizei in jenen Kampfeinsätzen, wie sie gegenwärtig von der US-Regierung geführt werden, nur allzu oft missverstanden und vom amerikanischen Militär im Allgemeinen gering geschätzt. Schon von ihrem Namen her stehen Operationen der Militärpolizei in engem Konnex mit Aktivitäten zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung oder im Strafvollzug. Aber das Motto der Militärpolizei der US-Armee impliziert beispielsweise, dass „Streitmacht der Wahl“ von zentraler Bedeutung für ihre Existenz und Effektivität ist. Die Anwendung von Gewalt bei der Erfüllung ihrer militärpolizeilichen Aufgaben ist der Schlüssel zur Bewältigung ihrer Vorgaben gemäß Doktrin. Leider operieren die Militärpolizeien aller Streitkräfte in einer eher unauffälligen Art und Weise, die wenig Augenmerk auf ihre Kampffähigkeiten lenkt und folglich wenig Betonung und Hochschätzung in Bezug auf Operationsführung erfährt, ausgenommen Situationen, die Fragen von Recht und Ordnung betreffen.
Die Rolle der US-Militärpolizei in der Operation Iraqi Freedom ist ein einschlägiger Fall. Selbst heute noch setzt sich die Einsicht, dass die Rolle der US-Militärpolizei im Irak nach der Niederlage und Auflösung von Saddam Husseins konventionellen Streitkräften inadäquat war, nur langsam durch. Tatsächlich scheinen in den US-Streitkräften - insbesondere in der US-Armee - nur geringe Anstrengungen unternommen zu werden, die Militärpolizei stärker zu profilieren.

Die Militärpolizei des US-Heeres im Irak

Veranschaulicht wird die mangelnde Wertschätzung des Heeres für die verschiedenen Fähigkeiten seiner Militärpolizei am Beispiel ihres ursprünglichen Einsatzes bei der Invasion des Irak. Der Kommandant der 18. Militärpolizeibrigade, Oberst Edward Spain, stellte nachweislich die Entscheidung des US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld infrage, die Zahl der Militärpolizei-Kampfunterstützungskompanien als Teil der Invasionsstreitmacht auf nur drei zu beschränken. Das aus Deutschland verlegende Brigade-Hauptquartier war vorbereitet, 20 oder mehr solche kampffähige Kompanien in Einklang mit dem ursprünglichen Einsatzplan zu stellen. Aufgrund seiner Anstrengung, die Kampftruppe für die Invasion zu minimieren, erblickte Rumsfeld lediglich einen stark reduzierten Bedarf an einem zu multiplen Aufgaben fähigen Militärpolizei-Kontingent. Rumsfelds Entscheidung war jedoch nur ein Teil des Fehlschlags, eine starke Militärpolizei-Streitmacht zu entsenden.
Dies basierte auf der irrigen Annahme, dass die alliierten Invasionskräfte nicht nur willkommen geheißen, sondern sogar Hilfestellung bei der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung im Land durch die lokalen Polizeibehörden erhalten würden. Man ging von der Annahme aus, dass das Leben der Einwohner nur minimal gestört würde. Allerdings nutzte die Bevölkerung das Durcheinander, um ihre Gefühle über das beseitigte Regime zum Ausdruck zu bringen, worauf bald Chaos herrschte.
Die wenigen, dem Streitkräftekommandanten zur Verfügung stehenden Kampfunterstützungskompanien der Militärpolizei verzettelten sich in Kuwait und an der Grenze zwischen Irak und Kuwait mit Aufgaben der Verkehrskontrolle, der Bewachung Kriegsgefangener und der Eskorte von Konvois. Wegen zu weniger Militärpolizisten fielen ordnungspolizeiliche Aufgaben in größeren urbanen Gebieten den Kampftruppen zu, die für diesen Aufgabenbereich nicht geschult waren.
Oberst Spain verlieh seiner Meinung Ausdruck, dass mit den ursprünglich geplanten 22 Militärpolizeikompanien das auf die Invasion folgende Chaos erfolgreich hätte bewältigt werden können. Seine Männer und Frauen nehmen in Friedenszeiten häufig Verbindung zu den lokalen Polizeien des Stationierungslandes auf. Die Militärpolizisten - wären sie verfügbar gewesen - wären in der Lage gewesen, ihre im Lauf der Aufgabenerledigung erworbenen Kenntnisse für die Zusammenarbeit mit der irakischen Polizei umzusetzen. Leider wurden aber bald nach dem Ende der Kampfhandlungen die Funktionäre der früher herrschenden Baath-Partei, die einen Großteil der Polizei stellten, vom Chef der zivilen Verwaltungsbehörde, L. Paul Bremer III., im Rahmen einer Anstrengung, das Land vom Saddam Hussein-Regime zu „säubern“, entlassen.
Während einerseits bekannt ist, dass Militärpolizei zur Erledigung ordnungspolizeilicher Aufgaben bestens geeignet ist, ist das Wissen weniger weit verbreitet, dass Militärpolizisten der Armee auch ausgebildet sind, alle Arten von Kampfeinsätzen zu bestreiten. Diese ähneln solchen der mechanisierten Formationen oder den RSTA-Zügen, zuständig für Aufklärung, Überwachung und Zielerfassung.
Kampfunterstützungskompanien sind für den Kampf ausgerüstet, organisiert und ausgebildet. Eine solche Kompanie ist eine hochmobile Organisation, die nicht nur mit HMMWVs mit Spezialschutz und Maschinengewehren oder automatischem Granatwerfer als Bordwaffe ausgerüstet ist, sondern auch mit dem Truppentransportpanzer ASV. Bei diesem handelt es sich um ein allradgetriebenes, leicht gepanzertes Fahrzeug mit V-förmigem Rumpf und bewaffnet mit Maschinengewehr oder automatischem Granatwerfer. Die Wanne des ASV diente als Modell für das minenresistente und gegen Hinterhalt geschützte Fahrzeug MRAP, das sich sowohl im Irak als auch in Afghanistan bewährt hat. Das Potenzial des ASV als effektives Waffensystem gegen Aufständische, die in erster Linie improvisierte Sprengfallen einsetzen, wurde erst erkannt, als der Irak-Konflikt schon einige Zeit dauerte.
Weil eine Kampfunterstützungskompanie häufig in kleineren, unabhängigen und untergeordneten Elementen operiert - beispielsweise in Zügen von zehn Polizisten -, ist jedes Fahrzeug mit Funk ausgerüstet. Diese Kommunikationsfähigkeit ermöglicht es der gesamten Kompanie, über sehr große Entfernungen zu operieren. Weil es oft große Gebiete abzudecken gilt, müssen Militärpolizisten flexibel und kompetent sein, in kleinen Elementen und manchmal sogar allein zu operieren. Ein Basisteam besteht aus drei Militärpolizisten, jeder mit Pistole und Sturmgewehr bewaffnet, einem HMMWV oder einem ASV, jeweils mit einem Maschinengewehr oder automatischem Granatwerfer als Bordwaffe, und einem Kommunikationssystem großer Reichweite.
Eine typische Mission für ein Militärpolizisten-Team einer Kampfunterstützungskompanie könnte der Betrieb eines Personen- oder Fahrzeug-Checkpoints oder die Besetzung eines Verkehrskontrollpostens sein. Wenn Kriegsgefangene in Gefangenenlager eskortiert werden oder zeitweise bewacht werden müssen, sind Militärpolizisten das Instrument der Wahl. Aber immer öfter sind im Irak und in Afghanistan Kampfpatrouillen mechanisierter oder infanteristischer Kräfte individuelle MP-Teams beigegeben worden. Zusammengesetzt aus sowohl männlichen als auch weiblichen Militärpolizisten sind solche Teams angefordert worden, wenn es darum ging, sich mit einheimischen Frauen auseinanderzusetzen. In Ländern wie Irak und Afghanistan, wo Landessitten und Gebräuche Kontakte zwischen Männern und Frauen streng reglementieren, erleichterte die Anwesenheit einer Militärpolizistin entscheidend die Einvernahme einheimischer Frauen.
Leider wurde es aufgrund der ursprünglichen Minderzahl von Militärpolizisten des aktiven Heeres im Irak und wegen des unerwarteten Bedarfs an Personal für ordnungspolizeiliche Aufgaben bald notwendig, die Zahl von Militärpolizeieinheiten im Land aufzustocken. Allerdings gab es in der Kräftestruktur der aktiven Armee nicht genug Militärpolizei, um diese gestiegenen Anforderungen abzudecken. Als Teil der Lösung wurden Militärpolizeieinheiten der Nationalgarde des Heeres und der Heeres-Reserve in den Aktivdienst gestellt und in den Irak entsandt. Doch selbst nach Entsendung dieser Militärpolizeieinheiten bestand ein weiterer Bedarf an zusätzlichen Militärpolizisten. Daher wurde es notwendig, Artilleristen der Heeres-Nationalgarde in einer Schnellunterweisung zur Durchführung militärpolizeilicher Aufgaben auszubilden.
Schon bald wurde augenscheinlich, dass Militärpolizeiformationen der Heeres-Reserve einen starken Beitrag zur Effektivitätssteigerung ihrer Kameraden aus dem Aktivdienst leisten konnten. Ein Beispiel war das Gefecht eines Militärpolizistenzugs der in den Bundesdienst gestellten Heeres-Nationalgarde aus Missouri mit 30 irakischen Aufständischen. Der aus drei Fahrzeugen bestehende Zug mit neun Militärpolizisten, einer Militärpolizistin und einem beigeordneten Sanitäter patrouillierte in der Nähe eines auf der Straße fahrenden Logistik-Konvois. Plötzlich entdeckte man Insurgenten, die dem Konvoi in einem Hinterhalt auflauerten. Die Militärpolizisten intervenierten und töteten - obwohl numerisch stark unterlegen - innerhalb weniger Minuten 28 Angreifer und nahmen zwei gefangen. Für diesen erfolgreichen Einsatz wurde dem Kommandanten des Trupps das Distinguished Service Cross, die zweithöchste staatliche Auszeichnung für Tapferkeit im Kampf, verliehen. Die Militärpolizistin Sergeant Leigh Anne Hester erhielt mit dem Silver Star die dritthöchste Tapferkeitsauszeichnung und war damit die erste Frau seit dem Zweiten Weltkrieg, der diese Auszeichnung verliehen wurde. Als ihre Militärpolizeikompanie der Heeres-Nationalgarde zurück in die USA verlegte, kehrte sie in ihren Zivilberuf als Polizistin in einer lokalen Polizeidienststelle zurück.
Frauen sind seit vielen Jahren Mitglieder US-amerikanischer Militärpolizeiorganisationen. Jene weiblichen Soldaten, die nach aktiven Kampfverwendungen streben, haben bis vor Kurzem den Dienst in den Heerespolizeikorps als den einem Kampfeinsatz als Infanterist oder bei der mechanisierten Truppe am ähnlichsten empfunden. Auf dem heutigen asymmetrischen Gefechtsfeld, wo der Feind überall ist, spielt es jedoch keine Rolle, ob ein weiblicher Soldat als im Kampf befindlich oder nicht betrachtet wird. Die Anordnung der US-Regierung, die Frauen den Einsatz in speziellen Kampfverwendungen untersagte, wurde jüngst aufgehoben, sodass abzuwarten ist, ob Frauen auch formell als echte Kombattanten anerkannt werden oder nicht.

Vor und nach dem Irak

Erfahrung und Effektivität der Militärpolizei des Heeres im Irak überraschten die US-Militärhierarchie nicht, deshalb wurde nicht viel Aufhebens darob gemacht. Die größte Militärpolizeiorganisation findet sich im US-Heer und dessen Reservekomponenten und ist in der einen oder anderen Form seit der Staatsgründung aktiv aufgetreten. Die Militärpolizisten des Heeres spüren ihrem Erbe bis in den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zurück nach. Die Funktionen der Militärpolizei lagen damals in den Händen der berittenen Dragoner. Diese mussten damals auch Sicherheitsaufgaben für das Hauptquartier wahrnehmen, Aufklärung durchführen und Schlüsselpersonal eskortieren. Anders als die britische leichte Kavallerie schlugen sich Dragoner - mit der bemerkenswerten Ausnahme der aufgesessenen Truppen in der Schlacht von Cowpens in den südlichen Kolonien Amerikas - selten im aufgesessenen Kampf mit dem Feind.
Es dauerte bis zum Zweiten Weltkrieg, dass die Militärpolizei eine eigene Truppengattung des US-Heeres wurde. Die Funktion der Militärpolizei, die auf einer Ad-hoc-Basis ausgeübt wurde, hatte sich über die Jahre nicht geändert, vom Umgang mit den Kriegsgefangenen als größerer Ausnahme einmal abgesehen. Erwartungsgemäß war die Militärpolizei beim Rest der Armee nicht sonderlich beliebt. Die Durchsetzung unpopulärer Befehle, wie sie beispielsweise von Kommandanten wie Generalleutnant George S. Patton Jr. gegeben wurden, war nicht dazu angetan, die Militärpolizei bei den Soldaten der anderen Waffengattungen beliebt zu machen. Die Militärpolizei hatte jedoch keine Wahl, als solche Aufträge auszuführen und sich dadurch den Unmut anderer zuzuziehen.
Im Lauf der Zeit wandelten sich die Missionen der Militärpolizei und schlossen Kampfoperationen mit ein. Heutzutage gibt es fünf Grundaufträge. Es sind dies Aktivitäten zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, das Einsperren militärischer Gefangener inklusive der Obsorge für feindliche Kriegsgefangene, Verkehrskontrolle, Informationsgewinnung zu Aufklärungszwecken und Kampfoperationen zwecks Sicherung logistischer Einrichtungen. Die Konflikte im Irak und in Afghanistan legen beredtes Zeugnis über die Erfüllung dieser Aufträge ab.
Leider war die Auftragserfüllung nicht immer exemplarisch. Während die 800. Militärpolizeibrigade der US-Reserve im Golfkrieg 1992 viel Applaus dafür erhielt, wie sie Hunderttausende irakische Kriegsgefangene behandelte, stieß ihr Management des Abu Ghraib-Gefängnisses 2004 auf heftige Kritik. Die Brigadekommandantin wurde wegen ihrer Inkompetenz, fehlgeleiteten Militärpolizisten in der Brigade die Misshandlung irakischer Kriegsgefangener zu untersagen, ihrer Funktion entbunden.
Die 372. Militärpolizeikompanie (Kampfunterstützung) der Heeres-Reserve war der untergeordnete Verband zum Betrieb des Gefängnisses. Der Verband war aber für Gefängnisoperationen nicht ausgebildet, was dazu führte, dass einige Angehörige der Einheit sich krass unangemessen verhielten. Andererseits war die Kompanie im Golfkrieg 1992 in ihrer Kampfrolle positiv aufgefallen; ein Eindruck, der 2004 durch den Missbrauch irakischer Kriegsgefangener mit dem vermuteten Besitz nachrichtendienstlich relevanter Information mehr als beseitigt wurde. Die Militärpolizisten, die bis zum Zeitpunkt der abstoßenden Missbrauchsenthüllungen nicht viel Beachtung erfahren hatten, erhielten nun mehr als genug unwillkommene Aufmerksamkeit. Dass eine andere Militärpolizeieinheit der Heeres-Reserve unter der Führung eines sehr kompetenten Kommandanten die Situation rasch wieder unter Kontrolle gebracht hat, wurde von fast niemandem beachtet.
Die Militärpolizistin oder der Militärpolizist des US-Heeres erfreut sich jedoch - wie die Militärpolizei der anderen Teilstreitkräfte - eines hohen Sozialprestiges, wenn auch die von ihnen ausgeübten Funktionen nicht sehr hoch geschätzt werden. Wegen der Sensitivität der Position eines Militärpolizisten wird nur äußerst integeren Individuen die Chance geboten, Mitglied dieser Gemeinschaft zu werden. Während ein Infanterist oder Instandhaltungstechniker sich eng auf seine Aufgabe konzentrieren kann, muss ein Militärpolizist flexibel, urteilsfest und multifunktionsfähig sein. Er oder sie kann sich oft in Situationen finden, in denen eine unverzügliche Beurteilung notwendig ist. Ein Militärpolizist kann als Verkehrsregler eines Stützpunktes in Übersee tätig sein und sich im nächsten Moment in einer Kampfsituation befinden, in der er von einem Insurgenten beschossen wird oder selbst auf diesen das Feuer eröffnen muss. Dieser blitzartige Umstieg von einer Friedenstätigkeit zum Handeln in einer feindlichen Umgebung ist eine Forderung, die ein Militärpolizist effektiv beherrschen muss.
Dass Individuen im Dienst der Militärpolizei höchste Standards erfüllen müssen und können, zeigt sich oft bei militärischen Wettkämpfen in Friedenszeiten. Wenn eine militärische Einrichtung Wettkämpfe zur Bestimmung des „Soldaten des Monats/des Jahres“ etc. abhält, in der Soldaten eruiert werden sollen, die Überdurchschnittliches leisten, zählt das Personal der Militärpolizei oft zu den Gewinnern. 2013 war beispielsweise der Specialist Adam Christenson, ein Militärpolizist der 472. Militärpolizeikompanie des Pazifikkommandos des US-Heeres, der Gewinner des Wettbewerbs „Soldat des Jahres“. Ein zweiter der zwölf Bewerber in diesem weltweiten Wettbewerb war der Militärpolizist Jesse Kane von der US-Militärakademie West Point. In solchen Wettbewerben werden allgemeine soldatische Kenntnisse, militärische Laufbahn und Erscheinungsbild sowie Auftreten vor einer Befragungskommission beurteilt. Die hohe Qualität der zu erbringenden Leistungen ist angesichts der weltweiten Teilnahme und des damit verbundenen Wettbewerbs immer sehr intensiv.
Die Qualität jener Frauen und Männer, die Militärpolizeifunktionen in allen US-Teilstreitkräften ausüben, ist durchwegs herausragend und versetzt sie in die Lage, mit der Militärpolizei des US-Heeres reibungslos zu kooperieren.

Militärpolizei der anderen Teilstreitkräfte

Die US-Luftstreitkräfte, das Marinekorps, die Marine und die Küstenwache haben alle Militärpolizeiorganisationen. Sie unterscheiden sich allerdings in der Nomenklatur. Die Luftstreitkräfte hatten früher eine Sicherheitspolizei, die nun Sicherheitskräfte bzw. SF-Personal genannt werden. Die Marine verlässt sich auf das Marinekorps für den Großteil ihrer Sicherheitsoperationen, während ordnungspolizeiliche Funktionen von Matrosen wahrgenommen werden, die zeitweise zu Küstenpatrouillen zugeteilt werden. Das Marinekorps verfügt über Militärpolizeikompanien mit ordnungspolizeilichen Aufgaben, die sich an denen der Luftstreitkräfte anstatt des Heeres orientieren. Die Küstenwache ist für die Hafensicherheit im Konfliktfall oder in Zeiten potenzieller Konflikte verantwortlich.
Die wichtigste Aufgabe der Sicherheitskräfte der Luftstreitkräfte ist der Schutz von Einrichtungen in Anlagen der Luftstreitkräfte sowohl im Frieden als auch in feindlichem Umfeld. Ihre Befugnis ist im Allgemeinen auf die Einrichtungen und Anlagen selbst beschränkt; außerhalb dieser Örtlichkeiten liegen Sicherheit und Schutz im Verantwortungsbereich der Militärpolizei des US-Heeres.
Die Organisation der SF-Einheiten der Luftstreitkräfte spiegeln quasi einen „Blick nach innen“ wider; d.h., sie sind so organisiert, um ortsspezifische Missionen erfüllen zu können. Im Kontext ihrer Luftmission ist der größte operative Verband der Luftstreitkräfte das Geschwader. Es besteht aus einer Reihe untergeordneter Organisationen, den Staffeln. Das Geschwader hat üblicherweise als Nomenklatur eine Zahl, die den Verband als x-tes Transport- oder Jagdgeschwader bezeichnet. Die untergeordneten Staffeln eines Jagdgeschwaders könnten beispielsweise zwei oder drei Jagdstaffeln und andere Unterstützungsstaffeln sein, deren Aufgabe nicht nur die Unterstützung der Jagdstaffeln, sondern auch der Schutz und die Verwaltung der Basis oder des Stützpunkts ist. Eine der Unterstützungsstaffeln würde eine Staffel Sicherheitskräfte sein, der nicht nur der Schutz der Flugzeuge des Geschwaders obliegt, sondern auch der weiterer Einrichtungen sowie die Durchführung ordnungspolizeilicher Aktivitäten. Wenn zwei oder mehr Geschwader mit jeweils Staffeln und Sicherheitskräften in derselben Einrichtung stationiert wären, würden ihre Funktionen von einem vorgesetzten Hauptquartier koordiniert werden. Nicht allgemein bekannt dürfte sein, dass Sicherheitskräfte der US-Luftstreitkräfte vollwertige Kombattanten, Ordnungshüter und für Truppenschutz ausgebildete Soldaten sind. Obwohl dafür ausgebildet, Lenker und Passagiere zu überprüfen, die durch die Tore eines Stützpunkts fahren, verfügen sie auch über Fähigkeiten, die sie im Kampfeinsatz gut brauchen können. Erst jüngst wurde ihre Kombattantenrolle gestärkt, indem Stützpunkt-Verteidigungsgruppen mit unterstellten Staffeln geschaffen wurden. Diese Formationen sind grundsätzlich SF-Organisationen, die mit Soldaten aus anderen Bodenunterstützungsverbänden verstärkt wurden.
Ein Beispiel ist die Einrichtung eines temporären Flugfeldes auf umstrittenem Territorium, wo SF-Personal als Mitglieder einer Verteidigungsstaffel Truppenschutz leisten. Während Kampftruppen der Armee wahrscheinlich das Areal des projektierten Flugfeldes auf der Suche nach feindlichen Kämpfern durchschwärmen würden, kann im heutigen Gefechtsfeld das Areal nicht als ausreichend gesichert angesehen werden. Die SF-Staffel oder Verteidigungsstaffel, verstärkt um Kräfte aus anderen Geschwaderunterstützungsstaffeln, würde zuerst in das umstrittene Gebiet verlegt werden - angelandet oder anderweitig infiltriert - und dort mit taktischen Fahrzeugen wie HMMWVs und entsprechender Bewaffnung einen Landstreifen in Besitz nehmen, auf dem ein Flugzeug sicher landen und gewartet werden kann, auch um den Preis, dass das Areal laufend gegen feindliche Angriffe verteidigt werden muss. Es könnte auch die Koordination mit Armee-Einheiten in der Region - insbesondere Militärpolizisten - erforderlich sein, die ihre Anstrengungen mit der SF-Staffel koordinieren würden, um feindliche Kräfte vom geplanten Flugplatz fernzuhalten.
Auf jeden Fall müssen Sicherheitskräfte der Luftstreitkräfte nicht nur mit ihrer persönlichen Waffe umgehen können, sondern auch Maschinengewehre und Granatwerfer ausreichend einsetzen können. In einem Umfeld wie in Afghanistan, wo Stützpunkte laufend von Aufständischen angegriffen werden, ist eine ständige Einsatzbereitschaft gefordert. In einem solchen Fall nähern sich SF-Personal und Militärpolizist der Armee in hohem Maße an.
Während US-Sicherheitskräfte der Luftstreitkräfte sowohl als konventionelle Militärpolizei als auch als Kombattanten gesehen werden können, bietet die Marine ein unterschiedliches Bild. Es ist jedoch passender, die Marine im Rahmen bewaffneter Kräfte zur See zu sehen und das Marinekorps und die Küstenwache zu inkludieren. Die Küstenwache untersteht in Friedenszeiten dem Heimatschutzministerium und nicht dem Verteidigungsministerium. Im Falle eines bewaffneten Konflikts wird die Küstenwache zu einem Teil der Marine, wie schon wiederholte Male seit dem Zweiten Weltkrieg.
Ordnungspolizeiliche Aktivitäten in der US-Marine fallen nicht in den Verantwortungsbereich einer spezialisierten untergeordneten Einheit. Solche Funktionen, beispielsweise Küstenpatrouillen, werden von temporär befugten Matrosen und Unteroffizieren wahrgenommen. Sie rekrutieren sich aus Schiffsbesatzungen oder Marineeinrichtungen zu Land und achten darauf, dass sowohl an Bord als auch zu Land innerhalb des Marinestützpunktes oder der zivilen Einrichtungen, die im Rahmen des Landganges aufgesucht werden dürfen, die Disziplin eingehalten wird. Sie sind keine Kombattanten, wie es zum Beispiel die Spezialeinsatzkräfte der SEALS sind. Sie haben auch keine spezielle Kampfausbildung, sind aber an Handfeuerwaffen geschult.
Die Sicherheitsfunktionen zu Land und auf See für die US-Marine werden vom Marinekorps wahrgenommen. In einem feindlichen Umfeld oder in Kriegszeiten sind die Hafen-Sicherheitskräfte seeseitig für den Schutz der Schiffe verantwortlich. In den Operationen im Irak waren Hafen-Sicherheitskräfte aktiv, um Selbstmordattentäter in kleinen Schnellbooten von Angriffen sowohl gegen Kampfschiffe als auch Versorgungsschiffe abzuhalten, die den Nachschub für den Irak und Kuwait an Bord hatten.
Die andere Seestreitkraft, das US-Marinekorps, hat bestimmte Polizeifunktionen, die in direktem Zusammenhang mit Sicherheitsoperationen stehen. Wie im Fall der US-Luftstreitkräfte haben diese Funktionen eher defensiven als offensiven Charakter. An Bord von Schiffen unterstützen Angehörige des Marinekorps den Kapitän in der Aufrechterhaltung von Disziplin, dem Schutz sensibler Einrichtungen an Bord und bedienen die Schiffskanonen, sofern Schiffe damit ausgestattet sind. Marines nehmen auch Sicherheitsfunktionen in US-Botschaften und -Konsulaten in der ganzen Welt wahr. Diese konsularischen Aufgaben sind im Allgemeinen banal und regeln beispielsweise den Zugang von Zivilisten zu Büros der US-Regierung im Ausland. Falls eine Botschaft oder ein Konsulat bedroht oder umkämpft wird, sind Marines vorbereitet, das Gebäude oder den Gebäudekomplex unter Einsatz von Waffengewalt zu verteidigen, ein Beispiel für die „Streitmacht der Wahl“.
Das US-Marinekorps unterhält auch spezielle Sicherheitskräfte, die den Auftrag haben, Marineinstallationen und Einrichtungen des State Department außerhalb der kontinentalen USA und Alaskas zu schützen. Die Konfiguration dieser Verbände richtet sich nach Größe, Örtlichkeit und Funktion des Stützpunktes oder der Einrichtung. Sind sie in einem befreundeten Land wie beispielsweise Japan disloziert, fungieren diese Organisationen in Koordination mit dem Gastland.
In überseeischen Marineeinrichtungen nehmen Kampfverbände der Marines die Stützpunktverteidigung und Sicherheitsfunktionen wahr. Dies ist zum Beispiel in Afghanistan der Fall, wo Marines im Verbund mit Einheiten des Heeres operieren. In Afghanistan führen Marines sowohl defensive als auch offensive Operationen durch. Der Schutz von Fliegereinrichtungen des Marinekorps auf feindlichem Territorium wäre Aufgabe der Bodentruppen und des Fliegerpersonals des Marinekorps.
Das Marinekorps hat Militärpolizeieinheiten in seinen vier Expeditionsstreitkräften. Diese Organisationen führen ordnungspolizeiliche Maßnahmen inklusive temporärer Festnahmen durch. Als solche agieren sie primär als Pendant zu den zivilen Polizeikräften, weswegen von ihnen auch nicht erwartet wird, dass sie an Kampfeinsätzen teilnehmen. Aber nachdem Marines unabhängig von Geschlecht oder militärischer Fachausbildung eine Infanterie-Grundausbildung erhalten haben, erwartet man von ihnen, dass sie im Bedarfsfall zu kämpfen in der Lage sind.

Die Militärpolizei der Reservekomponente

Der Beitrag hat sich bisher nur mit der Militärpolizei der US-Streitkräfte im Aktivdienst befasst. Militärpolizeiorganisationen in den Reservekomponenten spielen aber ebenfalls eine wichtige Rolle in den US-amerikanischen Polizei- und Sicherheits-Operationen, und das in einem Ausmaß, dass eine Unterscheidung zwischen aktiven und Reserve-Einheiten im gemeinsamen Einsatz unmöglich wird. Dies rührt vom Umstand her, dass sowohl von aktiven als auch Reservekomponenten dieselbe Professionalität gefordert wird und dass die Leistungsstandards identisch sind.
Dabei haben die Angehörigen des Reservestandes im Allgemeinen gewisse Vorteile gegenüber jenen im Aktivdienst. Der Reservist tendiert dazu, erfahrener und reifer zu sein, weil er seine gesamte Dienstzeit in seiner Einheit verbracht und damit viele Dienstjahre erworben hat. Andererseits wird aufgrund der Rotationspolitik ein Militärpolizist im aktiven Dienst wahrscheinlich in einer Reihe verschiedener Einheiten Dienst versehen und möglicherweise nicht allzu lange im Aktivdienst verweilen. Viele Reservisten sind Polizisten oder Justizwache-Personal im Zivilleben und bringen so die Erfahrungen für ihre Dienstverwendung im Militär mit. Zusätzlich haben viele Reservisten aktiv gedient und profitieren von den Leistungen eines verlängerten Dienstes in der Reservekomponente, wenn sie schon nicht Berufssoldaten werden wollen.
In den letzten Jahren wurden Reservisten - wie jetzt auch wieder - in den Bundesdienst eingezogen, um Einheiten im Aktivdienst zu verstärken. Besonders häufig war dies der Fall in der Nationalgarde der Armee und der Armee-Reserve. Wegen der relativ kleinen Zahl von aktiven Militärpolizeieinheiten ist es im heutigen Konfliktumfeld notwendig geworden, Militärpolizeieinheiten der Reserve in Dienst zu stellen und nach Übersee zu entsenden. Die 107. Militärpolizeikompanie der Nationalgarde der Armee verlegte jüngst in das Militärgefängnis Guantanamo in Kuba, um als Teil des dort stationierten Militärpolizeibataillons Dienst zu versehen. Andere Militärpolizeikompanien der New Yorker Nationalgarde - die 105., 206. und 442. Militärpolizeikompanie - waren im Bundesdienst im Irak im Einsatz, als die USA das Land besetzt hielten. Die oben erwähnte Militärpolizeikompanie der Heeres-Nationalgarde aus Missouri, aus deren Reihen eine Soldatin mit dem Silver Star ausgezeichnet wurde, ist ein weiteres Beispiel.
Die meisten Militärpolizeieinheiten, die sich um Angelegenheiten der Kriegsgefangenen kümmern, stammen aus der Heeres-Reserve. Sie sind speziell organisiert und ausgebildet, um feindliche Kriegsgefangene zu managen und wegzusperren. So ist beispielsweise die oben erwähnte 800. Militärpolizeibrigade, nunmehr als 333. Militärpolizeibrigade in Long Island, New York, stationiert, nach wie vor bereit, untergeordnete Einheiten zu entsenden, wie seinerzeit in den Irak.
Als Teil des amerikanischen Luftstreitkräfteprogramms einer Expeditionsstreitmacht werden Sicherheitskräfte der Nationalgarde und der Air Force-Reserve im Bundesdienst zusammen mit ihren aktiven Pendants regelmäßig eingesetzt. Das SF-Personal bestreitet extensive Ausbildungen zusammen mit Soldaten des Aktivdienstes, und untergeordnete Einheiten werden in aktive SF-Einheiten integriert und mit diesen nach Übersee entsandt.
Gegenwärtig dient SF-Personal der New Yorker Nationalgarde der Luftstreitkräfte in Afghanistan. 2012 wurden zwei Chargen der 105. Sicherheitsstaffel im Kampf verwundet, als sie in der Stützpunktverteidigung eingesetzt waren. Der Unteroffizier Todd J. Lobraico, ein Angehöriger derselben Staffel, erlag seinen Verletzungen, die er bei einem Feuerkampf in der Nähe des Flugplatzes Bagram in Afghanistan am 11. September 2013 erlitten hatte.
Zur See ist die wichtigste Reservekomponente die Reserve der Küstenwache. Deren Angehörige in Hafensicherheitseinheiten versahen ihren Dienst in aktiven Verbänden in irakischen und kuwaitischen Hoheitsgewässern. Gegenwärtig stehen Reservisten auch auf Abruf, wenn sie von aktiven Küstenwache-Einheiten zur Unterstützung von Operationen auf Flüssen und Seen der USA benötigt werden. So sind die Sicherheit und der Schutz von Nuklearanlagen an amerikanischen Flüssen Aufgaben, für die Reservisten der Küstenwache herangezogen werden können.

Zusammenfassung

Nach diesem Überblick über die Militärpolizei der verschiedenen Teilstreitkräfte und Komponenten der US-Streitkräfte sowie über die Art und Weise, wie sie ihre Funktionen und Missionen erfüllen, kann man sich der Frage nähern, ob diese Polizeiorganisationen als „Streitmächte der Wahl“ bezeichnet werden können. Zweifellos fällt die Antwort darauf positiv aus, wenn es um ordnungspolizeiliche Aufgaben und Angelegenheiten der Kriegsgefangenen geht. In jenen Fällen, wo sich ihre Funktionen mit denen der Kampftruppen überschneiden, ist die Antwort nicht so eindeutig. Vielleicht ist es zu viel gesagt, diese Organisationen als „die“ Streitmacht der Wahl zu bezeichnen. In Anbetracht ihrer einzigartigen Begabungen gibt es aber viele Fälle, in denen die Militärpolizei die „bevorzugte“ Streitmacht der Wahl ist.
Während die Militärpolizeiorganisationen der USA keinen sehr prominenten Platz in den Streitkräften einnehmen, wird ihre Präsenz sehr benötigt und - wenn zum Dienst aufgerufen - auch wertgeschätzt. Allerdings scheinen die vielfältigen Fähigkeiten solcher Organisationen noch nicht die richtige Würdigung zu erfahren.
Die Begriffe „Polizei der Streitkräfte“ und „Militärpolizei“ beschwören prinzipiell Bilder jener Männer und Frauen herauf, die Funktionen in Recht und Ordnung in den Streitkräften erfüllen, so wie es ihre Pendants in der Zivilgesellschaft tun. Während es kleine zivile Polizeiorganisationen gibt, die dafür ausgebildet werden, in einer quasi-Kombattantenrolle zu agieren, wird von zivilen Polizeikräften im Allgemeinen nicht verlangt, dass ihre Angehörigen gefechtsähnliche Operationen ausführen. Die Schnittstelle zwischen zivilen und militärischen Polizisten zeigt sich am besten in den Reservekomponenten, die eine große und professionelle Verstärkung der aktiven Kräfte bilden.
So wie Feindseligkeiten immer mehr zu einer Angelegenheit der Bekämpfung unkonventioneller Insurgenten zu werden scheinen, würde man eine gesteigerte Kampfrolle der Militärpolizei erwarten. Gewiss ist das Kampfpotenzial der Militärpolizei und der Sicherheitskräfte des Aktivdienstes und der Reserve - wie schon gezeigt - groß. Aber die Frage ist noch immer berechtigt, ob die Polizei der US-Streitkräfte - unbeschadet ihres niedrigen Profils und ihrer effektiven Leistung - wie die Militärpolizei der US-Armee den Anspruch stellen kann, die „Streitmacht der Wahl“ zu sein oder nicht?