„Zur Entwicklung eines Zweigespanns aus Militär- und Führungswissenschaft[1]

Wolfgang Peischel

Erschienen in Frank, Matyas [Hrsg.]: „Strategie und Sicherheit 2013“, Böhlau-Verlag

 1. Zusammenfassung:

Vor dem Hintergrund eines gegenwärtig deutlich diagnostizierbaren, allgemeinen Strategiedefizits in den Bereichen der Sicherheitspolitik und der gesamtstaatlichen Zielfindung aber auch der privatwirtschaftlichen Unternehmensführung und der sich daraus ableitenden Anforderungen an ein Fähigkeitsprofil für künftige Führungskräfte wird versucht, in einer Akzentuierung und horizontalen Erweiterung bzw. einer Abstraktion von Inhalten der Militärwissenschaft in Richtung einer „Allgemeinen Führungswissenschaft“ die Antwort zu finden, mit der unter Nutzung vorhandener Fähigkeiten und Strukturen der größtmögliche gesamtstaatliche Nutzen hinsichtlich einer wissenschaftlich fundierten, auf langfristige strategische Zielerreichung abstellenden Führungsausbildung für militärische und zivile Bedarfsträger erzielt werden kann.

Gerade ein kleinerer Staat wie Österreich, mit seinem starken humanistischen Bildungshintergrund und seiner aufklärerisch geprägten, systematisch aktualisierten Führungsphilosophie, könnte mit der Weiterentwicklung der Militärwissenschaft und der Etablierung einer daraus abgeleiteten „Allgemeinen Führungswissenschaft“ eine Vorreiterrolle in Europa übernehmen und so einen solidarischen Beitrag zu dessen sicherheitsbezogener Entwicklung leisten, der in Anbetracht des dringenden Bedarfs an strategischer Führungsexpertise u.a. von politischen, militärischen und privatwirtschaftlich-unternehmerischen Führungskräften mit Interesse angenommen werden dürfte.

2. Strategiebedürftigkeit der Führung

Der EU würde es an der erforderlichen Aufmerksamkeit für die Entwicklung Chinas fehlen, Mitgliedstaaten würden auf eigene Faust individuelle strategische Partnerschaften mit globalen Akteuren eingehen anstatt auf europäische Ansätze zu warten, folgert Daniel Möckli[2]. Gunther Hauser[3] konstatiert, dass die EU zwar einerseits die Notwendigkeit einer Vertiefung der strategischen Partnerschaft mit der NATO erkennt, andererseits aber keine greifbaren Ansätze zur Auflösung des Widerspruchs zwischen Soft Power-Prävention und „preemptive engagement“ entwickelt hat und dass die ESS trotz der deklarierten Absicht, auch militärisch außerhalb der Grenzen der EU einzugreifen, eher den Charakter einer vorsichtig formulierten, supranationalen Absichtserklärung hat. Lothar Rühl bestätigt in seiner strategischen Lagebeurteilung zum Jahreswechsel 2012/13, dass es der EU überhaupt an einer einheitlichen Strategie mangle[4]. Lennart Souchon fordert – im Sinne einer neuen Aufklärung – ein Besinnen auf strategisches Denken und Handeln, durch welches sich postmoderne Nationen von den Beurteilungsmethoden des klassischen Staatenkrieges lösen und aus der Umklammerung der tagespolitischen Hektik befreien können[5]. Klaus Naumann mahnt zu klareren strategischen Zielsetzungen für den Einsatz von Streitkräften und thematisiert die Politikbedürftigkeit des Militärischen[6]. Andrea Riemer[7] hinterfrägt, warum die Wissenschaft in den letzten 2 Jahrzehnten keine ordnungsadäquaten strategischen Konzepte entwickelt und damit das Feld einer kurzfristigen Politikgestaltung überlassen habe. Martin Wagener[8] weist darauf hin, dass es bisher zu keiner Herausbildung einer anerkannten akademischen Disziplin „strategische Studien“ gekommen sei und dass Abhandlungen zur Strategie zumeist weitgehend untertheoretisiert wären.

Die Aufzählung von Literaturstellen, die ein Defizit in der strategischen Führungskultur belegen, ließe sich beliebig lange fortsetzen – die vorliegende Auswahl dürfte aber eine ausreichende Vorstellung davon geben, wie evident der Bedarf an einer wissenschaftlich unterlegten, strategischen Führungsexpertise heute geworden ist. Sowohl in der (sicherheits-) politischen, (militär-) strategischen und privatwirtschaftlichen Unternehmens-Führung wird verstärkt wahrgenommen, dass Fehler in der strategischen Zielsetzung nunmehr nicht erst knapp vor Erreichen des Planungshorizontes sichtbar werden, sondern sich schon innerhalb der Funktionsperiode derer zu rächen beginnen, welche für die langfristige Ausrichtung verantwortlich waren.

Der tiefgreifende paradigmatische Wandel, der den Ruf nach strategischer Führungsqualität gegenwärtig laut werden lässt, könnte im Bereich der Sicherheitspolitik in einer Abkehr von Denkmustern des klassischen Staatenkrieges oder im Erreichen der Grenzen der Friedensschaffung durch Demokratietransfer liegen. Im militärstrategischen Kontext könnten hybride Formen der Konfliktaustragung oder Cyber-Gefährdungen, im ökonomischen bzw. unternehmerischen Zusammenhang der aufkommende Zweifel am Leistungsvermögen eines unbegrenzt liberalen und damit staatlicher Kontrolle entgleitenden, kaum mehr wertebasierten Wirtschafts- und Währungssystems, auf einen solchen Wandel hindeuten.

 

3. Was kann eine im Entstehen begriffene Militärwissenschaft dazu leisten?

3.1. Militärwissenschaft „in statu nascendi“

Vor der Beantwortung der Frage muss erklärt werden, warum von einer Militärwissenschaft „in statu nascendi“ ausgegangen wird. Obwohl sie – zumindest dem Begriffe nach – bereits existiert, fehlt sie im hier skizzierten Verständnis einer Militärwissenschaft, welche die Grundlagen zur Deckung des oben dargestellten, dringenden „Strategiebedarfes“ bereitstellt und gleichzeitig ein geschlossenes, in der zivilen akademischen Bildungslandschaft organisatorisch verankertes Studium anbietet, das in einer PhD-Graduierung gipfelt und damit den Ansatz zur Lehrbefugnis in dieser Disziplin sowie zur Selbstregenerationsfähigkeit des Lehrerkaders in sich trägt, aber weitgehend (im engeren Umfeld Österreichs wäre als einzige Ausnahme die Zrínyi Miklós University of National Defence zu nennen).

 

3.2. Kernleistung einer Militärwissenschaft im neuen Verständnis

Es kann nicht deutlich genug unterstrichen werden, dass das „Präfix“ „Militär-“ dabei nicht etwa dahingehend verstanden werden darf, dass Militärwissenschaft Forschung und Lehre ausschließlich durch militärische Führungskräfte oder durch Vortragende ziviler Universitäten exklusiv für angehende Führungsfunktionen in den Streitkräften bedeute. Vielmehr zeigt der Bezug „Militär-“ an, dass es um die Erforschung und Vermittlung von gesamtstaatlich-sicherheitsrelevanten Lehrinhalten geht, die aufgrund der spezifischen Ausrichtung und Eignung der tertiären Bildungseinrichtungen der Streitkräfte/Verteidigungsressorts unter deren Ägide am tiefgründigsten und zweckmäßigsten wahrgenommen werden können. Von besonderem Interesse dürfte diese Disziplin für andere europäische Staaten sein, die den Schritt zu einer Militärwissenschaft im neuen Verständnis noch nicht vollzogen haben und ihre Auszubildenden an eine Bildungseinrichtung entsenden, die ein solches Studium bereits anbieten kann. Gerade im Sinne von „Smart Defence“ böte sich hier für Staaten mit militärwissenschaftlichen „Startvorteilen“ eine Chance für eine sichtbare Profilierung.

 

„Brennstoffzelle“ der Militärwissenschaft

Wenn nun aber weder die rein militärische Führungsqualifikation noch der Lehrauftrag an einer zivilen Universität das maßgebliche Kriterium für die Leitung eines militärwissenschaftlichen Lehrstuhles sein sollen, woraus ergibt sich dann die dafür erforderliche Befähigung? Die Frage soll unter Abstützung auf die Metapher einer „Brennstoffzelle“ der Militärwissenschaft beantwortet werden. Diese ließe sich so beschreiben, dass ein Anwärter auf eine Leitungsfunktion im Bereich der Streitkräfte bzw. des Verteidigungsressorts zunächst bis zu den höchsten Weihen der militärischen Führungs-Curricula ausgebildet und danach gemäß der eigenen Eignung/Neigung und des militärwissenschaftlichen Ressortbedarfs einem zivilen Studium zugeführt wird. Nach Graduierung im zivilen Studium sieht der Absolvent die dort angebotenen Inhalte durch die fachkundig-militärische Bedarfsbrille, transponiert sie auf den militärischen Bedarf und entwickelt sie mit der ihm nun zugänglichen wissenschaftlichen Methodik zu einem genuin militärwissenschaftlichen Gegenstand weiter – erst damit wäre ein militärwissenschaftlicher Lehrstuhl begründet, der einen originär geschaffenen Mehrwert gegenüber bestehenden akademischen Disziplinen aufweist und so seinen Namen erst verdient.

 

Warum soll die Militärwissenschaft beim Verteidigungsressort abgebildet werden?

Woraus – so könnte man fragen – ergibt sich die besondere Eignung militärischer Bildungseinrichtungen, diese sicherheitsrelevante und auch gesamtstaatlich aspektierte Wissenschaft zu beheimaten? Das vorrangige Produkt, das Streitkräfte im Frieden hervorzubringen haben ist die Fähigkeit, im Anlassfall Führungsüberlegenheit und Einsatzwirksamkeit erzielen zu können, weshalb sie im Vergleich zu anderen Bereichen in denen der Erfolg von Konzepten unmittelbar abverlangt wird, mehr Zeit haben, Führungsverfahren systematisch zu erforschen, wissenschaftlich abzuleiten, zu optimieren, auf dem letzten Stand der Entwicklung zu halten und auf mögliche künftige Herausforderungen hin auszurichten. Diese Verfahren beziehen sich auf gesamtstaatlich-sicherheitsrelevante Anlassfälle, die Schaffung von Führungsexpertise unter komplexen Aufgabenstellungen und in zeitkritischen Situationen, die Erhaltung der Führungsleistung trotz persönlicher physischer Gefährdung und psychischer Belastung, Planungsprozesse mit simultan abzuarbeitenden, unterschiedlich weiten Zeithorizonten, bereichsübergreifend vernetzte Führung („übergreifend“ bezogen auf Waffengattungen/-systeme, Teilstreitkräfte sowie auf das Zusammenwirken zwischen zivilen und militärischen an einer Operation beteiligten Elementen) und auf eine entscheidungsvorbereitende Politikberatung an der Schnittstelle zwischen operativer und militärstrategischer/strategischer Führungsebene. Tertiäre militärische Bildungseinrichtungen sind in der Lage, die zu entwickelnden Führungsverfahren auf einem breiten Fundament aufzusetzen, welches u.a. aus der Untersuchung der geistesgeschichtlichen Grundlagen von Führung, den Erkenntnissen einer auf Kriegsverhinderung fokussierten Polemologie, der wissenschaftlichen Herleitung von Führungsprinzipien und -philosophien, der Erforschung der Kulturraumspezifität von Führung bzw. der führungsrelevanten Implikationen interkultureller Kompetenz, einem auf moralisch- ethischen Bezug abstellenden Leadership-Verständnis, der Optimierung von Organisationstheorien hin auf zeitkritische Anlassfälle und einem, hybriden Bedrohungen gerecht werdenden Instrumentarium aus Operations-Research Methoden und Computer-unterstützter Führungssimulation gebildet wird.

Dieses breite Spektrum an spezifischen Fähigkeiten und Vorleistungen, deren im Hinblick auf eine gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge gewachsene, komplexe Verknüpfung und ihre dauerhafte Einbettung in die angewandte Streitkräfteführung, durch welche eine praxisbezogene Bewährung bzw. Weiterentwicklung von Lehrinhalten erst gewährleistet ist (z.B. durch einen systematischen Lessons Learned-Prozess), ergeben ein Alleinstellungsmerkmal, das eine Ansiedelung der Militärwissenschaft (im gegenständlichen Verständnis) bei den militärischen tertiären Bildungseinrichtungen angezeigt scheinen lässt. Unterstrichen muss dabei werden, dass Militärwissenschaft trotz ihrer primären Ausrichtung auf die Heranbildung militärischer Führungsfunktionen, bereits in dieser Konfiguration von Fächern und Inhalten einen sichtbaren Nutzen für mit sicherheitsrelevanten Aufgabenstellungen befasste, nicht militärische Leitungsfunktionen erbringen kann.

 

Ein Definitionsversuch zum Begriff der Militärwissenschaft

Wagt man sich an einen Definitionsversuch heran, dann sollte man sich zunächst gegen das bisherige, unscharfe Verständnis abgrenzen, nach dem Militärwissenschaft häufig mit der Zielsetzung konnotiert worden ist, die Grundlagen für die effektive Führung bzw. Führbarkeit militärischer Auseinandersetzungen zu schaffen. Die sich in Europa gegenwärtig herauszubilden beginnende Militärwissenschaft umfasst hingegen die Gesamtheit der wissenschaftlichen Forschung und Lehre bezüglich des Beitrages von Streitkräften zur gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge (Comprehensive Approach) im Rahmen der sicherheitspolitischen Strategiebildung und Entscheidungsfindung, der Planung, der Strukturierung, der Bereitstellung, des Erhalts, der Führung und des Einsatzes von Streitkräften.

Zur Plausibilisierung dieses Definitionsversuches bietet sich eine zweidimensionale Darstellung an (siehe Abbildung), bei der spaltenweise unterschieden wird, welche Bildungseinrichtung die sicherheitsrelevante Forschung und Lehre betreibt und bei der die Zeilen für inhaltliche Kategorien dieses Forschungs- und Lehrbereiches stehen.

Die erste inhaltliche Kategorie umfasst die akademische Forschung und Lehre bezüglich der allgemeinen bereichs-/ressortübergreifenden, sicherheitsaspektierten Führung unter komplexen Aufgabenstellungen für Führungskräfte in den Streitkräften, Einsatzorganisationen, der Politik, der staatlichen Verwaltung, privatwirtschaftlichen Unternehmen (gekennzeichnet durch eine gesamtstaatliche Orientierung; nach vorherrschender Meinung am ehesten mit dem Begriff der „Wehrwissenschaft“ vergleichbar). Strebt die militärische tertiäre Bildungseinrichtung die Kompetenz einer sicherheitsaspektierten Politikberatung an, so wird eine fachlich begründete, faktische Koordinationskompetenz bzw. Meinungsführerschaft in diesem Bereich, der auf die Bündelung aller staatlichen Ressourcen zum Zwecke einer umfassenden Sicherheitsvorsorge (Comprehensiveness) abstellt, zwingend notwendig.

Die zweite inhaltliche Kategorie ist durch eine thematische Streitkräfteorientierung gekennzeichnet und könnte durch den engeren Begriff der Verteidigungswissenschaft umschrieben werden.

Militärwissenschaft im neuen Verständnis umfasst demnach die, tertiären militärischen Bildungseinrichtungen zugeordneten Anteile beider inhaltlicher Kategorien sicherheitsrelevanter Forschung und Lehre einschließlich der Einbindung derjenigen Segmente zivil universitärer Disziplinen, die sich den genannten inhaltlichen Disziplinen widmen.

Die, den tertiären militärischen Bildungseinrichtungen zugeordneten Anteile der sicherheitsrelevanten Forschung und Lehre lassen sich in zwei prinzipielle zu unterscheidende Arten von Fächern untergliedern, von denen jedes – wenn auch in unterschiedlichem Verhältnis – beide oben dargestellten, inhaltlichen Kategorien beinhaltet. Zum einen wären das die militärwissenschaftlichen Kernfächer, deren Forschungs- und Lehrinhalte an zivilen tertiären Bildungseinrichtungen nicht angeboten werden und die durch die militärische Bildungseinrichtung selbständig zu bestreiten sind (deshalb auch „originäre“ Fächer), zum anderen die Begleitfächer im Rahmen derer militärwissenschaftlich relevante Inhalte ziviler Disziplinen durch eine professionelle, spezifisch-militärische Bedarfsbrille zu betrachten und im Hinblick auf „Führung unter sicherheitsaspektierten Aufgabenstellungen und komplexen Rahmenbedingungen“ zu einem eigenen Lehrstuhl weiter zu entwickeln wären.

Zivile Disziplinen haben unabhängig von der Existenz einer militärischen tertiären Bildungseinrichtung häufig sicherheitsaspektierte Themenanteile. Diese Themenanteile verschiedener Disziplinen sind aber nicht in einen gemeinsamen institutionell/organisatorischen Rahmen eingebettet. Obwohl ihre Summe zwar nominell einen maßgeblichen Anteil der oben beschriebenen ersten inhaltlichen Kategorie darstellt, ergeben sie gemeinsam aber nicht mehr als die rechnerische Summe der Teile. Weil im skizzierten Modell alle militärwissenschaftlichen Kooperationen mit den zivilen Bildungseinrichtungen, welche die Mutterdisziplinen der militärwissenschaftlichen Begleitfächer darstellen, im Angelpunkt der tertiären militärischen Bildungseinrichtung zusammenlaufen würden, ergäbe sich hier für Letztere eine vorsichtige, faktische „Kooperations-/Koordinationskompetenz mit Augenmaß“, die aber keinesfalls im Konkurrenzverhältnis zu zivilen Disziplinen stehen darf.

Kernfächer und Begleitfächer sind gleichrangig zu sehen (es herrscht keine wie immer geartete Über-/Unterordnung). Der Unterschied ergibt sich lediglich daraus, dass die Begleitfächer eine „Mutterdisziplin“ an einer zivilen tertiären Bildungseinrichtung haben (damit kann die akademische Anerkennung/Lehrbefugnis über diese Mutterdisziplin bezogen werden) – die Kernfächer nicht (damit müsste die Lehrbefugnis der dort tätigen Lehrenden langfristig über die Selbstregenerationsfähigkeit der militärischen tertiären Bildungseinrichtung sichergestellt werden).

 

3.3. Themenfeld der Militärwissenschaft

Bevor ein Überblick über Strukturen, Forschungs- und Lehrinhalte eines aus dem vorgeschlagenen Militärwissenschafts-Modell abgeleiteten möglichen Fächerkanons gegeben wird, soll auf zwei wesentliche, für das zugrunde liegende Verständnis charakteristische, Prinzipien eingegangen werden.

            „Organische Führung“

Das Kernthema der Militärwissenschaft im hier dargestellten Verständnis, von dem sich alle weiteren Fächer ableiten, ist „Führung“ im Sinne einer „Organischen Führung“ (Führung im weiteren Sinn). Diese versteht sich als systemisches Wirkungsgeflecht aus einem Bündel von verschiedenen Qualitäten von Führung, das sich von der strategischen Zielfindung/Lagebeurteilung, über operative Planung/Lagebeurteilung, Führung im Sinne von „Command and Control“ (Führung im engeren Sinn), Management und Leadership bis hin zu Controlling bzw. prozessbegleitender Nachsteuerung erstreckt. Dieses Verständnis von Führung, bei dem das Hauptaugenmerk auf einer, dem Zusammenspiel der Organe in einem lebenden Körper vergleichbaren, Synergie von Führungsqualitäten liegt, ist – jedenfalls im Sinne einer institutionalisierten akademischen Disziplin – neu. Eine Fokussierung auf die Themenstellung „Organische Führung“ würde wesentlich dazu beitragen, ein Alleinstellungsmerkmal bzw. Meinungsführerschaft der Militärwissenschaft für den Bereich der sicherheitsrelevanten, gesamtstaatlich aspektierten Führungslehre zu begründen.

 

            „Strategie“ und „Leadership“

Strategie als die leitende Qualität im Rahmen der organischen Führung wird vorrangig als eine Kategorie des Denkens verstanden, die auf langfristige Sicherheit abstellt, sich in der Findung und Vorgabe von Zielen manifestiert und sich deshalb bewusst von der operativen Umsetzung abgrenzt, weil sie dadurch ein Höchstmaß an kreativer Wirkung entfalten kann[9]. Das Prinzip „Leadership“ soll die Brücke zwischen strategischer Zielfindung und operativer Umsetzung schlagen helfen[10], indem es durch ernst gemeinte Empathie für Untergebene/Mitarbeiter Gefolgschaft trotz Einschränkungen erwirkt, die im Hinblick auf die langfristige Sicherheit notwendig sind aber das fachliche Beurteilungs-bzw. Einsichtsvermögen der Geführten übersteigen. Kurzfristige Unternehmenserfolge dürften dabei höchstens als „Kollateralnutzen“ gesehen werden.

            Fächerkanon

Zur Abrundung der Darstellung der Kernleistungen einer neu gedachten Militärwissenschaft soll ein Überblick über einen möglichen Fächerkanon zu deren Umsetzung gegeben werden.

Die militärwissenschaftlichen Kernfächer würden dabei die allgemeine Führungslehre, die Strategie, die operative Führungslehre, die angewandte Führungslehre und die Militärlogistik umfassen.

Die militärwissenschaftlichen Begleitfächer würden einen Themenkomplex aus Forschungs­koordination, Netzwerk-, Wissens- und Qualitätsmanagement, die militärische Sicherheitspolitik (einschließlich Friedenssicherung und Konfliktmanagement), den Bereich der militärischen Geistes- und Sozialwissenschaften (Ethnologie/Kulturwissenschaft, Militärphilosophie, Polemologie, Wissenschafts-/Erkenntnistheorie, Militärpädagogik), das militärische Sprachwesen und das militärische Publikationswesen, beinhalten.

Die Militärphilosophie hätte sich dabei u.a. mit den geistesgeschichtlichen Grundlagen, v.a. der operativen Führung zu befassen. Militärethik und Erkenntnistheorie – obwohl integraler Bestandteil militärphilosophischer Forschung – würden aufgrund ihrer Bedeutung wohl eher als eigenständige Fächer abzubilden sein. Polemologie wäre schwergewichtsmäßig als „Kriegsursachenforschung“ auszulegen und auf die Zielsetzung der „Kriegsverhinderung“ auszurichten. Ethnologie und militärisches Sprachenwesen hätten einen wesentlichen Beitrag zur Schaffung interkultureller Kompetenz zu leisten.

 

4.    „Allgemeine Führungswissenschaft“ im Sinne einer abstrahierten, akzentuierten, und horizontal erweiterten Militärwissenschaft

4.1. Charakteristik der Führungswissenschaft

Noch während die materiellen Inhalte sowie die Lehr- und Forschungsstrukturen der oben beschriebenen Militärwissenschaft im neuen Begriffsverständnis im Entstehen begriffen sind, zeigt sich bereits ein neuer, erweiterter thematischer Bedarf, der am zweckmäßigsten ebenfalls durch die tertiären Bildungseinrichtungen von Streitkräften abgedeckt werden könnte. Mit dem vorliegenden Beitrag soll u.a. versucht werden, diesen Bedarf zu erfassen und ihn als mögliche visionäre Leitlinie für die derzeitige militärwissenschaftliche Neuausrichtung tertiärer Bildungseinrichtungen von Streitkräften zu definieren.

Sowohl der Wandel des Gefährdungs- und Bedrohungsbildes als auch die Verschärfung des wirtschaftlichen Konkurrenzdruckes haben zu einem neuen Anforderungsprofil an Führungskräfte geführt, das in wesentlichen Dimensionen und auf einem bestimmten Abstraktionsniveau für militärische, politische und in privatwirtschaftlich geführten Unternehmen tätige Leitungsfunktionen gleichermaßen zutrifft.

Eine „Allgemeine Führungswissenschaft“, die sich dem Generalthema „Führung unter sicherheitsaspektierten Aufgabenstellungen und komplexen Rahmenbedingungen“ widmet, könnte dann einen wesentlichen Beitrag zur Deckung dieses gegenwärtig entstehenden Bedarfes an strategischer Zielfindung und organischer Führung leisten, wenn sie

  •        auf den Vorleistungen einer neu gedachten Militärwissenschaft aufbaut, aus ihr aufwächst,
  •        sie akzentuiert, horizontal erweitert, aus ihr abstrahiert
  •        und das Verhältnis zwischen militärischen (Führungskräfte in den Streitkräften) und nicht militärischen Hörern (Führungskräfte in Einsatzorganisationen, der Politik, der staatlichen Verwaltung, privatwirtschaftlichen Unternehmen) deutlich zugunsten Letzterer verschiebt.

 

Die Allgemeine Führungswissenschaft versteht sich damit (im Gegensatz zur Militärwissenschaft) nicht mehr nur als Grundlage für die bereichs-/ressortübergreifende, sicherheitsaspektierte Führung unter komplexen Aufgabenstellungen, sondern als deren tatsächliche Akademische Forschung und Lehre selbst.

 

Die im Definitionsversuch angesprochene „Akzentuierung“ drückt sich in einer Beschränkung auf die gesamtstaatlich aspektierte inhaltliche und den Anteil der streitkräfteorientierten inhaltlichen Kategorie der militärwissenschaftlichen Forschung und Lehre aus, die allgemeine, aus der militärischen Führungslehre abstrahierte Führungsprinzipien und -verfahren zum Gegenstand hat (siehe Abbildung). Sie bezieht sich aber auch auf eine stärkere Betonung der strategischen Zielfindung, der bereichsübergreifenden-gesamtstaatlichen Führung, einer auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit abzielenden Planung und einer Ausweitung auf Führungsaufgaben, die zwar nicht mehr ausschließlich sicherheitsrelevant sind, aber dennoch mit Hilfe der abgeleiteten, allgemeinen Führungsprinzipien/-verfahren bewältigt werden können.

 

Die horizontale Erweiterung bezieht sich auf eine Verbreiterung des Spektrums von zivilen universitären „Mutterdisziplinen“ als Mentoren für neue Begleitfächer, vor allem auf der Ebene der gesamtstaatlich aspektierten inhaltlichen Kategorie der Militärwissenschaft.

Unter dem Prinzip der Abstraktion wird eine Abgrenzung vom reinen Streitkräfteführungsbezug und eine Fokussierung auf, aus der militärischen Führungslehre abstrahierte, allgemeine, d.h in der zivilen und militärischen Führungspraxis gleichermaßen anwendbare Grundsätze, verstanden. Damit wird eine Basis geschaffen, die ohne wesentliche militärische Vorkenntnisse auch für zivile Hörer zugänglich bzw. verständlich ist und einen höheren Nutzen für deren jeweiligen späteren Führungsbereich abwirft. Ausgehend von dieser Basis wäre durch die Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Vertiefungsfächern eine Spezialisierung im Sinne einer Vorbereitung auf zivile und militärische Folgeverwendungen anzubieten.

Militärische Führungsfunktionen hätten darüber hinaus den Überhang der Militärwissenschaft über die Führungswissenschaft (dieser besteht vor allem im konkreten, angewandten Einsatzführungsbezug der streitkräfteaspektierten inhaltlichen Kategorie) durch postgraduale Ausbildungsgänge (Generalstabslehrgang) abzudecken – eine Lehrbefugnis für militärwissenschaftliche Kernfächer könnte durch ein auf den Generalstabslehrgang aufgesetztes PhD/Militärwissenschaft erreicht werden.

Vor allem für nicht-militärische Studierende wäre die Möglichkeit eines, auf den folgeverwendungsspezifischen Vertiefungsteil aufsetzenden PhD/Führungswissenschaft zu bieten.

 

4.2. Themenfeld der Führungswissenschaft

Kerninhalte der Führungswissenschaft sind „Organische Führung“ und „strategische Zielfindung“ wie sie unter dem Modell einer neu gedachten Militärwissenschaft beschrieben worden sind, allerdings auf einem auch dem zivilen Führungsbedarf gerecht werdenden Abstraktionsniveau.

Die „Organische Führung“ hätte dabei insbesondere in Richtung des Zusammenwirkens zwischen den Qualitäten von Führung (strategische Zielfindung bis prozessbegleitende Nachsteuerung), deren Prozessschritten (inklusive der Synchronisierung/zeitlichen Staffelung mehrerer, gleichzeitig zum Tragen kommender Planungshorizonte) und der erforderlichen Bereichsübergreifung, weiterentwickelt zu werden.

Das Fach Strategie wäre über eine jeweils militärische/militärstrategische, geostrategische, politische oder privatwirtschaftliche Partikularsicht hinauszuheben und in Richtung einer Grundlage für eine langfristige Zielsetzung weiter zu entwickeln, die alle genannten Bereiche gesamtheitlich umfasst. Leadership sollte über die Brückenfunktion zwischen strategischer Zielfindung und operativer Umsetzung hinaus auch im Sinne eines Bindeglieds zwischen Führung i.e.S. und Management erforscht und erfasst werden.

Führungswissenschaft hätte sich mit dem insbesondere im deutschsprachigen Raum vorherrschenden synergetischen Verhältnis zwischen dem theoretisch-rationalen und dem empirisch geleiteten Wissenschaftsparadigma vertiefend auseinanderzusetzen.

 

Weitere, in wechselseitiger, systemischer Abhängigkeit voneinander stehende Themenschwerpunkte liegen in

  •        der Rückbesinnung auf die, den eigenen operativen Verfahren zugrunde liegenden Führungsphilosophie und der Darstellung ihrer Übertragbarkeit auch auf nicht-militärische Führungsaufgaben,
  •        der Schaffung eines Verständnisses bezüglich der Phänomene „Charisma“, „kriegerischer Genius“, „geborener Leader“, das in Richtung „selektive Grundbegabung – systematische Ausbildung – Internalisierung“ auflöst,
  •        der Erklärung des Wesens und Nutzens der Zerlegung und Aufteilung von Führungsaufgaben auf unterschiedliche Führungsebenen (einschließlich des Zusammenspiels dieser Ebenen),
  •        der Untersuchung iterativer Planungsprozesse mit Bezug auf deren kriegstheoretische Vorläufer (u.a. „Hermeneutischer Zirkel“ bei Carl von Clausewitz),
  •        der Darstellung des Prinzips der bereichsübergreifenden Führung (z.B. Jointness, Comprehensiveness) als Ausdruck einer prozessual gegliederten, im Verhältnis zu einer divisional ausgerichteten Organisationsstruktur,
  •        der Übertragung des Wesens der auftragstaktischen Führung, des Stabsdenkens und des arbeitshypothetischen Entscheidungsfindungsverfahrens auch auf den nicht-militärischen Anwendungsbereich,
  •        der weiteren Vertiefung der Polemologie in Richtung eines positiven Friedensbegriffes,
  •        der Einbindung der aktuellen Verfahren des Szenario-Managements, des Operations Research/Führungssimulations-Bereiches und der Erkenntnisse über soziale Netzwerke und Cyber-Technologien,
  •        der Erfassung der Nutzens der militärischen Einsatzlogistik für zivile Führungsverfahren,
  •        der Schärfung führungsrelevanter Methoden der Rhetorik und Überzeugungs- bzw. Vortragstechnik
  •        und der Neubewertung des Publikationswesens als einem zentralen Werkzeug der strategischen Kommunikation.

 



[1]       Der hier abgedruckte Text gibt ausschließlich die persönliche Meinung des Verfassers wieder und entspricht daher nicht notwendigerweise der Auffassung des BMLVS.

[2]       Vgl. MÖCKLI, Daniel (Editor): Strategic Trends 2012 – Key Developments in Global Affairs, Center for Security Studies (CSS), ETH Zürich – 2012. ISBN 978–3–905696–36-3, Seite 8f

[3]       Vgl. HAUSER, Gunther: Die Europäische Sicherheitsstrategie (ESS) in Österreichische Militärische Zeitschrift – ÖMZ, 3/2010, Seite 372ff.

[4]       Vgl. RÜHL, Lothar: Die strategische Lage zum Jahreswechsel in Österreichische Militärische Zeitschrift – ÖMZ, 1/2013, Seite 4

[5]       Vgl. SOUCHON, Lennart: Carl von Clausewitz - Strategie im 21. Jahrhundert, E.S. Mittler & Sohn GmbH, Hamburg, Berlin, Bonn – 2012, ISBN 978-3-8132-0939-6 , Seite 10

[6]       Vgl. NAUMANN, Klaus: Einsatz ohne Ziel? Die Politikbedürftigkeit des Militärischen, Hamburger Edition HIS Verlagsgesellschaft mbH, Hamburg, 1. Auflage 2008, ISBN 978-3-936096-98-9

[7]       Vgl. RIEMER, Andrea K.: Strategische Theorien und Politikgestaltung im 21. Jahrhundert in Österreichische Militärische Zeitschrift – ÖMZ, 1/2010, Seite 24

[8]       Vgl. WAGENER, Martin: Über das Wesen der Strategie in Österreichische Militärische Zeitschrift – ÖMZ, 4/2010, Seite 443

 

[9]       Vgl. PEISCHEL, Wolfgang, 2010, “Zum Nutzen der Definition des Strategiebegriffes – eine perspektivische Betrachtung“ in BIRK, Eberhard (Hrsg.) im Auftrag der Gneisenau Gesellschaft der OSLw e.V., 2010, GNEISENAU-BLÄTTER – Band 9, „Technik-Innovation-Strategie“, Fürstenfeldbruck, http://www.gneisenau-gesellschaft.de

[10]     Vgl. PEISCHEL, Wolfgang / HOLLERER Franz: Leadership - Ein Führungsprinzip zwischen Anspruch und Wirklichkeit, in SIAK Journal - Ausgabe 2/2011, BMI, Seite 18 bis 28