Moltke und Königgrätz

Im Spannungsfeld von militärischer Revolution und Revolution in Military Affairs (RMA)

Eberhard Birk

 

Am Morgen vor der Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866 galt Österreich noch als stärkste Macht Zentraleuropas, am Abend des 3. Juli war es Preußen: „Casca il mondo“ 1) - die Welt stürzt ein! Dieses klassische Diktum des päpstlichen Staatssekretärs Antonelli bringt in aller Kürze und Prägnanz die zentrale Bedeutung dieser „Entscheidungsschlacht“ für das europäische Kriegswesen der neueren und neuesten Geschichte auf den Punkt. Die politischen Folgen waren dramatisch: Zerschlagung des Deutschen Bundes, territoriale Abrundung Preußens durch Annexionen sowie Bildung des Norddeutschen Bundes als Katalysator der kleindeutschen Lösung durch Schutz- und Trutzbündnisse mit den erstmals tatsächlich souveränen süddeutschen Staaten - und Österreich war nach Jahrhunderten ohne staatliche Verbindung mit „Deutschland“.

Daher lässt sich „Königgrätz“ auch - aus militärhistorischer Betrachtung heraus - als ein janusköpfiges Prisma in Vergangenheit und Zukunft verstehen. Einerseits ist die Schlacht aus österreichischer Perspektive nicht nur durch die farbenprächtige Dislozierung der k.k.-Heerscharen auf dem böhmischen Kriegstheater ein Schlusspunkt des alteuropäischen Kriegswesens,2) das trotz der Auswirkungen der Französischen Revolution auf das Militär im napoleonischen Zeitalter durch die siegreiche Restauration weitgehend zum Methodismus des Absolutismus zurückfand. Andererseits markiert der 3. Juli 1866 durch die aufstrebende, das europäische Mächtegleichgewicht herausfordernde Dynamik Preußens etwas mehr als ein Jahrhundert nach den Schlesischen Kriegen die Entscheidung zur ersten deutschen Teilung - und das, obwohl er als „Deutscher Krieg“ „auf beiden Seiten nur mit halbem Herzen begonnen und durchgefochten (wurde, E.B.), auch wenn in Preußen, mehr noch als in Österreich, die Nation selbst in den Kampf geführt wurde. Ihre Massenheere schlugen in Gehorsam und Disziplin die Schlachten, deren Sinn sie nicht verstanden.“ 3)

Gleichzeitig zeigte der „Bruderkrieg“ - wie der nordamerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) - aber auch das Potenzial auf, das neue technologische Entwicklungen auf militärischem Terrain, eingebunden in eine neue Doktrin, vor dem Hintergrund der industriellen Revolution für das Führen von Kriegen der Zukunft „On the Road to Total War“ 4) bereithielt. Dass daher ein Großteil militärischer Gewissheiten vergangener Zeitalter für die Führung moderner Armeen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr anwendbar war,5) erkannte auch der preußische Generalstabschef Moltke: „Aber das Fortschreiten der Technik, erleichterte Kommunikation, neue Bewaffnung, kurz, völlig veränderte Umstände, lassen die Mittel, durch welche früher der Sieg errungen wurde, und selbst die von den größten Feldherren aufgestellten Regeln vielfach als unanwendbar auf die Gegenwart erscheinen.“ 6)

Der Krieg von 1866 war daher einerseits „sozusagen ein Krieg zwischen den Zeiten und außerhalb der Normen seiner Epoche.“ 7) Er war aber auch - andererseits - die Mitte der so genannten Reichseinigungskriege, die sich alle in ihrem Charakter voneinander, kaum jedoch in den „klassischen“ Kriegsgründen unterschieden: Der 1864er-Krieg war ein Bundes-Exekutionskrieg zur Durchsetzung internationalen, europäischen Rechts, jener von 1866 war ein Sezessionskrieg Preußens vom Deutschen Bund, und der zur Reichseinigung führende (klein-)deutsch-französische Krieg von 1870/71 war eine um die Hegemonie im west- und zentraleuropäischen kontinentalen Raum geführte machtpolitische Auseinandersetzung.8) Das militärhistorische Interesse richtete sich dabei vornehmlich auf die drei bekannten Schlachten: Düppeler Schanzen am 18. April 1864, Königgrätz am 3. Juli 1866 und Sedan am 1./2. September 1870.

So sehr Militärhistoriker und Militärs, nicht zuletzt aus Gründen des individuellen Professionalisierungsbestrebens, operationsgeschichtliche Studien und Schlachtenbeschreibungen als objektive „Generalstabsdarstellungen“ und subjektive Zeitzeugenschilderungen kennen, lesen und kritisch-reflexiv sich anzueignen suchen, so sehr gilt es gleichzeitig auch, den Blick auf die sie begrenzenden Rahmenbedingungen zu werfen, die oftmals - unvorherseh- und daher nicht steuerbar - dem außermilitärischen Raum entspringen, gleichwohl jedoch dramatisch auf das Militärwesen einwirken.9) Die geweitete (militär-) historische Perspektive, verbunden mit einem auch pädagogisch-didaktischen Impetus, verdeutlicht die Notwendigkeit, Militärgeschichte eingebunden in die Triebkräfte und Beschleuniger der allgemeinen Geschichte zu begreifen,10) will man nicht Gefahr laufen, aufgrund zu eng gefasster Prämissen zu falschen „Lessons learned“-Konstrukten zu gelangen, die isolierten Zirkelschlüssen - bad history, worse policy, wrong strategy - anhaften.

Daher soll hier, ausgehend von einer Typologie von militärischen Revolutionen und Revolutions in Military Affairs über die allgemeinen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Vorfeld der so genannten Reichseinigungskriege, deren Auswirkungen auf die Grundlagen, Chancen und Grenzen strategischer, operativer und taktischer Führung - bezogen im Fokus auf den Feldzug der „Entscheidung 1866“ - ein Interpretationsmodell aufgezeigt werden, das es erlaubt, der reinen Deskription zu entkommen, und auch perspektivisch das Potenzial hat, auf andere militärhistorisch relevante Ereignisse und Prozesse Anwendung zu finden.

 

Militärische Revolutionen (MR) und Revolutions in Military Affairs (RMA)

Militärische Revolution

So wie im 17. und 18. Jahrhundert der Wachstumsprozess der Staatsgewalt und die stehenden Armeen eine stetige Verfügungsgewalt der Monarchen über die bewaffnete Macht bedeuteten, was gegenüber dem Zeitalter vor und während des Dreißigjährigen Krieges eine militärische Revolution darstellte und für ein neues Kriegsbild sorgte,11) so führte auch die Französische Revolution mit ihren politischen, gesellschaftlichen und militärischen Auswirkungen zu einer Revolutionierung des Kriegswesens, das in Napoleon seinen Meister fand.12) In diese Reihe militärischer Revolutionen gehört auch die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts beginnende Industrialisierung, die die Möglichkeiten der Kriegführung in dramatischer Weise veränderte. Diese in ihren Auswirkungen das Kriegswesen revolutionierenden Veränderungsprozesse erfolgten niemals sofort, aber genauso grundlegend, wie es später die nationalistische und technisch-volkswirtschaftliche Totalisierung in ihren Verirrungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts13) wie auch die Nuklearisierung des Kriegsbildes14) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bewirkte, die nun, spätestens seit der Zeitikone „9/11“, von einem Zeitalter der Ungewissheiten der asymmetrisch „Neuen Kriege“15) abgelöst wird.

Dieser kursorische Überblick über die die Epochen abgrenzenden Einschnitte und Prozesse erklärt durch deren historisch-politische, gesellschaftliche und soziale Faktoren die Bellizität des neuzeitlichen Europas mit eruptiven Veränderungsprozessen und Auswirkungen: „Military revolutions (...) fundamentally change the framework of war (...) Military revolutions recast society and the state as well as military organizations. They alter the capacity of states to create and project military power. And their effects are additive.“ 16) Das äußere Kennzeichen einer militärischen Revolution wäre demnach die Erhöhung des Grades der Ressourcenmobilisierungskapazität durch sich abwechselnde „harte“ und „weiche“ Katalysatoren wie Staat, Nation, Industrialisierung, Ideologisierung sowie Nuklearisierung und für die Gegenwart möglicherweise „Kultur“.17)

Unter Zugrundelegung dieser Typologie fällt auf, dass eine Entgrenzung des Krieges insbesondere durch „weiche“ Instabilitätsfaktoren erfolgte: Dies galt in den frühneuzeitlichen, konfessionell aufgeladenen Staatsbildungskriegen vor dem Absolutismus, der Nationalisierung im Zuge der Französischen Revolution, der Ideologisierung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie auch in der sich für das 21. Jahrhundert abzeichnenden Konstellation durch eine sich in asymmetrische Formen kleidende Re-Konfessionalisierung respektive sich auf die „Kultur“ oder religiös begründete Werte als Movens beziehende Kriegführung.

Dabei gilt für die die Rahmenbedingungen des Kriegswesens - auf strategischer Ebene - neu definierenden politischen und gesellschaftlichen Revolutionen die gleiche Einsicht wie für die stärker die technologischen, organisatorischen und doktrinalen betonenden Entwicklungssprünge auf der operativen Ebene, die unter dem Begriff „Revolutions in Military Affairs“ firmieren: „The term ‚revolution‘ is not meant to insist that change will be rapid (...) but only that the change will be profound, that the new methods of warfare will be more powerful than the old.“ 18)

 

Revolutions in Military Affairs (RMA)

Im Gegensatz zu einer militärischen Revolution versteht man unter einer RMA in der Regel eine rein militärische Effizienzsteigerung „sur le terrain“: „An RMA involves a paradigm shift in the nature and conduct of military operations which either renders obsolete or irrelevant one or more core competencies of a dominant player, or creates one or more new core competencies, in some new dimension of warfare, or both.“ 19) Noch umfassender - unter Integration weiterer Facetten - formulierte es der US-amerikanische Verteidigungsminister William S. Cohen: „A Revolution in Military Affairs (RMA) occurs when a nation’s military seizes an opportunity to transform its strategy, military doctrine, training, education, organization, equipment, operations, and tactics to achieve decisive military results in fundamentally new ways.“ 20)

Dessen „politischer“ Begriffsdefinition ging eine mehr als ein Jahrzehnt umfassende wissenschaftliche Diskussion voraus, die militärhistorische Ereignisse und Prozesse danach untersuchte, inwieweit sie exemplarisch die Bedeutung von politisch gewollten, militärisch erwünschten und informations- respektive rüstungstechnologisch durch große finanzielle Mittel subventionierte Überlegenheitspotenziale unterstrichen: „An RMA is a major change in the nature of warfare brought about by the innovative application of technologies, which, when combined with dramatic changes in military doctrine and operational concepts, fundamentally alters the character and conduct of operations.“ 21) Der zunächst fast ausschließlich technikorientierte Ansatz wurde durch eine konzeptionelle Modifizierung und Kontextualisierung begleitet: „It (RMA) is what occurs when the application of new technologies into a significant number of military systems combines with innovative operational concepts and organizational adaption in a way that fundamentally alters the character and conduct of conflict. It does so by producing a dramatic increase - often an order of magnitude or greater - in the combat potential and military effectiveness of armed forces.“ 22)

Für den Erfolg einer RMA sind demnach vier Elemente von zentraler Bedeutung: (1.) Technologischer Wandel, (2.) Operationelle Erneuerung, (3.) Anpassung der Organisation und (4.) Weiterentwicklung des Streitkräftesystems.

Idealtypisch lässt sich eine RMA wie folgt charakterisieren: Sie nimmt „Vorreformen“ aus vorheriger RMA als evolutionäres Kontinuitätsmerkmal auf, nutzt die Möglichkeiten einer neuen militärischen Revolution als Katalysator, steuert technologische Innovation (hardware), bildet eine möglichst teilstreitkräfteübergreifende Doktrin (software) und harmonisiert die Faktoren Raum, Zeit, Kraft und Information. Der Erfolg einer bewussten Steuerung (waffen-) technologischer, organisatorischer oder doktrinaler Entwicklungsschübe zeichnet sich - auf operativer Ebene - durch die Herstellung einer (zeitlich begrenzten) positiven Dissymmetrie aus. Er wird auf dem Gefechtsfeld sichtbar und ist abhängig von einer Integration in eine vernetzte Grand Strategy, denn „revolutions in military affairs take place almost exclusively at the operational level of war. They rarely affect the strategic level, except insofar as operational success can determine the larger strategic equation (...) Moreover revolutions in military affairs always occur within the context of politics and strategy - and that content is everything.“ 23)

 

Rahmenbedingungen zur Mitte des 19. Jahrhunderts

Die industrielle Revolution hatte, nachdem sie zur Mitte des 19. Jahrhunderts wirkungsmächtig auf dem europäischen Kontinent „Fuß gefasst“ hatte, tief greifende politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umwälzungsprozesse zur Folge, die nicht ohne Auswirkung auf die „Kriegskunst“ blieben. Daneben entwickelten sich jedoch auch politische und gesellschaftliche „Bruchlinien“ wie z.B. Nationalstaatsidee vs. dynastische Kabinettspolitik, Politisches System der Restauration/Neoabsolutismus vs. wirtschaftliche Dynamik (inkl. der „sozialen Frage“), humanistisches Bildungsideal vs. „Ausbildung“. Die Taktung des industrialisierten Fabrikwesens begann jedoch in alle Bereiche des Lebens sozialdisziplinierend und „Drill und Disziplin“ einfordernd einzudringen: Schichtdienst in der Fabrik, Etablierung von Schulstundenplänen, Dienstpläne beim Militär.

Wechselseitige Verschränkungen und Abhängigkeiten führten neben einem rasanten Bevölkerungswachstum, der Verschiebung des wirtschaftlichen Schrittmachers zur beginnenden Industriegesellschaft, dem Ausbau von Verkehrs- und Eisenbahnnetzen zu einem wirtschaftlichen Produktionsanstieg. Vor diesem Hintergrund öffneten sich auch für das Militär neue Chancen für die Effizienzsteigerung: Verstärkung von Feuer- und Zerstörungskraft in der Waffentechnik, Nutzung der Eisenbahnlinien für schnelle Aufmärsche, Innovation beim Kommunikationswesen durch die Telegrafie und der Wandel zum modernen Massenheer der tatsächlich allgemeinen Wehrpflicht ohne Stellvertretung.

Dies hatte Auswirkungen auf die Faktoren Raum, Zeit, Information und Kraft: Die Verkürzung des Raumes durch die Eisenbahn sowie die Beschleunigung der Zeit, aber auch der nutzbaren Informationsüberlegenheit durch die Telegrafie erlaubten es, Truppen, Kriegsmaterial und Nachschub innerhalb kürzester Zeit - gegebenenfalls mit „tödlicher“ Präzision planbar - an jeden durch die Eisenbahnlinien definierbaren Punkt zu bringen. Zeit- und Logistikvorsprung konnten bei überlegener Führung durch flexible Konzentration der Kräfte den militärischen Sieg auf dem Schlachtfeld „garantieren“. Eine unterlassene und falsche Planungsarbeit, ein dilatorischer Aufbau von Eisenbahnlinien hingegen konnten in die Katastrophe führen. Grundsätzlich wurden hierdurch Besitz, systematischer Ausbau und Unterhalt eines Eisenbahnnetzes ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zum militärstrategischen Rückgrat jeglicher militärischen Planung.24) Damit wurde jedoch die militärische Schlagkraft eines Staates von seiner industriellen Leistungsfähigkeit - sie sorgte auch für die Erhöhung von Letalität und Destruktion durch Feuer (Kraft) - stärker abhängig als von der bloßen Zahl seiner aufgestellten Truppen.

Dennoch war es natürlich weiterhin ein militärpolitisches Desiderat, und dies war neben der politischen Absicht der Abwehr liberalen respektive bürgerlichen Gedankengutes und der Verhinderung einer Parlamentarisierung der Armee, das durch die Roonsche preußische Heeresreform angestrebte Ziel über eine Erhöhung der Friedenspräsenzstärke durch Herstellung der Wehrgerechtigkeit, der Abschaffung der Trennung von „Landwehr“ und „Linie“ angesichts der Konflikte der 1850er-Jahre eine auch für kriegerische Zwecke personalstarke, bestens ausgerüstete und ausgebildete Streitkraft zu generieren,25) die eine Synthese der beiden Prinzipien „Massenheer“ und „Qualitätsheer“ anvisierte.

Ein hoher Bildungs- und Ausbildungsstand war aufgrund der neuen waffentechnischen Entwicklungen vonnöten.26) Hierzu zählt insbesondere die Einführung des von Nikolaus von Dreyse entwickelten Zündnadelgewehres in der preußischen Armee ab 1848; hinzu kamen die Einführung des Gussstahl-Hinterladergeschützes bei der Artillerie sowie neue hochexplosive Zündstoffe: Feuerkraft, Kadenz, Feuerdichte sowie Reichweite und Treffsicherheit nahmen zu und machten Frontalangriffe der Infanterie, die noch dazu von der Artillerie auf Entfernung gehalten wurde, nahezu unmöglich. Dies erforderte auf taktischer Ebene die sukzessive Abkehr von geschlossenen Infanterieformationen hin zu beweglichen Kompaniekolonnen.27) Dies erhöhte wiederum die Verantwortung der taktischen Führer, gegebenenfalls hinunter bis zum einzelnen Soldaten, deren Selbstständigkeit im Gefecht eine neue Führungsphilosophie - eben die „Auftragstaktik“ - erforderte.28)

Tatsächlich aber konnten alle diese neuen Möglichkeiten für die Kriegführung nur dann ihr gesamtes Potenzial entfalten, wenn es - erstens - aufgeschlossene und lernwillige Spitzenmilitärs gab, die - zweitens - fähig waren, den traditional-konservativen Beharrungskräften die militärischen Vorzüge der neuen Optionen verständlich zu machen, und die - drittens - in der Lage waren, ihre Synergieeffekte durch die Bildung einer Doktrin zu entwickeln sowie - viertens - einen militärischen Erfolg zu generieren.

 

Militärische Führung durch Moltke am Beispiel 1866

Im deutsch-deutschen Krieg von 1866 ging es um die gewaltsame Lösung des preußisch-österreichischen Dualismus, die von Bismarck bereits 1853 während seiner Zeit als Gesandter beim Deutschen Bund in Frankfurt undiplomatisch markant formuliert wurde: „Wir atmen einer dem anderen die Luft vor dem Munde fort, einer muß weichen oder vom anderen ‚gewichen werden’, bis dahin müssen wir Gegner sein.“ 29) Die (gewollten) Friktionen bei der gemeinsamen preußisch-österreichischen Verwaltung der durch den deutsch-dänischen Krieg von 1864 erworbenen Territorien Schleswig und Holstein dienten hierfür nur als Anlass für den vom Königreich Preußen intendierten und initiierten Waffengang, dessen Grund Moltke rückblickend nüchtern, leidenschaftslos und ungeschminkt auf den Punkt brachte: „Es war ein im Kabinet als nothwendig erkannter, längst beabsichtigter und ruhig vorbereiteter Kampf nicht für Ländererwerb, Gebietserweiterung oder materiellen Gewinn, sondern für ein ideales Gut - Machtstellung.“ 30)

Während es für Österreich, dessen europäischer Großmachtstatus selbst bei einer Niederlage unangefochten bleiben würde, „lediglich“ um die Position der dominierenden deutschen Macht ging, konnte sich eine militärische Kraftprobe der beiden Kontrahenten in der „deutschen Frage“ für Preußen sehr schnell zu einer existenziellen staatlichen Herausforderung entwickeln. Ein Bündnis Preußens mit dem italienischen Königreich sowie Geheimverhandlungen mit ungarischen politischen Akteuren31) zwang Österreich - wie im Sommer 1870 die von Bismarck inszenierte spanische Thronkandidatur des katholischen Hohenzollernprinzen Frankreich militärstrategisch das Damoklesschwert eines drohenden Zweifrontenkrieges bescherte32) - zur Diversion seiner Truppen. Damit wurde politisch auch der Gefahr vorgebeugt, in der sich Preußen im Vergleich zur k.k. Monarchie aufgrund seiner unvorteilhaften Wehrgeographie mit geringer strategischer Tiefe und Nähe der Hauptstadt zur Grenze befand.

Moltke hat keine einheitliche „Kriegslehre“ formuliert, wohl aber in verschiedenen Publikationen ein „Erbe“ hinterlassen.33) Viele seiner Einsichten lassen sich - insbesondere auch bezogen auf die mR- und RMA-Konstruktionen - wie ein theoretisches Narrativ zum Feldzug von 1866 lesen. Dessen insbesondere von Bismarck inszenierte „realpolitisch“-strategische Konstellation bildete indes den Bezugsrahmen für die nachfolgende Harmonisierung der (militärisch-)technischen Mittel der Kriegführung auf militärstrategischer, operativer und taktischer Ebene durch den preußischen Generalstabschef.

Da Österreichs Kräfte auch auf dem oberitalienischen Kriegsschauplatz - in doppeltem Sinne „erfolgreich“ - gebunden waren, schien, auch in Ermangelung konkreter und schnell Erfolg versprechender Operationspläne gegen die preußischen Streitkräfte, selbst eine mögliche Rückeroberung Schlesiens, eher theoretischer Natur zu sein. Da preußische Verteidigungspositionen zu einer Zersplitterung der Kräfte und damit zur Verringerung der Möglichkeiten zum operativen Vorgehen bedeutet hätten und ein Krieg auf eigenem Territorium ausgeschlossen werden sollte, blieb als einzige Option, möglichst schnell die eigenen Kräfte - selbst unter Inkaufnahme von Schwierigkeiten bei der Überwindung von Gebirgszügen und um das Kräfte bindende Wirksamwerden des österreichischen Verbündeten Sachsen sowie ein politisch-diplomatisches oder gar militärisches Eingreifen Frankreichs als „Schiedsrichter“ zu unterlaufen - in Böhmen einmarschieren zu lassen. Seine grundsätzliche Conclusio formulierte Moltke bereits 1862 in einem Memorandum: „Der Vorteil Preußens besteht in der Initiative. Wir können unsere Streitkräfte schneller aufstellen als alle unsere deutschen Gegner. Der Erfolg beruht ganz allein in dem sofortigen und rücksichtslosesten Gebrauch derselben.“ 34)

Trotz aller politischer Absicherung und präzise ausgearbeiteter Aufmarschpläne war sich Moltke darüber im Klaren, dass mit Überschreiten der Grenze zwischen Frieden und Krieg die „Nebel der Ungewissheit“ den reibungslosen Ablauf seiner Grundüberlegungen gefährden würden: „Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus (...) Gewiß wird der Feldherr seine großen Ziele stetig im Auge behalten, unbeirrt darin durch die Wechselfälle der Gegebenheiten, aber die Wege, auf welchen er sie zu erreichen hofft, lassen sich auf weit hinaus nie mit Sicherheit feststellen. Er ist im Laufe des ganzen Feldzuges darauf angewiesen, eine Reihe von Entschlüssen zu fassen, aufgrund von Situationen, die nicht vorher zu sehen sind.“ 35)

Die sich ändernden „Situationen“, d.h. Lageentwicklungen, sind auch für den taktischen Führer im Kriege relevant, weshalb der Grundsatz des Führens mit Direktiven auf der höheren, militärstrategischen Ebene als „Auftragstaktik“ auch auf der operativen und taktischen Führungsebene ihre Abbildung finden muss. Bereits 1858 formulierte er hierzu: „Als Regel ist festzuhalten, dass die Disposition alles das, aber auch nur das enthalten muß, was der Untergebene zur Erreichung eines bestimmten Zweckes nicht selbständig bestimmen kann.“ 36)

Dieses Prinzip kann sich indes nur dann wirksam und erfolgreich entfalten, wenn es bereits in Friedenszeiten im Truppenalltag und in Manövern eingeübt wurde und - was meist vergessen wird - der nachgeordnete Bereich Unterführer hat, die über einen entsprechend breiten Bildungshorizont verfügen. Diese Grundvoraussetzung der Auftragstaktik fand in dem zeitgenössischen Bonmot, der preußische Schulmeister habe die Schlacht bei Königgrätz gewonnen, eine überzeitliche „taktische“ Gültigkeit. Ihr zur Seite stand die geistesgeschichtliche Dimension der „operativen“ Führung, die der gebildeten militärischen Führungspersönlichkeit Ziele, nicht aber einzuhaltende Wege vorgab.37) Sie gipfelte in der lapidar-legendären Weisung Moltkes vom 22. Juni 1866 an die Oberbefehlshaber der Ersten und Zweiten Armee: „Seine Majestät befehlen, dass beide Armeen in Böhmen einrücken und die Vereinigung in Richtung Gitschin aufsuchen.“ 38)

Durch die souveräne Handhabung der Aufmarschmöglichkeit Preußens, das hierfür fünf Eisenbahnlinien zur Verfügung hatte - im Gegensatz dazu konnte der österreichische Oberkommandierende der Nord-Armee, Feldzeugmeister Ritter von Benedek,39) lediglich eine nutzen -, war es Moltke, der seit dem 2. Juni 1866 durch Allerhöchste Order seines Königs befugt war, alle Befehle über die operativen Bewegungen der Armee direkt mitzuteilen, möglich, den aus Tradition angenommenen Vorteil einer Stellung auf der inneren Linie, die von österreichischer Seite präferiert wurde, durch ein konzentrisches Vorgehen seiner Armeen in Flanke und Rücken des dann zur operativen Immobilität verurteilten Gegners in ihr Gegenteil, d.h. die Umfassung, zu verkehren. In dieser Situation kann dieser sich nur noch auf der taktischen Ebene, aufgrund der hohen Feuerkraft von Artillerie und Handfeuerwaffen, teuer seine verlorene Manövrierfähigkeit zurückerkämpfen.40)

Eine Versammlung großer Truppenmassen ist darüber hinaus aufgrund von damit verbundenen Versorgungsschwierigkeiten und drohender Beschränkung der Manövrierfreiheit „an sich eine Kalamität“ 41) und deshalb zu vermeiden. Bei Vorbereitung und Durchführung des Feldzuges ließ sich Moltke daher vom folgenden Gesichtspunkt leiten: „Ohne einen ganz bestimmten Zweck und anders als für die Entscheidung alle Kräfte zusammenzufassen, ist daher ein Fehler. Für diese Entscheidung freilich kann man niemals zu stark sein, und dafür ist die Heranziehung auch des letzten Bataillons auf dem Schlachtfeld unbedingt geboten. Wer aber erst an den Feind heran will, darf nicht konzentriert auf einer oder wenigen Straßen vorgehen wollen. Für die Operation so lange wie irgend möglich in der Trennung verharren, für die Entscheidung rechtzeitig versammelt sein, ist die Aufgabe der Führung großer Massen.“

Der ideale Schnittpunkt der Operationslinien lag nicht vor dem Feind, sondern mitten in ihm. Gelingt es, nach den strategischen und operativen Führungstechniken die eigenen Truppen von getrennten Punkten aus der Bewegung gleich von den Endpunkten der Bahnen aus zielsicher koordiniert mit konzentrischen Angriffsbewegungen gegen die feindlichen Streitkräfte und das Schlachtfeld zu konzentrieren - so Moltke -, „hat die Strategie das Beste geleistet, was sie zu erreichen vermag, und große Resultate müssen die Folge sein.“ 42) Bei Königgrätz führte Moltke zum ersten Male in der Kriegsgeschichte drei unabhängig voneinander operierende Armeen - nicht wie Napoleon vor der Schlacht für die Schlacht - mitten im Feind zusammen und gewann so die bis dahin größte Schlacht der Geschichte. Damit reihte er sich unter die bedeutendsten Heerführer ein.

Die „Größe“ eines Feldherrn bemisst sich - in Relation und Abhängigkeit zu seinen Opponenten - an seiner Fähigkeit, nicht nur im Entwurf konzeptioneller Grundlagen, sondern darin, seinen Verantwortungsbereich, unter Beachtung der Zuständigkeiten, optimal für den militärischen Zweck vorzubereiten, und auch das von der Politik vorgegebene Ziel unter sich entwickelnden Lageänderungen zu erreichen. So sehr sich „Königgrätz“ als Topos hierfür eignet, war es doch nicht das erste Beispiel einer erfolgreichen Verknüpfung der durch militärische Revolution und RMA geschaffenen Rahmenbedingungen und Chancen. Bereits Friedrich II. hatte für das Zeitalter des Absolutismus mit der Schlacht bei Leuthen am 5. Dezember 1757 jenes operative und taktische Musterbeispiel erreicht,43) das Napoleon mit seinem Sieg in der „Drei-Kaiser-Schlacht“ bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 für das Zeitalter der französischen Revolutionskriege „wiederholte“.44) Moltkes „Königgrätz“ im und „für“ das Zeitalter der Industrialisierung war einfacher und schwieriger zugleich; schwieriger, weil er, wenngleich umfassend gebildet, als „Nur“-Militär keine Friedrich und Napoleon vergleichbare Macht- und Verantwortungsposition bekleidete, einfacher, da - erstens - die materielle Ausstattung mit Ausnahme der Artillerie durch den Industrialisierungsgrad Preußens im Vergleich zur k.k. Monarchie besser sowie - zweitens - die personelle Lage trotz eines Defizites an Offizieren aufgrund der Erhöhung der Friedenspräsenzstärke durch die „Roonsche Heeresreform“ grundgelegt war, und er - drittens - mit Bismarck einen Souverän der Realpolitik hatte, der ihm durch seine kluge auswärtige Politik einen rein militärischen Handlungsraum schuf. Dennoch gilt für „Moltke und Königgrätz“ als Topos - bei allem Wissen um unzählige Friktionen und den clausewitzschen „fog of war“ - das Gleiche, was Napoleon über Friedrich II. und die Schlacht bei Leuthen als Diktum formulierte: „Diese Schlacht ist ein Meisterstück von Bewegung, Manöver und Entschlossenheit; sie allein würde genügen, Friedrich unsterblich zu machen und ihn in die Reihe der größten Generale zu stellen.“ 45)

 

Feldzug und Schlacht von 1866 im RMA-Prisma

Legt man das zuvor erwähnte Modell zugrunde, lassen sich die vier zentralen Elemente einer erfolgreichen RMA - technologischer Wandel (1.), operationelle Erneuerung (2.), Anpassung der Organisation (3.) und Weiterentwicklung des Streitkräftesystems (4.) - wie folgt klassifizieren:46)

1. Die Einführung des Zündnadelgewehres erhöht den Einsatzwert der Infanterie in der Defensive durch gestiegene Feuerkraft, Reichweite und Präzision. Die Nutzung von Eisenbahnen erhöht Transportkapazität und Geschwindigkeit über große Distanzen. Die Telegrafie erlaubt als wichtigstes operatives Führungsmittel durch die verzugslose Übermittlung von Befehlen respektive Weisungen die Führung und Koordination weiträumig dislozierter und marschierender großer Truppenteile. Den Vorteilen steht indes die Vorausschaubarkeit von Aufmärschen und logistischen Linien als Nachteil gegenüber.

2. Der seit 1848 bis im Kern 1914 erfolgte Bedeutungszuwachs der Eisenbahnlinien für den rasanten personellen und materiellen Aufwuchs bestimmte in diesem Zeitraum das Wesen der Militärstrategie mit dem Prinzip: „Anordnung getrennter Märsche unter Berücksichtigung rechtzeitiger Versammlung“. Gleichzeitig führte dies zur Entstehung einer operativen Führungsebene als Scharnier zwischen der militärstrategischen und taktischen Führungsebene sowie zu einem Wandel zwischen Offensive und Defensive: Der Gewinn der äußeren Linie durch Einsatz der Eisenbahnen (gegebenenfalls Isolierung des Feindes) auf operativer Ebene zwingt den Feind zum Ergreifen der Offensive zur Wiedererlangung der verlorenen Manövrierfreiheit unter Inkaufnahme hoher Verluste gegen feuerstarke taktische Defensivstellungen.

3. Ursache des preußischen Erfolges in den „Reichseinigungskriegen“ und Grundlage für die weiteren militärischen Planungsgrundlagen war die sukzessive Anpassung der Großorganisation Militär: Die Institutionalisierung des durch die allgemeine Wehrpflicht stark angestiegenen „napoleonischen“ Massenheeres, die Organisation in Korps und Divisionen sowie die „Heeresreform“ des Kriegsministers von Roon mit dreijähriger Wehrdienstpflicht in der „Linie“, sich anschließender vierjähriger Dienstpflicht in der Reserve und folgender Einteilung in der Landwehr dienten alleine dem Ziel einer Erhöhung des Mobilisierungsgrades der bewaffneten Macht des Deutschen Reiches, wenngleich noch, staatspolitischer Rücksichten wegen, in den bis 1900 nahezu vereinheitlichten königlichen Kontingentsarmeen, deren dynastische Loyalitäten sich sukzessive zu einer sich als „Kaiserheer“ verstehenden, nationalen Heeres-Streitmacht relativierten.

4. Verbunden wurden die ersten drei Elemente durch die Weiterentwicklung des Streitkräftesystems: Führung durch einen leistungsfähigen Großen Generalstab, Konzentration großer Kontingente zur Entscheidungsschlacht auf dem Gefechtsfeld („Getrennt marschieren, vereint schlagen“), Hervorhebung des Grundsatzes der Führung nach den Prinzipien der Auftragstaktik respektive Weisungen, vorurteilslose Evaluation der Kriegserfahrungen sowie die Implementierung von Ausbildungsstandards auf hohem Niveau. Hierzu gehörte auch - modern formuliert - die Einsicht, dass nicht die Qualität und Quantität der hardware allein den erfolgreichen Ausgang von Operationen und Schlachten entscheidend beeinflussen, sondern deren Vernetzung respektive Synchronisierung durch intelligente software, d.h. Doktrin. Damit wurde auf operativem und taktischem Terrain die preußisch-deutsche Armee inklusive ihres „Gehirns“ zum (unerreichbaren) Vorbild für die Armeen vor dem Ersten Weltkrieg.

 

Fazit und Ausblick

Bismarck und Moltke wurden insbesondere durch ihr Handeln in der kurzen Epoche der „Reichseinigungskriege“ zu politischen und militärischen Heroen der kleindeutsch-borussischen (Militär-)Geschichtsschreibung. Moltke zog als Urbild des Generalstabsoffiziers Scharen von Eleven nach sich, die seinem operativen Genius huldigten, jedoch seinen düsteren Kassandraruf, i.e. die drohende Entfesselung der industrialisierten Bellona, verdrängten. Diesen formulierte Moltke in seiner berühmten Reichstagsrede am 14. Mai 1890: „Die Zeit der Kabinettskriege liegt hinter uns (...) Meine Herren, es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden, - und wehe dem, der Europa in Brand steckt, der zuerst die Lunte in das Pulverfaß schleudert“; vielmehr gehe es dann „um den Bestand des Reiches, vielleicht um die Fortdauer der gesellschaftlichen Ordnung und der Zivilisation, jedenfalls um Hunderttausende von Menschenleben.“ 47) Bismarck hingegen folgte nichts dergleichen: „Es war eine große Schwäche Bismarcks (...), dass er zwar zu handeln, aber keine Tradition zu bilden verstand, dass er neben dem Offizierkorps Moltkes keine entsprechende Rasse [sic] von Politikern schuf, die sich mit seinem Staat und dessen neuen Aufgaben identisch fühlte, die fortgesetzt bedeutende Menschen von unten aufnahm und ihrem Takt des Handelns für immer einverleibte. Geschieht das nicht, so bleibt statt einer regierenden Schicht aus einem Guß eine Sammlung von Köpfen, die dem Unvorhergesehenen hilflos gegenübersteht“ 48) - oder den „Sprung ins Dunkle“ wagt.49)

Die Konzentration auf (brillante) operative und taktische Führung einerseits - geradezu analog zur arbeitsteiligen Industriegesellschaft -, andererseits die fahrlässige politische Führung ohne übergeordnete und integrierende Grand Strategy führte zur Kulminationskatastrophe des Ersten Weltkrieges. Während es 1866 und 1870/71 Bismarck weitgehend gelang, die zum „Absoluten“ treibende Bellona mit ihren neuen Zerstörungskräften in zwei (neo-)absolutistischen Kabinettskriegen einzuhegen, wagte die Reichsleitung 1914 den „Sprung ins Dunkle“. Dieser zu Teilen bewusst und unnötig aufgelöste Zusammenhang machte die Trennung des militärischen Professionalisierungsprozesses auf taktischem und operativem Terrain von politisch vertretbaren Zielsetzungen im Kaiserreich so verhängnisvoll - eine Spätfolge des berauschenden Erfolges in der Phase der Reichseinigung. Wie apolitisch das „strategische Denken“ in weiten Teilen eines sich als Generationen übergreifendes Kooptationskartell begreifendes preußisch-deutsches (Generalstabs-)Offizierkorps wurde, zeigt die Äußerung: „Wir haben zwar ein Sedan und ein Königgrätz geschlagen - aber bis zu einem Leuthen haben wir es noch nicht gebracht.“ 50) Das taktisch-operative Dogma nicht-kriegsentscheidender Schlachten wie einem noch fünf Kriegsjahre folgenden „Leuthen“ - in gewissem Sinne orientiert an einem nach Überlegenheit auf dem Schlachtfeld suchenden RMA-Paradigma - wurde über das politisch-strategische gestellt!

Dies dokumentiert indes die Notwendigkeit, die Geschichte der bewaffneten Macht in allen Staaten und zu allen Zeiten nicht losgelöst von der allgemeinen Geschichte und Strategieentwicklung zu untersuchen und zu bewerten.


ANMERKUNGEN:

1) Zit. nach Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte vom Ende des alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, München 2000, S.199.

2) Vgl. Frank Becker: „Getrennt marschieren, vereint schlagen“. Königgrätz, 3. Juli 1866. In: Stig Förster, Markus Pöhlmann, Dierk Walter (Hrsg.), Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai, 3. Aufl. München 2003, S.216-229.

3) Wolfgang von Groote: Moltkes Planungen für den Feldzug in Böhmen und ihre Grundlagen. In: ders./Ursula v. Gersdorff (Hrsg. i.A. des MGFA), Entscheidung 1866. Der Krieg zwischen Österreich und Preußen, Stuttgart 1966, S.77-104, hier S.93f.

4) Vgl. Stig Förster, Jörg Nagler (Hrsg.): On the Road to Total War. The American Civil War and the German Wars of Unification, 1861-1871, Cambridge 1997.

5) Vgl. Gerhard P. Groß (Hrsg.): Führungsdenken in europäischen und nordamerikanischen Streitkräften im 19. und 20. Jahrhundert, Hamburg, Berlin, Bonn 2001 (=Vorträge zur Militärgeschichte Band 19) und Michael Epkenhans/Gerhard P. Groß (Hrsg.), Das Militär und der Aufbruch in die Moderne 1860-1890, München 2003 (=Beiträge zur Militärgeschichte Band 60).

6) Zit. nach Volkmar Regling: Grundzüge der Landkriegführung zur Zeit des Absolutismus und im 19. Jahrhundert. In: MGFA (Hrsg.), Deutsche Militärgeschichte 1648-1939 (6 Bde), Band 6 Abschnitt IX, München 1983, S.11-425, hier S.386.

7) Groote: Moltkes Planungen, S.96.

8) Vgl. Josef Becker: Von Bismarcks „spanischer Diversion“ zur „Emser Legende“ des Reichsgründers. In: Johannes Burkhardt, Josef Becker, Stig Förster, Günther Kronenbitter: Lange und kurze Wege in den Ersten Weltkrieg. Vier Augsburger Beiträge zur Kriegsursachenforschung (=Schriften der Philosophischen Fakultäten der Universität Augsburg Nr. 49), München 1996, S.87-113.

9) Vgl. MacGregor Knox and Murray Williamson (Hrsg.): The Dynamics of Military Revolutions 1300-2050, Cambridge University Press 2001.

10) Vgl. Rainer Wohlfeil: Wehr-, Kriegs- oder Militärgeschichte?. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen H. 1 (1967), S.21-29. Die hierüber geführte Diskussion wurde auszugsweise wiedergegeben in: Militärgeschichte. Probleme-Thesen-Wege, im Auftrag des MGFA ausgewählt und zusammengestellt von Manfred Messerschmidt, Klaus A. Maier, Werner Rahn und Bruno Thoß, Stuttgart 1982, S.17-59.

11) Vgl. Wolfgang Reinhard: Humanismus und Militarismus. In: F.J. Worstbrock (Hrsg.), Krieg und Frieden im Horizont des Renaissancehumanismus, Weinheim 1986, S.185-204; Johannes Burkhardt: Der Dreißigjährige Krieg, Frankfurt/M. 1992 und Geoffrey Parker: Die militärische Revolution. Die Kriegskunst und der Aufstieg des Westens 1500-1800, Frankfurt/Main 1990 sowie der auf die ideengeschichtlichen Wurzeln eingehende Werner Hahlweg: Die Heeresreform der Oranier und die Antike, Berlin 1941.

12) Vgl. für den Überblick hierzu Siegfried Fiedler: Kriegswesen und Kriegführung im Zeitalter der Revolutionskriege, Koblenz 1988 und mit Bezug zum Topos „Militärische Revolution“ als Beispiel der militärischen Auswirkungen der Französischen Revolution auf die Operationsführung statt vieler Stuart McCarthy, Capitalising on Military Revolution: Lessons from the Grande Armée’s Victory at Jena-Auerstedt. In: Australian defence force journal (2003), 158, S.37-52.

13) Vgl. Stig Förster (Hrsg.): An der Schwelle zum Totalen Krieg. Die militärische Debatte um den Krieg der Zukunft, Paderborn 2002 (=Krieg in der Geschichte Band 13).

14) Vgl. Michael Salewski (Hrsg.): Das Zeitalter der Bombe, München 1995, Bernard Brodie (Ed.): The absolute Weapon. Atomic Power and World Order (1946) und Henry A. Kissinger: Kernwaffen und Auswärtige Politik, München 1959.

15) Vgl. statt vieler Herfried Münkler: Die neuen Kriege, Reinbek bei Hamburg 2002.

16) Knox/Williamson: Military Revolutions, S.6-7.

17) Vgl. hierzu die Grafik bei Eberhard Birk: Die oranische Heeresreform als archimedischer Punkt für die neuzeitliche Kriegskunst. In: ÖMZ 4/2009, S.437-448, hier S.437; zu den Auswirkungen der militärischen Revolutionen auf das Anforderungsprofil des Offiziers vgl. ders., Abschied vom Bild des Offiziers?. In: Gneisenau Blätter 6 (2007), S.62-70; digital abrufbar unter www.gneisenau-gesellschaft.de/gneisenau-blaetter.html.

18) Andrew W. Marshall (Office of Net Assessment Pentagon): Revolutions in Military Affairs, statement prepared for the Subcommittee on Acquisition & Technology, Senate Armed Services Committee, May 5, 1995.

19) Richard O. Hundley: Past Revolutions, Future Transformations. What can the History of Revolutions in Military Affairs tell us about Transforming the U.S. Military? (Santa Monica, C.A.: RAND 1999).

20) William S. Cohen: Annual report to the President and the Congress, Washington D.C.: US Government Printing Office 1999, Kapitel 10 http://www.defenselink.mil/execsec/adr1999/chap10.html (03.07.2009).

21) Paul K. Davies: Transforming the armed forces: An Agenda for Change. In: Richard Kugler/Ellen Frost (Ed.): The Global Century: Globalization and National Security (Washington D.C.: NDU Press, 2001).

22) Andrew Krepinevitch: Cavalry to Computer - The Pattern of Military Revolution. In: The National Interest Fall 1994, S.30-42, hier S.30.

23) Knox/Murray: Military Revolutions, S.179-180.

24) Vgl. für Österreich und Preußen: Burkhard Köster: Militär und Eisenbahn in der Habsburgermonarchie 1825-1859, München 1999 (=Militärgeschichtliche Studien Band 37) und Klaus-Jürgen Bremm: Von der Chaussee zur Schiene. Militärstrategie und Eisenbahnen in Preußen von 1833 bis zum Feldzug von 1866, München 2005 (=Militärgeschichtliche Studien Band 40).

25) Vgl. Dierk Walter: Preußische Heeresreformen 1807-1870. Militärische Innovation und der Mythos der „Roonschen Reform“ (Krieg in der Geschichte, Bd. 16), Paderborn 2003.

26) Vgl. Franz Felberbauer: Solferino und seine Folgen - Sadowa und Sedan. In: ÖMZ 3/2009, S.293-304.

27) Vgl. Bernd Jürgen Wendt: Einführende Bemerkungen (III. Militär und technologischer Wandel). In: Epkenhans/Groß (Hrsg.): Das Militär und der Aufbruch in die Moderne 1860-1890, S.201-207.

28) Vgl. Stephan Leistenschneider: Auftragstaktik im preußisch-deutschen Heer 1871 bis 1914, Hamburg u.a. 2002, S.40-55. Der Begriff wurde indes von einem württembergischen General geprägt, vgl. Gerhard Hümmelchen: Otto von Moser. Ein württembergischer General. In: Wehrwissenschaftliche Rundschau 6/1982, S.196-202, hier S.198.

29) Bismarck 1853 in einem Brief an Ludwig Friedrich Leopold von Gerlach, einen engen Vertrauten des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., zit. nach Theo Schwarzmüller: Otto von Bismarck, München 1998, S.46.

30) Helmuth von Moltke: Geschichte des deutsch-französischen Krieges von 1870-71 nebst einem Aufsatz „über den angeblichen Kriegsrath in den Kriegen König Wilhelms I.“, Berlin 1891 (=Gesammelte Schriften und Denkwürdigkeiten des General-Feldmarschalls Grafen Helmuth von Moltke, Band 3), hier S.426.

31) Vgl. Hans Rothfels: Bismarck, der Osten und das Reich, Darmstadt 1960, S.117-125.

32) Vgl. dazu Josef Becker (Hrsg.), Bismarcks spanische „Diversion“ 1870 und der preußisch-deutsche Reichsgründungskrieg (Band 1: Der Weg zum spanischen Thronangebot Spätjahr 1866 - 4. April 1870), Paderborn 2002.

33) Vgl. Stig Förster (Hrsg.): Moltke. Vom Kabinettskrieg zum Volkskrieg. Eine Werkauswahl, Bonn, Berlin 1992; zu seiner Biografie vgl. Eberhard Kessel: Moltke, Stuttgart 1957 sowie zu seiner Bedeutung Roland G. Förster (Hrsg. i.A. des MGFA): Generalfeldmarschall von Moltke. Bedeutung und Wirkung, München 1991 (= Beiträge zur Militärgeschichte Bd. 33).

34) Zit. nach Gordon A. Craig: Königgrätz, München 1987, S.41.

35) Zit. nach Regling: Grundzüge, S.383.

36) Zit. nach Carl-Gero von Ilsemann: Das operative Denken des älteren Moltke. In: MGFA (Hrsg.), Operatives Denken und Handeln in deutschen Streitkräften im 19. und 20. Jahrhundert (= Vorträge zur Militärgeschichte Band 9), Herford 1988, S.17-44, hier S.23.

37) Vgl. hierzu Wolfgang Peischel: Geistesgeschichtliche Grundlagen operativer Führung im deutschsprachigen Raum. In: ÖMZ 5/2002, S.547-560.

38) Zit. nach Groote: Moltkes Planungen, S.104.

39) Vgl. Oskar Regele: Benedek, München-Wien 1960 sowie Johann Christoph Allmayer-Beck: Der Feldzug der österreichischen Nord-Armee nach Königgrätz. In: Groote: Entscheidung 1866, S.105-141.

40) Dieser hier skizzierte konzeptionelle Gedankengang musste indes nicht zwangsläufig in die Niederlage führen, wie der taktische Verlauf der Schlacht bei Königgrätz aus österreichischer Perspektive zeigt.

41) Aus der Instruktion für die höheren Truppenführer, 1869. In: Moltkes Militärische Werke, hrsg. v. Kriegsgeschichtliche Abteilung des Großen Generalstabes 1891-1912, Bd. 2, 2, S.165; hieraus auch das folgende Zitat.

42) Zit. nach Regling: Grundzüge, S.387. Unter dem hier von ihm benutzten Begriff ist indes jener der operativen Führung zu nutzen.

43) Vgl. Eberhard Birk: Die Schlacht bei Leuthen am 5. Dezember 1757. Eine multiperspektivische Annäherung. In: Österreichische Militärische Zeitschrift (ÖMZ) 1/2008, S.35-48.

44) Vgl. Christopher Duffy: Austerlitz 1805, London 1977 und Robert Goetz, 1805: Austerlitz, Napoleon and the Destruction of the Third Coalition, London 2005.

45) Zit. nach Thomas Carlyle: Friedrich der Große, Berlin 1913, S.399.

46) In Anlehnung an Alain Vuitel, Doktrin und Technologie: Zwillings- oder Halbschwestern. In: Air Power Revue (Der Schweizer Armee) Nr. 3, Dezember 2004, S.5-15, hier S.8.

47) Zit. nach Stig Förster: Helmuth von Moltke und das Problem des industrialisierten Volkskriegs im 19. Jahrhundert. In: Roland G. Förster: Generalfeldmarschall von Moltke, S.103-115, hier S.112f.

48) Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte (Lizensausgabe des Dt. Bücherbundes, München 1923), S.1115f.

49) So der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg, vgl. Klaus Hildebrand: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler, 2. Auflage Stuttgart 1997, S.308.

50) So der Generalleutnant A. von Boguslawski: Betrachtungen über Heerwesen und Kriegführung, Berlin 1897, S.92.