Über das Wesen der Strategie

Martin Wagener

 

Was ist eine „Strategie“? Die Frage ist nicht neu und dennoch aktuell, v.a. aber wird sie sehr unterschiedlich beantwortet. Sowohl in der Politikwissenschaft als auch in der praktischen Politik ist einerseits eine geradezu inflationäre Verwendung des Begriffs „Strategie“ zu konstatieren, andererseits verzichten die meisten Autoren auf eine klare Definition des Terminus. Dies hängt u.a. damit zusammen, dass es trotz eines umfangreichen Schrifttums nicht zur Herausbildung einer anerkannten akademischen Disziplin der „strategischen Studien“ gekommen ist.[1]) Wer Internationale Beziehungen studiert, kann auf Lehrbücher zurückgreifen, die einen Kanon von ähnlichen Wissensgebieten aufweisen. Dies ist im Bereich der strategischen Studien nicht möglich. Zwar gibt es eine ganze Reihe von Abhandlungen zur Strategie, die meisten derartigen Bände sind aber weitgehend untertheoretisiert. Das Gros der Publikationen in diesem Bereich zeichnet sich dadurch aus, dass es Leben und Werk der wichtigsten Militärstrategen zusammenfasst sowie die Militärstrategien der jüngeren Zeit erörtert. Umstritten ist zudem, ob die Beschäftigung mit Strategien überhaupt eine Wissenschaft oder nicht vielmehr eine Kunst ist.[2])

Der vorliegende Beitrag versucht, sich dem Wesen der Strategie jenseits oberflächlicher Etikettierungen zu nähern. Dazu werden zunächst einige etymologische und historische Untersuchungen vorgenommen, um zu zeigen, wie sich der Begriff der „Strategie“ im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat (Kapitel 1). Wurde unter ihm zunächst nur das Geschick des Feldherrn verstanden, entwickelt er sich später bis zur Gesamtstrategie weiter. Anschließend wird auf einer abstrakten Ebene das strategische Gefüge eines Staates dargelegt (Kapitel 2). So soll u.a. zwischen Gesamtstrategie, Sicherheitsstrategie und Militärstrategie unterschieden werden. Nach dieser Differenzierung wird erörtert, welche Wesensmerkmale es gibt, die Strategien jedweder Art auszeichnen (Kapitel 3). Was ist demnach als „typisch“ strategisch zu betrachten? Am Beispiel der Sicherheitsstrategie wird darauf erörtert, in welche inhaltlichen Bestandteile sich diese segmentieren lässt (Kapitel 4). Dieser Schritt ist die Voraussetzung dafür, Kriterien zu entwickeln, um die Sicherheitsstrategie eines Staates testen zu können. Abschließend wird diskutiert, welchen praktischen Wert die Formulierung einer Sicherheitsstrategie haben kann (Kapitel 5).

 

Von der Feldherrenkunst zur Gesamtstrategie

Strategieuntersuchungen stehen fast immer vor dem Problem, sich im sprachlichen Wirrwarr der politisch Verantwortlichen zurechtfinden zu müssen. Denn der Begriff der „Strategie“ wird von Entscheidungsträgern in der Regel unbedacht verwendet. Typisch ist z.B. in diesem Zusammenhang, etwas als Strategie zu bezeichnen, was in der Praxis lediglich auf eine Aneinanderreihung aktueller, halbwegs logisch verknüpfter politischer Handlungen hinausläuft. Hew Strachan kritisiert daher: „The word ‚strategy’ has acquired a universality which has robbed it of meaning, and left it only with banalities.“ [3])

 

Genese

Die etymologischen Ursprünge des Begriffs der Strategie, die im alten Griechenland liegen („stratēgía“), weisen dagegen äußerst klare Inhalte auf. Spätestens 357/356 v. Chr. versuchte Aeneas, sie mit seinem Lehrbuch der „Strategik“ systematisch zu erfassen.[4]) Als Stratege galt derjenige, der ein Heer (griechisch „stratós“) führt („ágein“). Entsprechend wird „stratēgós“ mit General, Feldherr oder auch Offizier übersetzt. Das antike Griechenland kannte Heer- oder Flottenführer, später jedoch auch hohe Beamte als Strategen. Im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. wurde vom „strategos autokrator“ gesprochen, der mit Sondermissionen wie Expeditionen betraut wurde. Der Brockhaus definiert einen „Strategen“ als „jemand, der nach einem genauen Plan handelt, um ein Ziel zu erreichen.“[5]) Die Strategie war folglich Kriegskunst im Sinne der Feldherrenkunst,[6]) wie dies z.B. Abhandlungen von Flavius Vegetius Renatus zu entnehmen ist. Der römische Militärschriftsteller trug 400 v. Chr. mit seiner Schrift „Epitoma Rei Militaris“, auch bekannt als „De Re Militari“, zu einer Systematisierung der Ausbildung des Soldaten und des Gebrauchs militärischen Geräts bei. Seine Ausführungen beziehen sich auf die Ebenen Operation und Taktik. Mit Blick auf einen zielgerichteten Waffeneinsatz spricht er von der „ars belli“,[7]) für deren Aneignung durch den Soldaten der militärische Führer einen „doctorem [...] armorum“[8]) benötige.

Zum etymologischen Umfeld der Strategie gehört auch der Begriff des „Strategems“, der in der deutschen Sprache äußerst ungebräuchlich ist. Im Lateinischen wird „strategema“ mit „Kriegslist“[9]) übersetzt. Ähnlich wird im Duden Stratagem/Strategem als „Kriegslist, Kunstgriff, Trick“[10]) bezeichnet. In der Militärstrategie spielen Strategeme insofern eine Rolle, als sie wichtigstes Kennzeichen der indirekten Strategie sind. Durch diese wird versucht, den Gegner mittels List zu besiegen und dabei eigene Ressourcen zu schonen. Besonders bekannt sind die 36 chinesischen Strategeme, die Täuschungsmanöver aus drei Jahrtausenden zusammenfassen.[11]) Dieser Ansatz wird auch in der berühmtesten chinesischen Strategieabhandlung vertreten. Ca. 500 v. Chr. veröffentlichte Sun Tzu (auch: Sun Tsu, Sun Tse, Sunzi) „Die Kunst des Krieges“, in der bereits im Eingangskapitel festgestellt wird: „Jede Kriegführung gründet auf Täuschung.“[12]) Sun Tzu, der den Feldherrn zur obersten Stütze des Staates erkor, dürfte im asiatisch-pazifischen Raum der bedeutendste bekannte Stratege jener Zeit gewesen sein.

Ursprünge strategischer Abhandlungen lassen sich damit sowohl in Griechenland und Rom als auch in China finden. Alle Autoren verfolgen das gleiche Ziel: Sie versuchen, Planung und Ausführung von Kriegen zu systematisieren, indem sie eine Ziel-Mittel-Einsatz-Koordination vornehmen. Der ritualisierte Charakter gewaltsamer Auseinandersetzungen ist damit aufgelöst und durch ein hohes Maß an Rationalisierung ersetzt worden. Verbunden mit diesen ersten Ansätzen der Verwissenschaftlichung der Kriegführung war das Streben nach Ressourcenschonung und weniger Verlusten. Im Mittelalter wurden strategische Studien in Westeuropa vernachlässigt. Sie wurden dagegen in Byzanz durch Personen wie Leo den Weisen (866-912) weiterentwickelt. Der Fall Konstantinopels 1453, mit dem das Ende des Oströmischen Reiches verbunden war, führte zu einer Ausbreitung antiker Schriften in Westeuropa, die der Strategieforschung neue Impulse gaben. Von griechischen und römischen Analysen wurde auch der Florentiner Philosoph Niccolo Machiavelli (1469-1527) beeinflusst, der zum Begründer der modernen Strategie in Westeuropa wurde. Neben seiner wohl bekanntesten Abhandlung, dem 1532 veröffentlichten „Il Principe“, sind v.a. die 1521 publizierten sieben Bücher „Dell’ Arte della Guerra“ zu nennen. In ihnen wird der Krieg zum Mittel der Staatsräson erklärt.

Der Durchbruch in der Strategieforschung, der bis heute alle wesentlichen Abhandlungen zu diesem Thema beeinflusst, erfolgte aber erst durch die Schriften des preußischen Generals und Kriegstheoretikers Carl von Clausewitz (1780-1831).[13]) Kurz nach dessen Tode veröffentlichte Marie von Clausewitz das Lebenswerk ihres Mannes, das unter dem Titel „Vom Kriege“ bekannt ist. Im ersten Kapitel des zweiten Buches wird „Strategie“ wie folgt definiert: „Es ist also nach unserer Einteilung die Taktik die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht, die Strategie die Lehre vom Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges.“[14]) Im ersten Kapitel des dritten Buches heißt es dazu noch etwas genauer: „Die Strategie ist der Gebrauch des Gefechts zum Zweck des Krieges; sie muss also dem ganzen kriegerischen Akt ein Ziel setzen, welches dem Zweck desselben entspricht, d.h., sie entwirft den Kriegsplan, und an dieses Ziel knüpft sie die Reihe der Handlungen an, welche zu demselben führen sollen, d.h., sie macht die Entwürfe zu den einzelnen Feldzügen und ordnet in diesen die einzelnen Gefechte an.“[15])

Im Umfeld des strategischen Vokabulars finden sich die Begriffe „Konzept“ und „Doktrin“. Ein „Konzept“ kann als „klar umrissener Plan, Programm für ein Vorhaben“[16]) definiert werden, was den Inhalten der Strategie auf den ersten Blick ähnelt und einen synonymen Einsatz ermöglicht. Im allgemeinen Sprachverständnis wird „Strategie“ jedoch wesentlich stärker mit militärischen respektive sicherheitspolitischen Inhalten assoziiert als „Konzept“. Unter „Doktrin“ wiederum wird ein „System von Ansichten, Aussagen [mit dem Anspruch der Allgemeingültigkeit]“ bzw. ein „politischer Grundsatz, politisches Programm“[17]) verstanden. Im Gegensatz zur „Strategie“ ist die „Doktrin“ hinsichtlich ihrer Interpretation von Machtkonstellationen und den sich aus ihnen ergebenden Konsequenzen für das Verhalten des Akteurs statischer und weniger rationalen Kosten-Nutzen-Erwägungen unterworfen.

In den klassischen Texten wird der Kenntnis der Strategie höchste Bedeutung beigemessen. Bei Sun Tzu findet sich dieser Hinweis bereits in der Einleitung: „Die Kunst des Krieges ist für den Staat von entscheidender Bedeutung. Sie ist eine Angelegenheit von Leben und Tod, eine Straße, die zur Sicherheit oder in den Untergang führt. Deshalb darf sie unter keinen Umständen vernachlässigt werden.“ [18]) Niccolo Machiavelli behauptet, es zeichne einen guten Herrscher aus, dass er sich permanent mit strategischen Fragen auseinandersetzt: „Er darf [...] nie den Gedanken an das Kriegshandwerk aufgeben, und zwar muss er sich im Frieden noch mehr damit befassen als im Krieg.“ [19]) Herrscher, die das Handwerk der Kriegskunst vernachlässigen, würden ihre Macht verlieren. Damit knüpft Machiavelli an eines der meist zitierten Axiome der Militärstrategie an, das Vegetius zugeschrieben wird: „Si vis pacem, para bellum.“ Den Originaltexten ist dieser Ausspruch nicht zu entnehmen. Dagegen heißt es bei Vegetius aber sinngemäß: „Igitur qui desiderat pacem, praeparet bellum.“ [20]) Dieser Grundsatz kann bis heute hohe Geltungskraft beanspruchen und ist einer der wesentlichen Schlüssel zum Verständnis sicherheitsstrategischer Überlegungen staatlicher Akteure. Den Krieg zu kennen, um ihn zum Zwecke des Friedens führen oder abwehren zu können, ihn im Idealfall aber gar nicht erst entstehen zu lassen, bleibt die zentrale Anforderung jeder Militär- und Sicherheitsstrategie.

 

Erweiterung des inhaltlichen Bezuges

Das historische Strategieverständnis ist nicht nur stark militärisch aufgeladen, sondern richtet sich auch relativ einseitig auf die Kriegführung, also den planmäßigen Waffeneinsatz zur Umsetzung sicherheitspolitischer Ziele. So schrieb Alfred Thayer Mahan (1840-1914) von „tactics of the battlefield, or in those wider operations of war which are comprised under the name of strategy.“ [21]) In jüngerer Zeit wurde der Strategiebegriff aufgebrochen und grundsätzlich um zwei Komponenten erweitert: Politische Ziele sind, erstens, nicht nur durch Waffeneinsatz, sondern auch durch die geschickte direkte oder indirekte Androhung von Waffengewalt zu erreichen. Zweitens ist selbiges durch diplomatische Mittel möglich, die ebenfalls strategisch eingesetzt werden können.

Auch wenn Clausewitz unter Strategie v.a. die Feldherrenkunst verstand, sind bereits seinen Ausführungen Überlegungen zu entnehmen, die über den rein militärischen Bezug dieses Begriffes hinausgehen. Denn im Werk „Vom Kriege“ spricht er sich eindeutig für das Primat der Politik aus, weshalb er im Krieg „eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“[22]) sieht. Dieser Satz ist oft dahingehend missverstanden worden, dass Clausewitz den Krieg als Ersatz friedlicher Politik oder gar als Selbstzweck verstand. Genau das Gegenteil ist der Fall, „denn die politische Absicht ist der Zweck, der Krieg ist das Mittel, und niemals kann das Mittel ohne Zweck gedacht werden.“[23]) Für sein strategisches Verständnis bedeutet dies, dass er eine enge Beziehung zwischen der militärischen Strategie und der politischen Führung anerkennt. Wörtlich spricht er von „den höchsten Regionen der Strategie [...], da, wo sie an die Politik und Staatskunst grenzt oder vielmehr beides selbst wird“.[24]) Experten vermuten, dass Clausewitz auf diese Weise dazu beigetragen hat, dass nachfolgende Generationen dazu übergingen, politische und militärische Maßnahmen auf höchster Ebene zu koordinieren.[25])

Diesen Ansätzen zum Trotz beherrschte das fast ausschließlich militärisch konnotierte Strategieverständnis die Debatte bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts.[26]) Änderungen ergaben sich erst, als von dem Prinzip, zur Erreichung eines militärischen Ziels militärische Mittel nur gegen den militärischen Apparat des Gegners einzusetzen, abgewichen wurde. General Erich Ludendorff (1865-1937) formulierte dazu die Lehre des „totalen Krieges“.[27]) Der Widerstand des Gegners sollte unter Einbeziehung des gesamten Staatswesens gebrochen werden, wozu auch massive Angriffe gegen die Zivilbevölkerung gehörten. Ludendorff lehnte Clausewitz und dessen Lehren ab, was sich u.a. daran zeigt, dass er sich gegen das Primat der Politik und damit de facto für eine Militärdiktatur aussprach.

Nach 1945 wurde zunehmend die politische Planungs- und Entscheidungsebene in das Strategieverständnis einbezogen. Hier leistete v.a. der Brite Basil Henry Liddell Hart (1895-1970) wichtige Arbeiten. Er kritisiert an der clausewitzschen Strategiedefinition, dass sich diese zu sehr auf den Begriff des „Gefechts“ fokussiere, „thus conveying the idea that battle is the only means to the strategical end.“ [28]) Er unterscheidet deshalb zwischen „strategy“ und „grand strategy“, die von ihm auch als „higher strategy“ bezeichnet wird. Dabei verortet er die Strategie zwischen der Taktik und der Gesamtstrategie: „As tactics is an application of strategy on a lower plane, so strategy is an application on a lower plane of ‚grand strategy’.“ [29]) In der Gesamtstrategie äußerten sich die übergreifenden Ziele der Politik: „For the role of grand strategy - higher strategy - is to co-ordinate and direct all the resources of a nation, or band of nations, towards the attainment of the political object of the war - the goal defined by fundamental policy.“ [30]) Deutlich wird, dass sich die Außen- und Sicherheitspolitik eines Staates aus der Gesamtstrategie ableiten sollte. Liddell Hart sieht in ihr mehr als die bloße „Feldherrenkunst“, da der Gesamtstrategie eine über die Kriegführung hinausgehende Funktion, die Sicherung des Friedens, zukomme: „Furthermore, while the horizon of strategy is bounded by the war, grand strategy looks beyond the war to the subsequent peace. It should not only combine the various instruments, but so regulate their use as to avoid damage to the future state of peace - for its security and prosperity.“ [31]) Dieser Ansatz ist im strategischen Verständnis von Liddell Hart wesentlich, da er im Krieg keinen Selbstzweck sieht und folglich das Ziel eines Streitkräfteeinsatzes nicht nur darin erblickt, die Armee des Gegners zu schlagen. Militärische Auseinandersetzungen würden zur Umsetzung politischer Absichten geführt: „The object in war is a better state of peace.“ [32]) Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Zielsetzungen gelangt Liddell Hart dann auch zu einer klaren begrifflichen Trennung von „Strategy“ und „Grand Strategy“: „Whereas strategy is only concerned with the problem of winning military victory, grand strategy must take the longer view - for its problem is the winning of the peace.“ [33]) Entsprechend klar ist die Reihenfolge, denn „grand strategy should control strategy“.[34]) Dennoch bleibt auch bei Liddell Hart die Gesamtstrategie sehr eng mit der Kriegführung verbunden: „Grand strategy should both calculate and develop the economic resources and man-power of nations in order to sustain the figthing services.“ [35]) Demnach kommt der Gesamtstrategie eine Art Zubringerfunktion für die kriegerischen Handlungen eines Staates zu.

Der Begriff der „Strategie“ wurde, wie J.-P. Charnay beobachtet hat, im Laufe der Zeit einem „semantic change“[36]) unterzogen. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird unter ihm, so der Brockhaus, „die geplante, zielgerichtete Bereitstellung und koordinierte Anwendung aller politisch-diplomatischen, wirtschaftlichen, technologischen und wissenschaftlich-geistigen Kräfte eines Staates sowie seiner Streitkräfte in Frieden, Krise und Krieg“ verstanden. An gleicher Stelle wird eine derartige Gesamtstrategie als „Kombination aller Möglichkeiten [...], die eine Staatsführung zur Erreichung der Ziele des betreffenden Staates aus dessen Machtpotenzial zu entwickeln vermag“,[37]) bezeichnet. Im aktuellen Sprachgebrauch werden, wenn im erweiterten Sinne von „Strategie“ die Rede ist, inhaltlich synonym die Begriffe „Gesamtstrategie“, „Grand Strategy“, „Große Strategie“ oder „Nationale Strategie“ verwendet. Allen diesen Begriffen ist die langfristige Grundsatzplanung eines Staates gemein.

 

Das strategische Gefüge eines Staates

Staaten verfügen in der Regel nicht über eine Strategie, sondern über ein thematisch abgestuftes System von Strategien, die aufeinander aufbauen und je nach Ebene des Entscheidungsprozesses sowie der dabei zu berücksichtigenden Inhalte unterschiedliche Schwerpunkte haben. Richard K. Betts geht davon aus, dass „strategies are chains of relationships among means and ends that span several levels of analysis, from the maneuvers of units in specific engagements through larger campaigns, whole wars, grand strategies, and foreign policies.“ [38]) Diese Differenzierung zeigt, dass Ausführungen zur „Strategie“ eines Staates ins Leere führen, wenn der Begriff zuvor nicht definiert wird. Dazu gehören inhaltliche Zuschreibungen (Militär-, Sicherheits- oder Gesamtstrategie), die über die bloße Wortwahl „Strategie“ hinausgehen. Nur so wird die Ebene der Untersuchung verständlich. Soweit eine derartige Präzisierung nicht erfolgt, setzen Autoren das gewählte Verständnis im jeweiligen Kontext implizit voraus, wodurch ihre Beschreibungen gleichzeitig an begrifflicher Schärfe verlieren. Nachfolgend sollen dazu einige begriffliche Präzisierungen vorgenommen werden, die das strategische Gefüge eines Staates - also sämtliche Ebenen unterhalb der Gesamtstrategie - abbilden.

 

Gesamtstrategie:

Die „Gesamtstrategie“ dient der Regelung sämtlicher Außenbeziehungen eines Staates. Ihr Ziel ist, die Interessen des Akteurs unter Mobilisierung aller vorhandenen Ressourcen möglichst umfangreich umzusetzen. Sie gliedert sich in drei Teilstrategien, die den Themen „Sicherheit“, „Handel und Wirtschaft“ sowie „Werte und Systeme“ gewidmet sind. Der wichtigste Unterschied zwischen der Sicherheitsstrategie und der Gesamtstrategie ist, dass Letztere auch Ziele und Mittel jenseits des sicherheitspolitischen Spektrums umfasst. „Außenpolitik“ kann folglich als Umsetzung der drei Teilstrategien verstanden werden.

 

Sicherheitsstrategie:

Die „Sicherheitsstrategie“ stellt eine Teilstrategie der Gesamtstrategie dar. Sie umfasst die Militärstrategie und die diplomatische Strategie, wobei sie je nach geographischer Positionierung des Akteurs von der Geostrategie beeinflusst wird. Die Sicherheitsstrategie dient der Aufrechterhaltung der Daseinsgrundvoraussetzungen eines Staates (Schutz der territorialen Integrität und Souveränität, des politischen Systems sowie der Bevölkerung und ihrer Güter). Ziel einer Sicherheitsstrategie ist die Nutzbarmachung militärisch induzierter Macht.

 

Militärstrategie:

Die „Militärstrategie“ ist eine Substrategie der Sicherheitsstrategie, die über an die jeweilige Teilstreitkraft angelehnte Teilmengen verfügen kann (z.B. Seestrategie). In Zeiten des Krieges regelt sie den Einsatz des militärischen Instrumentariums. Ziel ist dabei, im Sinne der Sicherheitsstrategie Gefahren durch Maßnahmen des Angriffs oder der Verteidigung effektiv abzuwehren. Dazu werden operative Konzepte erarbeitet. In Zeiten des Friedens trägt die Militärstrategie einerseits zur Abschreckungspolitik bei, andererseits garantiert sie die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte für alle Eventualfälle. Die Militärstrategie arbeitet der diplomatischen Strategie insofern zu, als sie ihr eine Drohkulisse zur Verfügung stellt.

 

Operation:

Mit „Operation“ (lateinisch „opera“ = Handlung, Tat) ist v.a. der „Operationsplan“ verbunden, der „die detaillierte Weiterführung eines strategischen Plans“[39]) ist. Dazu gehört die Bewegung von Truppenverbänden, um das erklärte Kriegsziel zu erreichen. Operationspläne dienen der Umsetzung der Militärstrategie. Der Schweizer Antoine Henri de Jomini (1779-1869) spricht in diesem Zusammenhang auch von „grand tactics“,[40]) was im heutigen Sprachgebrauch aber als „Operation“ gilt.

 

Taktik:

Unter „Taktik“ wird dagegen die „Kunst der Anordnung und Aufstellung“[41]) verstanden. In militärischer Hinsicht ist die taktische Ebene für die Umsetzung des Operationsplans zuständig. In ihr verschmelzen Planung und Durchführung eines Gefechts.[42]) Eine der prägnantesten Definitionen des Begriffs der „Taktik“ stammt von Alfred Thayer Mahan, der schlicht feststellt: „Before hostile armies or fleets are brought into contact (a word which perhaps better than any other indicates the dividing line between tactics and strategy), there are a number of questions to be decided, covering the whole plan of operations throughout the theatre of war.“ [43]) Im strategischen Gesamtsystem entscheiden sich an dieser Stelle Erfolg und Misserfolg der militärischen Seite der Sicherheitsstrategie.[44])

 

Technik und Logistik:

Die Bereiche der Technik und Logistik ermöglichen taktische Maßnahmen. Von ihrer Verfügbarkeit hängen letztlich nicht nur militärstrategische Aktionen ab. Technologische und logistische Fähigkeiten können, je nach Kriegstheater, auch strategische Schwächen kompensieren und sich als ausschlaggebend erweisen.[45]) Zu betonen ist gleichwohl, dass der Akt der Bereitstellung von Technik und Logistik nichts mit rationalen Abwägungen zu tun hat, sondern Ausdruck handwerklicher Fähigkeiten eines Akteurs ist. Ihre hohe Bedeutung wird von Strategen dagegen immer wieder betont. Edward N. Luttwak sieht in der Technik neben der Taktik und der Operation eine von drei militärstrategischen Ebenen.[46])

 

Diplomatische Strategie:

Die „diplomatische Strategie“ ist eine Substrategie der Sicherheitsstrategie und umfasst die Bereiche Bündnispolitik sowie Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen. Sie stellt damit den sicherheitspolitischen Ausschnitt aller diplomatischen Optionen des Staates dar. In Zeiten des Krieges dient sie der Flankierung militärstrategischer Maßnahmen. In Zeiten des Friedens bedient sich die Sicherheitsstrategie v.a. der diplomatischen Strategie, deren Wirksamkeit wiederum zu einem erheblichen Teil von den Optionen abhängt, die von der Militärstrategie zur Verfügung gestellt werden und damit potenziell einsetzbar sind.[47])

 

Bündnispolitik:

Die „Bündnispolitik“ zielt darauf ab, sicherheitspolitische Freunde oder doch zumindest Partner zu gewinnen.[48]) Ein Bündnis kann dabei sowohl durch Verträge als auch im weiteren Sinne durch wohlwollendes Verhalten beider Seiten eingegangen werden. Mit der Bündnispolitik werden grundsätzlich zwei sicherheitspolitische Ziele verfolgt: Zum einen werden Akteure als Bedrohung ausgeschlossen, zum anderen können etwa durch Bündnisverträge neue sicherheitspolitische Handlungsräume eröffnet werden.

Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen:

Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) richten sich dagegen primär an sicherheitspolitische Gegner oder Konkurrenten. Sie haben zum Ziel, Misstrauen zu beseitigen, das eine der wichtigsten Konfliktursachen ist.

 

Geostrategie:

Geopolitik wird als „die Lehre von der Wechselwirkung geographischer und politischer Gegebenheiten“ [49]) definiert. Grundsätzlich ist jeder Staat in eine entsprechende Raum-Mächte-Konstellation eingebunden, die der eigenen Sicherheitspolitik Chancen eröffnet und Grenzen setzt. In einer Geostrategie werden Schlussfolgerungen aus der geopolitischen Lage des Landes gezogen, die wiederum auf die Konfiguration von Militärstrategie und diplomatischer Strategie wirken.

 

Wesensmerkmale

Ohne exakte Einordnung taugt damit der Begriff „Strategie“ nicht als Analysekategorie eines konkreten Untersuchungsgegenstandes. Auf einer abstrakten Ebene können aber gleichwohl Wesensmerkmale festgestellt werden, die bei sämtlichen strategischen Erscheinungsformen zu beobachten sind.

 

Überwindung von Widerstand

Warum entstehen Strategien? Sowohl Feldherren als auch Staatsführer erreichen ihre vorgegebenen bzw. erstrebten Ziele nur dann, wenn sie sich Gedanken darüber machen, welche Wege sie zur Erreichung des Zieles beschreiten können respektive müssen. Anlassgeber eines solchen Reflektionsprozesses sind tatsächliche oder zu erwartende Hindernisse, die den Weg versperren.[50]) Damit gehört es zum Wesen einer Strategie, Widerstand zu überwinden. Wäre ein solcher Widerstand nicht vorhanden, müsste ein Generalstab die Okkupation eines Gebietes nicht planen, sondern könnte in dieses einfach einmarschieren - und bräuchte keine Militärstrategie. Entsprechend weist Clausewitz darauf hin, „dass der Krieg keine Tätigkeit des Willens ist, die sich gegen einen toten Stoff äußert [...], sondern gegen einen lebendigen, reagierenden.“ [51]) Luttwak sieht jede strategische Logik außer Kraft gesetzt, wenn die Reaktionsfähigkeit des Gegners nicht mehr beachtet werden muss. „Wenn der Gegner so schwach ist, dass seine Truppen wie passive Ziele behandelt werden können, besitzt die normale lineare Logik der industriellen Produktion mit all ihren üblichen Kriterien produktiver Effizienz volle Gültigkeit.“ [52]) Nach André Beaufre ist Strategie the art of the dialectic of force or, more precisely, the art of the dialectic of two opposing wills using force to resolve their dispute“.[53])

Es muss folglich eine militärische (und jenseits dessen eine nichtmilitärische) Duellsituation vorliegen, die derjenige gewinnt, der nicht nur über das bessere Potenzial, sondern auch über die bessere Strategie verfügt. Aus der Perspektive der Sicherheitspolitik kann dieser Widerstand sowohl militärisch als auch diplomatisch organisiert sein, offen oder verdeckt auftreten. Und in gleicher Weise können zu seiner Überwindung sowohl gewaltsame als auch diplomatische Mittel eingesetzt werden. Ohne tatsächlichen oder zu erwartenden Widerstand müsste sich ein Staat nicht um seine Verteidigung kümmern und bedürfte folglich nicht einmal einer Armee, da seine Existenz von außen nicht in Frage gestellt wird (Sicherheitsstrategie). Desgleichen wären ökonomische Ziele stets ohne Abstriche umzusetzen (Wirtschaftsstrategie), und müssten v.a. nicht vor dem Hintergrund sicherheitspolitischer Herausforderungen bewertet werden (Gesamtstrategie). Nur wo ein latenter oder offensichtlicher Widerstand existiert, werden Strategien zur Zielerreichung benötigt.

 

Ziel-Mittel-Relation

Das Verhältnis von Zielen und Mitteln ist von der Antike bis zur Gegenwart Gegenstand praktisch aller Abhandlungen zur Strategie. Dabei wurde zunächst über die möglichst effektive Organisation einer militärischen Auseinandersetzung theoretisiert, bevor sich v.a. durch Clausewitz der Begriff der Strategie der politischen Interessenlage eines Staates öffnete und es dann im Zuge des 20. Jahrhunderts zunehmend um eine erfolgreiche Sicherheitspolitik im weiteren Sinne ging. Es gibt eine Fülle von Definitionen, die in der Regel einen militärischen Hintergrund aufweisen und in ihrer einfachsten Form schlicht feststellen, dass die Erreichung von Zielen von der Verfügbarkeit von Mitteln abhängt.[54]) Die Ziel-Mittel-Relation gilt umfassend und ist nicht an die hier betonte Existenz militärischer Instrumente gebunden. In der vorgenommenen Einordnung der Sicherheitsstrategie besteht beispielsweise insofern eine natürliche Wechselwirkung, als in vertikaler Richtung die unteren Ebenen immer auch Mittel zur Erreichung der Ziele der höheren Ebene sind. So ist die Militärstrategie ein Mittel zur Durchsetzung der Ziele der Sicherheitsstrategie.

Die Betonung der Ziel-Mittel-Relation gibt weitere Einblicke in das Wesen der Strategie. Ziele und Mittel müssen einerseits an die Ressourcenlage angepasst werden. Verfügt ein Staat nur über begrenzte materielle Fähigkeiten, muss er seine außenpolitischen Ambitionen entsprechend zurückhaltender formulieren.[55]) Andererseits sind die Herausforderungen und Bedrohungen, die der Zielumsetzung im Wege stehen, angemessen zu kalkulieren. Der Duden hat dieses Moment zum Kern dessen erhoben, was eine Strategie ausmacht. Sie sei ein „genauer Plan des eigenen Vorgehens, der dazu dient, ein militärisches, politisches, psychologisches oder ähnliches Ziel zu erreichen, und in dem man diejenigen Faktoren, die in die eigene Aktion hineinspielen könnten, von vornherein einzukalkulieren versucht“.[56]) Aufgabe der Strategie ist es folglich, unter Berücksichtigung der Ressourcenlage des Akteurs und zu erwartender Reaktionen des zwischenstaatlichen Umfeldes eine Balance zwischen Zielen und Mitteln zu finden.

 

Rationale Kosten-Nutzen-Abwägung

Zum Wesen der Strategie gehört, Mittel zur Erreichung von Zielen in einer rationalen Weise, also unter Abwägung vermuteter Kosten und Nutzen, einzusetzen. Daniel Moran sieht in der Rationalität zudem ein kontrollierendes Moment bei der direkten Anwendung von Gewalt.[57]) Strategische Kalkulation hat jedoch Grenzen, da sie auf menschlicher Vernunftanwendung basiert und damit fehlerhaft sein kann. Versuche, strategische Betrachtungen durch mathematische Herangehensweisen zu ersetzen, führen daher aufgrund des clausewitzschen Friktions-Faktors[58]) in die Irre. In der Summe erhofft der Stratege stets, seine Lage bzw. die einer Armee oder eines Staates durch strategisches Vorgehen zu verbessern. Voraussetzung dafür ist zunächst die Existenz von Wahlmöglichkeiten, wie Freedmann betont: „Strategy is important only if it is believed that individuals, groups, or governments face real choices - to the extent that the reasoning which informs these choices is worthy of careful examination.“ [59]) Die dem Strategen unterstellte Rationalität ist dann dafür verantwortlich, die zuvor erwähnte Ausgewogenheit zwischen Zielen und Mitteln herzustellen. Dieser Umstand ist für den Erfolg einer Strategie entscheidend, wie Liddell Hart herausgearbeitet hat: „Strategy depends for success, first and most, on a sound calculation and co-ordination of the end and the means. The end must be proportioned to the total means, and the means used in gaining each intermediate end which contributes to the ultimate must be proportioned to the value and the needs of that intermediate end - whether it be to gain an objective or to fulfil a contributory purpose. An excess may be as harmful as a deficiency.“[60])

Liddell Hart weist damit auch auf das Problem der Überdehnung hin. Kalkuliert ein Staat falsch, kann dies zu einem sicherheitspolitischen Überengagement führen. Bei einer nicht ausreichenden Ressourcenlage, die vom Strategen in diesem Fall ignoriert worden ist, bricht ein solches System zusammen und kann den Staat in einer unsicheren Lage zurücklassen. Dies jedoch grundsätzlich zu vermeiden ist Ziel einer jeden Sicherheitsstrategie. Eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung muss folglich neben der äußeren Ebene der Entscheidungsträger auch die innere Seite einer Strategie berücksichtigen, zu der neben der Verfügbarkeit von Ressourcen v.a. die Zustimmung innenpolitisch relevanter Gruppen gehört. Das Dilemma ist offensichtlich: Eine getroffene Wahl kann aus sicherheitspolitischer Sicht zutiefst rational sein. Ist sie jedoch nicht innenpolitisch abgestützt, kann dies zu außenpolitischen Verwerfungen führen. Anders ausgedrückt heißt dies allerdings auch: Strategien können bei einer zu großen Dominanz innenpolitischer Faktoren außer Kraft gesetzt werden.[61])

 

Intention des Effekts

Der Einsatz von Mitteln soll dazu führen, einem angestrebten Ziel näher zu kommen, kann dies aber gleichwohl nicht garantieren. Grundsätzlich absehbar ist jedoch, dass, wann immer ein Staat einer Strategie folgt, er auf diese Weise einen Effekt zu erzielen versucht.[62]) Liddell Hart hat dies präzise zum Ausdruck gebracht: „Verschiebung der Kräfte ist die Aufgabe der Strategie.“[63]) Damit wäre ein weiteres Wesensmerkmal markiert: Strategien sind nie statisch, sondern intendieren ausnahmslos offensive oder defensive Effekte. Bei Liddell Hart heißt es dazu an anderer Stelle: „For strategy is concerned not merely with the movement of forces - as its role is often defined - but with the effect.“ [64]) Peter Paret nennt zwei Bedeutungen einer Strategie: „the narrower, operational meaning, and its broadly inclusive implications“.[65]) Statt von Effekten könnte auch von Konsequenzen gesprochen werden, deren Erzeugung die zentrale Intention einer Strategie ist.[66]) Zu unterscheiden ist schließlich zwischen kurz- und langfristigen Effekten. Strategien weisen in der Regel langfristige Dimensionen im Sinne der Planung auf. Lothar Rühl schreibt dazu: „Strategie ist zielgerichtetes nachhaltiges Handeln mit ausreichenden Mitteln.“ [67]) In welchem Umfang der tatsächliche Effekt mit der ursprünglichen Intention übereinstimmt, hängt v.a. davon ab, ob die Fähigkeiten und Absichten des Gegners bzw. Konkurrenten richtig erkannt und rational ausgewertet worden sind.

 

Beispiel Sicherheitsstrategie: Von der Segmentierung zum Strategietest

Wie erwähnt, gehört die Ziel-Mittel-Relation zum Wesen einer jeden Strategie. Diese sehr grundsätzliche Aussage soll am Beispiel der Sicherheitsstrategie erweitert werden. Zu fragen ist: Aus welchen weiteren Bestandteilen setzt sich eine Sicherheitsstrategie zusammen? Sie ist zwar im strategischen Gefüge des Staates zwischen der Gesamtstrategie auf der einen und der Militärstrategie sowie der diplomatischen Strategie auf der anderen Seite eingeordnet worden. Damit sind aber noch keine weitergehenden Aussagen über die konkreten Inhalte einer Sicherheitsstrategie getroffen worden. Nachfolgend soll dazu ein Idealtypus entworfen werden, wozu die Sicherheitsstrategie in ihre Bestandteile zerlegt wird. Der besondere Vorteil dieser Vorgehensweise liegt auf der Hand: Durch die Segmentierung wird eine Sicherheitsstrategie transparent und damit kritisierbar. Strategische Disharmonien können konkreten Ursachen zugeordnet werden, indem das betroffene Segment ausfindig gemacht wird. Eine Sicherheitsstrategie sollte über fünf Segmente verfügen:

 

- 1. Interessen

Ein Staat muss sich zunächst seiner Interessen bewusst sein und diese konkretisieren können. „Interessen“ zu verfolgen heißt, sicherheitspolitisches Handeln am eigenen Nutzen bzw. Vorteil auszurichten.[68]) Davon zu unterscheiden sind „Ziele“, die unabhängig von einem möglichen Nutzen bzw. Vorteil lediglich eine Richtung angeben, die ein Akteur einzuschlagen gedenkt.[69]) Ein strategisch handelnder Staat muss zudem eine inhaltliche und zeitliche Hierarchisierung seiner Interessen erkennen lassen. Nur durch eine solche Rangordnung werden Handlungsprioritäten sichtbar.

 

- 2. Herausforderungen und Bedrohungen

In einem zweiten Schritt ist abzuwägen, welche Herausforderungen und Bedrohungen der Umsetzung der Interessen entgegenstehen. Unter „Herausforderung“ versteht der Duden einen „Anlass, tätig zu werden.“[70]) Dagegen ist ein Staat „bedroht“, wenn Ereignisse eintreten, die „eine unmittelbare Gefahr bilden“ oder „etwas in seiner [physischen oder psychischen] Existenz gefährden“.[71]) Sicherheitspolitische Bedrohungen richten sich einerseits direkt gegen die (vitalen) Interessen eines Staates. Dies kann bei Herausforderungen der Fall sein, muss es aber nicht. Andererseits wirken Bedrohungen zeitlich unmittelbarer. Auch in diesem Segment muss ein strategisch agierender Staat eine Rangordnung aufstellen, um mittels der parallel durchgeführten Interessenhierarchisierung Handlungsprioritäten erstellen zu können.

 

- 3. Ordnungspräferenz

Staaten streben nach Ordnung, um ihre eigene Umwelt besser kalkulieren zu können. Dabei werden sie von dem Wunsch geleitet, sich in einem Gefüge wiederzufinden, das für die Umsetzung der eigenen Interessen besonders günstig ist. Ein Staat, der sich strategisch verhält, wird entsprechend zu eruieren haben, wie er sich in der Staatenwelt positioniert. Strebt er nach Hegemonie? Ist er dazu bereit, einen amtierenden Hegemon abzulösen? Oder sieht er seine Sicherheit am besten dadurch gewährleistet, dass er sich mit dem Hegemon arrangiert? Antworten auf diese Frage wirken sich unmittelbar auf die Bewertung der „Herausforderungen und Bedrohungen“ sowie die Inhalte des folgenden Segments, der „Mittel und Instrumente“, aus.

 

- 4. Mittel und Instrumente

Ein Staat muss über Mittel und Instrumente verfügen, um seine Interessen gegen den Widerstand von Herausforderungen und Bedrohungen umsetzen zu können. Der Begriff des „Mittels“ umfasst dabei alle materiellen und immateriellen Faktoren, die zur Interessenumsetzung geeignet sind.[72]) Der Begriff des „Instruments“ wird teilweise synonym oder aber als materielle Teilmenge des Mittels verstanden.[73]) Ein strategisch handelnder Staat wird sich - schon aufgrund begrenzt verfügbarer Ressourcen - in hierarchischer Ordnung Mittel und Instrumente zulegen, die zur Bewältigung der ausgemachten Herausforderungen und Bedrohungen geeignet sind.[74])

- 5. Vorgehensweise

Staaten legen ihren Handlungen Kosten-Nutzen-Abwägungen zugrunde, vor deren Hintergrund sie den zu erbringenden Einsatz zur Erreichung eines Interesses reflektieren. Dabei gehen sie rational vor, indem sie positive wie negative Folgen ihrer Handlungen berechnen. Ein Staat, der sich strategisch verhält, macht kooperative oder konfrontative Vorgehensweisen daher von einer solchen Kosten-Nutzen-Abwägung abhängig. Die jeweilige Machtkonstellation gibt Aufschluss darüber, welche Richtung zur Umsetzung der eigenen Interessen zu wählen ist. Ein strategisch agierender Staat kalkuliert dabei nicht nur unmittelbare, sondern auch langfristige Konsequenzen kooperativer und konfrontativer Vorgehensweisen.

Dieser sicherheitsstrategische Idealtypus könnte nun dazu verwendet werden, die Sicherheitspolitik eines beliebigen Staates auf ihren strategischen Gehalt zu untersuchen. Dazu müsste jedoch noch ein weiterer Arbeitsschritt vorgenommen werden, der an dieser Stelle aus Platzgründen nicht umzusetzen ist: Die einzelnen sicherheitsstrategischen Segmente müssten mittels einer Theorie der Internationalen Beziehungen mit Verhaltenserwartungen aufgeladen werden, um konkrete Hypothesen zu gewinnen (Operationalisierung), die dann im Einzelfall getestet werden können. Der Verfasser hat einen solchen Arbeitsschritt an anderer Stelle vorgenommen und sich dazu der Annahmen des realistischen Paradigmas bedient.[75]) Sie sind aufgrund ihrer kalkulierenden Nutzenfixierung am besten geeignet, theoretische Grundlagen für einen Strategietest zu liefern.[76])

 

Welchen praktischen Wert kann eine Sicherheitsstrategie haben?

Die Problematik der Strategieformulierung ergibt sich aus einem Dilemma. Zum einen müssen Strategien dem Entscheidungsträger als grundsätzlicher Leitfaden dienen, was Klarheit und Eindeutigkeit erfordert. Zum anderen ist es aber offensichtlich illusorisch, von einer Strategie zu erwarten, dass sie auf jede neue sicherheitspolitische Herausforderung prompt adäquate Antworten weiß. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Rückgriff auf Carl von Clausewitz, der es für unmöglich hält, dass ein einmal festgelegter Schlachtplan in Gänze auf dem Felde umgesetzt werden kann: „Es ist alles im Kriege sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig. Diese Schwierigkeiten häufen sich und bringen eine Friktion hervor, die sich niemand richtig vorstellt, der den Krieg nicht gesehen hat. [...] Friktion ist der einzige Begriff, welcher dem ziemlich allgemein entspricht, was den wirklichen Krieg von dem auf dem Papier unterscheidet. Die militärische Maschine, die Armee und alles, was dazu gehört, ist im Grunde sehr einfach und scheint deswegen leicht zu handhaben. Aber man bedenke, dass kein Teil davon aus einem Stücke ist, dass alles aus Individuen zusammengesetzt ist, deren jedes seine eigene Friktion nach allen Seiten hin behält.“ [77]) Was Clausewitz unter der Überschrift „Friktion im Kriege“ auf die Feldherrenkunst bezog, gilt im übertragenen Sinne auch für die Umsetzbarkeit einer Sicherheitsstrategie. Man könnte diesbezüglich von der „Friktion in der Sicherheitsstrategie“ sprechen. Eine perfekt erdachte und ausgeführte Militärstrategie kann z.B. dann nicht zum gewünschten sicherheitsstrategischen Erfolg führen, wenn ein einzelner Diplomat im Rahmen einer ebenso perfekt erdachten diplomatischen Strategie einen schweren Fehler begeht.

Der Wert einer schriftlich fixierten Strategie ist daher begrenzt. Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke d. Ä. (1800-1891) sah dies bereits sehr klar: „Die Strategie ist ein System von Aushilfen. Sie ist mehr als Wissenschaft, sie ist die Übertragung des Wissens auf das praktische Leben, die Fortbildung des ursprünglich leitenden Gedankens entsprechend den stets sich verändernden Verhältnissen, ist die Kunst des Handelns unter dem Druck schwierigster Bedingungen.“ [78]) Und zu diesem Handeln gehört in Konfliktlagen offensichtlich die Notwendigkeit der Improvisation. Diese ist v.a. deshalb regelmäßig notwendig, weil sowohl Militär- als auch Sicherheits- und Gesamtstrategien nur die wichtigsten und gängigsten Wege zum Ziel vorschreiben, dabei aber aufgrund der Komplexität der Materie nicht jedes Hindernis erfassen können. Auf dem Gefechtsfeld ist jede Militärstrategie in ihrer Ursprungsform nicht mehr vollständig umzusetzen, sobald der erste Schuss gefallen ist. Denn die Reaktionen des Gegners sind zwar kalkulierbar, aber nicht linear voraussagbar. Da er unter selbigen Bedingungen zu agieren hat, ist er ebenfalls gezwungen, je nach Herausforderung flexible Lösungen zu finden.[79]) Ergebnis können nicht voraussehbare Paradoxien[80]) sein, die zu einer Schwächung der strategischen Ansätze beider Kontrahenten führen. In der laufenden Aktion kann eine Ad-hoc-Politik daher nicht nur notwendig, sondern oftmals im Vergleich zum strategischen Ansatz effektiver sein. Edward N. Luttwak stellt dazu fest: „Jedenfalls ist es nicht leicht, harmonische Strategielösungen zu finden, die pragmatischer Improvisation überlegen sind.“[81])

Strategien befinden sich damit in einem Spannungsfeld zwischen klarer Anleitung zum Handeln und notwendiger Flexibilität während des Handelns.[82]) Beides ist - in einer allerdings nicht festlegbaren Dosierung - für den gewünschten Erfolg notwendig. Als Kunst des Strategen muss dann jenes Verhalten bezeichnet werden, das tagespolitischen und spontanen Ereignissen gerecht wird, dabei aber die langfristigen Herausforderungen und Bedrohungen, die im Zentrum einer Sicherheitsstrategie stehen, im Blick behält. Aus diesem Spannungsfeld ergibt sich darüber hinaus eine zwangsläufige Anforderung an eine Strategie: Sie muss auf alternativen Pfaden Optionen für eben jene Eventualfälle bereithalten, die sich durch Friktionen ergeben können. Basil Henry Liddell Hart sah dies sehr klar: „Ensure that both plan and dispositions are flexible - adaptable to circumstances. Your plan should foresee and provide for a next step in case of success or failure, or partial success - which is the most common case in war. Your dispositions (or formation) should be such as to allow this exploitation or adaptation in the shortest possible time.“[83])

Ob eine Strategie schließlich erfolgreich ist, hängt einerseits davon ab, ob auf der internationalen Ebene die Reaktionen des Gegners bzw. Konkurrenten richtig kalkuliert worden sind. Andererseits muss eine Regierung die „checks and balances“ der Innenpolitik in ihre außenpolitischen Absichten einbeziehen. Die Qualität einer Sicherheitsstrategie ist des Weiteren an die intellektuellen Fähigkeiten der politischen Führung gebunden. Luttwak hält diese auf strategischer Ebene für begrenzt: „Auf jeden Fall kommt ein bewusstes Verständnis strategischer Phänomene bei Politikern selten vor. Ihr Talent besteht ja gerade darin, die öffentliche Meinung zu verstehen und zu lenken, die an die Logik des Alltags gebunden ist.“ [84]) Aber selbst wenn strategische Einsichten vorliegen, können Rücksichtnahmen auf Stimmungen in der eigenen Partei oder der Bevölkerung bzw. Kompromisse mit der Opposition Abstriche bei der strategischen Logik erfordern. John Chipman fasst dies wie folgt zusammen: „There is limited ‚sovereignty’ to the problems of strategic calculation.“ [85]) Dabei kann grundsätzlich festgehalten werden, dass es in autoritären Systemen einfacher ist, ein strategisches Konzept umzusetzen. Im Gegensatz dazu ist im Falle demokratischer Systeme festzuhalten, was Richard K. Betts prägnant formuliert: „The essential logic of democracy is compromise, but compromise often undermines strategic logic.“ [86]) Daraus den Schluss zu ziehen, Strategien hätten keinen praktischen Wert, greift zu kurz: Staaten benötigen wie Schiffe einen Kompass, der ihnen die Richtung weist. Dass sich viele Regierungen so sehr an tagespolitischen Herausforderungen abarbeiten, ist oftmals auch darauf zurückzuführen, dass sie keiner Strategie folgen.

 


ANMERKUNGEN:

[1]) Vgl. Lawrence Freedman: Conclusion: The Future of Strategic Studies. In: John Baylis, James Wirtz, Eliot Cohen, Colin S. Gray (Hrsg.): Strategy in the Contemporary World. An Introduction to Strategic Studies, New York 2002, S.331. Siehe auch Richard K. Betts: Should Strategic Studies Survive? In: World Politics, Nr. 1, Oktober 1997, S.7-33. Joachim Krause: Strategische Wissenschaft - eine Einführung, Arbeitspapier, Kiel, o.J. (http://www.politik.uni-kiel.de/publikationen/krause/StrategischeStudien.pdf, Aufruf vom 6.1.2010). Andrea K. Riemer: Strategische Theorien und Politikgestaltung im 21. Jahrhundert. In: Österreichische Militärische Zeitschrift, Nr. 1, Januar/Februar 2010, S.24-35.

[2]) Vgl. Antoine Henri de Jomini: The Art of War, London/Mechanicsburg 1996 [1862], S.321. Aleksandr A. Svechin: Strategy, herausgegeben von Kent D. Lee, Minneapolis 1992 [1927], S.70. Julian S. Corbett: Some Principles of Maritime Strategy, Annapolis 1988 [1911], S.3-30, hier S.7. Albert A. Stahel: Klassiker der Strategie - eine Bewertung, 2. durchgesehene Auflage, Zürich 1996, S.6.

[3]) Hew Strachan: The Lost Meaning of Strategy. In: Survival, Nr. 3, Herbst 2005, S.34.

[4]) Soweit keine konkreteren Angaben erfolgen, beziehen sich die nachfolgenden Ausführungen auf Edward Mead Earle (Hrsg.): Makers of Modern Strategy. Military Thought from Machiavelli to Hitler, Princeton 1943. Werner Hahlweg (Hrsg.): Klassiker der Kriegskunst, Darmstadt 1960. Peter Paret (Hrsg.): Makers of Modern Strategy from Machiavelli to the Nuclear Age, Princeton 1986 [1943]. Williamson Murray, MacGregor Knox, Alvin Bernstein (Hrsg.): The Making of Strategy. Rulers, States, and War, Cambridge 1994. Stahel (1996). Anonymus: Zeittafeln zur Militärgeschichte. Von 3000 v. Chr. bis heute, Augsburg 2000. Michael I. Handel: Masters of War. Classical Strategic Thought, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage, London/Portland 2001.

[5]) Brockhaus Enzyklopädie, Band 26, 21., völlig neu bearbeitete Auflage, Leipzig/Mannheim 2006, S.445.

[6]) Basil Henry Liddell Hart spricht hier von „the art of the general“. Basil Henry Liddell Hart: Strategy, 2. überarbeitete Auflage, London 1967, S.322.

[7]) Vegetius: Epitoma Rei Militaris, herausgegeben von Carolus Lang, Stuttgart 1967, S.104.

[8]) Ebd., S.65.

[9]) Der Kleine Stowasser. Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, München 1980, S.434.

[10]) Duden. Das Fremdwörterbuch, Band 5, 5. neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 1990, S.745.

[11]) Vgl. Harro von Senger: Strategeme, Band I: Strategeme 1-18, 11. Auflage, Bern/München/Wien 2000. Harro von Senger: Strategeme, Band II: Strategeme 19-36, 1. Auflage, Bern/München/Wien 2000.

[12]) Sunzi: Die Kunst des Krieges, herausgegeben und mit einem Vorwort von James Clavell, München 1998, S.24.

[13]) Vgl. Werner Hahlweg: Der klassische Begriff der Strategie und seine Entwicklung. In: Gerhard Fels, Reiner K. Huber, Werner Kaltefleiter, Rolf F. Pauls, Franz-Joseph Schulze (Hrsg.): Strategie-Handbuch, Band 1, Bonn/Herford 1990, S.28.

[14]) Carl von Clausewitz: Vom Kriege. Hinterlassenes Werk, Berlin 1998 [1832], S.93.

[15]) Ebd., S.157.

[16]) Duden. Deutsches Universalwörterbuch, 5. überarbeitete Auflage, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2003, S.945 (Kursivsetzungen im Original).

[17]) Ebd., S.388 (Kursivsetzungen im Original).

[18]) Sunzi (1998): S.21.

[19]) Niccolo Machiavelli: Der Fürst, übersetzt und herausgegeben von Rudolf Zorn, 3. durchgesehene Auflage, Stuttgart 1963 [1513], S.60.

[20]) Vegetius (1967): S.65.

[21]) Alfred Thayer Mahan: The Influence of Sea Power Upon History 1660-1783, New York 1987 [1890], S.7.

[22]) Clausewitz (1832): S.44 (Kursivsetzung im Original).

[23]) Ebd.

[24]) Ebd., S.158f.

[25]) Vgl. Erich Eder: Definition und Gebrauch des Begriffes „Strategie“. In: Österreichische Militärische Zeitschrift, Nr. 2, März/April 1998, S.123.

[26]) Auch jüngere Abhandlungen lassen weiterhin ein sehr militärisches Strategieverständnis durchblicken: „Strategy is a military means“. Strachan (2005): S.33. „Strategy is about war and its conduct, and if we abandon it we surrender the tool that helps us to define war, to shape it and to understand it.“ Ebd., S.48.

[27]) Vgl. Erich Ludendorff: Der totale Krieg, München 1935. Vgl. auch Stahel (1996): S.251-257.

[28]) Liddell Hart (1967): S.319.

[29]) Ebd., S.321.

[30]) Ebd., S.322.

[31]) Ebd.

[32]) Ebd., S.338.

[33]) Ebd., S.349f.

[34]) Ebd., S.353. Liddell Hart meint dabei mit „strategy“ offensichtlich die „military strategy“. Vgl. dazu ebd., S.XVII.

[35]) Ebd., S.322.

[36]) J.-P. Charnay: Strategy. In: André Corvisier (Hrsg.): A Dictionary of Military History and the Art of War, Oxford/Cambridge 1994, S.771.

[37]) Brockhaus Enzyklopädie (2006): S.445 (Abkürzungen im Original). „In realist tradition, grand strategy is concerned with the use by states of all available means - social, economic, political as well as military - to position themselves within the international system.“ (Abkürzungen im Original). Lawrence Freedman: The Transformation of Strategic Affairs, Adelphi Paper, Nr. 379, London 2006, S.28. Vgl. auch Meyers Großes Taschenlexikon, Band 21, 3. aktualisierte Auflage, Mannheim/Wien/Zürich 1990, S.172. Gustav Däniker: Zwischen Strategie und Taktik. Operative Führung aus Schweizer Sicht. In: Österreichische Militärische Zeitschrift, Nr. 4, Juli/August 1994, S.340. Gregory D. Foster: A Conceptual Foundation for the Development of Strategy. In: James C. Gaston (Hrsg.): Grand Strategy and the Decisionmaking Process, Washington D.C. 1992, S.72. Urs Schwarz, Laszlo Hadik: Strategic Terminology. A Trilingual Glossary, London/New York 1966, S.96. Eder (1998): S.121-128. Bertelsmann Lexikon, Band 9, Gütersloh 1983, S.264f.

[38]) Richard K. Betts: Is Strategy an Illusion? In: International Security, Nr. 2, Herbst 2000, S.6.

[39]) Bertelsmann Lexikon, Band 7, Gütersloh 1982, S.236.

[40]) „Grand Tactics is the art of posting troops upon the battlefield according to the accidents of the ground, of bringing them into action, and the art of fighting upon the ground, in contradistinction to planning upon a map.“ Jomini (1862): S.69.

[41]) Brockhaus Enzyklopädie (2006): S.842.

[42]) „Tactics lies in and fills the province of fighting. Strategy not only stops on the frontier, but has for its purpose the reduction of fighting to the slenderest possible proportions.“ Liddell Hart (1967): S.324.

[43]) Mahan (1890): S.8.

[44]) „[...] tactical competence is the material of which strategic effect is made“. Colin S. Gray: Modern Strategy, Oxford 1999, S.22.

[45]) Vgl. Michael Howard: The Forgotten Dimensions of Strategy. In: Foreign Affairs, Nr. 5, Sommer 1979, S.975-986.

[46]) Vgl. Edward Luttwak: Strategie. Die Logik von Krieg und Frieden, Lüneburg 2003, S.132-144. Vgl. auch Jomini (1862): S.69.

[47]) Vgl. Erich Vad: Strategie und Sicherheitspolitik. Perspektiven im Werk von Carl Schmitt, Opladen 1996, S.112.

[48]) Vgl. Ortwin Buchbender, Hartmut Bühl, Harald Kujat, Karl H. Schreiner, Oliver Bruzek: Wörterbuch zur Sicherheitspolitik mit Stichworten zur Bundeswehr, 4. vollständig überarbeitete Auflage, Hamburg/Berlin/Bonn 2000, S.57.

[49]) Bertelsmann Lexikon, Band 4, Gütersloh 1982, S.41 (Abkürzung im Original). Vgl. weitere Definitionen bei Heinz Brill: Geopolitik heute. Deutschlands Chance?, Berlin 1994, S.181-188. Vgl. zu den Ursprüngen der deutschen Geopolitik Karl Haushofer, Erich Obst, Hermann Lautensach, Otto Maull (Hrsg.): Bausteine zur Geopolitik, Berlin 1928.

[50]) „For all these reasons, the potential for violence provides a natural starting point for any attempt to build up a general theory of strategy.“ Lawrence Freedman, Conclusion: The Future of Strategic Studies. In: Baylis/Wirtz/Cohen/Gray (2002): S.339.

[51]) Clausewitz (1832): S.122.

[52]) Luttwak (2003): S.30.

[53]) Zit. n. Gray (1999): S.18.

[54]) Vgl. Richard Rosecrance, Arthur A. Stein: Beyond Realism: The Study of Grand Strategy. In: Richard Rosecrance, Arthur A. Stein (Hrsg.): The Domestic Bases of Grand Strategy, Ithaca/London 1993, S.4. John Baylis, James J. Wirtz: Introduction. In: Baylis/Wirtz/Cohen/Gray (2002): S.3. Betts (2000): S.5. Dieter Wellershof: Mit Sicherheit. Neue Sicherheitspolitik zwischen gestern und morgen, Bonn 1999, S.104. Peter Paret: Introduction. In: Paret (1943): S.3. Gray (1999): S.17. Ernesto Che Guevara: Guerilla - Theorie und Methode. Sämtliche Schriften zur Guerillamethode, zur revolutionären Strategie und zur Figur des Guerilleros, herausgegeben von Horst Kurnitzky, Berlin 1968, S.30.

[55]) In seiner Abhandlung zur Strategie Großbritanniens von 1935 ist dies die erste mehrerer, das Buch abschließender strategischer Forderungen, die Liddell Hart an die politischen Entscheidungsträger richtet: „Passe dein Ziel den Mitteln an, über die du verfügst.“ Liddell Hart: Wenn England zu Felde zieht … Betrachtungen über britische Strategie, Potsdam 1937 [1935], S.126.

[56]) Duden (2003): S.1532 (Abkürzungen und Kursivsetzung im Original). Siehe dazu auch Michael Fitzsimmons: The Problem of Uncertainty in Strategic Planning. In: Survival, Nr. 4, Winter 2006/2007, S.131-146.

[57]) Vgl. Daniel Moran: Strategic Theory and the History of War. In: Baylis/Wirtz/Cohen/Gray (2002): S.40.

[58]) Vgl. dazu die Ausführungen in Kapitel 5 dieses Beitrages.

[59]) Lawrence Freedman: Conclusion: The Future of Strategic Studies. In: Baylis/Wirtz/Cohen/Gray (2002): S.335.

[60]) Liddell Hart (1967): S.322f.

[61]) „Domestic factors or pressures are also seen to be frictional forces that impede the operation of systemic and realist determinants. A country that allows its domestic political imperatives to chart grand strategy will soon find its international position undermined.“ Richard Rosecrance, Arthur A. Stein: Beyond Realism: The Study of Grand Strategy. In: Rosecrance/Stein (1993): S.8.

[62]) Diesem Verständnis folgt auch Lawrence Freedman: „The concept of strategy […] is closely related to the concept of power, understood as the ability to produce intended effects.“ Freedman (2006): S.8.

[63]) Liddell Hart (1935): S.106. Diese Aussage bezieht sich im Text auf militärische Kräfteveränderungen.

[64]) Liddell Hart (1967): S.321.

[65]) Paret (1943): S.3.

[66]) Vgl. Gray (1999): S.18.

[67]) Lothar Rühl: Inflation der Partnerschaften. Über die Ausbreitung strategischer Sonderverhältnisse. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 117, 23. Mai 2005, S.12.

[68]) „Interesse“ leitet sich vom lateinischen „interest“ ab und wird mit „es ist ein Unterschied“ übersetzt. Der kleine Stowasser (1980): S.245. Der Duden überträgt dies mit „es bringt Nutzen“. Interesse wird demgemäß als „Nutzen, Vorteil“ verstanden. Vgl. Duden (2003): S.840.

[69]) Unter „Ziel“ versteht der Duden: „Punkt, Ort, bis zu dem jemand kommen will, den jemand erreichen will [...] etwas, worauf jemandes Handeln, Tun oder Ähnliches ganz bewusst gerichtet ist, was jemand als Sinn und Zweck, angestrebtes Ergebnis seines Handelns, Tuns zu erreichen sucht“. Duden (2003): S.1856 (Abkürzungen und Kursivsetzung im Original).

[70]) Duden (2003): S.744 (Kursivsetzung im Original).

[71]) Ebd., S.243 (Abkürzungen und Kursivsetzung im Original).

[72]) Ein Mittel ist „etwas, was zur Erreichung eines Zieles dient, was dazu geeignet ist, etwas Bestimmtes zu bekommen, zu erreichen“. Ebd., S.1088 (Abkürzungen und Kursivsetzung im Original).

[73]) Zu den Instrumenten zählen „Ausrüstung, Gerätschaft“. Weiter gefasst gilt folgende Definition: „jemanden, etwas als Mittel, dessen man sich (wie eines Werkzeugs) zur Ausführung von etwas bedient“. Ebd., S.838. Das Zitat ist im Original kursiv gesetzt und wird unter Verwendung von Abkürzungen wiedergegeben.

[74]) „Sound strategy requires the establishment of priorities because resources are scarce. Resources must be ruthlessly concentrated against the main threat.“ Barry R. Posen: The Struggle against Terrorism. Grand Strategy, Strategy, and Tactics. In: International Security, Nr. 3, Winter 2001/2002, S.43. „A strategy sets priorities and focuses available resources - money, time, political capital, and military power - on the main effort.“ Ebd., S.42.

[75]) Vgl. Martin Wagener: Hegemonialer Wandel in Südostasien? Der machtpolitische Aufstieg Chinas als sicherheitsstrategische Herausforderung der USA, Trier 2009.

[76]) Lawrence Freedman bezeichnet den Realismus als „intellectual basis of strategic studies“. Lawrence Freedman: Conclusion: The Future of Strategic Studies. In: Baylis/Wirtz/Cohen/Gray (2002): S.328. Diesem Verständnis folgt auch John J. Mearsheimer: „[...] states think strategically about how to survive in the international system.“ John J. Mearsheimer: The False Promise of International Institutions. In: International Security, Nr. 3, Winter 1994/1995, S.10. Entsprechend urteilen Richard Rosecrance und Arthur A. Stein: „The study of grand strategy, which deals with what influences and determines national policy choices for war and peace, is an ideal arena in which to examine ‚realist’ approaches. It is, after all, the realm in which countries should be most expected to follow realist imperatives, to neglect domestic pressures, to overcome economic limitations, to restrain ideological tendencies.“ Richard Rosecrance, Arthur A. Stein, Beyond Realism: The Study of Grand Strategy. In: Rosecrance/Stein (1993): S.12. Krause (o.J.): S.11.

[77]) Clausewitz (1832): S.86.

[78]) Die großen Meister der Kriegskunst. Clausewitz, Moltke, Schlieffen, ausgewählt und herausgegeben von Ihno Krumpelt, Berlin/Frankfurt am Main 1960, S.160.

[79]) Williamson Murray und Mark Grimsley weisen darauf hin, dass Entscheidungsträger in Krisenzeiten unter einem enormen Druck stehen und schon deshalb Fehler machen können: „When a crisis occurs they have little time for reflection. As a result they often focus on narrow issues without looking at large long-term choices; in other words, they will see some of the trees but miss the forest.“ Williamson Murray, Mark Grimsley: Introduction: On strategy. In: Murray/Knox/Bernstein (1994): S.22.

[80]) Das paradoxe Moment nimmt in den Abhandlungen Edward N. Luttwaks eine zentrale Stellung ein. Ein Staat geht demnach dann sicherheitsstrategisch paradox vor, wenn er zur Zielerreichung Wege einschlägt, die der Gegner bei einer rationalen Kalkulation nicht erwartet. Vgl. Luttwak (2003): S.17-32.

[81]) Ebd., S.344.

[82]) Der Faktor strategischer Flexibilität wird von fast allen Autoren betont. Strategien „dürfen nicht erstarren, sondern müssen einer dauernden vergleichenden Bewertung hinsichtlich ihrer Fähigkeit zur Zielerreichung und ihrer Wirkung in der Gesamtstrategie unterzogen werden.“ Eder (1998): S.127. „[...] strategy is a process, a constant adaptation to shifting conditions and circumstances in a world where chance, uncertainty, and ambiguity dominate.“ Williamson Murray, Mark Grimsley: Introduction: On strategy. In: Murray/Knox/Bernstein (1994): S.1.

[83]) Liddell Hart (1967): S.336.

[84]) Luttwak (2003): S.78.

[85]) John Chipman: The future of strategic studies: beyond even grand strategy. In: Survival, Nr. 1, Frühjahr 1992, S.112.

[86]) Betts (2000): S.40.