Globale Strategie: Die Geopolitik der USA

Auswirkungen auf Politik und Strategie - von der Western Reserve über den Panamakanal zur Gegenküste und Energiepolitik (Teil 3)

Friedrich W. Korkisch

 

Die USA haben den Fehler, den Außenminister Dean Acheson am 15. Jänner 1950 machte, nicht mehr wiederholt, als dieser vor dem National Press Club in Washington erklärte, Korea befinde sich außerhalb der „line of American defenses in the Pacific“. Acheson gab beinahe das einzige Rimland der USA in Asien preis, aber er war Diplomat, kein Stratege. Es war unklar, warum er unaufgefordert sagte, die USA würden bei einem Angriff Südkorea nicht verteidigen, aber konservative Kritiker sahen in dieser Aussage das grüne Licht für jenen Angriff, der dann am 24. Juni kam. Immerhin hatte auch Truman wenige Tage zuvor gemeint, Formosa sei eine „innerchinesische Angelegenheit“, eine Position, die Eisenhower dann umdrehte.

Geopolitik ist heute auch die NATO, Ordnungspolitik, Energiepolitik. Der Golfkrieg von 1990/91 war das Containment von Saddam Hussein, der ja nicht nur Kuwait besetzt hatte, sondern auch Atomwaffen und B- und C-Waffen entwickeln ließ, weil er Israel auslöschen und die westlichen Provinzen des Irans besetzen wollte. Außerdem hätte er damit fast ein Viertel der gesamten fossilen Weltenergiereserven kontrolliert. Da nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Al Qaida nicht an den Küsten von Long Island zurückgeschlagen werden musste, griffen die USA in Afghanistan ein, nicht zum Zwecke der Umwandlung Afghanistans in eine Art Volksrepublik, was Moskau nach 1979 versucht hatte, sondern um die Taliban zu vernichten, die ja dem gesamten Westen den Krieg erklärt hatten.

Die USA lassen jeden Staat politisch nach eigenen Vorstellungen agieren, wenn dieses Agieren jedoch zur Bedrohung von Verbündeten oder zur Destabilisierung einer ganzen Region führt, ersetzt Ordnungspolitik mit Interventionsandrohung die Politik des Zusehens und guten Zuredens.

 

Weltordnungen und Weltregierungen

Die Weltordnungen hatten stets auch einen utopistischen Hintergrund, nicht zuletzt deshalb, weil es nie gelang, eine solche Ordnung zu errichten (siehe etwa Dante Alighieri [De Monarchia, etwa 1310-1315], Antonio F. Doni (Mondo Nuovo, 1552], Tomasso Campanella [La Citta del Sole, 1623], Comte de Martingny [Philos, 1751], Giacomo G. S. de Seingalt [Protocosmo, 1788], Pierre Chevalier Duplessis [New Britain, 1788], William Hogson [Commonwealth of Reason, 1795], James S. Buckingham [Victoria, 1849] etc., gefolgt von „Peace Through Law“, gefolgt von Völkerbund und UNO).

Zahlreiche Autoren forderten im 19. Jahrhundert die Herstellung des Friedens durch Expansion und Integration nicht-zivilisierter Länder und Gesellschaften und förderten den Kolonialismus, der politisch, ökonomisch, sozialdarwinistisch oder mit kulturellen Vorrechtsansprüchen begründet wurde, aber auch mit der Hoffnung auf Umsetzung einer Friedensutopie, entweder unter der Flagge pazifistischer Ideen oder über eine Ordnung durch Gewalt. Die Weltordnungsideen fanden besonders nach 1918 starken Auftrieb. In den USA war es das Council on Foreign Relations, das sich damals der Idee einer „New World Order“ verschrieben hatte. Es gab zahllose Modelle, deren Umsetzung aber an der Realität scheiterte.

Eine Weltordnung zu schaffen bedarf eines klaren Zieles und einer zentralen Steuerung. Richard Falk suchte daher eine Lösung über eine „preferred world“ unter amerikanischer Führung. Somit wäre die vorhandene Welt zuerst mit den „pursuing goals“ Amerikas abzustimmen, dann über Strategien und Reformen der erwünschte Zustand herzustellen.[1])

 

Einige Autoren untersuchten politisch-ökonomisch-kulturelle Modelle. Hayward Alker unterschied zwölf Weltordnungsideen und mehrere Makro-Modelle: das sozialistische, kapitalistische, autoritäre, maoistische, islamische, rassenorientierte, klassenstrukturierte, nationalstaatliche, zentralstaatliche, das für reiche und das für arme Staaten, und das die meisten positiven Elemente in sich vereinigende demokratische. Andere suchten ökonomische oder kulturpolitische Lösungen, so Gerschenkron, Gilpin, Luttwak, Wade, Robert B. Reich, Benedict Anderson, Barber, Cox, Fukuyama, Robert Kaplan, Jeffrey D. Sachs etc.

Ein postmodernes System wäre eine Verflechtung von Nationalstaaten, internationalen Organisationen, NGOs, großen Unternehmen, die insgesamt durch Netze „diplomatischer“ Beziehungen verbunden sind. Weitere Modelle bauten auf eine Weltregierung durch Konsens, Zwang oder Global Governance.[2])

Jede Ordnung wäre durch endogene oder exogene Anstöße veränderbar oder ist immer „schleichenden“ Veränderungen ausgesetzt. Es kommt dabei in der internationalen Arena zu plötzlichen, phasenweise oder schleichend ablaufenden Umwälzungen oder Umstellungen, die oft auch als „Zeitenwenden“ verstanden werden.[3]) Alte Mächte werden von neuen abgelöst, was eine umfassende Änderung des politischen Macht- und Gleichgewichtssystems mit sich bringt. Weltordnungen sind daher Teil der Geopolitik oder verändern diese.

Eine neue, bessere Ordnung vorzuschlagen bedeutet immer den Versuch, die bestehende (Makro-) Ordnung als Unordnung zu verwerfen und diese in eine (ideale) Ordnung überzuführen, die dann in einen universalistischen Anspruch übergeführt wird. Mit der Idee neuer Weltordnungen war daher auch immer die Idee von „Weltregierungen“ verbunden. Beide betreffen somit die politische Landkarte der Welt, geopolitische Strukturen, Herrschaftssysteme, Staaten, Gesellschaften, Kulturräume.

Dabei wurden und werden historische, philosophische, Amerika-zentrische, zivilisationstypische, theorieorientierte, geopolitische und postmodernistische Einteilungskriterien verwendet. Am Ende steht ein reformiertes internationales System. Zu weiteren Einteilungskriterien zählen die Faktoren Politik, Militär, Wirtschaft, soziokulturelle Verhältnisse und Umweltbedingungen.[4]) Alle Systeme befinden sich in einer Wechselwirkung zueinander und bilden so eine Ordnung gleicher und ungleicher Machtfelder. Wo diese Machtfelder konkurrierend aufeinander treffen, kommt es zu Konflikten.

Populär wurde der Begriff Global Governance durch die von der UNO eingesetzte Commission on Global Governance (1991-1995), die in Hinblick auf neue globale Probleme (Klimawandel, Bevölkerungsexplosion, Entwicklungspolitik, Hunger, Chaos, failing states, wirtschaftliche Globalisierung und deren Kontrolle) bei gleichzeitig abnehmender Steuerungsfähigkeit solcher Entwicklungen durch die einzelnen Staaten neue Überlegungen erarbeiten sollte, wie v.a. die Staaten der Dritten Welt Handlungsspielraum gewinnen sollten.[5]) Als Leitgedanke für eine soziale, umweltbetonte Weltordnung sollte diese Idee als Gegenstück zur amerikanischen Idee einer New World Government, zum amerikanischen Unilateralismus und zur Globalisierung entwickelt und umgesetzt werden. Kernstück war die Orientierung nach einem europäischen Verständnis eines multikulturellen Nebeneinanders unter den Regeln des Völkerrechtes, der Diplomatie, der Gleichberechtigung aller Staaten und Völker, der sozialen Marktwirtschaft und zu erreichender Anhebung des Lebensstandards.[6]) Solche Modelle sind aber nicht realisierbar, weil sie Opfer von den Geberstaaten ohne Bereitschaft zu erkennbaren evolutionären Bemühungen bei den Nehmerstaaten bedeuten.

Ein „Weltsozialmodell“ wiederum soll allen Menschen ein gesichertes Leben garantieren. (Siehe die von Präsident Carter vorgeschlagene Idee einer „Human World Order“.) Die USA hatten Modelle wie die Allianza Para Progresso (Kennedy 1962) für Lateinamerika vorgeschlagen, Präsident Reagan und seine Nachfolger, insbesondere aber George Bush und Condoleezza Rice, eine Greater Middle East Initiative der USA im Herbst 2003 vorgestellt, dann mehrere Nachfolgekonzepte. Appelle zur Erneuerung kann man auch an seine eigenen Bürger richten: John F. Kennedy appellierte in seiner berühmten Inauguration Address vom 20. Jänner 1961 an seine Mitbürger mit den Worten: „And so, my fellow Americans: Ask not what your country can do for you - ask what you can do for your country.“ [7])

 

Empire und „Overextension“

Nach Paul Kennedy begeben sich Großmächte immer dann in Gefahr einer „Overextension“, wenn ihre geopolitischen und strategischen Vorstellungen und die vorhandenen Mittel nicht mehr übereinstimmen. Viele Autoren weisen allerdings darauf hin, dass das British Empire nur drei Jahrzehnte wirklich eine globale Macht darstellte, die USA hingegen seit nunmehr 100 Jahren. Seit 1900 lag der Anteil der amerikanischen Wirtschaft am globalen Gesamtprodukt immer um die 25%, sieht man von den ersten Jahren nach 1945 ab. Die Kriege nach Vietnam hatten die amerikanische Wirtschaft kaum beeinträchtigt, da ja diese Mehrkosten zum erheblichen Teil im eigenen Land ausgegeben wurden. Wie weit hier die Kriege im Irak und in Afghanistan abweichen, wird sich erst zeigen.

Von einer „Overextension“ kann man daher nur im militärischen Zusammenhang sprechen, da nach dem Übergang zu einer Freiwilligenarmee im Jahre 1970 die Streitkräfte für die zahlreichen Aufgaben eher zu klein dimensioniert sind.

 

Exkurs: Die Bausteine der amerikanischen Geopolitik - von Mahan bis Colin Gray

Strategische Überlegungen lassen sich bis Präsident Lincoln und Gen. Winfried Scott zurückverfolgen. In keinem Land haben akademische und militärische Autoren einen derart großen Einfluss auf das politische, strategische und wirtschaftliche Denken und auch Entscheidungen gehabt wie in den USA.

 

Alfred Thayer Mahan (1840-1914)

Mahan begründete die amerikanische Geopolitik, bevor dieser Begriff überhaupt existierte. Mahan sah Amerika nicht nur als eine große Insel mit einer eigenen Kultur, sondern betonte die engen Beziehungen zu Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland. Amerikas Stärke liege in seiner Bevölkerung, Industrie und seinen Rohstoffen. Er forderte in zahlreichen Aufsätzen und Büchern (a) eine starke amerikanische Marine als Instrument einer Maritime Strategy; (b) eine Verteidigung Amerikas weit vor seinen Küsten, am besten an den trans-oceanic opposite coasts; (c) den Bau eines Kanals zur Verbindung des Pazifiks mit dem Atlantik bei gleichzeitiger Besetzung Kubas; (d) eine starke Flotte in beiden Ozeanen und Bildung eines Schwerpunktes durch eine „swing strategy“; (e) Amerikas Feinde von morgen sind Japan und Russland; (f) die USA müssen sich mit Großbritannien verbinden, um das Entstehen einer starken feindlichen Seemacht im Atlantik zu verhindern; (g) eine „open sea“ and „free trade; (h) Amerika muss Schlachtschiffe (ships of line) bauen.[8])

Mahan schuf auch die Begriffe Middle East, National Interest, National Strategy, National Security, National Character, National Policy, Common Defense, Political Strategy, Strategic Lines, Sea Frontier, Operations of War, Grand Tactics and Sea Warfare Doctrine.

 

Brooks Adams (1848-1927)

Brooks Adams, Nachfahre von John Adams und John Quincy Adams, war Historiker und sah die USA als aufsteigende Macht, die klassischen Mächte als absteigend (The Law of Civilization and Decay, 1895; America’s Economic Supremacy, 1900; The New Empire, 1902). Er verwendete als Erster den Begriff „American Empire“.

 

William Thomas Stead (1849-1912)

Stead, englischer Journalist und Sozialreformer, hatte großen Einfluss auf Cecil Rhodes und die Empire- und Greater England-Fraktion, erkannte aber in den USA die dominierende kommende Macht. In seinem Buch The Americanization Of The World: Or The Trend Of The Twentieth Century (1902) schlug er eine Allianz Großbritanniens mit den USA vor. Stead hatte auch Einfluss auf Halford Mackinder.

 

Theodore Roosevelt (1858-1919)

Der erste Präsident der USA, der für sein Land die Vision einer „aggrandazing power“ entwickelt hatte und „world duties“ sah; Amerika habe die Pflicht, unterdrückte Völker zu befreien und die Demokratie zu verbreiten. 1907 sandte er die Grand White Fleet um die Welt; Amerikas zukünftige Gegner seien das Deutsche Reich, und - nach dem Fall von Port Arthur und der Niederlage der russischen Flotte bei Tsushima - Japan. Er ließ den Panamakanal bauen und forcierte den Flottenbau.

 

Woodrow Wilson (1856-1924)

Woodrow Wilson versprach im Wahlkampf von 1916 keinen Kriegseintritt und warb mit dem Slogan „He Kept Us Out of War“, obgleich man bereits nach einer Möglichkeit suchte, sich im Krieg engagieren zu können. Er war Verfasser der „14 Punkte“, sprach von einer New International Order und „A World Safe for Democracy“, suchte - in der Tradition von George Washington und Thomas Jefferson - eine Ordnung ohne Bündnissysteme und auch ohne Bündnisverpflichtungen. Wilson wollte kein Gleichgewicht der Mächte, sondern „idealistisch“ eine „Gemeinschaft der Mächte“ in Form des Völkerbundes. Er glaubte an eine „divine mission“ Amerikas, um die Welt zu verändern, versuchte daher auch eine Absage an die strategischen Überlegungen eines Alfred Thayer Mahan politisch sichtbar zu machen. Wilson, lange Zeit unter Einfluss von Edward House, sprach von einer neuen Zeit, die mit ihm anbrechen würde.[9]) Nach 1918 versuchte er gegen britische und französische Vorstellungen Freihandel, die Freiheit der Meere, eine Neuordnung Europas, aber keine Bestrafung Deutschlands und Österreich-Ungarns durchzusetzen, eine Politik, die man später „Wilsonianism“ bezeichnete.

 

Frederick Jackson Turner (1861-1932)

Turner war Historiker und Nationalist, er wurde von John Wesley Powell, Nathan Shaler und Friedrich Ratzel beeinflusst. Sein Buch „The Frontier in American History“ hatte großen Einfluss auf Theodore Roosevelt, Franklin D. Roosevelt, Harry Truman, John F. Kennedy, auf Ökonomen und die Vertreter des modernen American Exceptionalism, den er auch mitbegründete. Er glaubte an die Überlegenheit Amerikas, und für die „Turnerians“ waren die USA und auch die ganze Welt eine ewige Baustelle für eine bessere Zukunft.

 

Halford Mackinder (1861-1947)

Mackinder war englischer Geograph und schuf den geopolitischen Überbau für das British Empire und zeigte 1904 die Unterschiede zwischen den eurasischen Landmächten am Heartland bzw. der World Island (Eurasien) auf, denn zwischen beiden stünden die umkämpften Randzonen (Rimlands). Mackinder wies auf die Gefahren der Westfeldzüge asiatischer Horden in der Vergangenheit hin und warnte: „Who controls Eastern Europe rules the Heartland; who rules the Heartland rules the World Island, and who rules the World Island rules the World.“ [10])

Mackinders Sicht war ein Gegensatz zu jener Mahans, der Eurasien von außen her durch Seemacht kontrollieren wollte, und auch eine andere als die des Seestrategen Julian S. Corbett (1854-1922; Some Principles of Maritime Strategy, 1911).

Mackinder schuf nicht nur diese geopolitischen Termini, sondern auch den Begriff „Manpower“ für Bevölkerungsstatistiken. Er versuchte nach 1918 eine Nachkriegsgestaltung Osteuropas und des Nahen Ostens und warnte 1920 vor der totalen Machtergreifung der Bolschewiken. Er befürwortete, wie Stead zuvor, 1924 eine Atlantic Community. Mackinder erkannte 1940, dass die Sowjetunion bei einem weiteren Anwachsen ihrer wirtschaftlichen und militärischen Stärke zwangsläufig zum größten Gegner für die westlichen Demokratien werden musste, und schlug ein Bündnis im Namen der „atlantischen Gemeinschaft“ vor, bestehend aus den USA, Großbritannien und Frankreich.[11]) Er hatte maßgeblichen Einfluss auf Karl Haushofer, Isaiah Bowman, James Burnham und Nicholas Spykman, später auf Henry Kissinger, Zbigniew Brzezinski, Colin Gray, Mackubin T. Owens, aber auch auf die sowjetische Geopolitik.

 

Albert J. Beveridge (1862-1927)

Beveridge war der Prototyp eines national argumentierenden Politikers, der die Überlegenheit Amerikas und dessen missionarische Pflicht hervorhob und zu seiner Zeit einer der besten Redner im Senat war (1899-1911). Beveridge sprach am 9. Jänner 1900 im Senat über Amerikas Rolle und Zukunft: „Mr. President...The Philippines are ours forever. And just beyond the Philippines are China’s illimitable markets. We will not retreat from eitherWe will not abandon our opportunity in the Orient. We will not renounce our part in the mission of our race, trustee, under Godand thanks to the Almighty God that He has marked us as His chosen peopleThe Pacific is our OceanThe power that rules the Pacific, is the power that rules the worldthat power is and will forever be the American Republic. This question...is racial. God has been preparing the English-speaking and the Teutonic peoplesas the master organizers of the worldThis is the divine mission of America.“ [12])

 

Homer Lea (1876-1912)

Homer Lea war politischer Berater bei Sun Yat-Sen, China-Spezialist und sah die weiße Rasse gefährdet. Er erkannte die Gefahr, die für die USA und Großbritannien seitens Japans ausging. Sein Buch „The Day of the Saxon“ (bei Harper, New York, 1912) ist ein Meisterwerk der Seestrategie. Lea ergänzte damit Mahan, und auch sein zweites Buch „The Valor of Ignorance“ (1909), wurde viele Jahre später auch von General MacArthur und General Adna Chaffee geschätzt. Er sah auch in Russland eine kommende Gefahr für das British Empire und ganz Europa.

 

Isaiah Bowman (1878-1950)

Bowman, gebürtiger Kanadier, zählte zu Amerikas herausragenden Geographen, war an der Abfassung der „14 Punkte“ Wilsons beteiligt, war Mitglied der amerikanischen Delegation bei den Friedensverhandlungen von Versailles 1919/20 und Wilsons Berater. Er war Gründungsmitglied des Council on Foreign Relations, Antisemit, versuchte eine neue globale, liberale, kapitalistische Weltordnung, verwendete Begriffe wie „Our National Interest“ und „American Century“, wurde Präsident der Association of American Geographers (AAG) und der American Geographical Society (AGS), leitete den ersten „Think Tank“ der USA, das National Research Council (NRC), förderte die National Geographic Society und befasste sich mit dem Einfluss der Geographie und Topographie (Wassernutzung, Siedlungen, Landwirtschaft, Pioneering Belts) auf die sozialen Strukturen. Als Präsident der Johns Hopkins University förderte er ab 1939 militärische Anliegen, die Offiziersausbildung, den Annäherungszünder und die Entwicklung von C-Waffen. Er sah die Rolle der New World wie später Spykman, lehnte aber die Rolle eines American Haushofer ab, forderte wie Hans Weigert, die Militärs besser über geographische Fragen und Anliegen zu informieren, und verlangte eine klare Grand Strategy gegen die Feinde Amerikas. 225 namhafte Geographen wurden für das War Department, Department of the Navy, für das OSS und das Office of Economic Warfare verpflichtet.

Ab April 1941 wurde er phasenweise Berater von Roosevelt, so betreffend die neutrale Zone im Atlantik, den De-facto-Umfang der „Western Hemisphere“, forderte die Besetzung von Grönland, Island und der Azoren durch die USA. Er wurde Mitglied der geheimen War and Peace Studies (WPS, ab Ende 1939) und des vom Council on Foreign Relations eingerichteten Advisory Committee on Postwar Foreign Policy (ab 1942), Arbeitsgruppen betreffend die Kriegsziele der USA und Nachkriegsordnung für Europa und Asien, mit dem klaren Ziel, die USA zur führenden Macht in der Welt zu machen. Bowman sah in der Sowjetunion Amerikas nächsten Feind und sprach sich gegen eine Zerteilung des Deutschen Reiches aus und war (wie Stimson, Stettinus etc.) gegen den Morgenthau-Plan.

 

Douglas MacArthur (1880-1964)

MacArthur war unter Hoover Army Chief of Staff, unter Roosevelt wurde er militärischer Befehlshaber auf den Philippinen, wurde als Kommandant U.S. Armed Forces Far East (USFFE) Supreme Commander Southwest Pacific Area (SWPA), war maßgeblich an den Planungen für die Niederwerfung Japans beteiligt, was auch Admiral Nimitz als Commander Pacific Ocean, die Bomberwaffe und U-Boot-Aktivitäten sowie amphibische Operationen umfasste. 1945 wurde er Supreme Commander for the Allied Powers im Pazifik, dann Gouverneur von Japan und förderte eine umgehende Versöhnungspolitik mit diesem Staat. 1950/51 plädierte er für den Einsatz von Atomwaffen gegen China.[13])

 

Franklin Delano Roosevelt (1882-1945)

Für Roosevelt war das Deutsche Reich ab 1939 der „zentrale Feind“ der USA, aber auch Japan, das mit der Okkupation der Mandschurei seine anti-britische und anti-westliche Politik verdeutlicht hatte. Das geopolitisch-geostrategische „Grand Design“ von Präsident Roosevelt umfasste die verkündeten politischen Ziele der USA bzw. Alliierten. Hiezu zählten die Atlantic Charter vom 14. August 1941, die Überlassung von 50 Zerstörern an Großbritannien, das Lend Lease-Programm, das Victory-Programm, die Verbreitung der Demokratie (Europa, Asien), die Niederwerfung Deutschlands (Germany First, Europe First) und Japans, die Betonung der Four Freedoms (Freedom of Speech and Expression, Freedom to Worship God in His own way, Freedom from Want, Freedom from Fear), die Schaffung einer „world police force“ im Rahmen der UNO als Kern eines neuen kollektiven Sicherheitssystems, die Schaffung der UNO als bestmögliche Annäherung an eine New World Order bzw. ein One World Government-System, kein amerikanischer Isolationismus, keine Wiederholung der Krisen wie sie nach 1918 eintraten, daher eine „aktive Ordnung“, kein Machtvakuum in Europa (Großbritannien und die Sowjetunion sollen als Ordnungsmächte agieren), eine weitgehende Entwaffnung aller Mächte, außer USA, Großbritannien, Sowjetunion und China, ein Weltwährungssystem (später bekannt als Bretton-Woods-Abkommen), die Förderung eines globalen Freihandels (Schaffung der International Trade Organization, ITO, 1944, später GATT), keine neue Depression; später erkannte er, dass die Sowjetunion für die USA zur Bedrohung werden könnte, und förderte ein umfassendes Stützpunktkonzept.[14])

 

Quincy Wright (1890-1970)

Wright verband die Geopolitik mit dem neuen politikwissenschaftlichen Feld der internationalen Beziehungen und erinnerte daran, dass die Geographie nur eine „beschreibende“ Funktion habe. In „The Study of International Relations”, New York, 1955, S.348) schrieb er: „It has been the hope of some geographers that because of the apparent permanence of geographic conditions, geography might become the master science of international relations. Geography is primarily a descriptive discipline and does not determine international relations.“ [15])

 

Arnold Wolfers (1892-1968)

Wolfers war Autor einiger Bücher, die zwischen den beiden Weltkriegen auf die geopolitische und politische Lage in Europa aufmerksam machten.

 

Nicholas J. Spykman (1893-1943)

Nicholas Spykman stammte aus den Niederlanden, war zunächst Befürworter einer geopolitischen North American Continental Zone, drehte die Sichtweise von Halford Mackinder über die beherrschende Rolle des eurasischen Heartland um und meinte, die USA (The New World) wären mit der Inbesitznahme der europäischen und asiatischen Ränder (Rimlands) in der Lage, das Heartland zu kontrollieren und dessen Expansion nach Westen (zum Atlantik) wie auch in den Westpazifik zu unterbinden, würden damit zur einzigen globalen Macht aufsteigen.

 

Spykman sah zehn bedeutende Fragen, die darüber entscheiden würden, ob ein Staat schwach oder stark sei: die Größe eines Staates, seine Grenzen, die Homogenität der Bevölkerung, Rohstoffe, die zivilisatorische und industrielle Entwicklung, der technische Standard, Wohlstand, das Kapital, die Moral, die soziale Integration und politische Stabilität, capital accumulation, ethnic homogeneity, social integration, innere Stabilität und Moral. Betreffend die USA drehte er Mackinders Theorie um und meinte: „Who controls the Rimland rules Eurasia, who rules Eurasia controls the destinies of the world. The main political objective of the United States ... both in peace and war, must be to prevent unification of the Old World centers of power in coalition hostile to her own interest.“ [16])

Er kritisierte die „reine Geographie“ als unpolitisch und daher im Kampf gegen Hitler und Japan als unbrauchbar. Er schuf die Begriffe Power Politics und Balance of Power, verfasste das Buch „America’s Strategy in World Politics“ (publiziert 1943), betonte die Bedeutung geopolitischer Überlegungen für die Sicherheit der USA, denn „Geopolitics would dominate the politics and strategies of nations.“ Er warnte vor einem Aufstieg Chinas und dem Zusammenschluss Europas, der sich gegen die USA richten würde. Spykman empfahl 1942/43, ähnlich wie später zahlreiche Militärs, Stützpunkte an den Rimlands. Diese Beherrschung ergebe sich durch die Möglichkeit (a) der Seestreitkräfte, (b) durch weitreichende Flugzeuge (Bomber), (c) durch Besetzung von Island und Grönland (erfolgte 1942) und (d) durch die Blockade der Ausgänge zu den Rimlands, etwa durch Sperren der Seewege und Meerengen. Dies ist die Grundlage der amerikanischen Sicherheitspolitik seit 1945.

 

Albert C. Wedemeyer (1897-1989)

General Wedemeyer wurde durch die deutsche Geopolitik, die Kriegsakademie Berlin, Clausewitz und ab 1941 als Planer in der War Plans Division geprägt. Er war u.a. General Marshall direkt unterstellt, war maßgeblich an den Planungen für die Invasion in der Normandie beteiligt und löste später General Stillwell als Kommandant des China-Burma-India Command (USFCT) und als Berater von Chiang Kai Shek ab; mit Marshall und Truman überwarf er sich 1947 wegen deren China-Politik.

 

James Burnham (1900-1987)

Der Trotzkist und spätere Ur-Neokonservative Burnham kam 1944 zum OSS. Er teilte die Welt in die Regionen Westliche Hemisphäre, Europa, Nordafrika und Asien ein und stimmte Mackinder bezüglich der „Ostgefahren“ für Europa zu. Er sah allerdings bereits 1941 und dann erneut 1950 den Zerfall der Sowjetunion voraus, mit dem Streben nach Unabhängigkeit der europäischen und dem Abfall der asiatischen Teile. Er plädierte für eine entschlossene Rollback-Strategie gegenüber Moskau (Buch: „Containment or Liberation“, 1953). Burnham verfasste zahlreiche Bücher und Aufsätze, die großen Einfluss auf die amerikanische Nachkriegspolitik, auf Ronald Reagan, die Reagan-Doktrin und konservative Kreise hatten, kritisierte aber auch die zu „linke“ Sichtweise von George Kennan und die Unentschlossenheit der USA in Vietnam.

 

Hans J. Morgenthau (1904-1980)

Der Politologe Hans J. Morgenthau sah acht „elements of national power“, die die Stellung eines Staates (wie die USA) im internationalen Gefüge ausmachen: Geographie, Ressourcen, industrielle Kapazität, militärische Macht, die Größe der Bevölkerung, den „national character“, die „national morale“ und die Qualität der Diplomatie.[17]) Morgenthau warnte allerdings vor einer Überschätzung der Geopolitik. Er schrieb: ... from the point of view of the power position of the United States it still makes a great deal of difference that the United States is separated from the continents of Europe and Asia by wide expanses of water instead of bordering directly on, let us say, France, China or Russia. In other words, the geographical location of the United States remains a fundamental factor of permanent importance which foreign policies of all nations must take into account  [18])

 

Robert Strausz-Hupe (1903-2002)

Der in Wien geborene Strausz-Hupe emigrierte 1923 in die USA, war von Sven Hedin beeinflusst und verfasste mehrere Bücher über Geopolitik (siehe: „Geopolitics: The Struggle for Space and Power“, 1942), war einer der bedeutendsten Geopolitiker der USA, warnte vor dem kommenden Krieg in Europa und wurde Mitarbeiter von Isaiah Bowman. Er schrieb für Current History, verfasste geopolitische Texte für das Weiße Haus, das State Department, War Department, das OSS, das Bureau for Aeronautics, unterrichtete höhere Offiziere der Navy in Geostrategie (V-12 Program - zu seinen Schülern gehörten Melvyn Laird, Robert Kennedy, Daniel Moynihan etc.), warnte vor der Sowjetunion, gründete 1955 mit Henry Kissinger, Stefan Possony und Col. William Kinter das Foreign Policy Research Institute (FPRI) und 1956/57 die Zeitschrift Orbis, war Berater von Barry Goldwater. Nixon und Reagan ernannten ihn zum Botschafter in Belgien, Schweden, bei der NATO und in der Türkei.

Strausz-Hupe sagte 1956 den Niedergang der Sowjetunion voraus, weil diese keine neue Weltordnung schaffen könne und sich daher ideologisch verbrauche, der Kommunismus sei nur die „Religion des Anti-Christen“, dies sei zu wenig. Den USA fehle aber eine Zukunftsvision, und sie seien in Gefahr, sich mit den Investitionen für eine demokratische Welt zu verausgaben. Die USA sollten daher eine neue Weltordnung (im Rahmen eines American Empire, das er 1942 kommen sah) durch Schwächung der Nationalstaaten suchen. Die Welt benötige einen Nukleus, der eine balancing and stabilizing control ausübe, und das seien die USA.

 

George F. Kennan (1904-2005)

Kennan war kein Geopolitiker, löste aber 1946 mit seinem „Long Telegram“ (veröffentlicht in Foreign Affairs 1947 unter dem Pseudonym Mr. „X“) mit der Forderung nach einem umfassenden Containment, das größte geopolitische Programm der USA und des gesamten Westens (samt der Neutralen) gegen die Sowjetunion aus, das vermutlich mehr zum Niedergang des kommunistischen Lagers beitrug als jede andere Maßnahme. Kennan sah im State Department eine Gruppe einflussreicher Beamter und Diplomaten am Werk, die sich über die Absichten Moskaus nicht im Klaren wären oder nicht im Klaren sein wollten. Kennan forderte eine härtere Gangart und sah eine offensive sowjetische Politik, gegen die die europäischen Regierungen machtlos waren. Kennan empfahl ein Containment auf allen Ebenen: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Bildung etc. Gleichzeitig forderte er Washington auf, die befreundeten Staaten in Europa wirksam zu unterstützen. Es ist interessant, dass Kennan im Zuge seiner Harvard Lecture im Jahr 1950 den Zusammenbruch der Sowjetunion in den nächsten 50 Jahren vorhersah.

 

Paul Nitze (1907-2004)

Paul Nitze war Berater von Roosevelt, Truman, Eisenhower, Kennedy, Nixon, Reagan und George H. Bush. Er war Verfasser der NSC-68 und wurde „Master Strategist of the Cold War“ genannt.

 

Leslie Lipson (1912-2000)

Leslie Lipson analysierte (wie zuvor Winston Churchill, Nicholas Spykman, Edward Luttwak, Colin Gray oder John Lewis Gaddis) von der Geographie ausgehend politische Systeme und Akteure. Er stellte fest, dass Seemächte eher demokratisch wären als Landmächte, deren Herrscher zur Unterdrückung neigen: „The inhabitants of an island, if they can command the surrounding sea, will use it for a highway outward. If they do not, it is a highway for others to enter. Likewise, the Russians, locked in the Eurasian land-mass, have steadily pressed toward the exits of the Baltic, the Black Sea, and Persian Gulf. In this respect, the switch from Czarism to Communism resulted in changes of technique only, but not of aim.“ [19])

„The varieties of geographical locations confront each society with different sets of conditions within which the problem of security has to be resolved. All communities extend over land and have the need therefore to control it But there is a difference between land power and sea power. A survey of the historical evidence from the past to the very recent times suggests the following propositions: All great land powers hitherto have been autocratically governed by royal absolutism, an oligarchy of the nobles, military condotteri, or some species of dictatorship. But the same is not true of people with a naval tradition. A navy has never been a menace to democratic government. The military rulers of history have always been the generals, never the admirals. The advent of air power, however, in this century and the contemporary exploration of outer space, have added new dimensions of geopolitics, both domestic und external.“ [20])

 

Samuel P. Huntington (1927-2008)

Huntington hatte in seinem Aufsatz (Foreign Affairs, 4/1993) und im Buch „The Clash of Civilizations“ (1996) neun Zivilisationen/Kulturregionen und mehr oder weniger mit diesen in Übereinstimmung stehende Großräume ausgemacht und gewarnt, dass es zwischen diesen im 21. Jahrhundert zu Konflikten kommen könne. Huntington verfasste nicht nur zahlreiche Bücher und Artikel, sondern war auch politisch tätig.

 

Saul B. Cohen

Saul B. Cohen ist heute einer der bekanntesten Geographen der USA. In seinem Buch „Geography and Politics in a World Divided“ (1963), teilte er die Welt analog zu Mackinder und Spykman ein, und sah die USA als dominierende Macht, eben als das New Heartland, das stärker sei als das klassische, eurasische Heartland. Die USA sind daher das Second Heartland. Cohen sieht damit fünf Typen von Staaten: jene der First Order (USA), Second Order (Europa, China, Japan), Third Order (Staaten mit geordneten politischen Systemen, wie etwa im Nahen Osten und einige in Afrika), der Fourth Order (unbedeutende Staaten) und der Fifth Order (destabilisierte Staaten). Staaten können aufsteigen oder absinken. Cohen schlägt ein geopolitisches Containment von ganz Eurasien vor.

 

Colin Gray

Colin Gray, Autor zahlreicher Bücher über Geopolitik, Strategie und Außenpolitik der USA, meinte ebenfalls, die USA könnten die Rimlands kontrollieren und von dort aus eine Expansion des Heartland verhindern. Man sollte die Staaten am Rimland unterstützen, sodass diese dem Druck aus dem Heartland besser widerstehen können. Er sieht die USA als Insel, die man nur schwer angreifen kann. Gray („The Geopolitics of Super Power“) sieht Geopolitik als politisches Programm für Amerika. Die NATO sei eine ideale Organisation zur Kontrolle des europäischen Rimland, was im Interesse der USA sei. 1996 kam sein Buch „The Continued Primacy of Geography“ heraus, in dem er die neuen National Interests der USA vorstellte. Ähnlich Huntington (Clash of Civilizations) warnte er vor den globalen kulturellen Dissonanzen. Und: „The United States is an insular power of continental size. Both psychologically and in terms of military logistics, its traditionally protective oceanic distances retain major strategic significance in the nuclear missile age The oceanic isolation of the United States from Europe and Asia can be a source of security or insecurity, depending upon the balance of naval strength.“ [21])

 

Paul Kennedy

Mit dem Buch „The Rise and Fall of the Great Powers“ (1987) analysierte der in den USA lehrende Paul Kennedy die Gründe für den Aufstieg und Abstieg großer Mächte und auch geopolitische Zusammenhänge.

 

John M. Collins

John Collins ist Autor zahlreicher Bücher über militärische Strategie und Geographie und lehrt am National War College. Seine Bücher über Grand Strategy (1974), Military Strategy (2002, 2008) und Military Geography (1998) sind Meisterwerke über Geostrategie, strategische Planungen und Ableitungen von diesen.

 

Thomas P. M. Barnett

Thomas Barnett („The Pentagon’s New Map“) sieht global drei Typen von Staaten: (1) jene mit einem voll funktionsfähigen politischen und wirtschaftlichen System, die man auch als den functioning core bezeichnen kann, (2) deren „Umgebung“ mit eher weniger stabilen und im core nicht-integrierbaren Staaten, schließlich (3) den Arc of Crisis oder Arc of Instability, in dem sich die „failing states“ befinden; dieser Arc reicht von Lateinamerika über Nordafrika und Südasien bis Indonesien. Staaten wandern vor allem zwischen den Typen (2) und (3). Der stabile Kern muss sich daher gegen die instabilen Staaten abschotten und sich mit stabilisierten Staaten umgeben. Hiezu gehört aber auch, instabile Systeme zu stabilisieren (z.B. Irak, Afghanistan). Man kann die Staaten auch noch anders einteilen, nämlich in (pro-)westliche und jene, die einem bestimmten Rule Set folgen, der sich gegen westliche Organisationen und bestehende Normen und Abkommen richtet (UNO, WTO, IMF, Völkerrecht, Menschenrechte etc.). Barnett sieht neue Mächte, welche die USA auch wirtschaftlich und technologisch herausfordern könnten (Brasilien, Indien, Indonesien).

 

Viele Autoren sehen drei große, geopolitisch trennbare Blöcke von Staaten: die stabilen, westlichen bzw. befreundeten, die weniger berechenbaren, oft neutralen oder auch antagonistischen Staaten und den Block der nicht-stabilen (failed, failing) Staaten. Das größte Sicherheitsproblem für alle anderen Staaten sind jene, die - im Besitz von A-Waffen und Raketen - in die Gruppe der „dysfunctional-failed states“ abrutschen.

 

Robert Art

Robert Art ist der Verfasser des Buches „A Grand Strategy for America“. Schon in den 1970er-Jahren kam es nach Vietnam zu neuen strategischen Überlegungen, die Robert Art als OffShore Balancing und unter Anwendung eines Selective Engagement als mögliche Rückzugsvariante von der „Global Cop“-Rolle bezeichnete. Selective Commitment entspricht einem begrenzten Interventionismus, aber ganz im Sinne des National Interest. Hier liegt somit keine spezielle „Grand Strategy“ vor, sondern ein globales Handeln nach den Geboten der aktuellen internationalen Entwicklungen. Die USA intervenieren immer dann, wenn es das eigene nationale Interesse gebietet. Art machte den Begriff OffShore Balancing zu einem Teil des geostrategischen Vokabulars. Art sieht die politischen und militärischen Interventionen in Guatemala (1954), Vietnam (1953-1975), Chile (1973), Angola (1974/75), Nicaragua (1982/85), Grenada (1983) und in Afghanistan (ab 1980 gegen die Sowjetunion) als „Roll Back-Impulse“.[22])

 

Richard A. Falk

Falk ist Verfasser zahlreicher Bücher über Völkerrecht, Krieg, Weltordnungen und Weltmodelle. Er war für den Bereich Menschenrechte UNO-Beauftragter für den Nahen Osten und befasste sich mit den Problemen Religion, Terrorismus, Global Governance sowie Kriegsverbrechen und verfasste auch Bücher mit Richard J. Barnet, Wolfram F. Hanrieder, Samuel S. Kim, Quincy Wright, Seymour Melman und anderen.

 

Zbigniew K. Brzezinski

Zbigniew Brzezinski war Sicherheitsberater unter Präsident Carter und ist einer der herausragenden geopolitischen Denker der Gegenwart. Brzezinski bezieht sich auf die geschwundene Bedeutung der europäischen Mächte; diese hätten abgedankt, nunmehr komme es zur Konkurrenz von Europa, Russland, China und Indien, wobei die beiden Ersteren sich am Rückzug befänden. Er beschreibt die amerikanische Geopolitik für das 21. Jahrhundert als den politischen und militärischen Kampf um Eurasien.[23]) Die USA wirken von außen auf Eurasien ein, denn alle Gefahren für Amerika würden von Eurasien ausgehen. Brzezinski förderte v.a. die Beziehungen zu China und ein stärkeres amerikanisches Engagement in Zentralasien.

 

Robert D. Kaplan

Der von Mackinder, Spykman und Paul Kennedy beeinflusste und viel gelesene Kaplan ordnet die Geopolitik bei den Realists ein, sieht Amerika vor neuen Gefahren stehend, die von Eurasien ausgehen, dort befänden sich instabile „shatter zones“, mit religionsspezifischen kollektiven Paranoias und unkontrollierbaren, durch Bevölkerungsüberschüsse sich ausbreitenden Megastädten ohne Wasser und Energie, die sich aber mit Raketen und Massenvernichtungswaffen gegenseitig bekämpfen könnten. Indien könne zerfallen, so auch Pakistan und Saudi-Arabien. Er sieht Strukturen, die man von außen nicht kontrollieren kann, ergänzt durch neue Bündnisse vom Nahen Osten bis China; am Ende des 21.Jahrhunderts werde nichts mehr so sein wie an dessen Beginn.[24])

 

„The Wise Men“ und Architekten des Antikommunismus

Eine Gruppe von Politikern erkannte nach 1945, dass die USA den Kampf gegen die Sowjetunion aufnehmen müssten, denn es gehe um die Kontrolle Europas und Ostasiens und das Zurückdrängen des Kommunismus. Zu diesen „Wise Men“ zählt man Averell Harriman (1891-1986), Dean G. Acheson (1893-1971), Charles Bohlen (1904-1974), Dwight D. Eisenhower (1890-1969), James Forrestal (1892-1949), Lucius D. Clay (1897-1978), George Kennan, Robert A. Lovett (1895-1986), John J. McCloy (1895-1989), Paul Nitze, Harry Truman (1884-1972) und Arthur Vandenberg (1884-1951).

 

Die Maritime Power-Apologeten

In den USA hatten die Ansichten von Mahan starke Auswirkung auf die geopolitisch-geostrategisch-maritimen Sichtweisen Dutzender Admirale, die die Seestrategie im Zweiten Weltkrieg und auch nach 1945 bestimmten: William S. Benson (1855-1932), Edward W. Eberle (1864-1929), William D. Leahy (1875-1959), Harry E. Yarnell (1875-1959), Ernest J. King (1878-1956), Harold D. Stark (1880-1972), William F. Halsey (1882-1959), Royal E. Ingersoll (1883-1976), Robert L. Ghormley (1883-1958), John S. McCain (1884-1945), Richmond K. Turner (1885-1961), Chester W. Nimitz (1885-1966), Charles M. Cook (1886-1970), Raymond A. Spruance (1886-1969), Marc A. „Pete“ Mitscher (1887-1947), Joseph J. Clark (1893-1971), Robert B. Carney 81895-1990), Arthur W. Radford (1896-1973) etc.

 

Die Airpower-Apologeten

Die Airpower-Apologeten gingen davon aus, dass massive Luftangriffe gegen die im Hinterland des Feindes befindlichen Wirtschaftszentren und Städte zu einem raschen Sieg führen würden. Man nahm an, ein Staat sei ein feinmaschiges Netzwerk, das sofort zerreiße, wenn es auch nur an einer entscheidenden Stelle einreißt - Stromversorgung, Treibstoffindustrie, Verkehrswege. Die Anfänge der amerikanischen Air Power-Schule waren zunächst vom britischen General Lord Trenchard geprägt, dann von William L. „Billy“ Mitchell (1879-1936) und Guilio Douhet (1869-1930): Alexander P. de Seversky (1894-1974, Verfasser von „Victory Through Airpower“, 1942) und den Befürwortern der strategischen Bomberwaffe, wie den Generalen Henry H. Arnold (1886-1950), Carl A. Spaatz (1891-1974), Muir S. Fairchild 81894-1950), Ira C. Eaker (1896-1987), James H. „Jimmy“ Doolittle (1896-1993), Nathan F. Twining (1897-1982), Hoyt S. Vandenberg (1899-1954), Thomas D. White (1901-1965), Haywood S. Hansell (1903-1988), Thomas S. Power (1905-1970), Laurence S. Kuter (1905-1979), Curtis E. LeMay (1906-1990), Lauris Norstad (1907-1988) und Bernard A. Schriever (1910-2005). Sie bestimmten nach 1945 auch maßgeblich die Abstützung auf strategische Bomber, ICBM und Nuklearwaffen.

 

Die Army Continental Warfare School

Die U.S. Army bildete ihre Offiziere in Führung, Organisation, Taktik, Logistik und Kriegsgeschichte aus, es gab aber keinen Strategieunterricht. Als Grundlagen dienten Jomini, Upton, später Clausewitz und Liddell Hart. Strategie war daher ein persönlicher Lernprozess wie im Falle von Gen. George C. Marshall (1880-1959), Douglas MacArthur, Albert C. Wedemeyer, etwa durch persönliche Erfahrungen an der Spitze von politischen und militärischen Hierarchien. Diese Liste kann man um Omar N. Bradley (1893-1981), Alfred M. Gruenther (1899-1983), Lyman L. Lemnitzer (1899-1988), Matthew B. Ridgeway (1895-1993), Joseph W. Stilwell (1883-1946) oder Maxwell D. Taylor (1901-1987) erweitern.

 


ANMERKUNGEN:

[1]) Richard A. Falk: A Study of Future Worlds - Preferred Worlds for the 1990s. The Free Press-Macmillan, New York, 1975.

[2]) Jim Whitman: Global Governance as the Friendly Face of Unaccountable Power, Security Dialogue 1/2002, S.45-57.

[3]) Friedrich Korkisch: Die neue Weltordnung, ÖMZ 4/92, S.299-307.

[4]) Barry Buzan, Richard Little: International Systems in World History. Oxford Univ. Press, Oxford, UK, 2000, S.72-89.

[5]) Commission on Global Governance (Hrsg.): Our Global Neighbourhoods. The Report of the Commission on Global Governance, Oxford. 1995.

[6]) Harald Müller: Amerika schlägt zurück. Die Weltordnung nach dem 11. September. Fischer, Frankfurt am Main, 2003, S.28-29, S.59-61.

[7]) Diesen Satz hatte bereits vor Kennedy Präsident Coolidge verwendet, der sich wiederum auf ähnliche Aussagen von Abraham Lincoln bezog; der Satz wird aber irrigerweise immer Kennedy zugeschrieben.

[8]) Alfred T. Mahan: The Influence of Sea Power Upon History. Little & Brown, Boston, 1890; Mahan on Naval Strategy. Selections from the Writings of Rear Admiral Alfred Thayer Mahan. Naval Institute Press, Annapolis, MD, 1991.

[9]) Marvin Olasky: The American Leadership Tradition. Crossway Books, Weathon, IL, 1999/2000, S.201.

[10]) Halford J. Mackinder: The Geopolitical Pivot in History, Geographical Journal, Vol. 23, 1904, S.421-444.

[11]) James E. Dougherty, Robert L. Pfaltzgraff: Contending Theories of International Relations. Lippincott-Longman, London, New York, 5th Ed., 2001. S.162-163.

[12]) Congressional Record, 56th Congress, 1st Session, S.704-712, Superintendent of Documents, Washington, DC, 1901.

[13]) William Manchester: American Caesar 1880-1964. Dell Publ., New York, 1987.

[14]) Michael S. Sherry: Preparing for the Next War. America’s Plans for Postwar Defense 1941-1945. Yale Univ. Press, New Haven, CT, 1977; Michael S. Sherry: The Rise of American Air Power - The Creation of Armageddon. Yale Univ. Press, New Haven, CT, 1987.

[15]) Sam C. Sarkesian, John Allen Williams, Stephen J. Cimbala: U.S. National Security. Policymakers, Processes, and Politics, 3d Edit., Lynne Rienner Publ., Boulder, CA. 2002. S.267.

[16]) Nicholas Spykman: The Geography of Peace. Harcourt, Brace & Co., New York, 1944, S.43-44.

[17]) Hans J. Morgenthau: Politics Among Nations. McGraw Hill, New York, 1948 (Reprint 1993), S.124-158; James Dougherty, Robert Pfalzgraff: Contending Theories. S.75-80.

[18]) Hans J. Morgenthau: Politics Among Nations. S.124-127.

[19]) Leslie Lipson: The Democratic Civilization. Oxford Univ. Press, New York, 1964, S.157-158

[20]) Leslie Lipson: The Democratic Civilization. S.161-162.

[21]) Colin S. Gray: The Geopolitics of Superpower. The Univ. Press of Kentucky, Lexington, KY, 1988, S.45. Dieses Buch hatte die Chance, das vermutlich wichtigste nach 1945 verfasste Buch über Geopolitik zu werden, wenn nicht durch den Untergang der Sowjetunion das Thema hinfällig geworden wäre.

[22]) Robert Art: A Grand Strategy for America. Cornell Univ. Ithaca, London, UK, 2003, S.87-90. Der Verfasser hatte Gelegenheit in San Francisco mit Art ein längeres Gespräch zu führen.

[23]) Zbigniew Brzezinski: The Grand Chessboard. American Primacy and its Geostrategic Imperatives. Basic Books, New York, 1997. S.30-31.

[24]) Robert D. Kaplan: The Revenge of Geography, Foreign Policy, May/June 2009, http://www.foreignpolicy.com.