Königgrätz 1866

Die Operationen zwischen dem 22. Juni und 3. Juli 1866

Thorsten Loch/Lars Zacharias

 

Mit der Schlacht von Königgrätz, so die bis heute einhellige Wahrnehmung, war die seit Jahrzehnten offene „Entscheidung über Deutschland“ gefallen. Die preußischen Armeen schlugen aufgrund der Feuerkraft ihres Zündnadelgewehrs und der geniegleichen Führung Generalfeldmarschall Helmuth von Moltkes, die Truppen der k.k.-Monarchie unter Feldzeugmeister Ludwig von Benedek. Doch nicht nur die „Sieger“, auch die „Verlierer“ konzentrierten sich in ihrer geschichtspolitischen Apologetik auf die Argumente Waffentechnik und Führungsversagen ihres Feldherrn, den sein oberster Kriegsherr gar als „Trottel“ stigmatisierte. Offensichtlich verlor Österreich diese Schlacht und mit ihr den Krieg von 1866 um die Vorherrschaft in Deutschland. Vordergründig waren dafür bessere Waffen und höheres militärisches Können auf preußischer Seite verantwortlich. Ist aber dieses bessere militärische Können wirklich belegbar oder hatte Moltke nicht einfach nur Glück, dass sein Gegner operative und taktische Fehler beging? Hinter dem Offensichtlichen ist zu erkennen, dass Benedek durchaus wusste, was er tat und gemäß sich dem ihm bietenden Lagebild angemessen handelte. Die Ereignisse führten dazu, dass Benedek seine Kräfte aus dem Raum Gitschin - wo erfolgreich verzögert wurde und die Versammlung der preußischen Kräfte (wenn auch unwissentlich) verhindert werden konnte - nach Königgrätz befahl. Aus taktischen Gründen (Moral der Truppe, höhere Wirkung seiner Feuerwaffen in der Defensive) suchte er hier die Entscheidung nun in der Verteidigung. Überall sah es für die preußischen Kräfte nicht Erfolg versprechend aus, da sich die Feuerwaffen der damaligen Zeit eindeutig zugunsten des Verteidigers auswirkten. Nur der rechte Flügel, ursprünglich zur Sicherung nach Norden, gegen die in den Mittagsstunden erwartete preußische 2. Armee eingesetzt, verweigerte eigenmächtig den Gehorsam und entglitt dem Befehl Benedeks. So wurde die rechte Flanke entblößt und im Swiepwald aufgerieben. Diese Insubordination ermöglichte erst die Realisierung der Absicht Moltkes. Ohne die hier vorgefallene Eigenmächtigkeit zweier Korpskommandeure wäre dem Kronprinzen Preußens dasselbe blutige Schicksal wie seinem Vetter Prinz Friedrich Karl und dessen 1. Armee widerfahren: Liegenbleiben im Feuer der Lorenzgewehre und der gezogenen Läufe der österreichischen Vorderladerartillerie. In dieser Situation hätte ein österreichischer Gegenangriff mit der ca. 60.000 Mann starken Reserve (darunter allein drei Kavalleriedivisionen) unter den liegen gebliebenen und erschöpften preußischen Verbänden ein Blutbad anrichten können. Stattdessen musste Benedek den Gegenangriff auf Chlum befehlen, weil er, nachdem er die Flankenbedrohung realisiert hatte, den richtigen Zeitpunkt zum Einsatz seiner Reserve zur Verteidigung seiner rechten Flanke verstreichen ließ. Die Entscheidung von Königgrätz basiert also mithin nicht auf dem Genius eines Moltkes, noch auf der Verfügbarkeit von Eisenbahnen und nicht auf der Leistung des Zündnadelgewehrs, aber auch nicht in der Unfähigkeit Benedeks. Die Beschäftigung mit dem Verlauf der Operationen zeigt, dass der abweichende Einsatz entgegen der Befehlslage am rechten Flügel (ein Führungsproblem) und der Einsatz der österreichischen Reserve (eine Führungsentscheidung) den Ausschlag über Sieg und Niederlage gaben.