Moltke und Königgrätz

Im Spannungsfeld von Militärischer Revolution und Revolution in Military Affairs (RMA)

Eberhard Birk

 

Am Morgen vor der Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866 galt Österreich noch als die stärkste Macht Zentraleuropas, am Abend des 3. Juli war es Preußen: „Casca il mondo“ - die Welt stürzt ein! Dieses klassische Diktum des päpstlichen Staatssekretärs Antonelli bringt in aller Kürze und Prägnanz die zentrale Bedeutung dieser „Entscheidungsschlacht“ für das europäische Kriegswesen der neueren und neuesten Geschichte auf den Punkt. Die politischen Folgen waren dramatisch: Zerschlagung des Deutschen Bundes, territoriale Abrundung Preußens durch Annexionen sowie Bildung des Norddeutschen Bundes als Katalysator der kleindeutschen Lösung durch Schutz- und Trutzbündnisse mit den erstmals tatsächlich souveränen süddeutschen Staaten - und Österreich war nach Jahrhunderten ohne staatliche Verbindung mit „Deutschland“. Bismarck und Moltke wurden insbesondere durch ihr Handeln in der kurzen Epoche der „Reichseinigungskriege“ zu politischen und militärischen Heroen der kleindeutsch-borussischen (Militär-)Geschichtsschreibung. Moltke formulierte in seiner berühmten Reichstagsrede am 14. Mai 1890: „Die Zeit der Kabinettskriege liegt hinter uns (...) Meine Herren, es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden, - und wehe dem, der Europa in Brand steckt, der zuerst die Lunte in das Pulverfaß schleudert“; vielmehr gehe es dann „um den Bestand des Reiches, vielleicht um die Fortdauer der gesellschaftlichen Ordnung und der Zivilisation, jedenfalls um Hunderttausende von Menschenleben.“ Bismarck wurde von Kritikern nachgesagt, dass er „zwar zu handeln, aber keine Tradition zu bilden verstand, dass er neben dem Offizierkorps Moltkes keine entsprechende Rasse von Politikern schuf, die sich mit seinem Staat und dessen neuen Aufgaben identisch fühlte.“ Die Konzentration auf (brillante) operative und taktische Führung einerseits - geradezu analog zur arbeitsteiligen Industriegesellschaft -, andererseits die fahrlässige politische Führung ohne übergeordnete und integrierende Grand Strategy führte zur Kulminationskatastrophe des Ersten Weltkrieges. Während es 1866 und 1870/71 Bismarck weitgehend gelang, die zum „Absoluten“ treibende Bellona mit ihren neuen Zerstörungskräften in zwei (neo-)absolutistischen Kabinettskriegen einzuhegen, wagte die Reichsleitung 1914 den „Sprung ins Dunkle“. Dieser zu Teilen bewusst und unnötig aufgelöste Zusammenhang machte die Trennung des militärischen Professionalisierungsprozesses auf taktischem und operativem Terrain von politisch vertretbaren Zielsetzungen im Kaiserreich so verhängnisvoll. Wie apolitisch das „strategische Denken“ in weiten Teilen eines sich als Generationen übergreifendes Kooptationskartell begreifendes preußisch-deutsches Offizierkorps wurde, zeigt die Äußerung: „Wir haben zwar ein Sedan und ein Königgrätz geschlagen - aber bis zu einem Leuthen haben wir es noch nicht gebracht.“ Das taktisch-operative Dogma nicht kriegsentscheidender Schlachten wie einem noch fünf Kriegsjahre folgenden „Leuthen“ - in gewissem Sinne orientiert an einem nach Überlegenheit auf dem Schlachtfeld suchenden RMA-Paradigma - wurde über das politisch-strategische gestellt! Dies dokumentiert die Notwendigkeit, die Geschichte der bewaffneten Macht in allen Staaten und zu allen Zeiten nicht losgelöst von der allgemeinen Geschichte und Strategieentwicklung zu untersuchen und zu bewerten.