Kritische Geopolitik

Zur Neukonzeption der Politischen Geografie in der Postmoderne

Heinz Nissel


Es sind bereits über 20 Jahre vergangen, seit der Begriff Critical Geopolitics erstmals im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch verwendet wurde, um damit einen kritischen Zugang zum weiten Feld der Geopolitik zu umschreiben. Dieser neue Zugang hat den Horizont postmoderner Geografie, insbesondere der Politischen Geografie enorm verbreitert, da damit eine irreversible Öffnung hin zu Theorien wie Methoden der Sozial- und Kulturwissenschaften einsetzte. Im deutschen Sprachraum erfolgte die Übernahme mit über einem Jahrzehnt Verspätung (um 2000), gehört aber seit einigen Jahren ebenfalls zum Fundament in Forschung und Lehre. Die Übernahme des Ansatzes der Kritischen Geopolitik bedeutet eine konstruktivistische Wende. Sie kann heute bereits als erfolgreich, ja etabliert gesehen werden. Die Gründe dafür sind sowohl theoretischer wie empirischer Natur. Theoretisch als Gegenpol zur realpolitischen Auffassung von (klassischer) Geopolitik, indem soziale Phänomene als Verbindung von Macht und Wissen gedeutet werden. Empirisch, weil dieser Zugang ein hohes Maß an Praxisnähe (auf Basis einer akteursorientierten Auslegung des Diskursbegriffs) erlaubt. Implizit oder explizit durchzieht die Kritische Geopolitik häufig auch ein moralischer Impetus hinsichtlich einer besseren Welt als politisch-moralischer Anspruch. Dieses Oszillieren zwischen politischem Engagement und radikaler Dekonstruktion im wissenschaftlichen Anspruch bleibt ein ungelöstes Kardinalproblem. Eine Möglichkeit der Überwindung liegt in der präzisen Offenlegung der Entscheidungskriterien beim Theorieimport. Ein anderer in einem neuen Konzept des Leitbegriffs „Diskurs“ als Sprache und Praxis. Damit erfolgt in jüngster Zeit wiederum eine Annäherung der beiden Hauptstränge der postmodernen Politischen Geografie, der Kritischen Geopolitik wie der handlungsorientierten Konfliktforschung. Dadurch scheint auch die Bevorzugung „empirischer Anschlussfähigkeit“ des Faches gegenüber „terminologischer Tiefenschärfe“ beendet. So werden drei konzeptuelle Wege der Weiterentwicklung vorgeschlagen: den Weg des Poststrukturalismus mit einer Neubewertung der Relation Akteur und Subjekt, jenen des Postkolonialismus (inklusive feministischer und neo-marxistischer Positionen) sowie drittens einen verstärkten Einbau der Systemtheorie, die vor allem die Funktion räumlicher Semantik bei der Überwindung von Inkonsistenzen im Theoriegebäude leisten soll.