Strategische Theorien und Politikgestaltung im 21. Jahrhundert

Andrea K. Riemer


Die Kriege im Irak und in Afghanistan und die parallel verlaufende Finanz- und Wirtschaftskrise ließen immer wieder Zweifel aufkommen, ob man heute noch sinnvollerweise Strategie „betreiben“ könne und, wenn ja, wie strategische Konzepte auszusehen hätten. Zudem wird heftig debattiert, warum es nicht gelungen ist, in den vergangenen 20 Jahren ordnungsadäquate strategische Konzepte seitens der Wissenschaft bereitzustellen, und man damit einer kurzfristigen Politikgestaltung das Feld überließ. Politikgestaltung hatte zweifelsfrei das Ruder übernommen. Theoretische Konzepte, die eine brauchbare Brücke zwischen Theorie und Praxis bilden, sind nahezu nicht vorhanden. Die Gründe hiefür sind vielschichtig und oft nicht eindeutig zuordenbar. Ausgangspunkt der vorliegenden Betrachtungen ist das Konzept der Ordnung und ihre zum Teil ausgeprägten, inhärenten Kontradiktionen. Die Ordnung stellt das ‚strategische Spielfeld’ dar und ist in ihr Umfeld eingebettet. Ohne dieses zu kennen, kann grundsätzlich nicht beurteilt werden, ob strategische Konzepte und Theorien praktischen Ansprüchen genügen und zeitgemäß sind. Ferner lässt es sich in Ermangelung der Ordnungskenntnis auch nicht feststellen, wie strategische Konzepte und Theorien inhaltlich beschaffen sein müssen, um eine Ordnung zu gestalten und damit in eine bestimmte Richtung zu entwickeln. Daher ist die Befassung mit dem strategischen Spielfeld ein unabdingbarer Referenzrahmen. Die Ausführungen sind einer von mehreren Wegen, wie man das strategische Spielfeld erfassen und begreifen kann. Jedenfalls ist er synthetisch und genügt damit der immer wieder geforderten gesamthaften Betrachtungsweise. Parallel dazu kann und soll man durchaus auch andere Wege wählen - wesentlich ist, dass sie mit der Komplexität der Realität Schritt halten. Die aktuelle internationale Ordnung, welche netzwerkartige Strukturen und komplexe Beziehungsgeflechte umfasst, lässt auf polyzentrische Organisationsformen schließen, in denen mehrere Aktions- und Führungszentren existieren. Dabei ist kaum ein einzelnes Element (Akteur) in der Lage, die Gesamtstruktur inhaltlich und strukturell ausschließlich (hermetisch) über einen längeren Zeitabschnitt zu prägen und zu steuern. Dass Strategie und strategische Theorien sich für diesen Aktionsraum entsprechend inhaltlich und formal anzupassen haben, liegt auf der Hand. Auf der Hand liegt auch, dass es sowohl intellektuell als auch pragmatisch einen ungeheuren Nachholbedarf gibt. Es ist höchste Zeit, dass sich sowohl die akademische Gemeinschaft als auch die politischen Entscheidungsträger auf einen gemeinsamen Nenner einigen, dessen Umfang sich nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Minimum zu richten hat, sondern nach dem Ausmaß des Beitrags für das Wohl des Ganzen. Was idealistisch klingen mag, ist unabdingbare Notwendigkeit in einer Ordnung, die von unbeabsichtigten Effekten ebenso lebt wie von Hybridität und von Akteuren, die sehr genau wissen, welche Herausforderungen sie zu produzieren haben, um das Ganze gehörig ins Wanken zu bringen. Alleine dieses Bewusstsein fehlt größtenteils nach wie vor bedauerlicherweise bei politischen Entscheidungsträgern und in der akademischen Gemeinschaft. Genau an diesem Bewusstsein werden beide jedoch gemessen werden.