Napoleon Imperator

Anmerkungen zur napoleonischen (Selbst-) Ikonographie im Spiegel der Antike

Eberhard Birk


Als historische Quellen sollen die im Folgenden zu analysierenden Darstellungen Napoleons und seines militärischen, politischen und Recht setzenden „Genius“ als multidimensionale Ikone(n) weniger auf ihre kunsthistorische Bedeutung als vielmehr auf ihren Wert als Werkzeug einer historisch-politischen aufgeladenen Propaganda, die nebenbei auch der napoleonischen Selbstinterpretation entsprach, gedeutet werden. Dieses Unternehmen war so nachhaltig, dass das Bild, das sich die Nachwelt von Napoleon machte, in weiten Teilen darauf basierte. Die in fachwissenschaftlich-interdisziplinären Forschungsdesigns stets angemahnte Notwendigkeit einer diskursiven historisch-kritischen „Dekonstruktion der Bilder“ scheint heute, vor dem Hintergrund einer trotz boomendem Geschichtsjournalismus schleichenden Geschichtsvergessenheit, der Notwendigkeit gewichen zu sein, zunächst die Zielsetzung ihrer Konstruktion erneut in Erinnerung zu rufen. Selbstverständlich bedurfte auch ein Napoleon bei seinem autoritären Herrschaftsstil und charismatischen Selbstverständnis im Negativen - im Inneren war er Diktator, nach „Außen ist Napoleon Terrorist, aus der Schule von 1793/94“ - wie im Positiven den von seiner Propaganda aufgespannten Schirm der Camouflage und Glorifizierung. Seine verfolgte Bild-Programmatik lässt sich dabei als sein individuelles Pendant resp. einen personenzentrierten Gegenentwurf zu der zum Kollektivsymbol geronnenen „Erstürmung“ der Bastille am 14. Juli 1789 begreifen, die als „ein Musterbeispiel für die Selbstmystifizierung der Französischen Revolution“ interpretierbar ist. Napoleon war „nach innen Sauveur der neuen französischen Gesellschaft und Welteroberer nach außen“ sowie gleichzeitig als charismatischer Herrscher „der lehrreichste Typus des Cäsarismus.“ Darüber hinaus gilt er auch in der Regel als der personifizierte Katalysator der Moderne. Das Diktum von Thomas Nipperdey für die deutsche Geschichte - „Am Anfang war Napoleon“ - gilt auch für die Propaganda, die seit Napoleon in qualitativer und quantitativer Hinsicht ihren neuzeitlichen Siegeslauf begann, indem sie seine militärischen, politischen und Recht setzenden Erfolge geradezu ikonographisch überhöhte. Ihm ging es vor dem Hintergrund einer politischen und militärischen Revolution in einer Epoche fundamentaler Umbruchsszenarien darum, in seiner Person neue gesellschaftliche Prinzipien in Verbindung mit der Konstruktion traditionaler Herrschaftsstrukturen ideologisch zu begründen. So erinnern etwa die von Napoleon erzwungenen Bündniskonstellationen - insbesondere der 1806 geschaffene Rheinbund als militärstrategisches Glacis und Soldatenreservoir - genauso an das Gefolgschaft einfordernde, indes stabilere römische Bundesgenossensystem wie der Zug nach Moskau im Jahre 1812 dem römischen Vordringen in den Osten unter Trajan im Jahre 117 vergleichbar ist, das dem römischen Reich mit dem Erreichen von Basra am Persischen Golf seine größte territoriale Ausweitung brachte - wenn auch, wie bei Napoleon, nur für kurze Zeit als temporäre Außenbastion eines imperial overstretch. Als Kaiser eines überforderten „römischen“ Frankreich führte er sein Empire innerhalb eines Jahrzehnts in den Untergang. Zusammenfassend kommt man zu dem Urteil, dass Napoleon sämtlichen militärischen, politischen und religiösen Herausforderungen eine „klassische“ zeitlose und ewige Lösung in einer antiken Zeichen- und Formensprache geben wollte. Geradezu folgerichtig verlangt dieses Bestreben eine Synthese, die in einem Bild das Selbst- und Herrschaftsverständnis Napoleons zusammenfasste.