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Die Brigadeambition des Österreichischen Bundesheeres - Status quo und Entwicklungsmöglichkeiten

Klaus Schadenbauer

 

Der seit Mitte September 2015 laufende sicherheitspolizeiliche Assistenzeinsatz zur Unterstützung der Kräfte des Innenministeriums bei der Bewältigung der Migration von hilfs- und schutzbedürftigen Fremden zeigt hinsichtlich des Aufgabenspektrums plakativ die derzeitige Realität für die (Land-) Brigaden des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH) auf: Die Mehrzahl der verfügbaren Kaderpräsenzeinheiten des ÖBH sowie eine signifikante Anzahl an Kadereingreifkräften wurden alarmiert, durch die Brigaden für den Einsatzzweck formiert und in weiterer Folge rasch an die territorial zuständigen (weil räumlich betroffenen) Militärkommanden übergeben. Die Militärkommanden wiederum stellten die Führungsfähigkeit ihrer Einsatzstäbe her, übernahmen das Kommando über die unterstellten Truppen und führen diese seither in enger, eingespielter Kooperation mit ihren „Sicherheitspartnern“ im jeweiligen Bundesland. Dieser Vorgang erfolgte im Wesentlichen reibungslos und somit zufriedenstellend, lässt jedoch die Brigaden dann, wenn es „Ernst“ wird, in einem gewissen Dilemma der „Untätigkeit“ zurück, da ihr Aufgabenspektrum für diesen Einsatz im Wesentlichen auf die fortlaufende „Force Generation“ beschränkt ist. Dies alles erfolgt aus Sichtweise der (Land-)Brigaden unter paralleler Fortführung sonstiger „Normaufträge“. Sie umfassen derzeit u.a. die Wahrnehmung der Formierungsverantwortung von Auslandseinsatzkontingenten, die Ausbildung von Wehrpflichtigen in Form von Voll-, Übergangs- und Funktionssoldaten-Kontingenten sowie die Durchführung oder Teilnahme an Übungsserien der Streitkräfte zum Fähigkeitserhalt in den Waffengattungen. Ein hoher Auslastungsgrad in Verbindung mit der relativen Gewissheit, mehrheitlich das „Richtige zu tun“ geben jedoch - wiederum aus Sicht der Landbrigaden - keineswegs Grund zur Gewissheit, als Organisationsformen des ÖBH unumstritten und unhinterfragt zu sein. Die Bataillonskampfgruppe stellt in Wahrheit eine „Interpretation“ der Brigadeambition dar, die zwar eine quantitative, aber keinesfalls eine qualitative Reduzierung des Ressourceneinsatzes erlaubt. Der Bedarf an Art und Anzahl des vorzuhaltenden Personals der mittleren taktischen Führungsebene wird sich gegenüber der derzeitigen Situation nicht wesentlich verändern. Vereinfacht ausgedrückt, steckt in jeder der vier Landbrigaden derzeit das qualitative Potenzial einer Bataillonskampfgruppe, das jedoch derzeit in quantitativer bzw. ressourcenmäßiger Hinsicht nicht abgerufen wird bzw. abgerufen werden kann. Die Erhöhung der Fähigkeiten und Kompetenzen der Landbrigaden zur selbstständigen Koordinierung von Ressourcen würde die Stärken der Brigade „allgemeine Einsatzvorbereitung“ und „Fähigkeitserhalt“ unterstreichen. Die kleinen Verbände werden den notwendigen Fähigkeitserhalt im Kampf der verbundenen Waffen nur unter „intellektueller Schirmherrschaft“ und Rückgriff auf die Ressourcen der Brigaden durchführen können. Die mittlere taktische Ebene verfügt über die notwendige Kapazität zur kreativen Planung und Weiterentwicklung der Einsatzführung in modernen Szenarien und ist gleichzeitig nah genug am Puls der kleinen Verbände, um den Bezug zur praktischen und damit v.a. zur taktischen und gefechtstechnischen Realität nicht zu verlieren. Somit erscheint im Lichte der dargestellten Erkenntnisse die Zukunft der Führungsebene der großen Verbände des ÖBH unzweifelhaft.