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Visum est spectaculum

Die Gladiatorenspiele im Wechselspiel mit Militär und öffentlicher Sicherheit (Teil 2)

Christoph Ebner

 

Im ersten Teil des Beitrages wurde der Einfluss der Gladiatorenspiele und ihrer Protagonisten auf die Heeresreform an der Wende ins 1. Jahrhundert v.Chr. wie auch die römische Armee der Republik und frühen Kaiserzeit nachgezeichnet. Im Folgenden sollen nun weitere Zusammenhänge und Wechselwirkungen der Unterhaltungsindustrie mit Staat und Militär ins Zentrum der Untersuchung rücken. Die Unterhaltungsindustrie in Form der Gladiatorenspiele übte über Jahrhunderte hinweg entscheidenden Einfluss auf die Legionen wie auch die römische Sicherheitspolitik aus. Erst durch diese Verbindung, dem Ablegen von Berührungsängsten bzw. der Innovationsbereitschaft von einzelnen Befehlshabern, erhielt die römische Kriegsmaschinerie ihren letzten Schliff. Das Zusammenspiel dieser beiden Bereiche überrascht jedoch keineswegs, bestand doch seit der Republik ein enger Zusammenhang zwischen der Kriegführung und der Geisteshaltung, die sich auch in den Gladiatorenspielen manifestierte. Selbst in der Kaiserzeit, als die überwiegende Mehrzahl der Bürger nicht mehr in Kriegszüge an den Grenzen oder gar im Zentrum des Reiches involviert waren, wurde durch die Veranstaltung von munera in Rom und in den Provinzen die Ideologie des alten Rom aufrecht erhalten. Die Bevölkerung sollte nicht vergessen, dass es das Schwert war, das Roms Macht begründet hatte und nun immer noch sicherte. Die Fechtspiele leisteten damit einen bedeutenden Beitrag zur militärischen Erziehung der Bevölkerung. Waren es die Sklavenaufstände - dabei besonders derjenige von Spartacus -, welche die Gefahren der überbordenden Industrie erst sichtbar werden ließen, so sollten die Arena und die mit ihnen in Verbindung stehende Infrastruktur in den späteren Jahrhunderten gerade den gegenteiligen Effekt erzielen und sogar mithelfen, ähnliche Unruhen hintanzuhalten. Stellt man sich abschließend die Frage nach Parallelen zur heutigen Zeit, so ist es gerade die politische und militärische Repräsentation, die das 20. Jahrhundert wie wohl noch keines davor geprägt hat. Die direkte Verbindung der Machtelite mit dem Militär - für die Antike an den Wechselwirkungen zwischen den Legionen und den Spielen festzumachen - war mit ein Merkmal der totalitären Herrschaften des vergangenen Jahrhunderts. Vergleichbar mit dem Rom der Kaiserzeit sind auch im Österreich des 21. Jahrhundert immer weniger Menschen mit militärischen Aufgaben betraut und emotional verbunden. Allzu oft werden die entsprechenden Institutionen daher als sinnlos und überkommen aufgefasst. Die militärische Repräsentation müsste zu diesem Zweck wie in Rom zum „Anfassen“ sein und die besonderen Leistungen der entsprechenden Institutionen hervorstreichen, nicht zuletzt auch auf den Gebieten der Wissenschaft. Die Geschichte der Gladiatur soll im Leser schließlich das Bewusstsein erzeugen, dass viele Phänomene, die man für das 20. und 21. Jahrhundert in Anspruch nimmt, durchwegs bereits in vergangenen Zeiten existierten. So kommt die den Fechtkämpfern besonders in der Republik aber auch noch in der Kaiserzeit oftmals zugerechnete Funktion als privatwirtschaftlich organisierte Gewaltakteure heute etwa in vergleichbarer Form ebenfalls privaten Sicherheitsfirmen zu, die die „besten Kämpfer“ verpflichten und quasi halbstaatliche Funktionen erfüllen. Nicht zuletzt haben aber auch die Fragen nach der Motivation des Soldaten, der persönlichen Bindung zum jeweiligen Befehlshaber und auch zum Staat bis in die heutige Zeit nicht an Aktualität eingebüßt. Gerade in einer Zeit der Umwälzungen muss sie immer wieder ins Bewusstsein gerufen werden. Während die Bedeutung der Disziplin in abgewandelter Form schließlich bis heute gegeben ist, wird das Vertrauen in die Vorgesetzten, entscheidende Innovationen zu setzen, in der modernen Zeit nicht mehr in dem gleichen Maß vorausgesetzt. Vielleicht wird dabei der Wert einer persönlichen Verbindung zwischen Befehlshabern und Soldaten von staatlicher Seite aber auch nur geringgeschätzt.