Theorie und Praxis der Taktik im Spiegel der Wissenschaftlichkeit

Christian Riener

 

Der Gegenstand dieses Fachaufsatzes ist die Taktik und zwar jene im Österreichischen Bundesheer. Diese bildet als Kernbereich der Militärwissenschaft gemeinsam mit der Operation, der Logistik, der Führungslehre und der Militärstrategie den Wissenschaftsbereich. Taktik ist jene ureigenste militärische Tätigkeit, die jeder Offizier lernt, die ihn ein Leben lang begleitet und deren Beherrschung die Grundlage zur Erfüllung aller militärischen Aufgaben darstellt. Taktik hat sowohl einen theoretischen als auch einen praktischen Aspekt. Letzterer wird unter dem Begriff angewandte Taktik subsumiert. Die vorherrschende Methode ist das aus der österreichischen Militärgeschichte erwachsene und entwickelte taktische Führungsverfahren, aber auch die besonders in den Naturwissenschaften gängige Methode des Modells, des Experiments und der Beobachtung. Die Inhalte der Taktik beziehen sich sowohl auf klassische, herkömmliche als auch auf aktuelle moderne Szenarien, wobei beide Gegenstand der Forschung sind. Das zur Anwendung der Taktik erforderliche Wissen wird in der Lehre vermittelt. Die jeweils spezifische Militärkultur, im gegenständlichen Fall die Militärkultur des österreichischen Bundesheeres, spielt dabei eine besondere Rolle. Der schöpferische, kreative, persönlichkeitsbezogene Aspekt der Truppenführung gemeinsam mit dem Führungsprinzip der Auftragstaktik und der Anwendung von Führungsgrundsätzen charakterisieren besonders das Wesen der Taktik. Obwohl Taktik in weiten Bereichen insbesondere in der Forschung und Methodik, die Kriterien der Wissenschaftlichkeit erfüllt, ist sie nach Ansicht des Verfassers keine exakte bis ins Letzte errechenbare Wissenschaft. Die letztgenannten schöpferischen, kreativen, persönlichkeitsbezogenen Wesensmerkmale, sowie nicht berechenbare Bereiche wie Zufall, Friktion oder „Kriegsglück“, lassen die Taktik nicht mathematisch endgültig handhaben. Taktik ist eine Disziplin, die bis zu einem hohen Grad, gleichsam als militärisches Handwerk ohne jedoch wie herkömmliches Handwerk nur leblose Materie zum Gegenstand des Wirkens zu haben, erlernbar ist. In letzter Konsequenz reduzierbar auf den Kampf von freien Willen, geprägt durch Intelligenz, Bildung, Ausbildung und Militärkultur gibt es aber auch jenen Bereich, der weit über das „handwerklich Erlernbare“ hinausragt und das ureigenste kreativ-militärische Wesen der Taktik ausmacht. Dieses bietet den notwendigen Freiraum zur Entfaltung der individuellen Stärken und Interessen des Anwenders, was dann auch in der Praxis das wahre Talent vom einfachen Handwerker unterscheidet. Darin schließt sich auch der Kreis zur Auftragstaktik. Taktik ist nachweisbar in Teilen wissenschaftlich, aber keine Wissenschaft für sich, sondern ein Kernbereich in der Militärwissenschaft. Wie bereits erwähnt, ist der Hauptzweck der Taktik nicht die Wissenschaftlichkeit, sondern der nachvollziehbare, begründete Gebrauch von verbundenen militärischen Mitteln zu einem bestimmten Zweck. Taktik ist daher angewandte Wissenschaft im ursprünglichsten Sinn. Abschließend ist erkennbar, dass die Taktik keineswegs im Widerspruch zu einer, in Verbindung mit dem neu zu entwickelnden FH Masterstudienganges „Militärische Führung“, geforderten Wissenschaftlichkeit steht. Sie erfüllt somit vollinhaltlich, ohne radikale Änderungen in Form, Methoden und Inhalt und ohne die „taktische“ Seele zu verkaufen, die im zitierten Anordnungserlass aufgestellten Forderungen.