Entstaatlichung von Gewalt und Konflikt

Fernando Pérez de Lema

 

Besonders nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des Kalten Krieges sind Konfliktformen aktuell geworden, die nicht dem Paradigma des klassischen Staatenkrieges entsprechen. Moderne Armeen der westlichen Länder haben vermehrt in Kriege eingegriffen, wo einer oder mehrere Gewaltakteure keine Staaten sind, und die nach anderen, scheinbar chaotischen Regeln verlaufen. Diese Eingriffe haben die verschiedensten Formen gehabt: humanitäre Hilfeleistungen in Bosnien oder Somalia, Stabilisierungseinsätze in Ruanda oder Haiti, Entsendung von Militärberatern in Mittelamerika, Luftangriffe auf Serbien, militärische Besetzung des Iraks, Raids in den kurdischsprechenden Teil Iraks und viele andere. Oft haben die Streitkräfte ihren Auftrag nicht oder nur teilweise erfüllen können, weil ihre Ausstattung, ihre Ausbildung und ihre Strategie für diese Eingriffe nicht geeignet waren. Ursache der Schwierigkeiten der Streitkräfte, sich in diesen Konflikten zu bewähren, ist scheinbar das mangelhafte Verständnis der Kriegsform, mit der sie konfrontiert werden. Krieg ist eine gesellschaftliche Form der Gewaltanwendung. Verschiedene Gesellschaftsformen führen unterschiedliche Kriegsformen. Seit den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts und insbesondere seit dem Ende des Kalten Krieges treten vermehrt Kriege auf, bei denen einer oder mehrere der Beteiligten nicht-staatlicher Natur sind. Oft werden sie als „Neue Kriege“ bezeichnet. Selbst die modernsten Armeen haben Schwierigkeiten, sich bei solchen Kriegen gegen scheinbar unterlegene Kämpfer zu bewähren. Diese Kriege sind aber nur teilweise neu. Der Krieg ist ein gesellschaftliches Phänomen und spiegelt die Gesellschaften, die ihn führen. Anhand des „Drei-Wellen-Modells“ von Alvin und Heidi Toffler können Kriegsformen verschiedenen Gesellschaftsformen zugeordnet werden. Toffler behauptet und begründet 1995 in seinem Werk „War and Anti-War“, dass Gesellschaften den Krieg nach denselben Prinzipien führen, nach denen sie ihren Reichtum erwirtschaften. In Tofflers Werken, sowie in den Studien, die auf ihnen basieren, wird in der Regel die Überlegenheit der technologisch und organisatorisch moderneren Gesellschaft und derer Armee angenommen. Die Erfahrung zeigt aber, dass das nicht immer der Fall ist. Es wird zuerst Tofflers Modell präsentiert. Anschließend werden die Grundsätze der Kriegsführung der Ersten, Zweiten und Dritten Welle aufgezeigt. Der Staatenkrieg wäre die Kriegsform der Zweiten Welle, der Industriegesellschaften. Bei Gesellschaften der Ersten und Dritten Welle wären einige Gewaltakteure nicht staatlicher Natur. Nachdem die Problematik der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Gesellschaften verschiedener „Wellen“ beleuchtet wird, entwickelt das letzte Kapitel Grundrisse einer Strategie gegen ein „Bündnis“ zwischen Kriegern der Ersten und der Dritten Welle.