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Das Dialogforum IBSA

Die Süd-Süd-Kooperation zwischen Indien, Brasilien und Südafrika

Johannes Maerk/Heinz Nissel

 

Über Jahrzehnte blieben die Beziehungen zwischen „Erster Welt“ und „Dritter Welt“ einseitig und festgefahren. Die Geberländer bestimmten die Konditionen für die Hilfeleistungen an die armen Verwandten des Südens und deren Entwicklungsziele. Daran konnten auch Organisationen wie die UNO oder die Bewegung der Blockfreien G-77 (die heute bereits über 130 Mitglieder zählt) nichts substanziell ändern. Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall des Eisernen Vorhanges veränderte sich jedoch die politische Weltlage grundlegend. Die neue internationale Ordnung wird zunehmend von einem multipolaren System geprägt, in dem allmählich, aber stetig die Dominanz der alten Mächte des Westens (besser Nordens) durch das Aufkommen der Entwicklungsländer - vor allem der Schwellenländer - infrage gestellt wird.
Innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte entfalteten sich neue Formen und Wege der Süd-Süd-Kooperation. Diese wurden intensiviert, vertieft und in neue institutionelle Rahmungen eingebettet. Das bekannteste dieser Dialogforen stellt BRICS dar, die Kooperation zwischen Brasilien, Russland, Indien, China und (seit April 2011) Südafrika. Die Gruppierung BASIC - Brasilien, Südafrika, Indien und China - fiel mehrfach durch die gemeinsame Verweigerungshaltung bei internationalen Treffen, insbesondere Klimakonferenzen, auf. Neben BRICS und BASIC stellt das Kooperationsforum IBSA eine weitere Plattform des gegenseitigen Austausches dar, eine Gruppierung der wichtigen Schwellenländer und (wahrscheinlich) zukünftigen Großmächte Indien, Brasilien und Südafrika. Die drei Staaten verstehen sich als Bewahrer von Demokratie und Menschenrechten, treten international für freie Marktwirtschaft ein, besitzen jeweils große Bevölkerungen mit junger demographischer Struktur und ethnischer wie kultureller Diversität. Geopolitisch stellen sie bereits heute die Führungsmächte in ihren jeweiligen Weltregionen dar - in Südasien, Südamerika und (im südlichen) Afrika. Daneben existieren etliche regionale Organisationen für Afrika, Asien und Lateinamerika, etwa die Afrikanische Union (AU), die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN), die Südasiatische Vereinigung für regionale Zusammenarbeit (SAARC), der gemeinsame Markt Südamerikas MERCOSUR wie auch viele weniger geläufige, z.B. die Indian Ocean Rim Association for Regional Cooperation (IOR-ARC) oder die Mekong Ganga Cooperation Initiative (MGC). Interkontinentale Querverbindungen stellen Treffen zwischen Afrika-Südamerika (ASA) oder den Arabischen Staaten - Südamerika (ASPA) her. Diese vielfältigen Süd-Süd-Kooperationen starteten nahezu alle aus ökonomischen Erwägungen zur Ausweitung wie Vertiefung von Handelsbeziehungen. Daraus entwickelte sich der Ansatz gegenseitiger, ergänzender Unterstützung in Produktion und Konsumption, Ressourcenaustausch, technologischer und wissenschaftlicher Zusammenarbeit, kurz, die Schaffung einer Win-win-Situation durch Synergieeffekte zwischen den beteiligten Ökonomien des Südens. Diese neue Achse wird überwiegend positiv beurteilt, gerade auch durch Experten der Weltbank oder der WTO. Kritiker hingegen sehen die verstärkte Süd-Süd-Kooperation als Neuauflage der Nord-Süd-Relationen, wenn Brasilien, Indien und vor allem China zu neuen Großmächten mutieren, die ihrerseits der Masse der schwächeren Entwicklungsländer ihre Bedingungen aufdrücken. Der Wettlauf dieser drei Staaten um die Ressourcen und Märkte in Afrika scheint dies zu bestätigen. Für die Least Developed Countries (LDCs) des Südens wiederum ist die Annahme verführerisch, dass die ökonomische Schieflage bei der Inanspruchnahme von Hilfsleistungen zumindest nicht durch westliche Befindlichkeiten wie die Einhaltung von Demokratie und Menschenrechten zusätzlich erschwert wird.
Der vorliegende Beitrag greift das Dialogforum IBSA zwischen Indien, Brasilien und Südafrika auf, dessen Tragfähigkeit derzeit kontroverse Beurteilungen erfährt.1) Während die einen den langsamen, stillen Tod durch das Aufgehen in BRICS prophezeien, sehen andere für IBSA eine glänzende Zukunft durch das Festhalten an gemeinsamen Werten und Orientierungen (wie demokratisch-pluralistische Regierungsform, multikulturelle Inklusion, Süd-Süd-Kooperation), während die einzige Gemeinsamkeit der BRICS (bei fundamentalen Unterschieden zwischen ihren Mitgliedern) in ihrer Gegenposition zur Hegemonie des Westens liegen dürfte. Im deutschen Sprachraum ist IBSA im Gegensatz zur internationalen Rezeption und zu BRICS bisher wenig reflektiert worden. Wir wollen deshalb zuerst die Entstehungsgeschichte und den aktuellen Stand von IBSA darlegen, dann auf das Profil und die Organisation eingehen. Hinsichtlich der Aktivitäten sollen der innovative Entwicklungsfonds der IBSA sowie die wechselseitige Ausweitung der Handelsbeziehungen näher beleuchtet werden. Ein weiterer Abschnitt widmet sich dem Verhältnis von IBSA und BRICS, dem derzeit wohl auffälligsten Gegengewicht zu den etablierten Mächten auf der internationalen Bühne. Mit der erfolgreichen Einrichtung gemeinsamer Marinemanöver im Verbund IBSAMAR schließlich zeichnet sich über die trilaterale Zusammenarbeit hinaus eine neue Gewichtung globaler geopolitischer Zukunftsszenarien ab.

Entstehungsgeschichte und Organisation

Im Juni 2003 durften die drei Regierungschefs von Indien, Brasilien und Südafrika - Atal Bihari Vajpayee, Luiz Inácio Lula da Silva und Thabo Mbeki - auf nur symbolische Weise, aber ohne Mitspracherecht als Beobachter an der Konferenz der G8, der wichtigsten hochentwickelten Staaten, in Evian teilnehmen. Dieses Zurückstellen in die zweite Reihe empfanden sie (nicht zu Unrecht) als Affront, wie es in einem Kommentar von Lula zum Ausdruck kommt: „What is the use of being invited for dessert at the banquet of the powerful? We do not want to participate only to eat the dessert; we want to eat the main course, dessert and then coffee.” 2)
Nur drei Tage später trafen sich die drei damaligen Außenminister dieser Staaten - Yashwant Sinha, Celso Amorim und Nkosazana Dlamini-Zuma - zur Beratung in Brasilien, die sie selbst als Pioniertreffen bezeichneten. Das Ergebnis war die sogenannte „Brasilia Declaration“, die das IBSA Dialogue Forum formell begründete.3) In dieser Deklaration wurden bereits Leitmotive definiert, die bei allen weiteren Gipfeltreffen von IBSA eine Schlüsselrolle spielten. Dies ist zum einen die Reform des UNO-Sicherheitsrates mit der Forderung, Entwicklungsländern ein größeres Gewicht zu geben, sowohl bezüglich der permanenten wie der rotierenden Mitglieder. Für sich beanspruchen die Kooperationspartner ständige Sitze im Sicherheitsrat, erfolglos bis heute durch den Widerstand Chinas und Russlands (dies gilt auch für die anderen Anwärter, vornehmlich Deutschland und Japan). Ein zweiter Kern der Deklaration betont die Bedeutung der trilateralen Zusammenarbeit für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der drei Partner.
Zunächst nahmen Analytiker wie Medien in den USA und Europa kaum Notiz von dieser Erklärung, geschweige denn räumten ihr großes Potenzial ein. Dies fängt schon mit dem Akronym IBSA an, finden sich doch im Web nicht weniger als 34 Organisationen, die es verwenden.4) Es hat auch zu tun mit der flexiblen Organisationsstruktur ohne Zentralsekretariat oder permanenten Sitz in einer der Hauptstädte. Ranghohe Beamte treffen sich einmal jährlich an wechselnden Orten zur Vorbereitung der Meetings der Außenminister oder Regierungschefs (so genannte „Focal Points“). Der Zeitpunkt der Treffen der Außenminister in der übergeordneten „Trilateral Commission“ wird ausverhandelt, angestrebt ist ein Meeting pro Jahr. Zum höchstrangigen „IBSA Summit“ treffen die Regierungschefs mit ihren Delegationen zusammen (siehe nachfolgende Hinweise). Die Außenminister konferieren miteinander auch vor den Summits und während der UNO-Generalversammlung. Aus dieser Anlage ist klar ersichtlich, dass die Regierungen der drei Partnerstaaten dem Dialogforum große Bedeutung zumessen. Darüber hinaus haben sich unter dem IBSA-Schirm vielfältige andere Interaktionen entwickelt: Kooperationen wissenschaftlicher Einrichtungen, führender Firmen und deren Vertreter und Einrichtungen der Zivilgesellschaft, etwa von NGOs.
Die zu Beginn der Vereinbarung bescheidenen Zielsetzungen des Forums sind im Lauf der Jahre immer anspruchsvoller geworden. In der Brasilia-Deklaration ist zuerst die Rede von „three countries with vibrant democracies, from three regions of the developing world decided to further intensify dialogue at all levels, when needed, to organize meetings of top officials and experts responsible for issues of mutual interest“. Diese frühe Standortbestimmung enthält bei aller Einfachheit die wesentlichen Elemente von IBSA - die drei Führungsnationen von Südasien, Lateinamerika und Afrika, die die Demokratie auf ihre Fahnen geschrieben haben, wollen auf verschiedenen Ebenen miteinander kooperieren. Wenig später setzte eine Entwicklung ein, die diese Vorgaben präzisierte und ausweitete: In der ersten gemeinsamen Erklärung der drei Außenminister 2004 heißt es, IBSA werde helfen „to advance human development by promoting potential synergies among the members“. Beim Treffen der Regierungschefs 2006 war der Fokus bereits auf eine „fair and equitable global order“ ausgerichtet, und beim Gipfeltreffen 2011 plädierten sie bereits für nicht weniger als eine „new world order“. Sind das nur Lippenbekenntnisse oder steckt mehr dahinter? Der wahre Prüfstein dürfte weniger im zunehmenden globalen Einfluss der drei kommenden Großmächte liegen, sondern im demokratischen Fortschritt intern, im Beweisen der langfristigen Überlegenheit humaner Prinzipien und demokratischer Rechte gegenüber den autoritären Regimen Chinas und Russlands.
Die bisherigen Treffen auf höchster Ebene (Regierungschefs) waren wie folgt:


Die Erklärungen zu den Gipfeltreffen berühren sehr unterschiedliche Themenbereiche: Klimawandel, Handelspolitik, Nuklearpolitik oder militärische Interventionen. In der internationalen Wahrnehmung gelten sie aber oft nur als Lippenbekenntnisse. Auch viele MoUs (Memoranda of Understanding) spiegeln eher ein Bestreben oder eine Wunschliste als konkrete Handlungsanweisungen wider. Insgesamt hat sich in den elf Jahren seines Bestehens das IBSA-Forum zu einer vielseitigen Plattform des Austausches der drei Schwellenländer gemausert, die es ihnen erlaubt, ein weites Spektrum an Themen ökonomischer, sozialer und vor allem politischer Standpunkte und Entscheidungen anzusprechen, zu diskutieren und in gemeinsame Erklärungen und Aktionen überzuführen. Aus der Übereinstimmung in vielen Fragen erwachsen Kooperationen und auch gemeinsame geopolitische Interessen wie Aktivitäten.

Die Aktivitäten von IBSA

Im ersten Jahrzehnt seines Bestehens hat IBSA vielfältige Aktivitäten entwickelt.
Unzählige MoUs wurden unterzeichnet, Kommuniqués wie Deklarationen veröffentlicht und ein Schwarm von Arbeitsgruppen zu praktisch allen möglichen Dimensionen der Zusammenarbeit kreiert. Folgt man der IBSA-Homepage, lassen sich vier Pfade dieser Aktivitäten ausmachen:
1. Politische Koordination
2. Sektorenkooperation durch (je nach Auffassung) 14 - 16 Arbeitsgruppen
3. Der IBSA Fonds
4. „People-to-People Fora“ (Aktivitäten im zivilgesellschaftlichen Bereich)
Das IBSA-Forum hat seit seinem Bestehen zu einer immer besseren politischen Abstimmung der Dialogpartner geführt. Dies gilt nicht nur für die beiden höchsten Ebenen der Regierungschefs sowie der Außen-, Finanz- und Verteidigungsminister hinsichtlich einer gemeinsamen Linie bei globalen Fragen (etwa in der UNO). Repräsentanten von IBSA beteiligten sich auch an einer Vielzahl anderer Foren, etwa in der Ratsversammlung für Menschenrechte, WTO, WIPO, Antarctic Treaty und an der Konferenz für die Wiederherstellung Palästinas. IBSA hielt ein Musik- und Tanz-Festival in Salvador/Brasilien ab und im Gegenzug eine choreographische Wiedergabe des indischen Mahabharata. Man darf natürlich die Frage stellen, inwieweit hier noch ein roter Faden oder ein stringentes Konzept zu erkennen sind. Jedoch - alleine die regelmäßigen Treffen von höchstrangigen Politikern und Spitzenbeamten zur Erarbeitung gemeinsamer Positionen gegen den „Rest der Welt“ stellen schon eine große Leistung für diese recht junge Gruppierung dar.
Hinsichtlich der Sektorenkooperation werden so ziemlich alle denkbaren Felder abgedeckt. Gemeinsamkeiten werden gesucht oder entwickelt in folgenden Bereichen: Landwirtschaft, Kultur, Verteidigung, Erziehung, Energie, Umwelt, Gesundheit, Habitat, Transport und Infrastruktur, Öffentliche Verwaltung, Finanzen (Steuerpolitik), Wissenschaft, Technik und Informationsgesellschaft, Soziale Entwicklung sowie Handel, Investment und Tourismus. Die Koordination und Durchführung von Projekten obliegt Spitzenbeamten aus den jeweils zuständigen Ministerien.
Innerhalb der einzelnen Sektoren übernimmt meistens ein Partner die Führungsrolle, und/oder die drei Staaten teilen die Agenda untereinander auf. So hat etwa Indien die Verantwortung für das Bildungswesen übernommen und die Aufgaben wie folgt verteilt: Indien befasst sich mit der Bildung generell und einem Fokus auf Gendergerechtigkeit, Brasilien wählte höhere und professionelle Bildung und Südafrika „offene“ Bildung und Fernunterricht. Im Wissenschafts- und Technologiesektor konzentriert sich Indien auf die HIV-Aids-Forschung und Nano-Technologie, Brasilien auf die Malariabekämpfung und Ozeanographie, Südafrika auf die Tuberkuloseforschung und Biotechnologie. Die Leiter dieser Gruppen organisieren anschließend gemeinsame Konferenzen. Schwieriger gestalten sich die Verhandlungen zum wechselseitigen Abbau der Handelshemmnisse. Bezüglich der militärischen Zusammenarbeit siehe weiter unten.
Der IBSA-Fonds wurde 2004 geschaffen, um Entwicklungsprojekte nicht nur in den drei Partnerländern durchzuführen, sondern auch in den LDCs. Angestrebt wird dabei die beispielhafte Durchführung von Best-practice-Projekten zur Erreichung der MDGs (Millenium Development Goals). Zwar ist der Fonds mit einer Million USD pro Land und Jahr nur gering dotiert, übt aber trotzdem eine Signalwirkung auf kleinere Entwicklungsländer aus. Etliche Projekte in den Bereichen Landwirtschaft, Energie und Gesundheit konnten damit auf die Beine gestellt werden. Die Stärkung lokaler Kapazitäten und Führungspersonen steht dabei im Vordergrund. Der Fonds ist ein tragendes Element der Süd-Süd-Kooperation und soll wohl auch den ärmsten Ländern die Angst vor einer Neuauflage der ungleichen Nord-Süd-Relationen in der Entwicklungszusammenarbeit nehmen. Die IBSA-Projekte werden in Zusammenarbeit mit der UNO durchgeführt (mit der Special Unit for South-South Cooperation of the UNDP - SU/SSC) wie mit Regierungsorganisationen der involvierten Länder als auch mit NGOs. Der IBSA Fund, genauer The India, Brazil and South Africa Facility for Poverty and Hunger Alleviation wurde 2012 mit dem South-South and Triangular Cooperation Champions Award ausgezeichnet, 2010 mit dem Millennium Development Goal (MDG) Award sowie 2006 mit dem United Nations South-South Partnership Award.5) Der Fonds hat bisher 27 Millionen USD in 21 Projekten in 13 Ländern des Globalen Südens ausgegeben. So wurden beispielsweise Kanalisationsprojekte in Haiti, Ausbildung von Bauern in Guinea-Bissau, ein Kulturzentrum und ein Spital in Gaza/Palästina sowie ein Zentrum für Aidsvorsorge und -behandlung in Burundi gefördert.6)
Einen aktuellen Überblick der thematischen Programme sowie deren geographische Verteilung liefern die Abb. 2 (Quelle: IBSA Fund 2014).
Aber noch einmal: Die zur Verfügung gestellten Mittel sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Zudem fehlen Transparenz bei der Vergabe und Verwendung der eingesetzten Mittel. So sind auf der Homepage des IBSA Fund, wie Laura Waisbich von der brasilianischen NGO Conectas kritisch anmerkt,7) weite Teile passwortgeschützt.
Das vierte Feld der Kooperation besteht aus people-to-people-fora, also aus Expertenkomitees, concerned citicens, Aktivisten der Graswurzel-Basis, kurz, aus Initiativen der Zivilgesellschaften. Dazu zählen Tagungen von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen, Meetings von Wirtschaftsexperten, Treffen von Parlamentariern, Herausgeberforen, Frauenforen usw. (vgl. dazu den nächsten Abschnitt IBSA und/oder BRICS).
Versucht man die vielfältigen Aktivitäten von IBSA und seine Organisationsstruktur vergleichend zu bewerten, so erkennt man eine flexible Organisation im Gegensatz zu UNO, WTO oder anderen internationalen Foren; dies kann sowohl von Vorteil sein, als auch Nachteile bringen. Verbindliche Normen und Spielregeln fehlen. Die Vielfalt der Themen und Projekte kann allerdings auch zur Verwässerung der Leitlinien und Kompetenzen führen. Freundlich gesonnene Kritiker wie Chris Landsberg sehen IBSA immer noch als Experiment mit ungewissem Ausgang.8) Und Paulo Sotero trifft des Pudels Kern: IBSA „might best be viewed as a laboratory for exploring the future of democracy and international cooperation in the Global South“.9) IBSA versucht zwei Aufgaben gerecht zu werden, nämlich sowohl als Allianz die gemeinsame Position der drei Schwellenländer in globalen Institutionen zu stärken (trilaterale Diplomatie) als auch eine Plattform für Süd-Süd-Kooperation insgesamt, also Schwellen- wie Entwicklungsländer zu bilden. Ein springender Punkt wird die Beantwortung der Frage sein, inwieweit sich IBSA und BRICS überschneiden, konkurrieren oder ergänzen.

IBSA und/oder BRICS

Anstelle einer großen Feier zum zehnjährigen Bestandsjubiläum von IBSA platzte das angepeilte 6. Gipfeltreffen der Regierungschefs im Mai 2013 in New Delhi. Offizielle Begründung dafür waren unüberwindbare Terminprobleme. Dahinter liegend wurden jedoch andere Gründe vermutet - gab es doch im gleichen Jahr bereits ein Treffen bei der 68. Generalversammlung der UNO, hinzu kam das vorprogrammierte Ende der letzten Amtsperiode des indischen Premiers Manmohan Singh (der „lame duck“-Effekt). Das Treffen in New York war jedoch gleichzeitig auch eines der BRICS-Mitglieder. Dies hat Experten rätseln lassen: Ist IBSA am Ende? Wird es von den BRICS vereinnahmt und stirbt einen stillen Tod? Handelt es sich um Gegenpole - und wenn ja, in welchen Bereichen? Wird es zu Formen der Arbeitsteilung kommen?
In der medialen Wahrnehmung wird BRICS ungleich größeres Gewicht beigemessen. Seine Gipfeltreffen fanden auch programmgemäß 2013 in Südafrika und 2014 in Brasilien statt. Es ist auch nicht zu übersehen, dass sich eine Reihe von Dialogebenen, Themen und Teilnehmern überschneiden (so kommen etwa die hochrangigen Beamten für alle Treffen aus den gleichen Ministerien und Bereichsebenen). Während das politische Gewicht von IBSA schwächer zu werden scheint, zeigt sich im Gegensatz dazu ein immer stärkeres Interesse von Gruppen und Organisationen der Zivilgesellschaft. Beides hängt zusammen mit dem grundlegenden Anspruch der IBSA-Gemeinschaft - ein demokratisches Sprachrohr des Südens sein zu wollen. Und damit bricht der grundlegende Gegensatz zu den anderen BRICS-Mitgliedern auf, zu China und Russland. Einfach formuliert: China und Indien befinden sich auf allen Ebenen nicht nur im Wettlauf um Asien, sondern auch um Afrika. China hat also nicht uneigennützig jahrelang den (verspäteten) Eintritt Südafrikas in die BRIC-Formation unterstützt und damit auf BRICS erweitert. Ein Ziel war dabei sicher, das Dialogforum IBSA, in dem China nicht vertreten ist, so sehr zu schwächen, dass es sich letztendlich als logische Konsequenz überlebt, da nun die drei IBSA-Länder Indien, Brasilien und Südafrika ohnehin alle gemeinsam in BRICS operieren. Indien hat diesen Schachzug der chinesischen Diplomatie sofort durchschaut und gegengesteuert. Es gilt, was der indische Premier Manmohan Singh 2010 formuliert hat: „IBSA has a personality of its own. It is three separate continents, three democracies. BRIC is a conception devised by Goldman Sachs. We are trying to put life into it.“ 10)
Die große Tradition Indiens als Führungsnation der Blockfreien unter Nehru sowie die aktuellen Eigeninteressen des Landes liegen konträr zu jenen Chinas (etwa der Wettlauf im Indischen Ozean, siehe IBSAMAR weiter unten). Neben handfesten geopolitischen Interessen und Einflusssphären wird als entscheidende Gegenposition der Rekurs auf Demokratie (pluralistisches Parteiensystem) und Wahrung der Menschenrechte betont. Klar ist auch, dass mit der gleichen Beharrlichkeit, mit der alle IBSA-Mitglieder für sich einen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat einfordern, China und Russland weiterhin alles tun werden, um genau dies zu verhindern.
Die Bemühungen von IBSA, sich mit einer gemeinsamen Stimme in das politische Weltgeschehen einzubringen, waren bisher wenig erfolgreich. Dies wurde etwa deutlich bei der IBSA-Mission zu Assad nach Syrien im August 2011 oder bei der Erklärung zum Gaza-Konflikt im November 2012, oder mittels verschiedener Aktionen innerhalb der Menschenrechtskommission der UNO. Zudem sind die gemeinsamen Bemühungen um einen permanenten Sitz im UNO-Sicherheitsrat bisher nicht von Erfolg gekrönt. Obwohl der IBSA-Fonds von allen Seiten positiv beurteilt wird, leidet er doch unter der geringen Dotierung, schwacher Öffentlichkeitsarbeit und Geheimniskrämerei hinsichtlich Auswahl, Durchführung und Beurteilung von Projekten.
Insgesamt scheint es aber doch so zu sein, dass IBSA und BRICS unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Aufgabensetzung haben und in der internationalen Arena Bereiche komplementär abdecken. Das Credo der IBSA-Gruppe lautet „Entwicklung und Demokratie“, wobei beide Elemente untrennbar miteinander verbunden sind. Untereinander wollen die drei Mitglieder ein gemeinsames Entwicklungsmodell pflegen, in dem demokratische Werte mit sozialer Partizipation verbunden sind und das politische Handeln mit der Wahrung von Menschenrechten. Deutlich wird damit auch die Abgrenzung von den beiden autokratischen BRICS-Partnern. Ist BRICS stärker eingebunden in die neue Gewichtung der internationalen Politik zwischen Nord und Süd („west against the rest“), so möchte IBSA den Süd-Süd-Dialog stärken, vielleicht auch anführen. Damit wäre wiederum eine internationale Führungsrolle möglich unter Einbringung neuer Gesichtspunkte oder kreativer Konfliktlösungen auch zwischen Entwicklungsländern untereinander - zusammen mit oder auch jenseits der komplizierten UNO-Mechanismen. Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass Indien, Brasilien und Südafrika jene hohen moralischen Prinzipien wie sozio-ökonomischen Agenden im Inneren ernsthaft umsetzen, die sie dann auch als „role model“ für eine bessere Welt qualifizieren.

Die Handelsbeziehungen der IBSA-Partner

In der Einleitung haben wir bereits festgehalten, dass die vielfältigen Varianten der Süd-Süd-Kooperation zunächst zur quantitativen Ausweitung wie qualitativen Verdichtung der Handelsbeziehungen der Partner untereinander dienen, während die politische Dimension erst nachfolgend in den wechselseitigen Kontakten eine allmählich wichtigere Rolle spielt. Daher stellt sich auch die Frage, ob und inwieweit IBSA den wirtschaftlichen Austausch der Dialogpartner gefördert hat.11) Ideologisch, politisch und sozioökonomisch sind die IBSA-Mitglieder homogener als BRICS oder BASIC. Dies sollte ausreichen, eine große Anzahl gemeinsamer Positionen und konkreter Umsetzungen auf vielen Gebieten zu entwickeln, von globalen ökonomischen und politischen Interessen bis hin zu Sicherheitsfragen, technischer Zusammenarbeit und Entwicklungsprojekten. Während die globalen Ziele bis heute weitgehend Lippenbekenntnisse geblieben sind, hat das IBSA-Forum im trilateralen Rahmen doch eine Reihe bemerkenswerter Erfolge erzielt. Abgesehen von einem gemeinsamen BRIC/IBSA Business Forum 2010 gab es bisher kaum Überschneidungen der Arbeitsprogramme beider Gruppen. BRIC(S) ignoriert auch seither weitgehend die Vorarbeiten und vorzeigbaren Erfolge von IBSA.
Eine Erfolgsgeschichte liegt zweifellos in der Intensivierung der Intra-IBSA-Handelsbeziehungen.12) Bis in die frühen 1990er-Jahre wiesen alle drei Partner geschützte Ökonomien auf, danach begann eine Außenöffnung nach den Regeln des GATT. Im Jahrzehnt vor der Gründung von IBSA (1993 bis 2002) stiegen (von bescheidenem Ausgangsniveau) die Importe zwischen den IBSA-Ländern im jährlichen Durchschnitt von 23,4%, insgesamt aber nur um 7,4%. Bei den Exporten betrug die Relation 17,5% zu 5,4%. Zwei Fakten sind zu beachten: Die Importe waren immer höher als die Exporte, und der trilaterale Handel bewegte sich immer noch auf niedrigem Niveau - bei den Importen von 0,8% auf 2,9% des gesamten Außenhandels, beim Export von 0,7% auf 1,8%. In Absolutwerten erfuhren die gesamten Importe eine Steigerung von
69 auf 130 Mrd. USD, jene zwischen den drei Partnern von 568 Mio. auf 3,77 Mrd. USD. Ist das Glas halbvoll oder halbleer? In den trilateralen Beziehungen zeigt sich ein deutlicher Fortschritt, der jedoch im Rahmen der Gesamtwirtschaft weiterhin nur marginal wirkt.
Nach der Einrichtung des IBSA-Forums wuchs im nächsten Jahrzehnt (2003-2012) der trilaterale Import zwar um etwa 23% im Jahr, lag damit aber nur unwesentlich über den Gesamtzuwächsen von 20%, größer war die Steigerung im Exportgeschäft (27% gegenüber 16%). Damit blieb der trilaterale Austausch bescheiden: Die Anteile am gesamten Import stiegen von 2,6% auf 3,1%, jene des Exports von 1,6% auf 3,7% im Jahr 2012. So repräsentierte im Jahr 2012 Indiens Handel mit Brasilien und Südafrika nur 3,8% des Gesamthandelsvolumens, jener Brasiliens mit Südafrika und Indien nur 3%. Im Falle von Südafrika war immerhin der Handel mit Indien und Brasilien mit 6,7% am Gesamthandelsvolumen 2012 bedeutender.13)
In den Handelsbeziehungen untereinander blieben die drei Länder in Absolutwerten 2008 mit 8,8 Mrd. USD noch unter dem angepeilten 10 Mrd.-USD-Volumen, überschritten aber bereits 2010 mit 15,9 Mrd. USD das angepeilte Ziel von 15 Milliarden. Für 2015 liegt die Latte bereits bei 25 Mrd. USD - ein keineswegs unrealistisches Ziel, das vielleicht schon 2014 übertroffen werden kann. Diese Entwicklung könnte man auch auf positive Effekte der Aktivitäten des IBSA-Forums zurückführen. Eine wesentlich dynamischere Steigerung des Austausches fand jedoch für IBSA insgesamt wie für jedes einzelne Mitglied mit China statt. Zwischen 2003 und 2012 nahmen die Importe aus China von 5,2% Anteil auf 12,6% zu, die Exporte von 4,8% auf 9,5%. Ohne formale Übereinkunft entwickelte sich der Handel mit China deutlich besser, und dies von höherem Ausgangsniveau aus. Gleichzeitig ging der Import mit traditionellen Partnern zurück, mit der EU von 27,2% auf 16,1%, mit den USA von 11,5% auf 7,9%, mit Japan von 4,7% auf 3,1%. Auch die Exporte weisen dieses Muster auf: die EU von 25,9% auf 18,5%, die USA von 18,7% auf 11,5% und Japan von 4,1% auf 3,2%. Aber noch immer sind die Partner der Ersten Welt deutlich wichtiger für den Handel als der trilaterale oder derjenige der Süd-Süd-Kooperation insgesamt. Und inwieweit die Aktivitäten von IBSA an diesen Veränderungen beteiligt sind, lässt sich aus den Daten nicht eindeutig erschließen. Über Finanzberechnungen hinaus gelingt aber auch manch wichtiger Schulterschluss. So konnten beispielsweise Indien und Brasilien bei der bedeutsamen und prestigeträchtigen Doha-Runde 2008 als Wortführer der „Dritten Welt“ in Erscheinung treten. Für alle drei Staaten ist China inzwischen der wichtigste Handelspartner. Beliefen sich die Exporte Brasiliens nach China 2000 auf etwa eine Milliarde USD, so lagen sie 2013 bereits bei 46 Milliarden (wobei 2012 auch die USA überholt wurden). Dagegen nehmen sich die Exporte nach Südafrika (1,8 Mrd.) bzw. Indien (1,3 Mrd.) bescheiden aus. Die drei Partner müssen sich regional mit anderen Ländern verständigen, mit denen sie in Handels- und Zollabkommen zusammenarbeiten (MERCOSUR, SACO etc.). Sie treten nicht nur als Partner, sondern auch als Konkurrenten auf den Plan. Deshalb werden bisher wichtige Exportbereiche wie Agrarprodukte oder Kraftfahrzeugbau aus protektionistischen Interessen für die eigene Industrie von den Vereinbarungen ausgenommen. Es dürfte am politischen Willen fehlen, die internen Hindernisse zugunsten gemeinsamen Vorgehens auf der globalen Ebene zu überwinden. Aber vielleicht liegen die wahren Handelshemmnisse in ganz anderen Bereichen - in unterschiedlichen ökonomischen und kulturellen Verfahrensweisen, unterentwickelten Transportverbindungen und „more of the same“ aller Anbieter (damit zu geringer Austauschfähigkeit der Volkswirtschaften). Um nur einen der Gründe zu beleuchten: Alleine die langen Transportwege verteuern den Handel zwischen Indien und Brasilien um 12% sowie zwischen Südafrika und Indien um 10%. 14)
Die trilaterale Zusammenarbeit wird derzeit ohnehin überstrahlt durch das jüngste Gipfeltreffen der BRICS in Fortaleza, Brasilien, vom 15. - 16. Juli 2014. Nach jahrelangem Tauziehen glückte die Einigung über die Gründung einer Entwicklungsbank (mit einem Kapitalstock von 50 Mrd. USD sowie einem Finanzierungsvolumen von 100 Mrd. USD) und eines alternativen Währungsfonds. Doch vergessen wir nicht, dass die BRICS mehr trennt als sie eint.15) Und auch die IBSA-Partner haben ihren Nimbus als Lokomotiven der Weltwirtschaft verloren. Aus den Schwellenländern fließt massiv Kapital ab. Besonders stark ist Indien betroffen. Seit April 2013 verlor die indische Rupie gegenüber dem Dollar 20 Prozent ihres Wertes.16) Indiens gebremstes Wirtschaftswachstum und ein zu schwacher sekundärer Sektor vermochten den Export nicht anzukurbeln. Wuchernde Bürokratie, verzweigte Korruption, soziale Spannungen schrecken (potenzielle) Investoren ab. Ob mit dem triumphalen Wahlsieg Narendra Modis im Mai 2014 alles anders und besser wird, muss sich erst zeigen. In gleichem Ausmaß flüchtete brasilianisches Kapital vor Inflation, Wachstumsschwäche und sozialen Unruhen. 2013 lag das Wachstum bei nur noch 0,9%, für 2014 sind 0,3% prognostiziert. Massenproteste erschütterten über Monate das Land. Auch hier gilt: Der äußerst knappe Wahlsieg von Dilma Rousseff ist noch keine Garantie für eine bessere Zukunft. In Südafrika herrschen politische Willkür, Gewalt und Streikbereitschaft. Die eigenen Wirtschaftsziele werden verfehlt, sogar der afrikanische Durchschnitt wird nicht erreicht. Unter diesen Gegebenheiten scheint die globale Aufholjagd dieser führenden Schwellenländer politisch wie ökonomisch derzeit zum Stillstand gekommen zu sein.

IBSAMAR - die militärische Kooperation

Ein wichtiger Bestandteil der militärischen Kooperation der drei Länder besteht aus den alle zwei Jahre stattfindenden Marineübungen IBSAMAR (India-Brazil-South Africa Maritime).17) Diese Manöver sollen dem Globalen Süden (Global South)18) eine militärische Präsenz auf den Weltmeeren, insbesondere mit der Wahl der Manöver vor Südafrika - mit seiner strategischen Lage zwischen dem Indischen und Atlantischen Ozean - sichern. So werden rund 30% des geförderten Rohöls aus dem Persischen/Arabischen Golf um das südafrikanische Kap der Guten Hoffnung geschifft.19) In der angespannten gegenwärtigen Lage zwischen dem Iran und den westlichen Widersachern ist ein Versuch des Iran, die Straße von Hormus für die Öltanker zu sperren, keineswegs auszuschließen. Damit würde eine geopolitische Situation wie vor der Erbauung des Suezkanals eintreten und die Alternative wäre wiederum der weite Seeweg um die Südspitze Afrikas. Trotz dieser geostrategisch wichtigen Position verfügt die südafrikanische Marine, im Vergleich zu jenen von Brasilien und Indien, nur über geringe militärische Kapazitäten: Sie besitzt 22 Kriegsschiffe, im Gegensatz dazu verfügt die brasilianische Marine über 89 Marineeinheiten und die indische über 136.20) Indien liegt im Global Firepower Index, der die militärische Schlagkraft von Ländern misst, damit schon auf Rang 4 der Seestreitkräfte, Brasilien auf Rang 14, und abgeschlagen auf Rang 41 befindet sich Südafrika.21) Bisher haben vier Manöver in einem regelmäßigen Zweijahresrhythmus stattgefunden:
Das erste Manöver, IBSAMAR I, fand vor den Küsten Südafrikas vom 2. bis 16. Mai 2008 mit der Teilnahme von jeweils zwei Marineschiffen aus Indien und Brasilien sowie vier Schiffen aus Südafrika statt. Die südafrikanische Marine war dabei die „lead planner nation“. Laut Captain Charles Coetzee von der südafrikanischen Marine hatte die Übung das Ziel, gegenseitiges Vertrauen und Koordination der drei beteiligten Länder zu stärken. Es wurden offensive Operationen sowie Anti-U-Boot-Aktionen durchgeführt. Zudem nahmen einige Mitglieder der Streitkräfte der 14-Nationen - Southern African Development Community (SADC) an den Übungen teil.22) Wegen der zufriedenstellenden Ergebnisse wurde der Beschluss gefasst, die gemeinsamen Marineübungen künftig in regelmäßigen Abständen fortzuführen.
Das zweite Manöver, IBSAMAR II, im September 2010 stand unter der Führung der indischen Marine, und umfasste auch gemeinsame Anti-Piraterie- und Anti-Schmuggel-Übungen (so genannte Visit, Board, Search and Seizure - VBSS - exercises). Des Weiteren wurden Anti-Terror- und Flak-Übungen abgehalten.23)
IBSAMAR III wurde wieder in den südafrikanischen Küstengewässern unter der Führung von Brasilien vom 10. bis 26. Oktober 2012 abgehalten. Bei dieser Marineübung wurde unter anderem mittels einer Katastrophenübung ein militärischer Überfall auf eine kleine Küstengemeinde simuliert. An dieser Übung nahmen Militär- und Sicherheitskräfte, Feuerwehr und medizinisches Personal aus den drei Ländern teil.24)
Das vierte und bisher letzte gemeinsame Manöver, IBSAMAR IV, fand vom 20. Oktober bis 7. November 2014 vor den südlichen und westlichen Küsten Südafrikas statt. Ziel dieses Manövers war es, einerseits das „freie Spiel” der drei Flottenverbände auf hoher See zu üben, anderseits war die Verbesserung der Koordination multilateraler Operationen integraler Bestandteil von IBSAMAR IV.25) Insbesondere wurde das Augenmerk auf gemeinsam durchgeführte Anti-Piraterie-Übungen gelegt.
Abschließend kann vermerkt werden, dass die IBSAMAR-Manöver bisher wie vorgesehen regelmäßig stattgefunden haben und daher bereits von einer gewissen Kontinuität gesprochen werden kann (was ja insbesondere im Süd-Süd-Kontext keineswegs die Regel ist). Es ist unseres Erachtens dem kanadischen Sicherheitsexperten Paul Pryce26) zuzustimmen, dass sich mit IBSAMAR zwar noch nicht eine konsolidierte südliche Seestreitmacht anbahnt, diese aber in näherer Zukunft das Kräfteverhältnis auf hoher See (insbesondere im Indischen Ozean) verändern könnte. Aus dieser militärischen Kooperation vermögen alle drei Staaten Vorteile zu ziehen - der stärkste Partner, Indien, möchte vor allem längerfristig der chinesischen Expansion im Indischen Ozean ein Gegengewicht entgegenstellen (der Indische Ozean wird in Delhi gleichsam als „mare nostrum“ definiert) - eine Strategie, die ganz auf der Linie des langsam schwächelnden Hegemons USA liegt; Brasilien richtet seine Außen- wie Wirtschafts- und Entwicklungspolitik immer mehr auf Afrika aus, insbesondere auf die Staaten mit portugiesischer Kolonialvergangenheit; Südafrika kann verstärkt seine eigenen Küsten verteidigen und die Vorreiterrolle im südlichen Afrika auch in den Sicherheitsagenden wahrnehmen. Da die europäischen Kernstaaten, vor allem Großbritannien, Frankreich, in zweiter Linie auch Deutschland, nicht mehr die Möglichkeit oder den Willen besitzen, die wichtigsten Seerouten ausreichend zu schützen, zeichnet sich damit auch eine neue multipolare Geopolitik in den Südmeeren ab. Eine zukünftig denkbare tri- oder multilaterale „Südliche Seestreitmacht“ dürfte weniger die USA als die Volksrepublik China als stärksten Rivalen sehen. Eine gemeinsame Verteidigungspolitik zur See könnte den IBSA-Partnern auch zu größerem Einfluss auf der politischen Bühne verhelfen.

Resümee

Indien, Brasilien, Südafrika - drei aufsteigende Schwellenländer, zugleich regionale Schwergewichte auf drei Kontinenten - haben Sitz und Stimme in allen bedeutenden multinationalen Gremien. 2003 gründeten sie das Dialogforum IBSA, das sich zu einer der bemerkenswertesten Neuschöpfungen der internationalen Politik im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts entwickelte. IBSA ist zu einer wichtigen Plattform der Süd-Süd-Kooperation geworden und sieht seine Aufgaben in drei Bereichen:
- als Forum für die Reformierung globaler politischer und ökonomischer Institutionen (gegen die bisherige westliche Dominanz);
- als trilaterale Zusammenarbeit der drei Staaten in allen wichtigen Bereichen;
- und drittens in neuen Formen der Entwicklungszusammenarbeit mit schwächeren Staaten der Dritten Welt (Prinzipien der Gleichheit, Solidarität, wechselseitiger Ergänzung - gegen die bisherigen Praktiken der Geldgeber des „Washington Consensus“).
IBSA besitzt bisher keine hierarchische Organisationsstruktur - dies bedeutet in der praktischen Arbeit weniger Konsistenz, aber zugleich größere Flexibilität.
Es existieren unter dem Schirm von IBSA vielfältige Foren, Arbeitsgruppen etc. in staatlichen wie privaten Bereichen. Die Aktivitäten und ihre Ergebnisse werden sehr unterschiedlich bewertet. Die Interpretationen reichen von „regelmäßige Treffen eines Klubs guter Freunde“ bis zum „Laboratorium für die Zukunft von Demokratie und Zusammenarbeit im Globalen Süden“. Mit der Aufnahme Südafrikas in die BRIC-Gruppe (April 2011) wurde von vielen ein stilles Aufgehen von IBSA in BRICS prophezeit. Da sich aber Indien, Brasilien und Südafrika als Verteidiger von Demokratie und Menschenrechten positionieren und spezifische, innovative Aspekte der Süd-Süd-Kooperation propagieren, ergeben sich alleine daraus grundlegende Gegensätze zu den BRICS-Partnern China und Russland. Es zeichnet sich ab, dass die drei Staaten in globalen Finanzierungs- und Entwicklungsfragen stärker auf BRICS setzen werden, in Fragen der Politikgestaltung und Sicherheit eher auf IBSA. Während etwa die drei Partner gemeinsam vehement für Dauersitze im UNO-Sicherheitsrat optieren, versuchen Russland und China genau dies zu verhindern. Synergieeffekte zwischen IBSA und BRICS sind trotzdem möglich und vielfältiger Natur - schon alleine durch die Personalunion der Politiker und Spitzenbeamten in den Gremien - ein Aufgehen von IBSA in der ökonomisch stärkeren Formation BRICS scheint jedoch politisch nicht machbar.
Die verstärkte Zusammenarbeit von Indien, Brasilien und Südafrika hat zwar zu einer Vervielfachung des trilateralen Handelsvolumens geführt und wird 2015 25 Mrd. USD überschreiten, doch gleichzeitig macht dies nur geringe Anteile am Gesamthandel der Länder aus, insbesondere im Vergleich zum viel wichtigeren Warenaustausch mit China. Trotzdem hat etwa der IBSA-Fonds für sozialverträgliche Entwicklungsprojekte große Anerkennung gefunden. Eine weitere Erfolgsgeschichte ist die im zweijährigen Turnus durchgeführte gemeinsame Marineübung IBSAMAR, wo trilaterale Sicherheitsstrategien nicht nur am grünen Tisch ausgedacht, sondern auch in der Praxis geübt werden (etwa zur Bekämpfung der Piraterie, aber auch zur Koordinierung der drei Marinen zur Sicherung des Indischen Ozeans). IBSA ist jedenfalls ein wichtiges Element der verstärkten Süd-Süd-Kooperation, die zunehmend die (geo-)politischen Gewichte im internationalen Spiel der Kräfte verändert. In der seit 2012 verhandelten Post-2015-Agenda (in der Nachfolge der Millenium-2015-Ziele der UNO) wird es darauf ankommen, sowohl die Lasten als auch die globale Verantwortung zwischen Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern gerechter als bisher zu verteilen - die neue Formel dafür könnte das Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung sein.


ANMERKUNGEN:

1) Die Diskussion um IBSA findet bisher weitgehend in Fachzeitschriften und Zeitungsbeiträgen statt. Die erste umfassende Darstellung in Buchform erschien im September 2014 - Oliver Stuenkel: India-Brazil-South Africa Dialogue Forum (IBSA). The Rise of the Global South. Routledge, 186 S. http://www.routledge.com/books/details/9781138789081.jpg. Stuenkels Buch ist sicher die bisher profundeste Analyse in der IBSA-Rezeption, da dieser Autor bereits seit Jahren wichtige Beiträge zum Thema liefert, doch wettert der indische Experte Rengaraj Vishwanathan (Twitter 16. September 2014) über die Verlagspolitik: „Oliver Stuenkel´s book on IBSA costs an outrageous 120$. Uncompetitive, unrealistic and unsustainable like the Brazilian economy.“ (Anmerkung: im Angebot von Amazon 135 USD).
2) Zitiert aus: Daniel Kurtz-Phelan: What is IBSA Anyway? The bloc launched by India, Brazil and South Africa marks its 10th anniversary. In: Americas Quarterly, Issue Latin America Goes Global, Frühling 2013.
3) Die Deklaration erfolgte am 6. Juni 2003. Siehe http://www.ibsa-trilateral.org/index.
4) Hier nur eine launige Auswahl nach http://www.abbreviations.com/IBSA: International Business Student Association, International Beauty Sharpening Association, Innovation and Business Skills Australia, Illinois Baptist State Association, International Bergamasco Sheepdog Association etc.
5) http://www.undp.org/content/undp/en/home/presscenter/pressreleases/2014/05/16/key-partnership-delivering-development-results-india-brazil-south-africa-and-the-united-nations.html.
6) Quelle: http://cafezinhoblog.blogspot.co.at/2014/05/ten-years-later-how-has-ibsa-fund-been.html.
7) Quelle: http://www.conectas.org/en/actions/foreign-policy/news/6470-ibsa-10-years-on.
8) Vgl. Chris Landsberg: „... while IBSA can boast clear positions on a host of strategic issues, these have to date taken the form more of declarations, statements and pronouncements rather than strategies, tactics and plans of action“. Aus: IBSA´s Political Origins, Significance and Challenges. In: India-Brazil-South Africa in a Multipolar World Synopsis, Polical Studies Bulletin, Center for Policy Studies, Vol.8, No.2, 2006, Zitat S.5.
9) Paulo Sotero: Emerging Powers: India, Brazil and South Africa (IBSA) and the future of south-south cooperation, Special Report, Woodrow Wilson International Center for Scholars, 2009.
10) Zitiert aus: Rajeev Sharma: BRIC vs IBSA = China vs India? http://thediplomat.com/2011/03/bric-vs-ibsa-china-vs-india/.
11) Die Ausführungen dazu stützen sich vor allem auf Sean Woolfey: The IBSA Dialogue Forum ten years on - Examining IBSA cooperation on trade. August 2013. http://www.tralac.org.
12) Die Berechnungen von Woolfey stützen sich nur auf Handelsdaten, da für Dienstleistungen keine statistischen Daten vergleichbar sind. Die IBSA trade flows basieren auf The Global Trade Atlas http://www.gtis.com/GTA/.
13) Diese Daten zu 2012 stammen von Folashadé Soule-Kohndou: The India-Brazil-South Africa Forum. A Decade On: Mismatched Partners or the Rise of the South? GEG (Gobal Economic Governance) Working Paper 2013/88, University of Oxford, November 2013, S.11.
14) François Danglin (2011): Musketiere des Südens. Indien, Brasilien und Südafrika verteidigen ihre Interessen gemeinsam, Le Monde diplomatique; http://www.monde-diplomatique.de/pm/2011/02/11/a0062.text.name,askGMMEWO.n,0 (Archivtext vom 11.2.2011).
15) http://www.dw.de/brics-trennt-mehr-als-sie-eint/a-1777055.
16) http://www.dw.de/probleme-der-brics-oft-hausgemacht/a-170.
17) Weitere detaillierte militärische Informationen sowie Fotos zu den Manövern können auf der Webseite der südafrikanischen Marine http://www.navy.mil.za abgerufen werden.
18) Neben IBSAMAR besteht noch ein zweites, in unregelmäßigen Abständen stattfindendes Süd-Süd-Manöver: Atlasur mit der Beteiligung der Marinen von Südafrika, Argentinien, Brasilien und Uruguay im atlantischen Süden.
19) Quelle: http://www.saiia.org.za/opinion-analysis/all-hands-on-deck-for-defence-at-the-ibsa-summit-rethinking-south-africas-position (4. November 2014).
20) http://timesofindia.indiatimes.com/india/Indian-Navy-to-have-200-warships-in-next-10-years/articleshow/25708914.cms (4. November 2014) für Indien Stand Ende 2013, die Daten von Südafrika und Brasilien sind aus dem Jahr 2010: http://www.saiia.org.za/opinion-analysis/all-hands-on-deck-for-defence-at-the-ibsa-summit-rethinking-south-africas-position.
21) Daten aus dem Jahr 2014 erhalten von der Website Globalfirepower.com.
22) Quelle: http://economictimes.indiatimes.com/india-south-africa-brazil-to-held-joint-naval-exercise/articleshow/3014853.cms (1nov2014).
23) Quelle: http://www.digitaljournal.com/article/297185 (1nov 2014).
24) http://www.defenceweb.co.za/index.php?option=com_content&view=article&id =28281.
25) Quelle: http://www.defenceweb.co.za/index.php?option=com_content&view=article&id=36966:exercise-ibsamar-iv-wraps-up&catid=51:Sea&Itemid=106.
26) Paul Pryce (2014): The Incongruence of IBSAMAR, Quelle: http://www.offiziere.ch/?p=18391.