Operational Art im 21. Jahrhundert

Jürgen Wimmer

 

Der Begriff der „Operativen Führungskunst/Operational Art“ lässt Interpretationsspielraum alleine aufgrund seiner Wortwahl, ob nun der deutsche Begriff betrachtet wird, welcher neben dem Begriff Kunst auch noch Führung beinhaltet, oder der englischsprachige, welcher nur den Begriff Kunst widerspiegelt. Beiden Begriffen gleich ist ein gewisser Mythos aus etwas, über das erlernbare militärische Fachwissen Hinausgehendes.

Der Begriff „Operational Art“ könnte auch allgemeiner als „Military Art“, „Art of Warfare“ oder ähnliches bezeichnet werden. Wesentlich ist jedoch der Inhalt, wofür der Begriff steht, welcher über den langen Entwicklungszeitraum beobachtet vom Grundsatz her immer denselben Zweck hatte. Letztendlich handelt es sich um die intellektuelle und umfassende Organisation militärischen Handelns zum Zwecke der Erreichung strategischer Ziele als Teil der gesamtstaatlichen Anstrengung. Dabei darf die politische Zielsetzung niemals aus den Augen verloren werden und eine bestmögliche Abstimmung mit anderen Politikfeldern, wie beispielsweise Diplomatie oder Wirtschaft, muss Synergieeffekte erzeugen.

Der operativ führende Kommandant kann nur dann die richtigen Entscheidungen treffen, wenn absolute Klarheit über die Absichten der militärstrategischen und politischen Ebene herrscht. Erst dann kann der militärische Beitrag zielerichtet und abgestimmt mit anderen Maßnahmen erfolgen. Die aus der Geschichte hervorgegangene Notwendigkeit der operativen Führungsebene, welche sich wie eingangs angeführt v.a. von der zunehmenden Komplexität der Kriegsführung sowie der Trennung politischer und militärischer Führung (Herrscher ist nicht mehr der Feldherr) abgeleitet hat, wird zukünftig ihre Berechtigung nicht nur erhalten, sondern verstärkt gefordert sein. Wachsende globale Instabilität, die Rückkehr zu „Power Politics“ durch Großmächte unter synergetischer Nutzung aller „Instruments of Power“, der gleichzeitige Anstieg nicht staatlicher Akteure, Migrationsbewegungen großen Ausmaßes, globaler Terrorismus um nur einige zu nennen, bedürfen umso mehr einer synchronisierten Anwendung aller militärischen Mittel, in Abstimmung mit nicht militärischen Beiträgen, um die Sicherstellung politischer und militärstrategischer Ziele zu verfolgen. Dazu bedarf es der operativen Führungsebene, welche frei von unmittelbarer Verpflichtung zur politischen Beratung und Abstimmung als kreatives und ermöglichendes Bindeglied zwischen Militärstrategie und Taktik Probleme in ihrer Ursache vertiefend erforscht, Lösungsmöglichkeiten findet und Aufträge zur Umsetzung an die Teilstreitkräfte erteilt. Das taktische Handeln von Streitkräften kann die Erreichung politischer Ziele nur dann unterstützen, wenn dies in Abstimmung mit dem Kriegszweck im Sinne von Clausewitz geschieht, also im aktuellen Verständnis durch Zusammenwirken mit Anstrengungen aller staatlichen Elemente zur Erreichung eines „End States“. Nach Vorgaben der strategischen und militärstrategischen Ebene bleibt auch in Zukunft die Festlegung der entscheidenden „Schlacht“ zum „Zwecke des Krieges“ und das Schaffen der Voraussetzungen, dass diese durch „Gefechte“ der taktischen Ebene bestmöglich geführt werden kann, die vornehmste Aufgabe der operativen Führungskunst.