Soldaten! Vierzig Jahrhunderte schauen auf euch herab!
Der Ägyptenfeldzug von 1798

Andreas W. Stupka

 

Bekannt geblieben als Randbemerkung in der Kulturgeschichte ist der Feldzug der Franzosen gegen Ägypten im Jahre 1798 durch die Auffindung des später sehr berühmt gewordenen Steines von Rosette im Nildelta, womit Jean-François Champollion 1822 die Entzifferung der Hieroglyphenschrift gelungen war. Ansonsten ist für Europa - Großbritannien ausgenommen - die Militäroperation selbst eher in Vergessenheit geraten, endete doch die Eroberung Ägyptens und der Levante schließlich in einem Debakel und die französische Geschichtsschreibung hatte daher kein großes Interesse gehabt, ausgedehnt darüber zu berichten bzw. dies in den Geschichtsbüchern über Gebühr zu betrachten; das Heilige Reich, Preußen und Russland waren in diese Auseinandersetzung nicht involviert gewesen. Und dennoch war dieser Feldzug von geostrategischer Bedeutung. Die Überlegenheit an taktischer Führungskompetenz und überlegener Gefechtstechnik erklärt die immensen Verluste, die die Orientalen in den Gefechten mit europäischen Armeen vielfach hinzunehmen hatten.

Wollte Frankreich als Nation überleben, bedurfte es einer anderen Führung als der des oft unschlüssigen und wankelmütigen Direktoriums. In Zeiten höchster Gefahr brauchte es einen autoritären Führer, den Napoleon in seiner Gestalt verwirklicht sah, ganz im Sinne eines griechischen Tyrannen, der immer in Kriegszeiten bestimmt worden war. Mit dem Staatsstreich von 1799 wurde er Erster Konsul der Republik und beendete dann den Zweiten Koalitionskrieg. Spätestens ab diesem Zeitpunkt stellt sich die Frage, ob Napoleon bis zur Kaiserkrönung 1804 nicht eine Entwicklung durchgemacht hat, die ihn in strategischer Hinsicht verklärte und in den Größenwahn trieb, der letztendlich den Niedergang seines Imperiums bewirkte.

Für Ägypten war diese Invasion zunächst der erste Versuch der Europäer seit den Kreuzzügen, im Orient Fuß zu fassen. Dies gelang ausschließlich aufgrund der technischen und militärischen Überlegenheit der Europäer. Sowohl die Osmanen, v.a. aber die Mameluken, hatten sich der technischen Entwicklung in Europa insofern verweigert, als sie die neuen Distanzwaffen zwar ebenso verwendeten, aber als unehrenhaft ablehnten und den Zweikampf zu Pferd als höchste Kampfform perfektionierten. Die aus der Oranischen Heeresreform erfließende Kampfweise trug entscheidend zur militärischen Überlegenheit bei. Durch den gezielten Aufbau einer kolonialen Verwaltung wurde Ägypten aus einer Jahrhunderte währenden Stagnation herausgerissen und mit der europäischen Moderne unmittelbar konfrontiert. Es war der Beginn eines Loslösungsprozesses vom Osmanischen Reich, der zwar formell erst 1914 vollzogen wurde, aber bereits 1805 durch den Gouverneur Muhammad Ali Pascha und den ab 1802 vorherrschenden britischen Einfluss, der 1882 in der Übernahme als De facto-Kolonie mündete, wirksam zu werden begann. Die Mameluken wurden nach heftigen Machtkämpfen, bei denen sich der Albaner Muhammad Ali durchgesetzt hatte, 1811 im sogenannten „Mamelukenmassaker“ zur Gänze eliminiert. Das Land wurde einer Modernisierung unterzogen und blieb v.a. nach dem Bau des Suez-Kanals (1859 bis 1869) der Spielball der europäischen Mächte.