Comprehensive Approach 3.0: „Triple Nexus“

Der Impakt von Resilienz auf internationales Krisen- und Konfliktmanagement

Ursula Werther-Pietsch


Ein erneuerter „Comprehensive Approach“ wird eine gesteigerte Kraft von staatlicher Souveränität ins Visier nehmen müssen. Es ist ein Faktum, dass sich auf der einen Seite weltweit ein Trend zu immer stärker werdender Souveränität abzeichnet: Dies lässt sich aus der Verhaltensweise der Staaten auf multilateraler Ebene ableiten, die - vermehrt auf Eigeninteresse gestützt - internationale Verpflichtungen untergraben kann. Auf der anderen Seite erlebt Selbstbestimmung aus Gründen von Polarisierung, Abgrenzung und einer gesteigerten Wahrnehmung von Ressourcenknappheit einen Aufschwung, wodurch dem Prinzip im Völkerrecht ein höherer Stellenwert einzuräumen sein wird, als dies bisher der Fall war. Katalonien, Schottland, Kosovo, Kurdistan - unterschiedliche Szenarien, die jedoch gemeinsam haben, dass sie nicht mehr dem kolonialen Kontext eines Selbstbestimmungsrechts, das sich an den Unabhängigkeitsbestrebungen am afrikanischen Kontinent orientiert hat, entstammen. Das Völkerrecht wird verstärkt mit Übergangsregelungen von fragilen Situationen zu friedlichen und stabilen Staaten wie dem Law of Transition Projekt der Leiden Universität aufwarten müssen, um relevant zu bleiben. Die alte Dychotomie Krieg - Friede ist der dynamischen Sichtweise eines „ius post bellum“ bereits teilweise gewichen. Bei nur sanfter Adaption der bisherigen Konzepte der Staatengemeinschaft, wichtiger Akteure des Internationalen Krisen- und Konfliktmanagements (IKKM) wie der USA, der NATO, der EU, aber auch Österreichs an Erkenntnissen aus der aktuellen „Resilience“-Debatte lässt sich ein neuer Kurs in Richtung eines „Comprehensive Approach 3.0“ (CA) legen, der ihn einerseits am Leben erhalten, ihn andererseits aber auch zu einem erfolgreichen Toolset für Konflikttransformation machen könnte: Jedoch fehlt aus heutiger Sicht - in Anlehnung an Sven Biscop‘s Einschätzung zur neuen Gemeinsamen Sicherheit- und Verteidigungspolitik (GSVP) der EU - ein „coherent full spectrum force package“.

Der Beitrag versucht, eine militärwissenschaftliche Vertiefung des Diskurses um den „Comprehensive Approach“ durch Impulse internationaler Entwicklungspolitik und gesamtgesellschaftliche Resilienz voranzutreiben. Die Hoffnung besteht, dass die Lehren aus dem Umgang mit Bosnien-Herzegowina, Ost-Timor, Liberia, Sierra Leone, Togo, der Demokratischen Republik Kongo, Afghanistan oder Georgien mit den vorgeschlagenen Innovationen im erneuerten CA 3.0 zumindest bei der nächsten Chance in Syrien zu einer gut vorbereiteten, koordinierten, toolbasierten, flexiblen und realistischen Mission auf Grundlage gemeinsamer Einsatzprinzipien führen sollten.