Theorie und Methode des Carl von Clausewitz

Ein wehrwissenschaftlicher Abriss

Dirk Freudenberg


Sicherheitspolitik lässt sich nur umfassend erfassen. Das bedeutet, dass die Erkenntnisse der Wehrwissenschaft als die geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise des Phänomens „Krieg“, welche sich dadurch auszeichnet, dass in deduktiver Weise von einem allgemeinen - nicht weiter begründbaren - Prinzip ausgehend auf dem Wege folgerichtigen Fortschreitens letztlich diese Erscheinung in seiner wahren Bedeutung erschlossen werden kann, hier nicht auszuklammern, sondern in den politikwissenschaftlichen Kontext zu integrieren sind. Der Krieg ist insofern Teil des Ganzen. Zudem beeinflussen die Erkenntnisse der Wehrwissenschaft ihrerseits die internationalen Beziehungen, die Außen-, aber auch die Innenpolitik, die (Außen-)Wirtschafts- und Sozialpolitik und strahlen in andere Bereiche hinein. Die Wehrwissenschaft ist der Teil der Theorie des Krieges, welche versucht, eine wissenschaftliche Basis für die Entscheidungen zu etablieren, welche die Kriegsführung beeinflussen. Mithin hat die Wehrwissenschaft die Funktion, einen Beitrag zur Sicherheitspolitik und damit zur Politikwissenschaft als Ganzes zu leisten. Insofern ist auch der moderne Politikbegriff - im Gegensatz zum klassischen Politikbegriff, welcher durch die Frage nach den Zwecken des Gemeinwohls bestimmt war - durch die Frage nach den Mitteln zur Durchsetzung seiner Ziele bestimmt. Gleichwohl darf die Wehrwissenschaft keinesfalls als politische Wissenschaft, welche als Zweckwissenschaft der politischen Erziehung des Volkes dient, betrachtet werden, sondern ist klar hiervon abzugrenzen als Teil einer Wissenschaft von der Politik, einer Politikwissenschaft, welche ideologische Verortungen und Vereinnahmungen ablehnt und sich über diesen erhebt. Somit steht die Wehrwissenschaft, die ja seit den Anfängen unserer im Übrigen überaus kriegerischen europäischen Kultur besteht und auch in anderen Kulturen begründet wurde, in ständiger Wechselbeziehung zu den anderen Wissenschaftsfeldern. So ist denn auch die Kriegstheorie, ebenso wie der Krieg selbst, niemals eine isolierte Erscheinung, und es wäre daher wenig sinnvoll, sie lediglich „militär-historisch“ in Verbindung mit der Kriegskunst zu behandeln, denn es geht am Ende immer um den Erfolg im Einsatz, also um die militärische Effizienz der eingesetzten Streitkräfte bzw., bei der hier zu behandelnden Fragestellung, auch des eingesetzten Sicherheitsdispositivs insgesamt.

Clausewitz‘ theoretisches Model und sein methodischer Ansatz sind heute noch aktuell, weil er in seinem, für seine Zeit innovativen Vorgehen, nicht nur retrospektiv-vergleichend analysiert, sondern reflektiv-antizipatorisch zu tiefgründigen Erkenntnissen seines Untersuchungsgegenstandes, dem Krieg als ein Instrument der Politik, gelangt, welche zeitlos sind und - wenn sie denn durchdrungen und beachtet werden - auch heute noch nützlich sein können, analytisch und prognostisch zu wirken sowie ziel- und wirkungsorientiertes Handeln abzuleiten.