Russisches Vabanquespiel

Erklärung der russischen Militärintervention im syrischen Bürgerkrieg durch die Prospect Theory

Philipp Burkhard


Mit der militärischen Parteinahme Russlands im syrischen Bürgerkrieg im September 2015 überraschte Präsident Wladimir Putin die internationale Öffentlichkeit. Die Unterstützung des international bis auf den schwierigen Partner Iran beinahe völlig isolierten syrischen Präsidenten Baschar al-Assad birgt ein hohes Risiko. In dem Beitrag wird gezeigt, dass die Prospect Theory, die in bisherigen Arbeiten über den russischen Militäreinsatz in Syrien keine Berücksichtigung fand, einen sinnvollen Erklärungsrahmen bereitstellt. Um Russlands Handeln zu verstehen, muss man seine mehr oder weniger aussichtslose Lage in der internationalen Politik berücksichtigen: Die Perspektive der vorausgegangenen Verluste lässt diesen „Ausbruchsversuch“ Putins plausibel erscheinen. Der Einsatz in Syrien ist der erste Auslandseinsatz russischer Streitkräfte außerhalb der unmittelbaren Nachbarschaft seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Das Ziel Russlands kann es also langfristig sein, den USA auf Augenhöhe zu begegnen.

Für die Zukunft lassen sich zwei Dinge ableiten. Erstens sollte man versuchen, sich in die Lage von Staaten hineinzuversetzen, in denen Einkreisungsängste und das Gefühl eines ungerechtfertigten internationalen Niedergangs dominant sind. Solche Staaten tendieren zu risikofreudigen Entscheidungen. Insofern ist es sinnvoll, den Versuch zu unternehmen, die Perspektive der jeweiligen Staaten einzunehmen. Dadurch werden Entscheidungen, die aus der eigenen Perspektive abwegig und irrational erscheinen, plötzlich plausibler. Schließlich werden auch künftige Szenarien besser kalkulierbar. Rein rationale Entscheidungsmodelle haben den Nachteil, objektive Annahmen über Kosten und Nutzen zu suggerieren, ohne psychologische Faktoren zu berücksichtigen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion ist aus sozialpsychologischer Perspektive jedoch ein erklärender Faktor, der nicht unberücksichtigt bleiben kann. Zweitens offenbart der Beitrag das strategische Dilemma, in dem sich außenpolitische Entscheidungsträger im Umgang mit Staaten wie Russland befinden. Es muss ein Mittelweg zwischen Härte der Konsequenzen und Dialog sowie konstruktiver Zusammenarbeit gefunden werden. Konzentriert man sich beispielsweise nur auf Sanktionen und Zurückweisung, erhöht sich das Risiko, dass weitere „Ausbruchsversuche“ unternommen werden. Die Grenzen sind offensichtlich: Es wurde nur eine einzige außenpolitische Entscheidung erklärt. Durch Einsicht in die Selbstwahrnehmung können Akteure berechenbarer werden.  Im Beitrag wurden die Perspektiven und russischen Erklärungsmuster dargestellt, um einen sinnstiftenden Erklärungsrahmen für das Handeln eines politischen Systems zu finden. Es ist nicht Ziel dieses Beitrags, einen normativen Standpunkt zu den Positionen der im Beitrag erwähnten internationalen Akteure zu beziehen. Jedoch können mithilfe eines Perspektivenwechsels bessere Erklärungen gefunden und somit fundierte normative Standpunkte eingenommen werden.