Die deutsche Bundeswehr und der Krieg in Afghanistan

Ein Blick auf die Bewährung der Inneren Führung

Marcel Bohnert


Dieser Beitrag widmet sich der Afghanistan-Mission der deutschen Bundeswehr und seinen Auswirkungen auf das Selbstverständnis und die Führungskultur in den Streitkräften. Dazu werden zunächst die allgemeinen Herausforderungen dargestellt, mit denen es sich in Neuen Kriegen auseinanderzusetzen gilt. Anschließend wird ein kurzer Einblick in die Erfahrungen der deutschen Streitkräfte im Rahmen der „International Security Assistance Force (ISAF)“ vorgenommen und danach gefragt, in welchem Rahmen sich die Innere Führung und das ihr innewohnende Leitbild des Staatsbürgers in Uniform bewähren konnten und wo sie an ihre Grenzen gestoßen sind. Die angestellten Überlegungen sind wesentlich von Beobachtungen und Erlebnissen während der eigenen Einsatzzeit in der nordafghanischen Provinz Kunduz geprägt. Aus diesen persönlichen Umständen resultierten ein starkes subjektives Erkenntnisinteresse und die spezielle Perspektive des Beitrages.

Ein Blick auf die Bewährung der Inneren Führung während des ISAF-Einsatzes führt zu keinem eindeutigen Ergebnis. Der Inneren Führung auch heute noch pauschal das Siegel einer beispiellosen Erfolgsgeschichte zu verleihen, stellt eine unredliche Überhöhung dar und es besteht die Gefahr, dass sie vielmehr zum bloßen Lippenbekenntnis verkommt. In der Gesamtschau muss zumindest geschlussfolgert werden, dass es einer Debatte um die Unternehmensphilosophie und den inneren Zustand der Bundeswehr bedarf. Diese sollte ergebnisoffen erfolgen und ohne den kategorischen Ausschluss alternativer Modelle, die sich eng an Konzeptionen verbündeter Streitkräfte orientieren könnten, geführt werden. Es lässt sich erkennen, dass es erfolgreiche Bereiche der Inneren Führung gibt und das sich ein Diskurs um die Erweiterung oder Neugestaltung des Konzeptes sowie seine Anpassung an die geänderten gesellschaftlichen, politischen und militärischen Rahmenbedingungen lohnt.

Durch eine Kultur der Ehrlichkeit und Offenheit können Fehler, die während der Afghanistan-Mission geschehen sind, zukünftig hoffentlich verhindert werden.

Für die Bundeswehr und ihre Verbündeten macht ein Blick in die Zukunft einen Großeinsatz im Stile der ISAF-Mission auf absehbare Zeit unwahrscheinlich, da die moralischen, politischen und finanziellen Folgen des Engagements sehr schwer wiegen. Spätestens nach den einvernehmlichen Ausführungen des deutschen Bundespräsidenten, des Außenministers sowie der Bundesministerin der Verteidigung auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Jahre 2014 ist allerdings klar geworden, dass sich Deutschland künftig verstärkt in die Lösung weltweiter Krisen und Konflikte einbringen und eine aktivere Rolle in der Außen- und Sicherheitspolitik spielen wird.

In jedem Falle ist die Beteiligung der deutschen Bundeswehr an den Einsätzen in Mali, im Sudan und vor der Küste Somalias vermutlich nur ein Vorbote dessen, was ihre Soldatinnen und Soldaten in den kommenden Jahren auf dem afrikanischen Kontinent und anderswo erwarten wird. Sie werden wieder mit hartnäckig und heimtückisch kämpfenden Gegnern konfrontiert sein und über kurz oder lang auch in diesen Regionen ihr Leben lassen müssen. Angesichts dieser Prognosen wäre es ein schweres Versäumnis, die Lehren von ISAF in Vergessenheit geraten zu lassen.