Das taktische Führungsverfahren im Spiegel der Zeit

Weiterentwicklungen im Bundesheer der Zweiten Republik

Gregor Scheucher


Das Österreichische Bundesheer bedient sich einer Vielzahl an Verfahren und Prozessen zur Auftragsumsetzung im Frieden- und Einsatzfall. Für die unterschiedlichen Führungsebenen existieren maßgeschneiderte Abläufe. Die taktischen Führungsebenen der Landstreitkräfte verfügen über das sicherlich bekannteste Verfahren, das taktische Führungsverfahren, welches analog einem Chamäleon seine äußere Erscheinungsform im Laufe der Jahrzehnte veränderte, sich aber sein Wesen bewahrte.

Eben die maßgeblichen Veränderungen des Verfahrens im Besonderen in der Methodik des Verfahrens sollen nachgezeichnet werden, um dem Leser die Notwendigkeiten zur Anpassung an die Gegebenheiten eines Einsatzes bzw. an die Rahmenbedingungen des Einsatzes vor Augen zu führen. Neben der Darstellung der Zäsuren, sollen hier die Ursachen für die Veränderungen herausgearbeitet werden.

Diese Zäsuren können folgendermaßen zusammengefasst werden: eine einfachere Arbeitstechnik zur Planung und Entscheidungsfindung, welche Mitte der 1990er-Jahre entwickelt wurde, gepaart mit der Wiederentstehung des Handaktes Taktik. Gefolgt wurde dies von der Herstellung der Interoperabilität, welche die Auswirkung im 2001 erschienenem Merkblatt des taktischen Führungsverfahrens beinhaltete und das graphische Planungsverfahren im Bundesheer anordnete. Die Konfliktraumbeobachtung der Schauplätze Irak (ab 2003) und Afghanistan (ab 2001), welche die Aufstandsbekämpfung zum Hauptgegenstand des Einsatzes hatten, machten es erforderlich, ab 2009 v.a. die Beurteilung der Akteure und Konfliktparteien (irreguläre Kräfte) zu erweitern und schließlich die strukturierte Ableitung von nicht kinetischen Effektoren (Beeinflussung) im Informationsumfeld einzubauen.

Der Schlüssel zum Planungserfolg liegt im Begreifen des effektbasierten Denkens der Landstreitkräfte, aber auch des „Joint Gedankens“ (Teilstreitkraft-übergreifend).

Eine Weiterentwicklung der Taktik der Landstreitkräfte könnte durch die weitere Verbesserung im Bereich der Digitalisierung aufgezwungen werden. Eine Prüfung der vorhandenen Verfahren, Prinzipien und Grundsätze erscheint mit geänderter (Waffen-)Technologie absehbar. Der Trend zur Miniaturisierung und Verschmelzung von Aufklärungssensor und Effektor scheint bereits vorgezeichnet. Es wird folgende Frage auch zu beantworten sein: In welchem Ausmaß hat die Weiterentwicklung der Kommunikationstechnologie und der Waffensysteme im Hinblick auf Automatisierung, Vernetzung und Miniaturisierung, künstliche Intelligenz eine Auswirkung auf die Grundkonzeption zur militärischen Planung und der Umsetzung von Aufträgen?

Eine Konstante ist in Einsätzen durchgängig erkennbar: Planung und Führung ist immer verbunden mit dem Kampf um die Initiative, welche sich überwiegend durch den taktischen Faktor Zeit ausdrückt. Die Rolle der Technik wird weiterhin zu definieren sein. Doch, frei nach Martin Heidegger, Technik unterstützt hierbei als Gestell den Menschen. Sie ersetzt jedoch nicht das denkende Individuum, da nur der Mensch Ziele und Zwecke definieren kann. Wie dies künftig im Verhältnis mit der künstlichen Intelligenz zu betrachten sein wird, bleibt mit dem Rückschluss auf Planungsaufgaben zu untersuchen.