Der altösterreichische Offizier und seine Ehre

Hubert Michael Mader


Die Ehrbegriffe und Dienstvorschriften regelten das Verhalten der k.(u.) k. Offiziere. Sie wiederholten immer wieder, was der Offizier sich selbst, seiner Einheit, der Armee und dem Monarchen schuldete: „Grundsatz bleibt in allen Verhältnissen: ‚Strengste Wahrung der Offiziersstandesehre!‘‘‘. Über das „Wie“ gibt es nur wenige klare Anweisungen. Dieses unvermeidbare Fehlen klarer Bestimmungen führte zu einer tiefgreifenden Verunsicherung. Es lag am jeweiligen Ehrenrat, darüber eine Entscheidung zu treffen, ob ein Verhalten als richtig oder falsch zu beurteilen war. Seine Ehrbegriffe beeinflussten das Leben des Offiziers weitaus mehr, als die staatlichen Gesetze, die religiösen Vorschriften oder die Traditionen seiner Familie bzw. Nation. Der Offizier wurde über einen normalen Bürger gestellt, allerdings in seiner Handlungsfreiheit stark eingeengt. Die Ehre eines Offiziers galt als sein größtes Gut. Sie stand selbst über dem Leben des Einzelnen. Sie zeichnete den Offizier als einen besonderen Menschen aus, der in mancherlei Hinsicht über dem Gesetz stand. Die militärische Ehre adelte den Offiziersstand in seiner Gesamtheit und verlieh ihm den Charakter der Ritterlichkeit. Die Bereitschaft zur Unterordnung unter den strikten Ehrbegriffen spielte für das Charakterbild der altösterreichischen Offiziere eine entscheidende Rolle. Die Offiziere wurden schlecht entlohnt, hatten jedoch ein hohes Sozialprestige. Ihre Hoffähigkeit war nur ein Beispiel dafür. Hochmütig (und doch mit einer Spur von Neid), so der Schriftsteller Roda-Roda, blickten die Offiziere auf den Bürger hinab, der sich für Geld um seinen Lebensunterhalt abmühte. Seine Arbeit schien ihnen von „niedriger“ Art zu sein. Sie, die Offiziere, brauchten nicht den Umweg über das Geld, um zum Genuss des Lebens zu kommen. Vielmehr gab ihnen der Kaiser, was sie zu „Herren“ machte: Diener, Pferde, eine Waffe sowie das Vorrecht, ihre Ehre mit der Waffe zu schützen. Der altösterreichische Offizier erschien gleichzeitig privilegiert und benachteiligt. Die Nähe zum kaiserlichen Hof (er war hoffähig, was sonst dem Hochadel vorbehalten blieb) brachte ihm ein glänzendes Prestige und hob ihn deutlich von allen anderen Staatsbeamten ab. War die farbenprächtige Stütze des Habsburgerreichs die populärste Armee in ganz Europa, befanden sich doch viele Offiziere in einer ständigen Finanzkrise. Für all diese Entbehrungen und Opfer hatte der Offizier einzig und allein eine Entschädigung: seinen privilegierten Status. Bei diesem Privileg handelte es sich um keinen Luxus, sondern um ein Privileg der vornehmen Verpflichtung. Der Preis für ihre gesellschaftliche Reputation war also für die Offiziere ein hoher - viele von ihnen lebten in einem „glänzenden Elend“. Besonders die politische Betätigung blieb für den aktiven Offizier eingeengt.

Die Zeit, als das altösterreichische Offizierskorps sozialgeschichtlich als Stand bezeichnet werden konnte, endete mit dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Monarchie. Mit dem Kriegsende verschwanden die wichtigen Merkmale (Ehrgrundsätze, Tradition, Vorrechte und das Bewusstsein, eine Sonderstellung einzunehmen) - wenngleich auch Reste bis in die heutigen Tage erhalten geblieben sind.