Nostalgia: Verlorene Paradiese und die Belastbarkeit von Rekruten

Oswald Klingler


Belastungsreaktionen von Soldaten, in jüngerer Zeit auch von Soldatinnen, haben im Verlauf der Geschichte eine wechselnde, insgesamt aber doch eine zunehmende Aufmerksamkeit als ein menschliches und ein militärisches Problem gefunden. Während nun kürzlich in der ÖMZ über den allgemeinen Umgang mit solchen Belastungsreaktionen berichtet werden konnte, soll nun ausführlicher auf ein spezielles, ursprünglich als „Nostalgia“ bezeichnetes Phänomen eingegangen werden. Auch wenn dieses Phänomen in der Vergangenheit vielleicht etwas überschätzt wurde, sollte es in seiner gegenwärtigen Bedeutung keinesfalls unterschätzt werden. Denn es zeigt die Grenzen der Anpassungsfähigkeit und Belastbarkeit der Menschen, so einen Gegensatz bildend zu den Wünschen und Sehnsüchten mancher militärischer Theoretiker.

Als die erstmalige medizinische Beurteilung einer soldatischen Belastungsreaktion muss jene der Nostalgia gelten, mit welcher der Schweizer Dissertant Johannes Hofer im Jahre 1688 das Heimweh in den Rang einer krankheitswertigen Störung gehoben hat. Als die „Schweizer Krankheit“ war es schon früher als ein Problem bekannt gewesen, durch das eine erhebliche Gefährdung der ansonsten sehr geschätzten Kampfkraft von Schweizer Söldnern angenommen wurde. Ein epidemisches Auftreten der Störung wurde später v.a. bei den Napoleonischen Truppen und im Amerikanischen Bürgerkrieg berichtet, wo Nostalgia den häufigsten Grund für Ausfälle darstellte: durch sekundäre Erkrankungen, Hospitalisierungen, Repatriierungen, Suizide. In den Weltkriegen hat „die stille“ Nostalgia dann im Vergleich zu den viel augenfälligeren Störungen des „Shell-Shocks“ und der „Kriegszitterer“ kaum mehr Beachtung gefunden. Im Gegensatz zur bekannten Posttraumatischen Belastungsstörung findet sie auch keine Berücksichtigung als eine eigenständige Störung in den internationalen Diagnosesystemen. Gemäß der Internationalen Klassifikation der Krankheiten wäre sie heute als eine von vielen möglichen Anpassungsstörungen zu bezeichnen, im Sinne einer gestörten Anpassung an Lebensumstände, gekennzeichnet durch entsprechende depressive oder dysphorische Verstimmungen und psychovegetative Reaktionen. Auch unter den Rekruten, die bei den psychologischen Diensten des Österreichischen Bundesheeres vorstellig werden, zählen Heimwehreaktionen zu den häufigsten Problemen. Deren Art und Ausprägung zeigen, dass aktuell auch unter den als tauglich beurteilten Wehrpflichtigen eine nicht unerhebliche Anzahl über keine ausreichende Belastbarkeit für einen militärischen Dienst mit der traditionell hierfür vorgesehenen Ausbildung verfügt.