Politischer Wille und seine Implikation für die Geopolitik

Wulf Lapins


Der Artikel wird als interdisziplinäre, mehrdimensionalen Politikanalyse verstanden, in der zunächst generell zur Kategorie „Wille“ und in Fortführung dann „politischer Wille“ in einem theoretischen Vorbau mit kontinentaleuropäischem Quellenbezug Aussagen getroffen werden. Der politische Wille und mögliche Implikationen für die Geopolitik beim „Brexit“ und „Nordkoreas Nuklearrüstung“ werden im anschließenden fallanalytischen Teil des Beitrages mit Blick auf die Politikdimension „policy/politische Inhalte“ und „politics/politische Prozesse“ befragt.

Die Interessen und politischen Dynamiken von Staaten sind Untersuchungsgegenstand differenter politikwissenschaftlicher Theorien der Internationalen Beziehungen, wie die des Neoliberalismus/Liberalen Intergouvernementalismus, der Interdependenz und des Konstruktivismus. Die geopolitische Adressierung der Kategorie politischer Wille fokussiert gleichwohl insbesondere die politikwissenschaftliche Theorie des Realismus/Neorealismus. Über die Begrenztheit der Leistungsfähigkeit jeweiliger Theorien der Internationalen Beziehungen legte schon Mitte der 1960er-Jahre Martin Wight, als ein seinerzeit hochrenommierter britische Analytiker der Internationalen Politik, eine kritische Analyse vor. Auch sein Landsmann Hedley Bull vertrat die Position, dass die Internationalen Beziehungen aufgrund der komplexen Heterogenität und Diversität von politischem Verhalten der Akteure sowie staatspolitischer Praxis keine validen wissenschaftlichen Theoriebildungen zulassen. Beide bezweifeln daher theorieanaloge Politikvorgänge und reklamieren vielmehr lediglich historische Konstellationen. Der Autor vertritt angesichts der derzeitigen Umbrüche in den internationalen Ordnungsstrukturen die Position, dass alle politikwissenschaftlichen Theorien harte Stresstests durchlaufen müssten, insbesondere wenn sie sich als Folie für die angewandte Politikberatung empfehlen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass viele der im theoretischen Teil ausgeführten oder nur möglich angerissenen Aspekte von Willensbildung und Willensgestaltung sich wahrscheinlich auch in der politischen Praxis niederschlagen. Der Instrumentenkasten der politikwissenschaftlichen Forschung ist aber nicht hinreichend gefüllt, um dafür valide empirische Nachweise treffen zu können. Das gilt auch für die beiden Fallanalysen „Brexit“ und „atomare Rüstung Nordkoreas“.