Zur Entwicklung der Militärwissenschaft in der Russischen Föderation (Teil 1)

„Grundzüge des militärischen Denkens und Handelns in der Gegenwart“

Siegfried Lautsch


In dem Beitrag werden Gesichtspunkte der dynamischen Veränderungen in Politik und Gesellschaft sowie die Einbindung der Militärwissenschaft in die Streitkräfte der Russischen Föderation (RF) betrachtet. Dabei wird der Blick auf die strategische und operative Ebene gerichtet, v.a. auf die Verantwortung der Kommandobehörden und Stäbe im Interesse ihrer Weiterentwicklung. Ziel der Entwicklung der russischen Streitkräfte ist die Transformation von Fähigkeiten, die dem modernen Kriegsbild entsprechen und Voraussetzungen für ihren effektiven Einsatz schaffen. Zur prioritären Richtung der russischen Militärstrategie gehören Untersuchungen zu den Fragen der Erhöhung der Kampfkraft der Streitkräfte der RF. Diese wird bestimmt durch den zahlenmäßigen und qualitativen Bestand der Streitkräfte, ihre Auffüllung und technische Ausstattung, durch den moralisch-psychologischen Zustand, durch den Ausbildungsstand, die Bereitschaft und Kampffähigkeit der Truppen und Kräfte.

Entscheidend für die Wahrnehmung der beiderseitigen Bedrohung zwischen NATO und Russland, ist die Absicht, über gleichwertige militärische Fähigkeiten zur Abschreckung zu verfügen. Eine Abschreckungslogik mit fataler Perspektive, die weder einen Krieg ausschließt, noch den Frieden sicherer macht. Hier ist v.a. eine gewisse strategische Gelassenheit in den politischen und militärischen Führungskreisen in Moskau, Washington und Brüssel angesagt. Bei den Erklärungen des russischen Generalstabschefs geht es nicht um die Darstellung der Inhalte der Militärwissenschaft, sondern vielmehr um die Frage: Wie wissenschaftliche Erkenntnisse im Interesse der Streitkräfte, beispielsweise bei der Planung, Vorbereitung und Durchführung von militärischen Einsätzen und Prozessen, genutzt werden können. Voraussetzung dafür sind Überlegungen, welche Wissenschaftszweige für die Belange der Militärwissenschaft von Nutzen sein können und welche Leistungen sie tatsächlich zu erbringen haben. Letztlich geht es der russischen Militärelite darum, die Streitkräfte der RF für die Zukunft zu rüsten und auf vorhersehbare Einsätze effektiv vorzubereiten. Dabei spielen nach Meinung des Autors weniger machtpolitische Prioritäten der RF eine Rolle, sondern zwingende sicherheitspolitische und militärische Herausforderungen, aber auch rechtliche, ethische und Normen des Völkerrechts eine hohe Priorität. Wie andere Staaten setzt auch Russland auf seine volle Souveränität, seine maßgebliche Rolle in Europa und in der Welt sowie Verantwortung im internationalen System. Die Verschiedenartigkeit und die Bandbreite möglicher Gefahren und Risiken sowie Bedrohungen für die nationale Sicherheit der RF verlangen den Erhalt politischer Handlungsfähigkeit auch mit militärischen Mitteln. Dies reicht von militärischen Operationen geringer bis hoher Intensität im Rahmen der internationalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung. Darüber hinaus erfüllen Streitkräfte Beiträge für Rettung, Evakuierung und Geiselbefreiung im Ausland, zur Territorialverteidigung, zu humanitären Einsätzen und zur Hilfeleistung. Diese Komplexität zwingt zur Einbeziehung der Militärwissenschaft bei der Lösung gegenwärtiger und zukünftiger Reformziele.