Der Ansatz des Gerhard von Scharnhorst als richtungweisender Impuls für eine moderne Krisenmanagementausbildung

Dirk Freudenberg


Die nachstehenden Ausführungen wollen darlegen, inwieweit die theoretisch-methodischen Ansätze der preußischen Heeresreformer des frühen 19. Jahrhunderts, in deren Zentrum Scharnhorst stand, auch heute noch zielführend für eine moderne Krisenmanagementausbildung sein können und inwieweit seine Gedanken hierfür entsprechende geistige Grundlagen und Anregungen bereitstellen. Scharnhorst hat versucht, in einer Synthese von Tradition und Fortschritt besseren Methoden in Ausbildung und Disziplin und neuen Auffassungen in Taktik und Strategie Eingang zu verschaffen. Die preußischen Reformen werden allzu oft auf ihre Effekte im militärischen Bereich geschmälert, gleichwohl entfaltete sich ihre volle Wirkungskraft erst durch ihre umfassende Konzeption in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen, bis tief in das Bildungswesen von schulischer und universitärer Ausbildung und waren maßgeblich begleitet durch die intellektuellen Eliten aus Administration, Universität und Gesellschaft jener Zeit. Das gesamte Reformwerk des frühen 19. Jahrhunderts war nachhaltig von Gedanken und Erkenntnissen der Aufklärung und des Neuhumanismus beeinflusst. So ist es an einigen Stellen wirklich zu einem „Bündnis von Geist und Staat“ gekommen, indem das nationale Streben in Regierung und Armee nicht nur Förderer, sondern auch politische Führer gefunden hat. Das strategische Ziel war es, neues Vertrauen und eine zuverlässige Bindung der Bevölkerung an ihren Staat zu schaffen.

Das heutige Verständnis von Theorie und Praxis ist grundlegend durch unsere Kenntnis von Wissenschaften geprägt, deren theoretische Einsichten sich unmittelbar in Handlungsanweisungen übersetzen lassen. Somit stehen Theorie und Praxis in enger Beziehung zueinander. Die Theorie muss sich an der Praxis messen lassen. Zudem ergänzen sich theoretisches Wissen und praktische Erfahrung wechselseitig und bedingen einander. Bildung ist hierzu die Voraussetzung, die einen differenzierten Überblick über größere Zusammenhänge verschafft und damit zu einer entscheidenden Grundlage für selbstständiges Denken und Handeln wird. Bildung und Erfahrung bedingen sich für die fortschreitende Befähigung gegenseitig gleichermaßen; beide bilden sich einer Spirale gleich zu einer Form aus, welche über die Zeit in einer Spitze mündet. Für ein modernes, umfassendes, im Sinne eines integrierten Risiko- und Krisenmanagements ist es durchaus hilfreich und nutzbringend, mit dem von Scharnhorst begründeten und überlieferten Können zu arbeiten und dieses in sachgerechter Art und Weise in moderne Strukturen und Prozesse der nationalen Sicherheitsarchitektur zu transformieren. Es kommt in diesem Sinne auch für ein modernes Krisenmanagement entscheidend darauf an, eine besondere Situation zu beherrschen, indem sie umfänglich erfasst und analysiert wird und ihr entsprechend flexibel und dynamisch entgegengetreten wird. Dabei ist es geboten, rational-analytisch vorzugehen, um in logisch-stringenten Ableitungen gedanklich präzise zu untersuchen und elastisch darauf zu reagieren. Es geht im Kern darum, Verantwortliche heranzubilden, die nicht nur starre Verrichtungsgehilfen sind, die mechanisch und pedantisch Aufgaben erledigen, sondern präzise, aber dennoch flexibel Entschlussmöglichkeiten und Empfehlungen erarbeiten können, und den politisch-administrativ Verantwortlichen Führungsentscheidungen abringen können. Der nationale Führungsprozess ist daher kein starres Schema, sondern versteht sich als Anhalt zur Gestaltung eines schöpferischen Aktes, wonach anhand festgestellter Fakten in stringenter und logischer Anwendung, Elemente herausgearbeitet und Folgerungen gezogen werden und somit ohne gedanklich abzubrechen, sinnhafte sowie ziel- und wirkungsorientierte Möglichkeiten abgeleitet werden, um schlussendlich hieraus die zweckmäßigste Option für das Krisenmanagement auswählen zu können. Dabei geht der Geist vor der Form. Um solches leisten zu können bedarf es auf der Grundlage theoretischer Erkenntnisse und persönlicher Erfahrung der Ausbildung und Entwicklung von Urteilsfähigkeit und Entschlusskraft sowie Durchsetzungsvermögen. Somit ist Scharnhorsts handlungs- und erfahrungsorientierte Methode, die sich zudem auf wissenschaftlich-theoretische Grundlagen zum Verständnis, zur Einordnung und zur Reflexion gründet, heute noch hochaktuell.