Zur Entwicklung der Militärwissenschaft in der Russischen Föderation - Teil 2

„Prinzipien der Kriegskunst und ihre veränderten Inhalte“

Siegfried Lautsch


In diesem Beitrag werden Aspekte der Veränderung der Prinzipien der Kriegskunst beleuchtet, die im Rahmen der dynamischen Weiterentwicklung der russischen Militärwissenschaft zu verifizieren sind. Außerdem wird auf Erfahrungen und Erkenntnisse der Streitkräfte sowie auf Entwicklungstendenzen des strategischen und operativen Denkens eingegangen. Die Ergebnisse des wissenschaftlich-technischen Fortschritts nehmen einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Kriegskunst. Es werden neue Mittel der Gewaltanwendung entwickelt, die die Fähigkeiten, den Bestand der Truppen und die Organisationsstrukturen der militärischen Kräfte und Mittel beeinflussen. Dabei befasst sich die Kriegskunst mit Veränderungen der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Lage sowohl im unmittelbaren Operationsgebiet als auch auf anderen Kriegsschauplätzen. In diesem Zusammenhang werden Konzeptionen fortgeschrieben, Waffensysteme entwickelt sowie Formen und Einsatzgrundsätze der Truppen korrigiert, die den Herausforderungen der Zeit entsprechen. Ziel ist es, sich auf mögliche Krisen einzustellen, auf Konflikte zu reagieren und zur raschen Konfliktbeilegung beizutragen.

Gegenwärtig erfährt die Kriegskunst der Russischen Föderation (RF) eine Evolution auf der Suche nach neuen Wegen zur Lösung gegenwärtiger und zukünftiger Herausforderungen, v.a. zur komplexen Verteidigungsfähigkeit der RF und seiner Partner. Eine aktive Rolle leisten dabei der russische Generalstab, v.a. seine akademische Bildungseinrichtung, die Akademie des Generalstabes und andere Forschungseinrichtungen der RF. Es geht insbesonders darum, vorausschauend, nachhaltig militärische und zivile Instrumente so zusammenzufassen, dass sie angesichts möglicher Krisen- und Konfliktherde befähigt sind, frühzeitig und wirksam zu agieren. Dabei leisten diese Kräfte einen wichtigen Beitrag zur Friedenssicherung. Gleichermaßen sind sie bereit, die staatliche Sicherheit und die ihrer Verbündeten zu bewahren und entschlossen zu verteidigen. Unter Berücksichtigung der Verantwortung und der Verpflichtung der Streitkräfte stehen die Strategie, die operative Kunst und Taktik in der gegenwärtigen Etappe vor einer Trendwende, nämlich neue Mittel und Methoden des bewaffneten Kampfes zu entwickeln. Dazu gehören Fähigkeiten der Streitkräfte zur wirksamen Verhinderung einer Aggression, die Möglichkeiten der Truppen zur Abwehr eines Angriffs, die Entwicklung militärischer Operationen unter den Bedingungen eines weltumspannenden Cyber- und Informationsraumes, der Gebrauch neuer Waffen sowie die Anwendung unkonventionellen Formen und Methoden zur Führung des bewaffneten Kampfes. Wissenschaftler aus den Bereichen der Naturwissenschaften, Zeitgeschichte, Politikwissenschaft, des Völkerrechts, der Wirtschaftswissenschaft u.a., können bei der Entwicklung militärischer und nichtmilitärischer Mittel wirksam beitragen.

Durch weitreichende Forschungs- und Entwicklungsprogramme, durch Einführung neuer Strukturen und Ausrüstung werden Lösungen zur Beseitigung selbsterkannter Schwachstellen in den russischen Streitkräften erarbeitet. Die zentrale Konzentration der politischen und militärischen Führung auf das wissenschaftliche und militär-industrielle Potenzial nach Prioritäten, die sie für notwendig hält, wird die Forschung und Entwicklung und somit die Militärwissenschaft der RF zu einem vitalen Faktor werden lassen. Es zeigt sich eine Tendenz zu einer erwartungs- und zugleich anspruchsvolleren Politik der RF, die das Westliche Bündnis akzeptieren sollte, um sich auf Augenhöhe zu treffen.