Vielvölkerstaat Jugoslawien

Konflikt und Krieg vor unserer Haustür

Martin Grosch


Knapp 30 Jahre sind nun mittlerweile vergangen, seit der Vielvölkerstaat Jugoslawien seinen beinahe unausweichlichen Untergang erlebte und die von den Serben dominierten Nationen ihre Unabhängigkeit erlangten. Jugoslawien war ein Staat mit sechs Republiken, in denen - je nach Lesart - sechs bis acht Völker lebten, die sechs Sprachen pflegten, drei Religionen angehörten, zwei Alphabete verwendeten und einer Partei unterstanden. Mit diesem Satz lässt sich in Kurzform schon die gesamte Problematik und Konfliktträchtigkeit dieses Staates umschreiben und dennoch existierte er insgesamt rund 70 Jahre: Von 1918 bis 1941 und dann wieder ab 1945. Die sogenannte Föderative Volksrepublik Jugoslawien (Federetniva Narodna Republika Jugoslavija) bestand bis 1991 aus den sechs Teilrepubliken Serbien (Srbija), Kroatien (Hrvatska), Slowenien (Slovenija), Bosnien und Herzegowina (Bosna i Hercegovina), Montenegro (CrnaGora) und Makedonien (Makedonija) sowie den beiden autonomen, zu Serbien gehörenden Regionen Wojwodina und Kosovo. Die Völker der Serben, Kroaten, Slowenen, Montenegriner (eng verwandt mit den Serben), Makedonen, Albaner und Ungarn sowie kleine Minderheiten von Rumänen und Bulgaren lebten in diesem Staat zusammen. Dazu kamen noch die Bosnier, die erst später sich aufgrund der gemeinsamen Religion des Islam als eigene Volksgruppe begriffen, ethnisch gesehen aber serbische und kroatische Wurzeln aufweisen. Tagtäglich wurden wir in den Medien seit 1991 mit dramatischen Meldungen und Bildern dieses Konfliktes konfrontiert. Nachrichten über sogenannte „ethnische Säuberungen“, Vergewaltigungen, verbrannter Erde, Errichtungen von KZ-ähnlichen Lagern riefen die schlimmsten Erinnerungen an längst vergangen geglaubte Zeiten ins Gedächtnis. Und dies nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes und trotz der Europa und die Welt erfassenden Aufbruchsstimmung. Der Jugoslawienkonflikt kann insgesamt exemplarischen Charakter für das Scheitern eines Vielvölkerstaates beanspruchen. In diesem Zusammenhang gilt es die Bedeutung von Nationalismus, historischen Konfliktwurzeln, ökonomischen Rahmenbedingungen sowie die unterschiedlichen Interessen bzw. das Desinteresse verschiedener Staaten und Organisationen wie UNO, NATO und EG an diesem Konflikt zu analysieren und zu beurteilen.

Nach dem Tod des diktatorischen Staatschefs Tito und im Zuge des kommunistischen Machtverfalls 1989/90 sollte Jugoslawien rasch auf einen Zerfall zusteuern. 1991 und 1992 traten Slowenien, Kroatien, Makedonien und Bosnien-Herzegowina aus der Bundesrepublik Jugoslawien aus. Nach einem (mit Unterbrechungen) bis 1995 dauernden Unabhängigkeitskrieg Kroatiens entwickelte sich parallel dazu in Bosnien-Herzegowina, ein Jugoslawien „im Kleinen“, ein blutiger Krieg v.a. zwischen moslemischen Bosniern und Serben, aber zeitweise auch zwischen Bosniern und Kroaten. Nach Massakern an der bosnischen Zivilbevölkerung wie beispielsweise in Srebrenica (und dies trotz Einrichtung sogenannter UNO-Schutzzonen) kam es nach daraufhin erfolgten NATO-Luftschlägen Ende 1995 zum Friedensabkommen von Dayton und der Stationierung einer NATO-geführten UNO-Schutztruppe. Mit dem Kosovo-Krieg 1999 und der 2008 erfolgten Unabhängigkeit des Kosovo bestehen auf dem Boden des ehemaligen Jugoslawiens heute sieben souveräne Staaten mit z.T. fragiler Struktur.