Die Rolle von Streitkräften während der Berlin-Krise 1948/49

Friedrich K. Jeschonnek

Streitkräfte sind Instrumente der Außen- und Sicherheitspolitik. Sie verkörpern zugleich einen Teil der Macht eines Staates oder einer Staatengemeinschaft. Sie dienen der Sicherung gesamtstaatlicher Interessen, der Abschreckung potenzieller Feindstaaten, dem Schutz bzw. der Verteidigung oder Rückgewinnung des eigenen oder verbündeten Staatsgebietes, der Krisenbewältigung und der Stabilisierung von Krisengebieten. Darüber hinaus werden Streitkräfte eingesetzt, um Gebiete eines völkerrechtlichen Mandates zu kontrollieren. In der Krise um Berlin 1948/49 dienten Streitkräfte zu deren Bewältigung, ohne sich dabei in Kampfhandlungen zu verwickeln. Nachstehend werden Aufgaben, Fähigkeiten und Rolle von Streitkräften während der Krise beschrieben. Es wird dargestellt, wie militärische Kräfte und eine humanitäre Lufttransportorganisation sicherheitspolitische Handlungsoptionen und gesamtstaatliches Entscheidungsverhalten der Regierungen bestimmten. Ergänzend wird aufgezeigt, wie militärische Erfahrungen der Berlin-Krise Sicherheitspolitik und Streitkräfteentwicklung im Kalten Krieg beeinflussten. Die Sperrung der Zugänge von und nach Berlin 1948/49 war die erste schwere Krise, die sich aus ideologischen Auseinandersetzungen und unterschiedlichen machtpolitischen Interessen zwischen den ehemaligen Siegermächten des Zweiten Weltkrieges entwickelte. Einsatz und Erfolg einer zunächst improvisierten, dann professionell organisierten Luftversorgung der West-Sektoren Berlins ermöglichte den Alliierten politische Handlungsfreiheit und die Fortsetzung ihrer Politik. Eine erfolgreiche Luftbrücke zwang die Sowjetunion zur Aufgabe ihrer Blockade, ohne ihre politischen Ziele in Deutschland und Westeuropa zu erreichen. Auch sie hatte kein Interesse an einem Krieg um Berlin. Allerdings versuchte sie in der Folgezeit vergeblich immer wieder mit diplomatischen Druckmitteln, Propaganda, technischen Erschwernissen und Mauerbau, die Alliierten zur Aufgabe West-Berlins ohne Waffeneinsatz zu nötigen.

Die militärische Kräftelage vor und während der Berlin-Krise führte den westlichen Politikern vor Augen, wie wichtig es ist, über ein breites Fähigkeitsspektrum verfügende, einsatzbereite Streitkräfte - einschließlich Nuklearwaffen - zu besitzen. Die Luftbrücke war eine Notlösung, deren Erfolg der hohen Leistungsbereitschaft des eingesetzten Zivil- und Militärpersonals geschuldet ist. Die Luftbrücke hätte auch scheitern können, wären nicht entsprechende Prioritäten gesetzt und an der Optimierung der Organisation gearbeitet worden. Die Luftbrücke war das „Zünglein an der Waage“, das im Krisenvorlauf zugunsten des Westens ausschlug. Sie trug zugleich wesentlich zur Entwicklung belastbarer, dauerhaft vertrauensvoller Beziehungen zwischen der deutschen Bevölkerung und den ehemaligen westlichen Siegermächten bei. Derartige schwelende Konflikte mit periodisch wiederkehrenden Krisen ohne Ausbruch von direkten Kampfhandlungen zwischen den Großmächten USA und Sowjetunion prägten über vier Jahrzehnte die sicherheitspolitische Entwicklung in der Welt. Die Auseinandersetzungen gingen unter dem Begriff „Kalter Krieg“ in die Geschichte ein. Die sicherheitspolitischen und militärischen Erfahrungen der Berlin-Krise förderten den schnellen Aufbau der NATO-Strukturen und der Entwicklung neuer westlicher Militärstrategien wie Massive Retaliation bzw. Flexible Response. Konzeptionen außenpolitischen Krisenmanagements erhielten aus der Berlin-Blockade wertvolle Impulse und Anregungen.