Die Entmilitarisierung des Krieges

„Man kann wissen, wie man siegt, ohne fähig zu sein, es zu tun“ - Sun Tsu

Holger Alisch/Stephan Maninger

Für Beobachter im späten Mittelalter kam das Ende des feudalen Gewaltmonopols überraschend und wurde maßgeblich bestimmt durch die Einführung von Schießpulver. Jahrelange Investitionen in Ausbildung, ein breites Spektrum an Waffen, Bildung, Rüstung und Ross, konnten durch eine Bleikugel, abgefeuert von einem Analphabeten mit kurzer Einweisung in eine kostengünstige Luntschlossmuskete, im Bruchteil einer Sekunde ausgelöscht werden. Dies bedeutete eine revolutionäre „Demokratisierung“ von Macht, auf der die späteren nationalstaatlichen Massenheere, und die Renaissance der „Athenischen Demokratie“, im Sinne des „Bürger in Uniform“, beruhten.

Die exponentielle Entwicklung von Technologie im 21. Jahrhundert stellt moderne Streitkräfte vor eine ähnliche Herausforderung; die einer zunehmenden „Entmilitarisierung“ des Krieges in einem Zeitalter strategischer Ungewissheit. Die klassischen strategischen Dimensionen des 20. Jahrhunderts, nämlich See, Land und Luft, wurden ergänzt durch die Bereiche „Weltraum“ und „Cyber“. Daraus ergibt sich eine erhöhte Komplexität, bestehend aus den Synergien einer simultanen Anwendung multipler Kriegsmethoden. Dies geht einher mit einer „Zivilisierung“ der Streitkräfte, im Sinne von rechtlichen und moralischen Einschränkungen, deren Verbindlichkeit nicht zuletzt auch durch die Wirkung von Berichterstattung, öffentlicher Meinung und sozialen Medien bestimmt wird. Rechnung tragend mit vielen dieser Veränderungen, befinden sich Sicherheitsbehörden in einem dauerhaften Anpassungsprozess, getrieben durch Globalisierung und der revolutionären Auswirkung von Informationstechnologien. Das Militär, unter dem „Primat der Politik“, sieht sich inzwischen mit einem Aufgabenspektrum konfrontiert, das zwischen Polizei-, Stabilisierungs- und Rettungsaufgaben abwechselt und herkömmlich auch als „operations other than war“ bezeichnet wird. Dem Utopie-Prinzip verpflichtete Pazifisten mögen diese Entwicklung intuitiv für begrüßenswert halten, dem Realitätsprinzip verpflichtete Beobachter erkennen dies hingegen als einen historischen Umbruch sicherheitspolitischer Grundsätze. Von diesem neuen Aufgabenspektrum berührte Komplexe wie Staatssouveränität, Völkerrecht und institutionelle Zuständigkeiten verändern sich schnell und nachhaltig, sodass Fähigkeiten und Entscheidungsprozesse kaum mit den sich wandelnden Bedrohungen und Verwundbarkeiten Schritt halten können. Der Beitrag soll ein Licht auf die Veränderungen werfen, welche das digitale Zeitalter für klassische militärischen Wirkmittel und Handlungsoptionen mit sich bringt. Erhöhte Mobilität und erweiterte Wirkungsmöglichkeiten von Informationstechnologie haben somit eine Individualisierung von Krieg und Konflikt erzeugt. Dadurch ergibt sich der dringende Bedarf an verbesserter Detektionsfähigkeiten von innerhalb hochanpassungsfähiger Netzwerke operierender Schlüsselpersonen. Ihre Rolle als Bedrohung und die erforderlichen Abwehrmechanismen werden mittlerweile als „I-Krieg“ (Individualism, Identity, Information) bezeichnet. Sie frühzeitig zu identifizieren ist die Herausforderung der Zukunft, denn sie sind weder in Uniform, noch sind sie räumlich bzw. geographisch zwingend an ein operatives Gebiet, eine „Front“ oder ein „Schlachtfeld“, gebunden. Sie werden überall vorgefunden, im Einsatz- wie auch im Heimatgebiet. Die Zusammenarbeit von Zivil- und Sicherheitsbehörden erfordern somit einen viel höheren Aufwand, weil durch das gestiegene Bedrohungspotenzial einzelner oder weniger Personen der Informationsbeschaffungs- und verarbeitungsaufwand massiv ansteigt. Es erfordert die massenhafte Erhebung, Kategorisierung und Abgleichung biographischer, biometrischer und forensischer Datenmengen, um zwischen Gefährdern und Unbeteiligten unterscheiden zu können. Gleichzeitig wird dadurch eine riesige digitale Infrastruktur geschaffen, die wiederrum selbst eine Verwundbarkeit darstellt. Die Welt hat den Wandel aus einem datenarmen Umfeld mit hoher Vorhersagbarkeit zu einem datenreichen Umfeld mit geringer Vorhersagbarkeit vollzogen. Die Konflikte der Zukunft werden immer weniger im Bereich des Kinetischen stattfinden oder entschieden. Letztlich bedeutet die Verfügbarkeit von dualen Technologien, die Teilverschiebung von „Krieg“ in den Cyberbereich, dass weder Angriffe noch Reaktionen sofort sichtbar sein werden. Was bisher ein eindeutiger Kriegsakt oder Anschlag war, erkennbar durch physische Schäden und zeitlichem Ablauf, bleibt im „Cyberschlachtfeld“ oftmals verdeckt. Das klassische Militär, als fundamentaler Bestandteil und Garant nationalstaatlicher Souveränität, wird sich durch die Entmilitarisierung von Krieg im dauerhaften Reformzustand befinden. Der Spagat zwischen ziviler Flexibilität und dem überlebenswichtigen Erhalt militärischer Tugenden, einhergehend mit dem Zerfall der Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit, wird Führungskräfte aller Sicherheitsinstitutionen zu einer intensiven Dauerkooperation mit anderen Behörden zwingen. Dass den nationalstaatlichen Strukturen diese Anpassung gelingen wird, ist keineswegs sicher.