Die Verteidigungsminister der Zweiten Republik - Serie

Manfried Rauchensteiner


Karl Schleinzer


* 8.1.1924 Frantschach-St. Gertraud im Lavanttal, † 19.7.1975 Nähe Bruck an der Mur (Unfall); röm.-kath. Eltern: Karl und Therese Schleinzer; verheiratet. mit Margarete, geb. Morak, 5 Kinder.

„Minister kommen und gehen, aber wir bleiben“ notierte der Generaltruppeninspektor des Österreichischen Bundesheers, General der Infanterie Erwin Fussenegger, am 27. März 1961 in sein Diensttagebuch. Jegliche Aufregung sei unnötig. Für ihn war die Sache damit wohl nicht abgetan, doch er verspürte so etwas wie Erleichterung, da er mit dem scheidenden Verteidigungsminister Ferdinand Graf schon recht unzufrieden gewesen war. Er hoffte auf den neuen Mann an der Ressortspitze. Seit fünf Tagen wusste man, dass es der Kärntner Landesrat und Landesparteiobmann der ÖVP, Karl Schleinzer, sein würde. Am 22. März hatte die Bundesparteileitung der ÖVP im Hotel „Panhans“ am Semmering getagt. Der wichtigste Tagesordnungspunkt war die formelle Zustimmung der ÖVP zur Nominierung von Alfons Gorbach zum Bundeskanzler. Er sollte Julius Raab, dem er schon eineinhalb Jahre zuvor als Bundesparteiobmann gefolgt war, auch an der Spitze der Bundesregierung ablösen. Graf war geschockt und tief gekränkt, musste sich aber fügen. Dass er seinem präsumtiven Nachfolger wenig Sympathien entgegenbrachte, war offensichtlich. Und er übergab ihm auch nicht das, was man ein „geordnetes Haus“ nennen würde. Dabei kamen beide aus demselben „Stall“, waren beide Kärntner und hatten ihren politischen Aufstieg über den Bauernbund der ÖVP gemacht. Gorbach hatte seine Entscheidung wohl sehr bewusst getroffen, um weiterhin dem Bauernbund eine entsprechende Vertretung in der Regierung zu sichern und obendrein einen Kärntner zu nominieren. Auf diese Weise wollte und konnte er den für die Partei wichtigen Bund ruhigstellen. Für Schleinzer war die Nominierung überraschend gekommen, denn seine Biographie hatte wohl in eine ganz andere Richtung gewiesen. Er stammte aus dem Lavanttal, war Sohn eines Kleinbauern, der fünf Jahre nach der Geburt seines Sohnes starb. Die Perspektive des Heranwachsenden war Bauer. Er arbeitete auf einem Bergbauernhof in Osttirol, kam 1941 zur Hitlerjugend und wurde Oberjungzugführer. 1943 rückte Schleinzer zur Gebirgsjäger-Pionier-Ersatz- und Ausbildungsabteilung 137 im Rahmen der 2. Gebirgs-Division nach Salzburg ein. Nach einem kurzen Fronteinsatz in Lappland wurde er Reserveoffiziersanwärter, dann Leutnant der Reserve und erlebte das Kriegsende in Kärnten, wo er in britische Kriegsgefangenschaft kam. Nach seiner Entlassung musste er sich neu orientieren, was nicht ganz einfach war. Er suchte Anschluss an eine der neuen demokratischen Parteien und entschied sich für die ÖVP. Sein Gesuch um Mitgliedschaft wurde abgewiesen. Seine Jahre als HJ-Führer und die Parteimitgliedschaft bei der NSDAP verhinderten auch seine Zulassung zu den ersten Nationalratswahlen am 25. November 1945. Im Oktober 1948 konnte Schleinzer eine Fachreifeprüfung ablegen und begann noch im selben Monat sein Studium an der Hochschule für Bodenkultur. 1952 hatte er es geschafft. Er war Diplomingenieur und Doktor der Agrarwissenschaften, war wieder Katholik geworden, der ÖVP beigetreten, wurde in den Landesdienst aufgenommen und machte ab nun rasch Karriere. Als Schleinzer 1961 neuer Verteidigungsminister wurde, ließ er aber damit aufhorchen, dass er es als sein Ziel nannte, das Heeresbudget auf 7% des Staatshaushalts aufzustocken. Die Befehlshaber sollten dazu einen Fünfjahresplan ausarbeiten. Das klang sehr verheißungsvoll. Jedes Ministerium müsse „Zugeständnisse an das Heer“ machen, um dessen Budget um rund 40% anwachsen zu lassen, konkret von 2 auf 2,8 Mrd. Schilling, meinte der Minister. An dieser Ansage sollte er schließlich gemessen werden. Die Zielvorstellungen des neuen Ministers, seine Arbeitswut und v.a. auch seine Bereitschaft, sich informieren zu lassen und an stundenlangen Sitzungen teilzunehmen, fanden innerhalb seines Ressorts großen Anklang. Dass er eine Heeresreform nicht nur angestoßen, sondern durchgezogen hatte, war offensichtlich. Dass er die materielle Basis des Heeres verbessert hatte, ließ sich nicht leugnen, auch wenn dafür langfristige und zurückzuzahlende Kredite in Anspruch genommen werden mussten. Die innere Konsolidierung des Ministeriums war nur zum Teil gelungen. Es gab weiterhin tiefgehende Animositäten. Der GTI nannte den scheidenden Minister „misstrauisch und kalt“. Ab 1970 sah sich Schleinzer freilich nicht nur als Landwirtschaftsminister, sondern fast noch häufiger als früherer Verteidigungsminister. Denn im Zuge der von Bruno Kreisky angestrebten und schließlich anbefohlenen Heeresreform seiner Nach-Nachfolger wurde immer wieder auf ihn Bezug genommen.

Im Juli 1975 verunglückte der damalige ÖVP-Bundesparteiobmann bei einem Autounfall in der Nähe von Bruck an der Mur tödlich.